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Full text of "Verhandlungen der Zoologisch-Botanischen Gesellschaft in Österreich"

Verhandlungen 

der kaiserlich-königlichen 



zoologisch - botanischen Gesellschaft 

in Wien. 

Herausgegeben von der Gesellschaft. 
Redigiert von Anton Handlirsch, 

k. u. k. Kustos am naturhistorischen Hofnmseum. 

Jahrgang- 1909. 
MX. Band. 

Mit 1 Karte, 1 Tafel, 1 Porträt und 57 Abbildungen im Texte. 



Ausgegeben wurde: 



Heft 1/2. 


S. (1)- 


-(48), 1- 


-96 


am 15. März 1909. 


r> 


3/4. 


S. (49)- 


-(112), 97- 


-176 


„ 5. Mai 1909. 


n 


5. 


S. (113)- 


-(160), 177- 


-208 


„ 10. Juni 1909. 


» 


6. 


S. (161)- 


-(208), 209- 


-304 


„ 27. Juli 1909/ 




7/8. 


S. (209)- 


-(320), 305- 


-416 


„ 5. November 1909. 




9. 


S. (321)- 


-(336), 417- 


-480 


„ 17. Dezember 1909. 




10. 


S. (337)- 


-(386), 481- 


-518 


„ 20. Januar 1910. 



Wien, 1909. 

Für das In- und Ausland besorgt durch Alfred Holder, 

k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler, 
Buchhändler der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 



Adresse der Redaktion: Wien, III/3, Mechelgasse 2. 



Druck von Adolf Holzhausen. 

Hof- und Universitäts-Buchdrucker 



580 . 



Co 



ACES LIBRARY 



Geschäftsordnung 



der 



k. k. zoologisch- botanischen Gesellschaft in Wien. 



§ 1. Der Präsident oder dessen Stellvertreter beruft und leitet die Aus- 
schuß-, allgemeinen und Generalversammlungen, überwacht die Administration 
und Kassengebarung, vertritt die Gesellschaft nach außen und den Behörden 
gegenüber und unterzeichnet alle wichtigeren Ausfertigungen. In der General- 
versammlung erstattet er Bericht über den Stand und die Leistungen der 
Gesellschaft während des abgelaufenen Jahres. 



§ 2. Der Ausschuß beschließt über alle nicht speziell den Funktionären 
oder der Generalversammlung vorbehaltenen Agenden. Er stellt das Präliminare 
fest, wählt zur Erledigung der laufenden Bibliotheks- und Redaktionsgeschäfte 
je ein Komitee und ist berechtigt, mit der Besorgung gewisser Angelegenheiten 
(z. B. Archiv, Verteilung der Lehrmittel, Instandhaltung der Sammlungen etc.) 
einzelne Personen zu betrauen. 

§ 3. Vor jeder Ausschußsitzung sind rechtzeitig Einladungen mit der 
Tagesordnung zu versenden. 

§ 4. Ausschußsitzungen werden einberufen, so oft es die Erledigung 
der Agenden erfordert; jedenfalls aber einige Tage vor jeder General- 
versammlung. 



§ 5. Das Sekretariat besteht aus einem Redakteur und einem General- 
sekretär. 

§ 6. Dem ersteren obliegen alle die Publikationstätigkeit der Gesell- 
schaft betreffenden Angelegenheiten, während der letztere alle Verwaltungs- 
geschäfte, die Aufsicht über die Kassengebarung sowie die sonstigen ihm 
vom Präsidium speziell übertragenen Angelegenheiten zu besorgen hat. 



I. Präsidium. 



II. Ausschuß. 



III. Sekretäre. 



732825 



□ 



Sie vertreten sich im Verhinderungsfalle gegenseitig und sind ermächtigt, 
in dringenden Fällen Auslagen bis zu K 100.— ohne vorhergegangene Be- 
willigung des Ausschusses zu machen. 

§ 7. Der Generalsekretär eröffnet alle unter der Adresse der Gesell- 
schaft einlangenden Briefe und Sendungen und führt dieselben ihrer Bestimmung 
zu. Er ist außerdem berechtigt, Wertsendungen jeder Art namens der Ge- 
sellschaft in Empfang zu nehmen. 

Dem Generalsekretär obliegt die Veranstaltung aller allgemeinen Ver- 
sammlungen sowie der sonstigen die Gesamtgesellschaft betreffenden Unter- 
nehmungen. 

§ 8. Die oben erwähnten Verwaltungsgeschäfte bestehen u. a. in der 
Führung eines genauen Mitglieder Verzeichnisses, in der Ausgabe und Mit- 
fertigung der Aufnahmsschreiben, in der Erledigung der Korrespondenz, mit 
Ausnahme jener, welche sich auf die Publikationstätigkeit oder auf die Bi- 
bliothek der Gesellschaft bezieht, und in der Besorgung der Wahlangelegen- 
heiten. Der Generalsekretär weist ferner alle zur Auszahlung gelangenden 
Beträge, mit Ausnahme jener für Druck und Bibliothek, an und sorgt für die 
Aufbewahrung und Registrierung des Archives und der Sammlungen, soferne 
der Ausschuß nicht eigene Personen mit diesem Geschäfte betraut; er führt 
endlich die Protokolle der Ausschußsitzungen, General- und Vollversammlungen 
und ist verpflichtet, sowohl in den Ausschußsitzungen als in der General- 
versammlung Bericht über seine Tätigkeit zu erstatten. 

§ 9. Der mit den Redaktionsangelegenheiten betraute Sekretär ist Re- 
dakteur aller von der Gesellschaft herausgegebenen wissenschaftlichen Publika- 
tionen und leitet den Druck und die Ausgabe derselben; er übernimmt dem- 
nach alle einlaufenden Manuskripte, übergibt dieselben den Berichterstattern 
und führt die auf die Publikationstätigkeit bezügliche Korrespondenz. Er ist 
Vorsitzender im Redaktionskomitee und erstattet der Generalversammlung Be- 
richt über die Publikationstätigkeit der Gesellschaft. 

IV. Rechnungsführer. 

§ 10. Der Rechnungsführer nimmt die an die Gesellschaft gelangenden 
Gelder in Empfang und verbucht dieselben. Er zahlt alle durch das Sekretariat 
oder Bibliothekskomitee als zur Zahlung geeignet bezeichneten Konti und 
Anweisungen aus. 

§ 11. Über die zeitweilige, fruchtbringende Anlage größerer Barbeträge 
(über K 400.—) berichtet er in der nächsten Ausschußsitzung. 

§ 12. Er unterfertigt alle Jahreskarten und führt über die Ausgabe 
derselben ein Vormerkbuch. 

§ 13. Er hat alljährlich einen Voranschlag für die Gelderfordernisse 
des nächsten Jahres dem Ausschusse vorzulegen, eine vollständige Jahres- 
rechnung vorzubereiten, dieselbe rechtzeitig den Revisoren vorzulegen und in 
der Generalversammlung mitzuteilen. 



III 



§ 11. im Verhinderungsfälle wird der Rechnungsführer durch ein Mit- 

glied de* Ausschusses vertreten. 

$ 1~>. Eine eventuelle Skontrieruüg der Kasse erfolgt durch den Präsi 
deuten oder seinen Stellvertreter und die Sekretäre. 

V. Redaktionskomitee. 

4j IG. Bei der Wahl des Redaktionskomitees ist darauf Rücksicht zu 
nehmen, daß die einzelnen Hauptrichtungen der Zoologie und Botanik durch 
Fachmänner vertreten sind. Der Redakteur, der Generalsekretär, der Rechnungs- 
führer sowie die Schriftführer der Sektionen halben Sitz und Stimme im 
Redaktionskomitee. 

§ 17. In dem Redaktionskomitee, welches über die Aufnahme aller für 
die „Verhandlungen" bestimmten Arbeiten und Referate beschließt, führt der 
Redakteur den Vorsitz. 

§ 18. Die Begutachtung der vorgelegten Arbeiten steht jenem Komitee- 
mitgliede zu, in dessen Fach die betreffende Arbeit gehört. In kritischen 
Fällen ist das Komitee verpflichtet, das schriftliche Urteil eines als Autorität 
in dem betreffenden Fache anerkannten Gelehrten einzuholen. 

§ 19. Das Redaktionskomitee hat nach Bedarf, mindestens jedoch jährlich 
zweimal, Sitzungen abzuhalten. 

VI. Bibliothekskomitee. 

§ 20. Das Bibliothekskomitee, in welchem der Generalsekretär, der 
Redakteur und der Rechnungsführer stimmberechtigt sind, beschließt über neu 
einzuleitenden Schriftentausch, über Ankäufe zur Komplettierung lückenhafter 
Zeitschriftserien und über den Ankauf selbständiger Werke bis zum Preise 
von K 60.—. Bei den Ankäufen ist das Komitee an das vom Ausschüsse 
aufgestellte Präliminare gebunden. Die Anschaffung größerer, kostspieliger 
Werke ist der speziellen Bewilligung des Ausschusses vorbehalten. 

§ 21. Das Bibliothekskomitee übernimmt alle an die Gesellschaft ge- 
langenden Bücher und Zeitschriften und führt über dieselben ein genaues Ver- 
zeichnis, besorgt die Katalogisierung und Einreihung der Bücher und hat der 
Generalversammlung über den Stand der Bibliothek Bericht zu erstatten-, es 
besorgt endlich im Namen der Gesellschaft die auf die Bibliothek bezügliche 
Korrespondenz, unterzeichnet die zur Auszahlung geeigneten Buchhändler- 
und Buchbinderrechnungen und überwacht die Benützung der Bibliothek. 

§ 22. In den Versammlungen des Bibliothekskomitees führt der General- 
sekretär den Vorsitz. 

VII. Anträge. 

§ 23. Selbständige Anträge, gleichviel ob sie für die Ausschuß- oder 
Generalversammlung bestimmt sind, müssen dem Generalsekretär schriftlich 



IV 



oder mündlich früher mitgeteilt werden, damit sie noch rechtzeitig auf die Tages- 
ordnung gesetzt werden können und der Generalsekretär in der Lage ist, die 
zur Beschlußfassung eventuell notwendigen Vorerhebungen zu veranlassen. 

§ 24. Ein selbständiger Antrag, der ohne vorherige Anmeldung erst 
in der betreffenden Versammlung eingebracht wird, kann nur mit Zustimmung 
des Präsidiums und von zwei Dritteln der anwesenden Mitglieder in Beratung 
gezogen, respektive zur Abstimmung gebracht werden. 

§ 25. Anträge, welche sich auf die Bibliothek oder Redaktion beziehen, 
sind vor der Beschlußfassung dem betreffenden Komitee zur Meinungsäußerung 
zu überweisen. 

VIII. Sektionen. 

§ 26. Jede Sektion ist verpflichtet, ihre Funktionäre : Obmann, Obmann- 
stellvertreter und Schriftführer, alljährlich zu wählen. 

Die Wahl hat gewöhnlich im Dezember zu erfolgen ; nur im Falle, daß 
in diesem Monate keine Sitzung der betreffenden Sektion stattfindet, kann 
die Wahl im Januar vorgenommen werden. Das Resultat der Wahl ist dem 
Generalsekretär schriftlich mitzuteilen. 

§ 27. Jede Veranstaltung der Sektionen ist dem Generalsekretär bekannt- 
zugeben. 

Die Schriftführer sind gehalten, dem Redakteur über die Sektions- 
veranstaltungen Berichte zu erstatten. 

§ 28. Sektionen, welche länger als ein Jahr keine Sitzungen oder 
sonstige Veranstaltungen abhalten, gelten als aufgelöst. 

IX. Wahlen. 

§ 2D. Die in der Generalversammlung vorzunehmenden Wahlen erfolgen 
in der Regel durch Abgabe von Stimmzetteln und sind geheim. Die General- 
versammlung kann jedoch in einzelnen Fällen (Ehrenmitglieder, Präsident etc.) 
eine Wahl durch Akklamation verlangen. 

§ 30. Mindestens einen Monat vor jeder Wahl ist eine vom Ausschusse 
aufgestellte Kandidatenliste im Lokale der Gesellschaft aufzulegen. Jedes 
Mitglied hat das Recht, unabhängig vom Ausschusse, eine eigene, mit seiner 
Namensfertigung versehene Kandidatenliste aufzulegen. 

§ 31. Jedes zur Wahlsitzung erscheinende Mitglied erhält einen Stimm- 
zettel mit der vom Ausschusse aufgestellten Kandidatenliste, an welcher selbst- 
verständlich beliebige Änderungen vorgenommen werden können. 

§ 32. Stimmberechtigt sind nur die anwesenden Mitglieder, eine Ver- 
tretung eines Wählers durch Vollmacht ist unstatthaft. 

§ 33. Jeder Wahlzettel muß zur Gültigkeit folgende Erfordernisse ent- 
halten : 

a) Das Datum der Wahl. 

b) Vor- und Zuname der zu Wählenden in deutlicher Schrift, 

c) Die Angabe der Vereins würde, für welche dieselben gewählt werden. 



V 



£ 34t Mit der Vornahme des Skrutiniums, welches während der Wahl- 
Sitzung stattzufinden hat, betraut der Vorsitzende zwei Mitglieder ans der Ver- 
sammlung. Zu Beginn der Wahlsitzung hat der Vorsitzende die Mitglieder auf- 
zufordern, sieh an der Wahl zu beteiligen. Hierauf übernehmen die Bkrutatoren 
die Stimmzettel und der Vorsitzende erklärt den Wahlakt für geschlossen. 
Nach erfolgtem Skrutinium übergeben die Skrutatoren die Stimmzettel zugleich 
mit einem Wahlprotokolle dem Vorsitzenden, welcher das Resultat verkündet. 

§ 35. Nach vollzogener Wahl sind die Wahlakten im Archive zu 
hinterlegen. Einsichtnahme in die Wahlakten kann nur in Gegenwart eines 
Mitgliedes des Präsidiums oder des Generalsekretärs erfolgen. 

§ 36. Jede Wahl ist den Gewählten sogleich mitzuteilen und deren 
Zustimmung einzuholen. 

X. Publikationen. 

§ 37. Die Gesellschaft publiziert ihre „Verhandlungen" in jährlich zehn 
Monatsheften; außerdem gibt die Gesellschaft „Abhandlungen" heraus, welche 
an keinen bestimmten Erscheinungstermin gebunden sind. 

In die „Verhandlungen" werden außer den Sitzungsberichten selb- 
ständige Arbeiten in der Regel nur im Umfange bis zu zwei Druckbogen 
und einer Tafel und Referate über die neue Literatur (mit besonderer Rück- 
sicht auf Fauna und Flora Österreichs und wichtige andere Publikationen) 
aufgenommen. Für solche Referate zahlt die Gesellschaft ein Honorar von 
K 40. — per Druckbogen. 

§ 38. Der Umschlag der Monatshefte und eventuell einer Beilage 
werden mit Inseraten bedruckt. Mitglieder haben das Recht, unentgeltlich 
Inserate bis zum Umfange von einer halben Seite jährlich drucken zu lassen. 

§ 39. Arbeiten, welche den für die „Verhandlungen" festgesetzten 
Umfang überschreiten, müssen dem Ausschuß vorgelegt werden, welcher nach 
Einholung eines Gutachtens über deren Aufnahme für die „Abhandlungen" 
beschließt. Den Mitgliedern stehen die „Abhandlungen" zu den festgesetzten 
ermäßigten Preisen zur Verfügung. 

§ 40. Sobald die Drucklegung einer Arbeit beschlossen ist, wird der 
Autor davon verständigt und dessen Zustimmung bei eventuellen Änderungen 
im Manuskript eingeholt. 

§ 41. Mit der Annahme einer Arbeit wird dieselbe Eigentum der 
Gesellschaft. 

§ 42. Die Drucklegung erfolgt tunlichst nach der Reihenfolge der 
Einreichung der Manuskripte. 

§ 43. Arbeiten, welche druckwürdig befunden wurden, können auch 
abgewiesen werden, wenn deren Drucklegung oder Ausstattung die Kräfte 
der Gesellschaft zu sehr in Anspruch nehmen würde. 

§ 44. In der Regel werden nur Arbeiten von Mitgliedern zur Publi- 
kation angenommen. 



VI 



§ 45. Jedes Manuskript ist dem Redakteur druckfertig und einseitig 
geschrieben zu übergeben. Gleichzeitig ist die Zahl der gewünschten Separata 
und eventuelle Wünsche in bezug auf besondere Ausstattung derselben be- 
kannt zu geben. 

§ 46. Von den in den „Verhandlungen" publizierten Originalarbeiten 
erhält jeder Autor 50 Separatabzüge kostenlos und auf Wunsch weitere zum 
Herstellungspreise. Von den in den „Abhandlungen" publizierten Arbeiten 
erhält der Autor 30 Exemplare kostenlos. 

§ 47. Bei selbständigen Publikationen kann nur eine beschränkte Zahl 
von Freiexemplaren bewilligt werden. 

§ 48. Jeder Verfasser erhält im allgemeinen den ersten Korrektur- 
abzug', auf besonderen Wunsch wird eine zweite Korrektur zugesendet. Auf 
Korrekturabzügen dürfen umfangreiche Textänderungen nicht gemacht werden. 
Wie weit diese gehen dürfen, ist dem Ermessen des Redakteurs überlassen. 
Durch Änderungen verursachte Kosten hat der Autor zu vergüten. 

§ 49. Bezüglich des Druckes und der Ausstattung gelten die vom 
Redaktionskomitee aufgestellten, separat publizierten Regeln. 

XI. Benützung der Bibliothek. 

§ 50. Die Ausgabe und das Einreihen von zur Benützung verlangten 
Werken besorgt der Kanzlist der Gesellschaft an allen Wochentagen von 3—7 Uhr 
nachmittags. Mit Ausnahme der Handbücher und der im Zeitschriftenkasten 
aufliegenden, der allgemeinen Benützung freigegebenen Zeitschriften ist das 
Ausheben durch die Mitglieder selbst nicht gestattet. 

Eine halbe Stunde vor sowie während der Dauer von Versammlungen 
findet eine Ausgabe von Büchern etc. nicht statt. 

§ 51. Die im Laufe der letzten Woche eingelangte neue Literatur 
wird an jedem Freitage aufgelegt. Das Bibliothekskomitee wird übrigens 
dafür sorgen, daß die neue Literatur vor ihrer Einreihung in die Bibliothek 
auch an den übrigen Abenden (außer den oben genannten) benützt wer- 
den kann. 

§ 52. Das Entlehnen von Büchern, deren Titel in einem eigenen 
Journale einzutragen sind, erfolgt nur zum persönlichen Gebrauch des Ent- 
lehners gegen Ausfertigung eines von demselben unterzeichneten Empfangs- 
scheines. Eine größere Anzahl als fünf Bände werden an dasselbe Mitglied 
nicht verliehen. Der Entlehner verpflichtet sich, die Bücher in gutem Zustande 
zu erhalten und nach Ablauf von längstens einem Monat zurückzustellen. 
Vor jeder längeren Abwesenheit vom Wohnorte sind alle entlehnten Werke etc. 
zurückzustellen. Etwaige Versendungskosten hat der Entlehner zu tragen. 

Korrespondierenden und unterstützenden Mitgliedern ist die Benützung 
der Bibliothek nur im Lokale gestattet. 

§ 53. Die Haftung für ausgeliehene Bücher währt so lange, als der 
vom Entlehner ausgestellte Empfangsschein bei der Gesellschaft erliegt. Jedes 



VII 



Mitglied hat das Recht, länger als einen Monat ausständige Bücher durch das 
Bibliothekskomitee reklamieren zu lassen. 

§ 54. Den durch das Generalsekretariat oder das Bibliothekskomitee 
erfolgten Aufforderungen zur Rückstellung eines entlehnten Werkes ist sofort 
und unbedingt Folge zu leisten. Das Bibliothekskomitee ist berechtigt, trotz 
wiederholter schriftlicher Aufforderung nicht zurückgestellte Werke auf Kosten 
des Entlehners neu anzuschaffen. Derartige Beträge sind in Wien zahlbar 
und klagbar. 

§ 55. Handbücher und einzelne Nummern der laufenden Jahrgänge 
von Zeitschriften können nur ausnahmsweise mit spezieller Bewilligung des 
Bibliothekskomitees oder eventuell des Ausschusses entlehnt werden. 

Die neu eingelaufenen Werke werden erst nach Ablauf eines Monates 
ausgeliehen. 

§ 56. Für besonders wertvolle Werke kann eine Kaution gefordert 
werden. 

XII. Benützung der Sammlungen. 

§ 57. Im allgemeinen darf die Ordnung in den Sammlungen in keiner 
Weise gestört werden. Alle Objekte sind nach ihrer Benützung wieder ein- 
zureihen. 

§ 58. Für Beschädigungen jeder Art bleiben die Schuldtragenden ver- 
antwortlich und ersatzpflichtig. 

§ 59. Die Schlüssel zu den Sammlungen verwahrt der Kanzlist. 

§ 60. Entlehnungen aus den Sammlungen können nur mit Zustimmung 
des Ausschusses, des Generalsekretärs oder der mit der Überwachung der Samm- 
lungen vom Ausschuß betrauten Persönlichkeit auf von diesen zu bestimmende 
Zeit stattfinden. Hierbei sind Verkürzungen des Benützungsrechtes der das 
Gesellschaftslokal besuchenden Mitglieder tunlichst zu vermeiden. 

Korrespondierenden und unterstützenden Mitgliedern ist die Benützung 
der Sammlungen nur im Lokale gestattet. 

§ 61. Eine Entlehnung von einzelnen Objekten oder Partien erfolgt 
nur gegen eigenhändig unterzeichnete Bestätigung des Empfanges derselben, 
gegen die Verpflichtung, alle entlehnten Objekte in gutem Zustande zu erhalten, 
und gegen Vergütung aller Verpackungs-, Transport- und sonstigen Kosten. 

XIII. Archiv. 

§ 62. Im Archive sind alle für den Verein wichtigen Urkunden, Sitzungs- 
protokolle, Diplome etc. zu hinterlegen und darüber ein Register zu führen. 
Alle anderen Akten wie die gesamte Korrespondenz, Rechnungen etc. sind 
nach Jahren geordnet in eigenen Päcken durch zehn Jahre aufzubewahren, 
dann aber zu vernichten. 



Protektor : 

Seine k. und k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog 

Rainer. 

Leitung der Gesellschaft. 

Präsident (gewählt bis Ende 1910): 
P. T. Herr Prof. Dr. Richard Wettstein Ritter v. Westersheim. 

Vizepräsidenten (gewählt bis Ende 1910): 

P. T. Herr Prof. Dr. Karl Grob ben. 
„ „ Dr. Franz Ostermeyer. 

Generalsekretär (gewählt bis Ende 1910): 
P. T. Herr Josef Brunnthaler. 

Redakteur (gewählt bis Ende 1910): 
P. T. Herr Kustos Anton Handlirsch. 

Rechnungsführer (gewählt bis Ende 1910): 

P. T. Herr Oberrechnungsrat i. P. Julius Hunger byehler Edler 
v. Seestätten. 

Ausschußräte (gewählt bis Ende 1910): 

P. T. Herren: Heinrich Braun, Ingenieur, Stadtrat; Dr. Karl 
Branner v. Wattenwyl, k. k. Hofrat; Dr. Alfred Burgerstein, k. k. 
Universitäts-Professor; Theodor Fuchs, k. k. Hofrat; Dr. August 
Ginzb erger, k. k. Universitäts-Adjunkt; Dr. Heinrich Freiherr v. 
Handel-Mazzetti, Assistent; Dr. August Edler v. Hayek, städt. 

Z. B. Ges. 59. Bd. a 



(2) 



Leitung der Gesellschaft. 



Bezirksarzt; Franz Heikertinger; Dr. Karl Holdhaus, k. u. k. 
Assistent; Dr. Josef Hockauf, Privatdozent; Dr. Karl Ritter v. 
Keissler, k. u. k. Kustos -Adjunkt; Dr. Karl Linsbauer, Privat- 
dozent; Dr. Ludwig Linsbauer, k. k. Professor; Prof. Dr. Emil Edler 
v. Marenzeller, k. u. k. Kustos; Michael Ferd. Müllner; Ferd. 
Pfeiffer Ritter v. Wellheim, Inspektor; Dr. Paul Pfurtscheller, 
k. k. Professor; Dr. Theodor Pintner, k. k. Universitäts-Professor; 
Ernest Preißmann, k. k. Regierungsrat; Dr. Karl Rechinger, k. 
u. k. Assistent; Dr. Viktor Schiffner, k. k. Universitäts-Professor; 
Dr. Karl Schima, k. k. Hofrat; Rudolf Schrödinger; Friedrich 
Siebenrock, k. u. k. Kustos; Dr. Franz Spaeth, Magistratsrat; Dr. 
Rudolf Sturany, k. u. k. Kustos; Dr. Fritz Vierhapper, Privat- 
dozent; Dr. Franz Werner, Privatdozent; Dr. Karl Wilhelm, Hoch- 
schul-Professor; alle Obmänner der Sektionen. 

ßedaktions - Comite. 

P. T. Herren: Dr. Alfred Burgerstein, Josef Brunnthal er, 
Anton Handlirsch, Dr. L. v. Lorenz, Dr. Theodor Pintner, Dr. 
Karl Rechinger, Dr. Fr. Vierhapper, Dr. Alex. Zahlbruckner 
und die Schriftführer der Sektionen. 

BiMiotheks - Comite. 

P. T. Herren: Josef Brunnthaler, Dr. Alex. Zahlbruckner. 

Comite für Pflanzenschutz. 

Obmann: Herr Dr. Fr. Ostermeyer. — Mitglieder: Die Herren 
Dr. E. v. Halacsy, Dr. A. v. Hayek, Dr. K. Rechinger. 

Sektion für Botanik. 

Obmann: Herr Dr. E. v. Halacsy. — Obmann-Stellvertreter: 
Herr Prof. Dr. Viktor Schiffner. — Schriftführer: Herr Dr. August 
Edler v. Hayek. 

Sektion für Koleopterologie. 

Obmann: Herr Direktor L. G an gl bau er. — Obmann-Stell- 
vertreter: Herr Dr. K. Hold haus. — Schriftführer: Herr F. Hei- 
kertinger. 



Leitung der Gesellschaft. (8) 

Sektion für Kryptoganienkunde. 

Obmann: Herr Kustos Dr. AI. Zahlbruckner. Obmann- 
Stellvertreter: Herr Prof. Dr. Viktor Schiffner. — Schriftführer: 
Herr Josef Brünnthal er. 

Sektion für Lepidopterologie. 

Obmann: Herr Prof. Dr. H. Rebel. — Obmann-Stellvertreter: 
Herr Zentralinspektor Johann Prinz. — Schriftführer: Herr Dr. 
Egon Galvagni. 

Sektion für Paläozoologie. 

Obmann: Herr Prof. Dr. 0. Abel. — Obmann-Stellvertreter: 
Herr Kustos Dr. L. v. Lorenz. — Schriftführer: Herr Dr. Alois 
Kogenhofer. 

Sektion für Zoologie. 

Obmann: Herr Prof. Dr. K. Grobben. — Obmann-Stellvertreter: 
Herr Kustos Dr. L. v. Lorenz. — Schriftführer: Herr Dr. V. Pietsch- 
mann. 

Gresellschaftslokale : 

Wien, HI/3, Mechelgasse 2. — Täglich (mit Ausnahme der Sonn- 
und Feiertage) von 3 — 7 Uhr nachmittags geöffnet. 

Kanzlist: Herr Kornelius Frank (VIII., Maria Treugasse 2). 



Alle Zuschriften und Zusendungen sind zu richten an die: 
„K. k. zoologisch-botanische Gesellschaft", ohne spezielle Adres- 
sierung an einen Funktionär der Gesellschaft. 



a* 



(4) 



Eröffnungssitzung. 



Eröffnungssitzung 

in den neuen Lokalitäten der Gesellschaft, III., Mechelgasse 2, am 
14. Oktober 1908. 
Vorsitzender: Herr Präsident Prof. Dr. R. v. Wettstein. 

Der Präsident eröffnet die Versammlung mit folgender An- 
sprache : 

Verehrte Damen und Herren! 

Sie werden es begreifen, daß ich diesmal mit besonderer Freude 
den ersten Vortragsabend und damit ein neues Gesellschaftsjahr er- 
öffne. Der Traum der ersten Jahrzehnte unseres Vereinlebens, das 
viel erörterte Ziel der letzten Jahrzehnte ist in einem gewissen 
Sinne der Verwirklichung nahe gerückt. Wir befinden uns heute 
in einem Gebäude, das wir unser eigen Heim nennen können, das 
wir ganz unseren Zwecken und Bedürfnissen entsprechend ein- 
richten konnten. 

Als das Präsidium unserer Gesellschaft Ihnen vor etwas mehr 
als einem halben Jahre den heute realisierten Plan vorlegte, da 
zweifelte wohl mancher von Ihnen daran, daß dieser Plan ein wirk- 
lich guter sei; es war für uns ein hocherfreuliches Zeichen Ihres 
Vertrauens, daß Sie trotzdem alle Bedenken fallen ließen und in 
der Generalversammlung unseren Antrag einstimmig annahmen. Ich 
darf mich wohl der Hoffnung hingeben, daß Sie heute, nachdem 
Sie unsere neuen Räumlichkeiten besichtigten, zu der Überzeugung 
kommen, daß das Projekt ein wohl überlegtes war, daß die Unbe- 
quemlichkeiten, welche vielleicht für ein oder den anderen von 
Ihnen mit der Übersiedlung der Gesellschaft verbunden sind, nicht 
zu schwer ins Gewicht fallen in Anbetracht der großen Vorteile, 
welche die ganze Aktion unserer Gesellschaft bietet. 

Auf eine ansehnliche Reihe von Jahren hinaus besitzen wir 
nun schöne, bequeme und zweckentsprechende Räumlichkeiten; wir 



IfrüfTiiuiigsftitKtmg. 



haben Bie erworben unter Umständen, welche mit Sicherheit er- 
warten hissen, daß wir nach Ahlaul' dieser Jahre finanziell so ge- 
kräftigt dastehen, daß wir seihst in dem Falle, daß wir diese Räume 
wieder verlassen müßten, diesem Momente mit Beruhigung ent- 
gegensehen können. 

Eine schöne Fügung des Schicksals wollte es, daß wir uns 
heute in demselben Saale versammeln, in dem die Wiege unserer 
Gesellschaft stand. Am 9. April 1851 versammelte sich hier eine 
Anzahl begeisterter Naturforscher unter der Führung unseres un- 
vergeßlichen Frauenfeld, welche die Gründung eines das Gesamt- 
gebiet der Biologie pflegenden Vereines beschlossen, der damals den 
Namen Zoologisch- botanischer Verein erhielt, welcher dann später 
in unseren heutigen Namen geändert wurde. Im ersten Jahre seines 
Bestandes hielt der junge Verein auch hier seine Sitzungen ab, zu 
deren Belebung die Sammlungen des botanischen Gartens wesent- 
lich beitrugen. 

Auch sonst befinden wir uns hier auf naturwissenschaftlich 
historischem Boden. Vor 1851 versammelten sich hier regelmäßig 
die „Freunde der Naturforschung", jener Kreis von unter Hai- 
dingers geistiger Leitung stehender Gelehrten, aus dem dann nach 
dem Jahre 1848 die Mehrzahl der großen naturwissenschaftlichen 
Korporationen Wiens hervorging. Jahrzehntelang sprachen hier 
Stephan Endlicher, Franz Unger, Eduard Fenzel und Anton v. 
Kerner zu ihren Hörern und mancher von Ihnen, verehrte An- 
wesende, wird noch der Zeit gedenken, in der er hier als jugend- 
licher Student saß. Erst vor wenigen Jahren sahen diese Wände 
jene glänzende internationale Versammlung, welche den erfolgreichen 
Versuch machte, die Botaniker der ganzen Erde in bezug auf eine 
wichtige Frage, die botanische Nomenklatur, zu einigen. 

Schmerzlich berührt es uns, daß von all' den Männern, welche 
sich vor mehr als 57 Jahren hier zur Gründung unserer Gesellschaft 
vereinigten, keiner mehr unter uns weilt. Der letzte aus diesem uns 
so teueren Kreise ist erst vor wenigen Wochen von uns geschieden, 
unser verehrter Prof. Dr. Gustav Mayr, der durch eine hochherzige 
letztwillige Verfügung bewies, daß er der Gesellschaft, welche er 
dereinst in jugendlicher Begeisterung mitbegründete, ein treuer 
Freund blieb. 



(6) 



Eröffnungssitzung. 



Wie viel hat sich doch geändert seit dem Tage, an dem un- 
sere Gesellschaft entstand! Nicht nur die Personen haben ge- 
wechselt, auch die wissenschaftlichen Anschauungen sind vielfach 
andere geworden. Freuen wir uns darüber, daß unsere Gesellschaft 
an diesen Änderungen der Ideen, die doch einen Fortschritt be- 
deuten, stets in ungeschwächtem Maße Anteil genommen hat, freuen 
wir uns auch darüber, daß manch anderes doch wieder gleich ge- 
blieben ist, so die Begeisterung für die wissenschaftliche Arbeit 
und das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Freunde der Wissenschaft, 
jenes Gefühl, dem unsere Vereinigung ihre Entstehung und ihre Er- 
starkung verdankt. 

Wir können heute die Eröffnung unserer neuen Räume nicht 
feierlich begehen, ohne unseren Dank jenen abzustatten, welche in 
erster Linie zum Gelingen des Werkes beitrugen. Vor allem habe ich 
da jenes Mannes zu gedenken, der zuerst den heute verwirklichten 
Plan faßte, der durch Monate mit Aufwand seiner ganzen Arbeitskraft 
und Arbeitszeit der Verwirklichung des Planes sich widmete, unseres 
verehrten Herrn Generalsekretärs Josef Brunnthaler, der durch 
Schaffung dieser Räume sich wahrhaftig ein Monument setzte. 

Aufrichtigsten Dank habe ich zu sagen den Behörden, welche 
uns ihr Entgegenkommen bewiesen haben, welche zu diesem Ent- 
gegenkommen wohl nicht bloß die Wahrung der Interessen des 
Staates, dem ein erhaltungswürdiges Gebäude wieder in stand ge- 
setzt wurde, sondern auch die Erwägung bestimmte, daß es sich um 
die Förderung einer verdienstvollen wissenschaftlichen Korporation 
handelte. Diese Behörden sind das k. k. Ministerium für Kultus 
und Unterricht, die k. k. niederösterreichische Statthalterei und das 
Rektorat der Wiener Universität. Insbesondere Herr Sektionsrat 
v. Eitz, Herr Statthaltereirat Baron Pachner, Herr Statthalterei- 
ingenieur Stummer v. Traunfels und Se. Magnifizenz Herr Rektor 
v. Ebner haben vollen Anspruch auf unseren Dank. 

Nicht in letzter Linie muß ich auch noch zweier unserer Mit- 
glieder gedenken, des Herrn Architekten Gielow, welcher in un- 
eigennützigster Weise die bauliche Leitung übernahm, und unseres 
verehrten Herrn Vizepräsidenten Dr. Ostermeyer, der in diesem 
Falle, wie in so vielen anderen, sich als der treue Hüter der In- 
teressen unserer Gesellschaft erwies. 



EröffaungSBitzunf?. 



(V 



Lassen Sie mich mit einem Wunsche schließen. Unsere Ge 
Seilschaft ist groß geworden durch den Geist, der sie beherrschte. 
Wir haben stets der Versuchung widerstanden, nach außen zu glänzen ; 
unsere Gesellschalt war niemals ein dankbarer Boden für die Be- 
tätigung* persönlichen Ehrgeizes. Wir haben unsere Aufgabe in 
ruhiger sachlicher Arbeit gesehen und haben unsere Gesellschaft 
nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zu einem höheren Zwecke 
betrachtet. Hoffen wir, daß auch in diesen neuen schönen Räumen 
der gute alte Geist erhalten bleibe. 

Der Generalsekretär Herr Josef Brunnthaler teilt mit, daß 
der Gesellschaft als ordentliche Mitglieder beigetreten sind: 

Herr Ingenieur Karl Blau, Wien, IX., Porzellangasse 27. 
„ Ingenieur F. Lupsa, kgl. siam. Irrig.-Depart., Bangkok, 
Siam. (Vorgeschlagen durch den Ausschuß.) 

Hierauf hält Herr Univ. -Prof. Dr. Ed. Brückner einen Vor- 
trag: „Die Eiszeit als klimatisches Phänomen." 

Außerdem waren aus dem botanischen Garten der Universität 
zahlreiche interessante lebende Pflanzen exponiert. 



Allgemeine Versammlung* 

am 4. November 1908. 
Vorsitzender: Präsident Prof. Dr. R. v. Wettstein. 

Der Generalsekretär teilt mit, daß der Gesellschaft als Mit- 
glieder beigetreten sind: 

Ordentliche Mitglieder : 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Conrad Gustav, Maschineningenieur, 

Wien, III./4, Mohsgasse 12 . . . Dr. A. Ginzberger, Dr. E. Janchen. 
„ Hönig Josef, Wien, VI./2, Haydng. 17 Dr. Josef Karny, J. Brunnthaler. 
Fräul. Horowitz Olga, Wien, I., Werder- 
thorgasse 12 J. Brunnthaler, A. Mayer. 



(8) Be v at üb. d. allgem. Versammlung. — Gedenkfeier für Prof. G. Mayr. 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Kraus Ernst, k. u. k. Militär-Ober- 
intendant I. Kl., Wien, III., Sale- 

sianergasse 33 J. Brunnthaler, A. Wiemann. 

Frau Prof. Lippmann, Wien, IV., Karlsg. 9 J. Brunnthaler, Prof. v. Wettstein. 

Herr Schapringer, Karl v., Kairo . . . A.Mayer, J. Brunnthaler. 

Unterstützende Mitglieder : 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Fräul. Kurz, Hilda v., Wien, XVIII., Collo- 

redogasse 7 J. Brunnthaler, A. Handlirsch. 

Frau Schiffner Anna, Wien, III., Stanis- 
lausgasse 4 Prof. V. Schiffner, J. Brunnthaler. 

„ Zahlbruckner Gisela, Wien, IV., 

Wienstraße 19 a Dr. Zahlbruckner, J. Brunnthaler. 

Hierauf sprechen: 

Herr Privatdozent Dr. F. Werner: „Über Organisation und 
Biologie der Riesenschlangen." 

Herr Privatdozent Dr. R. v. Guttenberg: „Über Pilzgallen." 

Gedenkfeier 

für kais. Rat Prof. Dr. Gustav Mayr 
am 28. November 1908. 

Dem Andenken unseres letzten gründenden Mitgliedes, des 
geschätzten Ameisen forschers Prof. Dr. Gustav Mayr, welcher am 
14. Juli 1908 im 78. Lebensjahre starb, war obige Feier geweiht. 
Prof. Dr. Gustav Mayr hinterließ letztwillig seine reichen Samm- 
lungen und seine Fachbibliothek der k. k. zoologisch-botanischen 
Gesellschaft zur freien Verfügung. 

Herr Prof. Dr. K. Grobben als Obmann der Sektion für 
Zoologie hielt die Gedenkrede. (Siehe den ausführlichen Nekrolog 
aus der Feder des Herrn Kustos Fr. Kohl in diesen „Verhand- 
lungen", Bd. LVIII, S. 512.) 

Hierauf sprach Herr Prof. Dr. Th. Pintner über: Gastameisen 
und Ameisengäste. 



Vortrag von Dr. EL Ross. Versammlung der Sektion l'iir Kol, pl. 



Vortrag 

des Herrn Kustos Dr. H. ROSS aus München 
am 30. November 1908. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. R. v. Wettstein. 

Der Vorsitzende gedenkt zu Beginn der Sitzung des am 2. De- 
zember stattfindenden Regierungsjubiläums Sr. Majestät des 
Kaisers in einer längeren Ansprache und schließt mit einem drei- 
fachen Hoch, in welches die Anwesenden begeistert einstimmen. 

Hierauf fand der von der Leitung der Gesellschaft veranstal- 
tete Vortrag des genannten Botanikers über: „Vegetationsbilder 
aus Mexiko" statt, in welchem derselbe auf Grund eigener An- 
schauung über die Flora Mexikos an der Hand zahlreicher Licht- 
bilder nach eigenen Aufnahmen sprach. 



Bericht der Sektion für Koleopterologie. 



Versammlung am 4. Juni 1908. 

(Konversationsabend.) 

Vorsitzender: Schriftführer Herr Franz Heikertinger. 

I. Der Vorsitzende spricht unter Vorlage einiger Arbeiten von 
Standfuß, Lang, Correns u. a. über Kreuzung und Vererbung 
mit Hinweis auf Zuchtversuche in der Koleopterologie. 

II. Weiters legt Vorsitzender die Beschreibungen zweier neuer 
Halticinen der europäischen Fauna vor: 

Phyltotreta austriaca Heikertinger nov. spec. 

Eine auffällige schwarze Art, von allen übrigen schwarzen 
Arten der Gattung ohneweiters durch den relativ sehr großen, ziem- 
lich hoch und fast nach allen Seiten gleichmäßig gewölbten Hals- 



(10) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



schild, der vorne kaum schmäler ist als an der Basis und dessen 
Seiten relativ stark gerundet sind, durch den völligen Mangel der 
Schulterbeule — eine bei Phyllotreten äußerst seltene Erscheinung 
— und die besondere Stirnbildung zu unterscheiden. 

Stets rein schwarz mit Fettglanz, der Kopf oft mit schwachem 
grünlichen Erzschimmer; Fühlerglied 1 nur unterseits und an der 
Spitze, die Glieder 2 und 3 ganz, Glied 4 mehr oder weniger 
bräunlichgelb ; an den Beinen nur die Kniegelenke von dieser Farbe, 
die Tarsen oft pechbraun. 

Ich gebe im folgenden eine Differenzialbeschreibung der Art 
im Vergleiche mit atra F., einesteils, weil ich sie in Gemeinschaft 
mit atra angetroffen habe, andernteils, weil atra die gemeinste 
schwarze Phyllotreta ist und wohl stets zum Vergleiche vorliegt. 

Im Vorderkörper viel breiter, gewölbter und plumper gebaut 
als bei atra. Kopf breiter als bei letzterer, mit viel breiterem, 
flacherem, glänzendem Stirnkiel, der oben durch einen deutlichen, 
dachförmig winkelig gebrochenen Eindruck gut von der eigentlichen 
Stirn abgegrenzt ist. Von dem Scheitel dieses Eindruckes läuft 
meist noch ein kurzer Längseindruck ein Stück in die Stirn hin- 
auf; fehlt derselbe, so erscheint der Scheitel des Winkeleindruckes 
etwas gerundet. 

Von den rückgebildeten Stirnhöckern sind nur unten und in 
der Mitte noch deutliche Grenzen in Gestalt der oben beschriebenen 
Eindrücke vorhanden, nach außen und oben hin aber fehlen solche 
vollständig; von Höckern (oder „plaques", wie sie im Französischen 
weit bezeichnender genannt werden, da es oft nur umgrenzte, ebene 
Flächen sind) kann daher nicht gesprochen werden; ihre Stellen 
sind mit der übrigen Stirn eins, sind wie diese punktiert, kaum 
etwas glänzender im Grunde. 1 ) 

x ) Abweichend hiervon ist die Stirn bei atra und den meisten übrigen 
Arten der Gattung gebaut. Dort ist der den Stirnkiel oben abschließende 
Eindruck infolge der Schmalheit des Kieles undeutlich, oft ganz fehlend, so 
daß die Stirn zuweilen nur eine plötzliche Erweiterung des Kieles, dessen 
Seitenkanten jederseits über den Fühler wurzeln in einem Winkel von zirka 
100° abknicken, darzustellen scheint. 

Die Stirnhöcker, die sich — wenigstens unter einer gewissen Beleuch- 
tung — in ihren Umrissen bei atra gut abheben, sind länglich -dreieckige, 



Versammlung der Sektion liir Koh'optcrologio. 



Die Punktierung des Kopfes ist bei austriaca zerstreuter als 
bei atra, sie ist nur zwischen den Augen deutlich vorhanden, weshalb 
eine Bestimmung nach der Tabelle Weises (Ins. Deutschi., VI, S. 864) 
auf diademata Foudr. führt. Austriaca ist jedoch mit dieser nicht 
zu verwechseln: diademata ist ein Tier vom Habitus der atra, in 
den Schultern fast noch breiter als diese, mit starker Beule und 
schwachem, aber ausgesprochenem Erzglanz der Oberseite. 

Die Grundchagrinierung von Kopf und Halsschild ist bei 
austriaca und atra ziemlich gleich; die Fühler sind ebenso wie die 
Beine bei ersterer Art kaum merklich kräftiger. 

Halsschild groß, hoch und nach allen Seiten ziemlich gleich- 
mäßig gewölbt (viel mehr als bei atra), seitlich stark gerundet, 
vorne kaum schmäler als an der Basis, in seiner größten Breite 
l 1 ^ — l 3 / 4 mal so breit als lang. Die Punktierung und Umrandung 
ähnlich wie bei atra. 

Flügeldecken in den Schultern, der fehlenden Beule wegen, 
enger als bei atra und den verwandten Arten, nicht breiter als 
der Halsschild, von da ab aber mehr gerundet erweitert, für sich 
eine regelmäßige, an der Basis abgestutzte Ellipse bildend, die 
Punkte von beiläufig derselben Stärke wie bei atra, indessen weniger 
gedrängt stehend und nirgends, auch an der Naht nicht, eine merk- 
liche Tendenz zur Anordnung in Reihen zeigend; gegen die Spitze 
zu feiner. An Stelle der großen vorspringenden Schulterbeule der 
verwandten Arten zeigen die Decken der austriaca an den Schultern 
nur einen ganz schwachen, stumpfen Wulst, der gleichmäßig ver- 
glatte, unmittelbar über den Fühlern liegende Flächen, die voneinander durch 
ein freistehendes kurzes Strichel und von der oberen Stirn durch zwei von 
dem hinteren Ende dieses Stricheis gegen die Augenmitte zu laufende, wenig 
deutliche Eindrücke getrennt sind. 

Das sichere Beurteilen dieser im allgemeinen verläßlichen — im ein- 
zelnen freilich auch graduellen Abänderungen unterworfenen — Differenz in 
der Stirnbildung ist indessen infolge möglicher Täuschungen durch Beleuchtungs- 
verschiedenheiten, die oft schon durch die Kopfstellung des Tieres beim Auf- 
kleben bedingt werden, einigermaßen schwierig. Zur sicheren Erkennung der 
austriaca genügen übrigens Halsschildform, Fehlen der Schulterbeule und Art 
der Deckenpunktierung völlig. 

Die Stirn selbst ist bei atra von oben gesehen viel schmäler, nach 
vorne enger und spitzer zulaufend. 



(12) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



rundet auf die Einlenkungsstelle der Elytren zuläuft. Die Enden 
der Decken sind gewölbter und auch stärker einzeln verrundet als 

bei atra. 

Das Tier besitzt nur Flügelstummeln, welche die Länge der 
Decken nicht erreichen, ist daher flugunfähig — eine Ausnahme 
in der Gattung. 

Unterseite schwarz, Hinterbrust und Abdomen mäßig dicht, 
jedoch augenfälliger als bei atra, mit härchentragenden Punkten 
besetzt. Metasternum viel kürzer und flacher als bei atra: während 
dasselbe bei letzterer Art hochgewölbt, glatt und glänzend ist und 
die Länge des ersten freiliegenden Abdominalsternites fast erreicht, 
ist es bei austriaca viel kürzer als das letztere, sehr flach, ziemlich 
stark querrunzelig punktiert, wenig glänzend, die Mittelgrube der 
rückwärtigen Hälfte rundlicher und ausgesprochener eingedrückt 
als bei atra. 

Fühler in beiden Geschlechtern gleich. 

cT. Erstes Tarsenglied der Vorderbeine sehr stark herzförmig 
erweitert, fast so lang als die beiden folgenden zusammen und 
breiter als Glied 3 (bei a^ra-Männchen viel kürzer als 2 und 3 zu- 
sammen und viel schmäler als 3). Auch die ersten Tarsenglieder 
der Mittel- und Hinterbeine stark erweitert (bei atra kaum). 

Penis parallelseitig, vor der Spitze leicht eingeschnürt, so daß 
ein rundlich löffelförmiger Endteil entsteht, der in eine kleine 
scharfe geschweifte Spitze ausläuft. Die Unterseite zeigt einen 
hohen Mittelkiel, der sich basal und apikal senkt und gabelt. Auf 
der Oberseite (Konvexseite) des Penis ist das Spitzenviertel ein- 
gesenkt (Präputialmembran) und seitlich von zwei parallelen Kielen, 
die in die Umrandung des Löffels verlaufen, flankiert. Im Profil 
erscheint der Penis einfach und leicht gekrümmt, in der Mitte (in- 
folge des Kieles der Innenseite) am dicksten. (Der Penis von atra 
besitzt weder die löffeiförmige Abschnürung noch den Innenkiel.) 

Das große letzte, freiliegende Sternit des d 71 der austriaca 
besitzt eine kaum merkliche flache Grube; hinter diesem tritt der 
kleine scharfrandige Halbbogen des eingezogenen folgenden Ster- 
nits zutage. — Länge 1*5— 2*2 mm. 

Ich fand das Tier bisher nur an einer einzigen Stelle in der 
Nähe von Wien, am Rande der Kalkhügelkette, die das Wiener 



Versammlung der Sektion liir Koleopterologie. 



(18) 



Hecken im Westen säumt, auf Sisymbrium strictissimum L. Dort 
fand es sich in einiger Anzahl, vermischt mit der weit häufigeren 
atra, vor der Blutezeit des Sisymbrium, im Mai. 

AyMhona Wagneri Hcikcrtinger nov. spcc. 

Eine bemerkenswerte, durch die dunkel kastanienbraune bis 
gelbbraune Oberseite und die helle Flügeldeckenspitze gewisser- 
maßen ein Mittelglied zwischen den hellen und dunklen Arten der 
Gattung bildende Form. 

Durch tief umschriebene Stirnhöcker, verhältnismäßig breiten 
geflügelten Körper und feine Punktierung der Oberseite mit vario- 
losa Foudr. unter den gelben und pygmaea Kutsch, (speziell der 
Form nigella Kutsch.) unter den dunklen Arten nächst verwandt. 

Vom Habitus der Genannten ist das Tier durch seine eigen- 
tümliche Färbung leicht kenntlich. Normal ist der Kopf schwarz 
(die Seiten des Untergesichtes und der Oberlippe zuweilen bräun- 
lich), Halsschild und Flügeldecken sind satt dunkel rötlichkastanien- 
braun, das Spitzenviertel oder Spitzenfünftel der letzteren ist gelb. 
Die dunkle Färbung der Oberseite nimmt oft gegen die Ränder 
ungleich ab und wird an manchen Stellen, z. B. am Vorderrande 
des Halsschildes gegen die Ecken, an den Seiten der Decken (deren 
Epipleuren völlig hell werden) oder an der Spitze der Decken zu 
einem mehr oder weniger verwaschenen Gelb. Manchmal wird 
diese teilweise Hellfärbung undeutlicher, rötlich bis braun, so daß 
das Tier dann ziemlich einfarbig trüb kastanienbraun aussieht; die 
Spitze der Flügeldecken bleibt jedoch eine Spur heller. Diese fast 
einfarbigen Stücke haben in dem mir vorliegenden Materiale ganz 
einfarbig helle Fühler. Bei anderen, anscheinend ausgefärbten 
Stücken breitet sich die helle Färbung über die ganzen Decken 
aus, so weit, daß diese rötlich gelbbraun werden, gegen die Naht 
stark, gegen die Mitte der Seitenränder schwächer angedunkelt, 
an gewisse Farbenaberrationen des Longitarsus luridus Scop. er- 
innernd; jedoch haben diese Stücke einen schwarzen Kopf. 

Unreife Stücke zeigen eine ziemlich einfarbig bräunlichgelbe 
Oberseite, jedoch bereits dunklen Kopf und lichter getönte Decken- 
spitze; sie sind an dem teilweisen Mangel des Pigmentes und dem 



(14) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



dadurch bedingten charakteristischen Durchscheinen der Cuticula 
auf Halsschild und Decken leicht als unreif kenntlich. 

Die vier bis fünf ersten Fühlerglieder sind hellgelblich, die 
übrigen allmählich gebräunt (bei den wenigen einfarbig rotbraunen 
Stücken sind die ganzen Fühler hell). Die Beine sind gleichfalls 
von hellgelblicher Farbe, die Vorderschenkel manchmal in der 
Mitte leicht rötlichbraun, aber nicht geschwärzt, die Hinterschenkel 
gelblich, an der Außenseite rötlichbraun. 

Kopf wie bei variolosa, die Linien um die Stirnhöckerchen 
tief und deutlich. Stirn und Scheitel glänzend, äußerst fein quer- 
runzelig gewirkt. Halsschild beim cT reichlich l 1 / 2 mal, beim 9 fast 
doppelt so breit als lang, mit vorspringender Borstenpore am 
Seitenrande nahe den Vorderecken; äußerst fein und verloschen 
punktiert. 

Flügeldecken breiter als der Halsschild, mit starker, deutlicher, 
wenn auch tief beim Seitenrande liegender und innen nicht ab- 
gesetzter Schulterbeule, mäßig gerundet, mit in der Anlage stumpfem, 
leicht verrundetem Nahtwinkel. Die Punktierung im allgemeinen 
wie bei pygmaea, verworren, fein und ungleich, etwas narbig und 
gerunzelt, bei manchen Stücken fast verloschen. Seitenrand der 
Flügeldecken im letzten Drittel oder Viertel sehr kurz bewimpert. 

Kinne des Pygidiums breit und sehr flach. 

Bauch mäßig dicht punktiert. 

cT. Das letzte freiliegende Abdominalsternit mit einer flachen 
rundlichen Grube. Penis von dem der pygmaea ziemlich stark ver- 
schieden. Während er bei letzterer Art schmal und parallelseitig 
ist und ziemlich steil (etwa 45° Kundung) in eine schwach ab- 
gestumpfte Spitze zusammenläuft, ist er bei Wagneri beinahe zwei- 
mal (zumindest l^nial) so breit als bei pygmaea, gegen die Spitze 
verbreitert und daselbst merklich ausgebaucht, dahinter ganz wenig 
konvergierend und hierauf fast gerade abgestutzt; der Vorderrand 
in eine verrundete Spitze ausgezogen, jederseits derselben aus- 
gerandet. Der Penis ist wenig gebogen, sehr flach und dünn, an 
Ober- und Unterseite mit glatten, aufgebogenen Seitenrändern, von 
denen die der Konkavseite gegen die Spitze zu divergieren und 
sich verflachen; die Präputialmembran auf der Konvexseite (Ober- 
seite) scheint fast die volle Länge des Penis einzunehmen. 



Versammlung <!<'>• Sektion für Koleopterologie. 



(15) 



Der Penis von variolosa — jener gelben Art, die der Wagneri 
morphologisch am nächsten stellt — ist breiter als der von pygmaea, 
aber beträchtlich schmäler als der von Wagneri, seitlich nicht 
parallel, sondern etwas hinter der Mitte (näher der Spitze) leicht ein- 
gezogen, dahinter wieder etwas erweitert, so daß er im Spitzen- 
drittel fast eine sehr langgestreckte Löffelform zeigt; das Ende ist 
wie bei pygmaea gleichmäßig rasch in eine völlig abgestumpfte 
Spitze zugerundet. 

Die Rinne des Pygidiums ist bei variolosa und Wagneri fast 
gleich; ein von mir untersuchtes variolosa-M&rmchen zeigt auf dem 
letzten Abdominalsternit eine weniger deutliche, mehr in die Quere 
gestellte und nicht runde Grube. 

Die Länge variiert von 15 — 2 mm. 

Mit Rücksicht auf diese Untersuchungen glaube ich Wagneri 
als selbständige Art auffassen zu müssen. 

Die Art liegt mir in dem von G. P. Vodoz auf Korsika ge- 
sammelten Materiale des Entomologischen Museums des eidgenös- 
sischen Polytechnikums in Zürich nur in einzelnen Stücken vor, 
die keine Fundortzettel tragen. Ein einziges Stück trägt die 
Bezeichnung „Vizz. VII. 98" (Vizzavona in den zentralkorsischen 
Bergen). 

Typen von dieser Art befinden sich im genannten Museum 
sowie im k. k. Naturhistorischen Hofmuseum in Wien und in meiner 
Sammlung. 

Ich widme die Art meinem lieben Freunde Hans Wagner, 
Assistenten am Züricher Museum, der mir das bezügliche Materiale 
freundlichst vermittelte. 

Da das vorliegende Tier hinsichtlich seiner in der Tribus 
selten auftretenden Färbungsanlage einigermaßen an Hippuriphila 
Modeeri L., Longitarsus holsaticus L. und besonders an Longitarsus 
apicalis Beck, die sämtlich Bewohner feuchter Orte sind, erinnert, 
so lag es nahe, die Färbung in einen ursächlichen Zusammenhang 
mit dem Feuchtigkeitsgrade des Aufenthaltsortes zu bringen und 
im Sinne Dr. 0. Schneiders (Über Melanismus korsischer Käfer, 
„Isis", II, 1902, S. 43 — 60) in dem Tiere, das dem eigentlichen 
Melanismusherde Schneiders entstammt, die melanotische Form 
einer normal heller gefärbten Art zu vermuten. Aber obgleich 



(16) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



eine morphologische Vergleiehung der Wagneri mit der hellgelben 
variolosa des südfranzösischen Festlandes kaum ein Merkmal von 
spezifischer Valenz ergab, erscheint mir mit Rücksicht auf die 
relativ beträchtlichen PenisdifFerenzen und auf meine Erfahrungen 
hinsichtlich der Färbungsverhältnisse bei den Aphthonen sowie auf 
die Art der Dunkelung bei Wagneri eine Konfundierung der Arten 
unnatürlich. 

Versammlung am 5. November 1908. 

(Vortragsabend.) 
Vorsitzender: Herr Reg.-Rat Direktor L. Gangibauer. 

I. Der Vorsitzende gedenkt des jungen, hoffnungsvollen Mit- 
gliedes Friedrich Nissl, welches der Gesellschaft im verflossenen 
Sommer durch den Tod entrissen wurde. 

Nach Mitteilungen, die wir Nissls Freunde, unserem Mitgliede 
Herrn Arnulf Molitor, verdanken, wurde Herr F. Nissl 1888 in 
Wien geboren und beendete hier im Jahre 1907 seine Gymnasial- 
studien mit bestem Erfolge. Er hatte die Absicht, sich an der 
Universität speziell zoologischen Studien zuzuwenden. Schon früh- 
zeitig zeigte er großes Interesse und vielversprechende Begabung 
auf koleopterologischem Gebiete. Mit besonderer Vorliebe pflegte 
er das Studium der Staphyliniden. Seine Exkursionen führten ihn 
in die Alpen von Salzburg, Steiermark, Kärnten, auf den Triglav 
und auf den Monte Baldo. Seine letzte größere Sammelreise unter- 
nahm er im Juli 1907 mit Herrn A. Molitor in das bisher un- 
erforschte Gebiet des Monte Arera in den Bergamaskeraipen. Diese 
schön durchgeführte Sammelreise ergab sehr interessante Resultate. 
Die Begabung Nissls, sein unermüdlicher Eifer und seine materielle 
Unabhängigkeit berechtigten in wissenschaftlicher Hinsicht zu den 
schönsten Erwartungen. Leider hat der Tod seinem ernsten Streben 
ein Ende bereitet. 

Der Vater des Dahingegangenen, Herr kais. Rat Ingenieur 
Franz Nissl, hat die Koleoptereu Sammlungen seines Sohnes zum 
größten Teil unserer Gesellschaft gewidmet. Es sei ihm hierfür 
der wärmste Dank zum Ausdruck gebracht. 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(17) 



II. Der Vorsitzende hält einen Vortrag: 

Über die Beziehungen der Skulptur zum Tracheenverlauf 
in den El y treu der Kolcopteren. 

Nach den Untersuchungen von Edgar Krüger (Über die Ent- 
wicklung der Flügel der Insekten mit besonderer Berücksichtigung 
der Deckflügel der Käfer, Inauguraldissertation, Göttingen, 1898) 
entstellen die als Elytren ausgebildeten Vorderflügel der Koleo- 
pteren ebenso wie die Hinterflügel als taschenartige Ausstülpungen 
des Körperintegunientes, die aus einer oberen oder dorsalen und 
einer unteren oder ventralen Lamelle bestehen und deren Lumen 
als Fortsetzung der Leibeshöhle Blut und Tracheen enthält. Ihre 
Anlage als meso- und metathoracale Imaginalscheiben erfolgt am 
Ende der Larvenperiode vor der Umwandlung in die Nymphe. In 
der weiteren Entwicklung während des Nymphenstadiums ver- 
wachsen sowohl im Vorder- wie im Hinterflügel die beiden Lamellen 
miteinander bis auf Kanäle, in welchen Tracheen und Blut persi- 
stieren. Im Hinterflügel bleiben die beiden Lamellen miteinander 
verwachsen und die Kanäle bilden sich durch Chitinisierung ihrer 
Wandung zu Adern aus. In den Elytren weichen die Lamellen bald 
nach Verwandlung der Nymphe in die Imago auseinander, bleiben 
aber durch sehr zahlreiche kurze, pfeilerartige Chitinsäulen (piliers 
d ; ecartement B e a u r e g a r d s, Querbrücken H o f f b a u e r s und K r ü g e r s) 
miteinander in Verbindung. Diese Chitinsäulen werden im Nymphen- 
stadium nach der Darstellung Krügers in der Weise angelegt, daß 
sich die dorsale Chitinschicht der oberen Lamelle allmählich tiefer 
gegen die ventrale Chitinschicht der unteren Lamelle grübchenartig 
einsenkt. Je weiter die Einsenkung vorschreitet, umso enger 
schließt sich das Grübchen und endlich entsteht aus der an Dicke 
immer mehr zunehmenden Chitinwandung desselben eine Säule, 
deren Mittelachse als Fortsetzung der äußersten dorsalen Chitin- 
schicht wie diese pigmentiert ist. Als Rest der ursprünglichen 
grübchenartigen Vertiefung bleibt gewöhnlich auf der Oberseite der 
Flügeldecke ein vertiefter Punkt übrig, der die Mittelachse der 
Säule der Lage nach bezeichnet. Auf der Unterseite der Flügel- 
decken werden die Säulen durch oft sehr große pigmentierte Punkte 
markiert, deren Mitte oft grübchenartig vertieft ist. Es scheint sich 

Z. B. Ges. 59. Bd. b 



(18) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



daher in vielen Fällen auch die Chitinschicht der unteren Lamelle 
etwas gegen jene der oberen einzufalten. Sind die Säulen in Längs- 
reihen angeordnet, so kommt dies in Punktreihen zum Ausdruck, 
die wenigstens auf der Unterseite der Flügeldecken sehr deutlich 
hervortreten. Auf der Dorsalseite stehen die Reihen der Säulen- 
punkte sehr oft in vertieften Streifen. Verschwinden sie in diesen, 
so erscheinen die Flügeldecken glatt gestreift. Einer unregelmäßigen 
Anordnung der Säulen entspricht natürlich auch eine unregelmäßige 
Punktierung der Flügeldecken. 

Nach Hoffbauer, der in seiner schönen Arbeit: „Beiträge 
zur Kenntnis der Insektenflügel" (Zeitschr. f. wissensch. Zoologie, 
Bd. LIV, 1892, S. 579—630, Taf. XXVI— XXVII) hauptsächlich 
die Drüsen der Koleopterenelytren behandelt hat, dienen die von 
ihm als Querbrücken bezeichneten, in der Zahl und Dicke außer- 
ordentlich verschiedenen Säulen dazu, den Flügeldecken eine ge- 
wisse Festigkeit zu verleihen. Diese ist natürlich außerdem ab- 
hängig von der Dicke der Chitinschichten, namentlich der oberen 
Lamelle. 

Die normal in der Sechszahl vorhandenen Tracheenstämme 
der Elytren, von welchen einer neben dem Seitenrande, einer neben 
der Naht und vier dazwischen verlaufen, sind nicht wie im häutigen 
Hinterflügel in Chitinröhren oder Adern eingeschlossen, sondern 
verlaufen frei zwischen den Chitinsäulen. Sind diese in Längsreihen 
geordnet, so wird in der Regel jeder der vier mittleren Tracheen- 
stämme von zwei Säulenreihen eingeschlossen, während der neben 
dem Seitenrande verlaufende Tracheenstamm sowie der neben der 
Naht nur nach innen von einer Säulenreihe begleitet wird. Wir 
haben dann 2x4 + 2 = 10 Säulenreihen, durch welche der innere 
Hohlraum der Flügeldecken in 11 Längsräume geteilt wird, die 
zwischen je zwei hintereinanderstehenden Säulen der Quere nach 
in Verbindung stehen. Sechs dieser Längsräume, und zwar der 1., 
3., 5., 7., 9. und 11., also die ungeraden, sind von Tracheenstämmen 
durchzogen. Auf der Oberfläche der Flügeldecken sind die 10 Säulen- 
reihen durch ebensoviele Punktreihen, Punktstreifen oder glatte 
Streifen angedeutet. Durch dieselben wird die Oberfläche der Flügel- 
decken in 11 Längsfelder geteilt, welche usuell als Streifenzwischen- 
räume, Intervalle oder Interstitien bezeichnet werden, wiewohl die 



Versammlung der Sektion <ür Koleopterologle. 



äußersten nicht von zwei Streifen eingeschlossen, sondern nur von 
einem Streifen begrenzt werden. 

Heer hat in seinen grundlegenden Untersuchungen über das 
Fliigelgeäder der Käfer (Die Insektenfauna der Tertiärgehilde von 
Öningen und Radoboj, I. T.: Käfer, Leipzig, 1847, S. 86— 1)5) die 
Skulptur der Koleopterenelytren auf das Geäder des Hinterflügels 
zurückzuführen gesucht. Als normal skulptierte Flügeldecken be- 
trachtete er (1. c., S. 89) die zehnstreifigen, deren Streifen also 
11 Zwischenräume trennen. Von diesen 11 Zwischenräumen homo- 
logisierte er die sechs ungeraden (1, 3, 5, 7, 9, 11), die er als Striemen 
(plagae) oder, wenn sie rippenartig erhoben sind, als Rippen (costae) 
bezeichnete, mit den sechs Hauptadern des Hinterflügels. In den 
geraden Zwischenräumen (2, 4, 6, 8, 10) sah er die Homologa der 
zwischen den Hauptadern des Hinterflügels ausgespannten häutigen 
Flächen und bezeichnete sie wie diese als Felder (areae). 

Wie wir gesehen haben, kann aber von Adern der Koleopteren- 
elytren nicht die Rede sein, nachdem die Tracheenstämme nicht in 
Chitinröhren, sondern frei zwischen den Chitinsäulen verlaufen. Trotz- 
dem müssen wir den Scharfblick, mit dem Heer die zehnstreifigen 
Flügeldecken als die normal gestreiften erkannte, bewundern. 

Heer wußte übrigens noch nicht, daß die von ihm mit Adern 
homologisierten Zwischenräume der Käferflügeldecken von Tracheen- 
stämmen durchzogen sind. Dies hat aber schon Erichson bei Be- 
sprechung der He ersehen Untersuchungen (Bericht über die wissen- 
schaftlichen Leistungen im Gebiete der Entomologie während des 
Jahres 1847, S. [67] 43, Fußnote) festgestellt und zur Stütze der 
He ersehen Ansichten herangezogen. Er bemerkt (1. c., S. [69] 45, 
Fußnote) : 

„Wie richtig der Verfasser (Heer) die Streifenbildung der Flügeldecken 
aufgefaßt hat, zeigen die Flügeldecken des Agriotes gilvellus Ziegl. (= ustu- 
latus Schall.), den ich in dieser Beziehung untersuchte. Hier enthalten näm- 
lich die Zwischenräume der Streifen einer um den andern einen Luftröhren- 
stamm, und zwar liegt einer an der Naht, je einer im 2. (zwischen dem 2. 
und 3. Streif), 4., 6. und 8. Zwischenraum und einer am Außenrande. Ebenso 
finde ich es bei den meisten Käfern, deren durchsichtige Flügeldecken eine 
solche Untersuchung erlauben." 

Wie aus der Angabe über die Lage des zweiten Zwischen- 
raumes hervorgeht, hat Erichson den zwischen der Naht und dem 

b* 



(20) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



ersten Streifen befindlichen Zwischenraum nicht mitgezählt und die 
Zwischenräume, die er als 2., 4., 6. und 8. bezeichnet, sind somit 
der 3., 5., 7. und 9. Wenn auch die trachealen Zwischenräume der 
Flügeldecken nicht als Adern aufgefaßt werden können, so muß 
doch anerkannt werden, daß Erichson den Zusammenhang der 
Streifung der Flügeldecken mit dem Tracheenverlauf erkannt hat. 

In seiner Arbeit über die Flügeldecken von Cassida (in diesen 
„Verhandlungen", 1897, S. 410—414) brachte Verhoeff eine vor- 
läufige Mitteilung über den Bau der Flügeldecken der Koleopteren, 
die ich in extenso zitieren muß, um daran einige Bemerkungen 
knüpfen zu können. 

Verhoeff sagt: 

„Für die einfacher, d. h. primär gebauten Flügeldecken vieler Koleo- 
pteren ist das Vorkommen von sechs Hauptlängstracheen charakte- 
ristisch. Diese bezeichne ich vom Außenrand (oder Vorderrand) gegen den 
Innenrand (oder Hinterrand) als: I. Rand- oder Marginaltrachee (M.), 
II. Außentrachee (A.), III. Mitteltrachee (Mi.), IV. Innentrachee (I.), 
V. Zwischentrachee (Z.), VI. Naht- oder Suturaltrachee (S.). Zwischen 
den Längstracheen stehen Längsreihen von senkrechten Bälkchen, welche die 
Ober- und Unterlamelle der Flügeldecken miteinander verbinden und welche 
ich Flügeldeckensäulen nenne. In vielen einfachen Fällen, annähernd 
typisch z. B. bei Aphodius (fimetarins), haben wir es mit zehn Reihen von 
Flügeldeckensäulen zu tun, welche zu je zwei zwischen den Haupttracheen 
stehen und welche ich als 1. bis 10. Reihe vom Vorder- oder Außenrande gegen 
den Hinter- oder Innenrand zähle. Die Marginaltrachee steht immer 
außen von der ersten Säulenreihe, die Suturaltrachee immer innen 
von der zehnten Säulenreihe. Die übrigen sind also durch je zwei Reihen 
getrennt, so daß man folgende Übersicht erhält: 

i M. 1 1., 2. 1 A. 1 3., 4. 1 Mi. 1 5., 6. 1 I. 8. 1 Z. | 9., 10. | S. | 

Zwischen den Säulenreihen befinden sich Interkolumnalräume. Den 
Interkolumnalräumen entsprechen auf der Oberfläche der Flügeldecken 
Interkolumna Ist reifen. 

Zwischen den Tracheen befinden sich Intertrachealräume. Den 
Intertrachealräumen entsprechen auf der Oberfläche Intertracheal- 
streifen. 

Trachealräume gibt es sechs und sie befinden sich zwischen: 1. dem 
Rande und der ersten Säulenreihe, 2. der 2. und 3. Säulenreihe, 3. der 4. und 
5. Säulenreihe, 4. der 6. und 7. Säulenreihe, 5. der 8. und 9. Säulenreihe, 6. der 
10. Säulenreihe und der Naht. 

Den sechs Trachealräumen entsprechen auf der Oberfläche der 
Flügeldecken sechs Trache alstreifen. 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(31) 



Die Oberfläche der Flügeldecken der einfacher gebauten, hierher 
gehörigen Koleopteren zerfällt dann — vom Marginalfeld (fälschlich „Epi- 
pleuren" genannt) abgesehen — in fünf 1 nterkoluinnal st reifen und 
sechs Trachealsl reifen. 

Der Inhalt der Flügeldecken zerfällt in fünf Interkolumual- 
ra'ume und sechs Trachealräume." 

Die sechs Tracheenstäuime der Käferflügeldecken wurden, wie 
früher dargelegt, schon von Erich son nachgewiesen. Es ist nahe- 
liegend, dieselben mit den Tracheenstämmen der sechs Hauptadern 
des Hinterflügels zu homologisieren, doch war es von Seite Ver- 
hoeffs gerechtfertigte Vorsicht, davon abzusehen und sie mit beson- 
deren Namen zu belegen. 

Wenn Verhoeff mit der Zählung der Säulenreihen vom Außen- 
rande beginnt, so geht er vom morphologischen Standpunkte durch- 
aus korrekt vor. Es ist aber zu bemerken, daß die Säulenreihen 
auf der Oberfläche der Flügeldecken durch Punktreihen oder Punkt- 
streifen markiert werden und daß wir diese in der deskriptiven 
Koleopterologie in der Regel von der Naht an zählen müssen, da 
die äußeren häufig verworren oder erloschen sind. 

Interkolumnal sind alle zwischen zwei Säulenreihen befind- 
lichen Längsräume der Flügeldecken, also alle bis auf die zwei 
äußersten. Verhoeff wollte als interkolumnal aber jedenfalls nur 
jene bezeichnen, welche keine Hauptlängstrachee einschließen. Was 
Verhoeff als Interkolumnalstreifen und weiterhin als Trachealstreifen 
bezeichnet, sind nicht Streifen, d. h. vertiefte Linien, im deskriptiven 
Sinne, sondern Zwischenräume, Intervalle oder Interstitien. 

Die Bezeichnungen Intertrachealräume und Intertrachealstreifen 
sind jedenfalls auf einen lapsus calami zurückzuführen und, wie 
aus dem folgenden hervorgeht, in Trachealräume und Tracheal- 
streifen zu korrigieren. Übrigens befinden sich die Intertracheal- 
räume, recte Trachealräume, nicht zwischen den Tracheen, sondern 
zwischen den dieselben einschließenden Säulenreihen. 

Der Terminus Epipleuren für die umgeschlagene Seitenrand- 
partie der Flügeldecken ist so eingebürgert, daß er nicht zurück- 
gewiesen werden kann. Zudem wäre die Bezeichnung Marginalfeld 
in vielen Fällen ganz unzutreffend. 

Bei der einfachen Beziehung zwischen der normalen Sechs- 
zahl der Tracheenstämme und der Zehnzahl der Säulenreihen er- 



(22) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



scheint Verhoeffs Schema primär gebauter Flügeldecken wohl 
begründet. Nachdem die Säulenreihen auf der Oberfläche der Flügel- 
decken durch ebensoviele Punktreihen, Punktstreifen oder Streifen 
zum Ausdrucke kommen, können die zehnreihigen oder zehn- 
streifigen Flügeldecken nicht nur mit Heer als die normal skulp- 
tierten, sondern auch als die primär skulptierten betrachtet werden. 
Von den ältesten triassischen Koleopterenresten, die uns Hand- 
lirsch in seinem vortrefflichen Handbuche: „Die fossilen Insekten 
und die Phylogenie der rezenten Formen" durch Abbildungen 
(Taf. XXXIX, Fig. 1 — 15) vorführt, lassen einige (namentlich Pseudo- 
rhynchophora Olliffi Handl., Ademosyne maior Handl. und minor 
Handl, Fig. 13 — 15) recht deutlich 10 Punktreihen oder 10 Streifen 
der Flügeldecken erkennen. 

Von den sechs Tracheenhauptstämmen können einzelne ver- 
schwinden. Während nach Hoffbauer (1. c, S. 618) wenigstens 
die im Seitenrandsaum und an der Naht verlaufenden persistieren, 
erlöschen nach Verhoeff bei Cassida gerade diese und außerdem 
die Mitteltrachee, so daß nur die Außen-, Innen- und Zwischen- 
trachee erhalten bleiben. 

Sehr häufig kommt es zu einer Verminderung der Zahl der 
Säulenreihen und namentlich oft kommt die äußerste marginale 
Säulenreihe in Wegfall. Die Flügeldecken haben dann nur neun 
statt zehn Streifen, was schon Heer (1. c, S. 89) für die Mehrzahl 
der Carabiden, die Elateriden und Helopinen festgestellt hat. 

Von den 10 Zwischenräumen der Flügeldecken eines neun- 
streifigen Carabiden läßt wenigstens der 3., 5. und 7. nach Auf- 
hellung der Flügeldecke in Chlorwasser oder Wasserstoffsuperoxyd 
oder schon nach kurzem Kochen derselben in Wasser unter dem 
Mikroskope einen Tracheenstamm erkennen, der bisweilen in zwei 
parallel nebeneinander verlaufende Äste gegabelt ist. Im neunten 
Zwischenräume befinden sich bekanntlich die borstentragenden Punkt- 
grübchen oder Körnchen der series umbilicata. Auch im dritten 
Zwischenräume sind in der Regel wenige oder zahlreichere borsten- 
tragende Punkte oder Grübchen vorhanden und bisweilen auch im 
siebenten oder auch im fünften Zwischenräume. Diese Punkte sowie 
die der series umbilicata haben mit Säulenbildung nichts zu tun. 
Es sind grübchenartige Einsenkungen der dorsalen Chitinschichten, 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(23) 



in denen sich ein mehr oder minder deutliches borstentragendes 
Körnchen erhebt. Sie kommen auf der Unterseite der Flügeldecken 
nicht zur Andeutung-, während daselbst die Säulenpunkte in neun 
kräftigen Punktreihen hervortreten. Die Punkte eines neben dein 
Schildchen gewöhnlich vorhandenen kurzen Scutellarstrcifcns sind 
Säulenpunkte. 

Bei Calosoma, Carahus und anderen Carabiden begegnen wir 
einer Streifenvermehrung', die auf eine Vermehrung der Säulenreihen 
zurückzuführen ist. Bei Calosoma Inquisitor beispielsweise befinden 
sich zwischen der Körnchenreihe der series umbilicata und der 
Naht, abgesehen vom verkürzten Scutellarstreifen, 16 Streifen und 
ebenso viele Streifenintervalle. Die Intervalle 5, 9 und 13 sind durch 
körnchentragende Grübchen unterbrochen und werden als primäre 
Zwischenräume oder Primärintervalle, die übrigen als Nahtrippe 
(1), Sekundärintervalle (3, 7, 11, 15) und als Tertiärintervalle (2, 4, 
6, 8, 10, 12, 14, 16) bezeichnet. Zwischen dem wie die Nahtrippe 
einem primären äquivalenten 17. Zwischenraum, welcher die Körn- 
chen der series umbilicata trägt, und der Seitenrandkante, also auf 
dem Limbus, befinden sich noch drei mehr oder minder deutlich 
gesonderte Körnchenreihen, welche zwei tertiären und einem sekun- 
dären Intervall entsprechen. Die Nahtrippe und die drei Primär- 
intervalle bilden mit den zwei nächsten nach außen liegenden 
Tertiärintervallen und dem von diesen eingeschlossenen Sekundär- 
intervall je ein Intervallsystem. Wir haben daher zwischen der Naht 
und der series umbilicata vier Intervallsysteme. Der 17. Zwischen- 
raum mit der series umbilicata bildet mit den drei limbalen Körnchen- 
reihen ein fünftes System. 

Untersucht man die vorher in Wasser gekochte Flügeldecke 
eines Calosoma mquisitor mikroskopisch im durchfallenden Licht, 
so sieht man ein grobes Netz, dessen Maschen große, querrundliche, 
in Längsreihen angeordnete Felder einschließen. Als solche er- 
scheinen die mächtigen Säulen, welche die obere Lamelle mit der 
unteren verbinden. Das Netz selbst stellt den von den Säulenreihen 
unterbrochenen Hohlraum zwischen den beiden Lamellen dar. Der 
oft etwas exzentrische Mittelpunkt der querrundlichen Felder ent- 
spricht den Punkten der Flügeldeckenstreifen. Die Längsanastomosen 
des Netzes entsprechen den Mittellinien der Intervalle. Drei dieser 



(24) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



Längsanastomosen sind von einem kräftigen Traclieenstamm durch- 
zogen. Zwischen und außerhalb dieser Tracheenstämme befinden 
sich je vier Säulenreihen, die auf der Oberseite der Flügeldecke 
als Punktstreifen, auf der Unterseite als Reihen großer, schwarz 
pigmentierter, in der Mitte leicht vertiefter Punkte erscheinen. 
Markiert man ein Primärintervall durch einen Nadelstich, so kann 
man sich leicht überzeugen, daß es die Primärintervalle oder viel- 
mehr die unter ihnen befindlichen Längsräume sind, welche von 
einem Tracheenstamm durchzogen werden. Es entsprechen also 
die Primärintervalle von Calosoma dem tracheenführenden 3., 5. 
und 7. Intervall neunstreifiger Carabidenelytren und es liegt dann 
weiter auf der Hand, daß die Nahtrippe dem 1., das Intervall mit 
der series umbilicata dem 9. und je zwei tertiäre und ein sekundäres 
Intervall zusammengenommen einem geraden Intervalle einer neun- 
streifigen Carabidenflügeldecke entsprechen. Wir können also die 
Calosomenskulptur auf jene der neunstreifigen Carabiden in der 
Weise zurückführen, daß wir uns bei der letzteren die zwischen 
zwei tracheenführenden ungeraden Intervallen liegenden geraden 
Intervalle der Länge nach in je drei Intervalle geteilt denken. 

Die jurassische Gattung Procalosoma Meun. läßt nach der von 
Handlirsch (Die fossilen Insekten, Taf. XLV, Fig. 25) gegebenen 
Abbildung des Procalosoma minor Handl. (1. c, S. 548) auf den 
Flügeldecken etwa 16 Punktreihen erkennen. Die von Heer (Über 
die fossilen Calosomen, Zürich, 1860) aus dem oberen Miozän von 
Öningen und Locle bekannt gemachten sieben Calosoma -Arten (C. 
Jaccardi, catenulatum, Nauckianum, deplanatum, escrobiculatum, 
Eschert und caraboides) scheinen in der Streifenbildung der Flügel- 
decken fast vollständig mit Calosoma Inquisitor übereinzustimmen, 
doch fehlen bei zwei dieser Arten (escrobiculatum und Eschert) 
Grübchen auf den Primärintervallen. 

Scudder hat aus dem oberen Miozän von Öningen unter dem 
Namen Heeri (Geolog. Mag. London, n. s. Dec. IV, Vol. II, 1895, 
p. 121, PL VI, Fig. 4) noch ein Calosoma beschrieben, dessen Flügel- 
decken 32 Streifen aufweisen. Diese Art würde sich in der An- 
lage der Flügeldeckenstreifung von unserem Carabus convexus, bei 
dem zwischen zwei Primärintervallen sieben Intervalle liegen und 
die Intervallsysteme daher aus acht Intervallen bestehen, fast nur 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(25) 



dadurch unterscheiden, daß Grübchen auf den Primärintervallen 
gänzlich fehlen. 

Bei Ca/rdbus convexus linden wir bei mikroskopischer Unter- 
suchung zwischen zwei Tracheenstämmen acht Säulenreihen, die 
auf der Oberseite der Flügeldecken wieder als Punktstreifen, auf 
der Unterseite als regelmäßige Reihen schwarzer, in der Mitte ver- 
tiefter Punkte zur Andeutung kommen. Ebenso verhalten sich 
Ca/rdbus hortensis, die Orinocaraben u. a. 

Bei den Hadrocaraben schließen zwei Tracheenstämme in der 
Regel sechs Säulenreihen ein, denen auf der Oberseite der Flügel- 
decken sechs Streifen entsprechen. Es befinden sich daher zwischen 
zwei Primärintervallen fünf Intervalle und die Intervallsysteme sind 
daher sechszählig. 

Wie sich die außerordentlich mannigfaltigen Carabenskulpturen 
von den besprochenen Grundskulpturen mit vier-, sechs- oder acht- 
zähligen Intervallsystemen ableiten lassen, ist bereits so vielfach 
erörtert worden, daß ich darauf nicht weiter einzugehen brauche. 
Es sei nur darauf aufmerksam gemacht ; daß mit der Auflösung 
der Skulpturen in vielen Fällen auch eine Auflösung der regel- 
mäßigen Reihenanordnung der Säulen bis zur völligen Zerstreuung 
verbunden ist, was durch die Untersuchung der Unterseite der 
Flügeldecken, auf der die Säulen durch große pigmentierte Punkte 
markiert erscheinen, sehr leicht festzustellen ist. Die tracheen- 
führenden Primärintervalle bleiben auf der Unterseite der Flügel- 
decken auch dann als deutlich hervortretende punktfreie Linien 
angedeutet, wenn sie auf der Oberseite gänzlich erloschen sind. 

In den bisher behandelten Fällen hatten wir es mit einer 
Vermehrung der Streifen, respektive Intervalle zwischen den 
tracheenführenden Primärintervallen zu tun. Eine andere Streifen- 
vermehrung kommt aber bei manchen Caraben dadurch zustande, 
daß sich Primärintervalle gabeln und daß zwischen ihren Gabel- 
ästen ebensoviele akzessorische Intervalle zur Ausbildung gelangen 
wie zwischen den Hauptstämmen. Der Gabelung der Primärinter- 
valle geht meist eine Gabelung ihrer Tracheenstämme voraus und 
es laufen die Gabeläste derselben eine Strecke parallel nebenein- 
ander, bevor sie mit den Primärintervallen auseinandertreten. 
Zwischen den auseinandertretenden Tracheenästen können nun eben- 



(26) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



soviele Säulenreihen zur Ausbildung* gelangen wie zwischen den 
Hauptstämmen und dadurch zwischen den Gabelästen des Primär- 
intervalles ebensoviele Streifen. Es kommt dadurch zur Einschaltung- 
ganzer Intervallsysteme. Häufig treten solche Einschaltungen von 
Intervallsystemen als Anomalie auf, wobei sich die Gabeläste des 
Primärintervalles bald wieder vereinigen, so daß nur lokalisierte 
Einschaltungen zustande kommen. Erfolgt aber die Gabelung des 
Tracheenstammes bereits vor seinem Eintritt in die Flügeldecke 
und verlaufen die Teiläste desselben in der Flügeldecke parallel 
nebeneinander, ohne sich zu vereinigen, dann verhalten sich die Teil- 
äste des Primärintervalles ebenso und es kommt zur Einschaltung 
eines die ganze Länge der Flügeldecken durchziehenden Intervall- 
systems, das aus dem inneren Ast des geteilten Primärintervalles 
und den zwischen den beiden Teilästen angelegten akzessorischen 
Intervallen besteht. Bei manchen östlichen Rassen des Carabus 
monilis können alle drei Primärintervalle in solcher Weise geteilt 
sein, wodurch sich ihre Zahl verdoppelt und drei Intervallsysteme 
eingeschaltet werden. Meist handelt es sich aber nur um die Ein- 
schaltung von einem oder zwei Intervallsystemen. Die Teilung des 
dritten ursprünglichen Primärintervalles erfolgt in der Regel erst 
in einiger Entfernung hinter dem Schulterrand der Flügeldecken 
durch Gabelung. Intervallgabelungen auf kurze Strecken kommen 
auch bei neunstreifigen Carabiden nicht selten vor. 

III. Herr F. Heikertinger berichtet über eine zur Erweiterung 
der Kenntnis der Halticinenfauna Niederösterreichs in der zweiten 
Hälfte August und ersten Hälfte September unternommene Sammel- 
exkursion in die Mariazeller Alpen und in das niederösterreichische 
Waldviertel. 

„Erstgenanntes Terrain, dem gut durchforschten nordöstlichen 
Kalkalpenzuge angehörend, bot wenig Neues. Von Interesse ist 
die Auffindung eines einzelnen Exemplares der ApMhona Stussineri 
Wse., einer ungeflügelten Art, die Weise nach etlichen von Stus- 
sin er bei Laibach (nordöstliches Karstgebiet) aus Laub gesiebten 
9 beschrieben hat und von der ich nur ein von Weise selbst 
determiniertes Stück mit dem Fundortzettel „Bosnien" bei Reitter 
sah. Die Art dürfte eine ähnliche weite Verbreitung haben wie 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(27 ) 



Cardax Stussineri Wse. und gleichfalls sehr selten sein. (Aphthona 
biokovensis Peneeke — vgl. Verhandl. d. k. k. zool.-botan. Ges. in Wien, 
Bd. LVII, 1907, 8. 16 — aus Dalmaticn halte ich für eine Lokalform 
der Aphthosa Stussineri Wse.) 

Ein Charaktertier der mit blühendem Origanum vulgare L. 
und Älectorölqphw alpinus Baumg. bestandenen, spätsommerlichen 
Waldwiesen war Longitarsus apicalis Beck, der jedoch, in Gefangen- 
schaft gehalten, die genannten Pflanzen nicht berührte. In feuchten 
Wiesen und an Bachrändern der Bergwälder lebte Crepidodera 
mehtnostoma Redtb. an Girsium -Arten. Es gelang mir, sie auf 
einigen Pflanzen dieser Gattung sicher nachzuweisen und in kurzer 
Gefangenschaft starken Fraß an den Blättern festzustellen. Das 
Vorkommen auf Cirsien entspricht völlig den spärlich bekannt ge- 
wordenen Standpflanzenangaben über andere Crepidodera- Äxten. 

An felsiger Straße zwischen Neuhaus und Lunz auf Eupa- 
torium cannabinum L., das dort eine charakteristische Erscheinung 
war, fand sich in großer Anzahl Longitarsus succineus Foudr., eine 
Tatsache, welche die Vermutung auslöst, daß die Angabe über die 
Fraßpflanze des Long, aeruginosus Foudr. bei Foudras und Bedel 
auf Verwechslungen mit Long, succineus beruhen. 

Von niedrigen Pflanzen streifte ich Psylliodes napi Fbr., 
Normalform (die Form flavicomis Wse. wurde von einigen Wiener 
Sammlern in derselben Gegend erbeutet!), Longitarsus rubellus 
Foudr., Long, curtus All. (die flügellose Form monticola Kutsch.), 
Apteropeda splendida All. u. a. Euphorbia cyparissias L. war von 
AphtJwna ovata All. belebt; unter diesen dürfte auch das oben er- 
wähnte Stück der Stussineri gewesen sein. 

Lieferten die Alpen wenig Bemerkenswertes, so boten die 
Exkursionen in das koleopterologisch bis jetzt noch undurchforschte 
Waldviertel, besonders in die auf Granit ruhenden Torfmoore des 
nordwestlichen Teiles ; einige Überraschungen. In diesen Mooren, 
den einzigen größeren (außeralpinen) Hochmooren Niederösterreichs, 
lebte der aus Österreich noch nicht nachgewiesene Longitarsus 
nigerrimus Gyllh., ein vorwiegend nördliches Tier. Er bewohnte 
sehr vereinzelt den Rand eines Teiches, ein mit Sphagnum be- 
standenes Moor, das unter Schilf und Riedgräsern kaum andere 
für den Käfer in Betracht zu ziehende Pflanzen aufwies. Von 



(28) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



diesen wurden Mentha arvensis L., Lycopus europaeus L. und 
Lytlwum salicaria L. (auf dem sich Aphthona lutescens Gyllh. ver- 
einzelt aufhielt) von dem Longitarsus verweigert. 

Hingegen gelang mir die Feststellung der Standpflanze eines 
Longitarsus, den ich für menthae Bedel zu halten geneigt bin und 
der in einem eine feuchte Wiese querenden Graben die von ihm 
arg zerfressene Mentha arvensis L. bewohnte. 

Dieselbe Wiese beherbergte an Chaetocnemen außer aridella 
Payk. (liortensis Wse.) noch Sahiber gi Gyllh. und die von Weise 
zu arida Foudr. gestellte Chaetocnemenform aestiva Wse. Erwähnung 
verdient außerdem noch eine hier unter zahlreichen normalen Stücken 
der Chaet. concinna Marsh, gefangene Abnormität, deren spiegel- 
glatter und nur verloschen punktierter Halsschild kaum eine Spur 
von Basalstricheln aufweist, dafür aber vollständig symmetrisch auf 
jeder Seite der Scheibe ein tiefes, rundes Grübchen zeigt. Ein 
gleiches Grübchen besitzt das Tier mitten auf der Stirn. 

An interessanten Tieren lieferte die Wiese noch Bibolia de- 
pressiuscula Letzn., das Moor Crepidodera femorata ab. aenei- 
pennis Wse. 

Es darf wohl behauptet werden, daß eine Gegend, die inner- 
halb weniger Stunden so interessante Funde liefert, einer genaueren 
Durchforschung wert wäre. 

Der östliche Teil des Wald vierteis — durchsucht wurde vor- 
wiegend das Gebiet des Kamp zwischen Wegscheid, Horn, Eggen- 
burg und Gars — ergab infolge der vorgeschrittenen Jahreszeit 
wenig von Interesse. 

Bumex acetosa L. auf den Flußwiesen war von Mantura obtusata 
Gyllh., einem um Wien relativ seltenen Tiere, zahlreich bewohnt; auf 
denselben Wiesen lebte an Geranium pratense L. die wenig bekannte 
AphtJwna pallida Bach, die ich übrigens auch in einem Stoppel- 
felde auf Geranium pusillum L. und Erodium cicutarium L'Herit. 
fing. In der Gegend von Eggenburg wimmelte Ballota nigra L. 
von Longitarsus ballotae Marsh. ; im Taffatal bei Horn fand sich die 
geflügelte Form des Longitarsus curtus All. auf Unterholz im Walde. 

IV. Herr F. Blühweiß bringt eine biologische Mitteilung über 

Carabus scabriusculus Oliv. Er beobachtete den Käfer auf Feld- 



Versammlung der Sektion für Koleopterologid. 



wegen bei Marchegg (Marchfeld, N.-Ö.), wie derselbe gegen Abend 
Jagd auf Rhizotrogus solstitialis L. machte. Die Junikäfer, be- 
sonders deren trägere , , welche die schwärmenden erwarteten, 
hielten sich an Gras und Pflanzenstengeln auf und wurden dort 
eine Beute des Garabas, der sie, an den Stengeln emporkletternd, 
überfiel, an einem der Beine faßte und dieses nahe am Leibe abbiß. 
Er ging hierbei zielbewußt vor, ließ sich durch die verzweifelte 
Gegenwehr des im Verhältnisse zu ihm sehr kräftigen Junikäfers 
nicht beirren, ruhte nicht eher, bis ihm sein Opfer genügend ver- 
stümmelt schien, um nicht mehr entkommen zu können — zumindest 
fehlten stets die hinteren Beinpaare — und fraß ihm hierauf bei 
lebendem Leibe das Abdomen aus. 

Beobachter wohnte solchen Kämpfen, in deren Verlaufe die 
Käfer zur Erde fielen und sich mehrfach überschlugen, einigemale 
bei und fand auch zahlreich verstümmelte Leichen, an denen sich 
oft zwei bis drei Carabus zu schaffen machten. 

V. Herr Dr. K. Holdhaus macht aufmerksam auf die kürz- 
lich erschienene Beschreibung eines neuen Käfers aus der Wiener 
Gegend: Argoptochus vindobonensis Formanek (Wien. Entom. Zeit, 
1908, S. 223). Die Art ist mit Argoptochus bifoveolatus Stierl. aus 
den siebenbürgischen Karpathen (Schuler, subalpin) zunächst ver- 
wandt und wurde nach freundlicher Mitteilung des Autors bei Reka- 
winkel in Gesellschaft von Brachysomus echinatus gesammelt. (Die 
Diagnose gibt nur die Provenienzangabe: Wiener Wald.) Mit Argo- 
ptochus vindobonensis findet die Montanfauna des Wiener Waldes 
eine sehr interessante Bereicherung. 

VI. Herr Dr. K. Holdhaus legt außerdem den kürzlich abge- 
schlossenen I. Band des Werkes von E. Csiki, Magyarorszäg 
Bogärfaunaja, vor. 

Das Werk ist in ungarischer Sprache geschrieben und bietet eine syste- 
matische Bearbeitung der Koleopteren des Königreichs Ungarn einschließlich 
des Okkupationsgebietes. Der I. Band umfaßt die gesamten Adephagen. Für 
den der ungarischen Sprache nicht mächtigen Koleopterologen liegt die Be- 
deutung des Werkes vorwiegend auf faunistischem Gebiete, indem hier zum 
erstenmale eine verläßliche Übersicht über den derzeitigen Stand der koleo- 
pterologisch-faunistischen Erforschung von Ungarn geboten wird. Es lag zwar 



(30) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



bereits früher eine zusammenfassende faunistische Arbeit über die Koleo- 
pterenfauna Ungarns vor in Kuthys verdienstvollem Koleopterenverzeichnis 
in der „Fauna Regni Hungariae", 1896, doch enthielt dieses Verzeichnis ver- 
schiedene unrichtige oder veraltete Determinationen. Diese Fehler sind in dem 
neuen Werke von Csiki richtiggestellt. 

Das Werk enthält eine Reihe von Neubeschreibungen und Neubenen- 
nungen. Abgesehen von einer Anzahl Carabus-U&ssen und mehreren anderen 
Subspezies und Varietäten werden als neu beschrieben: Pterostichus (Poecilus) 
Szepigletii aus den Süd- und Ostkarpathen (mit P. marginalis zunächst ver- 
wandt, von demselben verschieden durch viel schwächer gerundete Seiten- 
ränder des Pronotums und häufig auftretende Polychromose; die Art ist iden- 
tisch mit P. marginalis Deubeli Gglb. in litt, und dürfte sich unter diesem 
Namen in manchen Sammlungen finden-, P. Szepigletii ist namentlich in der 
alpinen Zone vieler siebenbürgischer Gipfel recht häufig), ferner Cymindis 
buclensis aus den Ofner Bergen und Cymindis hungarica, eine sehr auffallende, 
ganz schwarze Art aus dem Banat. 

Als faunistisch besonders interessant seien aus dem Werke von Kustos 
Csiki folgende Angaben hervorgehoben: 

Nebria castanea Bon. wurde von dem Budapester Sammler Herrn Franz 
Ehmann in einem Exemplar am Ufer des Plattensees in totem, aber sonst 
intaktem Zustande im Geniste aufgefunden. 1 ) Da diese Art ausschließlich in 
der hochalpinen Region der Alpen vorkommt, kann es sich nur um ein Exem- 
plar handeln, das vom Weststurme losgerissen und aus den Alpen in den 
Plattensee getragen wurde. 

Anophthalmus hungaricus Csiki stammt aus der Aggteleker Höhle im 
Gömörer Komitat in Nordungarn. Es ist dies der erste Höhlenkäfer aus den 
Nordkarpathen. Der Fund ist deshalb sehr lehrreich, weil in den Ostalpen 
bekanntlich Höhlenkäfer und überhaupt montane Blindkäfer nur in dem Areale 
südlich der Drau vorkommen. Die Tatsache, daß in den Karpathen die Blind- 
käferfauna soviel weiter nördlich reicht — ein weiterer nordkarpathischer 
Blindkäfer ist Anophthalmus pilosellus Mill., im Walde unter großen Steinen 
lebend, der in der Tatra und auf der Babia gora nachgewiesen wurde — ist 
ein wichtiges Argument für die Richtigkeit der Anschauung, daß die Be- 
schränkung der Blindkäferfauna in den Ostalpen auf das Areal südlich der 
Drau eine Folge der Eiszeit ist, welche die Subterranfauna nördlich der Drau 
vernichtete. Die Drau behält ihren Charakter als Blindkäferbarriere übrigens 
auch in Ungarn bei. Das Papokgebirge in Slavonien (Pozsega) besitzt Blind- 
käfer, in den Fünfkirchener Bergen (Mecsekgebirge), wo ich im Juni 1908 
sehr darnach fahndete, fehlen dieselben. 

l ) An der Verläßlichkeit der Angabe ist nicht zu zweifeln. Ich hatte 
selbst Gelegenheit, mit Herrn Ehmann darüber zu sprechen; er sammelt aus- 
schließlich ungarische Koleopteren, steht mit niemandem im Tauschverkehr 
und hat seit vielen Jahren keine Sammelreise außerhalb Ungarns gemacht. 



Versammlung der Sektion für Kolcoptcrnlogic. 



(81) 



leninistisch interessant ist auch die Angabe, dafl der sttdenropäische 
Ptcwstichus (Orthomus) barbarus Dej. kürzlich im (löinörer Komitat aufge- 
funden wurde. Hingegen ist die Angabe, daß Trechus ochreatus Dcj. in Kroa- 
tien vorkommt, gewiß unrichtig (im Budapester Nationalmuseum landen sich 
Stücke der Art mit dieser falschen Provenienzangabe). Die aus Koca über- 
nommene Angabe, daß Trechus constrictus bei Jankovac in Slavonien gefunden 
wurde, beruht wohl gewiß auf Verwechslung mit Trechus palpaUs. 

Das Werk von Csiki ist wohl für jeden unentbehrlich, der sich für 
die Koleopterenfaunistik Ungarns interessiert. Möge es dem Autor vergönnt 
sein, dasselbe zum Abschlüsse zu bringen. 



Allgemeine Versammlung 

am 9. Dezember 1908. 
Vorsitzender: Herr Präsident Prof. Dr. R. v. Wettstein. 



Der Generalsekretär teilt mit, daß der Gesellschaft als Mit- 
glied beigetreten ist: 

Fräulein Malvine Löwy, Lyceallehrerin, Wien, IX., Liechten- 
steinstraße 81. (Vorgeschlagen durch den Ausschuß.) 

Ferner teilt derselbe mit, daß in der letzten Sitzung des Re- 
daktionskomitees folgende Arbeiten zur Publikation in den „Ver- 
handlungen" angenommen wurden: 

Tschusi zu Schmidhoffen, V. Ritt. v. Ornithologische Literatur 
Österreich- Ungarns und des Okkupationsgebietes 1907. 

Loitlesb erger, K. Zur Moosflora der österreichischen Küsten- 
länder. II. 

C obel Ii, R. I Thysanoptera del Trentino. 

— Gli Aphaniptera del Trentino. 

— Contribuzione alla Flora micologica della Valle Lagarina. II. 
Kohl, Fr. Nachruf für August Schletterer. 

Brauns, H. Epeolm -Arten Südafrikas. 

— Crocisa -Arten Südafrikas. 
Karny, H. Recensio Conocephalidarum. 
Schiffner, V. Hepaticae Latzelianae. 



(32) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



Wagner, R. Zur Kenntnis der vegetativen Verzweigung der Aristo- 

lochia ornithocepliala Hook. 
Breit, J. Eine koleopterologische Sammelreise auf Mallorka. 
Burger st ein, A. Pflanzenkulturen im diffusen Tageslichte. II. 

Hierauf spricht Herr Prof. Dr. Erich Edl. v. Tschermak 
über: Die Kreuzungszüchtung landwirtschaftlicher Kultur- 
pflanzen. 

Sodann hält Herr Prof. Dr. J. Fiebiger einen Vortrag: 

Über Protozoen als Parasiten der Fische. 

Ich beabsichtige, heute einen kurzen Überblick über jene 
Protozoen zu geben, welche auf und in Fischen sich aufhalten und 
dabei ihre Lebensbedingungen finden. Größtenteils handelt es sich 
um echte Parasiten, welche sich demnach von lebenswichtigen Be- 
standteilen des Wirtstieres ernähren und nur deshalb mitunter keinen 
besonderen Schaden verursachen, weil sie zu klein sind, zu geringe 
Lebensbedürfnisse haben und in zu geringer Anzahl auftreten. Zum 
Teil gibt es sicher auch Protozoen, die auch in gehäufter Zahl 
keine schädigende Wirkung entfalten, weil sie sich bloß von Ab- 
fallsprodukten des Wirtstieres nähren, also Commensalen sind. 

Die Protozoen halten sich zum Teil als Ektoparasiten an der 
Oberfläche der Fische auf. Als solche kommen wohl hauptsächlich 
Ciliaten und Flagellaten, d. h. solche Protozoen in Betracht, welche 
über Bewegungsorganellen verfügen. Als Entoparasiten spielen neben 
Flagellaten die Sporozoen die größte Rolle. Letztere sind die Zell- 
schmarotzer par excellence und tatsächlich gibt es wohl kein Organ, 
das von ihnen nicht heimgesucht wird. Eine artenreiche Ordnung, 
die Myxosporidien, kann man nahezu als spezifische Fischparasiten 
bezeichnen. 

Für die Pathologie der Fische besitzen die Protozoen die größte 
Bedeutung, da sie selbst den Bakterien den Rang ablaufen, während 
sie bei den Epidemien der Warmblüter gegenüber den Bakterien 
mehr in den Hintergrund treten. Übrigens hat die neuere Forschung 
nachgewiesen, daß auch bei den Warmblütern die Protozoen oder 
ihnen nahe stehende Organismen eine größere Bedeutung haben 
als man bis jetzt ahnte. 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(33) 



Daß gerade die Fische mit Vorliebe von Protozoen aufgesucht 
werden, hängt damit zusammen, daß die Protozoen viel mehr als 
die Bakterien auf das feuchte Element angewiesen sind und die 
Austrocknung viel schlechter vertragen. Sie haben daher auch viel 
mehr Gelegenheit, Fische zu befallen als Landtiere. Hei der starken 
Vermehrung der Protozoen nimmt es uns auch nicht Wunder, daß 
nicht nur vereinzelte Schädigungen vorkommen, sondern auch ver- 
heerende Epidemien durch sie entstehen. Ich nenne nur Costia 
necatrix, Chilodon cyprini, die Coccidien, die Myxosporidien etc. 

Man sieht nach diesem Überblick, daß es ganz ausgeschlossen 
ist, dieses Gebiet im Detail vorzuführen. Ich will mich haupt- 
sächlich auf jene Spezies beschränken, über welche ich während 
meiner jetzt gerade fünfjährigen Beschäftigung mit den Krankheiten 
der "Fische eigene Erfahrungen sammeln konnte. 

Von den fünf Klassen der Protozoen kommen die Flagellaten, 
Ciliaten und Sporozoen in Betracht. 

I. Die Ciliaten. 

Ich beginne mit den Ciliaten, da diese durchwegs Ektopara- 
siten auf Haut und Kiemen sind, und möchte hier drei Spezies 
hervorheben: Chilodon cyprini, Cyclo- 
chaete und Ichthyophthirius multifiliis. 

a) Chilodon cyprini Moroff 
(Fig. 1) ist ein Hypotrich, d. h. bloß 
mit Wimpern an der unteren flachen 
Seite versehen, während die obere nackt 
und längsgestreift ist. Das Tier besitzt 
eine herzförmige Gestalt, ein Cytostom 
an der Bauchfläche mit adoraler Wim- 
perzone und mit Reusenapparat, ist 
50 lang, 30 [.i breit, also ziemlich groß. 

Diese Ciliaten leben vorzugsweise 
auf der Haut und den Kiemen der 
Karpfen und verwandter Fische, wo 
sie mitunter in ganz kolossaler Menge Fi £- L Müodon cyperini von der 

i T-i j • • i Bauchseite (nach Moroft). 

vorkommen. Es wurden mir einmal v 

K Kern, AT Vakuolen, Rap Reusen- 

Karpien eingeschickt, deren Kiemen apparat. 

Z. B. Ges. 59. Bä. c 




(34) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



geradezu bedeckt waren von einer dicken Schichte dieser Schma- 
rotzer. In charakteristischer Weise bewegen sie sich im Kreise, um 
sich bald wieder festzusetzen. Sie scheinen auf die parasitische 
Lebensweise angewiesen zu sein, da sie in der Glasschale bloß ein 
bis zwei Tage am Leben bleiben. Sie sind außerordentlich ver- 
breitet und vermehren sich unter günstigen Bedingungen kolossal. 
In meinen Aquarien waren wenigstens stets in kurzer Zeit bei 
Neubesatz sämtliche Bewohner infiziert. Salmoniden bleiben jedoch 
von ihnen verschont. Ihre Rolle wird meiner Ansicht nach sehr 



unterschätzt. Es ist klar, daß durch ihre Tätigkeit die empfindlichen 
Zellen, welche die Kiemen bedecken, lädiert werden, abgesehen von 
der mechanischen Beeinflussung, die sie auf den Gaswechsel aus- 
üben. Der Tod unserer Aquariumfische ist vielfach auf ihren Ein- 
fluß zurückzuführen. 

b) Die zweite Spezies, die Cyclochaete (Fig. 2), ist so recht, 
um mit Haeckel zu sprechen, als eine Kunstform der Natur zu be- 
zeichnen. Sie hat die Gestalt einer flachen Glocke mit vollständig 
kreisförmigem Grundriß. Die Oberseite ist demgemäß gewölbt, die 
Unterseite ausgehöhlt. Mehrere Kränze von Wimpern sowie ein 
Velum umgeben ihre Circumferenz. Die Unterseite ist von einem 
Ringband umgeben, in welches quere Binden eingezeichnet sind. 




Fig. 2. Cyclochaete Domerguei 
(nach Moroff) 
von'der Bauchseite. 



Fig. 3. Ichthyophthirius multi- 

filiis (nach Bütschli). 
o Mund, 11 Kern, cv Vakuolen. 



Bericht über <ii<' allgemeine Versammlung. 



(36) 



Der Kern ist hufeisenförmig. Auch dieses Wimperinfusor kommt 
bei karpfenartigen, aber auch anderen Fischen an Haut und Kiemen 
vor. Speziell bei einer Aalbrut mußte sie bei ihrem massenhaften 
Vorkommen für das gehäufte Absterben derselben verantwortlieb 
gemacht werden. 

c) Ichthyophthirius multifiliis (Fig. 3). Es ist dies die 
größte Form, welebe sogar mit freiem Auge leicht wahrgenommen 
wird. Er erreicht eine Länge von 1 mm, ist eiförmig gebaut, mit 
einem Cytostom an dem einen Ende. Die Oberfläche ist meri- 
dional gestreift und gleichmäßig bewimpert. Das Ektoplasma ent- 
hält massenhaft undurchsichtige Körner und zahlreiche kontraktile 
Vakuolen. 

Diese Infusorien sitzen in Zysten in der Epidermis der Fische. 
Sie manifestieren sich dann als weiße Knötchen. Die Vermehrung 
geschieht in der Regel erst, nachdem die Zyste geplatzt ist, das 
Tier sich zu Boden gesenkt und mit einer Gallertkapsel umgeben hat. 

Neresheimer hat in der letzten Zeit eingehende Unter- 
suchungen über diese Ciliaten angestellt und ist zu folgenden in- 
teressanten Ergebnissen gelangt: Aller Wahrscheinlichkeit nach be- 
sitzen auch diese Infusorien einen Generationswechsel ähnlich dem 
der Coccidien, d. h. eine ungeschlechtliche Vermehrung, bei welcher 
die Sprößlinge die Fähigkeit besitzen, aufs neue Fische zu infizieren, 
und eine geschlechtliche Fortpflanzung mit Produktion von Gameten, 
den Geschlechtsformen. 

Der letzterwähnte Modus zeigt allerdings ganz bedeutende 
Abweichungen von dem sonstigen Vermehrungstypus der Ciliaten. 
Nach diesen Forschungen geht der Mikronucleus (der Geschlechts- 
kern der Ciliaten) erst aus dem Makronucleus hervor. Dieser erst- 
entwickelte Mikronucleus teilt sich und die Teile vereinigen sich 
wieder. Da es Neresheimer nicht gelang, die Kopulation zwi- 
schen verschiedenen Gameten zu beobachten, kommt er zu der . 
Vermutung, daß es sich hier um eine Art von Selbstbefruchtung 
handelt. Der kopulierte Nebenkern dringt später wieder in den 
Hauptkern ein und lagert im Zentrum desselben, gleichsam wie ein 
Karyosom. 

In allerletzter Zeit hat Roth sich auf Grund eigener Unter- 
suchungen gegen einen solchen Generationswechsel ausgesprochen. 



(36) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



Die von Neresheimer beobachteten ungeschlechtlichen Formen 
seien bloß Degenerationsprodukte, welchen alle Fähigkeiten, noch 
weiter zu infizieren, abhanden gekommen seien. 

II. Die Flagellaten. 

An die Ciliaten wollen wir aus biologischen Gründen die Be- 
sprechung der Mastigophoren anschließen. Die parasitären Formen 
gehören zu der Gruppe der Flagellaten; sie sind durchwegs kleine 
Formen und zeichnen sich durch das Vorhandensein von Geißeln aus. 

In ähnlicher Weise wie Chilodon cyprini und häufig mit ihm 
vergesellschaftet schmarotzt Costia necatrix (Fig. 4) auf der Haut 
und an den Kiemen von Fischen. Der Körper ist 20 \i lang, von 
der Fläche gesehen eiförmig. An der Bauchseite entspringen am 
vorderen Rande zwei ungleich lange Geißelpaare. Die längeren 
ragen weit über den Körper herab und dienen zur Anheftung an 
die Epidermiszellen (Fig. 5), die kürzeren dienen zur Fortbewegung 
und zur Herbeistrudelung der Nahrung zu der in der Nähe gelegenen 
Mundöffnung. 

Sie scheinen noch mehr als Chilodon die Haut und die Kiemen 
zu reizen. Dadurch kommt es zur Schleimabsonderung und zur 
Trübung der Hautoberfläche, die daher schon auf das Vorhanden- 
sein dieser Parasiten aufmerksam macht. 

Mit Vorliebe wird von ihnen die Salmonidenbrut befallen. 
Durch die Affektion der Kiemen und den ausgeübten Reiz tritt bei 
der geringen Widerstandskraft der Fischchen oft ein verheerendes 
Sterben in den Bruttrögen auf. 

Die Flagellaten finden jedoch auch im Innern des Körpers 
Orte für ihre Existenzbedingungen, welche an eine freiere Beweg- 
lichkeit geknüpft sind. Es ist dies das Darmrohr und das Blut- 
gefäßsystem. Analog den Ciliaten, die oft in großer Menge bei 
höheren Wirbeltieren den Darm bevölkern können — bei den 
Pflanzenfressern gehören sie zu den regelmässigen, fast physio- 
logischen Vorkommnissen — , finden wir auch im Darmtrakt der 
Fische, jedoch viel seltener, Flagellaten. Ich nenne hier den Uro- 
phagus intestinalis. Schädliche Wirkungen konnten auch von 
diesen Parasiten nicht mit Bestimmtheit beobachtet werden. Leger 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(87) 




Fig. 4. Costia necatrix von der Bauchseite 
(nach M or off). 

M Mundöffnung, G Geißeln, K Kern, V kontraktile 
Vakuole. 



und Dubosqu haben übrigens in der letzten Zeit auch Ciliatcn- 
infusorien im Darm von Box salpa beschrieben. 

Weitaus häufiger, interessanter und wich- 
tiger ist jedoch das Vorkommen der Trypano- 
somen im Blute. 

Sie haben die bekannte wurmförmige Ge- 
stalt mit der seitlichen undulierenden Membran. 
Regelmäßig besitzen sie eine Geißel am vor- 
deren Ende, mitunter auch eine solche am 
hinteren Ende. Letztere Formen nennen wir 
Trypanoplasmen (Fig. 6), 
und sie sind es, die beson- 
ders häufig bei Fischen vor- 
kommen. 

Interessant ist das Auf- 
treten von zwei Kernen, 
einem Hauptkern und dem 
sogenannten Blepharoplasten, aus welchem die vordere Geißel her- 
vorgeht. Da dieser letztgenannte Kern die Rolle des Geschlechts- 
kerns, ähnlich dem Mikronucleus der Ciliaten übernimmt, sehen wir 
hier eine interessante Analogisierung 
zwischen zwei sonst so verschiedenen 
Tierklassen. 

Die Trypanosomen gehören bei 
den Karpfen zu den gewöhnlichsten 
Vorkommnissen. In gewissen Bezirken 
finden wir sie regelmäßig. Während 
die Trypanosomen bei höheren Wirbel- 
tieren oft furchtbare Seuchen erzeugen, Schnitt durch die Haut einer 
so beim Menschen die vielgenannte j un S en Seeforelle mit aufsitzen- 
o i w 1.4. a xt - i tt den Costien (nach Moroff). 

Schlafsucht der Neger, bei den Haus- v 

tieren der Tropenländer die Naganaseuche oder Tsetsefliegenerkran- 
kung, ist eine solche schädliche Wirkung bei den Fischen in den 
meisten Fällen nicht nachzuweisen. Wohl hat Plehn eine Anämie 
der Fische als Folgeerscheinung beschrieben. In allen von mir 
beobachteten Fällen waren die Exemplare gut genährt und das 
Blut zeigte nichts Abnormes. Karpfen, welche auf höchst primi 




Fig. 5. 



(38) 



Bericht Uber die allgemeine Versammlung. 




tive Art transportiert worden waren — sie bekamen ein Stück mit 
Branntwein getränktes Brot ins Maul und wurden ohne Wasser in 
Holzwolle mit etwas Eis verpackt — , erholten sich nach viel- 
stündiger Eisenbahnfahrt und lebten noch lange 
Zeit in meinen Aquarien. Es mag sich bei dem 
Auftreten der Anämie entweder um eine viel stärkere 
Infektion oder um eine andere Rasse von Trypano- 
somen gehandelt haben. 

Während bei Warmblütern Insekten als Über 
träger fungieren, übernimmt nach den eingehenden 
Untersuchungen von Kaysselitz der Fischegel diese 
Rolle. In dem Darm dieses Anneliden sind auch 
^plclma^Bo^elU Entwicklungsvorgänge mit Gametenbildung beob- 
(nach Laveran achtet worden, 
und Mesnil). 

Ja vordere Geißel, f P IIL Die SpOrOZOCll. 

l^SSaJSS; Wir wenden ™ s *™ zu der weitaus wichtigsten 
m unduiierende Mem- Gruppe der parasitischen Protozoen, zu den Sporo- 
zoen. Während die beschriebenen Flagellaten und 
Ciliaten durch enge Verwandtschaftsbande mit frei lebenden Arten 
verbunden werden, sind die Sporozoen durchwegs Parasiten, und 
zwar Zellschmarotzer, d. h. die vegetative, die heranwachsende Form 
vollzieht ihre Lebensprozesse auf Kosten des lebenden Protoplasmas 
von Zellen, in welche diese Schmarotzer eingedrungen sind, und 
zwar geschieht die Ernährung auf dem Wege der Osmose. 

Wir teilen die Sporozoen ein in Telosporidien und Neosporidien, 
je nachdem sie zur Sporenbildung am Ende des vegetativen Lebens 
schreiten oder während desselben in ihrem Leibe solche Fort- 
pflanzungskörper liefern. 

Die Telosporidien zerfallen in die Coccidiomorpha und in die 
Gregarinida, erstere wieder in die Coccidien und die Haemosporidien. 

A. Die Coccidien. 

Die Coccidien sind größtenteils Schmarotzer des Darmepithels. 
Als solche finden wir sie auch häufig bei Fischen. Die bis jetzt 
beschriebenen Arten gehören alle zu den Tetrasporea, d. h. sie ent- 
wickeln vier Sporen in der Oozyste. Ich habe selbst in der letzten 



Beriohl über <lic allgemeine Versammlung. 



Zeit einen stark entzündeten Darin bei einem Karpfen beobachtet, 
welcher Coccidien in der Epithelschichte zeigte. 

Anderseits habe ich gemeinsam mit meinem Freunde Moroff 
vor mehreren Jahren ein Coccidium aus dem Darm eines Karpfen 
beschrieben, welches in Knötchen unterhalb des Darmepithels auf- 
trat. Wir nannten es daher Eimeria subepithelialis (Fig. 7). 
Wir fanden damals die verschiedensten Entwicklungsstadien der 
Sporogonie, vor allem die großen Zysten mit vier Sporen, letztere 





Fig. 7. Oozyste von 
Eimeria subepithe- 
lialis aus dem Darm 

eines Karpfen. 
Teilung in vier Sporo- 
blasten. 



Fig. 8. Goussia Gadi n. sp. aus der 
Schwimmblase von Gadus virens. 

a Tetrasporenbildung in dünnwandiger Zyste. 
b Einzelne Spore mit Naht und zwei Sporo- 

zoiten. 
c Freier Sporozoit. 



mit einer resistenten Hülle versehen und darin die Sporozoiten 
oder Sichelkeime mit einem Restkörper. Es handelte sich damals 
um eine ganze Epidemie, welcher zahlreiche Karpfen zum Opfer 
fielen. In der letzten Zeit kamen an der biologischen Station für 
Fischerei in München neuerlich solche Epidemien zur Untersuchung, 
bei welchen große Mengen solcher Coccidien im Darm gefunden 
wurden. Es macht mir daher den Eindruck, daß die Coccidien 
den Darm sehr zu schädigen imstande sind. 

Ebenfalls zu den Tetrasporea einzureihen ist das Genus Gous- 
sia (Fig. 8), das ich gelegentlich einer Exkursion, welche ich vor 
mehreren Jahren auf einem Fischdampfer in die isländischen Ge- 
wässer unternahm, sehr häufig in der Schwimmblase von Gadus- 
Arten, besonders dem Gadus virens Köhler, bei uns Seelachs ge- 
nannt, fand. 



(40) 



Bericht über die allgemeine Versammlung-. 



Es fiel mir damals auf, daß die Schwimmblase dieser Fische 
sehr häufig anstatt mit Gas strotzend, mit einer gelben, dicklich 
schleimigen, cremeartigen Masse gefüllt war. Ich hielt die Masse 
zuerst für Eiter und erst die mikroskopische Untersuchung in Wien 
belehrte mich, daß diese Substanz aus einer ungeheuren Menge 
von Coccidiensporen bestand. Schon bei schwacher Vergrößerung 
sind auf einem Quetschpräparat die rigiden, ovalen, mit einer Längs- 
naht versehenen Kapseln sichtbar. Wie eine Schote sind sie viel- 
fach aufgeklappt und zeigen ihren Inhalt, bestehend aus zwei 
länglichen, vorne spitzen, hinten abgerundeten Sporozoiten. In der 
Kapsel sind diese Sporozoiten abgeknickt und ineinander ver- 
schränkt; nach dem Austritt strecken sie sich aus. Meines Wissens 
hat nur Johannes Müller vor 60 Jahren diese Form beschrieben. 
Natürlich konnte bei dem damaligen Stande der Protozoenforschung 
und der noch primitiven Technik von einer einwandfreien Beschrei- 
bung und Deutung nicht die Rede sein. 

Johannes Müller erklärte sie als Psorospermien, unter welchem 
Namen man bis vor kurzer Zeit einen großen Teil der Sporozoen 
zusammenfaßte. Nach Labbes Einteilung gehören sie zum Genus 
Goussia. Ich habe sie Goussia Gadi genannt. 

Es ist gewiß auffallend, daß Fische, bei welchen ein so 
wichtiges Organ wie die Schwimmblase ausgeschaltet ist, überhaupt 
existieren können, daß ferner mitunter die Fische sonst ein normales 
Aussehen zeigen. In vielen Fällen war den Fischen allerdings der 
Stempel der Krankheit aufgedrückt. Sie zeigten vielfach Schuppen- 
defekte, mitunter tiefe, wie mit dem Locheisen ausgeschlagene Ge- 
schwüre, Abmagerung, besonders im Schwanzteil. Fragen, wie die 
Parasiten in die Fische hineingelangen, wie ferner die Übertragung 
zustande kommt sowie die Feststellung des Entwicklungszyklus 
überhaupt, harren noch der Erledigung. 

Die Hausfrauen kann ich bezüglich der Übertragbarkeit be- 
ruhigen. Selbst von Coccidien der Warmblüter sind nur ganz ver- 
einzelte und nicht zweifellose Übertragungen auf den Menschen 
verzeichnet, so vom Coccidium oviforme (Eimeria stiedae) des 
Kaninchens. 

Die Kaltblüterparasiten scheinen, mit einziger Ausnahme des 

Dibothriocejihalus latus, dessen Finne bei Fischen vorkommt, über- 



Bericht libei »lic allgemeine Veraaninilimg. 



(41) 



haupt nicht die Fähigkeit zu haben, sich dem Organismus des 
Menschen anzupassen. 

Wir wenden uns nun zur zweiten Gruppe der Sporozoen, zu 
den Neosporidien. Wir teilen sie in die Cnidosporidien und die 
Sarkosporidien. Letztere kommen für uns nicht in Betracht, da sie 
hloß im Muskel der Warmblüter vorkommen. Erstere zeichnen sich 
durch Sporen mit Polkapseln aus, welch letztere in ihrem Innern 
einen langen ausstülpbaren Spiralfaden beherbergen. Die Sporen 
gehen aus den Pansporoblasten hervor. 

Die Cnidosporidien scheiden wir wieder in die Myxosporidien 
und die Mikrosporidien. Bei den ersteren entwickeln sich aus einem 
Pansporoblasten nur zwei Sporen mit 1 — 4 Polkapseln, bei den 
letzteren viele, meist sehr kleine Sporen bloß mit einer, ohne Rea- 
gentien unsichtbaren Polkapsel. 

B. Die Myxosporidien. 

Von diesen nenne ich folgende Familien: 

a) Die Myxidiiden mit der uns interessierenden Spezies 
Myxidium Lieberhühni. Die spindelförmigen, längsgestreiften 
Sporen haben die Polkapseln an den Enden. Dieses Myxidium ist 
nahezu ein regelmäßiger Befund in der Harnblase der Hechte, deren 
Schleimhaut die vegetative Form flächenhaft über- 
zieht, ohne nachweisbare pathologische Veränderungen 
hervorzurufen. 

b) Die Chloromyxiden. Die Sporen besitzen 
hier vier Polkapseln, die Sporenhülle ist an der Ober- 
fläche in charakteristischer Weise gerifft. ^. n 

° Fig. 9. 

Ihr Lieblingssitz ist die Leber und die Gallen- chloromyxum 

blase der Fische. In den letzten Jahren sind auch truttae Leger 

einige Spezies beschrieben worden, denen pathogene (nach Mor off) 

Bedeutung zukommt. Ich erwähne nur folgende Arten : aus der Gallen- 
blase von Bach- 

1. Chi oromyxum truttae (Fig. 9), beschrieben fbrellen. 
von Leger in Frankreich. Die Rippen gehen in 
querer Richtung von der median verlaufenden Naht ab. Durch 
ihren Aufenthalt in der Gallenblase beeinträchtigen sie die Gallen- 
absonderung und erzeugen die epidemische Gelbsucht der Forellen. 




(42) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 




Fig. 10. 
Chloromyxum du 
bium aus der Gal 
lenblase v. Weiß 
fischen (n. Auer 

bach). 

lichtbrechende. 



2. Chloromyxum dubium (Fig. 10), welches Auerbach bei 
Weißfischen des Bodensees beobachtet hat. Auch sie kommen in 
der Galleublase vor. Die Sporenkapsel besitzt Riefen, welche parallel 
zur Mediannaht verlaufen. Ich selbst habe im 
letzten Jahre ein Sterben bei einsömmerigen 
Karpfensetzlingen beobachtet, welche in der Gallen- 
blase und in der Leber als regelmäßigen Befund 
Sporen und vegetative Formen von Chloromyxum 
zeigten. Auch hier waren sehr auffallende Riefen 
parallel zur Mediannaht vorhanden. Ich halte die 
Form mindestens für nahe verwandt mit der 
früheren. 

c) Die Myxoboliden (Fig. 11). Diese Gruppe 
enthält die weitaus wichtigsten und zahlreichsten 
Arten, weshalb wir etwas länger dabei verweilen 
müssen. Besonders charakteristisch sind für die 
Sporen die beiden Polkapseln, welche als stark 
mit Saffranin besonders different färbbare, ovale 
Gebilde auffallen. Die Sporen bestehen aus zwei Schalenhälften; 
durch das Aufklappen derselben wird der Sporozoit frei, dringt in 
die Zellen des Wirtes ein und entwickelt sich weiter. 

Die Myxoboliden sind in allen 
Organen des Fischkörpers zu finden. 

1. In der Haut treten sie als 
Knötchen auf. 

2. Ebenfalls in Knötchenform 
sind sie auf den Kiemen besonders 
von Cypriniden als Myx. Mülleri 
und M. dispar zu finden. 

Gelegentlich der Abfischung 
eines Donauarmes untersuchte ich die Kiemen von Zandern und 
fand sie sämtlich besät mit mohnkorngroßen Knötchen, welche je- 
doch anscheinend den Fischen wenig Beschwerden verursachten. 
Ich fand sie bei alten und bei jungen Fischen. Die Knötchen be- 
standen durchwegs aus Nestern einer den Myxoboliden nahe- 
stehenden Art, nämlich einer Heneguya (Fig. 12). Bei dieser 
zeigen die Kapselhälften schwanzartige, lange Anhänge. 




Fig. 11. Schema einer 
Myxobolus- Spore, mit 
zwei Polkapseln, das 
Cnidocil der einen aus- 
gestülpt, Sporozoit mit zwei Kernen 
und einer Vakuole (nach Doflein). 



Bericht Uber <iic allgemeine Versammlungi 



(43) 



Im Archiv für Protistenkunde bat Schröder ebensolche 
Knötchen, gleichfalls durch Heneguya verursacht, bei Acerina oernua 
beschrieben. Es durfte sich wohl um die gleiche Form bandeln. 

3. Die Barbenseuche. Im Mosel- 
gebiet und in Frankreich tritt bei den 
Barben eine verheerende Seuche auf, welche 
sich in Knoten manifestiert, die anfangs in 
der Muskulatur sitzen und zu Beulen heran- 
wachsen, welche die Haut vorwölben, schließ- 
lich erweichen und nach außen durchbrechen. 
Die Knoten bestehen ursprünglich bloß aus 
Siedelungen von Myxosporidien, dem Myxo- 
bolns Pfeifferi. Durch Einwanderung von 
Bakterien kommt es später zur Abszedierung. 

Ich habe bis jetzt noch keinen Fall 
von Barbenseuche gesehen, jedoch einmal 
einen Karpfen in meinem Aquarium beob 
achtet, bei dem sich allmählich eine Vor- 
wölbung der einen Seite ausbildete, welche 
den Fisch veranlaßte, sich hartnäckig auf 
diese Seite zu legen. Schließlich ging das 
Tier ein und die Sektion ergab das Vor- 
handensein eines kolossalen Abszesses längs 
der ganzen Seite, der die Muskulatur weit- 
hin unterwühlt hatte. In der rahmig-blutigen 
Masse sowie in der umgebenden Muskulatur 
waren neben Bakterien massenhaft Myxo- 
fro^s-Sporen zu rinden. Auch alle inneren 
Organe waren damit infiziert. 

4. Myxobohis cyprini Hof er. Wir 
können überhaupt kaum einen Karpfen untersuchen, der nicht, be- 
sonders in der Niere, eine Myxobolus -Art, den Myxobolus cyprini 
Hofer, aufweist. Erst vor kurzem gelang es mir, auch im Blute 
des geschlossenen Blutgefäßsystems solche Sporen nachzuweisen, 
meines Wissens der erste Fund dieser Art und, wie ich glaube, 
deshalb nicht ohne Bedeutung, weil dadurch dargetan wird, daß vor 
der Weiterverschleppung nicht erst der Amoeboidkeim aus der 




Fig. 12. Heneguya von den 
Kiemen von Acerina cer- 

nua (nach Schröder). 
p Polkapsel, pk Polkapselkern, 
v Vakuole, k Nucleus. 



(44) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



geplatzten Spore austreten müsse. Nach diesem Befund gelangen 
die unverletzten Sporen jedenfalls aus den Organen, in welchen, 
wie in Niere und Milz, die Blutbahnen offen endigen, in die Blut- 
gefäße und werden von hier in alle Teile des Körpers geschwemmt. 
Der bakteriologischen Untersuchung von Ausstrichpräparaten ver- 
danke ich auch sehr hübsche Präparate von ausgestossenen Geißel- 
fäden. Man streift bloß z. B. ein winziges Nierenstückchen auf einem 
Objektträger aus, läßt trocknen, zieht dreimal durch die Flamme 
und trägt Fuchsinlösung (einige Tropfen alkoholischer Lösung in 
destilliertem Wasser) auf. Durch diese Prozedur schnellen die Pol- 
fäden in Form von mächtigen, peitschenförmigen, mit Fuchsin 
intensivst gefärbten Fäden aus. 

Hof er hat auch die häufige und wichtige Pockenkrankheit 
der Karpfen mit einer Myxosporidieninfektion in Zusammenhang 
gebracht. 

Diese Krankheit äußert sich in dicken weißen Auflagerungen, 
welche den ganzen Körper überdecken können. Nach meinen und 
den Untersuchungen anderer ist diese Hypothese jedoch nicht mehr 
aufrecht zu erhalten, ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, eine 
andere Entstehungsursache anzugeben. In neuester Zeit hat Prowa- 
zek winzig kleine Gebilde, welche er unter dem Namen Chlamydo- 
zoen zwischen Bakterien und Protozoen einreiht, für diese Er- 
krankung verantwortlich gemacht. Die Bestätigung ist jedoch bis 
jetzt ausgeblieben. 

5. Die Drehkrankheit der Salmoniden, verursacht durch 
Lentospora cerebralis Plehn. Es ist dies eine Erkrankung, 
die sich durch eigentümliche blitzschnelle Kreisbewegungen der 
Forellenbrut, ferner in Schwarzfärbung des Schwanzes und De- 
formierungen des Schädels und der Wirbelsäule äußert. Als Ur- 
sache wurde ein im Knorpel wuchernder Myxobolus, die Lentospora 
cerebralis, gefunden. 

Die durch ihn bewirkte Zerstörung des Knorpelgewebes führ 
zur Verkrümmung der Wirbelsäule und zur Deformierung der Maul- 
teile. Die Bogengänge des Gehörorgans verlieren nach Destruktion 
des Skelettes der Schädelbasis ihren Halt. Ihre Funktion als Organe 
des Gleichgewichtes ist gestört und es kommt dadurch zu den 
charakteristischen Drehbewegungen der Fische, wenn die Bogen- 



Bericht über <lie allgemeine Versammlung. 



(46) 



gftnge durch irgend eine Erschütterung zum Schlottern gebracht 
werden. Die Schwarzfärbung des Schwanzteiles hält Hofer für 
die Folgen einer Lähmung des Sympathicus, der ja die Chromato- 
phoren versorgt. Für diese Ansicht würde sprechen, daß die Dunkel* 
farbung bald nach dem Tode aufhört. 

Während in Deutschland diese Erkrankung sehr häufig ist, 
habe ich sie bei uns nur vereinzelt konstatieren können. 

Interessant ist die Ansicht der Beschreiben daß der Erreger 
durch die Verfutterung von (r^As- Schädeln, wo er sehr häufig 
schmarotzt, eingeschleppt worden sei. 

C. Die Mikrosporidien. 

Auch sie sind gar nicht selten, scheinen aber nie zu einer 
solchen Durchseuchung des Organismus sowie zur epidemischen Ver- 
breitung hinzuneigen. Mit Vorliebe wird die Muskulatur befallen. 

Meine diesbezüglichen Beobachtungen erstrecken sich bloß auf 
folgende Fälle: 

1. Nosema lophii. Diese Art erzeugt Knoten in den vom 
Zentralnervensystem abgehenden Nerven. 

2. Mikrosporidienknoten aus der Muskulatur von Trygon. 
Sie erzeugen haselnußgroße weiße Einlagerungen. 

3. Mikrosporidien aus der Muskulatur eines Haies aus 
einer Fischhalle. Kleine Dornhaie kommen bei uns mit abgezogener 
Haut als Seeale in den Handel. Dem Beschautierarzt kam ein Er- 
weichungsherd der Muskulatur verdächtig vor. Er sandte daher 
das Stück an mich ein. Die Untersuchung lehrte, daß die erweichte 
Masse aus lauter Mikrosporidien bestand. Die umgebende Muskulatur 
war ebenfalls weithin damit infiltriert. 

Man kann aus diesem gedrängten Überblick, der auf Voll- 
ständigkeit keinen Anspruch macht, entnehmen, daß die Rolle, 
welche die Protozoen im Leben der Fische spielen, eine sehr große 
ist. Als Feinde der Fische übernehmen sie zum Teil die Rolle 
der Bakterien bei den Warmblütern, obwohl auch diese durchaus 
nicht ausgeschaltet, sondern bloß weniger studiert sind. Man sieht, 
daß der Ausdruck: „Gesund wie der Fisch im Wasser!" eigentlich 
nicht gar so viel Berechtigung hat. Viele tausende Fische dürften 



(46) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



jährlich in ihrem nassen Lebenselement auch ihr Grab finden und 
spurlos und dem Menschen unsichtbar in den Tiefen der Gewässer 
verschwinden. Nur manche, durchaus nicht alle Krankheiten sind 
ein Geschenk der Kultur, obwohl wir zugeben müssen, daß die 
Widerstandskraft der Fische durch die unnatürliche Haltung herab- 
gesetzt und die Weiterverbreitung von Seuchen durch das enge 
Beisammenleben gefördert wird. Wir sehen vielmehr auch hier 
den von der Natur diktierten erbitterten Kampf ums Dasein. Bak- 
terien und Protozoen führen einen Existenzkampf mit den Zellen 
des Wirtsorganismus. Kleine Infektionen werden überstanden. Das 
befallene Gewebe scheidet eine Kapsel um seine Feinde ab, welche 
jedoch nicht immer genügend vor der Weiterverbreitung der Keime 
schützt. Auch bei größeren Infektionen sehen wir indessen vielfach 
keine Schädigung. Der Fisch hat sich darauf eingerichtet, auch 
die Schmarotzer mitzuernähren. 

Andere Schmarotzer allerdings werden vermöge ihrer rascheren 
Vermehrung, eventuell durch die Eigenschaft, einen Reiz auf die 
Umgebung auszuüben, ihrem Wirte furchtbar und Epidemien sind 
die Folge. 

Das Studium der Protozoen der Fische besitzt jedoch nicht 
bloß eine große Bedeutung für die Pathologie der Fische. Die 
Resultate, welche bezüglich der Morphologie und Entwicklungslehre 
gewonnen wurden, sind auch zoologisch von wissenschaftlicher Be- 
deutung. 

Es kommt aber noch ein anderes Moment in Betracht. Bei 
dem Bestreben, Licht in das Dunkel zu bringen, welches die Ent- 
stehung der Geschwülste des Menschen umgibt, wurden auch viel- 
fach Erreger aus dem Reiche der Protozoen angenommen. Dann 
sollte man wohl denken, daß die Fische besonders zur Ausbildung 
von Geschwülsten hinneigen müßten, da sie so sehr den Proto- 
zoen ausgeliefert sind. Das ist nun nicht der Fall, denn Geschwülste 
sind bei Fischen nicht besonders häufig. Es sind bis jetzt zirka 
30 Geschwülste bekannt. Davon habe ich sieben beschrieben. In 
mehreren Fällen handelte es sich um Wucherungen, welche viel- 
fache Analogien mit Geschwülsten des Menschen aufwiesen. Nirgends 
jedoch konnte ich bis jetzt Elemente entdecken, welche als Proto- 
zoen anzusprechen gewesen wären. Ich verzeichne bloß diesen 



Bericht Uber die allgemeine Vertsininlung 



(47) 



negativen Befund, ohne jedoch die Möglichkeit in Abrede zu stellen, 
daß einmal Protozoen gefunden werden. 

Aber auch sonst hat die Protozoenforschung bei den Warm 
blUtern in den letzten Jahren einen großen Aufschwung genommen 
und die Pathologie vielfach in neue Bahnen gelenkt. Die Trypano- 
somen als Erreger der Schlafkrankheit und verheerender Seuchen 
unter den Haustieren der Tropen, die Haemosporidien, darunter die 
Malariaplasmodien und die Piroplasmen bei den Haustieren be- 
schäftigen eine große Anzahl von Forschern. 

Die Fische, als Lieblingswirte der Protozoen, eignen sich 
demnach sehr gut für das Studium der Naturgeschichte der parasi- 
tären Protozoen. 

So wie jedoch die Protozoenerkrankungen der Fische viel 
mehr als die Bakterienerkrankungen aus dem Grunde bekannt 
waren, weil sich vorzugsweise Berufszoologen mit Fischkrankheiten 
befaßten, welchen naturgemäß die Protozoenforschung näher stand, 
dürfte das Zurücktreten der Protozoen in der Pathologie der Warm- 
blüter vielleicht auf die mangelhafte zoologische Ausbildung der 
Pathologen zurückzuführen sein. Es ist diesbezüglich bezeichnend, 
daß es Schaudinn, unserem besten Protozoenforscher der letzten 
Jahrzehnte, gelungen ist, gleichsam im ersten Anlaufe die Spiro- 
chaete pallida, den Erreger der Syphilis, zu finden. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch einen anderen, wie 
mir scheint, hochwichtigen Gesichtspunkt berühren. Wir sind es 
gewohnt, zwischen den Bakterien und den Protozoen eine scharfe 
Scheidewand zu ziehen. Die ersten rechnen wir zu den Pflanzen, 
die letzteren zum Tierreich. Es hängt dies nur zum Teil mit der 
Vertiefung in der wissenschaftlichen Erkenntnis, zum größeren Teil 
mit der Spezialisierung zusammen. Diese Scheidewand ist in der 
letzten Zeit durch Übergangsformen etwas ins Schwanken geraten. 
Schaudinn hat nachgewiesen, daß im Entwicklungszyklus von 
Leucocytozoon Formen auftreten, welche den Spirochaeten oder Spi- 
rillen, die man bis jetzt zu den Bakterien zählte, sehr ähnlich sehen. 

Eine solche Spirochaete ist nun auch die Spirochaete pallida. 
Ich selbst muß sagen, daß zwischen manchen Mikrosporidien und 
Kurzstäbchen ein Unterschied mit unseren optischen Hilfsmitteln 
oft schwer zu ziehen ist. 



(48) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



Prowazek hat in der letzten Zeit, wie schon erwähnt, die 
Chlamydozoen beschrieben, welche er als Mittelding zwischen Bak- 
terien und Protozoen betrachtet. 

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, erscheint es mir sehr 
wahrscheinlich, daß schon in der nächsten Zeit die Systematik eine 
Umwandlung erleiden werde, sowie ja auch die Stellung der Haemo- 
sporidien im Bereiche der Protozoen jetzt eine ganz zweifelhafte 
geworden ist. 

Vielleicht ist auch das Studium der parasitären Protozoen der 
Fische geeignet, hierzu wertvolle Beiträge zu liefern. 

Am Schlüsse meiner Ausführungen will ich mir noch folgende 
praktische Bemerkung gestatten. 

Wir haben gesehen, daß die Fische von einem ganzen Heer 
von Protozoen befallen werden. Dieses Heer hat jedoch für den 
Menschen als Konsumenten der Fische keine Schrecken, denn wir 
kennen bis jetzt keinen einzigen einzelligen Fischschmarotzer, der 
auf den Menschen übertragbar wäre. 



Veranstaltungen der Sektion für Botanik. 

Versammlung am 20. November 1908. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Herr P. Fröschel sprach: „Über die Induktion des Geo- 
tropismus." 

Sodann hielt Herr Dr. G. Köck einen Vortrag: 

Über drei kryptogamische Erreger beachtenswerter 
Pflanzenkrankheiten. 

(Pseudoperonospora cubensis, Sphaerotheca Mors uvae und Fusarium sp.) 

Im folgenden möchte ich einige Mitteilungen über drei para- 
sitäre Pilze machen, die als Erreger gefährlicher Pflanzenkrank- 
heiten gerade in den letzten Jahren das Interesse aller Phytopatho- 
logen in hohem Grade in Anspruch nahmen. 



Versammlung der Sektion für Botanik 



(49) 



Ks ist dies vor allem ein Vertreter der großen, wohlbekannten 
Familie der Peronosporeen, nämlich Plasmopara cubensis oder — 
wie er in jüngster Zeit getauft wurde — Pseudqperonospora cuben- 
sis. Auf die Gründe der Abänderung- des Gattungsnamens werde 
ich noch später zu sprechen kommen. Der Parasit befällt die Blätter 
verschiedener Cucurbitaceen, vornehmlich von Cucumis sativus, Cu- 
cumis Melo und Cucurbita Pepo, und zwar sowohl Freilandkulturen 
als insbesondere Glashauskulturen. Das äußere Krankheitsbild ist 
speziell bei Cucumis sativus ein außerordentlich charakteristisches. 
Es entstehen auf der Blattoberseite gelbliche eckige Flecke, von 
Blattnerven begrenzt. Korrespondierend mit diesen Flecken wird 
später auf der Unterseite des Blattes ein violettgrauer schimmel- 
artiger Anflug sichtbar, der aus den Konidienträgern des Pilzes be- 
steht. Etwas anders erweist sich das Krankheitsbild bei Cucumis 
Melo und Cucurbita Pepo. Hier sind die durch den Pilz hervor- 
gerufenen Flecke im allgemeinen größer, nicht so scharf eckig be- 
grenzt und von etwas dunklerer Farbe. 

Obwohl der Schädling in Amerika schon ziemlich lange (seit 
dem Jahre 1868) bekannt ist, so war seine systematische Stellung 
doch noch bis in die letzte Zeit eine sehr unsichere. Während 
nämlich Farlow und Jatschewsky ihn zur Gattung Peronospora 
stellen, glaubte Humphrey auf Grund seiner Untersuchungen und 
mit ihm El Iis den Parasiten zur Gattung Plasmopara stellen zu 
müssen. Als der Pilz im Jahre 1902 zum erstenmale in Europa, 
und zwar in Rußland stark auftrat, hat ihn Rostowzew genau 
untersucht und gefunden, daß er eine Mittelstellung zwischen den 
beiden Gattungen Peronospora und Plasmopara einnehme, die durch 
folgende Merkmale charakterisiert ist: Die Konidienträger bilden 
einen lockeren Überzug auf der Unterseite der Flecke und ver- 
zweigen sich gabelförmig, die Gabeläste steigen schief unter spitzen 
Winkeln auf und enden mit dünnen geraden oder leicht gebogenen 
Astchen, an denen die Konidien sitzen. In der Verzweigung der 
Konidienträger zeigt der Pilz also ganz den Typus der Gattung 
Peronospora. Anders steht es aber mit den Konidien selbst. Diese 
sind violettgrau, haben am Scheitel deutlich eine farblose Papille 
und an der Basis ein kleines farbloses Füßchen. Das Vorhanden- 
sein der Papille weist unzweifelhaft auf die Zugehörigkeit unseres 

Z. B. Ges. 59. Bd. d 



(50) 



Versammlung- der Sektion für Botanik. 



Pilzes zur Gattung Plasmopara hin. Die Keimung der Konidien 
kann entweder, wie bei der Gattung Peronospora, durch Austreiben 
eines oder mehrerer Keimschläuche erfolgen oder es wandelt sich 
die Konidie zu einem Zoosporangium um und es werden dann Zoo- 
sporen gebildet wie bei der Gattung Plasmopara. Unter welchen 
Voraussetzungen die eine oder die andere Art der Keimung erfolgt, 
hat Kostowzew nicht weiter untersucht. Aus den angeführten 
Gründen hat Eostowzew dem Pilz eine Mittelstellung zwischen 
den beiden Gattungen Feronospora und Plasmopara angewiesen 
und den Gattungsnamen Pseudoperonospora vorgeschlagen. Auf 
Grund der von mir selbst in den letzten Jahren an dem genannten 
Parasiten gemachten Beobachtungen und Studien schließe ich mich 
in dieser Hinsicht ganz der Meinung Rostowzews an. Anders 
steht es aber damit, daß Rostowzew sich veranlaßt fühlte, den 
von ihm in Rußland gefundenen Pilz als eine Varietät des aus 
Nordamerika bekannten Pilzes (als Pseudoperonospora cubensis var. 
tiveriensis) aufzustellen. Rostowzew stützt die Aufstellung der 
Varietät hauptsächlich auf die Größen unterschiede der Konidien bei 
dem von ihm gefundenen Pilz und der aus Amerika bekannten 
Plasmopara cubensis. Ich habe mich aber selbst durch zahlreiche 
Messungen davon überzeugen können, daß einesteils — was auch 
Rostowzew zugibt — die Schwankungen in der Größe der Koni- 
dien sehr bedeutende sind und daß anderseits die Größe der Koni- 
dien sehr von den äußeren Lebensbedingungen, unter denen der 
Pilz fruktifiziert, abhängig ist. Daher halte ich die Aufstellung 
einer eigenen Varietät für nicht notwendig und zweckmäßig. 

In Europa ist der Pilz erst verhältnismäßig kurze Zeit be- 
kannt. Rostowzew hat ihn, wie erwähnt, 1902 in Twer in Ruß- 
land, Hecke 1903 in Österreich und um dieselbe Zeit Li n hart 
in Ungarn gefunden. Der Pilz hat sich bei uns in Österreich mit 
großer Schnelligkeit weiter verbreitet und in den Jahren 1904 und 
1905, die im allgemeinen infolge der vielen Niederschläge im Früh- 
jahr und Frühsommer der Entwicklung der Peronosporeen günstig 
waren, führte der Pilz in Gegenden, wo intensiver Gurkenbau be- 
trieben wird, große Schädigungen herbei. Da nun in manchen 
Gegenden Österreichs der Gurkenbau eine hohe nationalökonomische 
Bedeutung hat, so war es nach den traurigen Erfahrungen der 



Versammlung der {Sektion für Botanik. (f)l) 

Jahre 1904 und 11)05 geboten, einerseits sichere Daten Uber die 
Ausbreitung des Parasiten zu erhalten und anderseits Versuche ein- 
zuleiten Uber die Möglichkeit einer rationellen und praktisch auch 
im großen durchführbaren Bekämpfung- des Schädlings. Die Nach- 
forschungen bezüglich der Ausdehnung- des Pilzes in Osterreich 
haben ergeben, dali derselbe auch in Österreich bereits eine, man 
kann wohl sagen, allgemeine Verbreitung- gefunden hat. Was die 
Versuche zur Bekämpfung- des Schädlings anbelangt, so wurden 
solche im großen Maßstabe von der Pflanzenschutzstation in den 
Jahren 1905 bis 1908 auf der Versuchsstelle in Eisgrub durch- 
geführt und können jetzt als ziemlich abgeschlossen bezeichnet 
werden. Ich will im folgenden nur ganz kurz die Ergebnisse dieser 
Versuche besprechen. 

Vor allem hat sich ergeben, daß die Widerstandsfähigkeit 
gegen Pseudoperonospora eubensis bei Cucurbita Pepo größer ist 
als bei Cucumis Melo und bei dieser wieder größer als bei Cucumis 
sativus, was höchst wahrscheinlich in dem stärkeren mechanischen 
Bau der Kürbis- oder Melonenblätter gegenüber den Gurkenblättern 
begründet sein dürfte. Von großer theoretischer und praktischer 
Wichtigkeit schien es, zu untersuchen, ob die einzelnen Kultursorten 
von Cucumis sativus sich in bezug auf Widerstandsfähigkeit gegen- 
über dem Pilz gleich verhalten oder ob in dieser Hinsicht Ver- 
schiedenheiten vorhanden sind. Zu diesem Versuch wurden nicht 
weniger als 76 Gurkensorten herangezogen und es ergab sich als 
Resultat, daß die Empfänglichkeit der einzelnen Sorten eine sehr 
verschiedene war, was ebenfalls nur durch Verschiedenheiten im 
anatomischen Bau der Blätter begründet sein dürfte. Auffallend 
war, daß am besten von allen Gurkensorten die sogenannten Kletter- 
gurken dem Schädling Widerstand leisteten, also jene Gurken, die 
sich mit ihren Ranken auf aufgestellte Stangengerüste aufziehen. 
Diese Gurken stehen unter ganz anderen Kulturbedingungen als 
alle anderen Gurkensorten und es war der Gedanke naheliegend, 
daß in diesem Falle die erhöhte Widerstandsfähigkeit nicht als 
Sorteneigentümlichkeit, sondern einzig und allein als Eigentümlich- 
keit der Kulturmethode zu betrachten sei. Die in dieser Hinsicht 
durchgeführten Versuche haben nun tatsächlich die Richtigkeit dieser 
Annahme ergeben. Kupfervitriolkalkbrühe in l°/ iger Konzentration 

d* 



(52) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



hat sich zur Bekämpfung des Schädlings vortrefflich bewährt, da- 
gegen haben sowohl Bodendesinfektion als auch Samenbeize voll- 
ständig versagt. 

Eine Beobachtung, die allerdings erst noch durch weitere Ver- 
suche bestätigt und richtig gedeutet werden muß, möchte ich hier 
noch erwähnen. Im Jahre 1908, welches infolge der eigenartigen 
klimatischen Verhältnisse als schlechtes Pilzjahr bezeichnet werden 
muß (es fehlten nämlich im Frühjahr und Frühsommer die Nieder- 
schläge), hat es sich ergeben, daß infolge der Bespritzungen mit 
Kupfervitriolkalkbrühe Schädigungen der gespritzten Gurkenpflanzen 
eintraten, die im Ernteertrag gegenüber den nicht gespritzten deutlich 
zur Geltung kamen. Theoretisch betrachtet, können diese Schädi- 
gungen auf zweierlei Weise zustande gekommen sein. Entweder 
wurde durch den Überzug der Blätter, der durch das öftere Be- 
spritzen mit der Kupfervitriolkalkbrühe entstand, die assimilatorische 
und transpiratorische Funktion der Blätter gehemmt, wie dies in 
einer erst kürzlich erschienenen Arbeit Kirchner bei Kartoffeln 
nachgewiesen hat, oder es wurde direkt die Befruchtung bei einer 
Anzahl von Blüten, die in einem gewissen Entwicklungsstadium 
von der Bespritzung getroffen wurden, verhindert. Welche dieser 
beiden Möglichkeiten hier vorliegt, sollen weitere Versuche klarlegen. 

Jedenfalls wird sich die Notwendigkeit ergeben, das Kupfer- 
vitriol in anderer Konzentration oder in anderer Form als Be- 
kämpfungsmittel zu verwenden. 

Der zweite Parasit, auf den ich die Aufmerksamkeit lenken 
möchte, ist der nordamerikanische Stachelbeermehltau (Sphaerotlieca 
Mors uvae). Dieser Pilz gehört, wie bekannt sein dürfte, in die 
große Gruppe der Erysipheen, die im Gegensatz zu den Perono- 
sporeen auch als die Gruppe der echten Mehltaupilze bekannt ist. 

Der Pilz befällt die jungen Stengelteile und die Früchte von 
Bibes grossularia und anderer Eibes -Arten. Das Mycelium erscheint 
auf den Stengelteilen zuerst in Form eines grauweißen, feinen Über- 
zuges, der aber bald dickfilzig, braun und samtartig wird. In 
derselben Form tritt das Mycelium auch auf den noch unreifen 
Früchten auf, wo es unregelmäßige Flecke bildet, die sich rasch 
vergrößern und bald die ganze Oberfläche der Früchte überdecken, 
wodurch die Früchte in ihrer Weiterentwicklung gehemmt werden 



Versammlung <i<t Sektion für Botanik. 



und unreif abfallen. In diesem Hyphenpilz eingebettet weiden die 
Perithezien des Pilzes gebildet. Jedes Peritheeium enthüll einen 
einzigen Ascus mit acht Sporen. Dadurch unterscheidet sieh dieser 
Pilz am besten von der Microsphaera grossulariae, bei welcher 
mehrere Schläuche in einem Peritheeium vorhanden sind. Auch 
in der Form und Anordnung der Perithezienanhängsel (Appcndiccs) 
sind zwischen den beiden Formen große Unterschiede vorhanden 
Während bei Sphaerotheca Mors uvae diese Appendices fadenförmig 
sind und am Grunde des Peritheciums entspringen, entspringen die 
Appendices von Microsphaera am Scheitel des Peritheciums und 
sind an der Spitze mehrmals dichotom geteilt, 

Dieser Pilz ist ebenso wie die Pseiidoperonospora Citbensis 
aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt worden. In Europa trat 
der Pilz zum erstenmale in Nordwestirland im Jahre 1900 auf; 
1901 und 1902 finden sich Berichte über ein starkes Auftreten des 
Schädlings in Rußland. 1904 konnte ich den nordamerikanischen 
Stachelbeermehltau in einer Baumschule Mährens konstatieren, wo 
nicht weniger als 18.000 Stämmchen „Whinhams Industry" von dem 
Schädling befallen waren. Während im Jahre 1905 die Krankheit 
in Rußland, Dänemark, Deutschland, Osterreich und Schweden 
schon sehr verbreitet war, liegt von Ungarn, Frankreich, Holland 
und Belgien merkwürdigerweise keine Nachricht über das Vor- 
handensein dieses Parasiten in diesen Ländern vor. Ursprünglich 
waren es jedenfalls drei Zentren, von denen die ersten Infektionen 
ausgingen. Eines derselben liegt in Irland, eines in Dänemark und 
eines in Rußland. 

Für die Ausbreitung des nordamerikanischen Stachelbeermehl- 
taus in Osterreich, die seit dem Jahre 1904 auch schon weitere 
Fortschritte gemacht hat, dürfte das Zentrum jedenfalls in der oben 
erwähnten Baumschule zu suchen sein. Bis jetzt konnte das Vor- 
handensein des Pilzes in Böhmen, Galizien, Mähren, Kärnten und 
Niederösterreich nachgewiesen werden. 

In den meisten dieser Fälle war es möglich zu konstatieren, 
daß die Besitzer der infizierten Stachelbeersträucher diese aus der 
erwähnten Baumschule bezogen hatten. Welch große Bedeutung 
diesem Schädling zukommt, kann schon daraus geschlossen werden, 
daß bereits die Regierungen von Schweden und Finland strenge 



(54) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Einfuhrbeschränkungen erlassen haben, um eine Einschleppung 
kranker Pflanzen hintanzuhalten. 

Zur Bekämpfung des Pilzes wurde früher Schwefelkalium- 
lösung in 03 — 0'4°/ iger Lösung anempfohlen, doch ist gerade vor 
kurzem die Veröffentlichung eines Praktikers erschienen, wornach 
in Dänemark und Schweden, wo die Stachelbeerkultur eine große 
nationalökonomische Bedeutung besitzt, diese Bekämpfungsart fallen 
gelassen und durch Bespritzen mit einer 2% igen Kupfervitriol- 
kalkbrühe ersetzt wurde, weil letztere geringere Schädigungen an 
den Kulturpflanzen hervorruft. Bemerkt sei noch, daß schon Sal- 
mon auf eine verschiedene Widerstandsfähigkeit der einzelnen 
Stachelbeersorten gegen den Pilz hinweist, eine Beobachtung, die 
ich selbst mehrmals Gelegenheit hatte bestätigt zu finden, und zwar 
scheint die schon früher erwähnte, bei den Züchtern sehr beliebte 
Sorte „Whinhams Industry" von den meisten gangbaren Sorten am 
empfänglichsten zu sein. Genauere Untersuchungen über die ver- 
schiedene Widerstandsfähigkeit einzelner Sorten sind meines Wissens 
noch nicht angestellt worden. Beachtenswert ist schließlich noch 
der Umstand, daß der Pilz an allen in Osterreich beobachteten 
Standorten immer nur auf Ribes grossularia, nie aber auf anderen 
Ribes -Arten auftrat, obwohl diese oft mitten unter den infizierten 
Stachelbeersträuchern standen, und in Nordamerika, also der ur- 
sprünglichen Heimat des Pilzes, derselbe sehr oft auch auf Ribes 
aureum und anderen Ribes -Arten konstatiert wurde. 

Schließlich möchte ich noch auf eine Krankheit zu sprechen 
kommen, die, wenn ich so sagen darf, gegenwärtig aktuell ist, 
nämlich die Blattrollkrankheit der Kartoffel. So charakteristisch 
das äußere Krankheitsbild in vorliegendem Falle ist, so dunkel und 
ungeklärt sind bis jetzt noch die Ansichten über die Ursache dieser 
Krankheit, die, wenn man den Worten einiger hervorragender Phyto- 
pathologien Glauben schenken darf, für den Kartoffelbau Europas 
eine große Gefahr bedeutet. Ich will zuerst kurz das Krankheits- 
bild und den Verlauf der Krankheit schildern. 

Im Juli oder August bemerkt man ein Zusammenrollen der 
oberen Blätter vom Rande her bis zum Zusammenschließen der 
Blattränder, so daß die einzelnen Blättchen gewissermaßen eine 
dütenähnliche Form annehmen. Im ersten Jahre liefern diese krank- 



VerNJiminlunjjf der Sektion für Holanik 



(66) 



luift veränderten Stauden einen noch Qormalen Ertrag, so daß ge- 
wöhnlich in diesem Stadium der Krankheit keim 1 Bedeutung bei- 
gelegt wird, zumal ähnliche Erscheinungen an den Blättern auch 
durch gewisse klimatische Einflüsse hervorgerufen werden können. 
Durchschneidet man aber die von solchen Stauden geernteten Knollen 
unterhalb der Ansatzstelle der Stolonen, so findet man, daß der 
Gefäßbündelring, der 05 — 1 cm unter der Schale und parallel mit 
ihr verläuft, wenigstens an einigen Stellen stark gelb verfärbt ist. 
Diese Veränderung des Gefäßbündelringes läßt sich im Frühjahr 
bis in die Augen hin verfolgen. Werden solche Knollen nun wieder 
als Saatgut ausgelegt, so erscheinen zwar die Triebe noch normal, 
doch das Köllen der Blätter beginnt viel früher, die Stöcke bleiben 
meist klein und sterben früher ab als die gesunden. An den kranken 
Stöcken sitzen zwar noch immer zahlreiche Knollen, die aber sehr 
klein sind. Werden diese meist nur nußgroßen Knollen wieder 
angelegt, so treiben eine Anzahl von Knollen zwar aus, aber durch- 
brechen die Erdoberfläche nicht, sondern verzweigen sich unter- 
irdisch und es kommt so zu einer vollständigen Mißernte. Durch- 
schneidet man die Stengel von Stauden, welche die Symptome der 
Blattrollkrankheit zeigen, so findet man in den Gefäßbündeln ge- 
wöhnlich ein deutliches Pilzmyzel, das von einem Pilz der Gattung 
Fusarium herrühren dürfte. 

Das hier eben geschilderte Krankheitsbild und der Verlauf 
der Krankheit erfährt bei den einzelnen Sorten und durch äußere 
Vegetationsverhältnisse geringe, selbstverständliche Korrekturen. 
Appel, der die Krankheit zuerst in Deutschland entdeckt und ihr 
den Namen „Blattrollkrankheit" gegeben hat, ist der Ansicht, 
daß es sich keineswegs um eine ganz neue Krankheitserscheinung 
handle, sondern um eine Erscheinung, die schon sehr lange, aller- 
dings nur sporadisch, aufgetreten ist und nur gerade in den letzten 
Jahren, hauptsächlich in den nördlichen und westlichen Gegenden 
Deutschlands, den Charakter einer Epidemie angenommen hat. Auch 
in Österreich wurde die Krankheit im Jahre 1908 konstatiert, und 
zwar in einem Maße, daß in manchen Gegenden, wie ich mich 
selbst zu überzeugen Gelegenheit hatte, der durch diese Erscheinung 
verursachte Ernteausfall 90 und mehr Prozente betrug. Es ist 
zweifellos, daß in jenen Gegenden, die in der verflossenen Vege- 



(56) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



tationsperiode unter besonders ungünstigen Witterungsverhältnissen 
zu leiden hatten, die Krankheit in schwererer Form aufgetreten ist 
als in Gegenden, wo dies nicht der Fall war. Ich habe schon 
früher erwähnt, daß die Ansichten über die Ursache dieser Krank- 
heit keineswegs noch geklärt sind. Das epidemienhafte Auftreten 
dieser Krankheitserscheinung nicht nur in Deutschland, sondern 
auch in Österreich, hat zur natürlichen Folge gehabt, daß sich nicht 
nur die Phytopathologen, sondern auch die Praktiker lebhaft für 
diese Erscheinung interessierten und eine Menge von Publikationen 
erschienen im Laufe der letzten zwei Jahre über diesen Gegenstand, 
mit einander oft sehr widersprechendem Inhalt, so daß es schwer er- 
scheint, auf Grund der vorhandenen Literaturangaben ein klares Bild 
von den tatsächlichen Verhältnissen zu gewinnen. Im allgemeinen 
läßt sich sagen, daß sich zwei feindliche Lager gegenüberstehen. 

Während die einen mit So r au er an der Spitze behaupten, 
daß es sich hier um keine parasitäre, sondern um eine rein physio- 
logische Krankheit handelt, verursacht durch Störungen im euzy ma- 
nschen Gleichgewicht, treten die anderen mit Appel und Arnim v. 
Schlagenthein an der Spitze dafür ein, daß eine infektiöse, pilz- 
parasitäre Krankheit vorliege. Zwischen diesen beiden extremen 
Richtungen gibt es eine ganze Reihe von Übergängen. Ich habe in 
diesem Jahre Gelegenheit gehabt, mit Appel zusammen eine Reihe 
von Gegenden zu bereisen, wo das Auftreten der Blattrollkrankheit 
zu konstatieren war, und ich möchte nur noch zum Schlüsse auf 
Grund der dabei gemachten Beobachtungen den Standpunkt, den 
ich nach den bisherigen Erfahrungen einnehme, präzisieren. Mit 
der Ansicht Sorauers kann ich mich keinesfalls identifizieren, denn 
abgesehen davon, daß es noch gar nicht einwandfrei erwiesen ist, 
daß zwischen kranken und gesunden Knollen euzymatische Ver- 
schiedenheiten bestehen, könnte man solche wohl eher als Folge, 
denn als Ursache der Krankheit auffassen. Wenn ich aber auch 
jedenfalls eine Infektion mit einem pilzparasitären Organismus als 
Ursache dieser Krankheitserscheinung annehme, möchte ich doch 
den äußeren Faktoren (Witterung, Bodenverhältnisse) eine ausschlag- 
gebendere Nebenwirkung zuschreiben, als dies Appel tut. Die fest- 
gesetzten Untersuchungen und Versuche, die bereits in großem Maß- 
stabe für die nächsten Jahre in Vorbereitung sind, werden wohl 



Verounmlung der Sektion für Botanik. 



(67) 



Klarheil über die Natur dieser Krankheit und hoffentlich auch Uber 
die Mittel schaffen, wodurch der bedrohliche Charakter derselben 
genommen werden kann. 

Herr Prof. Dr. K. Wilhelm berichtete: 

I ber ein neues Vorkommen von Najas marina L. in 
Nieder Österreich. 

In der floristischen Literatur über Niederösterreich, so in den 
bekannten Werken von Neil reich, Beck und Haläcsy, sind als 
Standorte von Najas marina L. (N. major All.) nur Altwässer der 
March bei Angern angegeben. Neilreich bezeichnet die Pflanze als 
„höchst selten und schwer zu bemerken". Andernorts scheint sie in 
Niederösterreich bisher noch nicht beobachtet worden zu sein, wenig- 
stens liegt meines Wissens keine diesbezügliche Veröffentlichung vor. 

Im September 1908 wurde nun Najas marina von Prof. Dr. 
Oskar Simony in der „Alten Donau" bei Wien aufgefunden, 
zunächst in einigen Fragmenten, die gelegentlich einer Bootfahrt 
nebst anderen Wasserpflanzen mitgenommen und mir überlassen 
worden waren. Es wurde hierauf eine gemeinsame Durchforschung 
des erwähnten Gewässers nach dieser interessanten Pflanze be- 
schlossen und von uns beiden noch im Laufe des Herbstes durch- 
geführt. Diese Unternehmung war durch das anhaltend schöne 
Wetter und den ungewöhnlich niederen Wasserstand sehr begünstigt. 
Sie lehrte das Vorkommen von Najas marina im „Brückenwasser", 
und zwar sowohl zwischen den Brücken der Nordbahn und der 
Reichsstraße von Kagran, als auch zwischen der letzteren und dem 
Stürzelwirtshause, sodann im „Kaiserwasser" nächst der „Poseidon- 
enge". An den betreffenden Orten hatte die Pflanze von sonstiger 
Vegetation ziemlich entblößte Stellen mit kleineren und größeren, 
je nach der Wassertiefe weitläufigeren oder gedrungeneren, rund- 
lichen Büschen besiedelt, deren ansehnlichste bis über 1 m Durch- 
messer und etwa 70 cm Höhe erreichten. Sie waren mit zahlreichen 
Adventivwurzeln im Schlammgrunde befestigt, traten aber nirgends 
zu Dickichten zusammen, sondern blieben mehr vereinzelt. 1 ) Die 

*) Andernorts soll Najas marina meist dichte Bestände bilden (vgl. 
Gr a ebner in „Lebensgeschichte der Blutenpflanzen Mitteleuropas", I, S. 544). 



(58) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



größten und schönsten Stöcke fanden sich im mittleren Teile, west- 
wärts von der „Vereinsinsel", bis auf etwa 80 m Entfernung vom 
Landungsplatze beim Stürzel. Fast alle mit dem Enterhaken los- 
gerissenen Stücke trugen Früchte, stammten also von weiblichen 
Büschen. Sämtlich gehörten sie — der ungezähnten Blattscheiden 
und der verhältnismäßig kurzen Blattzähne wegen — zu der Form 
communis Rendle; bei manchen zeigten die Früchte, beziehungs- 
weise Samen zahnartige Höcker, mitunter auch stumpfe Kanten, 
wie solche für die bei Dobrzyn in Russisch-Polen gefundene Form 
polonica beschrieben werden. 1 ) 

Die frischen Pflanzen waren sehr brüchig, ließen sich aber 
trotzdem unschwer pressen. Die Brüchigkeit beruht nicht etwa 
auf einer Kalk- oder Kieseleinlagerung in die Zellwände, sondern 
scheint nur die Folge starken Turgors der Zellen zu sein. Sie ver- 
liert sich beim Abwelken nahezu ganz. Formollösung konserviert 
die Pflanzen ausgezeichnet, hellt aber ihre in der Natur dunkel- 
grüne Färbung auf. 

Die durch den Fund Simonys herbeigeführte und unter des 
letzteren tatkräftiger Mitwirkung erfolgte Feststellung des bisher 
offenbar nicht bekannt gewesenen Vorkommens von Najas marina L. 
in der „Alten Donau" bei Wien erscheint umso interessanter, als 
sich mit dieser Entdeckung die Frage nach der Herkunft der be- 
treffenden Pflanzen und nach der Verbreitungsweise der Art über- 
haupt verbindet. Bekanntlich wurde das genannte Gewässer im 
Jahre 1900 von Dr. A. Ginzb erger 2 ) hinsichtlich der Gefäßpflanzen, 
1905 und 1906 von J. Brunnthaler 3 ) bezüglich der Algen und 
Schizophyceen durchforscht. In den betreffenden Veröffentlichungen 
ist eines Vorkommens von Najas marina nicht gedacht. Da es 
wohl ausgeschlossen erscheint, daß zwei so erfahrene und gewissen- 

2 ) Auch Asche rson u. Gr aebner (Synopsis, I, p. 369) fanden die für 
jene Form typischen Höcker bei Früchten anderer Fundorte, so vom Lago 
maggiore und von Pavia. 

2 ) „Floristische Skizze der Gefäßpflanzenflora des Karpfen- und Briicken- 
wassers und ihrer nächsten Umgebung" in: Die Entomostrakenfauna der „Alten 
Donau" bei Wien von Dr. A. Steuer. (Zool. Jahrb., Abteil, f. Systematik etc., 
XV, S. 11.) 

3 ) Vgl. diese „Verhandlungen", Bd. LVII, 1907, S. 170. 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(69) 



halte Beobachter wie die Genannten die Pflanze übersehen hätten 
— eine Möglichkeit, die für einen weniger Geübten, namentlich 
bei tieferein Wasserstande, trübem Tageslichte und windigem Wetter 
allerdings denkbar wäre 1 ) — so liegt die Annahme nahe, daß die 
Art sich erst in jüngster Zeit in der „Alten Donau" angesiedelt 
habe. Sie müßte dann durch Tiere dorthin gebracht worden sein. 
Daß unsere Pflanze tatsächlich auf derartige Verbreitung angewiesen 
sei, darf aus dem Verhalten und der Beschaffenheit ihrer Früchte, 
beziehungsweise Samen, geschlossen werden. Diese lassen sich 
nach der Reife unschwer von der Mutterpflanze ablösen, sie werden 
also an den natürlichen Standorten höchst wahrscheinlich auf den 
schlammigen Grund hinabsinken. Sie können dann von Wasser- 
vögeln, die mit dem Schnabel den Schlamm durchwühlen, z. B. 
von Wildenten, aufgenommen und vertragen werden. Die stein- 
harte Testa der Samen erscheint sehr wohl geeignet, diese vor 
jeder Schädigung im Magen oder Darm des Wassergeflügels zu 
bewahren und den Abgang in noch keimkräftiger Verfassung zu 
sichern. Früchte und Samen werden aber auch an den Beinen oder 
am Gefieder von Wasservögeln hängen bleiben und so verschleppt 
werden können. Vielleicht gewähren die erwähnten, mitunter vor- 
handenen zahnartigen Höcker der Fruchtwand oder der Testa hier- 
bei einigen Nutzen. Die von Magnus 2 ) vermutete Mitwirkung der 
großen Oberhautzellen der Testa möge dahingestellt bleiben. 

Das beschriebene Vorkommen von Najas marina L. in der 
„Alten Donau" dürfte dazu auffordern, nach weiteren Standorten 
dieser Pflanze in Niederösterreich zu suchen. Vielleicht ist dieselbe 
hier weniger selten, als es bis jetzt den Anschein hatte. Auch die 
Beständigkeit des Auftretens an jener Stelle wird zu prüfen sein. 

Zum Schlüsse demonstrierte Herr Prof. Dr. L. Linsbauer: 
Autochromaufnahmen von Pflanzenkrankheiten. 

*) Man vergleiche obige Anführung aus Neilreichs Flora. 

2 ) Vgl. Engler u. Pr an tl, Natürliche Pflanzenfam., II, S. 216. Magnus 
spricht hier von leicht abrollbaren spiraligcn Verdickungen der Seitenwände 
der Epideriniszellen. An den Samen aus der „Alten Donau" finde ich diese 
Zellwände netzartig verdickt. 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Sprecliabencle der Sektion für Botanik. 

Versammlung am 5. Dezember 1908. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Herr Dr. A. Ginzberger begann mit der Vorlage und Be- 
sprechung der wichtigeren Erscheinungen der botanischen 
Literatur des letzten Halbjahres. 

Herr J. Teyber hielt einen Vortrag: 

Über interessante Pflanzen aus Niederösterrcich und 

Dalinatien. 

I. Wiederösterreich. 
Ä. Für das Kronland neuere Arten und Hybriden: 

1. Ägrostis scabra Willd., Sp. PL i. 370. 

Dieses zierliche Gras fand ich heuer an sandigen Teichrändern 
bei Hoheneich im Waldviertel. Herr Prof. E. Hackel, welcher die 
Freundlichkeit hatte, meine Bestimmung zu revidieren und zu be- 
stätigen, teilte mir gütigst Daten über das Auftreten dieser Art in 
Europa mit, welche ihre Heimat in Nordamerika und Ostasien hat. 
„Demnach wurde sie schon 1857 in Schweden beobachtet, wo sie 
dann wieder 1896 von Almquist an sandigen Flußufern gesam- 
melt wurde. Auch in Schottland wurde sie an zwei Orten gefunden, 
und zwar längs einer Eisenbahn und auf einem Dock. Die zwei 
letztgenannten Funde deuten auf Einschleppung der Pflanze durch 
menschliches Zutun hin, während ihr Vorkommen an sandigen Fluß- 
und Teichufern wahrscheinlich auf Verschleppung durch Wasser- 
vögel beruht, in welchem Falle eine Einschleppung aus Ostasien 
wahrscheinlicher ist als aus Nordamerika." 

2. Melle a pieta C. Koch in Linnaea, XXI (1848), p. 395. 
Wurde von mir heuer im Thayatale bei Retz als für unser 

Kronland neu aufgefunden. Es erliegen wohl im Herbare der k. k. 
zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien und in dem des k. k. 
botanischen Institutes daselbst bei Hardegg gesammelte und als 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(61 



71/. picta C. Koch bestimmte Exemplare, welche jedoch nicht die 
genannte Pflanze darstellen, sondern zu Mellen nutans L. gehören. 
In Österreich bisher nur aus Böhmen und Mähren bekannt. 

3. Epilobium aggregatum Celak., Sitzb. d. Böhm. Ges. d. 
Wiss., 1873 =a E. montanum X obscurum; Hausskn., Monogr. der 
Gatt. Epihb., S. 78. 

Eine der schönsten Hybriden der Gattung- in unserer Flora. 

Von E. montan hm durch die kürzer gestielten, dunkleren 
Blätter, die nicht vierteilige, sondern nur vierlappige Narbe und 
durch dunklere Blüten verschieden ; von E. obscurum unterscheidet 
sie sich durch breitere Blätter, größere Blüten, die vierlappige Narbe 
und durch die dichtdrüsigen Kapseln. 

Sehr selten unter den Stammeltern bei Hoheneich im Waldviertel. 

4. Epilobium heterocaule Borb. in Ertek., IX, Nr. 16, p. 15 
(1879) = E. montanum X roseum; Hausskn., Monographie d. Gatt. 
Ep<hb., S. 80. 

Von E. roseum vorzüglich durch die vierlappige Narbe und 
durch kürzere Blattstiele, von E. montanum durch die länger ge- 
stielten Blätter, kleinere Blüten und die mit feinen herablaufenden 
Linien versehenen Stengel und Äste verschieden. 

Unter den Stammeltern bei Hoheneich im Waldviertel. 

5. Epilobium brachiatum Celak., Sitzb. d. Böhm. Ges. d. 
Wiss., 1873 = E. obscurum X roseum; Hausskn., Monogr. der Gatt. 
Epilob., S. 123. 

Von E. obscurum durch deutlich gestielte, an der Basis ver- 
schmälerte, schärfer und deutlicher gezähnte Blätter, blassere Blu- 
men sowie durch die mit Drüsenhärchen besetzten Kapseln ver- 
schieden. Von E. roseum unterscheidet sich E. brachiatum durch 
kürzer gestielte, weniger scharf gezähnte Blätter und durch die dunkel 
gefärbten Korollen. 

Sehr selten unter den Stammeltern bei Gopprechts nächst 
Litschau und bei Langegg nächst Schreins im Waldviertel. 

6. Pulmonaria Kerneri Wettst. in diesen „Verhandlun- 
gen", Bd. XXXVIII, 1888, S. 559, Taf. 13. 

Diese für unser Kronland neue Art sammelte ich 1908 bei 
Lassing nächst Göstling an einer einzigen Stelle in Gesellschaft von 



(62) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



P. officinalis L. Dieser Standort reiht sich an die von der Pflanze 
bisher nur aus der Umgebung von Groß-Reifling bekannt geworde- 
nen in östlicher Richtung an. 

7. Pulmonaria norica m. (— P. Kernen Wettst. X offici- 
nalis L.). 

Gelegentlich der Entdeckung von P. Kernen bei Lassing nächst 
Göstling fand ich auch die meines Wissens noch nicht bekannte 
Hybride P. Kernen Wettst. x officinalis L. unter den dort gemein- 
schaftlich vorkommenden Stammeltern. Da die Blütezeit der Pul- 
monarien in dieser Gegend bereits vorüber war, so liegen mir nur 
die grundständigen Blätter der Hybride vor, welche jedoch, da die 
Arten und Hybriden der Gattung Pulmonaria hauptsächlich durch 
die Beschaffenheit der grundständigen Blätter charakterisiert werden, 
zur Feststellung der hybriden Natur der von mir gefundenen Pflanze 
vollkommen genügen. Pulmonaria norica m. nimmt tatsächlich in 
dieser Beziehung eine derartige Mittelstellung zwischen P. Kerneri 
und P. officinalis ein, daß sie mit Bestimmtheit die Kombination 
der Stammeltern darstellt, umso mehr, als sie bisher nur in einem 
Exemplar aufgefunden wurde und an dem Standorte sowie über- 
haupt im ganzen Gebiete ihres Vorkommens keine anderen als die 
genannten Arten sich vorfinden. 

P. Kerneri besitzt länglich-lanzettliche, meist weißlich gefleckte 
Grundblätter, welche auf beiden Seiten mit langen steifen Borsten- 
haaren bedeckt sind; kürzere Haare und Drüsenhaare fehlen voll- 
ständig. P. officinalis hingegen hat herzförmige, meist gefleckte 
Blätter, welche beiderseits zerstreut langborstig und außerdem noch 
auf der Oberseite mit sehr kurzen, dichtstehenden Börstchen und 
auf der Unterseite mit lockerer gestellten und etwas längeren 
Börstchen bedeckt sind; die Unterseite weist überdies noch zerstreut 
stehende Drüsenhaare auf. P. norica nun besitzt eiförmig-längliche, 
zugespitzte und rasch in die Blattstiele verschmälerte Blätter, die 
gefleckt und beiderseits mit den schief und dichtstehenden Borsten- 
haaren von P. Kerneri bedeckt sind; die Oberseite ist außerdem 
noch mit Börstchen und die Unterseite mit sehr zerstreut stehenden 
Drüsenhaaren versehen, was der Einwirkung von P. officinalis ent- 
spricht, wie auch die rasch verschmälerten und breiteren Blätter 
auf diese Art hinweisen. 



Versammlung der Sektion für Hotanik. 



Von P. lujbrida A. Kern. (= angustifoUa X ofßciiudis), mit 
der P. norica Ähnlichkeit besitzt, weicht sie in bezug auf die 
Grundblätter dadurch ab, daß diese stärker behaart und deutlicher 
gefleckt sind. 

Die Diagnose, welche sich aus dem vorgenannten Grunde 
nur auf die Sommerblätter der Pflanze erstrecken kann und die ich 
im kommenden Jahre in bezug auf die blühende und fruchtende 
Pflanze zu vervollständigen gedenke, ist folgende: 

Pulmonaria norica m. (= P. Kerneri Wettst. X officinalis h.) 

lihizoma plwriceps. Folia basalia integra, ovato-oblonga, acu- 
minata, in petiolum celerrime attenuata, conspicue maculata, supra 
setis longis densis oblique patentibus, et setulis denticulisque multo 
brevioribus rectangulariter patentibus, subtus setis longis oblique 
patentibus et pilis glanduliferis dispersissimis vestita. 

8. Pulmonaria digenea A. Kern, in Osten*, botan. Zeitschr., 
XXIII, 1873, S. 180, und Monogr. Pulmon., S. 32 (= P. molUssima 
A. Kern. X officinalis L.). 

Von P. molUssima durch die dem samtartigen Überzug unter- 
mischten Borstenhaare auf der Oberseite der grundständigen Blätter, 
welche nicht allmählich, sondern plötzlich in den Blattstiel ver- 
schmälert und mit lichtgrünen Flecken versehen sind, zu unter- 
scheiden. Von P. officinalis durch die nicht oder nur sehr seicht 
herzförmigen, dichter und weicher behaarten grundständigen Blätter 
und durch die reichlicheren Drüsenhaare an den Kelchen, Blüten- 
stielen, Stengeln und Blättern verschieden. 

Ich fand diesen schönen, jedoch äußerst seltenen Bastard in 
Laubwäldern zwischen Petronell und Hundsheim unter den dort 
häufigen Stammeltern in einem äußerst üppigen, 38 blühende Stengel 
tragenden Exemplare. Bisher war die Pflanze meines Wissens nur 
aus Ungarn bekannt, von wo sie Kern er als im Berglande bei 
St. Andrä und als bei Ofen wachsend angibt. 

9. Orot an che bohemica Celak., Sitzb. d. Böhm. Ges. d. 
Wiss., 1879, Nr. 2, und Österr. botan. Zeitschr., 1879, S. 362; Beck, 
Monogr. d. Gatt, Orobanclie, S. 126. 

Obwohl 0. bohemica in vielen Merkmalen mit 0. purpurea 
Jacq. übereinstimmt, weicht sie doch von ihr durch einen verhältnis- 
mäßig dickeren, kräftigeren Stengel, dichtblütigere Ähren sowie 



(64) 



Versammlung- der Sektion für Botanik. 



dadurch ab, daß die Korollen dunkler gefärbt und nur spärlich mit 
kürzeren Drüsenhaaren bekleidet sind, während bei 0. purpurea 
die Korollen, besonders aber die Gaumen derselben, mit längeren 
Drüsenhaaren besetzt sind. 

Ich fand 0. bohemica, die bisher nur von der Velikahora bei 
Prag und angeblich auch aus der Schweiz bekannt war, auf einem 
sonnigen Abhänge bei Stein a. d. D. auf Ärtemisia campestris 
schmarotzend. 

10. Cirsium Wankeiii Reichardt in diesen „Verhand- 
lungen", Bd. XI, 1861, S. 381. — C. Jteterophijllum X palustre 
Wankel in Reichenb., Icones, XV, p. 80, Tab. 121, und Wimmer, 
Fl. v. Schlesien, III. Aufl., S. 286. 

Unter den massenhaften Stammeltern im oberen Lainsitztale 
zwischen Silberberg und Harmannschlag. Von C. palustre vorzugs- 
weise durch den weißfilzigen Überzug auf der Unterseite der Blätter 
und durch größere, weniger zahlreiche Köpfchen verschieden. Von 
C. heterophyllum durch feiner geteilte, kurz herablaufende und auf 
der Unterseite weniger filzige Blätter sowie durch kleinere Köpfchen 
zu unterscheiden. Obwohl diese Hybride schon an mehreren Punkten 
unserer Monarchie gefunden wurde, scheint sie aber doch immer 
nur einzeln aufzutreten. 

B. Neue Standorte im Kronlande weisen auf: 

Asplenium germanicum Weis 2 = A. septentrionale (L.) HofFm. X 
Trichomanes L. Amphibolitfelsen am rechten Thayaufer unter- 
halb Karlstein. 1 ) 

Sparganium neglectum Beeby 2 = Sp. erectum L. pr. p. An den 
Ufern der Thaya in der Umgebung von Raabs häufig. 

Oryzopsis vwescens (Trin.) Beck. Bisher in unserem Kronlande nur 
aus dem Leithagebirge bei Bruck bekannt, findet sich diese 
Pflanze auch ziemlich häufig im Plattwalde bei Hausbrunn; 
dieser Standort dürfte als der nördlichste dieser Art in unserer 
Monarchie anzusehen sein. 



x ) Die Standortsangaben der mit 1, 2, 3 bezeichneten Pflanzen wurden 
mir von den Herren Dr. A. Gin zb erger 1 , Dr. E. Janchen 2 und Dr. F. Vier- 
happer 3 freundlichst mitgeteilt. 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(«6) 



( 1 arcx Uelvonastes Khrh., :! Carcx diandra Schrank 8 und Carex lasio- 

carpä Ehrh. 8 Am Erlaufsee. 
Carex lepidocarpa Tausch/ 5 Am Erlaufsee und bei Breitensee im 

March felde. 

Trichophorum alpinum (L.) Pers. Häufig im Lassinger Moore nächst 
Göstling a. d. Y. 

Iris pumila L. Auf Hügeln um Uetz und auf dem Galgenberge 
bei Neu-Ruppersdorf nächst Staatz. 

Iris variegata L. Auf Felsen im Thayatale bei Retz. 

Rumex mariiimus L. Häufig an Teichrändern bei Pürbach nächst 
Schrems sowie auf wüsten Plätzen bei Ullrichs nächst Kirch- 
berg am Walde im Waldviertel. 

Rumex conspersus Hartm. (= R. aquaticus X crispus). Unter den 
Stammeltern im Inundationsgebiete der Donau in Wien. 

Rumex heterophyllus Schultz 1 ) (= R. aquaticus X hydrolapathum). 
An demselben Standorte wie die vorige Hybride in Gesell- 
schaft der Stammeltern. 

Caltha procumbens Huth. Bei „Bösenneunzehn" zwischen Kirchberg 
am Walde und Zwettl. 

Geranium palustre L. 2 Im Dorfe Ober-Grünbach bei Raabs. 

Linum austriacum L. Bei St. Ulrich unweit Hausbrunn. 

Seseli Beckii Seefried 2 = S. osseum Crantz, emend. Drude. Trockene 
Abhänge an der Thaya bei Raabs, Kollmitzgraben und Ober- 
Pfaffendorf. 

Epüobium obscurum Schreb. Verbreitet im Waldviertel, wie bei 

Hoheneich, Langegg, Gopprechts, Heidenreichstein, Harbach etc. 
Sorbus aria Crantz X S. torminalis Crantz. 1 Im „Wassergspreng" 

bei Gießhübel nächst Mödling. 
Rosa austriaca Crantz var. subglandulosa Borb. Auf Hügeln zwischen 

Mühlfeld und Rosenburg am Kamp. 
Astragalus austriacus Jacq. Auf Hügeln bei Hauskirchen nächst 

Hausbrunn. 

Vicia silvatica L. 2 In Seitengräben der Mährischen Thaya zwischen 
Raabs und Alberndorf. 

x ) Hier möge auch ein Schreibfehler seine Korrektur finden: Auf S. 70 
des LVI. Bandes dieser „Verhandlungen" soll es (Zeile 4 von unten) anstatt 
Rumex platyphyllus Schultz heißen: R. heterophyllus Schultz. 

Z. B. Ges. 59. Bd. ö 



(66) 



Versammlung- der Sektion für Botanik. 



Soldanella montana Mikan. 3 Ötscher — Mittereckkogel, 1250 m. 
Pidmonaria mollissima A. Kern. In Wäldern zwischen Petronell 
und Hundsheim. 

Linaria arvensis (L.) Desf. 2 Auf Äckern südlich von Loibes bei 
Groß-Siegharts. 

Veronica aquatica Bernh. Häufig bei Zwingendorf im Pulkau tale. 
Euphrasia gracilis Fries. Massenhaft bei Altmanns nächst Heiden- 

reichstein im Waldviertel. 
Älectorolophus hirsutus All. subspec. medius Sterneck. 3 In Wiesen 

und Feldern bei Mariazell und Lunz. 
Älectorolophus montanus (Saut.) Fritsch. Bei Heidenreichstein und 

Langegg im Waldviertel. 
Melampyrum subalpinum (Juratzka) Kerner. 2 Im ganzen Zuge des 

Hohensteins und Speisenberges nördlich von Groß-Siegharts 

massenhaft. 1 ) 

Orobanche alba Steph. Auf dem Galgenberge bei Neu-Ruppersdorf 
nächst Staatz. 

Orobanche alsatica Kirschl. An einem sonnigen Abhänge bei Stein 
a. d. D. auf Peucedanum cervaria schmarotzend. 

Campantda sibirica L. Häufig auf dem Steinberge bei Zistersdorf. 

Galium pedemontanum All. Massenhaft im Thayatale bei Retz. 

Bidens radiata Thuill. Bei Ullrichs, Frommberg, Gopprechts und 
Heidenreichstein im Waldviertel. 

Bidens fennica m. = B. radiata Thuill. X tripartita L. Unter den 
Stammeltern bei Gopprechts und Heidenreichstein im Wald- 
viertel. 

Artemisia scoparia W. K. Auf sonnigen Abhängen bei Zwettl. 
Echinops ruthenicus M. B. Bei Braunsdorf zwischen Eggenburg und 
Guntersdorf. 

II. Dalmatien. 

Neu für Dalmatien sind: 

1. Eryngium heteracanthum m. (= E. campestre L. X 
creticum Lam.). 

Gaulis erectus, gldber, leviter striatus, a medio ramosus, albido- 
viridis. Bami divaricati, albido-virides vel leviter coerulescentes. Eolia 

*) Revidiert von EL Poe ver lein. 



Versammlung <ln- Sektion für Botanik 



basaUa et cauUna inferior a prope ternatisecta; segmeniä simpUciter 
vel dupUcato-pinnalipartita vel -pinnatifida lacihiis spmoso-serratis. 
Folia caulina superiora minora, minus partita, sicut media mmcuUs 
spinoso-pinnatifidis caulem amplectentia, summa tcmtummodo trifida 
vel quinquefida. Capitiäa ovato-globosa, foliis involucralibas anguste 
lineari-lanceolatis, remote spinoso-dentatis et in spinam exeuntibus 
cwcumdata. Florum bracteolae aufm unicam tantum spinam exeuntes, 
auf uno vel duobus acideis lateralibus praeditae. Corolla albicans; 
Stylus coeruhscens. Pollinis graniäa sterilia. Floret Jiäio, Augusto. 
Statin adhuc unica: Locis incultis inter Dalmatiae urbes Spdlatum 
et Salonam in consortio parentum et Eryngii amethystini. 

F. heteracanthum in. ähnelt in der Tracht mehr dem F. cam- 
pestre L. ; auf welches vor allem der kräftige Wuchs, der weißgrüne 
Stengel, die ebenfalls weißgrünen oder nur schwach bläulichen Äste, 
die größeren, mehr zerteilten Blätter sowie die oft nur mit einer 
Stachelspitze versehenen Stützschuppen der Blüten hinweisen. An 
E. creticum Lam. gemahnen die längeren, schlankeren Äste ; die 
einfacher geteilten, dunkler grünen Blätter, die schwach bläulichen 
Äste und Griffel sowie die oft zwei- oder dreispitzigen Stützschuppen 
der Blüten. 

Für die Bastardnatur der Pflanze, welche ich der verschieden 
gestalteten Stützschuppen wegen als F. heteracanthum m. bezeichnen 
möchte, spricht vor allem die Mittelstellung, die sie zwischen den 
Stammeltern einnimmt, dann ihr vereinzeltes Vorkommen sowie der 
gänzlich taube Pollen. Die Pollenkörner sind nur halb so groß wie 
die der Stammeltern, beinahe kugelig und bleiben in den Antheren 
kleben. 

Hybriden sind in der Gattung Eryngium äußerst selten. In 
Österreich soll in Südtirol der Bastard F. amethystinum X campestre 
beobachtet worden sein, doch ist dieses Vorkommen laut brieflicher 
Mitteilung des Herrn Prof. F ritsch nicht mit Sicherheit nachge- 
wiesen, da Facchini in seiner Flora Tiroliae Cisalpinae (1855) 
wohl eine bei Montan in Südtirol aufgefundene derartige Hybride 
erwähnt, jedoch von ihr keine Diagnose gibt; er bemerkt nur, daß 

, diese Pflanze die Blüten von F. amethystinum und die Blätter von 
E. campestre besitze. Auch Gelmi (Prospetto della flora trentina, 

| 1893) und Wohlfahrt in Koch-Hallier, Synopsis der deutschen 

e* 



(68) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



und Schweizer Flora, I, S. 1029, führen die von Gelmi gefundene 
Pflanze an, geben jedoch auch keine Diagnose. Gelmi nennt die 
Hybride E. intermedium. 

Weitere Angaben über Eryngium-Rybri&eia. fand ich in der 
Literatur nicht. 

2. Verbascum geminatum Freyn in Österr. botan. Zeitschr., 
XXVI, S. 370 — 371 = V. Blattaria X sinuatum; V. sinuato-Blat- 
taria Godr. et Gren., 1. c, II, p. 559. 

Diese äußerst instruktive und seltene Hybride sammelte ich 
auf Wiesen nächst Salona, wo ich sie in Gesellschaft der Stamm- 
eltern antraf. Sie unterscheidet sich von V. Blattaria hauptsächlich 
durch die Anordnung der Blüten, die immer zu mehreren beisammen- 
stehen, durch kürzere Blütenstiele und durch die Behaarung des 
Stengels und der Blätter; von V. sinuatum ist sie vornehmlich durch 
die stark drüsigen oberen Teile des Blütenstandes und durch minder 
reiche Blütenbüschel verschieden. 

3. Bumex Mureti Hausskn. in Mitteil. d. Geogr. Gesellsch. 
Thür., III, 1885, S. 73; Beck, Ic. Fl. G. et H., Tom. 24, Dec.6, p.46, 
Tab. 191 (— B. conglomeratus X pulcher). 

Von B. conglomeratus unterscheidet sich B. Mureti durch 
den sparrigen Wuchs und durch größere, deutlich gezähnte Frucht- 
klappen; von B. pulcher durch kleinere, weniger und kürzer ge- 
zähnte Fruchtklappen. Von beiden Stammeltern weicht die Hybride 
außerdem durch sehr verminderte Fruchtbarkeit ab. 

Ich sammelte B. Mureti zwischen Weingärten nächst Salona 
in Dalmatien, für welches Land die Pflanze meines Wissens neu 
ist; bisher wurde sie in der Schweiz, in Griechenland, in der Türkei 
und in der Herzegowina beobachtet. 

Zum Schlüsse erlaube ich mir noch, Herrn Dr. Erwin Janchen 
für die gütige Übersetzung der von mir verfaßten Diagnosen ins 
Lateinische meinen wärmsten Dank auszusprechen. 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(69) 



Bericht der Sektion für Zoologie. 

Versammlung am 8. Mai 1908. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. K. Grobben. 

Der Vorsitzende erteilt das Wort Herrn phil. Robert Huber 
zu seinem Vortrage: „Über die Schwimmblase der Fische." 

Nach einer kurzen sich daran schließenden Diskussion spricht 
Herr Kustos A. Handlirsch „Über eine jüngst beschriebene 
neue Arthropodenordnung". 



Versammlung am 13. November 1908. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. Th. Pintner. 

Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und erteilt das Wort Herrn 
Prof. Dr. Grobben zu seinem Vortrage: „Über das System des 
Tierreiches." 

An der darauffolgenden Diskussion beteiligen sich insbeson- 
dere die Herren Prof. Dr. Hatschek und Hofrat Dr. Fuchs. 

Hierauf hält Herr Dr. Pesta seinen angekündigten Vortrag: 
„Über Copepodentypen." 

I 

Versammlung am 11. Dezember 1908. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. Th. Pintner. 

Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und erteilt zunächst Herrn 
Dr. Mi es tinger das Wort zu seinem Vortrage: „Über die Ana- 
tomie der Temnocephaliden", an welchen sich eine kurze De- 
batte schließt. 

Sodann hält Herr Dr. Fr. Werner den zweiten angekündigten 
Vortrag, der im folgenden wiedergegeben ist. 



(70) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Bemerkungen über die geographische Verbreitung der 
Mantodeen (Fangheuschrecken). ^ 

Im Vergleich mit den Vertebraten, den Land- und Süßwasser- 
mollusken, ja auch mit manchen anderen Arthropodengruppen (Skor- 
pione und Solifugen, Myriapoden, Landasseln, Süßwasserdecapoden), 
sind die Insekten bisher relativ wenig in bezug auf ihre geo- 
graphische Verbreitung studiert worden, trotz oder vielleicht eben 
wegen des ungeheuren Artenreichtums dieser Gruppe, die allein 
umfangreicher ist als alle anderen Tierordnungen zusammen. Es 
wird sich vorerst auch gewiß kein Forscher finden, der das ganze 
Reich der Insekten in dieser Hinsicht in den Bereich seiner Unter- 
suchungen ziehen wollte oder könnte; denn ich glaube, daß zoo- 
geographische Untersuchungen ohne genauere Kenntnis der Syste- 
matik — das ist der verwandtschaftlichen Beziehungen der Formen 
untereinander — aber auch der Ethologie nicht allzuviel Erfolg haben 
können. Aber es besteht kein Hindernis, kleinere Gruppen in An- 
griff zu nehmen und nach Maßgabe des derzeitigen Standes unserer 
Kenntnisse über Verwandtschaft, Vorkommen und Lebensweise 
wenigstens ein Übersichtsbild über die gegenwärtige Verteilung 
einer solchen Gruppe zu geben. Viele größere und kleinere Kate- 
gorien von Insekten, welche flugunfähige oder schlechtfliegende 
Arten in größerer Anzahl enthalten oder ganz aus solchen bestehen, 
dürften zoogeographisch von großem Interesse sein und die im 
wesentlichen auf Grund der Verteilung der Wirbeltiere und Mol- 
lusken aufgestellten zoogeographischen Gesetze und Einteilungen zu 
kontrollieren gestatten. 

Wenn ich nachstehend einige Betrachtungen über die geo- 
graphische Verbreitung der Mantodeen, mit deren Systematik und 
Ethologie ich mich seit einer Reihe von Jahren beschäftige, zur 
Veröffentlichung bringe, so tue ich dies mit dem ausdrücklichen 
Hinweise darauf, daß ich eben nur eine Skizze in groben Umrissen 
entwerfen will und auf Einzelheiten nicht eingehen kann. Die Ur- 
sache liegt zum großen Teil darin, daß mir die Gattungs- und Art- 
systematik dieser Gruppe vielfach noch im Argen zu liegen scheint 
und auch die großen Kategorien, trotz der mustergültigen Revision 
der Mantodeen durch Brunner v. Wattenwyl (Revision du Systeme 



Verft&ramltLng der Sektion für Zoologie. 



(71) 



des Orthopteres in: Ann. Mus. di Genova, L892/93), von einer de 
finitiven Ausgestaltung und Abgrenzung noch weit entfernt sind. 
(So dürften, um nur einige Andeutungen zu geben, die Vatiden 
kaum eine von den Mantiden scliarf unterscheidbare Familie vor- 
stellen und ebenso die Amorphosceliden auf Ortlioderiden zurück 
zuführen sein.) 

Aber schon das Wenige, was sich aus meinen Betrachtungen 
ergibt, zeigt eine sehr auffallende Verschiedenheit der Verbreitung 
dieser Gruppe im Vergleich namentlich mit der Verbreitung der 
Landwirbeltiere, auf der unsere zoogeographischen Regionen und 
Subregionen beruhen. 

Bevor ich aber noch in das Thema eingehe, möchte ich auf 
einen für die Beurteilung der Verbreitung der Mantodeen wahr- 
scheinlich sehr wichtigen Charakter dieser Insekten hinweisen, 
nämlich auf die weit verbreitete Flugunfähigkeit oder mindestens 
Flugfaulheit der Weibchen, welche zur Folge hat, daß eine Aus- 
breitung der einzelnen Arten zwar durch die Kokons (unter Ver- 
mittlung des Menschen, der kokonbehaftete Baumstämme, Zweige, 
vielleicht sogar Steine mehr weniger weit von der ursprünglichen 
Lokalität wegführt, ja durch den Schiffsverkehr von einem Erdteil 
zum anderen verschleppt 1 ) erfolgt — und in diesem Falle rindet 
in der neuen Heimat die Bildung einer ganz kleinen, vermutlich 
in vielen Fällen bald zugrunde gehenden Kolonie statt — , dagegen 
die Erweiterung des Verbreitungsgebietes durch die Imagines nur 
recht langsam vor sich geht, da die Flüge der flugbegabten Männchen 
für die Ausbreitung der Art ergebnislos sind und erst dann, wenn 
auch Weibchen neben Männchen in das neue Gebiet vorgedrungen 
sind, die Besiedlung als gelungen betrachtet werden darf. In der 
Regel sind die Weibchen nur im unbefruchteten Zustande etwas 
agiler; diese Zeit ist aber relativ kurz und mit der zunehmenden 
Schwellung der Ovarien nimmt die Lust zum Fliegen ab und die 
Tiere bewegen sich vorwiegend laufend. 2 ) Daß unter diesen Um- 
ständen die Ausbreitung der einzelnen Arten sehr langsam vor sich 
gegangen sein muß, liegt auf der Hand; und dieser Umstand scheint 



*) Tarachodes, Tenodera, Sphodromantis. 

2 ) Wie ich selbst bei 16 Arten aus fast allen Familien beobachten konnte. 



(72) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



mir für die nachstellend verzeichneten Erscheinungen zum Teil von 
Bedeutung und selbst die Ursache zu sein, daß eine Verkürzung 
der Flugorgane bis zum völligen Schwunde (Hoplocorypha) so über- 
aus häufig beim 9 (dagegen sehr selten beim cT) auftritt. 

Wenn wir die alte Sclatersche Einteilung des Festlandes 
der Erde in sechs zoogeographische Regionen einstweilen der Be- 
quemlichkeit und Übersichtlichkeit halber beibehalten, so ergibt sich 
für die Verteilung der Mantodeen im wesentlichen folgendes: 

1. Die paläarktische Region hat außer der wüstenbewohnenden 
Eremiaphila- und der mediterranen Ameles-Grupipe, von denen sich 
aber die erstere sehr schön aus der indisch-äthiopischen langflügeligen 
Theopompa ableiten läßt, keine eigentümlichen Gattungen. (Disco- 
thera ist zweifellos, wenn auch rein paläarktisch, äthiopischer Ab- 
kunft) 

2. Die äthiopische und orientalische Region haben sehr viele 
Typen gemeinsam. 

3. Die Mantodeen nehmen vom malaiischen Archipel nach 
Osten an Zahl der Gattungen und Arten rapid ab und sind in Poly- 
nesien und auf Neuseeland durch keine eigentümliche Gattung oder 
auch nur Art vertreten. 

4. Die neotropischen Mantodeen sind von den altweltlichen 
der Gattung nach fast ausnahmslos verschieden, doch sind einige 
Anklänge an äthiopisch-indische Formen vorhanden. 

5. Die nearktische Mantodeenfauna ist eine stark verarmte 
neotropische und hat mit der paläarktisch en kaum irgend welche 
Berührungspunkte. 

Aus diesem Grunde können wir für die zoogeographische Ein- 
teilung der Mantodeen mit zwei großen Gebieten — das palätropische 
und das neotropische — das Auslangen finden; das erstere läßt 
eine Unterteilung in eine äthiopische und eine indo -australische 
Subregion zu; die paläarktische Orthopterenfauna dürfte im wesent- 
lichen aus der äthiopischen hervorgegangen sein, wenngleich die 
mandschurische Subregion ihre wenigen Arten aus der malaiischen 
erhalten hat. 

Nun zur Besprechung der einzelnen Regionen (im Sclat er- 
sehen Sinne): 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(18) 



Paläarktische Region. Gattungen: Discothera, Ere- 
miaphila, Centromcmtis, Heteronntarsus, Elaea, 1 ) Q-eotnantis, 
Armene, Ameles (inklusive Paramcles und Pseudoyersmia), 
Oxythespis, Iris, Fischeria, Bolivaria, Mantis, Sphodro- 
mantis, Hierodula,*) Tenodera, 2 ) Statilia 2 ) Severinia, Em- 
pusa, Hypsicorypha, Idolomorpha, Blepharopsis. 

Hiervon gehört die Gattung Discothera, die aus Spanien, Tunis 
und Paliistina bekannt ist, der äthiopisch-indo-australischen Familie 
der Amorphosceliden als einzige paläarktische Gattung an. Eremia- 
phüa ist im wesentlichen paläarktisch, geht aber über die Grenzen 
der Region im Somaliland und Nordindien hinaus. Die Arten dieser 
Gattung sind in beiden Geschlechtern kurz geflügelt oder nur mit 
lappenförmigen Flügelrudimenten versehen. Aus der in beiden Ge- 
schlechtern langflügeligen, an Baumrinden lebenden indisch-west- 
afrikanischen Gattung Theopomp a leitet sich durch Humbertiella 
(Flugorgane des 9 etwas kürzer als der Hinterleib, beim cT länger; 
Indien) und Elaea (Flugorgane des 9 verkürzt wie bei Eremia- 
phüa) die Gattung Eremiaphüa ab. Während aber Humbertiella 
und Elaea wie Theopompa Baumläufer und Rindenbewohner sind, 
hat sich Eremiaphüa wie Centromantis und Heteronutarsus (diese 
beide rein paläarktisch und aus Eremiaphüa abzuleiten) dem Leben 
in der Wüste angepaßt. 

Elaea ist äthiopisch, geht aber in Nordafrika etwas ins palä- 
arktische Gebiet hinein. Geomantis, Armene, Ameles sind rein palä- 
arktisch; Oxythespis äthiopisch, aber in Nordafrika und Turkestan 
ins paläarktische Gebiet vordringend; die turkestanische Art ist 
dem Gebiet zwar eigentümlich, aber der afrikanischen 0. granulata 
Sauss. nahe verwandt. (Vgl. das Vorkommen der turkestanischen 
Acridier: Dericorys curvipes, Thisoicetrus adspersus, die im Zwischen- 
gebiet bisher niemals gefunden wurden, in Ägypten!) Paläarktisch, 
aber einer typisch indo-äthiopischen Gruppe angehörend, sind Fische- 
ria und Bolivaria, dasselbe gilt für Iris; Mantis ist wohl ursprüng- 
lich äthiopisch; nur M. religiosa geht ins paläarktische und indische 
Gebiet, hier bis Java. Die ostasiatischen, von Saussure beschrie- 



*) Nur eintretend! 

3 ) In China und Japan. 



(74) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



benen Mantis -Arten gehören wohl alle zu Tenodera aridifolia und 
die M. odospilota Westw. von Adelaide ist mir bezüglich ihrer 
systematischen Stellung sehr zweifelhaft. Die äthiopische Gattung 
Sphodromantis tritt in Nordafrika und Syrien in der Art S. bio- 
culata, die indische Gattung Hierodula in Transkaukasien und 
Turkestan in der Art H. transcaucasica Br. in die paläarktische 
Region ein; diese Gattung wohl auch in China. In Japan kommt 
Tenodera (die in Südasien weit verbreitete aridifolia) und Staülia 
(die ebenfalls in Südostasien sehr häufige maculata Thunbg. [de- 
haani Sauss.]) vor. Die Anzahl der übrigen Gattungen, die zu den 
Vatiden und Empusiden gehören, ist in der Paläarktis gering. 
Severinia, in Ostalgerien und Tunis, steht der äthiopischen Hetero- 
chaeta (Vatidae) nahe. Empusa, in den Mittelmeerländern durch 
mehrere Arten vertreten, ist eine weit verbreitete indo-äthiopische 
Gattung, Idolomorpha, durch /. longifrons Sauss. von Ostalgerien 
bis Tripolitanien verbreitet, typisch äthiopisch, Hypskorypha, eine 
endemische Gattung der Kanaren, direkt von Idolomorpha abzuleiten. 
Blepharopsis (Blepharis) ist ebenso typisch äthiopisch, wie Eremia- 
phila wohl in Nordostafrika entstanden, wo auch jetzt noch die ganze 
nähere Verwandtschaft (Blepharodes, Idolum) sitzt, jedoch jetzt Uber 
ganz Nordafrika, Syrien und die Kanaren verbreitet. Facit: Wenn 
man von der Ameles-Gm^pe absieht, die in ihren morphologischen 
Merkmalen — Zuspitzung der Augen, Reduktion der Flugorgane 
des 5 — an Oxythespis, aber (in letzterer Beziehung als Konvergenz) 
noch mehr an die Theopompa- Humberüella - Elaea- Eremlaphila- 
Gruppe, zum Teil auch an die parallele Reihe Chaetessa-Tarachodes- 
Taraelüna erinnert (Anfangsglied der Reihe bei der Ameles-Gru^e 
ist Armene, Endglied Geomantis), so sind alle paläarktischen Manto- 
deen Abkömmlinge äthiopischer oder indischer Formen, entweder 
unverändert oder in besonderen paläarktischen Arten, seltener Gat- 
tungen auftretend. 

Äthiopische Region. Gattungen: Amorplioscelidae : 
AmorpJioscelis , Paramorplioscelis, Compsothespis ; Ortho- 
deridae: Charieis, Theopompa, Elaea, Tarachodes, 1 ) Tara- 

x ) Die durch den Druck hervorgehobenen Gattungen -dominieren durch 
Arten- und Individuenzahl. 



Versammlung dtt Sektion für Zoologie 



(75) 



cltina, Paralygdamiu (Madagaskar), Pyryomanlis; McmÜdae: 
Gonypeta (inkl. Entella-Ligoria) . Hapalomantis, Sphaero- 
mantis, Dystacta, Chroicoptera, Tropidomantis, Nilomantis, 
Flatycälymna (Madagaskar), Enicqphlebia (Madagaskar i, 
dntistia, Euchomena (?, Madagaskar), Agrionopsis, Steno- 
pyga, Tenodera, Omoma/ntis, Polyspilota, Cilnia, Ta/racho* 
mantis (Madagaskar), Sphodromantis, Rhombodera, Mcm- 
tis, Phasmomantis, OxytJiespis, Hoplocoryplia, Calamofhespis, 
Calidomantis, Iris, Paroxyophtlialmus, Episcopus, Lepto- 
cola, Solygia, Eremoplana, Ischnomantis, Teddia, Carvilia, 
Dactylopteryx, Auchmomantis, Bisanthe, Majunga (Mada- 
gaskar), Liturgousa (Madagaskar) ; Harpagidae: Brancsikia 
(Madagaskar), Oxypilus, Oxypiloidea, Panurgica, Innodia, 
Sibylla, Sigerpes, Phyllocrania, Bomistria, Chlidonoptera, 
Pseudocreobotra, Harpagomantis, Pseudoliarpax, Chloro- 
harpax, Galinthias, Otomantis- Vatidae: Stenovates, Hetero- 
chaeta, Pseudochaeta, Macrodanuria, Phitrus, Danuria, 
Danurietta (Madagaskar); Empusidae: Empusa, Hemi- 
empusa, Idolomorpha, Blepharodes, Blepharopsis, Idolum. 

Von ihnen sind gemeinsam mit der indischen Region : Amorpho- 
scelis, Compsothespis, Theopompa, Gonypeta, Tropidomantis, ? Eu- 
chomena, 1 ) Tenodera, Bhombodera, Mantis, Phasmomantis, Iris, 
Popa, Empusa. Doch sind nur zwei Arten, Tenodera superstitiosa 
und Mantis religiosa, in beiden Gebieten identisch. Vikariierende 
Gattungen beider Gebiete wären etwa: Pyrgomantis (Afrika) und 
Bidymocorypha (Indien); Stenopyga und Euchomena; Sphodromantis 
und Hierodula; Hoplocoryplia und Paratliespis (indisches Festland) 
und Fiäcinea (Archipel), ParoxyophtJialmus und Oxyophthalmus, 
Episcopus und Pa,r episcopus, Ischnomantis, beziehungsweise Eremo- 
plana, Deiphobe und Sphendale; Phyllocrania und Beroplatys, 
Pseudocreobotra und Creobotra, Heterochaeta und Aethalochroa, Ido- 
lum und Gongylus usw. 

Vikariierende Arten wären etwa: Phasmomantis africana und 
basalis, Iris rogenhoferi und orientalis, ferner Popa spurca und 
! undata. 



l ) Die madagassische Euchomena ist wohl eine Stenopyga! 



(76) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Weiter verbreitet als über die indische Region sind die fol- 
genden afrikanischen Gattungen: Amorphoscelis, Compsothespis, 
Theopompa, Tropidomantis, Tenodera, (Bhombodera). Ich glaube 
aber, daß die Bhombodera von Neuguinea mit den äthiopischen 
und indischen gar nichts zu tun hat, sondern sich selbständig aus 
einer Hierodula des Gebietes entwickelt hat. 

Ich will vorläufig auf die weitere Besprechung der äthiopi- 
schen Region nicht näher eingehen, sondern gleich die Gattungen 
der indischen Mantodeen hier verzeichnen. 

Indo-orientalische Region, Amorphoscelidae : Amor- 
phoscelis, Compsothespis: Orthoderidae : MetaUyticus, Theo- 
pompa, Humbertiella, Didymocorypha, Choeradodis; Man- 
tidae: Hapalopeza, Nemotha, Micromantis, Compsomantis, 
Antissa, Odontomantis, Anaxandra, Iridopteryx, Gonypeta, 
Tropidomantis, Myrcinus, Statilia, Euchomena, Mesopteryx, 
Tenodera, Arria, Hierodula, Rhombodera , Mantis, 
Phasmomantis , Nanomantis, Parathespis, Fulcinea, Iris, 
Oxyophthalmus, Parepiscopus, Dysaules, Schizocephala, Dei- 
phobe, Sphendale; Harpagidae: Acromantis, Ambivia, Dero- 
platys, Toxodera, Toxoderopsis, Paratoxodera, Triaeno- 
corypha, Ceratomantis, Pachymantis, Hestiasula, Gonypetyllis, 
Parairidopteryx, Haania, Phyllothelys, Ceratocrania, Para- 
blepharis, Creobotra, Helvia, Theopropus, Hymenopus, 
Parymenopus; Vatidae: Heterochaetula, Paradanuria, Euthy- 
phlebs, Aethalochroa, Pseudempusa, Popa; Empusidae: Gon- 
gylus, Empusa. 

Von dieser großen Zahl von Gattungen bleiben auf Neuguinea 
nur die folgenden: Amorphoscelis, Tenodera, Hierodula (? Bhombo- 
dera), Nanomantis; dazu kommen zwei neue, Orthoder a und Steno- 
mantis; die Arten aus den erstgenannten Gattungen sind mit indi- 
schen nicht identisch, doch meist recht nahe verwandt. 

Australien hat außer den uns bereits in der indischen Region 
entgegengetretenen Gattungen Amorphoscelis, Compsothespis, Theo- 
pompa, Tropidomantis, Tenodera, Nanomantis und Paradanuria und 
den beiden mit Neuguinea gemeinsamen Orthodera und Steno- 
mantis noch die endemischen Paroxypilus (Amorphoscelide), Bolbe, 
Archimantis, Pseudomantis und Sphodropoda (Mantiden). 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(77) 



Auf Tasmanien leben je zwei Arten von Paroxypilms (endc- 
misch), eine Orihodera (endemisch), eine PseudomanUs (endemisch) 
und eine Tenodera, auf Neuseeland nur eine Orihodera (endemisch) 
und eine Tenodera; vom ganzen polynesischen Archipel wird nur 
eine Tenodera von Samoa und eine Sphodropoda von Fidji genannt. 
roh/*p tlota brunneriana Sauss. von Neukaledonien ist auch nichts 
anderes als eine Tenodera, und zwar aridifolia Stoll, wie aus den 
Exemplaren der Sammlung- Brunners unzweifelhaft hervorgeht. 

Von den 66 indo-orientalischen Gattungen hat also Neuguinea 
noch 6, davon keine endemische; Australien 12, davon 5 ende- 
mische (ich halte sowohl die samoanische Tenodera als auch die 
vitianische Sphodropoda für verschleppt); östlich von Australien 
gibt es keine eigentümlichen Gattungen mehr und auch die Ortho- 
dera von Neuseeland scheint der australischen sehr nahe verwandt 
zu sein. 

Sehr bemerkenswert ist es, daß die auf der polynesischen 
Inselwelt am weitesten nach Osten vordringenden Mantodeen zu 
den relativ wenigen gehören, bei welchen die Reduktion der Flug- 
organe des 9 so gut wie gar nicht ausgesprochen ist (Orthoder a, 
Tenodera). 

Die neotropische Region hat die anscheinend primi- 
tivste gegenwärtig existierende Mantodeenform, Mantoida, 
mit kurzem, an das der Blattiden erinnerndem Pronotum 
und relativ schmalen Hinterflügeln, was auf die geringe 
Entwicklung* des Analteiles zurückzuführen ist; außerdem 
auch die bereits (nach Giebel) aus dem Unteroligozän be- 
kannte Gattung Chaetessa (nahe verwandt der afrikani- 
schen Tarachodes) sowie die sonst nur auf Ceylon vor- 
kommende Choeradodis, alles Formen aus der Gruppe der 
Orthoderidae, sowie Orthoder ella, während die Amorpho- 
scelidae und Empusidae vollständig fehlen. Die Man ti den 
sind durch Mantellias, Mantillica, Myrcinellus, Astollia, 
Acontista, Tithrone, Callimantis, Stagmomantis, Mellieria, 
Phasmomantis, Iris, Brunneria, Thespis, Gonatista, Hagio- 
mantis, Liturgousa, Coptopteryx, Euryderes, Macromantis, 
Metriomantis, Photina, Ardesca, Hicetia, Miopteryx, Pseudo- 
miopteryx, Bantia, Musonia, Galapagia (endemisch auf 



(78) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



den Galapagos), Pseudomusonia, 1 ) Thesprotia, Bactromantis, 
Oligonyx, Rarpagonyx, Spamonyx, Thrinaconyx, die Harpa- 
giden durch Metilia, Acanthops, Decimia, Pseudacanthops, 
Antemna, Phyllomantis, Epaplwodüa, Callibia, die Vatiden 
durch Cardioptera, Oxyops, Pseudoxyops, Parastagmatoptera, 
Stagmatoptera, Heterovates, Zoolea, Phyllovates, Pseudo- 
vates, Vates, Hagiotata und Stenophylla vertreten. 

Von allen diesen nahezu 60 Gattungen gehen in die nearktische 
Region nur sieben, die fast ausnahmslos zu den Mantiden gehören, 
nämlich Callimantis, Stagmomantis, Brunneria, Gonatista, Bactro- 
mantis und Oligonyx, ferner die Vatidengattung Phyllovates; Yersinia 
und Litaneutria entstammen jedenfalls dem südlichen Nordamerika 
oder Mexiko und sind die nearktischen Vikarianten der paläarkti- 
schen Ameles. 

Wenn wir nun das Heer der nearktischen Mantodeen be- 
trachten, so finden wir zwar nahe verwandtschaftliche Beziehungen 
mit altweltlichen Gattungen, aber nur ganz wenige, die vollständig 
identisch sind. Hierher gehört die Orthoderidengattung Choera- 
dodis (auch auf Ceylon), Phasmomantis (auch in Afrika und Nord- 
indien), Iris (Afrika, Indien, Südeuropa; die Zugehörigkeit der 
amerikanischen I. strigosa zu der Gattung Iris wäre freilich noch 
sicherzustellen), Liturgousa (Madagaskar) und Stagmatoptera (Mada- 
gaskar). Die beiden letztgenannten Gattungen bilden eine inter- 
essante Analogie zu der Verbreitung gewisser Reptilien (Leguane, 
Riesenschlangen der Gattung Boa und Corallus, Schildkröten der 
Gattung Podocnemis), während mir für die Verbreitung von Phasmo- 
mantis und Iris kein genau entsprechendes Analogon aus der Verte- 
bratenverbreitung bekannt ist und für diejenige von Choeradodis 
überhaupt nicht leicht eines gefunden werden dürfte. Hier könnte 
man auf die Idee einer diphyletischen Entstehung der Gattung 
kommen. Wenngleich nun aber freilich die Familie der Ortho- 
deriden eine wahrhaft kosmopolitische und die Möglichkeit einer 
selbständigen Entstehung sehr ähnlicher Formen in den beiden 
Tropengebieten nicht außer Diskussion ist, so besteht für mich doch 



J ) Für Miomjx Sauss., 1892 (präokkupiert durch Cope, 1886 für eine 
Eidechsengattung). 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(TU) 



kein Zweifel, daß eine derartige Übereinstimmung, wie sie bei den 
Choeradodis -Arten der alten und neuen Welt zu beobachten ist, nur 
der Ausdruck naher Blutsverwandtschaft sein kann. Welcher Grad 
von Ähnlichkeit durch Konvergenz in räumlich und verwandtschaft- 
lich weiter getrennten Gattungen entstehen kann, sieht man deut- 
lich, wenn man die vom Autor der Art zu Deroplatys gestellte mada- 
gassische Blattmantodee BrancsiMa freyi mit den malaiischen Dero- 
platys -Arten vergleicht. So groß die Ähnlichkeit auf den ersten 
Blick auch sein mag, so ist doch die Zugehörigkeit zu zwei ver- 
schiedenen Gattungen nicht zweifelhaft. Bei Choeradodis liegt aber 
die Sache so, daß man, ohne gerade die Merkmale der einzelnen 
Arten im Kopfe zu haben, nicht von vornherein sagen kann, ob 
die ceylonesische oder eine der südamerikanischen Arten vorliegt. 

Zweifellos nahe verwandtschaftliche Beziehungen, die aber 
nicht so weit gehen, daß man die Arten der alt- und neuweltlichen 
Gattungen in derselben Gattung vereinigen könnte, finden sich ferner 
zwischen Thespis (Angela) und Leptocola, Musonia und Hoplo- 
corypha und auch sonst noch vereinzelt [vielleicht Stagmomantis 
und Carvilia (Parasphendale)], dagegen ist das neotropische und 
paläotropische Faunengebiet im wesentlichen scharf geschieden 
durch das Fehlen der Amorphosceliden und Empusiden, der im 
letzteren dominierenden Mantiden aus der üfcmfo's- Gruppe (Mantis- 
Hierodiäa - Sphodromantis - Sphodropoda - Polyspilota - Tenodera ), der 
rinden- und wüstenbewohnenden Orthoderiden (Eremiaphila-Theo- 
^ompa-Gruppe) und schließlich der Fischeria-Gmippe mit der cha- 
rakteristischen Färbung der Hinterflügel (Fischeria-Bolivaria-Eremo- 
plana-Ischnomantis-Sphendale-Beipliobe) in der neotropischen und 
.nearktischen Region 1 ) sowie das Fehlen in der alten Welt der in 
der neotropischen Region einen wesentlichen und hervorstechenden 
Teil der Mantodeenfauna bildenden Vatiden aus der Stagmatoptera- 
Gruppe (also St., Parastagmatoptera, Gardioptera, Oxyops etc.) und 
Fates-Gruppe (mit V., Zoolea, Psendovates, Phyllovates etc.), welche 
im äquatorialen Teil der Region ebenso dominieren wie etwa Stagmo- 



J ) Vereinzelte Exemplare von Sphodromantis wurden in Südamerika, 
von Tenodera in Pennsylvanien angetroffen, doch sind das natürlich nur ver- 
schleppte Afrikaner oder Asiaten. 



(80) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



mantis im zentralamerikanischen und Coptopteryx im argentinisch- 
chilenischen Teil. 

Man kann natürlich das Thema noch weiter ausspinnen und 
auf die einzelnen Subregionen eingehen (wie z. B. die außerordent- 
liche Artenarmut der chilenischen Subregion, in der nur die vor- 
wiegend im Süden der neotropischen Region verbreitete Gattung 
Coptopteryx lebt) ; auf die sehr auffallenden Konvergenzerscheinungen 
der amerikanischen Gattungen Photina, Gardioptera, Parastagmato- 
ptera u. a. (c? mit hyalinen, 9 mit grünen, opaken Elytren) mit 
den altweltlichen Calidomantis (vgl. namentlich Parastagmatoptera 
flavoguttata mit Calidomantis savignyi, wo sich die Ähnlichkeit 
sogar auf die gelbe Queraderung der Hinterflügel erstreckt) usw. 

Ich möchte es aber mit dieser Übersicht genug sein lassen. 
Man sieht schon hier, daß zwar auch in der Mantodeengruppe hier 
und da dieselben Beziehungen zwischen den einzelnen Regionen 
zu erkennen sind wie bei den landlebenden Wirbeltieren, daß diese 
Beziehungen zum Teil stärker betont sind (wie in bezug auf den 
Zusammenhang der altweltlichen Regionen zueinander, die uns hier 
als kaum von höherem Werte denn als Subregion erscheinen), 
während sonst allgemein wohlcharakterisierte Subregionen, wie 
Neuseeland, auch wieder um einen Grad tiefer sinken, da sich die 
Mantodeenfauna dieser Insel von der des australischen Festlandes 
weniger unterscheidet als die von Tasmanien; Madagaskar und 
Ceylon sind von der Festlandsfauna in bezug auf die Mantodeen viel 
weniger scharf geschieden als etwa in bezug auf Reptilien oder 
Frösche; und vielleicht verdient in Hinsicht auf unsere Insekten 
eine oder die andere der großen Inseln des malaiischen Archipels 
eine selbständigere zoogeographische Stellung, obwohl es anderseits 
keinem Zweifel unterliegt, daß unsere Sammelergebnisse für Detail- 
studien noch beiweitem nicht ausreichen und auch Sammelausbeuten, 
die aus anderen Gruppen vorzügliche Resultate ergeben haben, für 
die Mantodeen häufig wenig von Belang bringen, weil die großen 
ansehnlichen Formen bereits genügend bekannt sind und die kleinen 
in der Regel übersehen werden. Es wäre das Augenmerk beson- 
ders auf rinden- und bodenbewohnende Arten zu richten. 

Auf einen Punkt möchte ich aber doch hinweisen, nämlich, 
daß Afrika, dieser uralte und im wesentlichen im Laufe der Erd- 



Versammlung <i<m- Sektion für Zoologie. 



(81) 



geschiente wenig veränderte Kontinent, vielleicht mit demselben 
Rechte als Urheimat der Mantodeen angesehen werden darf, wie 
ihn Stromer als Urheimat der Säugetiere in Anspruch genommen 
hat. Wenn wir bedenken, daß diesem Kontinent keine einzige der 
großen Mantodeenfamilien fehlt, während der neotropischen Kegion, 
welche ja freilich die (anscheinend) primitivste jetzt lebende Gattung 
(Mantohla) beherbergt, nicht weniger als zwei (von sechs) fehlen, 
wenn wir ferner die entschiedene Abnahme in bezug auf die Zahl 
der Gattungen von Afrika nach Osten in Betracht ziehen [80 l ) in 
Afrika, 66, davon 12 auch in Afrika vorkommend, in der indo- 
orientalischen; 16, davon 5 afrikanische, zwei — mit afrikanischen 
nahe verwandte — indische in der papuasisch-australischen Kegion] 
und schließlich auch noch erwägen, daß die vielleicht nächst den 
Orthoderiden primitivste Mantodeenfamilie, die Amorphosceliden (in 
einigen Punkten spezialisiert, aber im übrigen wahrscheinlich direkt 
von Orthoderiden abzuleiten), selbst wieder alle Gattungen, welche 
die in beiden Geschlechtern flugfähigen Arten enthalten, also ur- 
sprünglicher sind als die im 9 kurzflügeligen Formen, in Afrika 
vertreten hat, nämlich Amorphoscelis (hierher auch wohl Par- 
amorphoscelis und JDiscothera, von denen mir das 9 nicht bekannt 
ist) und Compsothespis, so sind dies wohl Gründe, die, ohne gerade 
zwingende Beweiskraft zu besitzen, doch Afrika als Verbreitungs- 
zentrum der Mantodeen wahrscheinlich erscheinen lassen. Leider 
hilft uns hier die Paläontologie so gut wie gar nicht, da die wenigen 
(ausschließlich tertiären) Funde von echten Mantodeen, auch wenn 
sie richtig bestimmt sind, zu unserer Kenntnis der vorzeitlichen 
Verbreitung dieser Insekten gar nichts beitragen können. 



Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und ersucht, für den 
ersten Punkt der Tagesordnung: Neuwahlen, Vorschläge zu er- 
statten. Über Antrag werden per acclamationem wiedergewählt: 



Versammlung am 15. Januar 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. K. Grobben. 



x ) Es sind dies sicher bei weitem noch nicht alle, die in diesem Erd- 
teil vorkommen! 

Z. B. Ges. 59. Bd. f 



(82) 



Versammlung - der Sektion für Zoologie. 



Zum Obmanne Herr Prof. Dr. Karl Grobben, zum Schriftführer 
Herr Dr. Viktor Pietschmann. An Stelle des ausscheidenden 
Obmann-Stellvertreters, Herrn Prof. Dr. Theodor Pintner, der durch 
Überbürdung mit privater Arbeit verhindert ist, dieses Amt weiter 
zu übernehmen, wird Herr Kustos Prof. L. v. Lorenz gewählt. 

Hierauf hielt Kustos Prof. L. v. Lorenz einen Vortrag über 
die als „Schakale" bezeichneten Wildhunde. 

Linn e" führte den Namen Ganis aureus auf Grund der Be- 
richte von Kämpfer, Gmelin und Güldenstädt für jenen Wild- 
hund ein, welcher von diesen Forschern im Süden des östlichen 
Kaukasus und im Südwesten des Kaspischen Meeres beob- 
achtet worden war und der bei den Russen, Kirgisen und Tataren 
„Schagall" genannt wird. Es wurde dann später bald bekannt, 
daß ähnliche Wildhunde auch in Griechenland und Dalmatien 
und andererseits von Kleinasien über Persien bis nach Indien 
vorkommen. Man hat sie alle einfach unter dem Namen Canis 
aureus zusammengefaßt und hält allgemein noch heute daran fest. 

Ferner wurde aber konstatiert, daß solche wilde Hunde in 
Afrika, vom Senegal über ganz Nordafrika bis Abessinien und das 
Somaliland, verbreitet sind. Auch diese wurden vielfach als mit 
dem Canis aureus Linnes identisch angesehen, obwohl nach und 
nach von verschiedenen Autoren mehrere andere Namen für diese 
Schakale in Anwendung gebracht worden waren. 

Cuvier beschrieb bereits einen Canis anthus vom Senegal, 
Hern pr ich und Ehrenberg stellten den C. lupaster und C. sacer 
von Unterägypten und den C. riparius von Abessinien, Cretzsch- 
mar den C. variegatus von Nubien, Wagner den C. aureus tripoli- 
tanus und C. aureus algirensis auf usw. Dies hinderte aber nicht 
daß vielfach für die bereits besonders bezeichneten Schakale ver- 
schiedenen Vorkommens noch immer der Name C. aureus in An- 
wendung kam und Verwechslungen der eben genannten unterschei 
denden Namen begangen wurden. Es ist dies übrigens bei de 
großen äußeren Ähnlichkeit der aus verschiedenen Gebieten stam 
menden Formen sowie mit Rücksicht auf deren individuelle Vari 
bilität leicht erklärlich. Mehrere Autoren suchten in zusammen- 
fassenden Arbeiten Klarheit in diese Verwirrung zu bringen, was 



Versammlung der Sektion für Zoologie 



(83) 



aber erst durch eine im vergangenen Jahre erschienene Abhandlung 
von Hilzheimer: „Beitrag zur Kenntnis der nordafrikanischen Scha- 
kale", einigermaßen erreicht wurde, nachdem man diese schon früher 
als „Grauschakale" von den als „Goldschakale" bezeichneten 
eurasischen unterschieden hatte. Daneben stellte man noch eine 
dritte Gruppe, die sogenannten Streifenschakale auf, welche 
aber vom Vortragenden nicht in Betracht gezogen wurden. 

Nach Hilzheimer dürften nun folgende Formen von Grau- 
schakalen zu unterscheiden sein: 

Canis anthus F. Cuv., 9 , 1820 = C. gracilipes Jeitteles. Senegal. 

G. variegatus Cretzschm., 1826. Nubien. 

C. lupaster H. et E., 1828. Unterägypten, Fajum. 

C. sacer H. et E., 1828. Unterägypten, Fajum. 

C. riparius H. et E., 1828 = G. anthus sudanicus Thos., 1903. 

Abessinien, Kordofan. 
C. senegalensis H. Smith, 1839 = C. anthus F. Cuv., d\ 1830. 

Senegal. 

G. algirensis Wagn., 1841. Algier, Tunis. 
G. tfipolitanus Wagn., 1841. Tripolis. 
G. hagenbechi Noack, 1884. Somaliland. 
G. mengesi Noack, 1897. Somaliküste. 
C. mengesi lamperti Hilzh., 1906. Somaliland. 
C. doederleini Hilzh., 1906. Unterägypten, Fajum; Nubien. 
G. somalicus Lorenz, 1906. Mittleres Somaliland. 
C. gallaensis Lorenz, 1906. Inneres Somaliland. 
G. thooides Hilzh., 1906 = G. anthus Cretzschm., 1826. Nu- 
bien, Sennaar. 
C. studeri Hilzh., 1906. Tunis. 
C. lupaster grayi Hilzh., 1906. Marokko, Tunis. 

Auf die Schakale von Asien und Europa zurückkommend, 
bemerkte Prof. v. Lorenz, daß es von vornherein wahrscheinlich 
sei, daß in analoger Weise wie bei den afrikanischen Schakalen 
auch bei jenen von Europa und Asien eine Reihe von Formen als 
1 Unterarten zu unterscheiden sein würden und schon die Verhältnis- 
I mäßig wenigen Belegstücke, welche ihm gegenwärtig vorliegen, und 
die Exemplare, die er da und dort in Museen zu sehen in der Lage 

f* 



(84) 



Versammlung- der Sektion für Zoologie. 



war, erwecken in ihm die Überzeugung von der Richtigkeit einer 
solchen Annahme. 

So konnte er beispielsweise im British Museum zu London 
die Wahrnehmung machen, daß Schakale von Nepal, Kumaon, 
Rajputana und Mussore, dann von den Nilghiris und von 
Ceylon voneinander merkliche Verschiedenheiten in Größe und Fär- 
bung sowie in der Form des Schädels aufweisen. 

In Syrien dürften mindestens zwei, wenn nicht dreierlei 
Formen von Schakalen leben. 

Auf jeden Fall hält Lorenz den in Dalmatien auf der Halb- 
insel Sabbioncello, der Insel Curzola nebst dem Eiland Badia 
noch ziemlich zahlreich und — wie er in Erfahrung brachte — 
auch noch auf der Insel Giuppana vereinzelt vorkommenden 
Schakal für eine distinkte Unterart der typischen Form. Wagner 
spricht bereits von einem Canis dalmatinus und Ganis graecus in 
Schrebers Naturgeschichte der Säugetiere, erklärt aber selbst 
beide als mit dem C. aureus L. identisch. Daß Schakale in Dal- 
matien vorkommen, erfuhr man zuerst aus den Mitteilungen des 
österreichischen Geologen Partsch (1824) und Fitzinger hat 1830 
einen solchen, der in die Menagerie nach Schönbrunn gekommen 
war und sich jetzt noch im naturhistorischen Hofmuseum befindet, 
beschrieben. Der Schakal ist außer an den vorgenannten Ortlich- 
keiten sonst in Dalmatien nur hie und da vereinzelt beobachtet 
worden; auf der Insel Meleda scheint er nie vorgekommen zu sein. 
In Bosnien und in der Herzegowina fehlen Schakale, auch in 
Montenegro; dagegen treten sie weiter südlich in Albanien und 
Griechenland wieder ganz zahlreich auf und sind kaum von den 
dalmatinischen verschieden. Geoffroy beschrieb sie 1836 in der 
„Expedition scientifique de Moree" ausführlich. Es ist die Frage, 
ob nicht die Schakale im Osten des Balkans sich von den eben- 
genannten unterscheiden, ebenso jene einzelnen Exemplare, welche 
in Ungarn und Slavonien erlegt wurden. Der Vortragende will 
demnächst in einer Abhandlung Näheres darüber berichten. 



Darwin Feier. 



(86) 



Darwin- Feie r 

am 12. Februar 1909. 

Aus Anlaß der 100. Wiederkehr des Geburtstages Charles 
Darwins veranstaltete die Gesellschaft eine Feier im großen Fest- 
saale der k. k. Universität, welchen der hohe akademische Senat 
für diesen Zweck bereitwilligst zur Verfügung gestellt hatte. 

Der Feier wohnten hei: der kgl. großbritannische Botschafter 
Sir Fairfax Cartwright mit einem Sekretär, der Präsident der 
Akademie der Wissenschaften Prof. Dr. E. Sueß, Minister a. D. 
Dr. G. March et, Minister a. D. Dr. E. v. Bbhm-Bawerk, Reg.-Rat 
Schillings vom Unterrichtsministerium, zahlreiche Professoren und 
Dozenten der Wiener Hochschulen sowie eine große Zahl von Mit- 
gliedern der Gesellschaft und Gäste. 

Die Festrede hielt Herr Prof. Dr. R. v. Wettstein. Dieselbe 
hatte folgenden Wortlaut: 

Hochansehnliche Versammlung! 

Zwei Jahre sind fast vergangen seit dem Tage, an welchem 
sich die naturwissenschaftlichen Kreise Wiens versammelten, um 
die Erinnerung an einen der bedeutendsten Naturforscher aller Zeiten, 
Karl v. Linne, zu erwecken und wieder bietet sich uns Gelegen- 
heit, heute eines der Führer auf naturwissenschaftlichem Gebiete 
zu gedenken. Nicht Personenkultus bestimmt uns hierzu, der wahrer 
Wissenschaftlichkeit fremd sein muß, sondern die Überlegung, daß 
nichts geeigneter ist, um Einblick zu gewinnen in den Werdegang 
unserer Wissenschaft, als der Vergleich unseres jeweiligen Wissens 
mit den Anschauungen führender Personen der Vergangenheit. 

Heute vor 100 Jahren erblickte Charles Darwin in Shrews- 
bury das Licht der Welt und heuer im Spätherbste werden es 
50 Jahre, daß sein berühmtestes Werk, „Origin of Species", seinen 
Siegeszug durch die wissenschaftliche Welt antrat. Ein erwünschter 
Anlaß für uns Naturforscher, um eine Stunde der Erinnerung dem 
Manne zu widmen, dessen Name untrennbar mit der Geschichte 
der Naturwissenschaften in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- 
hunderts verbunden bleiben wird. 



(86) 



Darwin-Feier. 



Es mag im ersten Momente als keine dankbare Aufgabe er- 
scheinen, über Darwin zu sprechen, wenn der Redner vermeiden 
will, das zu wiederholen, was allgemein bekannt ist. Auch aus 
einem anderen Grunde mag die Aufgabe als undankbar erscheinen; 
noch können wir nicht sagen, daß der Kampf der Geister, der 
durch Darwins Auftreten entfacht wurde, ausgetobt hat; noch können 
wir nicht ganz beurteilen, wieviel von dem, was er schuf, bleibender 
Besitz der Wissenschaft sein wird; noch ist sein Bild ein wechseln- 
des, je nach Ungunst und Gunst der Parteien. Und doch bewirken 
gerade die letzterwähnten Umstände, daß es keine undankbare 
Aufgabe ist, das Andenken an Darwin loszulösen von all' dem, was 
der Widerstreit der Meinungen allmählich mit ihm in Verbindung 
brachte, und Darwin als Naturforscher zu betrachten. Darwin 
war Naturforscher durch und durch, Naturforscher in des Wortes 
bester Bedeutung und nur als solchen dürfen wir ihn beurteilen, 
wenn wir nicht ein Zerrbild erhalten wollen. 

Es ist vielleicht auch nicht überflüssig, als Naturforscher an 
die Erörterung Darwins heranzutreten, denn Darwins Name und 
die Bezeichnung seiner Lehre ist mit der Zeit vielfach ein Schlag- 
wort geworden, ein Feldruf, der verwendet wird, um gegnerische 
Lager zu markieren, unbekümmert darum, ob dieses Wort sich mit 
dem Inhalte deckt, den es ursprünglich hatte. Vom „Darwinismus", 
vom „Kampf ums Dasein", von „Zuchtwahl" hören wir alltäglich 
reden und wenn wir der Sache auf den Grund gehen, dann finden 
wir zu unserem Staunen, wie wenig selbst in gebildeten Kreise 
Uber die wirklichen Anschauungen Darwins und seiner Stellung i 
der Naturforschung bekannt ist. 

Im Sinne meiner früheren Bemerkung will ich von der An 
gäbe biographischer Daten ganz absehen. 1 ) Auch über die Per 
sönlichkeit Darwins will ich jetzt nicht reden, mir vorbehaltend, 
später mit wenigen Worten auf dieselbe einzugehen. Ich will gleic 
in medias res eintreten und Darwin als Mitschöpfer jener Lehr 
behandeln, welche für alle Zeiten seine Stellung in der Wissenscha 
beeinflußen wird. 



*) Vergl. u. a. die Autobiographie in Cb. Darwin, Gesammelte Werke. 
Übersetzt von V. Carus. 2. Aufl., 14. Bd. 



I >;in\ in Pelei 



(«7) 



Nur nebenbei bemerkt sei, daß Darwin auch außer seinen 
die Entstehung der Arten betreffenden deszendenztheoretischen 
Schriften eine Reihe von Untersuchungen veröffentlichte, welche 
ihm einen Ehrenplatz unter den Naturforschern sichern würden; ich 
nenne nur das „Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der 
Domestikation, 1868", die „Verschiedenen Einrichtungen, durch 
welche Orchideen von Insekten befruchtet werden, 1862", die „Be- 
wegungen und Lebensweise der kletternden Pflanzen, 1864'-', die 
„Abstammung des Menschen, 1871", die „Insektenfressenden Pflan- 
zen, 1875", „Die Wirkungen der Kreuz- und Selbstbefruchtung im 
Pflanzenreiche, 1876" u. a. Durchwegs Arbeiten, welche auf ein 
immenses Beobachtungsmaterial sich stützten, eine Fülle von neuen 
Tatsachen mitteilten und zum Teile ganz wesentlich zum Auf- 
schwünge der ökologischen Betrachtungsweise in den letzten Jahr- 
zehnten beitrugen. 

Der Schwerpunkt der Leistungen Darwins liegt, wie schon 
erwähnt, in seinem Versuche, das Phänomen des Entstehens neuer 
Organismenformen, wie man üblicherweise sagt, neuer Arten, zu 
erklären. Dieser Versuch ist der Inhalt seiner Selektionslehre, 
die auch als „Darwinismus" im engeren Sinne bezeichnet wird. 
In Kürze darf ich hier den Inhalt seiner Lehre skizzieren. 

Die Anregung dazu, sich mit dem Gegenstande zu beschäftigen, 
erhielt Darwin während seiner bekannten Weltreise an Bord des 
„Beagle". Er sagt diesbezüglich wörtlich in seiner Autobiographie: 
„Während der Reise hatte die Entdeckung großer fossiler Tiere, 
die mit einem Panzer gleich dem der jetzt existierenden Gürteltiere 
bedeckt waren, in der Pampasformation einen tiefen Eindruck auf 
mich gemacht; ebenso ferner die Art und Weise, in welcher beim 
Hinabgehen nach Süden über den Kontinent nahe verwandte Tiere 
einander vertreten und drittens auch der südamerikanische Charakter 
der meisten Naturerzeugnisse der Inseln des Galapagos -Archipels 
und ganz besonders die Art und Weise, wie sie auf einer jeden 
Insel der Gruppe unbedeutend verschieden sind; keine von den 
Inseln schien im geologischen Sinne des Wortes sehr alt zu sein. 
Es war offenbar, daß Tatsachen wie diese, ebenso wie viele andere, 
nur unter der Annahme erklärt werden konnten, daß Spezies all- 
mählich modifiziert werden; und der Gegenstand verfolgte mich." 



(88) 



Darwin-Feier. 



Seine Aufmerksamkeit wendete sich zunächst dem Vorgange 
der Züchtung von Nutzpflanzen und Nutztieren durch den Menschen 
zu. Hier lag ja zweifellos der Vorgang der Neubildung vor. Der 
Mensch trifft bei der Züchtung eine Auswahl zwischen den vor- 
handenen Formen und begünstigt jene, welche seinen Zwecken 
entsprechend „angepaßt" sind. War ein analoger Vorgang der 
„Zuchtwahl", der Selektion in der Natur auffindbar, dann war 
nicht nur zum Teil das Phänomen der Neubildung erklärt, sondern 
zu gleicher Zeit der Umstand, daß die Organismen den Lebens- 
bedingungen angepaßt sind. Durch die Lektüre des Malthusschen 
Buches „Essay of the Principle of Population" wurde Darwins 
Aufmerksamkeit auf die Erscheinung des „Kampfes ums Dasein" 
gelenkt. Dieser Kampf ums Dasein kann ja als Selektion aus- 
übender Faktor fungieren, er kann das Günstige fördern, das Un- 
günstige zerstören und mit einem Schlage die Förderung neuer 
Formen und deren Angepaßtsein bewirken. Noch fehlte ein wesent- 
liches Glied in der Kette der Konstruktion. Die durch den Kampf 
ums Dasein ausgeübte Selektion mußte an stattgehabte Verände- 
rungen des Organismus anknüpfen können. Und so trat als dritter 
wesentlichster Bestandteil der Lehre die Konstatierung der Ver- 
änderlichkeit der Organismen, der Variabilität hinzu. 

Variabilität, Förderung des im jeweilig günstigen Sinne 
Variierten durch den Kampf ums Dasein, der dabei eine unbewußte 
Zuchtwahl ausübt, das waren in Kürze die Annahmen der neuen 
Lehre, welche nicht nur die Entstehung neuer Formen, sondern 
deren funktionsgemäße, „zweckmäßige" Beschaffenheit erklärte. 

Durch eine unerschöpfliche Fülle von Belegen hat Darwin 
das Zutreffen seiner drei Annahmen zu beweisen versucht. 

Ich habe früher Darwin als Mitschöpfer dieser Lehre be- 
zeichnet; dies bezog sich darauf, daß im wesentlichen dieselben 
Anschauungen zugleich mit Darwin und unabhängig von ihm von 
Wallace ausgesprochen wurden. Darwin selbst sagt in seiner 
Autobiographie: „Diese Abhandlung (von Wallace) enthielt genau 
dieselbe Theorie wie die meinige", und wir hätten allen Grund, von 
der „Darwin-Wallaceschen Lehre" zu sprechen. 

Der Erfolg, den Darwin mit seiner Lehre erzielte, war ein 
enormer; er war auf innere und äußere Ursachen zurückzuführen. 



i >aru in Peier. 



(89) 



Um dies verständlich zu machen, insbesondere am die inneren 
Gründe darzulegen, muß ich etwas weiter ausholen. 

Im Laufe der ersten Hälfte des vorigeri Jahrhunderts hatte 
sieh eine wesentliche Änderung in den Anschauungen der Natur- 
forscher vollzogen. Die Deszendenzlehre, die Lehre von dem 
entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhange der Organismen hatte 
immer mehr an Boden gewonnen. Aus unklaren Anfängen, die 
schon frühe zu konstatieren sind, aus Ideen, die schon bei Linn6 
und seinen Zeitgenossen sich befestigten, hat diese Lehre, um den 
Beginn des vorigen Jahrhunderts von Erasmus Darwin und J. La- 
ma rck zu einheitlichen Gedankenkombinationen ausgestaltet, sich 
in jener Zeit die biologischen Wissenschaften erobert. Eine wesent- 
liche Voraussetzung der Deszendenzlehre war die Möglichkeit, den 
Vorgang der Artenneubildung zu erklären. Zwar hatte schon La- 
marck 1809, also genau vor 100 Jahren, einen solchen Erklärungs- 
versuch gewagt, der, wie wir heute wissen, viel Richtiges enthielt, 
doch vermochte derselbe nicht allgemeine Annahme zu finden und 
war vielfach geradezu in Vergessenheit geraten. 

Die starke Verbreitung deszendenztheoretischer Anschauungen 
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts führte zu dem bewußten 
oder unbewußten Sehnen nach einer Aufklärung des Artbildungs- 
phänomens. In diese Zeit fiel die Publikation der „Origin of Spe- 
eles" von Darwin! In diesem Zusammentreffen lag ein innerer 
Grund des Erfolges. Ein zweiter lag in der Lehre selbst. Sie war 
relativ so einfach, sie stützte sich auf unzweifelhafte, allgemein 
anerkannte Tatsachen, sie verzichtete — scheinbar wenigstens — 
auf jedes mystische Naturgesetz; knüfte sie doch an etwas an, dessen 
Verbreitung niemand bezweifelte, an den Zufall, indem zufällige 
Variation durch entsprechende Regulierung durch die Selektion zu 
einer allgemein verbreiteten Gesetzmäßigkeit, der „zweckmäßigen" 
Gestaltung der Organismen führt. 

Zu diesen inneren Gründen traten äußere. Darwins Werk 
war ungemein geschickt abgefaßt; es brachte eine Fülle von Tat- 
sachenmaterial, dessen Übersicht geradezu zwingend zur Annahme 
seiner Ideen führte. Ferner fehlte es Darwin alsbald nicht an 
Propagatoren seiner Lehre, welche geschickt an dem Ausbau der- 
selben teilnehmend sie vertraten. Unter diesen ist wohl in erster 



(90) 



Darwin-Feier. 



Linie Ha e ekel zu nennen, der insbesondere für die Verbreitung 
der Lehren Darwins in Deutschland wirkte. Haeckel hat durch 
sehr glückliche Präzisierung deszendenztheoretischer Begriffe, durch 
eigene schöne Untersuchungen außerordentlich viel zur Vertiefung 
und Verbreitung der Deszendenztheorie und des Darwinismus spe- 
ziell beigetragen und das darf ihm in einer Zeit nicht vergessen 
werden, in der er zum Bedauern aller ernsten Naturforscher den 
Boden der Natur forschung schon lange verlassen hat. 

Schon aus dieser Darlegung der Aufnahme der Darwinschen 
Lehre geht das Verhältnis derselben zur Deszendenzlehre hervor. 
Wenn ich auf dasselbe hier noch speziell mit ein paar Worten ein- 
gehe, so geschieht es, weil auch heute noch immer, bewußt oder 
unbewußt, dieses Verhältnis mißverstanden wird. Darwin war nicht 
der Begründer der Deszendenzlehre; er war einer derjenigen, der für 
eine der Voraussetzungen der Deszendenzlehre, für das Phänomen der 
Formenneubildung, eine Erklärung gab. Es ist daher ganz unrichtig, 
wenn so häufig das Wort „Darwinismus" als gleichbedeutend für 
„Deszendenzlehre" gebraucht wird; man muß diese beiden Begriffe 
strenge auseinanderhalten, wenn man nicht zu Irrtümern oder — 
wie es manchmal geschieht — zu Irreführungen gelangen will. 

Der begeisterten Aufnahme der Darwinschen Lehre durch die 
Mehrzahl der Naturforscher folgte eine Periode heftiger Kämpfe 
die heute noch nicht ganz abgeschlossen ist. Diese Kämpfe gälte 
zum großen Teile der Deszendenztheorie im allgemeinen, sie wurde 
durch das Hervortreten der Darwinschen Lehre angefacht un 
hervorgerufen einerseits infolge des Umstandes, daß durch de 
Darwinismus und seine Aufnahme die Deszendenzlehre eine außer 
ordentliche Stärkung erfuhr, anderseits dadurch, daß in dem Dar 
winismus ein neues und in seinen Konsequenzen weittragende 
Angriffsobjekt geboten war. Wir müssen diesen Kampf gegen di 
Deszendenzlehre im allgemeinen und den Darwinismus als Bestand 
teil derselben wohl unterscheiden von den Meinungs verschieden 
heiten, zu denen der Darwinismus speziell in naturwissenschaf 
liehen Kreisen Anlaß gab. 

Den ersterwähnten Kampf können wir heute als im große 
und ganzen beendet betrachten; die Deszendenzlehre gilt in natur 
wissenschaftlichen Kreisen im allgemeinen als eine feststehende, i 



Darwin-Fein*. 



(91) 



tausendfältigen Prüfungen erprobte Basis, sie gilt nicht nielir bloß 
als Arbeitshypothese, sie gilt als Ergebnis der Forschung. Weite 
Kreise, die lange Zeit hindurch die Abstammungslehre ablehnen zu 
müssen glaubten, haben es erkannt, daß die Prinzipien derselben 
mit den von ihnen hochgehaltenen Anschauungen und Empfindungen 
sich in Einklang bringen lassen. 

Auf die Besprechung dieses Kampfes möchte ich darum hier 
nicht eingehen. Auch jenen Kampf möchte ich nur streifen, der 
gegen den Darwinismus selbst, also die Selektionslehre, vielfach 
geführt wurde und wird in der Annahme, daß seine Anschauung 
von der Bedeutung der „Selektion" und des „Kampfes ums Dasein" 
eine Gefährdung ethisch-sozialer Begriffe des Menschen bedeute. 
Dieser Kampf ist darauf zurückzuführen, daß ebenso, wie die Lehren 
des Darwinismus vielfach mit Recht und Erfolg auf die Erschei- 
nungen des Lebens überhaupt übertragen wurden, nicht selten auch 
eine ganz unverständige und in der Natur der Sache gar nicht 
begründete Verwertung* derselben im Sinne sozialer Auffassungen 
erfolgte. Vor solchen falschen Anwendungen ist keine erfolgreiche 
Lehre geschützt und ein Ankämpfen gegen solche Ausartungen auf 
die Lehre selbst ausdehnen, heißt den Zusammenhang der Dinge 
absichtlich oder unabsichtlich verkennen. 

Wichtiger erscheint es mir heute, auf die Streitfragen kurz 
einzugehen, zu denen die Darwinsche Selektionslehre besonders in 
jüngster Zeit in naturwissenschaftlichen Kreisen Anlaß gegeben hat. 
Eine Beleuchtung dieser Streitfrage ist nötig, wenn wir erkennen 
wollen, worin — soweit wir dies heute überhaupt ermessen können 
— der naturwissenschaftliche Wert des Darwinismus besteht. 

Da muß zunächst konstatiert werden, daß in naturwissen- 
schaftlichen Kreisen heute die Anschauungen über den Darwinismus 
durchaus geteilt sind. Neben extremen Anhängern desselben gibt es 
extreme Bekämpfer und immer größer wird die Zahl der Forscher, 
welche zugeben, daß der Darwinismus in seiner ursprünglichen 
Fassung uns nicht mehr genügt. Der Schilderung der Meinungs- 
differenzen vorgreifend, will ich gleich konstatieren, daß eine objek- 
tive Prüfung uns zu dem Ausspruche berechtigt: Der Darwinis- 
mus ist auch heute noch eine wohlbegründete Lehre; er 
bedarf aber der Vertiefung nach verschiedenen Richtun- 



(92) 



Darwin-Feier. 



gen und er bedarf einer Ergänzung-. Kann uns dieses Er- 
gebnis in Staunen versetzen? Wäre es nicht im Gegenteile höchst 
merkwürdig, wenn eine vor 50 Jahren auf Grund der Forschungs- 
ergebnisse jener Zeit begründete Lehre heute noch ganz unver- 
ändert unsere volle Billigung finden könnte? 

Von den Grundannahmen des Darwinismus, der Variabilität, 
dem Kampfe ums Dasein und der Selektion, hat am wenigsten 
Anfeindungen die Bedeutung des Kampfes ums Dasein gefunden. 
Daß jeder Organismus mit ihm entgegenstehenden Widrigkeiten zu 
kämpfen hat, daß er diesen Kampf nur zu bestehen vermag, wenn 
seine Organisation entsprechend ist, das ist eine so sehr der täg- 
lichen Erfahrung entsprechende Tatsache, daß sich ihre Bedeutung 
nicht in Abrede stellen läßt. Daß dabei die Bezeichnung „Kampf 
ums Dasein" nicht immer wörtlich genommen werden darf, daß es 
sich insbesondere nicht immer um einen aktiven „Kampf" handelt, 
das ist so selbstverständlich, daß ich dabei nicht zu verweilen brauche. 

Gewichtiger sind schon die Einwände, welche gegen die Be- 
deutung der Selektion erhoben wurden. Man hat zunächst, und 
zwar mit Recht, darauf hingewiesen, daß ein neues Merkmal bereits 
einen hohen Grad der Ausbildung besitzen muß, wenn es wirklich 
Selektionswert haben soll. Es ist leicht einzusehen, daß eine gering- 
fügige Abänderung, die erst in weiterer Ausgestaltung zu einer bio- 
logisch wertvollen Eigentümlichkeit führen kann, bei ihrem ersten 
Auftreten die betreffenden Individuen nicht so fördern wird, daß 
sie im Kampfe ums Dasein einen Vorsprung haben. Ist aber die neue 
Eigentümlichkeit gleich bei ihrem ersten Auftreten von funktions- 
gemäßer Bedeutung, dann tritt natürlich die Bedeutung der Selektion 
für die Ausbildung der Eigentümlichkeit zurück. Ich muß es mir 
versagen, dies an konkreten Beispielen zu erläutern, obwohl dies 
wesentlich dazu beitragen würde, den Sachverhalt klarzustellen. 

Ein zweiter, gleichfalls nicht ohne weiteres abweisbarer Ein- 
wand betont, daß der additiven Wirkung der Selektion eine bio- 
logische Erscheinung von großer Verbreitung direkt entgegenarbeitet 
und das ist die sexuelle Fortpflanzung. Es bedarf des Zutreffens 
ganz spezieller, nicht immer, sogar relativ selten gegebener Vor- 
aussetzungen, wenn die mit der sexuellen Fortpflanzung verbundene 
Vermischung der Eigentümlichkeiten nicht zu einer Abschwächung, 



Darwin-Feier. 



(98) 



sondern zu einer Erhaltung der individuell aufgetretenen Variation 
führen soll. 

Endlich wurde darauf hingewiesen, daß die selektive Wir- 
kung- des Kampfes ums Dasein eine in viel höherem Grade zer- 
störende, als fördernde ist. Daß der Kampf ums Dasein schädliche, 
die Existenzfähigkeit herabsetzende Variationen ausschaltet, das ist 
einleuchtend; weniger klar ist, daß er günstige Variationen fördert, 
denn die Beseitigung ungünstig gearteter Konkurrenten braucht 
noch keine Förderung günstiger Neuvarianten zu bedeuten, sie wird 
ebenso dem unverändert gebliebenen Typus zugute kommen. 

Alle diese und noch einige weitere Einwendungen konnten 
aber trotzdem die Bedeutung der Selektion nicht in Abrede stellen, 
sie ist und bleibt ein für die Neubildung von Formen un- 
erläßlicher Faktor, mag sie im positiven oder negativen Sinne 
wirken. Die angegebenen Einwände weisen nur mit Nachdruck 
darauf hin, daß alles auf die entsprechende Aufklärung des Vor- 
ganges der Variation ankommt. Die Selektion kann niemals eine 
Variation hervorrufen, sie kann auf die Weiterentwicklung einer 
zustande gekommenen Variation in höherem oder geringerem Maße 
einwirken, sie stellt den kontrollierenden Faktor dar, der schließ- 
lich bewirkt, daß jene Variationen zur Erhaltung und Weiterent- 
faltung kommen, welche die Existenzfähigkeit des Organismus er- 
halten oder erhöhen, welche, um einen geläufigen Ausdruck zu 
gebrauchen, als Anpassungen erscheinen oder wenigstens mit solchen 
nicht im Widerspruche stehen. Die Selektion behält nach wie vor 
ihre große Tragweite, wenn ihre Bedeutung auch nicht in allen 
Fällen gleich groß ist. 

Schon durch die Besprechung der Selektion ist unsere Auf- 
merksamkeit darauf gelenkt worden, daß der wesentlichste Punkt 
bei der Erklärung des Phänomens der Formenneubildung die Auf- 
klärung der Variabilität der Organismen ist. Und um diesen Punkt 
dreht sich darum in erster Linie die Diskussion der letzten Jahr- 
zehnte. 

Die Bedeutung des Kampfes ums Dasein und der durch diesen 
geübten Selektion wird eine ganz andere sein, wenn die Variabilität 
eine von Generation zu Generation fluktuierende ist, wenn sie so- 
fort, sozusagen sprunghaft, zu einer neuen und fortab erblich fest- 



(94) 



Darwin-Feier. 



gehaltenen Eigentümlichkeit richtungslos führt oder wenn sie gesetz- 
mäßig verläuft. 

Wie spricht sich nun Darwin selbst über das Wesen der 
Variabilität aus? 

Es ist nicht ganz leicht, diese Frage ganz präzise zu beant- 
worten, da Darwin selbst die Antwort zu verschiedenen Zeiten in 
modifizierter Form gab. Doch dürfte die Zitierung einiger Stellen 
seiner Werke seinen Gedankengang hinlänglich andeuten. 

In seiner „Entstehung der Arten" *) sagt er am Schlüsse des 
Kapitels über „Abänderung im Zustande der Domestikation" (S. 58): 
„Versuchen wir nun, das über die Entstehung unserer Haustier- 
und Kulturpflanzenrassen Gesagte zusammenzufassen. Ich glaube, 
daß die äußeren Lebensbedingungen wegen ihrer Einwir- 
kung auf das Reproduktivsystem von der höchsten Wichtig- 
keit sind, 2 ) da sie hierdurch Variabilität verursachen. Es 
ist nicht wahrscheinlich, daß Veränderlichkeit als eine inhärente 
und notwendige Eigenschaft allen organischen Wesen unter allen 
Umständen zukomme ; wie einige Schriftsteller angenommen haben. 
Die Wirkungen der Variabilität werden in verschiedenem Grade 
modifiziert durch Vererbung und Rückfall. Sie werden durch viele 
unbekannte Gesetze geleitet, insbesondere aber durch das der Kor- 
relation des Wachstums. Etwas mag der direkten Einwir- 
kung der äußeren Lebensbedingungen, manches dem Ge- 
brauche und Nichtgebrauche der Organe zugeschrieben 
werden. Dadurch wird das Endergebnis außerordentlich verwickelt. 
In einigen Fällen hat wahrscheinlich die Kreuzung ursprüng- 
lich verschiedener Arten einen wesentlichen Anteil an der 
Bildung unserer veredelten Rassen gehabt. Wenn in einer Gegend 
einmal mehrere veredelte Rassen entstanden sind, so hat ihre gele- 
gentliche Kreuzung mit gleichzeitiger Wahl zweifelsohne mächtig 
zur Bildung neuer Rassen mitwirken können; aber die Wichtigkeit 
der Varietätenmischung ist, wie ich glaube, sehr übertrieben worden 
sowohl in bezug auf die Tiere wie auf die Pflanzen, die aus Samen 
weitergezogen werden. Bei solchen Pflanzen dagegen, welche zeit- 

*) Ich zitiere liier die nach der vierten englischen Ausgabe hergestellte 
Übersetzung (1867). 

2 ) Die Sperrung rührt von mir her. 



i ).u \\ in Feier. 



(95) 



weise durch Stecklinge, Knospen usw. fortgepflanzt werden, ist die 
Wichtigkeil der Kreuzung zwischen Arten wie Varietäten uner- 
meßlich, weil der Pflanzenzüchter hier die außerordentliche Ver- 
änderlichkeit sowohl der Bastarde als der Blendlinge und die häufige 
Unfruchtbarkeit der Bastarde ganz außer acht läßt; doch haben die 
Fälle, wo Pflanzen nicht aus Samen fortgepflanzt werden, wenig 
Bedeutung für uns, weil ihre Dauer nur vorübergehend ist. Aber 
die Uber alle diese Änderungsursachen bei weitem vor- 
herrschende Kraft ist nach meiner Überzeugung die fort- 
dauernd anhäufende Zuchtwahl, mag sie nun planmäßig- und 
schneller oder unbewußt und allmählicher, aber wirksamer in An- 
wendung kommen." 

An einer anderen Stelle desselben Werkes (S. 45) heißt es: 
„Wir wollen nun kurz untersuchen, wie die domestizierten 
Rassen schrittweise von einer oder von mehreren einander nahe 
verwandten Arten erzeugt wurden. Eine geringe Wirkung mag 
dabei dem unmittelbaren Einflüsse äußerer Lebensbedin- 
gungen und ebenso der Gewöhnung zuzuschreiben sein; 
es wäre aber kühn, solchen Kräften die Verschiedenheiten zwischen 
einem Karrengaul und einem Rennpferde, zwischen einem Wind- 
spiele und einem Schweißhunde, einer Boten- und einer Purzeltaube 
zuschreiben zu wollen. Eine der merkwürdigsten Eigentümlich- 
keiten, die wir an unseren kultivierten Rassen wahrnehmen, ist 
ihre Anpassung nicht zu gunsten des eigenen Vorteiles der Pflanze 
oder des Tieres, sondern zu gunsten des Nutzens oder der Lieb- 
haberei des Menschen. Einige ihm nützliche Abänderungen sind 
zweifelsohne plötzlich oder auf einmal entstanden, wie z. B. 
manche Botaniker glauben, daß die Weberkarde mit ihren Haken, 
welcher keine mechanische Vorrichtung an Brauchbarkeit gleich- 
kommt, nur eine Varietät des wilden Dipsacus sei und diese ganze 
Abänderung mag wohl plötzlich in irgend einem Sämlinge dieses 

letzteren zum Vorschein gekommen sein. Wir können 

nicht annehmen, daß alle diese Varietäten (nämlich Kulturformen) 
auf einmal so vollkommen und so nutzbar entstanden seien, wie 
wir sie jetzt vor uns sehen, und kennen in der Tat von manchen 
ihre Geschichte genau genug, um zu wissen, daß dies nicht der 
Fall gewesen ist. Der Schlüssel liegt in dem akkumulativen 



(96) 



Darwin-Feier. 



Wahlvermögen des Menschen, d. h. in seinem Vermögen, durch 
jedesmalige Auswahl derjenigen Individuen zur Nachzucht, welche 
die ihm erwünschten Eigenschaften besitzen, diese Eigenschaften 
bei jeder Generation um einen, wenn auch noch so unscheinbaren 
Betrag zu steigern." 

Diese Stellen, deren Zahl sich außerordentlich vermehren ließe, 
dürften genügen, um anzudeuten, wie Darwin über das Wesen 
der Variabilitäten dachte. Er anerkannte mehrere Ursachen der 
Variabilität, er sah vor allem in der Einwirkung der 
Lebensbedingungen auf den Organismus eine solche, eine 
zweite in der Kreuzung, er kannte sprungweise, konstante 
Veränderungen und er räumte der direkten Bewirkung und den 
Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch eine Rolle 
ein. Dies muß ausdrücklich konstatiert werden, da wir immer 
wieder der ganz falschen Anschauung begegnen, daß Darwin nur 
in der kontinuierlichen, fluktuierenden Variation den Ausgangspunkt 
für die Neubildung sah. 

Über das Wesen der Variabilität gehen nun in neuerer Zeit 
die Ansichten der Autoren weit auseinander und je nach ihrer Stel- 
lungnahme wechselt auch ihre Stellung zum Darwinismus. 

Ich kann heute nicht die verschiedenen Anschauungen eingehend 
besprechen; ich muß mich auf einige Andeutungen beschränken. 

Zunächst scheiden sich die Biologen in zwei große Lager, von 
denen das eine die Vereinbarkeit der durch äußere Ursachen be- 
dingten Veränderungen leugnet, das andere diese Vereinbarkeit an- 
nimmt. 

Die ersteren sehen zum Teile in der Kreuzung die wichtigste 
Ursache der Variabilität (in extremster Weise Kerner), zum Teile 
weisen sie mit Nachdruck darauf hin, daß nur solche neue Eigen- 
schaften für die Neubildung von Arten in Betracht kommen, welche 
sofort eine funktionelle Bedeutung haben und vererbt werden. Diese 
Art des Auftretens einer neuen Eigenschaft wird heute als Muta- 
tion bezeichnet. Naegeli, Kölliker und H. de Vries haben die 
Notwendigkeit, auf diese Art der Variabilität besonderes Gewicht 
zu legen, betont und die umfassenden experimentellen Unter- 
suchungen der Letztgenannten haben die Zahl der Anhänger dieser 
Mutationslehre in den letzten Jahren stark vermehrt. Es ist nahe- 



I >;u\\ in Kein- 



(97) 



liegend, daß diese Mutationslehre eine bedeutende Modifikation der 
Darwinschen Lehre darstellt, da bei ihr die positiv wirksame Kraft 
der Selektion stark in den Hintergrund tritt. 

Auf der anderen Seite gewann, insbesondere unter den Bota- 
nikern; immer mehr die Überzeugung" Platz, daß der Organismus, 
welcher die Fähigkeit hat auf Veränderungen der Lebensbedingun- 
gen zu reagieren, vielfach auch in funktionsgemäßer Weise zu rea- 
gieren, auch die Fähigkeit hat, die durch solche direkte Be Wirkung 
erworbenen Eigenschaften zu vererben. Auch diese Anschauung 
räumt der Selektion naturgemäß eine geringere Bedeutung ein. 
Sie greift zum Teile zu Ansichten zurück, welche zu Beginn des 
vorigen Jahrhunderts Lamarck vertreten hat und wird darum als 
Lamarckismus, beziehungsweise als Neo-Lamarckismus bezeichnet. 

Eine Übersicht der einschlägigen Literatur der letzten Jahr- 
zehnte zeigt, daß so häufig das Bestreben hervortritt, die Wirksam- 
keit eines als wirksam erkannten Faktors einseitig zu übertreiben; 
insbesondere solche Forscher neigen dazu, welche zu ihren Ansichten 
nicht so sehr auf dem Wege des induktiven Studiums, als auf dem 
Wege der theoretischen Erörterung kamen. Das ist psychologisch 
verständlich; ebenso ist es psychologisch verständlich, daß die Ver- 
tretung so gewonnener Anschauungen mitunter eine sehr tempera- 
mentvolle wird. 

Wie stellt sich nun die Sachlage dar, wenn wir objektiv 
prüfend und insbesondere an der Hand exakter und eingehender 
Untersuchungen die Ergebnisse der Forschungen der letzten Jahr- 
zehnte überblicken? 

Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß das Phänomen 
der Variabilität ein recht kompliziertes ist. Es gibt nicht nur eine 
Variabilität, sondern recht verschiedene Ursachen können die Ver- 
änderung eines Organismus bewirken. Es gibt eine Beeinflussung 
des Baues der Organismen durch äußere Bewirkungen und eine 
erbliche Festhaltung der erworbenen Eigentümlichkeiten, es gibt 
Mutationen, d. h. plötzlich, ohne zunächst nachweisbare Ursachen 
auftretende und konstante Organisationsänderungen, und auch die 
Kreuzung spielt bei der dauernden Veränderung der Organismen 
eine Rolle. Ja, es fehlt nicht an Erscheinungen, welche dafür 
sprechen, daß zwischen diesen, im ersten Momente so heterogen 

Z. B. Ges. 59. Bd. g 



(98) 



Darwin-Feier. 



erscheinenden Vorgängen, in vielen Fällen wenigstens, ein tieferer 
Zusammenhang besteht. 

Wie verhält sich nun dieses Ergebnis zur Lehre Darwins? 
Ich habe früher aus Stellen der Schriften Darwins deduziert, daß 
Darwin verschiedene Ursachen der Variabilität annahm, und zwar 
auch dieselben Ursachen, zu denen unsere Betrachtung geführt hat. 
Wir kehren in gewissem Sinne nach den Kämpfen von Jahrzehnten 
zu Darwin zurück! 

Allerdings sind unsere Anschauungen im einzelnen von denen 
Darwins verschieden; wir schalten die fluktuierende, kontinuier- 
liche Variation als Ursache der Artenbildung aus, wir lassen ins- 
besondere die Mutation und die direkte Bewirkung stärker hervor- 
treten und schreiben damit der Selektion eine andere Wirkungs- 
weise zu. Dies meinte ich früher, als ich sagte: Der Darwinismus 
ist auch heute noch eine wohlbegründete Lehre; er be 
darf aber der Vertiefung nach verschiedenen Richtungen. 

Ich setzte aber noch hinzu: „und er bedarf einer Ergän- 
zung". Diese Ergänzung betrifft ein Problem, das zu den schwierig- 
sten gehört, dessen exakter Behandlung wir uns noch kaum genähert 
haben. Dieses Problem ist die mit der Entwicklung der Organismen- 
welt verbundene Steigerung der Organisationshöhe. Im ersten 
Momente scheint die Klärung des Problems in keinem direkten 
Zusammenhang mit dem Gegenstande zu stehen, den Darwin unter- 
suchte, mit der Entstehung neuer Arten. Und doch ist dies der 
Fall. Wenn wir sehen, daß fortgesetzte Neubildung von Arten mit 
einer Steigerung der Organisationshöhe verbunden ist, dann muß 
jenem Artbildungsvorgange besondere Bedeutung zukommen, der 
dazu führt. Darwin ist dem Problem kaum näher getreten; nach 
Darwin hat Naegeli die Frage dadurch zu fördern geglaubt, daß 
er die Bildung neuer Arten von der Erhöhung der Organisation 
schied, erstere auf die bekannten Faktoren, letztere auf einen dem 
Organismus inhärierenden, mit mizellaren Vorgängen verbundenen 
Vervollkommnungstrieb zurückführte. In neuerer Zeit tritt das 
Streben hervor, jenen Artbildungsmodus festzustellen, mit dem von 
selbst eine Erhöhung der Organisation verbunden ist. Dies muß ein 
Artbildungsvorgang sein, der nicht richtungslos vor sich geht, der 
die Erwerbung neuer Eigentümlichkeiten mit der Erhaltung vor- 



Darwin Feier. 



CM, 



handener verbindet, Wenn nicht alles täuscht, liegt in dem 
lamarokistischen Prinzipe, in dem Einfluß der direkten 
Bewirkung, der Schlüssel zur Lösung dieses großen biolo- 
gischen Rätsels. Die fortschreitende Annäherung an diese Lösung 
ist die früher geforderte Ergänzung des mit Verwertung der For- 
schungsergebnisse der letzten Jahrzehnte ausgebauten und vertieften 
Darwinismus. 

Meine Ausführungen haben gezeigt, daß umfassende Arbeiten 
der letzten Jahrzehnte nichts anderes als ein Weiterbauen auf dem 
Boden waren, den uns Darwin durch seine Lehre geschaffen hat. 
Lebhaft möchte ich wünschen, daß die Fortführung dieser Arbeiten 
in Darwinschem Geiste erfolgen möge. Darwin war ein streng 
induktiv arbeitender Naturforscher. Jahrzentelang hat er selbst 
beobachtend und die Literatur verwertend Material gesammelt, be- 
vor er es wagte, mit einer Ansicht hervorzutreten. Wie ganz anders 
ist ein großer Teil der darwinistischen Literatur nach Darwin be- 
schaffen? Wie viele glaubten in der Frage mitreden zu sollen und 
zu dürfen, die in keinem einzigen Falle die in Betracht kommen- 
den Verhältnisse selbst studierten! Und doch ist bei den hier in 
Betracht kommenden Fragen eine Tatsache mehr wert als ein mehr- 
bändiges Werk voll der geistvollsten Ideen. Mit Freude ist zu 
konstatieren, daß gerade in jüngster Zeit im Kreise der Natur- 
forscher wieder eine rege untersuchende und experimentierende 
Tätigkeit einsetzt; nur in dieser sehe ich die Zukunft der 
desze n den z theoretischen Forschung. 

Absichtlich habe ich mich bisher ausschließlich mit dem wich- 
tigsten Gegenstande, der uns heute beschäftigen kann, mit den 
Schicksalen der Darwinschen Lehre, beschäftigt. Zu gar mannig- 
faltigen Erwägungen und Betrachtungen könnte noch der heutige 
Tag anregen! Ich will mich nur noch auf zwei Gegenstände kurz 
einlassen, zunächst auf eine kurze Erörterung des Einflusses, den 
das Auftreten Darwins auf das naturwissenschaftliche Leben in 
Osterreich ausübte. 

Entsprechend der Pflege, welche um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts hier in Österreich die zoologische und botanische 
Systematik fand, war hier der Boden für die Aufnahme der Darwin- 
schen Anschauungen im vorhinein ein günstiger. Denn gerade dem 



(100) 



Darwin-Feier. 



Systematiker liegt bei seinen Versuchen, die Verwandtschaft der 
Organismen zu ergründen, die Frage nach dem Wesen dieser Ver- 
wandtschaft nahe. Zwei Männer waren es insbesondere, welche hier 
sofort für Darwins Lehre mit Wort und Schrift eintraten. Oskar 
Schmidt, der 1859 als Professor an der Universität Graz wirkte, 
und Gustav Jaeger, der als Privatdozent der Wiener Universität 
angehörte. Am 5. Dezember 1860, also kurze Zeit nach dem Er- 
scheinen des Hauptwerkes Darwins, fand auf dem Boden der k. k. 
zoologisch-botanischen Gesellschaft eine lebhafte Diskussion über den 
Darwinismus statt, an der insbesondere Gustav Jaeger und August 
v. Pelzeln, letzterer als Gegner Darwins, teilnahmen. 

Mit den Berufungen von Franz Eilhard Schulze als Professor 
nach Graz und von Karl Klaus als Professor nach Wien im Jahre 
1873 fand jene, ganz auf deszendenztheoretischem Standpunkte 
stehende Richtung der Zoologie in Österreich Eingang, welche heute 
noch im Vordergrunde steht. Zahlreiche, die Deszendenztheorie 
wesentlich fördernde, zum Teile die Ausgestaltung des Darwinismus 
beeinflussende Arbeiten sind seither in Österreich durchgeführt 
worden. 

Auf botanischem Gebiete machte sich der Einfluß der durch 
Darwin so in den Vordergrund gedrängten Deszendenzlehre viel 
später erst bemerkbar. Das Wesentliche der Abstammungslehre 
und des Darwinismus fand zwar vielfach Aufnahme in die Lehr- 
bücher und Vorlesungen, doch fehlten lange Zeit Botaniker, welche 
zielbewußt sich der Prüfung und Förderung beider Lehren wid- 
meten. A. Kerner vertrat hier in Wien eine bestimmte deszen- 
denztheoretische Anschauung, welche zur Begründung seiner Ver- 
mischungslehre führte, doch trat dieselbe in seiner Lehrtätigkeit 
und in den Arbeiten seiner Schule nicht klar zutage. Erst in jüngster 
Zeit hat sich die Botanik in Österreich der deszendenztheoretischen 
Probleme bemächtigt, welche gerade hier erfreulicherweise vielfach 
in induktiver Weise Förderung erfahren. 

Von starkem Einflüsse war der Darwinismus bei uns auf die 
Ausbildung der Paläontologie und da ist insbesondere der Name 
M. Neumayrs zu nennen, der uns viel zu früh entrissen wurde, 
dessen Wirksamkeit aber heute noch in der Tätigkeit einer jüngeren 
Generation fortlebt. Nicht vergessen sei bei Erörterung des ganzen 



I >;u w in- l'Yicr. 



(101) 



mit dem Darwinismus im Zusammenhange stehenden Gedanken 
komplexes der führenden Persönlichkeit, die ich auch heute zu 
meiner Freude hier begrüßen darf. 

Eine Bemerkung liegt mir bei Besprechung der Wirksamkeit 
Darwins hier noch nahe. Darwin hat niemals als Lehrer an einer 
höheren Schule gewirkt und war auch sonst an keinem großen 
naturwissenschaftlichen Zentrum tätig. Er ähnelt darin einer Reihe 
anderer bedeutender englischer Naturforscher, ich nenne von Bio- 
logen nur Wallace und Spencer. Die Erscheinung, daß die Führer 
auf wissenschaftlichem Gebiete so häufig nicht in dem Kreise der 
Lehrer und der Vorstände großer Institute zu finden sind, ist in 
hohem Maße charakteristisch für das geistige Leben in England im 
Vergleiche mit jenem Deutschlands und Österreichs. Wer die Lebens- 
arbeit Darwins überblickt, der wird zugeben müssen, daß die Frei- 
heit in bezug auf Verwendung seiner Zeit und seiner Kräfte, über 
welche er verfügte, eine Voraussetzung für die Bewältigung dieser 
Arbeit war. Trotzdem bin ich ein überzeugter Anhänger unseres 
deutschen Universitätsprinzips, welches auf der Vereinigung von 
Forschertätigkeit und Lehre beruht; die Betrachtung der Leistungen 
eines Mannes wie Darwin legt uns aber die Mahnung nahe, wir 
möchten darauf achten, daß nicht schließlich die Vereinigung des 
gelehrten Schaffens mit Lehre und Amtstätigkeit ein zu weit gehen- 
des Überwuchern der letzteren Tätigkeit auf Kosten der wissen- 
schaftlichen Arbeit bewirke! 

Lassen Sie mich zum Schlüsse nach dieser kleinen Abschwei- 
fung zu Darwin zurückkehren. Ich habe absichtlich über seine 
Persönlichkeit nicht gesprochen ; ihr gilt ja heute unsere Feier nur 
in zweiter Linie. Wer Darwins Bücher, seine Autobiographie und 
seinen Briefwechsel studiert, dem tritt auch seine Persönlichkeit 
deutlich und klar entgegen. Vier Eigenschaften, die ihn auszeich- 
neten, will ich besonders hervorheben: Klarheit des Denkens, 
eiserne Konsequenz in der Durchführung einer als richtig 
erkannten Aufgabe, unbedingte Ehrlichkeit und weise 
Einschätzung der Grenzen des eigenen Könnens. In diesen 
Eigenschaften liegt zum größten Teile der Schlüssel zum Verständ- 
nisse seiner Erfolge, sie sichern Darwin in Verbindung mit seinen 
Leistungen einen Ehrenplatz unter den Naturforschern aller Zeiten. 



(102) Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 

Bericht der Sektion für Paläozoologie. 

Versammlung am 21. Mai 1908. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. 0. Abel. 

Herr Dr. K. Holdhaus sprach: „Über die Abhängigkeit 
der Verbreitung der Landtiere von der geologischen Be- 
schaffenheit des Wohngebietes." (II. Teil.) 

Hierauf hielt Prof. Dr. 0. Abel einen Vortrag über „Das 
Tierleben am Meeresstrande des Wiener Beckens in der 
Miozänzeit" und besprach in demselben insbesondere die Fauna 
der verschiedenen Faziesbildungen der Leithakalkablagerungen am 
Ostrande des Wiener Beckens. 



Exkursion nach Neudorf an der March 

am 24. Mai 1908. 

An der Exkursion, deren Führung Prof. Dr. 0. Abel über- 
nommen hatte, beteiligten sich 32 Mitglieder und Gäste. 

Der Ausgangspunkt war Theben an der Donau; zunächst 
wurden die am Südabhange des Thebener Kobels angehäuften Löß- 
bildungen besichtigt und hierauf entlang des linken Marchufers der 
Weg nach Neudorf a. d. March angetreten. 

An den Liaskalkfelsen, die nördlich von Theben bis an die 
March heranreichen, wurden zahlreiche Bohrlöcher von Pholaden 
und Bohrgänge von Spongien (Cliona) beobachtet, ein Beweis dafür, 
daß der Thebener Kobel zur Zeit des Leithakalkmeeres als Insel 
emporragte. Am Abhänge aufsteigend, konnten die verschiedenen 
Strandbildungen des Miozänmeeres mit den ihnen eigen- 
tümlichen Faunen an zahlreichen gut aufgeschlossenen Stellen unter 
sucht und zahlreiche Versteinerungen (namentlich verschiedene Arten 
der Gattungen Pecten, Ostrea, Pholadomya, Panopaea, Pectunculus) 



Versammlung der Sektion für l'aliiozoolo^ie. 



(103) 



gesammelt werden, deren Schalen oder Steinkerne aus den Sand- 
steinen auswittern und lose im Sande des Abhanges verstreut liegen. 
Außer den genannten Bivalven wurden vereinzelte Säugetierreste 
gefunden, unter anderem eine Endphalange eines hirschartigen Huf- 
tieres (Palaeomeryx ? ) . 

Während die kalkreichen groben Sandsteine mit gerollten 
Trümmern der Kalkfelsen der Küste, Sande und Nulliporenkalke 
mit vereinzelten schwachen Mergellagen die Insel gürtelförmig um- 
säumen und die Ablagerungen des Strandes aus der Brandungszone 
repräsentieren, sind die in den Ziegeleien von Neudorf aufgeschlosse- 
nen Tone als eine gleichalterige Ablagerung aus ruhigem, tieferem 
Wasser in größerer Entfernung von der Küste zu betrachten. Herr 
Kustos A. Handlirsch sammelte in diesem Ton den vorzüglich 
erhaltenen Schulp einer Sepia, ein wertvoller und seltener Fund, 
der den Sammlungen des paläontologischen Institutes der Universität 
eingereiht wurde. Außer zahlreichen kleinen Gastropoden und den 
für diese Fazies charakteristischen dünnschaligen Bivalven wurden 
in demselben Tone zahlreiche Algenreste gefunden. 

Besonderes Augenmerk wurde den eigentümlichen Deflations- 
erscheinungen zugewendet, die in den Sandsteinen am West- 
abhange des Thebener Kobels zu beobachten sind. Auf der Schotter- 
fläche am Nordwestrande des Thebener Kobels (beim Zigeunerdorf) 
wurden zahlreiche Fazettengeschiebe, darunter sehr schön aus- 
gebildete „Dreikanter" gesammelt. Es ist hervorzuheben, daß 
vor 10 Jahren alle in dem verhältnismäßig kleinen Aufschlüsse frei- 
liegenden Fazettengeschiebe gesammelt worden waren (leg. F.Focke 
und 0. Abel, Sammlung des mineral. Inst. d. Wiener Univ.). Da 
aber bei dieser Exkursion wieder eine sehr große Zahl von Fazetten- 
geschieben gesammelt werden konnte, so geht daraus mit Sicher- 
heit hervor, daß der Zeitraum von zehn Jahren genügte, 
um die langsam auswitternden Quarzitgerölle mit Wind- 
schliffen zu versehen. Die vorherrschenden Westwinde beladen 
sich an der Westseite des Thebener Kobels mit Sand und fegen 
dann über die Schotterfläche beim Zigeunerdorf von Neudorf hin, 
wobei sie die auswitternden Gerölle anschleifen. 



(104) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Exkursion in die Neue Welt bei Wr.-Neustadt 
am 28. Juni 1908. 

An der Exkursion unter der Führung von Prof. Dr. 0. Abel 
beteiligten sieb 22 Mitglieder und Gäste. 

Der Weg führte von Winzendorf an der Schneebergbahn nach 
Muthmannsdorf, Dreistätten, in den Schneckengarten, nach Starhem- 
berg und endete im Piestingtal. 

Bei Muthmannsdorf wurden in den Inoceramenschichten der 
Gosaubildungen mehrere Versteinerungen gesammelt; größere Auf- 
sammlungen konnten in den außerordentlich fossilreichen Actaeo- 
nellenschichten des „Schneckengartens" bei Dreistätten unter der 
Hohen Wand gemacht werden. Reiche Ausbeute lieferten die 
brackischen Bildungen des „Wandweges", die von vielen tausenden, 
prächtig erhaltenen Exemplaren folgender Arten erfüllt sind: Om- 
phalia Kefersteini Zek., Pseudomelania turrita Zek., Actaeonella 
gigantea Orb. (deren Jugendform als A. glandiformis Zek. bezeichnet 
wird), Bejanira Goldfussi Kef., Tanalia acinosa Zek., Cerithium 
sociale Zek., Cerithium Münsteri Kef. 

Daß die Gosaubildungen dieses Gebietes, die mit rein ma- 
rinen Absätzen beginnen und später in brackische Ablagerungen, 
dann in Süßwasserbildungen übergehen und wieder mit marinen 
Inoceramenschichten abschließen, noch in inniger Verbindung mit 
der alten Küste stehen, beweisen die Strandbreccien an der Süd- 
seite des Hirnflitzsteins und bei der Ruine Starhemberg. Diese 
Breccien mit Brachiopoden, das älteste Glied der Gosauschichten, 
liegen in den Unebenheiten der alten, von Dachsteinkalk gebildeten 
Strandfelsen und sind mit diesen förmlich verzahnt, wie dies schon 
A. Bittner 1882 nachwies. (A. Bittner, Die geologischen Ver- 
hältnisse von Hernstein in Niederösterreich etc. in: „Hernstein in 
Niederösterreich", I. Teil, Wien, 1882, S. 238 ; 239, 244.) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie, 



(105) 



Bericht der Sektion für Lepidopterologie. 

Versammlung am 8. Januar 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. H. Rebel. 

Zu Beginn der Sitzung hält der Vorsitzende dem am 8. De- 
zember v. J. verstorbenen früheren Obmann-Stellvertreter der lepido- 
pkTologischen Sektion, Herrn Otto Hab ich, einen Nachruf, der in 
diesen „Verhandlungen" mit einem Bilde des Verschiedenen beson- 
ders zum Abdruck gelangen wird. 

Die Anwesenden bekunden ihre Trauer und aufrichtige Teil- 
nahme an dem Tode Otto Habichs durch Erheben von den Sitzen. 

I. Der Vorsitzende legt die erste Lieferung vor von: Kennel, 
Dr. J. v., Die paläarktischen Tortriciden in 3 — 4 Lieferungen a 20 M. 
Stuttgart, Schweizerbartscher Verlag. — Ein eingehendes Referat 
über diese wichtige Publikation wird später erstattet werden. 

II. Derselbe weist zwei Paare Melitaea aurinia var. hibermca 
Birch. von der Insel Wight im Vergleiche mit nahestehenden an- 
deren aurinia-R&ssen vor. 

III. Herr 0. Bubacek demonstriert eine Anzahl von ihm selbst 
in den Alpen gesammelter Lepidopteren, darunter Pamassius apollo 
L. 7 bei Zermatt noch in einer Höhe von ca. 2500 m gefangen, ferner 
Farn, phoebus (delius) 9, ebenfalls von Zermatt, mit viereckigem, 
langgezogenem oberen Augenfleck der Hinterflügel (ähnlich wie in 
Espers erster Abbildung, 115, Fig. 5) und doppelt weißgekerntem 
unteren Augenfleck, sodann 9 ab. cardinal Obthr. vom alten Weg 
zum Glocknerhaus. Argynnis niobe-eris ab. obscura Spull. aus dem 
Zillertal, Lycaena pheretes 9 ab. lunulata Wheeler aus dem Glockner- 
gebiet und Notodonta dictaeoides var. leonis Stich, aus Mairhofen 

I im Zillertal wurden im Jahre 1905 in beiden Geschlechtern erbeutet. 
Von dieser innerhalb der heimischen Alpen noch nicht beobachteten 
Form wurde ein 9 dem Hofmuseum freundlichst überlassen. 



(106) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



Herr Dr. Kolisko macht bei Besprechung der vorgelegten 
Formen darauf aufmerksam, daß bei Lycaena pheretes Hb. cT die 
blaue Färbung in zwei Varietäten auftritt, wovon eine mehr ins 
Violette zieht. Ähnliches findet sich bekanntlich auch bei Lycaena 
icarus. 

IV. Herr Hofrat Dr. Schima bespricht unter Vorlage ein am 
11. Oktober in Laxenburg erbeutetes d 1 von Colias edusa ab. faillae 
Stef. sowie eine Aberration von Acronycta megacephala F. aus der 
Umgebung Wiens mit einem schwarzen Saumfleck auf Vorder- und 
Hinterflügel. 

Herr R. Spitz bemerkt, daß er erstere Form auch in der 
Freudenau am 4. Oktober erbeutet habe. 

V. Herr v. Khautz (jun.) als Gast bringt ein im Vorjahre 
auf der Königsbacheralm am Wolfgangsee erbeutetes 5 von Argyn- 
nis aglaja ab. wimani Holmgr. in Vorlage. 

VI. Herr Dr. K. Schawerda legt unter anderen ein in einer 
Höhle gefundenes Stück von Larentia austriacaria H.-S. aus dem 
Piestingtale vor, wo die Art noch nicht erbeutet wurde; ferner 
Coenonympha oedipus F. 9 von Moosbrunn mit auch auf der Ober- 
seite deutlichen Augenflecken. 

VII. Herr Heinr. Neustetter demonstriert unter anderen Ly- 
caena astrarche ab. omata Stgr., erbeutet in Mauer (bei Wien) am 
20. Juni 1903, Lycaena cyllarus ab. lugens Carad. vom Eichkogl 
bei Mödling und Hesperia serratulae ab. tarasoides Höfn. ebendaher 
sowie var. major Stgr. von Spitz a. d. Donau, 10. Mai 1902. 

VIII. Über eine Anregung Dr. Galvagnis, die Beobachtungen 
über den vorjährigen Massenflug von Vieris brassicae zu sammeln, 
macht Herr v. Meißl Mitteilung über seine Beobachtung in Nuß- 
dorf am Attersee, wohin der Falter eines Nachmittags in einem 
Massenzug über den See gekommen sei. 

IX. Herr Dr. Rebel macht nachträglich eine neue heimische 
Noctuide bekannt: 



Wrsaininlimj; der Sektion für Lepidoptorologie. 



(107) 



Hiptelia habichi nov. spec. (cT, 9). 

Bei einer Revision des Materials von Hiptelia ochreago im 
Hofmuseum fiel mir bei zwei cT, wovon eines aus der Sammlung 
Rogenhofer die Bezeichnung „Schneeberg" trägt, das andere ohne 
nähere Bezeichnung aus der Sammlung Dorfmeister stammt, die 
ganz verschiedene Fühlerbildung auf. Auch ein fast zweifellos dazu- 
gehöriges weibliches Stück vom Schneeberge aus den Doubletten 
v. Hornigs weicht in der Fühlerbeschaffenheit von typischen 
ochreago -Weibchen ab. Ich hielt diese drei Stücke anfänglich für 
hrezi Stgr. 1 ) 

Letztere Art, von der ein c? aus der Friedenfeldtschen Samm- 
lung mit der Bezeichnung „Moserboden, Orglerhütte, 21. Juli 1899" 
kürzlich vom Hofmuseum erworben wurde, ist eine total verschie- 
dene Art, die gar nicht in die Gattung Hiptelia gehört, sondern in 
die Gattung Agrotis zu stellen ist 2 ) und den Habitus von Agrotis 
tecta Hb. besitzt. Sie unterscheidet sich ohne nähere Untersuchung- 
von den nur ähnlich gefärbten Hiptelia -Arten durch bedeutende 
Größe, breitere Flügel, nicht vorgezogene Spitze der viel undeut- 
licher gezeichneten Vorderflügel und längere, buschig behaarte 
Palpen. Die Fühler des cf sind kurz sägezähnig und bewimpert. 

Was nun die Fühlerbeschaffenheit der typischen Hiptelia 
ochreago Hb. betrifft, so besitzt das cT hier kurz doppelkammzähnige 
Fühler. Die Kammzähne sind in der Geißelmitte am längsten 
(zirka von doppelter Geißelbreite) und verlieren sich gegen die 
Geißelspitze. Die Kammzähne sind gegen ihre Spitze schwach ver- 
dickt (gekeult) und sehr kurz bewimpert. Bei ochreago -Weibchen 
sind die einfach gestalteten Fühler mit kurzen, dünnen Borsten 
doppelzeilig besetzt. Die in der Sammlung Otto Hab ich s befind- 
lichen zwei Paar gezogener Stücke stimmen damit vollständig überein. 

Bei den eingangs erwähnten beiden cf sind nun die Fühler 
bloß auf ihrer Innenseite gekerbt und tragen seitlich, zweireihig, 
auf jedem Geißelgliede je zwei an ihrer Basis zusammenstoßende 
Borsten, deren Länge die Geißelbreite übertrifft. Sie sind also bloß 

*) Vgl. Sektionsbericht vom 6. November 1908 in diesen „Verhandlun- 
gen", Jahrg. 1908, S. (264). 

2 ) Vgl. Hamps., Cat., IV, p. 492 (Episilia loresi). 



(108) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



„pinselartig" bewimpert, zeigen aber keine Spur von seitlichen 
Kammzähnen. Bei dem wahrscheinlich dazugehörigen 9 sind die 
seitlich gestellten Borsten ungleich kräftiger und länger als bei 
ochreago - Weibchen. 

Dieser starke morphologische Unterschied in den Fühlern nötigt 
zur Annahme einer von ochreago verschiedenen Art, die sonst aller- 
dings vollständig damit übereinstimmt und zweifellos auch wie diese 
aberrieren dürfte. Vielleicht wird eine größere Serie von Stücken 
auch noch andere Unterschiede erkennen lassen. Von einer ver- 
gleichenden Untersuchung der Genitalapparate mußte vorderhand 
mangels Materiales der neuen Art abgesehen werden. 

Es ist ein glücklicher Zufall, daß gerade jetzt die Möglichkeit 
vorliegt, eine neue heimische Art zu benennen, die ich dem An- 
denken unseres verstorbenen Freundes Otto Hab ich widme. Die 
Diagnose könnte lauten: 

Hiptelia habichi Rbl., differt ab ochreago antennis d 71 ciliatis 
(nec pectinatis). 



Allgemeine Versammlung 

am 13. Januar 1909. 
Vorsitzender: Herr Vizepräsident Dr. Fr. Ostermeyer. 



Der Generalsekretär teilt mit, daß der Gesellschaft folgende 
neue Mitglieder beigetreten sind: 



Ordentliche Mitglieder: 

P. T. Vorgeschlagen durch 

Herr Bayer, Prof. Emil, Vorstand d. zool. 
Abt. d. Mähr. Landes-Mus., Brünn, 

Elisabethstraße 8 a den Ausschuß. 

„ Bohatsch Otto, Wien, V., Ziegelofen- 
gasse 3 Prof. Dr. H. Rebel, J. Brunnthaler. 

„ Folgner, Dr. Viktor, Adjunkt an der 
Hochschule für Bodenkultur, Wien, 

XIX., Hochschulstraße 17 .... Prof. Dr. Wilhelm, J. Brunnthaler. 
„ Grünfeld, Dr. Josef, Wien, III./3, 

Reisnerstraße 36 J. Brunnthaler, A. Wieinann. 



Bericht Uber <ii«' allgemeine Versammlung 



(109) 



P. T. Vorgeschlagen durch : 

Herr Hammerschmidt Theodor, stiült. 
Tierarzt, Wien, VI./l, Eszterhazy- 

gasse 18 B J. Brunnthaler, Prof. Dr. 0. Abel. 

„ 11 a u s e r Fritz, Wien, XIX., Prinz Engen- 
straße 41 Prof. Dr. H.Rebel, j. Brünnthaler. 

Fränl. Meisel Helene, Wien, IX./2, Höfer- 
gasse 13 Dr. F.Werner, Dr. A. Bogenhofer. 

Herr Ne udert Klemens, k.k.Postkontrollor 

i. P., Wien, XIII./2, Einwanggasse 15 J. Brunnthal er, A. Ilandlirsch. 

„ Preuss Paul, Wien, I., Franz Josefs- 
Kai 39 J. Brunnthaler, Dr. F. Vierhapper. 

„ Steiner Gustav, Magistrats -Offizial, 

Wien, XIII., Wattmanngasse 12 . K. Konniger, J. Brunnthaler. 

„ U h 1 i g, Prof. Dr. Viktor, Wien, IX., Por- 
zellangasse 45 Prof. v. Wettstein, J. Brunnthaler. 

„ Umrath Wilhelm, per Adresse Um- 

rath & Co., Prag-Bubna den Ausschuß. 

„ Weindl Max, städt. Kommissär, Wien, 

XII./l, Arndtstraße 87 K. Ronniger, J. Brunnthaler. 

„ Weitlaner, Dr. Franz, Arzt, Otten- 
thai, Station Staatz, Niederösterr. . A. Handlirsch, J. Brunnthaler. 
Fräul. Wolf Anna, Wien, IX./3, Währinger- 
straße 64 Frl. E. Abranovicz, Dr. Linsbauer. 

Unterstützendes Mitglied : 

P. T. Vorgeschlagen durch: 
Frau Ronniger Ella, Wien, XII./4, Stroh- 
berggasse 12 J. Dörfler, K. Ronniger. 

Hierauf hält Herr Privatdozent Dr. Hans Przibram einen 
Vortrag- : 

Versuche über Vererbung sgesetze (in der Zoologie). 

Das Problem der Vererbung kann seiner Natur nach bloß 
durch mühsame, lang andauernde Versuche gelöst werden. Von 
den verschiedensten Seiten kann es experimentell in Angriff ge- 
nommen werden. 

1. Manche Forscher beschränken sich, die ziffernmäßige Ver- 
teilung der Eigenschaften gegebener Eltern auf die Nachkommen 
in mehreren Generationen zu studieren (Bateson, Davenport, 
Haacke, Lang, Mac Craken u. v. a.). 



(110) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



2. Anderen liegt es mehr am Herzen, die Ursache der ver- 
schiedenen Verteilung ausfindig zu machen (Vernon, Boveri und 
Herbst). 

3. Eine dritte Gruppe sucht die Vererbbarkeit künstlich her- 
vorgerufener Abänderungen zu prüfen (Fischer, Standfuß, Pictet, 
Schröder, Kammerer). 

4. Endlich kommt es manchen darauf an, nachzuweisen, ob 
der Einfluß der Selektion oder anderer Faktoren für die Fixieruag 
eines bestimmten Vererbungskomplexes ausschlaggebend sei (Castle, 
Tower). 

Nicht für alle diese einzelnen Punkte erscheint ein und das- 
selbe Objekt geeignet: wo eine Generation ausreicht, da sind die 
leicht künstlich zu besamenden Seeigel gut zu verwenden; aber 
mehrere Generationen derselben konnten bisher im Aquarium nicht 
aufgezogen werden. Hierfür sind die rasch ziehenden und leicht 
zu haltenden Insekten, Hausvögel und kleinere Nagetiere geeignet. 

Veränderungen sind am ehesten bei Insekten und Amphibien 
zu erzielen. 

1. Beim Studium der Verteilung von Eigenschaften auf die 
Nachkommen ist die Reinheit der verwendeten Rasse zu beachten; 
Arten bieten zwar weniger diese Schwierigkeit, wohl aber die der 
fast stets eintretenden Sterilität. 

Es zeigt sich ferner, daß der Vererbungsmodus bei den Arten 
von dem der meisten Rassenkreuzungen wesentlich abweicht, in- 
dem die Bastarde Mischungen eigener Art, am besten als „Super- 
positionen" ausgedrückt, ergeben (Schwärmer, Biston — Nyssia) und 
bei Rückkreuzung mit den Elternarten wieder eine entsprechende 
Annäherung an die gerade verwendete Elternart aufweisen. Bei 
Artbastarden kommt es sogar oft zu einer Übereinanderlagerung 
männlicher und weiblicher Charaktere, „Gynandromorphismus". 

Rassen pflegen hingegen sich nach dem sogenannten Mend ei- 
schen Gesetze zu verhalten (Schnecken, Schmetterlinge). In der ersten 
Generation zeigt sich ein Merkmal durchaus „dominant", während 
das entsprechende (allelomorphe) der zweiten Rasse zurücktritt, 
„rezessiv" sich verhält. In der nächsten Generation zerfallen die 
Nachkommen in scharf geschiedene Gruppen: Exemplare mit der 
dominanten Eigenschaft in dreifacher Anzahl gegenüber solchen 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(Hl) 



mit der „rezessiven". Mischlinge treten umist gar nicht auf. Die 
Rassenmerkmale vererben sich auch nach diesem Modus, wenn 
zwei analoge (z. B. Färb ) Kassen aufweisende Arten gekreuzt werden 
(Längs Schnecken). 

2. Stellen bei Rassenmischlingen die Nachkommen nur insu 
ferne In der Mitte zwischen beiden Elternrassen, als ein Merkmal von 
dem einen, ein anderes von dem anderen Teil der Eltern „dominant" 
sein kann, „Scheckung", so sind aueb bei Artbastarden nicht stets 
alle Nachkommen genau mittehaltende Zwischenformen, sondern oft 
sehr viel mehr einem der Eltern angenähert. Wie es scheint, übt 
unter normalen Verhältnissen, bei mittlerer Temperatur und recht- 
zeitiger Kreuzung der Keimprodukte der Vater bei Artkreuzung in 
mehreren Tiergruppen (Schmetterlinge, Reptilien, Seeigel) schließ- 
lich einen größeren Einfluß auf die Form aus, während die Mutter 
nur die Größe und die ersten Entwicklungsstadien mehr beeinflußt. 
Letzteres erscheint plausibel, da ja die Größe des Eies der Mutter- 
art als Ausgangsprodukt gegeben ist. Unter veränderten äußeren 
Bedingungen, bei erhöhter Temperatur und noch mehr nach be- 
gonnener parthenogenetischer Entwicklung neigt sich der Bastard 
immer mehr dem mütterlichen Typus (dauernd) zu. 

Vielleicht wirkt hier der Same bloß als Parthenogenese för- 
derndes Mittel (Seeigel — Herbst, Seidenspinner — Hutton, 
Mantiden — Przibram). 

3. Künstlich lassen sich aber auch Abänderungen der Eigen- 
tümlichkeiten einer gegebenen Art erzielen, ohne daß Eltern ver- 
schiedener Rassen verwendet würden. Wie die kleinen, nicht 
künstlich erzielten Individualunterschiede vererbt werden, ist noch 
nicht planmäßig genug verfolgt worden. 

Künstlich „erworbene" Eigenschaften können sich auf Färbung, 
Instinkte oder Fortpflanzungsveränderungen beziehen, endlich Ver- 
stümmelungen betreffen. 

Daß in manchen Fällen alle diese erblich werden können, ist 
erwiesen, soferne unter „Vererbung" das Wiederauftreten der künst- 
lich an den Eltern hervorgerufenen Eigenschaften auch an den wieder 
unter den ursprünglichen Verhältnissen gehaltenen Kindern auftritt. 

Unter welchen Umständen tritt dies ein? Wahrscheinlich nur 
dann, wenn die Keimdrüsen von dem verändernden Faktor mit- 



(112) 



Bericht über die allgemeine Versammlung-. 



betroffen werden konnten (Käfer — Tower, Verletzungen? — 
Brown-S6quard, Obersteiner). 

4. Was kommt hiervon für die Artbildung in Betracht? Es 
scheint, daß manche der erworbenen Eigenschaften nach einigen 
Generationen, selbst in den neuen Verhältnissen belassen, wieder 
zum alten Typus zurückkehren, so die Größe und anderes bei 
Pictets Schmetterlingen (vielleicht dasselbe bei Hitze — Ratten). 
Die Selektion spielt insoferne eine untergeordnete Rolle, als zwar 
durch sie neu aufgetauchte Typen erhalten werden können (Castle), 
es sich aber zeigt, daß diese nicht über jene Grenze hinaus weiter 
gesteigert werden können, die ohnehin durch Einfluß äußerer Fak- 
toren ohne Selektion erreicht werden kann (Käfer — Tower; auch 
manche meiner Ratten). 

Das wichtigste Problem wäre noch der Nachweis, ob direkte 
Anpassungen funktioneller Art vererbt werden können: denn so 
sehen wir alle Arten in der Natur zusammengesetzt; vielleicht bieten 
die Ratten zum Entscheide ein günstiges Material. Die Mutationen 
der Farbe, welche in der Population eines Gebietes verschwinden 
müssen, wenn sie nicht angepaßt sind (Rattenalbinos), scheinen 
wenig für die Frage in Betracht zu kommen. 

Außerdem waren aus der Bildersammlung des k. k. Botani- 
schen Institutes Vegetationsbilder aus Lappland, aufgenom- 
men von A. Purpus, ausgestellt. 



Allgemeine Versammlung 1 

am 3. Februar 1909. 
Vorsitzender: Präsident Prof. Dr. R. v. Wettstein. 

Der Generalsekretär teilt mit, daß Herr Ingenieur Nissl die 
Koleopterensammlung seines verstorbenen Sohnes, unseres Mit- 
gliedes, der Gesellschaft zum Geschenke machte. Der Ausschuß 
hat beschlossen, Herrn Nissl für diese Spende den wärmsten Dank 
auszusprechen, ebenso den Herren Heikertinger und Molitor für 
ihre Bemühungen in dieser Angelegenheit zu danken. 



Bericht ftber <iic allgemeine Versammlung. 



Als Mitglieder sind der Gesellschaft; beigetreten: 

Ordentliche Mitglieder : 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Fräul. Feigl Helene, Lyzeallehrerin, Wien, 

III., Rechte Bahngasse 8 .... J. ßrunnthaler, A. Himmelbaur. 
Herr Haempel, Dr. Oskar, Wien, IL, 

Trunnerstraße 3 Dr. B. Wahl, Dr. K. Toldt. 

„ Jureöek, Dr. P., k. u. k. Militärarzt, 

Wien, IX., Schulz-Straßnitzkyg. 14 . F. Heikertinger, Dr. K. Holdhaus. 
„ Kleb elsberg, R. v., stud. phil., Wien, 

VIII., Florianigasse 75 Dr. E. Janchen, Prof. A. Heimerl. 

„ Klintz Josef, Wien, VII., Bandg. 37 J. Brunnthaler, A. Himmelbaur. 
ff Knirsch, Dr. Eduard, Zahnarzt, Wien, 

I., Seilergasse 14 F. Heikertinger, Dr. K. Holdhaus. 

„ Neresheimer, Dr. Eugen, Wien, IL, 

Trunnerstraße 3 Dr. B. Wahl, Prof. Dr. Th. Pintner. 

„ Prelinger, Dr. Otto und 
Frau Prelinger Melanie, Wien, III., Erd- 

bergerlände 2 Dr. E. Janchen, Dr. A. Ginzberger. 

Hierauf hält Herr Dr. Paul Kammerer den angekündigten 
Vortrag über 

Allgemeine Symbiose und Kampf ums Dasein als gleichberechtigte 
Triebkräfte der Evolution. 1 ) ^ 

Der Vortragende führt zunächst an der Hand von 16 Licht- 
bildern eine Reihe von Einzelfällen der Symbiose vor; sie dienen 
ihm als Paradigmen, an denen er weiterhin zeigen kann, daß 
dieselben gegenseitigen Nutzleistungen, die nämlichen Gesetzmäßig- 
keiten, welche in jenen Schulbeispielen symbiotisch lebende Partner 
j miteinander verbinden, auch sonst in der belebten Natur überall 
wirksam sind. 

Die Beispielreihe nimmt ihren Ausgang von den Symbiosen 
innigster Art, den Flechten, wo die Partner sich derart amalga- 
mieren, daß eine ganz neue Klasse von Lebewesen als Resultat 
herauskommt. Sie geht dann über zu solchen Fällen, wo die Partner 

il 

*) Der Vortrag wird in extenso voraussichtlich im „Archiv für Rassen- 
und Geselischaftsbiologie" erscheinen. 

Z. B. Ges. 59. Bd. h 



v 



(114) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



zwar bereits in höherem Grade ihre Formselbständigkeit bewahren, 
der eine von ihnen aber in den Zellen des anderen lebt: die Tiere, 
welche Zoochlorellen und Zooxanthellen beherbergen, sind Beispiele 
hierfür. Einen Schritt weiter leiten uns die Fälle, wo der eine 
Partner extrazellular, aber immer noch endosomatisch in dem an- 
deren lebt: Algen in den Leibeshöhlen von Insektenlarven geben 
ein Exempel dafür ab. Wieder ein Schritt weiter bringt uns zu 
Fällen, wo die Partner bereits exosomatisch, aber doch noch epi- 
somatisch vereinigt sind: Algen auf Arthropoden, Mollusken und 
Vertebraten sowie die meisten Symbiosen engeren Sinnes zwischen 
Tier und Tier stellen hierzu ein Kontingent häufiger Vorkommnisse. 
Es gliedern sich Fälle an, wo die Partner nicht nur in ihrer Form, 
sondern auch in ihren Bewegungen selbständig geblieben sind, wie 
bei den Symbiosen staatenbildender Tiere mit ihren Freunden, 
Sklaven, Haustieren und Nutzpflanzen, und bei losen Vergesell- 
schaftungen, wo die Wachsamkeit der einen die Wehrfähigkeit der 
anderen Partner ergänzt (z. B. vereinigte Herden von Straußen, 
Zebras, Büffeln und Antilopen). Endlich das Verhältnis zwischen 
insektenblütigen Pflanzen und ihren Gästen. 

Aus einigen dieser Beispiele läßt sich ableiten, daß weder die 
Verschiedenheit der Partner, noch die Verschiedenheit ihrer Leistun- 
gen, noch die Konstanz des Genossenschaftsverhältnisses durch 
mehrere Generationen hindurch von einer Definition gefordert 
werden dürfen, die das wahre Wesen der Symbiose treffen will. 
In diesem Sinne ist nicht nur die Genossenschaft zweier oder 
mehrerer verschiedener Arten, zweier oder mehrerer verschiedener 
Exemplare ein und derselben Art, sondern auch diejenige zwischen 
den Organen, Geweben, Zellen und lebenstätigen Molekülen ein 
und desselben Exemplars (Schiefferdecker) den echten Sym- 
biosen beizuzählen, unabhängig davon, ob die betreffenden orga- 
nischen Elemente gleichartig oder ungleichartig sind in bezug auf 
Struktur und Funktion. 

Nun besteht aber zwischen eben denselben Elementen auch 
Wettbewerb (Roux), derselbe Kampf aller gegen alle, dessen 
Toben selbst zwischen scheinbar ganz weit voneinander entfernten 
Lebewesen Darwin für die Außenwelt erschöpfend nachgewiesen 
hat. Ist somit die Symbiose der Teile im Organismus kein Hinder- 



Bericht über die allgemeine Versamiiiliiii^. 



(115) 



nis dafür, daß zwischen den nämlichen Teilen gleichzeitig aueli 
der Konkurrenzkampf sich abspielt, so greifen auch bei den Lebens- 
gemeinschaften im weiteren Sinne, an denen nicht nur Elemente 
eines Organismus, sondern zwei und mehr Organismen beteiligt 
sind, Symbiose und Kampf ums Dasein ineinander. Dies zeigt sich 
am deutlichsten, wo die Symbiose bei den geringsten Schwankungen 
des Gleichgewichtes, dessen Resultat sie ist, sofort in Parasitismus 
umschlägt. 

Besteht in der Natur nicht bloß ein allgemeiner Kampf, 
sondern auch eine allgemeine Symbiose, deren Wirkungsweisen, 
je nachdem sie auf engstem oder weitem Raum ablaufen, graduelle 
Unterschiede zeigen, prinzipiell aber identisch sind, so muß auch 
der letzteren, der Symbiose im Dasein, eine Rolle in der Deszen- 
denz zukommen, wie sie für den Kampf ums Dasein zuerst durch 
Darwin und Wallace festgestellt worden ist. 

Die direkte Rolle des Kampfes ist eine negative: er bedient 
sich der natürlichen Auslese als Vermittlerin, um Unzweck- 
mäßiges; manchmal auch, um Gleichgültiges zu vernichten. Die 
Rolle der Symbiose ist zunächst eine konservative: sie bedient 
sich der mnemischen Fähigkeit (Semon) des Protoplasmas als 
Vermittlerin, um anderes Gleichgültiges und vor allem, um Zweck- 
mäßiges zu erhalten. Dabei darf nicht vergessen werden, daß im 
Grunde genommen der Kampf darauf ausgeht, alles zu vernichten, 
die Symbiose, alles zu erhalten; nur dem antagonistischen Wirken 
von Symbiose und Kampf ist es zu danken, wenn im allgemeinen 
gerade das Zweckwidrige dem Untergange geweiht ist, das Zweck- 
mäßige die Zukunft vor sieh hat. Die Beachtung der wahllos 
konservativen Tendenz der Symbiose liefert auch die Erklärung, 
warum es der wahllos reaktionären Tendenz des Kampfes oftmals 
schwer wird, nutzlose und schädliche Eigenschaften in kurzer Zeit 
zu beseitigen. 

Neben den Potenzen, welche, wie Zuchtwahl und Mneme, 
dem Protoplasma selbst innewohnen, kommen aber noch andere 
für die Stammesentwicklung in Betracht, welche aus der Außen- 
welt stammen: physikalisch-chemische Faktoren sind es, die 
in dem einen Falle direkt, im anderen über funktionelle Re- 
flexe hinweg neue Merkmale geschaffen haben. Und die Symbiose, 

h* 



(116) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



welche sich früher der Mneme als Vermittlerin bediente, wo es 
galt, schon bestehende Merkmale zu konservieren, ist hier selbst 
zur Vermittlerin geworden für die Reize der Außenwelt. Wir finden 
hier auf Schritt und Tritt Merkmale direkter und funktioneller An- 
passung, die durch Vermittlung der allgemeinen Symbiose zustande 
gekommen sind; und die Erkenntnis ihrer mittelbaren Wirkungs- 
weise fördert uns im Verständnis der Anpassungsmerkmale, wo der 
Kampf ums Dasein keine befriedigende Antwort zu geben ver- 
mochte. Allerdings wird auch dieser zum Vermittler, wo immer 
äußere Faktoren der lebenden Substanz gegenüber ihren Einfluß 
geltend machen, aber niemals allein: stets wirken Kampf und 
Symbiose untrennbar miteinander. Der Kampf ums Dasein hetzt 
die nachteiligen Einflüsse der Außenwelt auf den Organismus los 
und zwingt ihn, sich anzupassen. Die allgemeine Symbiose läßt 
die förderlichen Einflüsse der Außenwelt zu ihrem Rechte kommen 
und verleiht dem Organismus die Kraft, jene Anpassungen durch- 
zuführen. Es wäre ebenso falsch, in bestimmten Anpassungen nur 
das Gepräge der Symbiose sehen zu wollen, als es bisher verkehrt 
war, in ihnen überall nur das des Kampfes zu suchen. Jede An- 
passung ist vielmehr das Produkt beider Prinzipe. Bei der großen 
Mehrzahl der Anpassungen, wie z. B. den schützenden Ähnlichkeiten 
zwischen Tieren und Pflanzen, der Mimikry zwischen Tier und 
Tier, ist es nur einer sehr subtilen Analyse möglich — selbstver- 
ständlich nur rein begrifflich — , den Anteil des einen und den 
des anderen zu ermitteln. Wieder manche Anpassungen freilich 
sind nicht in dem Grade komplex, als daß sie nicht den Stempel 
des einen von beiden Prinzipien deutlicher als den des anderen 
hervortreten ließen. So offenbaren alle Verteidigungswaffen mehr 
den Kampf, alle Merkmale, die an andere Organismen adaptiert 
sind, ohne ihnen zu schaden, mehr die Symbiose als ihre Erzeuger. 

Die Rolle des Kampfes und der Symbiose in der Deszendenz 
läßt sich in folgenden Sätzen kurz formulieren: 

Wir unterscheiden eine doppelte Wirksamkeit der beiden 
Prinzipe zusammengenommen: 1. Eine passive, vermöge welcher 
unzweckmäßige und gleichgültige Eigenschaften untergehen, andere 
gleichgültige und die zweckmäßigen Eigenschaften erhalten bleiben. 
Interne Faktoren der organischen Substanz (Zuchtwahl, Mneme) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(117) 



dienen hei dieser passiven Reaktion als Vermittler. "2. Eine aktive 
Wirksamkeit, durch welche neue Eigenschaften entstehen, und zwar 
zweckmäßige, indifferente und unzweckmäßige Eigenschaften. E x- 
terne Faktoren (physikalische und chemische Agentien) bedienen 
sich hier des Kampfes und der Symhiose als Vermittler. 

In beiderlei Richtung sind Kampf ums Dasein und Symbiose 
im Dasein gleichberechtigte Triebkräfte der Evolution. 



Bericht der Sektion für Paläozoologie. 

Versammlung am 16. Dezember 1908. 
Vorsitzender : Herr Prof. Dr. 0. Abel. 

Bei der Neuwahl des Vorstandes werden über Antrag des 
Generalsekretärs J. Brunnthaler die bisherigen Mitglieder des 
Vorstandes durch Akklamation wiedergewählt. 

Obmannstellvertreter Prof. Dr. L. v. Lorenz übernimmt den 
Vorsitz. 

Hierauf hält Prof. Dr. 0. Abel folgenden Vortrag: 

Neuere Anschauungen über den Bau und die Lebensweise 

der Dinosaurier. 

Der Vortragende gibt zunächst eine Übersicht der bisher be- 
kannten wichtigsten Gattungen der Dinosaurier und erörtert an der 
Hand von Lichtbildern und durch Vorlage einiger Abhandlungen 
von W. L. Beasley, Barnum Brown, L. Dollo, E. Fraas, Ch. W. 
Gilmore, J. B. Hatcher, F. v. Huene, R, S. Lull, 0. C. Marsh, 
F. v. Nopcsa, H. F. Osborn und A. Smith-Woodward die Fort- 
schritte unserer Kenntnisse über diese Reptiliengruppe. 

Hierauf geht der Vortragende in die Auseinandersetzung der 
Frage ein, inwieweit die in jüngster Zeit von 0. P. Hay 1 ) ge- 

J ) 0. P. Hay, On the Habits and the Pose of the Sauropodous Dino- 
saurs, especially of Diplodocas. (American Naturalist, XLII, p. 672—681- 
October 1908.) 



(118) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



äußerten Anschauungen über die Körpergestalt und Lebensweise 
der sauropoden Dinosaurier geeignet sind, unsere bisherigen Auf- 
fassungen von der Lebensweise dieser Reptilien zu modifizieren. 

Die oberjurassische Gattung Diplodocus, welche durch die 
Untersuchungen von J. B. Hat eher 1 ) 1901 genauer bekannt ge- 
worden ist, besitzt, wie schon Marsh 2 ) gezeigt hatte, ein sehr 
eigentümliches Gebiß. Die Zähne sind auf den vordersten Teil 
der Kiefer beschränkt, stiftförmig und durch weite Zwischenräume 
getrennt. Die Form der Zähne und ihre Stellung in den Kiefern 
schließt den Gedanken an ein Raubtiergebiß von vorneherein aus; 
auch um ein herbivores Kaugebiß kann es sich hier keinesfalls 
handeln. J. B. Hat eher 3 ) und H. F. Osborn 4 ) sprachen bereits 
die Vermutung aus, daß Diplodocus sich von Wasserpflanzen nährte; 
Holland 5 ) meinte, daß die Zähne „were better adapted for raking 
and Fearing off from the rocks soft masses of clinging algae than 
for securing any other forms of vegetable food now represented in 
the waters of the world". 

0. P. Hay 6 ) weist mit Recht auf die wichtige Tatsache hin, 
daß die oberen Zähne des Originalschädels von Diplodocus 1 ) 

J ) J.B. Hat eher, Diplodocus (Marsh): Its Osteology, Taxonomy and 
probable Habits, with a Restoration of the Skeleton. (Memoirs of the Carnegie 
Museum, I, Nr. 1, p. 1—63, XIII PI. Pittsburg, July 1901.) — Additional 
Remarks on Diplodocus. (Ibidem, II, Nr. 1, p. 72—75. November 1903.) 

2 ) 0. C. Marsh, Dinosaurs of North America. (Sixteenth Annual Report 
U. S. Geol. Surv., I, 1895, p. 143-244, PI. II-LXXXV.) 

3 ) J. B. Hatcher, Diplodocus, 1901, 1. c., p. 60: „The small, pointed, 
imperfectly socketed rake-like teeth . . . would have served the animal very 
well as prehensile organs useful in detaching from the bottoms and shores 
the tender, succulent aquatic and semiaquatic plants that must have grown 
in great abundance in the waters and along the shores of the Jurassic streams 
and lakes in and about which these animals lived." 

4 ) H. F. Osborn, A Skeleton of Diplodocus. (Memoirs Amer. Mus. Nat. 
Hist,, New York, Vol. I, Part 4—5, October 25, 1899, p. 214: „Its food pro- 
bably consisted of some very large and nutritious species of waterplant. The 
anterior claws may have been used in uprooting such plants . . .") 

5 ) W. J. Holland, Osteology of Diplodocus Marsh. (Memoirs of the 
Carnegie Museum, Pittsburg, Pa., II, Nr. 6, 1906.) Zitat nach O. P. Hay. 

6 ) 0. P. Hay, American Naturalist, XLII, 1908, p. 675. 

7 ) 0. C. Marsh, Dinosaurs of North America (1. c, PI. XXV). 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(Katalog Nr. 2672, II. S. Nat. Mus.) keine Abkauungsspuren er 
kennen lassen. 

Mit Rücksicht auf die Stellung, Form und Zwischenräume 
der Zähne sowie auf den Mangel von Usurflächen kommt Bay zu 
dem Schlüsse, daß das Gebiß von Diplodocus bestimmt war, schwim- 
mende Wasserpflanzen wie mit einem Rechen zusammenzuraffen. 
Diese Meinung* Hays erhält durch das Auftreten zahlreicher Chara- 
ceenreste 1 ) in der Nähe des Fundortes großer Sauropoden („Marsh 
quarry") eine wichtige Stütze. Das überschüssige Wasser konnte 
beim Auspressen der Wasserpflanzen durch die Zunge aus den 
Zwischenräumen der Zähne abfließen und diese Art der Nahrungs- 
aufnahme würde leicht verständlich machen, warum die Zähne keine 
Kauspuren erkennen lassen und nur auf den vorderen Teil der 
Kiefer beschränkt sind. 

Während dieser Teil der Ausführungen Hays überzeugend 
ist, kann ich mich seinen Anschauungen über die Körperhaltung 
der Sauropoden nicht anschließen. 

Bisher wurde fast allgemein angenommen, daß die sauropoden 
Dinosaurier mit geradegestreckten Beinen schritten und daß der Bauch 
bei der Lokomotion nicht auf dem Boden schleifte. Diese Auffassung 
von der Körperhaltung der Sauropoden kommt fast in allen Rekon- 
struktionen aus der letzten Zeit zum Ausdrucke. Die Extremitäten 
der Sauropoden haben nach der bisher fast allgemein angenommenen 
Meinung in ihrer Stellung und Haltung eine gewisse Ähnlichkeit mit 
den Gliedmaßen der großen Huftiere, wie z. B. der Elefanten. 

0. P. Hay versucht nun nachzuweisen, daß diese vermeint- 
liche Stellung der Extremitäten der Sauropoden keine Stütze in den 
anatomischen Verhältnissen der Gliedmaßen findet und daß diese 
großen Reptilien eine ähnliche Beinstellung wie die Krokodile be- 
saßen, so daß sowohl im Ruhezustande wie während der Loko- 
motion der Bauch den Boden berührte. 



*) J. B. Hat eher, Osteology of Haplocanthosaurus, with Description of 
a New Species and Remarks on the probable Habits of the Sauropoda and the 
Age and Origin of the Atlantosaurus Beds. (Memoirs of the Carnegie Museum, 
II, November 1903, p. 63: „. . . numerous small lenses of impure limestone 
filled with the silieified remains of fresh- water gasteropods and the stems and 
seeds of small aquatic plants apparently pertaining to some species of Cham") 



(120) 



Versammlung- der Sektion für Paläozoologie. 



Da die Gelenkenden der großen Extremitätenknochen der 
Sauropoden mit Knorpelscheiben überzogen waren, läßt sich auf 
diesem Wege die Auffassung Hays nicht widerlegen, wohl aber 
durch die Verhältnisse der Gelenkflächen der Metapodien sowie 
durch die Gesamtform von Hand und Fuß. 

Wenn wir die oberen Gelenk flächen der Metacarpalia von 
Brontosaurus 1 ) betrachten, so sehen wir, daß dieselben derart an- 
geordnet sind, daß die durch ihre Mittelpunkte gelegte Verbindungs- 
linie einen nach vorne stark konvexen Bogen bildet; mit anderen 
Worten, die Metacarpalia liegen nicht in einer Ebene wie bei einem 
plantigraden Tier, sondern sind derart verschoben, daß die mittleren 
(II und III) stark nach vorne gerückt sind, während die seitlichen 
(das große Metacarpale I einerseits und die kleineren IV und V 
anderseits) nach hinten verschoben sind. 

Mit vollem Rechte hebt J. B. Hat eher hervor, daß die Form 
der Gelenkflächen der Metapodien in Hand und Fuß beweist, daß 
Brontosaurus nicht plantigrad, sondern digitigrad war. Vor allem 
wird dieser Nachweis durch die Reduktion der Phalangen gestützt, 
welche an den äußeren Fingern stärker ist als an den inneren. 
Hatcher hat ferner klargelegt, daß Hand und Fuß von Brontosaurus 
entaxonisch und nicht mesaxonisch waren. 2 ) Für die Digitigradie 
von Brontosaurus spricht aber vor allem die Krümmung der Vorder- 
seite der Mittelhand. 

Daß auch Diplodocus und Morosaurus nicht plantigrad, son- 
dern digitigrad waren, hat Hatcher gleichfalls überzeugend nach- 
gewiesen. 3 ) Die Gliedmaßenform dieser Sauropoden muß in hohem 

x ) „The proximal ends of these bones were arranged in the arc of a 
circle and not horizontally." (J. B. Hatcher, Annais of the Carnegie Museum, 
I, p. 359. Pittsburg, 1902.) 

2 ) „The manus of Brontosaurus, like the pes, was entaxonic instead of 
mesaxonic as has been supposed by Osborn." (Ibid., p. 373.) — „The prin- 
cipal weight of the body was supported, in the manus as in the pes, by the 
inner side of the foot." (Ibid., p. 374.) 

3 ) J.B. Hatcher, Structure of the Fore Limb and Manus of Bronto- 
saurus. (Annais of the Carnegie Museum, I, 1902, p. 356—376.) — Der rechte 
Hinterfuß von Brontosaurus ist abgebildet in J. B. Hatcher, Memoirs of the 
Carnegie Museum, I, Nr. 1, p. 52, Fig. 22. — Eechter Hinterfuß von Diplo- 
docus: ibidem, p. 51, Fig. 21. — Der rechte Vorderfuß von Brontosaurus und 



Versammlung der Sektion für L'aliiozoolo^ic. 



(121) 



Grade elefantenähnlich gewesen sein und wir müssen für diese wie 
für die meisten großen digitigraden Dinosaurier das Vorhandensein 
eines Fußsohlenballens 1 ) annelnnen wie bei den digitigraden 
Elefanten, eine Annahme, die durch die von L. Dollo 2 ) veröffent- 
lichten Fährtenbilder von Tguanodon eine Bestätigung- findet. 

Gegen die Annahme Hay s von der krokodilartigen Gliedmaßen- 
Stellung der Sauropoden sprechen also namentlich folgende Gründe: 

1. Die Form der Metapodien im allgemeinen. 

2. Die Stellung der Metapodien in Bogenform unter dem Carpus. 

3. Die Reduktion der Außenfinger und Außenzehen bei Bronto- 
saurus. 

4. Die Reduktion der Phalangen in Finger I und V bis auf 
die Grundphalange bei Morosaurus. 

5. Die auf die Vorderseite der Metatarsalien verschobenen 
distalen Gelenkflächen von Morosaurus (nach Gilmore, 1. c, 1907). 

Es geht daraus hervor, daß die auf den morphologischen Merk- 
malen von Carpus und Tarsus der Sauropoden beruhenden An- 
schauungen von der aufrechten Stellung der Gliedmaßen und der 
freien Haltung des Körpers über dem Boden richtig sind und daß 
es nicht möglich ist, für diese Dinosaurier eine krokodilartige 
Körperhaltung und Fortbewegung anzunehmen. 

Diskussion. 

Dr. F. König macht darauf aufmerksam, daß die lebenden, 
uferbewohnenden Sumpf- und Wasservögel die aus dem Wasser ent- 

Morosaurus: Hatcher, Annais of the Carnegie Museum, I, 1902, p. 364, Fig. 2 
(Brontosaurus) ; p. 374, Fig. 14 (Morosaurus); PI. XIX— XX (Brontosaurus). — 
Vgl. ferner: Ch. W. Gilmore, The Type of the Jurassic Reptile Morosaurus 
agilis redescribed, with a Note on Camptosaurus. (Proceed. U. S. Nat. Mus., 
XXXII, p. 153, Fig. 2. Washington, 1907.) Die letzte Abbildung ist beson- 
ders wichtig, weil sie zeigt, daß die distale Gelenkfläche der Metatarsalien, 
namentlich des zweiten, hoch auf die Vorderseite hinaufgeschoben ist; dies ist 
ein wichtiger Beweis für die Digitigradie dieses Sauropoden. 

x ) 0. Abel, Bau und Geschichte der Erde. Wien und Leipzig, 1909. 
Titelbild (Stegosaurus). 

2 ) L. Dollo, Les Allures des Iguanoäons, d'apres les empreintes des 
pieds et de la queue. (Bull. Scient. de la France et de la Belgique, XL, p. 7, 
Fig. 2. Paris, 1906.) 



(122) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



nonirnene Nahrung auszuschleudern pflegen. Der auffallend lange 
Hals der sauropoden Dinosaurier legt einen Vergleich mit diesen 
Vögeln insofern nahe, als auch vielleicht bei den Sauropoden wie 
Biplodocus die wasserdurchtränkten Wasserpflanzen vor dem Ver- 
schlucken durch rasche Schwingbewegungen des langen Halses aus- 
geschüttelt wurden. 

Prof. L. v. Lorenz pflichtet dieser Anschauung bei und weist 
auf einzelne Beispiele (Schwäne, Reiher, Flamingos) hin. 

Prof. 0. Abel schließt sich gleichfalls dieser Meinung an. 

Kustos A. Handlirsch richtet an den Vortragenden die Frage, 
ob bereits sichere Anhaltspunkte für die Ursache des Aussterbens 
der großen Dinosaurier am Ende der Kreideformation gewonnen 
worden seien. 

Prof. 0. Abel erwidert, daß hierbei als äußere Faktoren wohl 
am ehesten klimatische Veränderungen in Betracht zu ziehen sind. 
Die Dinosaurier, gleichgiltig ob Theropoden, Sauropoden oder Ortho- 
poden, sind nach unseren bisherigen Kenntnissen ausnahmslos Tiere, 
die in Sümpfen und Seen oder in deren unmittelbarer Nähe in 
Dickichten oder Sumpfwäldern gelebt haben. Noch in der obersten 
Kreide, also dem höchsten Niveau, aus welchem noch Dinosaurier 
von der nördlichen Halbkugel bekannt sind (in Südamerika lebten 
sie vielleicht noch im Eozän), haben derartige klimatologische Ver- 
hältnisse in Nordamerika geherrscht; an der Basis des Eozäns 
scheinen jedoch die weiten sumpfigen Niederungen durch trockene 
Landflächen ersetzt worden zu sein. In diesem durchgreifenden 
Wechsel der Verhältnisse des Wohngebietes dürfte die hauptsäch- 
lichste Ursache für den Untergang der Dinosaurier an der Wende 
der Kreide- und Tertiärzeit zu suchen sein. Prof. Abel bittet Herrn 
Dr. F. Koßmat, sich über diese Erscheinungen vom geologischen 
Standpunkte zu äußern. 

Dr. F. Koßmat erklärt, daß an der Wende zwischen Kreide 
und Tertiär große und umfassende Veränderungen der klimato- 
logischen Verhältnisse fast auf der ganzen Erdoberfläche zu ver- 
zeichnen sind, welche naturgemäß große Veränderungen der Vege- 
tationsbedeckung und daher auch in der Tierwelt zur Folge haben 
mußten. Diese Veränderungen sind nach seiner Meinung dadurch 
bedingt, daß sich das Meer am Ende der Kreidezeit überall von 



Versammlung der Sektion für l'jiliiozoologlei 



(128) 



don Kontinenten zurückzog und die früher infolge der höheren 
Lage des Meeresspiegels durch Stauung des Wasserabflusses ver- 
sumpften großen Landstrecken nunmehr trocken gelegt wurden. 
Dieses Verschwinden der großen Landseen und Landsümpfe ist 
im Laufe der Erdgeschichte wiederholt an der oberen Grenze der 
Formationen eingetreten. 

Versammlung am 20. Januar 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. 0. Abel. 

Herr Dr. Alfred Till spricht: 

Über fossile Cephalopodengehisse. 

Der Kopf der Cephalopoden enthält bekanntlich ein kräftiges 
Gebiß, das stets aus einem Ober- und einem Unterkiefer besteht. 
Während bei den allermeisten gegenwärtig lebenden KopfFiißlerarten 
diese Kiefer hornig sind und nur bei genauer Untersuchung einen 
dünnen kalkigen Belag erkennen lassen, besitzt der tetrabranchiate 
Nautilus im Oberkiefer ein festes weißliches Kalkstück, das sich 
leicht aus der dunklen hornigen Umhüllung herauslösen läßt. Im 
Nautihis-VnteYkiefeY steckt ein solches kompaktes Kalkstück nicht; 
es gibt hier nur einen kreidigen Belag, der leicht losbröckelt und 
der sich kaum fossil erhält. In verschiedenen geologischen Schichten 
(von der unteren Trias bis heute) findet man Gebilde, die dem 
eben erwähnten Oberkieferkalkstück (auch „Schnabel" genannt) 
ähnlich sehen. 

Schon 1810 hat Faure-Biquet das erste solche Fossil als 
BJiyncholitJws Mrundo (d. i. schwalbenähnlicher Steinschnabel) be- 
schrieben und es einem Sepia-ähnlichen Tiere zugeschrieben. 

1825 hat d'Orbigny dem Rh. hirundo ähnliche, aber von diesem 
durch den Mangel einer „Kapuze" unterschiedene Rhyncholithen ge- 
funden, die er als eigene Gruppe, „especes sans capuchon", abtrennte. 

1827 schuf Blainville für letztere die Gattung „Concho- 
rhynchus". 

1832 wurde von Owen (in seiner iVaw^ws-Monographie) und 
1836 von Buckland die Ähnlichkeit der Rhyncholithen und Concho- 
rhynchen mit Ober- und Unterkiefer des rezenten Nautilus betont. 



(124) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Dessenungeachtet wollte Münster (1839) eine Übergangs- 
gattung zwischen Ehyncholithes und Conchorhynchus im Eh. dupli- 
catus gefunden haben. 1 ) 

1845 begründete d'Orbigny die beiden neuen „Gattungen" 
Bhynchotheutis und Palaeotheutis und definiert die Unterschiede 
dieser Kieferstücke von den echten „becs des Nautiles". 

In der Folge arbeiteten insbesonders Querstedt (1849), Bronn 
(1852), Römer (1854), Pictet und Loriol (1858), Ooster (1860), 
Pictet und Campiche (1862) über Cephalopodenschnäbel. 1872 
begründete Bellard i die tertiäre „Gattung" Scaptorhynchus. 

1884 faßte Zittel in seinem „Handbuch" wieder alle fossilen 
Rhyncholithen als Nautilus-Schnäbel auf, trennte sie aber mit Recht 
von vielen anderen Fossilien, die im Laufe der Zeit fälschlich mit 
Cephalopodengebissen identifiziert worden waren (worunter Balanus- 
Schalen, Gastropodendeckel, Schulpfragmente von Cephalopoden, 
Apitychus-Bmchstücke u. v. a. vorkommen). 2 ) 

1891 erschien der treffliche Cephalopodenkatalog des 
Britischen Museums, der auch eine reiche Rhyncholithenliteratur 
nebst zahlreichen Abbildungen neuer, sehr gut erhaltener Arten 
enthält. Leider sind alle Stücke unbenannt. 

Daß eine genauere wissenschaftliche Bearbeitung dieser Fossi- 
lien weder bei Zoologen noch bei Paläontologen Interesse gefunden 
hat, ist aus doppeltem Umstände erklärlich: erstens ist rezentes 
Vergleichsmaterial außerordentlich schwer zu beschaffen, 3 ) denn nur 
selten gelingt es, einen Nautilus lebend zu fangen. Während die 
leeren Schalen von der Strömung des Meeres an die Ufer getrieben 
und dort oft gefunden werden, bleibt der Kauapparat mit dem ab- 
gestorbenen Weichkörper des Tieres am Boden des Meeres liegen. 



J ) Es handelt sich dabei um ein stark verbrochenes Exemplar. Die 
Abbildung* ist jedenfalls nicht naturgetreu. 

2 ) Umgekehrt sind auch vielfach Cephalopodenkieferstücke für etwas 
anderes gehalten worden-, so beschrieb Schlotheim einen echten Khyncho- 
lith als Balanengattung Lzpadites usw. 

3 ) Ich verdankte, nachdem ich mich an viele Naturalienkomptoirs des 
In- und Auslandes vergeblich gewendet hatte, ein Exemplar des Nautilus- 
Kiefers der besonderen Freundlichkeit des Herrn Prof. Grobben. 



Versammlung der Sektion fth? Paläosoologie. 



Ci») 



Die zweite Schwierigkeit liegt darin, daß die Literatur Uber 
diesen Gegenstand unglaublich zerstreut ist. Ks gibt fast keine 
größere paläontologische Arbeit über mesozoische Faunen, die nicht 
eine oder ein paar Rhyncholithenarten enthielte, aber auch keine 
Arbeit (bis auf den Cephalopodenkatalog), die genügende Vergleiche 
mit ähnlichen „Arten" darböte. Dies ist bedingt durch die relative 
Seltenheit der fossilen Cephalopodengebisse. Es genügt das Material 
einer, wenn auch größten Sammlung* nicht, um zu allgemeinen 
Resultaten zu gelangen. Mein Bestreben, ein möglichst zahlreiches 
Studienmateriale zusammen zu bekommen, hatte den Erfolg, daß 
mir über 1000 Stücke zur Bearbeitung überlassen wurden, die fol- 
genden 14 Sammlungen angehören: Berlin, Bern, Breslau, Frank- 
furt a. M. (Senckenbergische Naturf. Ges.), Freiburg i. B. (Berg- 
akad. und Samml. des Herrn Prof. G. Böhm), Genf, Grenoble, 
München (kgl. bayr. Staatssamnil.), Stuttgart und Wien (Univ., 
Hofmus., Geolog. Reichsanstalt). Die Ergebnisse meiner Studien 
sind im Jahrbuche der k. k. Geologischen Reichsanstalt in 
Wien, 1906 und 1907, veröffentlicht. 1908 folgte eine weitere Ab- 
handlung im Jahrbuch der k. k. Geologischen Reichsanstalt. 1 ) 

Bei der Bearbeitung war mein Augenmerk besonders drei 
Punkten zugewendet: erstens galt es, eine systematische Über- 
sicht über das außerordentlich formenreiche Materiale zu gewinnen, 
wobei ich darauf bedacht war, neben den zahlreichen rein morpho- 
logischen Merkmalen auch solche zu finden, denen man etwa eine 
tiefere Bedeutung beimessen dürfte. Zweitens galt es, alle Tatsachen 
und Berichte zu erwägen, die ein Licht auf die zoologische Zu- 
ordnung der Rhyncholithen werfen könnten, und drittens wollte 
ich die geologische Verbreitung und im Zusammenhang damit 
den eventuellen Wert als Leitfossilen prüfen. 

Zum ersten Punkte (Systematik) schien es mir unerläßlich, 
das übliche Zweinamensystem auch auf die Rhyncholithen anzu- 
wenden. Es sind da drei Fälle möglich. Entweder kennt man die 
Gattung und Art des Tieres, zu dem der Rhyncholith gehört, dann 



*) Für das Jahrbuch 1909 ist eine vierte Fortsetzung in Vorbereitung 
auf Grund einer zweiten, neuen Rhyncholithensendung der Universität Gre- 
noble. 



(126) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



schreibe man zuerst die zwei Namen des Tieres (die auf Grund der 
Schale gegeben worden sind) und dazu in Klammer (Rhyncho- 
lith) ; z. B.: Nautilus giganteus d'Orb. (Rhyncholith). 

Fall II: Man kennt bloß die Gattung, aber nicht die „Art" 
des entsprechenden Tieres; dann schreibe man neben den Gattungs- 
namen die zwei Namen des Rhyncholithen in Klammer, z. B.: Nau- 
tilus sp. (Rh. simplex Fritsch). 

Fall III: Es ist auch die Gattung des Tieres unbekannt. Dann 
schreibe man einfach die beiden Namen, die für das Kieferstück 
gegeben worden sind, z. B. : Scaptorhynchus miocenicus Bell. 

Die Beibehaltung des Zweinamensystems ist für paläonto- 
logische und geologische Zwecke entschieden notwendig; ich habe 
daher auch die bei d'Orbigny (terre jurassique) und im Cephalo- 
podenkatalog des britischen Museums abgebildeten Rhyncholithen 
benannt. 

Die konsequente Namengebung wird übrigens erst durch die 
Tatsache berechtigt, daß die festen Kalkstücke gewisser Cephalo- 
podengebisse, also die „Schnäbel" oder Rhyncholithen, fossil ge- 
wöhnlich so gut erhalten sind, daß man nach einigem Studium die 
wirklichen Artunterschiede und die viel häufigeren Unterschiede im 
Erhaltungszustand leicht auseinander halten kann. 

Daß fast alle in der bezüglichen Literatur vorkommenden 
„Arten" auf Verschiedenheiten der fossilen Erhaltung beruhen, er- 
klärt sich aus dem Mangel einer einheitlichen Terminologie. 
Während ich eine solche auf Grund des vorliegenden Materiales 
ausarbeitete, konnte ich mich überzeugen, daß Dumortier (1874) 
mit seiner Vermutung, an den Rhyncholithen müßten mehr charak- 
teristische Merkmale zu entdecken sein als an den Belemniten, 
gewiß recht hatte. 

Die Voraussetzung für eine zweckmäßige Terminologie ist 
eine Definition für Rhyncholithen, die es gestattet, die sehr 
zahlreichen, oft sehr ähnlichen Fossilien, Fossilfragmente und Proble- 
matika von den echten Cephalopoden-Oberkieferstücken zu unter- 
scheiden. 

Die Definition, die ich im Jahrbuch 1906 (S. 104—105) auf 
Grund weniger Stücke gegeben habe, kann ich auch heute auf- 
recht erhalten. 



Versammlung der Sektion für Paläozoolbgie. 



(127) 



Ebenso hat sich die in derselben Arbeit (S. 98—100) ein- 
geführte Terminologie im allgemeinen bewährt, wiewohl ich hier 
im Jahrbuch 1907 einige Zusätze und Modifikationen machen mußte 
(S. 051 — 664). Es hat sich gezeigt, daß die verschiedenartigen 
Rhyncholithen zu unterscheiden sind nach: ihrem inneren Aufbau; 
den absoluten und relativen Größen (die gewöhnlich präzis meßbar 
sind); nach der Skulptur; oft auch nach den noch vorhandenen 
Resten der hornigen Flugelfortsätze. Man unterscheidet an jedem 
Rhyncholith zweckmäßig drei Teile: Kapuze, Schaft und Unterseite. 
Jeder dieser drei morphologischen Abschnitte hat eine Reihe guter 
Skulpturmerkmale. Wichtige Größenwerte sind die Höhe, Länge 
und Breite sowie der Scheitelwinkel und Profilwinkel des Schnabels. 

Bezüglich der zoologischen Zuordnung glaube ich nur 
eine sichere Erfahrung gemacht zu haben; sie betrifft die Unter- 
scheidung zweier großer Gruppen unter den Rhyncholithen : I. Echte 
Nautilus Schnäbel und II. Nicht-Nautilus-Schnähel. 

Daß diese Unterscheidung gemacht werden müsse, hat, wie 
erwähnt, schon d'Orbigny (1845) gewußt, aber seine Abtrennungs- 
merkmale waren falsch, daher ist auch seine Unterscheidung in 
der Folge nicht durchgedrungen (vgl. Zittel). D'Orbigny hat 
nämlich unwesentliche und nicht immer zutreffende Merkmale zu 
der eben erwähnten grundlegenden Unterscheidung 1 ) benützt. 

Daß die neu gefundene Unterscheidung die richtige ist, wird 
bewiesen (Jahrbuch 1906, S. 102 ff.): 

1. Durch die große Ähnlichkeit aller als „Nautilus-Schnäbel" 
gefaßten Rhyncholithen mit dem Schnabel des rezenten Nautilus 
pompilius und die wesentliche Unähnlichkeit aller übrigen von diesem. 

2. Durch die Tatsache, daß wiederholt „Nautilus-Schnäbel" 
(wie sie meiner Definition genügen) in situ in einer Nautilus- 
Schale oder wenigstens unmittelbar anbei gefunden worden sind; 
und daß dies niemals bei den übrigen Rhyncholithen der Fall war. 

3. Durch die geologische Verbreitung, indem die von mir 
für „Nautilus-Schnäbel" gehaltenen Rhyncholithen seit der Trias 
ununterbrochen bis in die Gegenwart vorkommen, während die 



*) Die wohl gleichbedeutend ist mit einer Unterscheidung der Khyncho- 
litlien der tetrabranchiaten und der dibranchiaten Cephalopoden. 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



„Nicht-iVawÄs-Schnäbel" erst im Lias beginnen und in der Unter- 
kreide erlöschen. 

Mit den Nicht-iV^^^s-Schnäbeln konnte ich indessen 
nichts anderes anfangen, als sie in eine Anzahl größerer Gruppen 
aufzulösen. Ich glaubte mich hierzu berechtigt, da die „Arten" 
dieser „Gattungen" durch konstante, anscheinend wesentliche Merk- 
male untereinander vereinigt sind. 

Die „Gattungen" wurden erst im Jahrbuch 1907 begründet; 
im Jahrbuch 1908 kommt eine neue hinzu. Als „wesentliche Merk- 
male" galten besonders diejenigen des „inneren Aufbaues": so 
unterscheidet man leicht den plumpen Kalkkeil eines Hadrocheilus 
von dem einem rezenten #ej?ia-Schnabel nicht allzu unähnlichen 
hornig-kalkigen Leptocheilus. Während ein solcher fast geradlinig, 
etwa wie eine Schreibfeder aussieht, sind der scharfspitzige Äkido- 
cheilus und der mit einem eigentümlichen Kauhöcker bewehrte 
Gonatocheilus hakig gekrümmt. In dem großen Materiale, das ich 
heuer durchsehen konnte, fand ich Stücke, die eine merkwürdige 
Mittelstellung zwischen den beiden erstgenannten Formengruppen 
einnehmen; ich vereinigte sie in der „Gattung" Mesocheilits (Jahr- 
buch der Geol. Reichsanst., 1908). 

Ein Vergleich des geologischen Vorkommens dieser Nicht- 
Nautilus-Schnäbel mit den übrigen Fossilien ihrer Fundschichte lehrt, 
daß man es möglicherweise mit Belemnitenkieferstücken, vielleicht 
mit Rhyncholithen noch ganz oder zum Teil unbekannter Dibran- 
chiaten, aber kaum mit Ammonitenschnäbeln zu tun hat. 

Der schon angedeutete besonders große Unterschied eines 
Hadrocheilus von allen übrigen Formengruppen drückt sich auch 
im geologischen Vorkommen aus, indem erstens Hadrocheilus die 
einzige schon im Lias vorkommende „Gattung" ist und zweitens 
in vereinzelten Exemplaren gefunden wird, während die Rhyncho- 
lithen aller übrigen Gattungen fast immer massenweise beisammen- 
liegend vorgefunden werden. 

Sowohl die morphologischen als auch die geologischen Unter- 
scheidungsmerkmale verweisen auf eine von den übrigen noch 
unbekannten Cephalopoden verschiedenartige Lebensweise der 
Hadrocheilus-Tiere : 



Versammlung der Sektion für Paläossoologie. 



(129) 



Die Kiefer dieser waren zum Zermalmen und Zerreiben, jener 
zum Zerhacken und Zerreißen der Nahrung- eingerichtet. Diese 
lebten offenbar vereinzelt, jene vergesellschaftet. 

In bezug auf die geologische Verbreitung der fünf 
problematischen Rhyncholithengattungen ist eine Analogie mit der 
phylogenetischen Lebensdauer der Belemniten (mit ihren Unter- 
gattungen, wie Pachythentis, Duvalia, Belemnitella etc.) und der 
Belemnotheutiden unverkennbar. 

Es ist auffallend, daß in der Unterkreide die Nieht-Nautilus- 
Rhyncholithen noch ziemlich häufig vorkommen, aus der Ober- 
kreide aber nicht eine einzige Form mehr sicher bekannt ist. Aus 
dem Tertiär aber kennt man verschiedene, durchwegs sehr kleine 
Rhyncholithenarten, die vom Nautilus-Sc\m&be\ ebenso wesentlich 
verschieden sind wie von allen übrigen Rhyncholithen des Meso- 
zoicums. 

Eine monographische Beschreibung dieser problematischen 
Kieferstücke des Tertiärs wäre von dem größten Interesse für die 
Rhyncholithenfrage. Mein Material reichte hierzu nicht aus; wie 
aber insbesonders aus Arbeiten Bellardis und Sa c cos zu ent- 
nehmen ist, wäre speziell für einen italienischen Paläontologen ein 
reichhaltiges Material zusammen zu bekommen. 

Zu erwähnen wäre noch, daß an der Wende von Trias und 
Lias die Nautilus- Schnäbel ebenso eine sehr bemerkenswerte 
Veränderung erkennen lassen wie die Schalen der Tiere (vgl. 
TemnocJieilus und Nautilus s. str.). Weiterhin verändern sie sich 
bis in die Gegenwart nicht mehr. Zwar kommen im oberen Jura 
eigentümliche Riesenformen (Ehyncholitlies giganteus), furchtbare 
Raubtiergebisse vom Typus der Nautilus-Schnäbel vor, doch gibt 
es schon im Lias Formen, welche vom rezenten iVaw£i^s-Rhyncho- 
lithen kaum zu unterscheiden sind. 

Eine Übersicht über das geologische Vorkommen der einzelnen 
Nicht -Nautilus- Gattungen wurde im Jahrbuch 1907 (S. 675 ff.) 
gegeben; sie wird im Jahrbuch 1908 einigermaßen modifiziert 
werden. Es geht daraus hervor, daß die Rhyncholithen wohl auch 
als „Leitfossilien" eine gewisse bescheidene Bedeutung haben, 
aber nur, wenn man auch hier auf eine exakte Formbeschreibung 
achtet. 

Z. B. Ges. 59. Bd. i 



(130) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Hierauf spricht Herr Dr. Alois Rogen Ii ofer über: 

Die Fauna der altägyp tischen Mumiengräber. 

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wandten auch die Zoologen 
ihre Aufmerksamkeit auf die reichen Schätze Ägyptens; es erschienen 
die Arbeiten von Cuvier, Savigny und Geoffroy St. Hilaire, 
wovon insbesonders die beiden letzteren Forscher eine große Zahl 
von Mumien sammelten und bearbeiteten. In jüngster Zeit haben 
Lortet und Gaillard 1 ) unsere Kenntnisse über dieses interessante 
Gebiet durch das Studium eines umfangreichen Materials außer- 
ordentlich bereichert. 

Von den Säugetieren finden sich in der Affennekropole bei 
Theben zahlreiche Pavianmumien, sie gehören zwei Arten an: Papio 
liamadryas und Papio anubis. Pathologische Deformationen an ihren 
Knochen, welche als Rhachitis und rheumatische tuberkulöse Gelenk- 
steife der Wirbelsäule gedeutet werden, beweisen, daß diese Tiere 
aus südlicheren Gegenden in Unterägypten eingeführt waren. Der 
Hund, Canis familiaris, von dem nach Beckmann 10 Rassen in 
Ägypten existiert haben solleu, nähert sich sehr dem Schakal und 
es ist sehr wahrscheinlich, daß die altägyptischen Hunde auch den 
Canis aureus zum Stammvater haben. Die Katzenmumien enthalten 
Felis maniculata und Felis lybica, wovon die erstere der Vorfahre 
unserer Hauskatze sein dürfte. 

Das Hausrind der alten Ägypter war Bos africanus, welches 
wahrscheinlich infolge einer Epidemie heute aus Ägypten ver- 
schwunden und durch das aus Asien stammende kleinere Bos 
brachjceros ersetzt ist. Bei Theben fand man auch hörnerlose 
Rinderschädel, welche beweisen, daß es den Ägyptern gelungen ist, 
durch geschickte Selektion eine solche, den Angus ähnliche Rasse 
zu züchten. 

Schafe sind nur in wenigen Resten gefunden worden. Es gab 
zwei Formen: eines mit transversal gewundenen Hörnern, welches 
in prähistorischer Zeit gelebt und in einer alten Epoche ausge- 
storben ist; es wird von Dürst und Gaillard als Ovis longipes 



J ) E. Lortet et C. Gaillard, La faune rnomifiee de l'ancienne Egypte. 
(Aich. Mus. Hist. Nat. Lyon, 1903 et 1908.) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologi6. (131) 

palaeoaegypidcus bezeichnet. Das zweite Schaf, Ovis platywa 
aegyptica, mit den Ammonshörnern ersclieint später eingeführt. Die 
Mumien und Knochenreste beweisen ferner die Existenz von drei 
Ziegen: Hircus mambricus, H. fhebaicus und II. reversus. Weiters 
wurden noch gefunden: Bubalis buselaphus, Gazella dorcas, Gazella 
Isabella und Ammotragus tragelaphus. 

Von kleineren Säugetieren waren nur die Spitzmäuse in einer 
größeren Menge mumifiziert, welche Lortet und Gaillard als 
Grocidura gigantea und religiosa bestimmten. Vereinzelt dagegen 
fand sich als Mageninhalt von Raubvogelmumien vor: Acomys caJd- 
rinus und Mus rattus var. Alexandrinus. 

Acomys cahirinus ist im heutigen Ägypten der Vertreter un- 
serer Hausmaus und das im oberen Miozän bei Pikermi und auf 
Samos gefundene Acomys Gaudryi läßt auf Beziehungen zwischen 
diesen beiden Kontinenten schließen. 

Die Vogelmumien umfassen nebst zahlreichen Ibisen haupt- 
sächlich Raubvögel und wir können im ganzen über 40 Arten unter- 
scheiden, von denen die meisten sich noch jetzt in Ägypten und 
im Mediterrangebiet vorfinden. Die Ibismumien enthalten vorwie- 
gend Ibis aetJiiopica, welcher heute in Ägypten ausgerottet ist, sich 
aber noch in Nubien vorfindet, ferner den jetzt noch häufigen Ple- 
gadis falcinellus. 

Unter den Raubvögeln sind folgende Arten am stärksten ver- 
treten gewesen: Müvus aegypticus, Buteo desertorum, Falco baby- 
lonicus, Cerchneis tinnunculus, Accipiter nisus und Circus aerugi- 
nosus. Wenige oder nur einzelne Mumien wurden von folgenden 
Vögeln gefunden: Pemis apivorus, Elanus caeruleus, Haliaetus albi- 
cilla, Buteo ferox und vulgaris, Circactus gallicus, Aquila heliaca, 
maculata und pennata, Falco feldeggi, barbarus und subbuteo, 
Hier o falco sacer, Melier ax gabar, Circus eyaneus, macrourus und 
pygargus, Bandion haliaetus. Ferner Bubo ascalaplius, Scops aldro- 
vandi, Asio otus, aeeipitrinus und Strix flammea. 

Minder zahlreiche Arten dagegen weisen die Reptilien- und 
Fischmumien auf. Am häufigsten ist wohl das Krokodil (Croco- 
dilus niloticus) mumifiziert worden; es gibt da Exemplare von 30 cm 
bis zu 2 m. Das Krokodil, welches sich im alten Ägypten bis zum 
Nildelta vorfand, ist heute bis in den Sudan zurückgegangen. Sonst 



(132) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



sind uns noch Reste von folgenden Reptilien überliefert worden: 
Mabuja qumquetaeniata, Naja liaje und Trionyx triunguis. 

Das kunsthistorische Hofmuseum in Wien besitzt auch eine 
Chamäleonmumie. 

Die Fischmumien enthielten ausschließlich Lates niloücus, 
einige davon noch in sehr gutem Erhaltungszustande. 

Durch die Arbeit von Lortet und Gaillard, welche auch 
viele Schlüsse auf Lebensweise, Biologie und geographische Ver- 
breitung gestattet, haben wir eine Vorstellung von der im alten 
Ägypten lebenden Tierwelt bekommen und dabei ersehen, daß sich 
dieselbe bis auf unsere Tage eigentlich wenig verändert hat. Daß 
sich in dem reichlichen Material eigentlich nur eine einzige neue 
Form, nämlich das heute ausgestorbene Ovis longipes palaeoaegyp- 
ticus vorfindet, ist nur ein Beweis dafür, ein wie geringer Zeitraum 
diese mindestens fünf Jahrtausende in der Entwicklungsgeschichte 
unserer Erde sind. 

Diskussion. 

Dr. F. Werner bestätigt aus eigener Erfahrung, daß das 
Krokodil sich auch in Oberägypten nicht mehr vorfindet. Was die 
anderen Reptilien betrifft, so ist das Chamäleon wohl kein ur- 
sprünglicher Einwohner Ägyptens, denn Chamaeleon vulgaris stammt 
aus Syrien oder Nordwestafrika, es findet sich nämlich nur an 
einem kleinen Strich der Nordküste Ägyptens. Chamaeleon basi- 
liscus kommt nur im äußersten Oberägypten vor und in Mittel- 
ägypten fehlt das Chamäleon vollständig. Die Schildkröten waren 
im Tertiär (Fajum) sehr häufig, jetzt existieren aber nur mehr 
zwei Arten, und zwar Trionyx triunguis und an der Küstenregion 
Testudo leithi, welche wahrscheinlich erst in späterer Zeit einge- 
führt worden ist. 

Von den Vögeln findet sich Ibis aethiopica nicht mehr in 
Ägypten, ebenso auch nicht der Kuhreiher Bubulcus, die sich beide 
in den Sudan zurückgezogen haben und erst in jüngster Zeit aus- 
gerottet worden sind. 

Die Raubvögel sind noch so häufig wie früher, Spitzmäuse 
dagegen sehr selten geworden und die Paviane kommen auch nur 
mehr im Sudan vor. 



Versammlung der Sektion für PaläoEOologie. (133) 

Prof. 0. Abel: Die Erörterungen Dr. A. Rogenhofers Uber 
die Identität der aus den ägyptischen Mumiengräbern bekannt ge- 
wordenen Arten mit den noch lebenden Arten sind aus dem Grunde 
von großem Interesse, weil daraus hervorgeht, daß diese Arten seit 
verhältnismäßig langen Zeiträumen keine merkbaren Veränderungen 
erkennen lassen. Es scheint dies ein Beweis dafür zu sein, daß 
die Länge der Zeiträume, in denen sich phylogenetische Änderungen 
vollziehen, meistens unterschätzt wird und daß wir genötigt sind, 
dieselben weit höher anzunehmen, als dies in der Regel geschieht. 



Versammlung am 18. Februar 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. 0. Abel. 

Herr Prof. Dr. M. Hoernes bespricht 

Neues Material zur Frage des Homo pvimigenius. 

Es liegen durch rasch aufeinander gefolgte glückliche Ent- 
deckungen der Jahre 1907 und 1908 drei unschätzbare neue Fund- 
stücke vor, welche der Vortragende unter Benützung zahlreicher 
Lichtbilder beschreibt und mit dem schon früher bekannten Be- 
stände ähnlicher diluvialer Fossilreste vom Menschen vergleicht. 
Jene drei neuen Stücke sind: 1. Der Unterkiefer von Mauer 
bei Heidelberg, kürzlich ediert von 0. Schötensack, Leipzig, 
1908, mit 13 Tafeln und äußerst eingehender Beschreibung und 
Würdigung, vielleicht der älteste, bisher bekannte Leibesrest vom 
diluvialen Menschen, stratigraphisch und morphologisch vom höch- 
sten Archaismus. 2. Das lückenhaft erhaltene Skelett des Homo 
monsteriensis II aus er i aus der unteren Höhle von Le Moustier 
an der V6zere, Dordogne, beschrieben von H. Klaatsch und 0. 
Hauser im Archiv für Anthropologie, 1909, N. F., VII, S. 287—297, 
die Knochen eines Jünglings der Neandertalrasse, welcher hier in 
einer jüngeren Phase des Altpalaeolithicums, d. h. etwa in der letzten 
oder vorletzten Zwischeneiszeit, gelebt hat und anscheinend rituell 
bestattet worden ist. 3. Das noch lückenhafter erhaltene Skelett 
eines Greises derselben Rasse von La Chapelle-aux-Saints, 
Correze, aus derselben Kulturperiode, gefunden von den Brüdern 



(134) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Bouyssonie und L. Bardon, beschrieben von M. Boule, L'Anthro- 
pologie, XIX, 1908, p. 520 ff. Die typischen Merkmale sind, wie 
zu erwarten war, am Greisenschädel stärker ausgeprägt als an dem 
des Jünglings. 

Manches Neue bieten namentlich die wohlerhaltenen Gesichts- 
schädel beider Skelette. Im Höhenwuchs erscheint die Neandertal- 
form nun wohl endgültig als untermittelgroß. Die mannigfaltigen 
Streitfragen, welche sich an die Erscheinung der Neandertalform 
bei den namhaftesten Anthropologen unserer Tage knüpfen, werden 
durch das neue Material eher vermehrt und kompliziert, als gelöst. 
Ob jene eine Vorform der gesamten rezenten Menschheit war, ob 
diese noch kenntliche Nachkommen derselben enthält usw., das bleibt 
alles so problematisch wie zuvor. Aber das rasche Tempo, in dem 
sich diese neuen Funde eingestellt haben, läßt doch hoffen, daß der 
künftige Zuwachs noch manches Licht auf diese wie auf die schon 
früher bekannten Reste vom diluvialen Menschen werfen werde. 1 ) 



Versammlung am 17. März 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. 0. Abel. 

Der Vorsitzende legt ein Manuskript von Prof. Dr. Louis Dollo 
in Brüssel vor, welches betitelt ist: „Les Teleosteens ä Ventrales 
abdominales secondaires." Herr Prof. L. Dollo übersandte das 
Manuskript mit folgendem Begleitschreiben: 

„Mon eher ami, 

„Je suis heureux de vous envoyer ce petit travail, — que j'ai 
prepare sp6cialement pour votre Section de Paleozoologie, a cause 
de Tintöret pal6ontologique du sujet, — comme un temoignage de 
ma Sympathie et de mon admiration pour la Science allemande, 
dans le sens le plus large du mot." 

x ) Eine ausführliche Behandlung der hier nur angedeuteten Probleme 
des Homo primigenius auf Grund des gesamten dafür in Betracht kommenden 
Materiales gibt der Vortragende in seinem soeben erscheinenden Buche „Natur- 
und Urgeschichte des Menschen", Bd. I, S. 217—267 und S. 359 f., worin auch 
die Abbildungen der oben genannten neuen Fossilfunde enthalten sind. 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie, 



(135) 



Les Teleosteens ä Ventrales abdominales secondaires. 

Par 

Louis Dollo, 

Professeur ä l'Universite de Bruxelles. 

I. — On sait que, topograpliiquement, les Ventrales des 
Teleosteens peuvent etre: 

L Abdominales, 

2. Thoraciques, 

3. Jugulaires. 

II. — On sait, aussi, que, paleontologiquement et morpho- 
logiquement, on a: 

Jugulaires 

t 

Thoraciques 

t 

Abdominales 

Paleontologiquement, puisque les plus anciens Osteoptery- 
giens, 1 ) qui sont les Ganoi'des, sont toujours abdominaux. 

Morph ologiquement, puisque les plus primitifs des Teleos- 
teens actuels, qui sont les Malacopterygiens, sont toujours ab- 
dominaux. 

III. — Maintenant, on sait, egalement, d'autre part, qu'il y sl 
des T61eost6ens avec: 

1. Queue diphycerque secondaire (Gephyrocercie homocerci- 

que). 2 ) 

2. Ecailles cycloides secondaires (Pseudocyclo'ides, ou Ultra- 

ctenoides). 3 ) 

Des lors, pourquoi n'y en aurait-il pas avec Ventrales ab- 
dominales secondaires? 

*) L. Dollo, Sur quelques points d'Ethologie paleontologique relatifs 
aux Poissons. (Bulletin de la Societe beige de Geologie, XX, 1906, p. 137.) 
— Osteopt6rygiens == Ganoides -j- Dipneustes + Teleosteens. 

2 ) L. Dollo, Sur la Phylogenie des Dipneustes. (Bulletin de la Societe 
beige de Geologie, IX, 1895, p. 95.) 

3 ) L. Dollo, Poissons de l'Expedition Antarctique Beige. (Resultats du 
Voyage du S. Y. «Belgica» en 1897—1899, p. 140. Anvers, 1904.) 



(136) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



IV. — Or, nous avons, justement, deux cat6gories de Teleos- 
teens ä Ventrales abdominales: 

1. Ceux dont les Ventrales n'ont absolument aucune connexion 

avec la Ceinture scapulaire, qui sont les Malacoptery- 
giens (Ex.: Elopidae). 1 ) 

Ce sont, 6videmment, les Abdominales pri- 
maires. 

2. Et ceux dont les Ventrales sont reli6es ä la Symphyse 

claviculaire par un Ligament, qui sont des Acantho- 
pterygiens (Ex.: Atherinidae). 2 ) 

Je vais montrer que ce sont des Abdominales 
secondaires. 

V. — Quelle que soit la cause de la Migration caudo- 
craniale des Ventrales, le fait n'en est pas moins certain au 
point de vue phylogenique. 

Or, par suite de cette migration, ä un moment donn6, les 
Ventrales se sont trouv6es dans une proximite teile de la Symphyse 
claviculaire qu'elles y ont pris un solide point d'appui, par un con- 
tact direct du Bassin (T61eost6ens thoraciques et Teleos- 
teens jugulaires). 

VI. — Mais les T616osteens ä Ventrales abdominales re- 
H6es par un Ligament ä la Symphyse claviculaire n'ont as- 
surement pas envoye d'abord ce Ligament en avant, pour devenir 
ensuite Thoraciques, puis Jugulaires. 

Quelle aurait 6t6 Tutilit6 de cette structure? 

Suspendre lächement ä la Symphyse claviculaire les Ven- 
trales, d6jä suspendues lächement dans les chairs? 

Non. Les Ventrales abdominales reliees par un Ligament ä 
la Symphyse claviculaire sont, sans nul doute, des Ventrales jadis 
Thoraciques ou Jugulaires, qui, effectuant ä rebours leur migration 
caudo-craniale, donc cette fois cranio-caudalement, ont entraine avec 

x ) GL Cuvier et A. Valenciennes, Histoire naturelle des Poissons, I, 
p. 377. Paris, 1828. — Pointe anterieure du Bassin: «Dans les vrais abdoini- 
naux, eile denieure libre dans les chairs.» 

2 ) T.W. Bridge and G. A. Boulenger, Fishes. (Cambridge Natural 
History, VII, 1904, p. 639.) — «Pelvic bones connected with the clavicular 
Symphysis by a ligament.» 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(137) 



elles leur liaison, laquelle, en s'allongeant, a (16gcn6r6 et est devenue 
ligamenteuse. 

VII. — On sait, en effet, que la plupart des Ligaments sont 
des os ou des muscles d ebneres. 1 ) 

VIII. — Et la migration cranio-caudale des Ventrales abdomi- 
nales secondaires est, en tout, pareille a celle de FEstomac, qui 
entmine avec lui son nerf cranien, le Pneumogastrique. a ) 

IX. — Examinons, a present, d un peu plus pres ces Tel6os- 
t6ens qui ont des Ventrales abdominales secondaires. 

Iis sont assez nombreux. 

Parmi les plus familiers sont les Atherinidae, et ce ne sont 
sürement pas des Teleosteens primitifs, car ce sont des Acantho- 
ptörygiens portant les caracteres du Tel6osteen moderne adapte ä 
la Vie Nectique : 

1. Pr6maxillaires bordant seuls l'orifice buccal. 

2. Pari6taux s6par6s par le susoccipital. 

3. M6socoracoide absent. 

4. Pectorales hautes sur les flaues. 

5. Ventrales avec une 6pine et cinq rayons. 

6. Deux dorsales, dont Tant^rieure 6pineuse. 

7. Vessie natatoire close. 

Tous ces caracteres s'6cartent de ceux des Malacopt6rygiens, 
les plus primitifs des Teleosteens, et surtout de ceux des Elopidae, 
les plus primitifs d'entre eux. 

Ce ne peut donc etre que par pure Convergence que les 
Ventrales sont Abdominales chez les Malacopt6rygiens et chez les 
Acanthopterygiens dont il s'agit ici: celles-la sont Primaires, celles- 
ci sont Secondaires. 

X. — Les Acanthopterygiens ä Ventrales abdominales 
secondaires, que les meilleures autorites placent actuellement dans 
les sous-ordres des Catost6omes et des Perc6soces, ne sont, par cons6- 
quent, nullement intermediaires entre les Malacopterygiens et les 

J ) J. B. Sutton, Ligaments, their Natnre and Morphology, p. 1. 
Londres, 1887. 

2 ) C. Gegenbaur, Lehrbuch der Anatomie des Menschen, II, p. 479. 
Leipzig, 1899. 



(138) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Acanthopterygiens thoraciques, 1 ) puisqu'ils sont Ultrathoraciques, 
ou Ultrajugulaires. 

C'est faute d'avoir compris ce point fondamental que la Classifi- 
cation des Acanthopt6rygiens a Ventrales abdominales est restee si 
difficile jusqu'aujourd'hui: 

«The whole question of the arrangenient of the Physoclists 
with abdominal ventrals (Catosteomi and Percesoces) is, I feel, much 
in need of revision.» 2 ) 

Perc6soces: «Although this sub-order is perhaps only an artifi- 
cial association.» 3 ) 

XL — Les Catosteomes et les Percesoces sont indubitable- 
ment tres poly phyl6tiques : ils nous repr6sentent, simplement, le 
retour des Acanthopterygiens les plus divers aux Ventrales 
abdominales (i. e. secondaires). 

Pour cette raison, ils devront, respectivement, etre reunis avec 
les Thoraciques ou les Jugulaires correspondants, dont ils ne sont 
qu'une Specialisation, au für et a mesure du progres des con- 
naissances. 

XII. — En d'autres termes, on a: 



J ) G. A. Boulenger, Les Poissons du Bassin du Congo, p. 349. Bru- 
xelles, 1901. — «Par le caractere physocliste de la vessie natatoire ces pois- 
sons se rattachent aux Acanthopterygiens, tandis que par le caractere abdo- 
minal des nageoires ventrales ils tiennent encore des Malacopterygiens.» 

2 ) T. W. Bridge and G. A. Boulenger, Fishes, etc., p. 629. 

3 ) T. W. Bridge and G. A. Boulenger, Fishes, etc., p. 636. 

4 ) T.W.Bridge and G. A. Boulenger, Fishes, etc., p. 713. — Ophi- 
diidae: «Ventral fins each reduced to a pair of filaments or a bifid ray inser- 
ted just behind the chin at the extremity of the clavicle, which is produced 
forwards as a slender rod.» 




Abdominales secondaires 



Abdominales secondaires 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



XIII. — Quelle est, enfin, la Signification 6thologique 
de ce retour aux Ventrales abdominales? 

Nous Tignorons, pour le moment. 

Comme nous ignorons, d'ailleurs, la signification ethologique 
de la Migration caudo-craniale, ind6niable pourtant: 

«Comment se fait-il, en effet, que les Ost6opt6rygiens 
(Dipneustes + Ganoides + T616ost6ens), qui, depuis le Devonien in- 
ferieur au moins jusqu'au Cr6tace, avaient pu s'aecomoder de Ven- 
trales abdominales, dans les Conditions d'Existence les plus 
diverses, ont, plus recemment, acquis des Ventrales thoraciques, 
et meme des* Ventrales jugulaires? 

«Alors que les Chondropt6rygiens (Requins + Raies + Chi- 
meres) ont tous, meme aujourd'hui, et depuis toujours, des Ven- 
trales abdominales.» 1 ) 

Mais les facteurs qui provoquerent, et maintinrent pendant si 
longtemps, les Abdominales primaires des Ost6opt6rygiens n'ont-ils 
pu se reproduire et agir sur un certain nombre de T61eost6ens thora- 
ciques ou jugulaires? Qui, en se r6adaptant aux conditions an- 
ciennes, donnerent naissance aux Abdominales secondaires. 

Quoiqu'il en soit, en etudiant TEthologie des Acanthoptery- 
giens ä Ventrales abdominales secondaires, peut-etre arrivera-t-on ä 
resoudre, par Finverse, le probleme de la Migration caudo-craniale 
des Ventrales abdominales primaires. 

XIV. — Dans cette question des Ventrales abdominales 
secondaires, deux nouveaux et beaux exemples dMrreversi- 
bilite de l'Evolution : 2 ) 

1. Les Ventrales redeviennent abdominales, mais gardent 
leur connexion de Thoraciques ou de Jugulaires pass6es avec la 
Symphyse claviculaire. 

2. Les Pectorales, d'abord tres basses (Malacopt6rygiens 
primitifs, donc Abdominaux primaires: Elojndae), se sont relevees 

J ) L. Dollo, Neobythites Bnicei, Poisson abyssal nouveau recueilli par 
l'Expedition Antarctique Nationale Ecossaise. (Proceedings of the Royal So- 
ciety of Edinburgh, XXVI, 1906, p. 179.) 

2 ) L. Dollo, Les Lois de l'Evolution. (Bulletin de la Societe beige de 
Geologie, VII, 1893, p. 164.) 



(140) 



Versammlung der Sektion für Paläozoolo^ie. 



sur les flancs, pour permettre le passage des Ventrales jusqu'ä la 
Symphyse claviculaire, chez les Thoraciques et chez les Jugulaires. 

Les Ventrales sont redevenues abdominales chez les Acantho- 
pt6rygiens ä Ventrales abdominales secondaires ( Äther iniclae), mais 
les Pectorales sont rest^es hautes sur les flancs, comme chez les 
Thoraciques ou les Jugulaires ancestraux. 

XV. — J'espere pouvoir reprendre, ou faire reprendre, 
systematiquement, l'etude des Ventrales abdominales secon- 
daires. 

Cette 6tude systematique me parait necessaire, car je crois 
que, dans plus d'un cas, des Abdominales reput6es libres, donc 
primaires, sont, en r6alit6, secondaires: il faut chercher le Liga- 
ment pelvi-claviculaire, ou un Caractere 6quivalent. 1 ) 

Herr G. Schlesinger hielt einen Vortrag: 

Der sagittiforme Anpassungstypiis nektonisclier Fische. 

I. Die Unterscheidung ethologischer Typen. 

Das reichliche Material rezenter und erloschener Formen, das 
im Laufe des 19. Jahrhunderts auf allen Gebieten der Zoologie zu- 
sammengetragen und beschrieben wurde, hat es notwendig gemacht, 
in die Formenfülle Ordnung zu bringen, nicht nur vom syste- 
matischen Gesichtspunkte, der bis vor kurzem der nahezu einzig 
berücksichtigte war, sondern hauptsächlich vom ethologischen, 
dem Stiefkinde unserer Naturforschung, das erst in letzter Zeit, 
namentlich durch die Arbeiten von L. Dollo, zu seinem Rechte ge- 
kommen ist. Unter Ethologie versteht L. Dollo die Biologie 
+ Morphologie, d. h. die vergleichende Berücksichtigung dieser 
beiden Disziplinen. Die Ethologie ist geeignet, zahlreiche Lücken 
durch richtige induktive Schlüsse wenigstens zum Teile auszufüllen. 
Denn gerade durch sie gelangen wir zur wichtigen Unterscheidung 
der Verwandtschaftsverhältnisse, der Parallelismen und Konvergenz- 

x ) Je regarde la connexion postclaviculaire du Bassin, chez les Cato- 
steomes et les Percesoces, comme secondaire et acquise dans la Migration 
cranio-caudale des Ventrales abdominales secondaires, pour remplacer la con- 
nexion claviculaire typique des Acanthopterygiens thoraciques et jugulaires. 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(141) 



erscheinnngen, deren scliarfe Trennung von größtem Werte für die 
Aufhellung der Stammesgeschichte ist. 

Osborn 1 ) hat für die parallele, konvergente und divergente 
Anpassung folgende Charakteristik gegeben, die ich im nachstehenden 
etwas modifiziert wiedergebe. 

1. Parallel: Die analoge, unabhängige Entwicklung gleich- 

artiger oder verwandter Formen oder Organe als Folge 
einer gleichen Anpassung. (Beispiel: Equidae, Frotero- 
theridae.) 

2. Konvergent: Die analoge, unabhängige Entwicklung ver- 

schiedener oder nicht verwandter Formen oder Organe 
als Folge einer gleichsinnigen Anpassung, wodurch eine 
sekundäre Ähnlichkeit oder Annäherung eines Typs ent- 
steht. (Beispiel: Ichthyosaurus, Delphinus.) 

3. Divergent: Die verschiedene Entwicklung gleicher oder 

verwandter Formen oder Organe als Folge einer ver- 
schiedenen Anpassung. (Beispiel: Ichthyosaurus, Mosa- 
saurus.) 

Zur Aufstellung eines einheitlichen Anpassungstypus können 
wir nur in jenen Fällen gelangen, in denen verschiedene Formen 
aus nicht näher verwandten Stämmen dieselbe Lebensweise an- 
genommen und in Zusammenhang mit dieser dieselben Anpassungen 
erreicht haben. Ein und derselbe Typus kann auf dem Wege 
paralleler oder auf dem Wege konvergenter Entwicklung er- 
reicht worden sein. 

Die sorgfältige Unterscheidung und Analyse ethologischer 
Typen hat unser Wissen außerordentlich gefördert und unsere 
Kenntnisse von den Lebensbedingungen rezenter und fossiler Tiere 
wesentlich erweitert. Ich weise nur auf die verschiedenen adaptiven 
Anpassungen der Zähne und Extremitäten hin, die es uns oft er- 
möglichen, aus recht dürftigen Resten mit Sicherheit auf eine be- 
stimmte Lebensweise zu schließen. Es bestehen durchgreifende 
Unterschiede in den Gebissen der Fleischfresser und Pflanzenfresser 
und wieder in jenen der phyllophagen und rodenten Tiere; ganz 



*) Osborn, The ideas and terms of modern philosophical anatomy. 
(Science, XXI, June 23, 1905, p. 960.) 



(142) 



Versammlung- der Sektion für Paläozoologie. 



bestimmte Veränderungen scheiden die Hand oder den Fuß einer 
terrestrischen von dem einer arborikolen oder gar aquatischen Form. 

II. Die bisherigen Typen nektonischer Wirbeltiere. 

Die nektonischen Wirbeltiere faßt 0. Abel 1 ) in fünf Typen 
zusammen: 

1. Fusiform (Torpedotypus). 

Beispiele: Hybodus Hauffianus, Garcharias, Älopesias; 
Ichthyosaurus ; JDelphinus . 

2. Cheloniform (Flachboottypus). 

Beispiele: Chelone imbricata; Plesiosaurus; Aptenodytes; 
Otaria. 

3. Tritoniform (Molch typus). 

Beispiele: Geosaurus suevicus; Triton; Gavialis gangeti- 
cus, Myogale. 

4. Mosasauriform (Mosasaiinis-Tyipxxs). 

Beispiel: Mosasaurus. 

5. Taenioform (Bandtypus). 

Beispiele: Avocettina, Begalecus, Trichiurus. 

Bisher sind von diesen Anpassungstypen zwei unter den 
Fischen vertreten ; der fusiforme und der taenioforme. 0. Abel 1 ) 
kennzeichnet diese beiden' Typen in folgender Weise: 

1. Fusiform (1. c, S. 8): „Der vorteilhafteste Anpassungstypus 
eines nektonischen Tieres und zugleich die häufigste Anpassungs- 
form. — Körper torpedo- oder spindelartig gebaut; Lokomotions- 
apparat am Hinterende des Körpers gelegen; die paarigen Glied- 
maßen funktionieren nicht als Kuder, sondern als Steuer und dienen 
zum Balanzieren des Körpers. Vorderflossen stets vorhanden, Hinter- 
flossen entweder kleiner als die Vorderflossen oder rudimentär oder 
gänzlich verloren gegangen." 

Wir wollen zunächst untersuchen, welche allgemeinen bio- 
logischen Eigentümlichkeiten an diesen Typus geknüpft sind. 

Wenn wir die Reihe der Tiere durchgehen, deren Gesamt- 
habitus wir als fusiform bezeichnen müssen, sehen wir durchwegs 



*) 0. Abel, Die Anpassungsformen der Wirbeltiere an das Wasserleben. 
(Schriften d. Ver. zur Verbr. naturw. Kenntn. in Wien, Jahrg. 48, 1905.) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(143) 



Formen, welche zur Befriedigung ihrer Lehenserfordernisse weite 
Strecken hei größtmöglicher Schnelligkeit und anhaltender Ausdauer 
durchmessen. Thynuus, Scombcr, Carcharias und Älopezias sind 
äußerst flinke und ausdauernde Wanderfische, die entweder in 
Schwärmen weite Meeresstrecken durchschwimmen oder in geringer 
Zahl oft tagelang Schiffen nachfolgen, wie die letztgenannten Haie. 
Desgleichen sind die hochgradig fusiformen Cybium-, Caraux- und 
Naucrates -Arten seit langem als Wanderfische bekannt wie auch 
die Clupeiden und Salmoniden, von welch' letzteren Sdlmo salar 
(unser Lachs) zur Laichzeit weit flußaufwärts geht. Die flinken 
Bewegungen der Delphine sind allgemein bekannt und eine ihnen 
ähnliche Lebensweise müssen wir auch bei den fossilen Ichthyo- 
sauriern annehmen. 

Es ist zweifellos, daß die Steuerung bei allen diesen Formen 
hinsichtlich der Fähigkeit rasch zu wenden eine vollendete ist, 
keineswegs aber, was die Beibehaltung einer Richtung anbelangt; 
denn die paarigen Flossenelemente sind mehr Balanzierorgane, die 
unpaaren aber im Vergleich zu dem gerundeten spindelförmigen 
Körper viel zu schwach, als daß sie von weittragender Bedeutung 
sein könnten. Nur in einzelnen Fällen treffen wir Ausnahmen, und 
zwar gerade in jenen Fällen, in denen der Fisch eine bestimmte 
anhaltende Richtung einhält und mit großer Raschheit auf sein 
Ziel zuschwimmt. 

2. Taenioform (1. c, S. 12): „Körper langgestreckt, band- 
artig. Weder die Schwanzflosse noch die übrigen Flossen spielen 
bei der Fortbewegung eine Rolle; die Fortbewegung geschieht durch 
die schlängelnde Bewegung des ganzen Körpers, der seitlich stark 
zusammengedrückt ist." 

Betrachten wir auch hier wieder die biologischen Erschei- 
nungen, welche sich an diesen Typus knüpfen. 

Sämtliche Fische (es gehören nur solche diesem Typus an), 
welche taenioform sind, sind abyssisch. Trichiurus, Lepidopus, 
I Lophotes, Regalecus, Nemichthys, Venifica und Avocettina sind durch- 
wegs Formen, welche bedeutende Tiefen des Meeres bewohnen. 
I Gerade für die ruhigeren Wasserschichten ist diese Anpassung mit 
I, Rücksicht auf die Geschwindigkeit der Fortbewegung eine ideale 



(144) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



und man begreift die Ausführungen Wettsteins 1 ) über Lepidopus, 
wenn man eine Ringelnatter, die der seitlichen Kompression doch 
vollständig entbehrt, während des Schwimmens beobachtet. Wett- 
stein sagt: „Der langgestreckte, bandartige und doch fest gebaute 
Körper schießt in schlängelnder Bewegung ungemein rasch durch 
das Wasser dahin. Die Kraft dieses Fisches mit seiner Gewandt- 
heit und dem scharfen, gut besetzten Gebiß gibt ihm den Charakter 
eines gefährlichen Räubers." Die taenioformen Fische sind sicher- 
lich sehr flinke Tiere und imstande, durch Kontraktion des Körpers 
rasch dahinzuschwimmen, dann sich zu strecken und das Wasser 
zu durchschneiden, „wobei", wie Wettstein weiter sagt, „die hohe, 
bandförmige Gestalt des Körpers selbst die Steuerung übernimmt". 

III. Der sagittiforme Typus. 

Betrachten wir nun eine Sphyraena, etwa den Pfeilhecht des 
Mittelmeeres oder einen seiner afrikanischen oder amerikanischen 
Vertreter. 

Der Kopf ist sehr spitz und lang, die Kiefer sind äußerst 
kräftig, der untere überragt den oberen; bei geschlossenem Maule 
läuft der Körper vorne in eine scharfe Spitze aus. Die Bezahnung 
ist die eines typischen Raubfisches, ein ausgesprochenes Fanggebiß. 
Die Randzähne beider Kiefer sind kegel- oder hecheiförmig, in 
einer Reihe angeordnet und erreichen in der Mitte ihre bedeutendste 
Größe. Im Unterkiefer finden sich außerdem zwei oder mehrere 
Paare mächtiger, hakig nach innen und hinten gebogener Fang- 
zähne, außerdem in einem Bogen angeordnete Palatinalzähne. Es 
ist dies eine Form der Bezahnung, die uns bei vielen aquatischen 
Räubern entgegentritt. Wir begegnen fast der gleichen Anordnung 
der Zähne bei Esox, Thyrsites, TricMurus, Chirocentrus, Lepidosteus 
platystomus und anderen Raubfischen und treffen ähnliche Gebisse, 
besonders was die bis zur Mitte an Größe zunehmenden Randzähne 
betrifft, nicht nur bei Fischen, wie Belone und Lepidosteus osseus, 
sondern auch bei Reptilien und Säugetieren. Ich nenne Ichthyo- 
saurus, die Krokodile, besonders Gavidlis gangeticus, und die Gruppe 
der Delphine. 

2 ) Wettstein, Abhandl. der Schweiz, paläont. Ges. in Basel, 1887, XIII, 
Nr. 2, S. 17. 



Versammlung der Sektion für Paliiozoologle. 



(145) 



Wenn wir die Körperform von Sphyraena einer näheren Be- 
trachtung unterziehen, finden wir Merkmale, die sie als einen vom 
fusiformen einschneidend abweichenden Typus erkennen lassen. 

Während die charakteristische Gestalt aller torpedoartig ge- 
bauten Tiere die vorne verdickte und stumpfer geformte, hinten 
aber verschmälerte und verjüngte kurze Spindel ist (ein Bau, welcher 
große Bewegungsfreiheit gestattet), die Körperhöhe also der Breite 
in den einzelnen Abschnitten meist gleicht, finden wir bei Sphy- 
raena eine langgestreckte Körperform, die von dem äußerst spitzen 
Kopf verhältnismäßig rasch nach hinten an Höhe zunimmt, dann 




Fig. 1. Sphyraena tome. 
(Gez. nach H. W. Fowler, Proc. Acad. Philad., 1904. — Nat. Gr. bis zu Im.) 



eine Strecke weit gleich bleibt und eher noch gegen die Dorsalis 
secunda und Analis hin wächst. Der Schwanzteil ist kurz und 
kräftig*. 

Bezüglich der Beflossung sehen wir folgendes: 
Die Pectoralis ist lateral sehr hoch eingelenkt, die Ventralen 
sind nach vorne unter die erste Dorsalis gerückt. Dies sind Ver- 
hältnisse, die allerdings oft auch beim fusiformen Typus zu finden 
sind. Das Charakteristische aber liegt in der Stellung der stark- 
strahligen Dorsalis secunda und Analis, welche, einander oft genau 
opponiert, das Ende der kompressen Körperverdickung einnehmen 
und der kräftigen Caudalis genähert sind (Fig. I). 1 ) 

Vier wesentliche Merkmale sind es also, welche Sphyraena 
von dem fusiformen Anpassungstypus scheiden: 

1. Die Streckung und seitliche Kompression des Körpers. 

2. Seine gleichmäßige Höhe. 



*) Diese und die folgenden Figuren sind etwas schematisiert. 

Z. B. Ges. 59. Bd. k 



(146) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



3. Die schwanznalie, opponierte Stellung der von starken 
Strahlen gestützten zweiten Rücken- und Afterflosse am Ende des 
gleichhohen mittleren Körperabschnittes. 

4. Eine bei einzelnen Formen besonders stark ausgeprägte 
Verdickung des Körpers in der Region der hinteren Dorsalis und 
Analis. 

Es ist daher geboten, Sphyraena und mit ihr eine Reihe an- 
derer Fische vom fusiformen Typus abzutrennen und für diese 
nektonischen Fische einen neuen Typus, den sagittiformen, auf- 
zustellen. 

Ich nenne diesen Typus sagittiform oder pfeilförmig, weil 
Spliyraena, der Pfeilhecht, ihn in vollendetstem Maße repräsentiert 
und die vorne spitze, gleichhohe Gestalt des Körpers vereint mit 
der pfeilgefiederartigen Gruppierung der hinteren Flossenelemente 
diese Bezeichnung nahe legt. 

Der sagittiforme Typus wäre in folgender Weise zu kenn- 
zeichnen: Körper gestreckt, seitlich komprimiert, vorne spitz, sonst 
in fast gleicher Höhe verlaufend, mitunter im hinteren Körper- 
abschnitt verdickt; das endgestellte, kräftige Lokomotionsorgan 
bildet mit der starkstrahligen Dorsalis und der ihr opponierten 
Analis eine physiologische Einheit, welche gleich einem Pfeilgefieder 
Richtung gebend wirkt. 

IV. Gründe für die Aufstellung des sagittiformen Typus 
als selbständige nektonische Anpassungsform. 

Wir können einen ethologischen Typus als hinlänglich ge- 
stützt annehmen: 

1. Wenn er von einer Zahl von Formen aus phylogenetisch 
einander fernstehenden Gruppen als parallele Anpassung an eine 
bestimmte Lebensweise erreicht wird, 

2. wenn wir in einzelnen Fällen gewisse Konvergenz- 
erscheinungen finden, die sich als Folgen einer Anpassung an 
eben diese Lebensweise ergeben. 

Während meiner Studien über die Schnauzenverlängerungen 
wasserbewohnender Wirbeltiere konnte ich feststellen, daß folgende 
Formen den sagittiformen Typus parallel erreicht haben: 



Versammlung der Sektion für Paliio/.oologie. 



(147) 



A. Chondrostei 



Belonorhynchus 
Asjiidorlii/nchns 
Lepidosteu8 . . 



Trias 

• J MI M 



B. llolostei 

0. Teleostei 

a) IsospondiU . . . . 

b) Haplomi 

c) Catosteomi . . . . 




Chirocentrus- 
Photonectes . 

Esox 

lihinellus . . 



Aülostomus 
Scombresox 
Tylosurns . 



Kreide 
Holozän 



Holozän 



d) Percesoces . 



l 



Betone . . 
Sphyraena 



Obwohl dies nur eine verhältnismäßig- kleine Auswahl von 
Fischen ist, sehen wir doch, daß wir es im vorliegenden Typus 
nicht mit einer aus verwandtschaftlichen Verhältnissen erklärbaren 
Spezialisation, sondern vielmehr mit einer infolge von bestimmten 
gleichartigen Lebensbedingungen entstandenen Anpassung zu tun 
haben. 

Wir haben nun zu untersuchen, welche ethologische Bedeutung 
dieser sagittiforme Typus besitzt und wodurch sich die sagittiformen 
Fischtypen von den übrigen nektoniscben Typen hinsichtlich ihrer 
Bewegungsart, Lebensgewohnheiten u. dgl. unterscheiden. 

Zur Erörterung dieser Frage wählen w T ir zunächst Sphyraena. 

Die übereinstimmenden Angaben verschiedener Beobachter 
schildern den Pfeilhecht als ungemein kühnen Raubfisch, der mit 
reißender Schnelligkeit die Wellen durchschneidet. Desgleichen 
finden wir mehrere Angaben^ daß Spliyraena bei der Verfolgung 
seiner Beute hohe Luftsprünge aus dem Wasser macht. So sagt 
Brehm 1 ) über Sphyraena vulgaris: 

„Entsprechend der gestreckten Gestalt und dem gewaltigen 
Gebisse ist der Pfeilhecht ein furchtbarer Räuber, der mit reißender 
Schnelligkeit die Wellen durchzieht, aber fast nur geradlinig fort- 
schwimmt, weshalb ihn schon die Alten mit einem Pfeile ver- 
glichen." 



(148) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Über Sphyraena jello berichtet Büttikofer 1 ) (nach Brehm): 

„Dieser Fisch ist ein gefährlicher Räuber, den ich im Cape 
Mount-Fluß öfters mehrere Fuß hohe Luftsprünge nach verfolgten 
kleinen Fischen machen sah." 

Bezeichnend ist eine Angabe von Jordan und Evermann 2 ) 
über das Genus Sphyraena: 

„Carnivorous, pike-like fishes, often of large size, active and 
voracious, sometimes dangerous to bathers being fierce as a shark." 

Gleicher Art sind die Berichte von Klunzinger, 3 ) Catesby 4 ) 
und Günther. 5 ) 

Die nämlichen Aussagen treffen wir bei allen übrigen dem 
sagittiformen Typus zugehörigen Formen. Überall begegnen wir 
dem schon früher geschilderten, für alle Raubfische so charak- 
teristischen Fanggebiß mit den reihenförmigeu, in der Mitte am 
stärksten entwickelten Kegel- und Hakenzähnen; in vielen Fällen 
liegen uns Berichte über die stoßweise, geradlinige Lokomotion und 
das oft sehr hohe, pfeilartige Emporschießen aus den Wellen vor. 

So finden wir bei Klunzinger 3 ) folgende Stelle über Betone 
choram: 

„Wenn der Fisch verfolgt wird, macht er nach Angabe der 
Fischer einige Sätze aus dem Wasser, vier Fuß hoch, oder er ent- 
flieht pfeilschnell, schief emporgerichtet, nur den Schwanzteil im 
Wasser. " 

Ähnlich nennen Jordan und Starks G ) die Beloniden „vora- 
cious, carnivorous fishes, bearing a superficial resemblance to the 
gar-pikes" uud vergleichen ihre Lebensweise mit der der Sphyrae- 

1 ) A. E. Brehm, Tierleben, Bd. 8, Fische, S. 156. 

2 ) D. S. Jordan and B. W. Evermann, The Fishes of North and Middle 
America (Bull. Unit. St. Nat. Mus., Vol. 47. Washington, 1896/98.) („Fleisch- 
fressende, hechtartige Fische, oft von namhafter Größe, angriffslustig und 
gefräßig, manchmal den Badenden gefährlich, da sie wütend sind wie Haie.") 

3 ) C. B. Klunzinger, Synopsis der Fische des Roten Meeres. (In diesen 
„Verhandlungen", Jahrg. 1870, S. 578, 821.) 

4 ) In Cu vi er et Valenci ennes, Histoire naturelle de poissons, III, p.554. 
6 ) A. Günther, Fische der Südsee, 1877, S. 211. 

6 ) D. S. Jordan and E. C. Starks, Revision of the Japanese species. 
Proceed. Unit. St. Nat. Mus., XXVI, p. 526. Washington, 1903. („Gefräßige, 
fleischfressende Fische, oberflächlich den Pfeilhechten ähnlich".) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie, 



niden; auch diese Autoren erwähnen die ungeheuere Geschwindigkeit 
und die Luftsprünge, wodurch sie oft den Fischern gefährlich werden. 

Und wer je unseren Hecht (Esox lucius) auf der Jagd beob- 
achtet hat, wird sich keinen Augenblick unklar darüber sein, daß 
diese Art der Fortbewegung zu einer ganz eigenartigen Modifikation 
der Körpergestalt und der Flossenstellung führen mußte. Der Fisch 
schießt nach oft minutenlangem, ruhigem Stehen plötzlich in schnur- 
gerader Richtung wie ein Pfeil auf seine Beute los. 

Mit dieser Beobachtung stimmen auch die Worte Brehms 1 ) 
überein : 

„Kraft und Gewandtheit im Schwimmen, bemerkenswerte 
Sinnesschärfe und ungewöhnliche Raubsucht sind seine hervor- 
stechendsten Eigenschaften. Er durchschwimmt, vorwärts getrieben 
von dem mächtigen Ruder, an dessen Bildung Rücken- und After- 
flosse teilnehmen, wie ein Pfeil die Wogen, lugt scharf nach allen 
Seiten hin und stürzt sich auf die Beute mit einer fast unfehlbaren 
Sicherheit," 

Eine ähnliche Bemerkung finden wir bei Cuvier und Valen- 
eiennes: 2 ) 

„La dorsale est unique, reculee vers l'extreniite du corps et 
opposee a Fanale. La caudale est peu fourchue. On congoit que 
ces trois nageoires verticales, ainsi rapprochees ä la partie poste- 
rieure d'un corps cylindrique assez long, donnent a ces poissons 
des grands et puissants moyens de propulsion, ce qui etait aussi 
necessaire a un etre vorace et chasseur que les dents, dont sa gueule 
est herissee." 

Eine Form in der obigen Tabelle scheint mit meinen Aus- 
führungen in Widerspruch zu stehen, Aulostoma (Fig. 2). Die Form 



1 ) Brehm, Tierleben, Bd. 8, Fische, S. 314. 

2 ) Cuvier et Valenciennes, Histoire naturelle de poissons, Bd. XVIII, 
p. 277. („Es ist nur eine Dorsalis vorhanden, diese gegen das Körperendc ver- 
lagert und der Analis gegenübergestellt. Die Caudalis ist wenig gegabelt. 
Man begreift, daß diese drei vertikalen Flossen, dem Hinterende eines zylin- 
drischen, sehr langen Körpers genähert, diesen Fischen ein bedeutendes und 
kräftiges Mittel zur Vorwärtsbewegung gewähren-, dies ist auch notwendig 
für einen so gefräßigen Räuber, worauf die Zähne, mit welchen der Rachen 
besetzt ist, hinweisen.") 



(150) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



gehört zu den Röhrenmäulern, welche nicht nur keine Raubfische 
im eigentlichen Sinne des Wortes sind, sondern bei welchen eine 
Reduktion der Bezähmung im Gange ist. Bei näherer Betrachtung 
erweist sich die Annahme des sagittiformen Typus im wesentlichen 
aus den gleichen Gründen, die ihn bei SpJiyraena und Esox be- 
dingten. 

Nach den gemeinsamen Untersuchungsergebnissen mehrerer 
Forscher, von welchen ich Lunel, 1 ) Duncker 2 ) und Gill 3 ) nenne, 
nehmen die Röhrenmäuler ihre Nahrung, welche aus winzigen 
Krebsen, besonders Garneelen besteht, pipettenartig auf, indem 
sie die Röhre verschließen, durch einen Muskeldruck ein Vacuum 
herstellen, dann rasch die Schnauze der Beute nähern und öffnen. 
Das einstürzende Wasser strudelt das Tier in das Maul. 




Fig. 2. Aulostoma maculatum. 
(Gez. nach Cuvier, Poissons, PI. 92. — Nat. Gr. 50— (50 cm.) 



Dazu muß der Fisch die Schnauze in unmittelbare Nähe des 
Beutetiers bringen. Bei den mit Greifschwänzen ausgestatteten 
sessilen Formen, z. B. Syngnathus, Hippocampus unö.'PJtyllojHeryx, 
ist dies infolge der hochgradigen Mimikry dieser Fische leicht. Bei 
den freischwimmenden Formen aber wird gerade durch die An- 
passung an den sagittiformen Typus ein rasches und zielsicheres 
Losschießen auf die Beute ermöglicht. 

Wir haben es also im vorliegenden Typus mit einer spezi- 
fischen Anpassung an das Stoßrauben zu tun, wo es dem Fische 
nicht darauf ankommt, eine andauernde Schnelligkeit mit der Mög- 
lichkeit rascher Wendungen wie beim fusiformen Typus zu erlangen, 
sondern wo ein momentanes, pfeilartiges Hinschießen in möglichst 
gerader Richtung von Vorteil ist. Der spitze Kopf, der gleichförmig 

J ) Lunel in Memoires Soc. Phys. Geneve, XXVII, p. 279. Genf, 1881. 

2 ) G. Duncker, Abb. Ver. Hambg., XVI, Nr. 3. Hamburg, 1900. 

;) ) Th. Gill, Proc, Unit. St. Nat. Mus., XXVIII, p. 805-814. Washington, 

1905. 



VfiTSiimmlung der Sektion lür Paläozoologie. 



(161) 



höbe, kompresse Körper, die starkstrahligen, pfeilgefiederartig am 
Körperende angeordneten anpaaren Flossenelemente und der kräftige 
muskulöse Schwanzabschnitt begünstigen eine derartige Lokomotion 
in der vorteilhaftesten Weise. 

Auch bezüglich des zweiten Stützpunktes eines ethologischen 
Typus lassen sieh Belege finden, welche die oben erwähnten Aus 
ftihrungen bekräftigen. 

Auf drei verschiedene Arten wurde der sagittiformc Typus 
konvergent erreicht: 

1. Durch Ausbildung einer langen, über den ganzen Körper 
reichenden Dorsalis und einer ebensolchen Analis bei filiformer 
Körpergestalt. 

Diese Ausbildung finden wir bei folgenden Fischen: 



Teleostei 

a) Isospondyli . 

b) Ostariophysi . 

c) Percesoces . . 



d) Anacaiitliini . . . 

e) Acanthoptcrygii 

a. Jugulares . . . 



Xenodermichthys .... Holozän 

Callichrous t „ 

Ammodytcs j „ 

Molva | „ 

Phinonemus j „ 

Merluccius 

Percophis 

Hypsicometes 

Cryodraco 

Bathydraco 

Chacnichthys 

Gerlachaea 

Campsocephalus . . . 



Betrachten wir eine Percophis (Fig. 3). Der Körper ist lang- 
gestreckt, das Gebiß typisch raubfischartig mit kräftigen Haken- 
und kleineren Kegelzähnen. Auffallend ist die Ausbildung der 
Dorsalis und Analis; beide sind sehr lang, fast über den ganzen 
Körper reichend und starkstrahlig. Zweifellos haben wir hier wie 
in der nahe verwandten Familie der Trichonotiden einen sagittiformen 
Typus vor uns und die wesentlich verschiedene Ausbildung, doch 



(152) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



physiologisch vollkommen gleiche Wirkung der unpaaren Flossen- 
elemente erklärt sich, wenn wir die nächsten Verwandten be- 
trachten. Blennius, Callionymus, Zoarces, Solanas, Petroscirtcs u. a. 
sind Formen mit langen Dorsalen und Analen. So darf es uns 
nicht wundern, wenn einzelne Familien dieser Gruppe, die zu Stoß- 
räubern werden, die sagittiforme Körpergestalt auf die Art erreichen, 
die ihnen bei der Irreversibilität der Entwicklung möglich ist. 




Fig. 3. Percophis brasilianus. 
(Gez. nach Cuvier et Valenciennes, Histoire naturelle de poissons.) 

Diese Bildung muß als Konvergenzerscheinung angesehen werden, 
weil zwei Organe, die zwar homolog sind, aber so verschiedene 
Spezialisationsgrade einnehmen, morphologisch nicht für gleichwertig 
gelten können, da die Entwicklung spezialisierter Organe durch 
das Irreversibilitätsgesetz beschränkt ist. 

2. Einen ähnlichen Fall, wo der sagittiforme Typus vom hoch- 
spezialisiert fusiformen erreicht wird, finden wir in der Gruppe der 
Scombriformes und Haplomi. 



a) Haplomi 



b) Scombriformes 



Altpisaiwus . 
Gempylus . . 
Thyr sites . . 
Lemni soma . 
Histiophorus 
Ooryphaena . 



Holoziiu 



Coryphaena, Gempylus und Thyrsites (Fig. 4) sind ausnahms- 
los wilde und kühne Räuber, worauf schon ihr ungemein kräftiges 
Gebiß mit den mit Widerhaken versehenen Fangzähnen hinweist. 

Bei ihnen findet sich bei verhältnismäßig kurzer Analis und 
typisch fusiformer Körpergestalt eine hohe Dorsalis prima, oft auch 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(153) 



noch eine secunda; die Dorsalis prima ist in der Regel sehr stark- 
strahlig und bildet ein vorzügliches Richtung gebendes Steuerorgan. 
Jedenfalls ist auch hier die hohe Spezialisation der Scombriformes 
als torpediforme Typen Grund für diese Konvergenz. 




Fig. 4. Thyrsites bengalensis. 
(Gez. nach Goode and Beau, Ocean. Ichth. — Nat. Gr. bis zu Im.) 



Bei Berücksichtigung dieser Umstände kann uns auch die 
Entwicklung der riesigen Rückenflosse bei Älepisaurus und Histio- 
phorus kein Rätsel sein. Älepisaurus hat ein äußerst kräftiges, 
stomia^idenartiges Fanggebiß, Histiophorus ist, wie aus mehreren 
Literaturangaben hervorgeht, ein Stoßräuber (Fig. 5 und 6). 




Fig. 5. Älepisaurus ferox. 

(Gez. nach Jordan and Evermann, Fishes of North and Middle America. (Bull. Unit. St. 
Nat. Mus., Vol. 47. Washington, 1896,98.) 

Owen 1 ) vergleicht ihn mit einem Projektil. Goode-) und 
Klunzinger 3 ) erwähnen seine Rauflust und die Art seiner Nahrungs- 
aufnahme als stoßend-schnappend gleich einer Belone. Für diese 

*) II. Owen in Brehms Tierleben, Bd. 8, Fische. 

2 ) B. Goode, Rep. Coram. Fish, and Fisheries, p. 329. Washington, 1883. 

3 ) C. B. Klunzinger, Synopsis der Fische des Koten Meeres. 



(154) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Angaben spricht auch die Ausbildung des schwertartigen, aber noch 
bezahnten Rostrums und die starke Ausbildung der Candalis sowie 
das Rudimentärwerden der Ventralen zugunsten einiger enorm ver- 
längerter Strahlen, eine Spezialisation, die, wie Doli o 1 ) zeigte, eine 
Anpassungserscheinung an die hochpelagische Lebensweise reprä- 
sentiert. Und für eine solche Lebensweise ist die Entwicklung einer 




Fig. 6. Histiophorns gladius. 
(Gez. nach Brehm.) 



enormen, von kräftigen Flossenstrahlen gestützten und so weit vorne 
angesetzten Dorsalis bei einem derart hochspezialisierten Torpedo- 
typus, wie ihn diese Formen zeigen, sicherlich die vorteilhafteste 
Art der Anpassung an das Stoß rauben. 

Die bisher immer wiederholte Erklärung, die wir bei Brehm, 2 ) 
Goode, 3 ) Klunzinger, 4 ) Weber 5 ) u. a. finden, daß Histiophorns 
mit dieser Flosse über dem Wasser im Winde segle, ist nicht be- 
friedigend; denn es ist schwer zu begreifen, welcher Form des Se- 
gels eine derartige in der Längsachse des Körpers liegende Flosse 
gleichen soll und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein so 

x ) L. Dollo, Poissons, p. 225. Antwerpen, 1904. 

2 ) Brehm, 1. c. 

3 ) B. Goode, 1. c. 

4 ) C. B. Klunzinger, 1. c. 

5 ) M.Weber, „Siboga"-Expeditie, p. 110. Leiden, 1902. 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



flinker Schwimmer wie HisHophorus sich vom W inde, nicht treiben 
lassen wird. 

3. Das schönste Beispiel einer konvergenten Anpassung an 
den sagittiformen Typus zeigt uns Cyema atrum aus der Familie 
der Nemichthyidae [Fig. 7). 




Fig\ 7. Cyema atrum. 
(Gez. nach Brauer, .Valdivia u -Expedition, Bd. XV. — Nat. Gr. 15cm.) 



Die Nemichthyiden sind taenioforme Fische, die in großen 
Tiefen des Meeres bathypelagisch leben. Cyema ist nun von 
dieser Lebensweise zu einer aktiveren, bathynektonischen über- 
gegangen; denn der Fisch wurde von der „Valdivia"-, 1 ) „Chal- 
lenger"- 2 ) und allen anderen Tiefsee-Expeditionen in Tiefen bis zu 
2000 m gefangen, wo die Lotungen um das Doppelte größere Tiefen 
ergaben. 

Bei der Ungunst der Daseinsbedingungen in den abyssischen 
Regionen ging das Tier allmählich zur Lebensweise eines Stoß- 
räubers über, was durch das Vorbandensein des spitzen, scharf be- 
zahnten und weit gespaltenen Maules der Nemichthyiden unterstützt 
und beschleunigt wurde. Dies prägt sich in den morphologischen 
Verhältnissen aus: 

Der Körper verkürzte sich, die Schwanzmuskulatur wurde 
kräftig; da aber bei den Ahnenformen ein einheitlicher Flossen- 
saum, gebildet von der Rücken- und Afterflosse, vorhanden, eine 
Rückkehr zum primitiven Typus mit separierter Caudalis also nicht 
mehr möglich war, bildete sich dieser in eine Spitze auslaufende 
Flossensaum derart um, daß er pfeilgefiederartig an das Ende des 
Körpers rückte und durch das gabelige Zusammenstoßen des dor- 

3 ) A. Brauer, Wiss. Ergebn. d. deutschen Tiefsee-Expedition „Valdivia", 
Bd. XV, 1906, S. 139, Taf. VIII. 

2 ) A. Günther, „Challenger" -Expedition, Bd. XXII, 1887, Deep-Sea- 
Fishes. 



(lOÖ) Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 

salen und analen Flossenclementes eine physiologische Schwanz- 
flosse 1 ) entwickelte. 

Wir sehen hiermit in Cyema nicht nur das vollendetste Bei- 
spiel einer konvergent erreichten Adaptation an den sagittiformen 
Typus, sondern auch einen schönen Beweis für das von Dollo 2 ) 
aufgestellte Gesetz der „irreversibilite de l'evolution". 



Konstituierende Versammlung 1 
der Sektion für biologische Vivariumkunde. 



Am 24. Februar 1909 fand die Gründung einer neuen Sektion 
unserer Gesellschaft statt, welche sich der Pflege der biologischen 
Vivariumkunde zu widmen beabsichtigt. 

Der Vorsitzende, Herr Generalsekretär J. Brunnthaler, be- 
grüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und machte 
Mitteilung von den statutenmäßigen Formalitäten, welche der Bil- 
dung einer neuen Sektion voranzugehen haben. 

Bei der hierauf vorgenommenen Wahl der Funktionäre wurden 
einstimmig gewählt: 

Herr Dr. Paul Kammerer zum Obmann, 
„ Leopold R. v. Portheim zum Obmann-Stellvertreter, 
„ Erw. Edler v. Paska zum Schriftführer. 

Als Versammlungstage wurden der zweite und vierte Mitt- 
woch jeden Monats bestimmt (mit Ausnahme der Ferien); es sollen 
der erste Abend Vorträgen dienen, der zweite hingegen als Sprech- 
abend fungieren. 



*) Die Ausbildung einer physiologischen Schwanzflosse, allerdings aus 
anderen Elementen, nämlich Dorsalis prima und secunda, Caudalis und Analis, 
finden wir auch bei Amphisilc, worauf 0. Abel (Fossile Flugfische, Jahrb. d. 
k. k. Geol. Reichsanst., Bd. 56, S. 78, Wien, 1906) hinwies. 

2 ) L. Dollo, Les lois de l'evolution. (Bull. Sqc. Belg. Geol., Vol. VII. 
Bruxelles, 1893.) 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. (15«) 

Bierauf hält Herr Dr. P. Kämmerer einen Vortrag unter 
dem Titel: 

Die Vivariumkunde, ein Gebiet neuer Arbeitsbehelfe 
für die Biologie. 

Seit ungefähr zwei Jahrzehnten sehen wir namentlich im 
deutschen Reiche, dann auch, von Deutschland ausgehend, in 
Dünemark, der Schweiz, England, Amerika und zuletzt in Öster- 
reich eine Bewegung immer breiterer Schichten der Naturfreunde 
sich bemächtigen, welche Bewegung zuerst unter dem bescheidenen 
Namen Aquarien- und Terrarien liebh ab erei, dann unter dem 
anspruchsvolleren Namen Aquarien- und Terrarien künde oder 
Vivarienkunde auftrat und bekannt wurde. „Bekannt" wurde sie 
allerdings — abgesehen von ihren unmittelbaren Anhängern — 
nur in sehr oberflächlichem Grade : denn die Allgemeinheit sieht in 
einem Aquarium u. dgl. noch heute nichts anderes als im besten 
Falle eine hübsche Zimmerzierde oder eine Art unterhaltendes 
Spielzeug. Das gebräuchliche Vorstellungsbild eines Aquariums 
hält sieb noch immer im Rahmen eines kleinen Glaskästchens oder 
einer Glaskugel, deren Boden mit Kieseln und bunten Schnecken- 
gehäusen belegt ist und in dessen klarem Wasser Goldfische 
schwimmen. Von anderen Formen des Vivariums, z. B. vom Ter- 
rarium, existiert überhaupt keine landläufige Vorstellung; sie sind 
in weitesten Kreisen unbekannt. 

Es ist ein weiter Weg, den die genannte Naturliebhaberei, 
selbst in ihrem bescheidensten Gewände, zurückgelegt hat, seitdem 
jenes Bild eines Aquariums noch giltig war, — eine lange Strecke 
bis zur heutigen Stufe vorgeschrittenster Vivariumtechnik. Weniger 
die Geschichte jener Bewegung aber will ich entrollen, als Ein- 
blick gewähren in deren gegenwärtigen Stand. 

Unter einem „Vivarium" im weitesten Sinne verstehen wir 
einen Behälter, in welchem lebende Wesen, Tiere oder Pflanzen, 
am Leben erhalten und beobachtet werden können. Je nachdem, 
ob das Medium, in welchem die betreffenden Lebewesen gehalten 
werden, zum größeren Teile Luft oder Wasser ist, zerfallen die 
Vivarien in die beiden großen Gruppen der Terrarien und der 



(158) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog-. Vivariumkunde. 

Aquarien. In jeder dieser Hauptgruppen hat man wieder Neben- 
gruppen unterschieden, z. B. Wüstenterrarien, Tropenterrarien, kalt- 
feuchte und kalttrockene Terrarien; Süßwasser-, Brackwasser- und 
Seewasseraquarien. Man hat ferner Übergänge zwischen den ein- 
zelnen Gruppen aufgestellt, beispielsweise Aquaterrarien und Palu- 
darien. In demjenigen weiten Sinne, wie wir den Begriff des 
Vivariums verstanden wissen wollen, müssen wir ferner Säugetier- 
zwinger, Vogelvolieren und Freilandgehege ebensowohl hinzurechnen, 
wie Raupenkästen, Formikarien und Gewächshäuser. Wenn die 
letzterwähnten Kategorien gewöhnlich nicht beigeordnet werden, 
so liegt es daran, weil es hier von der Einrichtungstechnik noch 
nicht in demselben Maße wie bei eigentlichen Aquarien und 
Terrarien angestrebt oder erreicht worden ist, ein Vivarium im 
engsten, aber höchsten Sinne daraus zu gestalten: einen Behälter 
nämlich, in welchem lebende Wesen, Tiere und Pflanzen, nicht 
nur mit künstlichen Mittein der Pflege am Leben erhalten 
werden können, sondern wo sie sich zum großen Teile selbst am 
Leben erhalten, wo es nur geringer künstlicher Eingriffe bedarf, 
um das Gleichgewicht des Stoffkreislaufes dauernd funktionieren 
zu lassen. Innerhalb der eigentlichen Aquarien, Terrarien und 
Terra -Aquarien sind uns heute die Mittel schon gegeben, einen 
sich selbst regulierenden Ausschnitt des Naturganzen herzustellen, 
in ihnen gleichsam eine Welt en miniature zu schaffen, deren Be- 
wohner sich gegenseitig fördern und befehden, sich ergänzen und 
aufeinander angewiesen sind, genau nach den gleichen Gesetzen 
wie draußen in der freien Natur, die wir erforschen wollen (l). 1 ) 
Schon in diesen rein definierenden Worten spiegelt sich der 
ungeheure Abstand wider, welcher zwischen landläufiger Anschauung 
und wirklichem Wesen des Vivariums zu Recht besteht. Zwischen 
demjenigen Vivarium, welches der Laie in die Kinderstube ver- 
weist, auf dessen Pflege der Gelehrte aber vielfach herabsieht als 
auf eine Betätigung, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben 
kann, — und demjenigen Vivarium, welches wir als kulturellen 
Faktor von weitgehendster Bedeutung zu kennzeichnen vermögen, 



J ) Die in Klammern befindlichen Ziffern weisen auf ein dem Schlüsse 
angefügtes Literaturverzeichnis. 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. I 159) 

einer Bedeutung, die mit seiner Verwendbarkeit, ja Unentbebr- 
liobkeit für die Zwecke der Lebenswissenschaft noch hinge niebt 
ihren Abschluß findet. 

Da wir es liier hauptsächlich mit dem Vivarium als Hilfs- 
mittel der biologischen Forschung zu tun haben, darf die Obersicht 
seiner sonstigen Aufgaben kurz ausfallen. Betrachten wir das 
Vivarium zunächst als das, was es war, w T ie es ursprünglich aus 
der Studierstube des Naturforschers — denn von hier hat es seinen 
Ausgang genommen — in die Pflege der Familie überging; be- 
trachten wir einen Augenblick lang nur seine Wirkungsweise 
im Wohnzimmer: es wirkt hier vor allem auf unseren Schönheits- 
sinn ein und vermittelt in reichem Maße alle die Anregungen, 
welche wir uns auch sonst behufs Vermehrung der Lebensfreude 
und Lebensenergie durch Wohnungsschmuck zu verschaffen suchen. 
Die moderne Raumkunst hat leider noch viel zu wenig von Aqua- 
rien und Terrarien Gebrauch gemacht und ebenso hat das Kunst- 
gewerbe nur wenig zur Veredlung der Behälterformen beigetragen; 
wir finden daher deren Herstellung häufig einem verständnislosen 
Handwerk überlassen, welches unnütze und unzweckmäßige Zie- 
raten, Blechguirlanden, Nixenfiguren, Delphinflossen usw. anbringt 
und dadurch den Eingang des Vivariums in Kreise verfeinerten 
Geschmackes erschwert. Aber nicht nur eine Zierde jedes Wohn- 
raumes ist jedes außen einfache, innen reichbelebte Vivarium, son- 
dern auch ein Einrichtungsstück von nicht zu unterschätzendem 
hygienischen Werte. Hier läßt sich ein indirekter Gesund- 
heitsnutzen unterscheiden, welchen das Vivarium durch den soeben 
bereits erledigten Punkt ästhetischer Einwirkung bietet, durch die 
in seinem Anblick gewonnene Nervenerholung; und ein direkter 
Nutzen: die Wasserfläche eines Aquariums oder Terrariumbassins, 
die Transpiration seiner Pflanzen schwängert die trockene Zimmer- 
luft mit Wasserdampf, die Assimilation der Pflanzen bereichert sie 
mit Sauerstoff. Eine Hemmung des Licht- und Luftzutrittes vom 
Freien her kann bei geeigneter Aufstellung nicht entstehen. End- 
lich erweist sich das Zimmervivarium selbstredend auch in der 
Familie als Bildungs- und somit als Erziehungsmittel ersten 
Ranges und diese seine Wirksamkeit leitet uns über zu seiner Be- 
deutung als Lehrmittel in der Schule. 



(160) Konstituierende Versammlung- d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. 



Ein idealeres Lehrmittel kann man sich nicht wohl vor- 
stellen. Zwei Jahre lang habe ich es selbst im Naturgeschichts- 
unterrichte erprobt. Keine Wandtafel, kein Präparat und Modell 
kann sich damit messen, wenn es gilt, den Schülern Interesse und 
Verständnis für die Lebenserscheinungen zu erschließen. Für das 
Lehren der Form wird man unbewegter und isolierter Lehrmittel, 
seien sie bildlich oder plastisch, nach wie vor nicht entraten kön- 
nen; mit ihrer Hilfe auch die Verrichtung der Form zu lehren, 
gelingt trotz großer Mühe schwer und oftmals gar nicht, während 
diese Unterweisung mit Hilfe des Vivariums ein Vergnügen wird. 
Wenn Vivarien in Schulen so langsam Eingang gewinnen, so ist das 
Vorurteil, der Vivariumbetrieb erfordere zu hohe Kosten und zu viel 
Arbeit, Schuld daran. Gerade hier läßt sich aber leichter mit ein- 
fachen, billigen Mitteln ohne Benachteiligung des Gesamteindruckes 
arbeiten, als bei Aufstellung einer gediegenen Präparatensammlung. 
Etliche breite Einsiedegläser ä3 — 5 1 Inhalt, das Stück zu 20 h, 
deren Einrichtungs- und Besetzungsmaterial gelegentlich einer Ex- 
kursion mitgenommen werden kann und gar nichts kostet, ergeben 
eine Anlage von Miniaturaquarien, welche die ärmste Dorfschule 
sich leisten kann und die sich unter der Voraussetzung verständnis- 
voller Behandlung dennoch als äußerst brauchbar, ja segensreich 
erweist. Hierzu vergleiche man die Preise, welche für einigermaßen 
gut ausgestopfte Säugetiere und Vögel gezahlt werden, insbesondere, 
falls diese nicht schon im ersten Jahre ihrer Benützung dem Motten- 
frasse zum Opfer fallen sollen. Damit soll natürlich wieder nichts 
gegen die Notwendigkeit von Stopf- und Flüssigkeitspräparaten 
gesagt, sondern nur das Vorurteil unerschwinglicher Kosten einer 
Vivariumanlage zurückgewiesen werden. Umso energischer, als die 
Verwendung des Vivariums in der Schule nicht auf den Gegenstand 
der Naturgeschichte beschränkt bleibt. Es ist unerschöpflich im 
Gewähren von Vorlagen für den Zeichnenunterricht, es bietet 
entzückende Themen für den Sprachenaufsatz; kleine Hilfsgeräte 
zur Vivariumpflege, wie Futterrähmchen, Holzpinzetten, Scheiben- 
reiniger, Netzchen, können im Handfertigkeitsunterrichte her- 
gestellt werden (2). 

Ungleich weittragender ist die Bolle des Vivariums in der * 
wissenschaftlichen Biologie. Ich werde keinem Widerspruche 



Konstituierende Versammlung (I.Sektion für biolog. Vivariumkmnlc. (U>1) 



begegnen, wenn ich daran erinnere, daß das Mikroskop eines der 
wichtigsten Hilfsmittel in jener gesamten Wissenschaft darstellt; 
dennoch lassen sich viele biologische Arbeiten, und zwar solche, 
die sich an Grundprobleme heranwagen, ohne Mikroskop durch- 
führen, kaum aber ohne Benützung eines Vivariums. Und ebenso 
wie sich kein botanisches Institut mehr denken läßt ohne Treib- 
häuser, deren Schwitzkästen und Wasserbassins, so ist heute auch 
ein zoologisches Institut ohne ausgedehnte Vivariumanlagen von 
vornherein in seinem Arbeitsprogramm auf wenige und enge Gebiete 
spezialisiert. Eigentlich sind nur solche Untersuchungen ganz ohne 
Vivariumbenützung ausführbar, wo der zu untersuchende Organismus 
sogleich nach seinem Auffinden getötet wird, also bei anatomischen, 
histologischen, museologischen und biochemischen Arbeiten, die es 
sich zur Aufgabe stellen, den Organismus oder ein bestimmtes Organ 
nur in demjenigen Zustande zu untersuchen, in welchem es zu 
Beginn der Arbeit gerade gegeben erscheint. Kann aber das Lebe- 
wesen, welches der betreffenden Arbeit als Material dienen soll, 
nicht gleich an Ort und Stelle des Fundes konserviert, sondern 
muß es lebend ins Laboratorium gebracht werden, so setzt strenge 
genommen bereits eine Art von Vivariumbetrieb ein, da erfolg- 
reicher Lebendtransport von Tieren oder Pflanzen eine gewisse 
Vertrautheit mit deren Lebensbedingungen voraussetzt, die durch 
Vivariumkunde vermittelt wird (3). Mit jedem Schritt, den wir nun 
im Kapitel der biologischen Arbeitsmethoden weiterschreiten, ge- 
winnt der Vivariumbetrieb in potenziertem Maßstabe an Bedeutung. 
Bleiben wir zunächst bei der vergleichenden Methode, so genügt 
es oft durchaus nicht, den Organismus im jeweiligen Zustande zur 
Zeit des Arbeitsanfanges zu untersuchen, sondern es kommt darauf 
an, bestimmte Stadien seiner Entwicklung abzuwarten. Durch deren 
Einsammeln in der Natur wird das Ziel nur in seltenen Fällen exakt 
zu erreichen sein; so bleibt denn nichts übrig, als das Lebewesen 
im engen Räume bis zur gewünschten Entwicklungsstufe aufzu- 
ziehen. Am unumgänglichsten erweist sich diese Notwendigkeit 
natürlich bei Studien aus der vergleichenden Embryologie. 

Gehen wir nun von der vergleichenden zur experimentellen 
Arbeitsmethode über, so gelangen wir zunächst zu einer Wissen- 
schaft, in welcher der planmäßige Versuch schon seit je vorherr- 

Z. B. Ges. 59. Bd. 1 



(162) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. 



seilend war: zur Physiologie, der Lehre von den Verrichtungen 
der Organe. Zwar ist es bisweilen möglich, schon aus dem Bau 
eines Organ es auf dessen Funktion zu schließen: wir werden selten 
irren, wenn wir ein Säugetier mit spitzig scharfem Gebiß von 
vornherein für einen Fleischfresser, ein solches mit breitkronigen, 
stumpfen Zähnen für einen Pflanzenfresser erklären. Von einem 
Insekt, dessen Mundwerkzeuge zu einem Rohr umgebildet er- 
scheinen, kann sofort angenommen werden, daß es nur flüssige 
Nahrung, und zwar durch Aufsaugen, zu sich nimmt. Aber trotzdem 
ist diese Art der Schlußfolgerung nur zu oft bedenklichen Fehler- 
quellen unterworfen. Nach der bloßen Beschreibung z. B. des kleinen, 
unsymmetrischen Begattungsorgan es männlicher Fangheuschrecken 
(Mantiden) gelangte Fernard (4) zur Ansicht, daß eine eigentliche 
Begattung und innere Befruchtung unmöglich sei; die Beobachtung 
der Paarung zeigte das Gegenteil davon und erklärte überdies die 
sonderbare Bildung des Organes, welche bis dahin als Verküm- 
merung mißdeutet worden war, in einem neuen und richtigen Lichte: 
das Männchen bespringt nämlich sein Weibchen immer von der 
rechten Seite her, denn nur von hier aus ist ein entsprechendes 
Eingreifen des unsymmetrischen Kopulationsstachels gesichert (5). 
Im allgemeinen werden wir daher unsere Kenntnis von den Funk- 
tionen der Organe nur dann als eine gesicherte ansehen, wenn wir 
Gelegenheit hatten, die Tätigkeit des lebenden Organes selbst wahr- 
zunehmen. Daraus ergibt sich natürlich abermals die Forderung, 
den betreffenden Organismus einige Zeit zu verpflegen. Dieser Zeit- 
raum darf bei den rein physiologischen Versuchen meist ein sehr 
kurzer sein; anders bei denjenigen Versuchen, welche einem erst 
etwa 15 Jahre alten Zweig der Lebenskunde angehören, der Ent- 
wicklungsphysiologie oder Entwicklungsmechanik, auch experimen- 
telle oder kausale Morphologie geheißen, weil sie durch das 
Experiment die Ursachen der organischen Formbildung zu ermitteln 
sucht. Da wir uns hiemit einerseits auf demjenigen Boden bewegen, 
wo die Mitwirkung der Vivariumkunde am unentbehrlichsten ist, 
anderseits auf demjenigen Boden, welcher der allgemeinen Kenntnis 
noch am fernsten steht (6), verweile ich hier etwas länger und 
suche die Rolle der Vivariumkunde an praktischen Beispielen dar- 
zulegen. 



Konstituierende Versammlung* d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. (*63) 



Vergegenwärtigen wir uns diejenigen Fragen, welche in der 
Lehre vom Leben und den lebendigen Naturkörpern als die grund- 
legendsten angesehen werden, so können wir als solche aufzählen: 
Entwicklung, Anpassung, Vererbung, Geschlechtsbestimmung. Jedem 
dieser Hauptprobleme will ich je ein zoologisches und botanisches Bei- 
spiel entnehmen und daran zeigen, wie es mit Hilfe der Vivariumkunde 
(und nur mit ihrer Hilfe) der Lösung näher gebracht werden kann. 

1. Entwicklung. Die ersten Ursachen der Entwicklung hatte 
man bis vor kurzem in der Vereinigung der Kerne zweier Geschlechts- 
zellen erblickt, der Eizelle und der Samenzelle. Doch gibt es eine 
Reihe von Tieren und Pflanzen, bei denen die weiblichen Keime 
allein, ohne je mit männlichen in Berührung getreten zu sein, Nach- 
kommenschaft zu liefern vermögen. Diese Fälle von jungfräulicher 
Zeugung (Parthenogenese) wurden als „Ausnahmen" betrachtet 
und schienen als solche einer näheren Erklärung entrückt zu sein. 
Da machten zuerst die Brüder Hertwig(7) die Entdeckung, daß 
unter gewissen Bedingungen Anläufe zur jungfräulichen Zeugung 
auch bei solchen Organismen vorkommen, die unter normalen Be- 
dingungen nur durch Besamung zur Entwicklung veranlaßt werden 
können: Wenn Eier von Seeigeln längere Zeit im Wasser liegen, 
ohne daß Samenkörperchen hinzutreten, so beginnen sie trotz deren 
Abwesenheit sich zu entwickeln, sie furchen sich. Alsbald lernte 
man es, die Furchung, diesen einleitenden Entwicklungsvorgang, 
durch allerlei Eingriffe, welche das umgebende Medium chemisch, 
mechanisch, thermisch und in bezug auf seine Dichte verändern, 
wesentlich zu beschleunigen. So lange aber die Behältnisse, in 
denen man die künstliche Befruchtung vornahm, nichts weiter als 
kleine Glasschälchen waren, kam man über den Furchungsprozeß 
nicht hinaus und es erschien der Einwand möglich, daß diese Furchen 
gar keine wirklichen Zellteilungen und Entwicklungsansätze be- 
deuten, sondern nur Zerklüftungen, welche dem gänzlichen Zerfall 
und Absterben des Eies vorausgehen. Es war zunächst das Verdienst 
von Loeb(8), die Methoden, mittels welcher die künstlich befruch- 
teten Seeigeleier gehalten wurden, so zu verbessern, daß regelrecht 
schwimmende Larven, die sogenannten Pluteuslarven der Seeigel, 
daraus gewonnen wurden. Nun erst durfte man mit Sicherheit von 
künstlich jungfräulicher Zeugung sprechen. Bis zu einem 

1* 



(164) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. 

weiteren als jenem Larvenstadium war die Aufzucht auch normal 
besamter Seeigeleier im Aquarium noch nicht gelungen. Deläge (9) 
war es vorbehalten, aus den Eiern von Seeigeln und Seesternen 
die Larven ohne Samen aufzuziehen bis zur vollständigen Verwand- 
lung in den jungen Seestern und Seeigel; aber selbst in der bio- 
logischen Station zu RoscofT an der atlantischen Küste der Bretagne, 
wo Deläge seiue großartigen Versuche ausführte, hatte es zuvor 
durchgreifender Umbauten und eigens für den gedachten Zweck 
eingerichteter Becken bedurft, bis die Arbeit endlich durch jenen 
Erfolg gekrönt wurde. 

Bei den Pflanzen gelang es ebenfalls, jungfräuliche Zeugung, 
Entwicklung aus rein weiblichen Keimen ohne Zutun männlicher 
Keime, durch künstliche Mittel hervorzurufen, und zwar gelang es 
Klebs(lO) bei den Algen Protosiphon, Spirogyra, Ulothrix und bei 
Desmidiaceen durch Kultur in Rohrzuckerlösungen und durch ver- 
schiedenen Licht- und Temperatureinfluß. 

2. Anpassung. Auf botanischem Gebiete schlagen namentlich 
die Versuche Goebels mit sogenannten amphibischen Pflanzen, 
nämlich solchen, die sowohl auf dem Lande als auch im Wasser 
gedeihen, in unser Thema ein, einmal deshalb, weil sie in Aquarien, 
also in Vivariumbehältern gewöhnlichen, engeren Sinnes angestellt 
werden, anderseits, weil die dazu verwendeten Arten den Aquarium- 
besitzern wohl bekannt sind. Betrachten wir z. B. ein Exemplar 
des flutenden Hahnenfußes (Ranunciäus fluitans): wächst es im 
seichten Wasser, so daß einige Sprosse sich unterhalb, andere ober- 
halb des Wasserspiegels befinden, so fällt es sofort auf, daß unter- 
getauchte Blätter eine ganz andere Gestalt besitzen als Luftblätter; 
erstere sind in viele feine Zipfel zerteilt, letztere besitzen handförmig 
geteilte, breite Blattflächen mit grob und ungleich gesägtem Rand. 
Würden wir uns darauf beschränken, die Pflanze nur an ihren natür- 
lichen Fundstellen zu betrachten, so sind wir geneigt, jene beiden 
Blattformcn einer unmittelbaren Wirkung des umgebenden Mediums 
(Luft und Wasser) zuzuschreiben. Aquariumversuche aber zeigen, 
daß dies in den meisten Fällen ein voreiliger Schluß wäre, daß viel- 
mehr die Beleuchtungs-, Wärme- und Ernährungsverhältnisse, welche 
im Wasser andere sind als in der Luft, an der Formveränderung 
bestimmenden Anteil nehmen (11). So ist es Goebel neuerdings 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivarlumkunde. | 165) 



gelungen, durch Zusatz von Kupfersulfat auch unter «lern Wasser 
diejenigen Blattformen entstehen zu lassen, welche sonst nur ober 
Wasser zu sehen sind (12). 

Ein in weitesten Kreisen der Zoologen und Aquariumbesitzer 
wohlbekanntes Tier ist der mexikanische Querzahnmolch oder 
Axolotl (Amblystoma mexicanum). Nachdem seine Zucht im Aqua- 
rium zahllose Male gelungen ist, wissen wir, daß der ausgewachsene 
Axolotl in zwei Formen auftreten kann: als kiemenatmende, wasser- 
lebende Larvenform und als lungenatmende Landform. Aus den 
Eiern beider geschlechtsreifer Formen schlüpfen immer nur die mit 
Kiemenbüscheln und Ruderschwanz versehenen Larven; je nachdem 
aber, ob gewisse äußere Bedingungen erfüllt sind oder nicht, ver- 
wandelt sich die Larve, wenn sie einige Monate alt geworden, in 
den Erdmolch, der fortan keine Kiemen mehr und keinen Flossen- 
saum um den Schwanz besitzt, oder sie bleibt zeitlebens, was sie 
bei ihrer Geburt aus der Eihülle war: eine auf Wasseraufenthalt 
und Wasseratmung angewiesene Larve, die aber als solche die 
Größe und Fortpflanzungsfähigkeit des ausgebildeten Tieres erlangt. 
Verwandlung in den Erdmolch findet namentlich dann statt, wenn 
die Tiere zum geeigneten Zeitpunkt bequeme Gelegenheit erhalten, 
das Wasser zu verlassen und Luft zu atmen, worauf die Lungen 
sich mächtig entwickeln, die Kiemen einschrumpfen. Nur das Viva- 
rium konnte Gelegenheit geben, diesen Zusammenhang, das Über- 
gehen der einen Form in die andere, zu ergründen. So lange man 
nur präparierte und solche lebende Exemplare kannte, die sich in 
Ermanglung richtiger Bedingungen nicht in die Landform umge- 
stalteten, beschrieb man Land- und Larvenform als zwei verschiedene 
Arten, die Landform als Amblystoma, die Larvenform als Siredon. 
Es steht zu vermuten, daß auch heute noch manche Formen, deren 
Fortzucht im Vivarium nicht gelang, als getrennte Spezies gelten, 
während sie in Wirklichkeit bloß Entwicklungszustände ein und 
derselben Spezies darstellen. Nach Knau er soll z. B. der kiemen- 
atmende Furchenmolch (Necturus) nichts anderes sein als eine Lar- 
venform von Batrachose2)s (13). 

3. Vererbung. Bleiben wir gleich bei demselben Objekt, dem 
mexikanischen Axolotl. Man darf sich dessen soeben geschildertes 
Anpassungsvermögen an Land und Wasser nicht so vorstellen, als 



(166) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. 



ob es vollkommen im Belieben jedes einzelnen Tieres stünde, sich 
ohne Schwierigkeit zu verwandeln oder nicht zu verwandeln. Leichte 
und schwere Verwandlungsfähigkeit sind vielmehr recht fest ge- 
prägte Eigenschaften. Exemplare, welche aus Gegenden stammen, 
wo die Axolotl von ihrer Verwandlungsfähigkeit Gebrauch zu machen 
pflegen, folgen rechtzeitig ihrem Verwandlungstrieb, ob sie nun 
müssen oder nicht; selbst durch Vorrichtungen, welche sie am Er- 
reichen der Wasseroberfläche hindern, können sie schwer von der 
Metamorphose zurückgehalten werden. Die ersten Axolotl, welche 
lebend nach Europa kamen, verwandelten sich im Pariser Jardin 
d'acclimatation ganz von selbst, ohne daß seitens ihres Beobachters 
Dumeril(14) besondere Maßregeln hiefür getroffen worden wären. 
Exemplare aber, die aus Gegenden stammen, wo die Axolotl nicht 
oft in die Lage kommen, sich zu verwandeln, verharren meist in 
der Larvenform, auch wenn das Gegenteil für ihre Erhaltung wün- 
schenswert wäre. So beschaffen war das Zuchtmaterial, dessen sich 
Fräulein Marie v. Chauvin bei ihren berühmten Experimenten (15) 
bediente. Es bedurfte harter Zwangsmaßregeln, diese Axolotllarven 
zur Metamorphose in Erdmolche zu bewegen, und nicht wenige 
fielen dem allmählichen Wasserentzug zum Opfer. Indessen gelang 
es Fräulein v. Chauvin, den Rest fertig umgewandelter Erdmolche 
bis zur Geschlechtsreife aufzuziehen, von ihnen Eier und aus den 
Eiern Larven zu erlangen. Diese Axolotllarven verließen, sobald 
ihnen hiezu Gelegenheit gegeben war, alle ohne Ausnahme das 
Wasser und wandelten sich in Landmolche um, obwohl sie unter 
Bedingungen gehalten wurden, unter denen bei einem von ge- 
schlechtsreifen Larven gezeugten Tiere die Umwandlung auf keinen 
Fall erfolgt wäre. Der Axolotl ist inzwischen ein beliebtes Aquarium- 
tier geworden, welches von den europäischen Tierhändlern seit vielen 
Generationen in der Larvenform weitergezüchtet wird. Versuchen 
wir, solche aus dem Handel stammende Larven zur Verwandlung 
zu bringen, so stellt sich heraus, daß dies nahezu eine Unmöglichkeit 
bedeutet. Beide Beobachtungen zusammen bilden einen schwer- 
wiegenden Beweis zugunsten bejahender Beantwortung der viel- 
umstrittenen Frage nach der Vererbung erworbener Eigenschaften, 
einen direkten Beweis, der auf andere Weise als durch Vivarium- 
haltung überhaupt nicht zu erlangen wäre. 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivarlumkunde. (167) 



Die Vererbung erworbener Eigenschaften bildet jedoch nur 
einen Teil des gesamten Vererbungsproblemes. Niehl; minder wichtig 
ist die Frage, wie schon bestehende Eigenschaften, die nicht ersl 
erworben zu werden brauchen, sieb hinsichtlich der Starke und 
Verteilung in den Nachkommengenerationen verhalten. Auch hier 
hat der Axolotl als Zuchttier gute Dienste geleistet, und zwar durch 
Kreuzungsversuche von V. Haecker (16), der reingezogene weiße 
mit reingezogenen schwarzen Axolotln kreuzte. In der ersten Misch- 
lingsgeneration erhielt er durchwegs schwarze Exemplare: Schwarz 
dominiert über Weiß. Diese nun, untereinander gepaart, liefern 3 / 4 
schwarze und */ 4 weiße Axolotl; die letzteren, die Träger des soge- 
nannten „rezessiven" Merkmales, waren aber nicht ganz weiß wie 
echte Albinos, sondern auf Kopf und Rücken schwarz gescheckt. 
Ein ganz schwarzes, aber in der ersten Mischlingsgeneration von 



einem rein schwarzen und einem rein weißen Elterntier abstam- 
mendes Axolotl ergab, mit einem rein weißen gekreuzt, zur Hälfte 
abermals schwarze und zur anderen Hälfte weiß und schwarz gefleckte 
Tiere (siehe das Schema). Die Verteilung der schwarzen und der 
weißen Nachkommen folgt der von Gregor Mendel entdeckten 
Spaltungsregel, nur mit dem Unterschied, daß dort, wo bei strenger 
Einhaltung der Regel rein weiße Individuen herauskommen sollten, 
diese etwas von dem dunklen Farbstoff doch abbekommen haben. 

Die Pflanzenzüchter haben für die Mende Ische Vererbungs- 
regel schon ein weitaus größeres Material herbeigeschafft als die 
Tierzüchter. Eine eigene Lehrkanzel an der Wiener Hochschule 
für Bodenkultur unter der hervorragenden Leitung von Erich 
v. Tschermak beschäftigt sich mit diesen Vererbungsfragen. Ich 
beschränke mich hier darauf, Versuche von C. C. Hurst (17) an 
Orchideen zu erwähnen, wiederum, weil sie durch die Notwendig- 



2. Generation der 
Mischlinge 




1. Generation der 
Mischlinge 




(168) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. 

keit strenger Absonderung und Gewächsliauskultur am meisten mit 
unseren Bestrebungen gemeinsam haben. Hurst kreuzte ein gefleckt- 
blütiges Paphiopedilum mit gestreiftblütiger Hera und erhielt in 
der ersten Bastardgeneration durchwegs gefleckte Blüten (gefleckt 
ist „dominant"), in der zweiten Bastardgeneration 3 / 4 gefleckte, */ 4 
gestreifte Blüten (gestreift ist „rezessiv"). Dieses Viertel gestreift- 
blütiger Orchideen, untereinander fortgezogen, ergibt immer nur 
abermals gestreifte Blüten, zieht also rein weiter, was für rezessive 
Merkmale Gesetz ist; von den drei Vierteln geflecktblütiger Orchi- 
deen zieht ein Viertel ebenfalls rein weiter, während die beiden 
übrigen Viertel wiederum die Aufspaltung in 3 / 4 gefleckte und 1 j l 
gestreifte ergeben. Andere Orchideenbastarde jedoch zeigen keine 
Mendel sehe Aufspaltung, sondern halten in bezug auf ihre Merk- 
male die Mitte zwischen ihren Stammarten, sind untereinander 
fruchtbar und erweisen sich durch viele Generationen als beständig. 

4. Geschlechtsbestimmung. Wovon es abhängt, ob ein 
Nachkomme männlichen oder weiblichen Geschlechts wird, ist eine 
der schwierigsten Fragen in der Biologie. Die Theorien, welche 
diese Frage auf Grund statistischer Erhebungen zu beantworten 
suchten, haben sie verworrener gemacht als sie es ohnehin schon 
war. Von einer endgiltigen Lösung ist das Problem der Geschlechts- 
bestimmung auch heute noch weit entfernt; die ersten Beiträge 
jedoch, es zu klären, sind ausschließlich unter Benützung vivaristi- 
scher Technik erbracht worden. Ich erwähne die Versuche von 
Richard Hertwig und Eugen Schultz am braunen Süßwasser- 
polypen (Hydra fusca). Dieses Tier ist ein Zwitter, d. h. in ein 
und demselben Exemplare können sowohl Eier als Hoden erzeugt 
werden. R. Hertwig (18) gewann nun dadurch, daß er die Po- 
lypen bei niedriger Temperatur hielt, Exemplare, welche nur Hoden 
ausbildeten, bei hoher Temperatur solche, die nur Eier entwickelten. 
Schultz (19) hinwiederum vermochte durch Hungerkulturen rein 
männliche Polypen hervorzurufen. Ungünstige Einflüsse befördern 
hiernach in beiden Fällen die Produktion von Samenzellen, günstige 
Einflüsse diejenige von Eizellen. Komplizierter ist die Geschlechts- 
bestimmung bei Wirbeltieren. Hier haben abermals R. Hertwig 
(20) und neuerdings Joh. Tliumm (21), wohlgemerkt, kein Berufs- 
zoologe, sondern Aquariumliebhaber und seit kurzem gewerbsmäßiger 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolo<r. Vivnrinnikunde. ( I*»'.' 1 



Fischzüchter, beachtenswerte Beiträge geliefert. An Fröschen fand 
Hertwig, daß Frühreife der Eier einerseits, Überreife andererseits 
das männliche Element begünstigen; an lebend gebärenden Kärpf- 
lingen und an Cichlasoma nigrofasciatum fand Thumm, daß große, 
starke Weibchen, gepaart mit kleinen Männchen, vorwiegend Männ- 
chen ergeben, während in deren Nachkommenschaft mit größeren 
Männchen in einem höheren Prozentsatz weibliche Junge vertreten 
sind. Aus diesen Versuchen Hertwigs und Thumms scheint die 
alte Behauptung als richtig hervorzugehen, daß sich das Geschlecht 
des schwächeren von beiden Eltern auf die Nachkommen vererbt. 

Jedenfalls geht unzweifelhaft daraus hervor, daß das Geschlecht 
der Nachkommen durch Veränderung äußerer Faktoren beeinflußt 
werden kann. Was geschieht aber und wie findet die Geschlechts- 
bestimmung statt, wenn die äußeren Bedingungen nahezu unver- 
ändert bleiben, wenn sie Generationen hindurch im normalen Ge- 
leise verharren? Der Botaniker Correns (22) beantwortet diese 
Frage nach Untersuchungen an Bryonia dioica dahin, daß für ge- 
wöhnlich die Vererbung des Geschlechtes dem Mendel sehen Spal- 
tungsschema folge, daß also die Eigenschaften „männlich", „weib- 
lich" bezüglich ihrer Vererbungsfähigkeit nicht anders aufzufassen 
seien, als irgendwelche andere, sagen wir Färb- oder Formmerk- 
male, wobei „männlich" über „weiblich" dominiert. Schreiben wir 
uns auf Grund dieser Vorstellung nochmals das Vererbungsschema 
auf, wie wir es bei Haeckers schwarz-weißen Axolotlkreuzungen 
kennen gelernt haben, setzen aber folgerichtig überall statt „schwarz" 
das Zeichen für „Männchen" (cf), statt „weiß" das Zeichen für 
„Weibchen" (9), so sieht dieses Schema folgendermaßen aus: 

Elterngeneration ^ 9 9 

1. Generation der Mischlinge . . cT c? cf 9 

2. „ „ , .... c? d 1 9 9 

Die Weiterzucht der ersten Mischlingsgeneration unter sich ist 
unmöglich, da sie nur aus Dominanten besteht, welche ja in unse- 
rem Falle lauter Männchen sind; um also diese Generation den- 



(170) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkimcle. 



noch nicht aussterben zu lassen, muß sogleich schon ein Exemplar 
mit dem anderen, dem rezessiven Merkmal herangezogen werden, 
in unserem Falle ein Weibchen; aus dieser Kreuzung gehen aber, 
wie wir schon im früheren Schema sahen, ebensoviele Nachkommen 
mit dem einen wie mit dem anderen Merkmal hervor, mit anderen 
Worten, das Schema erklärt es, warum die Zahl der Männchen der- 
jenigen der Weibchen meist annähernd die Wagschale hält. Die in 
der Natur vorhandenen Männchen sind in bezug auf ihr männliches 
Merkmal gleichsam niemals reinrassig, sondern bastardisch, die 
Weibchen aber stets reinrassig, und aus ihrer Vereinigung gehen 
durchschnittlich zur Hälfte Weibchen, zur anderen Hälfte (selbst- 
redend abermals gemischtrassige) Männchen hervor. — 

Ich glaube, durch die soeben angeführten Beispiele hinlänglich 
gezeigt zu haben, daß das Vivarium in der Arbeitstechnik fast aller 
biologischen Disziplinen unentbehrlich ist und daß ihm entsprechend 
seiner einschneidenden Bedeutung noch eine große Zukunft gebührt. 
Inwieweit sich diese Zukunftsbedeutung von der eigentlichen Bio- 
logie auf angewandte Biologie und andere Nachbargebiete erstreckt, 
kurz auf alle Gebiete des Wissens und Könnens, welche an Tier- 
und Pflanzenhaltung, Tier- und Pflanzenzüchtung Interesse nehmen, 
muß ich hier mit einem einzigen Satze abtun : es darf ja aber wohl 
auch als nahezu selbstverständlich vorausgesetzt werden, daß Tier- 
psychologie und Serumtherapie, Tierarzneikunde, land- 
wirtschaftliche und sportliche Tier- und Pflanzenzucht, 
Fisch ereiwesen usw. den Ergebnissen der Vivariumkunde nicht 
gleichgültig gegenüberstehen können. 

Zugleich ist mit den angeführten Beispielen noch etwas anderes 
aufgedeckt worden: die Beziehungen, welche zwischen der jüngsten 
biologischen Disziplin, der Experimentalmorphologie einerseits und 
der Vivariumkunde anderseits bestehen, sind mehr als das Verhältnis 
zwischen einer Wissenschaft und ihren technischen Voraussetzungen; 
die Vivariumkunde ist mehr als eine bloße Handlangerin jener 
Wissenschaft, sie ist direkt verwandt mit ihr und es gibt Teil- 
gebiete, welche beiden gemeinsam sind. Ich sagte schon an früherer 
Stelle, daß das Vivarium aus der Gelehrtenstube ins Familienwohn- 
zimmer eingewandert ist, um heute von hier aus seinen Weg ins 
Forscherlaboratorium zurückzufinden. Forscher wie Trembley, 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumknnde. (171 ) 



Reaumur, Swammerdam, Leeuwenhoek, Roesel v. Rosenhof, 
[ngenhouss bedienten sich im 17. und 18. Jahrhanderl des Viva- 
rinms zu ihren naturhistorischen Untersuchungen, deren Methode 
eine vorwiegend experimentelle war. Später dann, zu Beginn bis 
gegen Ende des 19. Jahrhunderts, trat die experimentelle Methode 
zugunsten der beschreibenden, vergleichenden und spekulativen 
Methode und mit ihr die Vivariumhaltung zu wissenschaftlichen 
Zwecken mehr und mehr in den Hintergrund, um erst in den 
Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts eine Auferstehung zu 
feiern. 1894 ist das Jahr, in welehem Wilhelm Roux das „Archiv 
für Entwicklungsmechanik" begründete, es kann zugleich als das 
Jahr der Wiedergeburt wissenschaftlichen Vivariumbetriebes ange- 
sehen werden. 

Die verwandtschaftliche Ähnlichkeit zwischen biologischer Viva- 
rienkunde und experimenteller Biologie ist eine so große, daß uns, 
als die Vorbesprechungen zur Gründung der heute eröffneten neuen 
Sektion stattfanden, der Vorschlag gemacht wurde, ihr den Namen 
„Sektion für experimentelle Biologie" zu geben. Wir haben es jedoch 
vorgezogen, noch nicht so weit zu gehen. Einstweilen besitzt die 
experimentelle Biologie, soweit ihre Pflege durch Vereinstätigkeit 
in Betracht kommt, in Wien bereits eine Heimstätte in der morpho- 
logisch-physiologischen Gesellschaft, abgesehen davon, daß ihr na- 
türlich auch die verschiedenen Sektionen der Zoologisch- botanischen 
Gesellschaft offen stehen; der Boden ist vielleicht noch nicht ge- 
nügend vorbereitet, um ihr neben diesen ausgezeichneten Ver- 
einigungen die Tätigkeit einer eigenen Sektion ausschließlich zu 
widmen. Vorerst braucht es noch gründlicher Pflege und Aner- 
kennung der von der Experimentalbiologie geforderten technischen 
Voraussetzungen, bedarf es näherer Vertrautheit der Zoologen und 
Botaniker mit Wesen und Technik der Vivariumkunde. Denn es 
kann nicht geleugnet werden, daß gegenwärtig die Mehrzahl der 
Biologen, wo immer sie in die Lage kommt, lebendes Material für 
ihre Forschungen zu benötigen, dessen Pflege und Erhaltung ratlos 
gegenüber steht. Die daraus entspringenden Enttäuschungen halten 
immer wieder davon ab, daß der Vivariumbetrieb in den biologischen 
Laboratorien wahrhaft heimisch werde. Schon beim Neubau der 
Institute bewirkt die Unkenntnis der Vivarientechnik, daß die 



(172) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. 



bezüglichen Anlagen versagen müssen. Oft ist es das kleinste 
Kämmerchen, welches noch irgendwo ausgespart werden konnte, 
das zum „Aquariumraum" ersehen wird, ohne Oberlicht und wo- 
möglich gar im Keller gelegen. Stellt sich heraus, daß die darin 
zu haltenden Tiere und Pflanzen den Zeitpunkt ihrer Einbringung 
nur um Tage oder Stunden überleben und wird dann erst ein 
Fachmann befragt, so vermag natürlich auch er einer von Grund 
aus verfehlten Anlage nicht mehr zu helfen und der biologische 
Vivariumbetrieb ist um einen Mißerfolg reicher. 

Hier Wandel zu schaffen, der Biologie die unschätzbaren 
Vorteile der Vivariumtechnik zu sichern, ist die eine Hauptaufgabe, 
welche unserer neuen Sektion zufällt. Ich begnüge mich vorläufig 
mit dieser Andeutung und halte es im allgemeinen für verfrüht, 
schon am Begründungstage die verschiedenen Richtungen zu de- 
taillieren, in denen eine neue Vereinigung tätig sein will, um ihre 
Ziele zu erreichen ; während sie dann oft nur die wenigsten Punkte 
ihrer hochfliegenden Pläne zu erfüllen vermag. Ein reich ge- 
gliedertes und vielseitiges Arbeitsprogramm auszudenken, ist sehr 
leicht, aber wir ziehen es vor, ruhig die weitere Vortragstätigkeit 
und Lebensfähigkeit unserer Versammlungen abzuwarten, in deren 
Verlauf es sich bestimmter als heute herausstellen wird, welche 
Linien eines möglichen Arbeitsplanes wirklich zu verfolgen in unserer 
Macht steht. Wir gedenken unsere Vortragsabende jeden zweiten 
Mittwoch des Monats um 6*/ 2 Uhr abzuhalten und außerdem noch 
am vierten Mittwoch jedes Monats um dieselbe Zeit einen Sprech- 
abend (Diskussionsabend). Das sei vorläufig unser ganzes Programm, 
dessen Einhaltung aber dafür zuverlässig in unserer Hand liegt. 

Es erübrigt mir noch, einige Worte zu sagen über unser 
Verhältnis zu den anderen Vereinen für Aquarien- und Terrarien- 
kunde, deren in Wien außer uns bereits vier, im übrigen Österreich 
(soviel mir bekannt) weitere fünf, in Deutschland gegen zwei- 
hundert bestehen. Fast alle haben es sich zur Aufgabe gestellt, 
wesentlich dem Vivariumliebhaber zu dienen, d. h. derjenigen am 
Eingang meines Vortrages erwähnten Richtung der Vivarienhaltung, 
welche sich der Heimkunst widmet, das Aquarium und Terrarium 
als belehrenden und unterhaltenden Wohnungsschmuck pflegt. Nur 
einige Vereine beschäftigen sich nebstbei mit Ethologie und Geo- 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vlvariumkunde. (1*3) 

graphie, Systematik und Nomenklatur der Tiere und Pflanzen. 
Der Biologe kann selbstredend auch dort sehr viel lernen, gleichwie, 
so hoffen wir, der Amateur vieles von uns. Wir rechnen auf gegen- 
seitige Unterstützung- und Ergänzung, auf freundschaftliches Zu- 
sammenarbeiten! Betrieb und Technik des Vivariums sind immerhin 
recht verschieden, je nachdem es wissenschaftlichen oder künst- 
lerischen Zwecken dient, und aus dieser Verschiedenheit heraus 
erklärt sich das Bedürfnis der Begründung einer Sektion für bio- 
logische Vivariumkunde. Ein schroffer, ja feindseliger Gegensatz 
zwischen Liebhaberei und Wissenschaft, wie er von unberufener 
Seite bisweilen proklamiert wird, oder auch nur ein wechselseitiges 
Ignorieren der Errungenschaften ist ebenso unberechtigt und über- 
flüssig, als für das Gedeihen der Sache selbst schädlich. Mindestens 
vor der Öffentlichkeit sollte ein prinzipieller Unterschied zwischen 
Naturfreund und Naturforscher überhaupt nicht bestehen: ebenso- 
wenig kann jener von der Pflicht befreit werden, zuverlässig zu 
beobachten, als dieser, das Beobachtete klar und auch für weitere 
Kreise verständlich darzustellen. Und der Liebhaber möge es 
ebensowenig für unerreichbar halten, daß seine mit bescheideneren 
Mitteln gewonnenen Beobachtungen für die Wissenschaft Wert er- 
langen, als der Forscher geringschätzig auf die vom Laien dar- 
gebrachten Dienste herabsehen möge, die ihrerseits oft den Vorzug 
der Frische und Unbefangenheit besitzen (23). Er sei daran er- 
innert, wie oft schon Laienarbeit in der Wissenschaft Pionierdienste 
leistete: so hat die Systematik der Schmetterlinge, Käfer, Schnecken 
und Muscheln dadurch außerordentliche Förderung erfahren, daß 
Liebhabersammler sich des Gegenstandes mit ihrem Feuereifer be- 
mächtigten. So kommt es, daß z. B. viele gute Bestimmungsbücher 
für Käfer und Schmetterlinge, neuerdings auch für Geradflügler 
existieren, nach denen sich einheimische und ausländische Arten 
mit Leichtigkeit und ohne subtile, irreführende Untersuchungen 
bestimmen lassen ; hingegen entbehrt die Literatur anderer Insekten- 
ordnungen, welche in den Sammlungen der Naturfreunde minder 
beliebt sind, solcher größerer, zusammenfassender und bequemer 
Werke. 

Und nun ist abermals eine derartige Laienbewegung in vollem 
Gange begriffen und befindet sich bereits im Besitze eines an- 



(174) Konstituierende Versammlung- d. Sektion für biolog-. Vivariumkunde. 



sehnlichen Tatsachenschatzes, dessen Sichtung — gegenwärtig erst 
von Seiten der Hydrobiologen (24) regelmäßig vorgenommen — 
überraschend viel Brauchbares, ja Wertvolles zutage fördert. Wenn 
die Insekten- und Molluskensystematik und -Nomenklatur es ver- 
mochte, weitere Kreise zu eifrigem und fruchtbringendem Studium 
anzuregen, so sind andere biologische Disziplinen, sind Gewohnheits- 
lehre (Ethologie) und Experimentalbiologie in noch höherem Grade 
Verständnis- und hingebungsvoller Laienarbeit zugänglich, schon 
weil sie für die Allgemeinheit mehr Interesse bieten als die — 
unbeschadet ihrer grundlegenden Wichtigkeit — für Liebhaber- 
geschmack stets etwas trockene Systematik. Ein Hand in Handgehen 
von Vivariumliebhaberci und Biologie könnte daher noch weitaus 
dankbarer sein, als das Zusammenwirken von Insektensammlern 
und Fachentomologen. 

Deshalb erblicke ich darin eine weitere Hauptaufgabe unserer 
Sektion, die von Vivariumliebhabern geschaffene geistige Arbeit 
— ich setze diese also jetzt neben die schon früher ins Programm 
gezogene technische Arbeit — weiterhin anzueifern, emporzuheben 
und dann in richtiger Weise für die Wissenschaft zu verwerten. 
Indem und gerade weil wir unsererseits streng wissenschaftliche 
Zwecke verfolgen und betonen, wollen wir ein gedeihliches Zu- 
sammenarbeiten mit denen, welchen die Vivariumhaltung Selbst- 
zweck ist, in unserem eigenen Interesse anbahnen und fortdauernd 
rege erhalten! 

Zitierte Literatur 

(z. T. mit kritischen Bemerkungen). 

1. Als ein zusammenfassendes Handbuch für Terrarienkundc, welches 
allen Anforderungen, denen des Biologen wie denen des Naturliebhabers, 
genügt, kann unbedenklich empfohlen werden: Dr. Paul K refft, „Das 
Terrarium". Berlin, bei F. Pfenningstorff, 1907/8. — Viel schwieriger ist 
es, für Süß- und Seewasser-Aquarienkunde ein brauchbares Sammel- 
werk zu zitieren, trotzdem die Haltung von Aquarien weitaus verbreiteter 
ist als diejenige von Terrarien. Es existieren zwar dementsprechend zahl- 
reiche Handbücher und Leitfäden, allein die besten von ihnen (E. A. Roß- 
mäßler, „Das Süßwasseraquarium", 5. Aufl., besorgt von Dr. 0. Hermes, 
Leipzig, 1892; R. E. Hoff mann, „Seewasseraquarien im Zimmer", Magde- 
burg, 188G) sind heute veraltet und die neueren (Dr. E.Bade, „Das Süß- 
wasseraquarium", 3. Aufl., Berlin, 1908; Dr. E. Bade, „Das Seewasser- 



Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivarlumkunde. (175) 

aquarium", mit einem Anhange: „Das Brackwasseraquarium", Magdeburg, 
1908) sind teils sehr unvollkommen, teils ihrer vorwiegenden Betonung 
des Liebhaberstandpunktes wegen kaum imstande, die Anforderungen des 
Biologen zu erfüllen (Dr. E. Zernecke, „Leitfaden für Aquarien- und Ter- 
rarienfreunde", 3., von E. E. Leonhardt besorgte Aufl., Leipzig, 1907). 
Immerhin ist letztgenanntes Werk durch die Vereinigung aller Gebiete der 
Vivariumkunde in einem einzigen Lehrbuche recht bequem. Durch ge- 
wissenhafte Berücksichtigung der neueren Zeitschriftenliteratur zeichnet 
sich aus: Dr. F. Knauer, „Das Süßwasseraquarium", Regensburg, 1907-, 
durch Kürze der Darstellung, die gleichwohl wenig Wichtiges vermissen 
läßt: K. S tausch, „Das Süßwasseraquarium", Heft 1 der Bibliothek für 
Aquarien- und Terrarienkunde, Braunschweig, bei G. Wenzel & Sohn, 1900, 
ferner Johs. Peter, „Das Aquarium", Reclams Universalbibl., Nr. 3955. 

2. Vergl. folgende Schriften des Verf.: Rede in den Diskussionsabenden der 
k. k. zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien über den „Naturwissen- 
schaftlichen Unterricht an den österreichischen Mittelschulen", herausg. von 
R, v. Wettstein, S. 52, 73, 74; „Lebendige Lebewesen in der Schule 
und die Schüler", Nene Weltanschauung, Heft 2, 1908; „Zoologische Ex- 
perimente", ein Kapitel in „Der moderne Naturgeschichtsunterricht" von 
K. C. Rothe, Wien, 1908; „Lebende Tiere und Pflanzen als Lehrbehelf", 
Kosmos, Bd. V, Heft 11, 1908; „Aufgaben der biologischen Methode im 
Natnrgeschichtsunterricht", Jahresbericht des Cottage-Lyzeums, Wien, 
1908. — Ferner F. Urban, „Schulvivarien", Wochenschr. für Aquar.- u. 
Terrarienkunde, Bd. V, Nr. 4—7, 1908 (daselbst weitere Literatur), sowie 
F. Werner, „Einrichtung von Aquarien und Terrarien für den Unter- 
richt", ein Kapitel in „Der moderne Naturgeschichtsunterricht" von K. C. 
Rothe, Wien, 1908, wieder abgedruckt in Blätter für Aqnar.- u. Terr.- 
Kuncle, Bd. XIX, 1908. 

3. Vergl. Kammerer, „Anleitung zum Versenden lebender Tiere und Pflan- 
zen", Selbstverlag der Biologischen Versuchsanstalt in Wien. 

4. A. Fernard, „Recherches sur les Organes complementaires internes de 
l'appareil genital des Orthopteres". These, p. 43. Paris, 1896. 

5. Hans Przibram, „Die Lebensgeschichte der Gottesanbeterinnen (Fang- 
heuschrecken)". — Zeitschr. für wiss. Insektenbiologie, Bd. III (1. Folge, 
Bd. XII), Heft 4-6, 1907. 

6. Vergl. daher H. Przibram, „Einleitung in die experimentelle Morphologie 
der Tiere". Leipzig und Wien, F. Deuticke, 1904. 

7. O. und R. Hertwig, „Über den Befruchtnngs- und Teilungsvorgang des 
tierischen Eies unter dem Einfluße äußerer Agentien". — Jcnaische Zeit- 
schrift für Naturwiss., Bd. XX (n. F. Bd. XIII), I, S. 120-242, II, S. 477 
bis 510, 1887. 

8. Jacques Loeb, „On an improved Method of Artificial Parthenogenesis", 
I. — III. Communication, Univ. of California Publ.: Physiology, Bd. II, Nr. 8, 
9, 10, 14, 1905. 



(176) Konstituierende Versammlung d. Sektion für biolog. Vivariumkunde. 



9. Yves Delage in Comptes rendues de l'Academie Paris, 1907. 

10. Karl Goebel, „Die Bedingungen der Fortpflanzung bei einigen Algen 
und Pilzen". Jena, 1896. (Daselbst weitere Literatur.) 

11. Derselbe, „Pflanzenbiologische Schilderungen", 2. und 3. Teil. Marburg 
i. H., 1891/93. Ferner: „Organographie der Pflanzen", S. 224—225. Jena, 
1898—1901. 

12. Derselbe, „Einleitung in die experimentelle Morphologie der Pflanzen", 
S. 45. Leipzig und Berlin, 1908. 

13. Friedr. Knau er, „Naturgeschichte der Lurche (Amphibiologie)", S. 96, 238. 
Wien und Leipzig, 1883. 

14. Aug. Dumeril, „Observations sur la Reproduction dans la menagerie des 
reptiles du museum d'histoire naturelle des Axolotls, batraciens urodeles 
k branchies exterieures du Mexique, sur leur developpement et sur leurs 
metamorphoses". — Nouvelles Archives du Museum, II, p. 265 — 292, PI. 10. 
Paris, 1866. 

15. M. v. Chauvin, „Über die Verwandlungsfähigkeit der mexikanischen 
Axolotl". — Zeitschr. für wiss. Zoologie, Bd. XLI, 1885. 

16. V. Ilaecker, „Über Axolotlkreuzungen. II. Mitt: Zur Kenntnis des par- 
tiellen Albinismus." — Verhandl. der Deutschen Zool. Gesellsch., 1908, 
S. 194-205, 2 Fig. 

17. C. C. Hurst, „Mendelian Characters in Plants and Animals". — Report 
of the III. Internat. Conference on Genetics, London 1906, p. 114 — 129, 
bes. 123, Fig. 29-31. 

18. R. Hertwig, „Über Knospung und Geschlechtsentwicklung von Hydra 
fusca". — Festschrift für J. Rosental, S. 13—32. Leipzig, G. Thieme, 1906. 

19. Eugen Schultz, „Über Reduktionen. II. Über Hungererscheinungen bei 
Hydra fusca L.". — Archiv für Entwicklungsmech., Bd. XXI, S. 703—726, 
Sept. 1906. 

20. R. Hertwig, „Über das Problem der sexuellen Differenzierung". — Ver- 
handl. der Deutschen Zool. Ges., XV. Jahresvers., Breslau, 1905, S. 186. 

21. Joh. Thumm, „Geschlechtsbestimmung bei Süßwasserfischen". — Intern. 
Revue f. d. ges. Hydrobiol. u. Hydrographie, Bd. I, 1908, S. 419—421. 

22. C. Correns, „Die Bestimmung und Vererbung des Geschlechts". 9 Fig. 
Berlin, Borntraeger, 1907. 

23. Vcrgl. die Aufsätze von Brüning, Köhler, Peter, Wienand und Zie- 
geler in „Wochenschrift für Aquar.- u. Terrarienkunde", I. Jahrg. (1904), 
von Rembold in „Blätter für Aquar.- u. Terrarienkunde", XV. Jahrg. 
(1904), S. 309; ferner ebenda, XVI. Jahrg. (1905): Kamm er er, „Die 
Aquarien- und Terrarienkunde in ihrem Verhältnis zur modernen Bio- 
logie", S. 83, 94; ebenda, XVII. Jahrg. (1906): Köhler, „Roßmäßler und 
der neue Kurs in der Aquarienkunde", S. 81—94; ebenda und XVIII. Jg.: 
Kamm er er, „Biologische Rundschau", bes. 1906, S. 8: „Einleitende Be- 
merkungen." Endlich ebenda, XIX. Jahrg. (1908): Woltereck, „Hydro- 
biologie und Aquariumkunde", S. 330. 



Versammlung der Sektion für biologische Vivariumkunde. 



(177) 



-4. I>ie „Internationale Revue der gesamten Hydrobiologie und Hydrographie" 
veröffentlicht regelmäßige Sammelreferate unter dem Titel: „Wissenschaft- 
liche Ergebnisse der Aquarienkunde." Bisher sind zwei Berichte, der erste 
von F. Urban über biologische Beobachtungen an mitteleuropäischen 
Fischen in Gefangenschaft, der zweite von A. L. Buschkiel Uber para- 
sitäre Fischkrankheiten, im I. Bande (1908) erschienen. 



Sektion für biologische Vivariumkunde. 

Vortragsabend am 10. März 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. Paul Kammerer. 

Herr Dr. S. Kreisler hält seinen angekündigten Vortrag über 
„Biologische Beobachtungen an Meeresfischen", welcher in 
erweiterter Form in den „Blättern für Aquarien- und Terrarienkunde" 
erscheinen wird. Von Resultaten, welche für die Wissenschaft neu 
sind, sei die Beschreibung des Häutungsvorganges bei Scorpaena 
porcus L. (Meereber) und Cottus scorpius L. (Seeskorpion) her- 
vorgehoben; bei erstgenannter Art werden große Stücke der ab- 
genutzten Epidermisschichte, bei letzterer Art nur kleine Hautpartikel 
auf einmal abgestoßen. Der Vortragende vergleicht den Integument- 
wechsel bei Scorpaena mit demjenigen eines Scharlachkranken, 
jenen von Cottas mit dem eines Masernkranken. Neu sind ferner 
die vom Vortragenden ermittelten Tatsachen über den Farbenwechsel 
bei Scorpaena sowie das in all seinen Phasen im Aquarium ver- 
folgte, mit der bekannten Brutpflege verbundene Fortpflanzungs- 
geschäft zweier Lophobranchier-Arten, nämlich Hippocampus (See- 
pferdchen) und Syngnathus (Seenadel). Hinsichtlich der Details 
muß auf das an angegebener Stelle erscheinende Original verwiesen 
werden. 

In der anschließenden Diskussion sprechen die Herren Prof. 
Dr. J. Fiebiger, Dr. P. Kammerer und Dr. S. Kreisler. 



Hierauf demonstriert Herr Dr. P. Kamm er er die im Wasser 
lebenden Formen der urodelen Amphibien, soweit sie lebend 

Z. B. Ges. 59. Bd. m 



Versammlung der Sektion für biologische Vivariiunkunde. 



in der Biologischen Versuchsanstalt in Wien gehalten und gezüchtet 
werden. Es sind dies folgende Spezies: Neotenische Larven von 

Salamandra maculosa, Molge cristata forma typica und var. carnifex, 
Molge marmorata, von Dr. Wolterstorff gezogener Bastard von 
Molge cristata carnifex und M. marmorata, Molge alpestris, Boscai, 
viridescens, torosa, pyrrhogastra, waltli, poireti, vulgaris; ferner Am- 
blystoma tigrinum, neotenische und albinotische Larven in ver- 
schiedenen Graden der Kiemenausbildung; Cryptobranchus allegha- 
nensis, Necturus maculatus, Proteus anguinus in der normalen, 
pigmentlosen Dunkel- und in der blauschwarzen Lichtform, mit 
selbstgeztichtetem Jungtier; endlich Siren lacertina. 



Diskussionsabend am 24. März 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. Paul Kammerer. 

Herr Dr. P. Kamm er er hält das Referat über das zur Dis- 
kussion gestellte Thema: „Zucht der niederen Crustaceen." 
An der Diskussion beteiligten sich insbesondere die Herren Reit- 
mayer, Dr. S. Kreisler und Fräulein Sommerbauer. 

Als Hauptresultat kann folgendes angegeben werden: 1. Wir 
befinden uns heute bereits im Besitze der notwendigen Kenntnisse, 
um die sowohl für die biologische Forschung als auch für die 
Aquarienkunde und nicht zuletzt das Fischerei wesen so wichtige 
Crustaceenzucht erfolgreich zu betreiben, soweit die Nahrungs- 
beschafFung und die Vermehrung im Laufe einer und derselben 
warmen Jahreszeit in Betracht kommt. 2. Hingegen sind die 
zyklischen Entwicklungsabläufe, der Generationswechsel vieler Süß- 
wasserentomostraken bisher als Faktor einer rentablen Crustaceen- 
zucht vernachlässigt, in der Literatur ungenügend erkannt, in der 
Praxis nicht zielbewußt angewendet worden. 3. Durch die Erkenntnis 
der Bedingungen, unter welchen allein die Entomostrakeneier sich 
zu entwickeln vermögen — viele verlangen eine Ruheperiode, die 
ihnen durch teilweises oder vollständiges Austrocknen des Gewässer- 
bodens, bei manchen Formen (z. B. Lepidurus productus nach 
Brauer und Hartwig) auch durch Einfrieren gewährt werden 



Versammlung der Sektion für lüolo^ische Vivariumkuode. 



(171t) 



muß — , wird es möglich sein, die Zucht der Kntomostraken für 
die Zwecke der biologischen und praktischen Fischzucht auszu- 
werten. 4. Die Heranziehung- eines in Mengen ziiehtbaren, jederzeit 
beschaffbaren natürlichen Futters für die letztere, namentlich die 
Forellenzacht, ist nicht, wie bisher geschehen, bedingungslos unter 
den „Planktonorganismen" engeren Sinnes zu suchen, sondern 
manche am Boden und Ufer lebende Formen der Kleinfauna des 
Süßwassers, insbesondere unter den limicolen Oligochaeten, haben 
diesbezüglich eine weit größere Zukunft. 



Veranstaltungen der Sektion für Botanik. 

Versammlung am 22. Januar 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Zu Beginn der Sitzung fand die Neuwahl der Funktionäre 
der Sektion statt. Es wurden Herr kais. Rat Dr. Eugen v. Haläcsy 
zum Obmann und Herr Prof. Dr. Viktor Schiffner zum Obmann- 
stellvertreter wieder- und — da Herr Dr. Frh. v. Handel-Mazzetti 
auf eine Wiederwahl verzichtete — Herr Privatdozent Dr. August 
v. Hayek zum Schriftführer neugewählt. 

Sodann hielt Herr Dr. Heinr. Frh. v. Handel-Mazzetti einen 
Vortrag: „Die Vegetationsverhältnisse von Kolchis und ihre 
Bedeutung für die Geschichte der Alpenflora." 



Versammlung am 19. Februar 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Herr Aaron Aaronsohn (Caiffa) hielt einen Vortrag: „Über 
den Urweizen und andere wilde Getreideformen aus Palä- 
stina." (Der Vortrag wird als selbständige Arbeit in diesen „Ver- 
handlungen" erscheinen.) 

m* 



(180) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Hierauf hielt Herr Privatdozent Dr. August v. Hayek einen 
durch zahlreiche Lichtbilder 1 ) illustrierten Vortrag über „Eine 
botanische Reise durch die Schweiz". 



Sprechabend am 26. Februar 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Herr Privatdozent Dr. F. Vi erb ap per sprach über „Eine 
neue Soldanella von der Balkanhalbinsel". 

Hierauf referierte Herr Privatdozent Dr. A. v. Hayek über 
das Werk von Reiche, Die Vegetations Verhältnisse von Chile. 

Schließlich legten die Herren Dr. A. Ginzb erger, Dr. A. v. 
Hayek und Dr. K. Linsbauer die neue Literatur vor. 



Versammlung am 19. März 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. V. Schiffner. 

Herr Rud. Schröding er hielt einen Vortrag: „Der Blüten- 
bau der zygomorphen Ranunculaceen." 



Sprechabend am 26. März 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Herr Prof. Dr. 0. Abel sprach über: „Frostspuren an plio- 
zänen Buchenblättern." 

Sodann sprach Herr Privatdozent Dr. A. v. Hayek über: 
„Atavistische Blattformen von Anemone grandis." 

Auf den Pausramer Hügeln in der Nähe von Brünn fand 
Herr Ing. A. Wildt neben der dort häufigen Anemone nigricans 
noch eine zweite, hell violett blühende KüchenschelleDart, die er ur- 
sprünglich wegen der merkwürdigen verschieden gestalteten Blätter 

x ) Die weitaus größte Mehrzahl der Lichtbilder hatten die Herren Pro- 
fessoren Schröter-Zürich und Brückner-Wien in liebenswürdigster Weise 
zur Verfügung gestellt, 



Versammlung der Sektion im- Botanik. 



(181) 



für einen Bastard zwischen A. nigricans und A. vernalis zu halten 
geneigt war. 1 ) Während nämlich die Mehrzahl der Blätter doppell 
fiederteilig ist wie bei A. nigricans, sind stets einige handförmig 
drei- bis fttnfzählig. Nachdem aber A. vernalis im weitesten Um- 
kreise der Umgebung- von Brünn fehlt, gab Herr Wildt seine ur- 
sprüngliche Ansicht auf und versuchte nun die Pflanze als A. nigri- 
cans X silvestris zu deuten, 2 ) welche wohl allzukühne Deutung er 
jedoch schon bald 3 ) darauf zurückzog. Die rätselhafte Pflanze ist, 
wie auch Herr Wildt bald erkannte, nichts anderes als die in Süd- 
mähren, Niederösterreich, Ungarn usw. als vikariierende Rasse der 
A. Pulsatilla sehr häufige und verbreitete Anemone grandis (Wend.) 
Kern. Das Auffallende an diesen Pflanzen ist jedoch der Umstand, 
daß an diesen Exemplaren, während die inneren (jüngeren) Blätter 
der Rosette die für diese Form charakteristische Gestalt haben, die 
äußeren (ältesten) Blätter mehr minder regelmäßig handförmig drei- 
bis fünfspaltig sind und lebhaft an A. patens erinnern. 

Dieses Verhalten ist nicht ohne Interesse. Vortragender hat 
nämlich schon vor wenigen Jahren die Ansicht ausgesprochen, 4 ) daß 
Anemone hirsutissima, patens, slavica, sliriaca, grandis, Pulsa- 
tilla u. a. m. nur Rassen einer einzigen Gesamtart, A. Pulsatilla, 
darstellen, daß aber die gemeinsame Stammform aller dieser Rassen 
jedenfalls (in bezug auf die Blattform) der A. patens nahe gestanden 
sein muß. „Denn einerseits ist die Blattform der A. patens der 
Ausdruck des typischen Ranunculaceenblattes, wie wir es in den 
meisten Ranunculaceengattungen in geringfügigen Modifikationen 
wieder finden, z. B. bei Trollius, Exanthis, Delpliinium, Aconitum, 
Banunctdus, Anemone; andererseits lassen sich aus der Blattform 
von A. patens die anderen Blattformen ohne weiteres ableiten und 
oft genug kann man tatsächlich bei gewissen Arten, wie bei Ane- 
mone slavica, stiriaca und grandis, solche Rückschläge in die 
ursprüngliche Form beobachten." (Hayek, a. a. 0.) 

J ) Neue Phanerogamenfunde in Mähren. — Verhandl. d. Naturf. Ver. in 
Brünn, XLVI. 

2 ) Nachtrag zu dem vorhergehenden Artikel. — Ebenda. 

3 ) Brieflich. 

4 ) Kritische Übersicht über die Anemone -Arten aus der Sectio Campa- 
naria Endl. etc. in Ascherson-Festschrift, S. 456. 



(182) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Der Befund an den oben besprochenen Exemplaren der A. 
grandis aus Brünn scheint diese Hypothese nicht allein zu stützen, 
sondern rindet durch dieselbe auch eine ungezwungene Erklärung. 
Der Umstand, daß gerade die äußersten, also zuerst sich entwickeln- 
den Blätter jeder Rosette eine Annäherung an A. patens zeigen, 
spricht dafür, daß es sich um Rückschläge handelt, und zwar um 
Rückschläge, die nach dem biogenetischen Grundgesetze zu deuten 
sind. Gerado so, wie z. B. bei manchen Phyllodien tragenden Acacia- 
Arten die zuerst sich entwickelnden Blätter wohl entwickelt und 
gefiedert sind wie bei anderen Akazien und den mutmaßlichen 
Stammformen, zeigen hier die zuerst auftretenden Blätter Anklänge 
an A. patens, beziehungsweise die mutmaßliche Stammpflanze. 



Allgemeine Versammlung 1 

am 3. März 1909. 
Vorsitzender: Präsident Prof. Dr. R. v. Wettstein. 



Der Generalsekretär Herr Josef Brunnthaler teilt mit, daß 
folgende Damen und Herren der Gesellschaft als Mitglieder bei- 
getreten sind: 

Ordentliche Mitglieder : 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Cammerloher Hermann, Wien, VIII., 

Georgsgasse 1 J. Brunnthaler, Dr. 0. Porsch. 

Frau Gräfin zu C asteil, Philippine, Wien, 

IX./3, Währingerstraße 12 .... Dr. P. Kämmerer, E. v. Paska. 

Herr Fischer Hans, Wien, III., Khunng. 12 „ „ 

Fräul. Fürer Edine,Wien, XIII., Hietzinger 

Hauptstraße 53 J. Brunnth., Bar. H. Handel-Mazz. 

„ II er z fei d Stefanie, Wien, IL, Liech- 

tenauergasse 5 J. Brunnthaler, Dr. 0. Porsch. 

Herr H o c h s t e 1 1 e r, Prof. Dr. F., Wien, XIX., 

Pokornygasse 23 A. Handlirsch, Dr. K. Toldt. 

Fräul. Kloger Hedwig-, Wien, III./l, Haupt- 
straße 65 Dr. K. Rechinger, L. Rechinger. 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(188) 



P, T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Lahres Karl, Wien, II. /2,Valeriestr. 14 Dr. P. Kämmerer, E. v. Paska, 

„ Menz Karl, Wien, X., Landgutgasse 38 „ „ 

„ Pdzmann Franz, Schauspieler, Wien, 
IV., Preßgasse 17 

„ Poltz Richard, Wien, III./2, Lorbeer- 
gasse 13 „ 

„ Procek A., Wien, 1II./4, Aspangstr. 11 „ „ 

„ Reitmayer Karl August, Ober-Rech- 
nungsführer bei der Postsparkasse, 
Wien, IL/4, Schüttelstraße 45 . . 

„ Rosthorn, Hofrat Prof. Dr. Alfons 

Edler v., Wien, IX., Pelikangasse 19 A. Handlirsch, Prof. v. Wettstein. 

„ Ruda Gg., Wien, XIII. /2, Hadikg. 140 Dr. P. Kämmerer, E. v. Paska. 
Fräul. So mm erb au er Ottilie, Wien, XVIIL, 

Währingerstraße 80 „ „ 

„ Waschnitius Liese, Wien, XVIIL, 

Hofstattgasse 16 „ „ 

Herr Weidholz Alfred, Wien, IX./4, Drei- 
hackengasse 6 „ „ 

n Wurdinger Max, Wien, IX./2, Hebra- 
gasse 2 J. Brunnthaler, Dr. 0. Porsch. 

„ Z w i c k 1 e, Hubert v., akad. Maler, Wien, 

XII./ 1, Schönbrunnerstraße 260 . . Dr. P. Kammerer, E. v. Paska. 

Unterstützendes Mitglied : 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Frau Ginzberger Agathe, Wien, IIL/4, 

Steingasse 35 J. Brunnthaler, A. Ginzberger. 



Herr Kustos A. Handlirsch hielt einen durch zahlreiche 
Epidiaskopbilder erläuterten Vortrag: 

Über Reükte. v 

Zu den vielen Ausdrücken, die in der modernen Zoologie und 
Botanik allgemein gebräuchlich sind, gehört auch das Wort „Relikt", 
zu deutsch Überbleibsel. Es ist eines jener leider so zahlreichen 
Wörter, die in sehr verschiedenem Sinne anzuwenden sind und die 
infolge dessen leicht zu Meinungsverschiedenheiten führen, welche 
sich weder durch Debatten, noch durch „Gesetze" oder „Regeln" 
beseitigen lassen. 



(184) 



Bericht über die allgemeine Versammlung*. 



Welche Bedeutung den Relikten heute in der paläogeographi- 
schen, beziehungsweise tier- oder pflanzengeographischen, in der 
phylogenetischen und deszendenztheoretischen Forschung zuerkannt 
wird, ersieht man aus fast jeder neueren zusammenfassenden Arbeit 
über solche Themen, und ich möchte daher damit beginnen, einen 
Absatz aus einer solchen Arbeit, die ihrerseits wieder als Grund- 
lage für ein in jüngster Zeit erschienenes großes Werk über die 
„Entwicklung der Kontinente und ihrer Lebewesen" (von Arldt) 
diente, anzuführen. Stoll sagt in seiner Zoogeographie der land- 
bewohnenden Wirbellosen (1897) S. 106: 

„Es scheint überflüssig, die deutliche Zusammengehörigkeit der den 
indischen Ozean umrahmenden Landstriche, Afrika, Madagaskar, Vorderindien 
und Australien, noch besonders zu betonen, da hiefür die geologischen und 
tiergeographischen Belege in großer Zahl vorhanden sind. Wohl kein Natur- 
forscher, der zum ersten Male in einer gut ausgerüsteten paläontologischen 
Sammlung die fossilen Reste der alten Glossopteris-Florsi in denselben Formen 
in den Sedimenten von Südafrika, Vorderindien und Australien wiederkehren 
sieht, kann sich dem mächtigen Eindruck entziehen, den dieser unumstößliche 
Beweis einer in grauer Vorzeit vorhandenen, heute in einem breiten Meeres- 
becken versunkenen Landverbindung auf ihn macht. Was eine so ungeheuere 
Verbreitung und ihre nachmalige Zerreißung aber heißen will, wird allerdings 
nur derjenige im vollen Umfange ermessen können, der seine Begriffe über 
die wahren Dimensionen der Erdräume nicht bloß aus der Landkarte und den 
Tabellen der Flächenräume, sondern aus der unmittelbaren Anschauung zu 
bilden in der Lage war. Nicht geringer aber müßte der Eindruck sein, welchen 
eine nach tiergeographischen Gesichtspunkten geordnete Sammlung auf den 
Beschauer hervorbrächte, in der er alle die Formen niederer - Landtiere bei- 
sammen fände, welche in gemeinsamen Gattungen und nahe verwandten Arten 
heute noch die stehengebliebenen Horste des alten karbonischen Festlandes 
bewohnen. Es müßte sich ihm alsdann die unabweisbare Überzeugung auf- 
drängen, daß diese Gattungen und Arten nicht auf gebrechlichem Fahrzeug 
über weite Meere oder auf beschwerlichem Landweg erst nach der Heraus- 
bildung der heutigen Konfiguration der Erdoberfläche in ihre heutigen Wohn- 
sitze gelangt sein können, sondern daß sie als ehrwürdige Relikte längst- 
vergangener Zeiten uns in ihrer heutigen Verbreitung noch die einstige Ver- 
teilung von Land und Wasser wiederspiegeln. Oecophylla, Plagiolepis, Techno- 
myrmex, Lobopelta unter den Ameisen, Abisara unter den Schmetterlingen, 
Eustreptaxis unter den Landmollusken sind solche speziell für die Umrahmung 
des indischen Ozeans charakteristische Relikte." 

Wir wollen nun untersuchen, inwiefern die genannten Beispiele 
geeignet sind, als Beweis für die Existenz eines „karbonischen" 
Kontinentes an Stelle des indischen Ozeans angeführt zu werden. 



(185) 



Von den erwähnten Ameisengattungen ist Oecophylla heute 
nur durch eine Art in Ost- und Westafrika, durch eine andere in 
Ostafrika, auf den Molukken und auf Neu-Guinea und durch eine 
dritte Art auf Arn und in Australien vertreten, liegt uns aber auch 
in vier Arten aus dem europäischen Tertiär vor. Nachdem sich 
die Zahl der bis jetzt bekannt gewordenen tertiären Insekten zu 
jener der rezenten Arten etwa wie 1 : 80 verhält, können wir wohl 
annehmen, daß diese Gattung damals auf dem altweltlichen Teile 
der nordlichen Hemisphäre viel reicher vertreten war, und es liegt 
gar kein Grund vor, ihre ursprüngliche Heimat in der Gegend des 
indischen Ozeans zu suchen. Ferner ist zu bemerken, daß die 
ersten Hymenopteren, tiefstehende symphyte Formen aus der Ver- 
wandtschaft der Holz- und Blattwespen, erst im oberen Jura auf- 
treten und daß Ameisen erst im unteren Tertiär gefunden werden, 
das erste Auftreten dieser hochstehenden Familie also kaum vor 
der oberen Kreide erfolgt sein kann. Man könnte somit Ameisen 
höchstens als Beleg für einen alttertiären Kontinent, aber keines- 
falls für einen paläozoischen anführen. Wie gesagt, liegt aber in 
bezug auf Oecophylla infolge ihres Vorkommens im Tertiär Eu- 
ropas auch kein Grund zur Annahme eines jüngeren großen indo- 
australisch-afrikanischen Kontinentes vor, denn die rezenten Arten 
können sehr gut über kleinere Landbrücken oder selbst schmale 
Meeresarme hinweg den Weg aus ihrer paläarktischen Heimat in 
die südlichen Gebiete gefunden haben. Als Relikte kann man sie 
immerhin bezeichnen, denn es ist erwiesen, daß das Genus früher 
ein weiteres Areale bewohnte und reicher vertreten war. 

Die Gattung Plagiolepis ist heute durch vier Arten im 
tropischen Afrika, durch zwei im indo- australischen Gebiete, aber 
außerdem durch eine Art in Westindien vertreten, welch' letztere 
auch mit exotischen Pflanzen nach London eingeschleppt wurde, 
ferner durch eine Art in Ägypten und durch eine Art (pygmaea) 
in Mittel- und Südeuropa! Acht Arten sind aus dem europäischen 
Tertiär nachgewiesen, so daß dieses Genus wohl noch weniger ge- 
eignet ist, die St oll sehe Ansicht zu bestätigen, denn auch hier 
müssen wir auf eine Einwanderung aus dem Norden schließen, wo 
das Genus nicht nur im Tertiär relativ reich vertreten war, sondern 
noch heute durch eine typische Reliktform (P. pygmaea) vertreten 



(186) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



ist. IhreD Weg nach Westindien hat diese Gattung offenbar nicht 
über eine Landbrücke der Südhemisphäre gefunden, sondern ver- 
mutlich von Norden her. 

Auch Technomyrmex, heute durch zwei Arten auf Mada- 
gaskar, durch je eine auf Sumatra und Borneo und durch eine im 
indisch -papuanisch- ozeanischen Gebiete vertreten, wurde in einer 
Art im miozänen Bernstein Siziliens nachgewiesen. Lobopelta 
dagegen ist fossil wohl noch nicht bekannt, verteilt sich aber heute 
in etwa 30 Arten über West- und Südafrika, Indien, Ostasien, 
Madagaskar, Australien, Süd- und Zentralamerika, kann also eben- 
sowenig wie die anderen Gattungen im Sinne Stolls Beweiskraft 
beanspruchen und infolge der relativ großen Artenzahl wahrschein- 
lich überhaupt nicht als Relikt im strengen Sinne bezeichnet werden. 

Werfen wir nun noch einen Blick auf die Verbreitung anderer 
Ameisengenera, so werden wir sofort erkennen, daß sich sehr viele 
analog verhalten wie die vier besprochenen: Bolichoderus ist 
heute durch etwa 50 Spezies in den tropischen Teilen Amerikas, 
Asiens und Australiens vertreten; wir kennen neun Arten aus dem 
europäischen Tertiär und eine aus dem Tertiär von Britisch-Kolum- 
bien; heute leben noch zwei Arten als Relikte im gemäßigten 
Nordamerika und ein ausgesprochenes Relikt (quadripunctatus) in 
Mitteleuropa. Von Ectatomma leben heute nur sehr viele Arten 
in den Tropen Amerikas, Asiens und Australiens; eine Art fand 
sich im baltischen Bernstein (Oligozän) und eine im sizilianischen 
Bernstein (Miozän). Beide Genera scheinen nicht nach Afrika ge- 
langt zu sein. Dem gegenüber finden wir in der Myrmicinen- 
gattung Sima ein Beispiel einer Gattung, die heute gleichfalls reich 
(etwa 25 Arten) und ausschließlich in den Tropen, im europäischen 
Bernsteine aber durch drei Arten vertreten ist, die jedoch in 
Amerika fehlt und nur nach Afrika, Madagaskar, Indien und 
Australien gelangt ist. Die Genera Pseudomyrme und Podo- 
myrma sind durch etwa 50 Arten im tropischen Amerika, beziehungs- 
weise 15 Arten von den Molukken bis Australien vertreten, so 
daß man sie leicht als Beleg für eine den pazifischen Ozean über- 
brückende Landmasse anführen könnte, wenn nicht boshafterweise 
drei Arten im sizilianischen Bernsteine erhalten wären und zu allem 
(Iberfluß noch ein offenbares Relikt in Nordamerika. — Von 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(187) 



Macromischa leben heute zwei Arten in Westafrika und acht in 
Kuba und Mexiko, also ein Beweis für eine neue Landbrtieke 
zwischen Afrika und Amerika! Leider nein, — denn wir kennen 
fünf Arten aus dem Hernstein Europas. — Cataulacus mit seinen 
etwa 20 über Madagaskar, West-, Ost- und Südafrika und Indien 
bis zu den Molukken verbreiteten Arten wäre aucli ein Beweis für 
Sto Iis Ansicht, — wenn nicht vier Spezies im europäischen Miozän 
nachgewiesen wären. 

Von ganz besonderem Interesse sind wohl jene Genera, die 
beute nur mehr in einzelnen Reliktarten vorkommen: Bradyponera, 
jetzt 1 Art in Celebes — tertiär 1 Art im Bernstein; Gaesomyrmex, 
jetzt 1 Art in Borneo — tertiär 2 Arten in Europa; DimorpJto- 
myrmex, jetzt 1 Art in Borneo — tertiär 2 Arten in Europa; Aero- 
myrma, jetzt 1 Art in Madagaskar — tertiär 3 Arten in Europa; 
lAometopum, jetzt 1 Art in Mexiko, 1 Art in Osteuropa, Italien und 
Kalifornien! — tertiär 4 Arten in Europa und Nordamerika; Lepto- 
myrmex, jetzt 1 Art in Australien, 1 Art in Neukaledonien — tertiär 
1 Art im sizilianischen Bernstein; Bothriomyrmex, jetzt 1 Art zirkum- 
mediterran, 1 Art in Queensland — tertiär 3 Arten im Bernstein. 

Die gegenwärtig in etwa 50 Arten über alle Tropenländer 
verteilte Gattung Boner a hat gleichfalls drei Vertreter im Bernstein 
aufzuweisen und ist in wenigen Formen auch heute noch in Süd- 
europa vertreten; davon finden sich nur mehr zwei (contraria und 
pnnetatissima) als Relikte diesseits der Alpen. 

Wenn wir nun noch berücksichtigen, daß es außer diesen 
Gattungen mit diskontinuierlicher Verbreitung auch eine Reihe von 
fast über die ganze überhaupt für Ameisen bewohnbare Erde ver- 
breiteten artenreichen Gattungen gibt, wie Aphaeno gaster, Formica, 
Camponotus u. a., und daß auch diese schon im europäischen Tertiär 
reich vertreten waren, wenn wir ferner bedenken, daß allem An- 
scheine nach die tertiäre Ameisenfauna Nordamerikas weit weniger 
formenreich ist als die europäische, so drängt sich uns unwillkürlich 
die Ansicht auf, es sei der Entwicklungsherd der ganzen Familie 
Formicidae (im weiteren Sinne) in den alttertiären oder ober- 
kretazischen Kontinentalmassen Eurasiens zu suchen und die hier 
entstandenen Formen seien über östliche oder westliche Landver- 
bindungen der nördlichen Halbkugel nach Nordamerika gelangt, 



(188) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



von dort ebenso nach Süden vorgedrungen, wie von Europa und 
Asien. Manche Genera haben überall standgehalten, andere da- 
gegen sind in der ursprünglichen Heimat erloschen oder nur als 
relative Relikte erhalten, wieder andere sind überhaupt nur mehr 
an einzelnen günstigen Punkten erhalten geblieben und können als 
absolute Relikte bezeichnet werden. Diese Betrachtungsweise schließt 
jedoch nicht aus, daß sich auch an manchen Stellen abseits von 
der Urheimat neue Genera differenziert haben können, die wir dann 
als Endemismen zu bezeichnen hätten. So weit ich momentan die 
Sache überblicken kann, scheint mir jedoch in keinem Falle zur 
Erklärung der Ameisenverbreitung die Annahme großer versunkener 
Kontinente, die einst quer über die großen Ozeane reichten, not- 
wendig zu sein; daß solche Kontinente nie existierten, soll damit 
natürlich noch nicht behauptet sein. 



Zu den tiergeographischen Tatsachen, „deren Erklärung nur 
in der Annahme einer die ganze Breite des südlichen Pazifik durch- 
setzenden direkten Landverbindung zwischen Südamerika und Austra- 
lien liegen kann", zählt St oll unter anderem auch die Verbreitung 
der Grab wespenfamilie Thynnidae, einer relativ hochspezialisierten 
Gruppe mit flügellosen Weibchen, die übrigens während der Kopu- 
lation von den größeren, gut fliegenden Männchen weitertranspor- 
tiert werden. Die Thynniden sind zweifellos aus Scoliiden-ähnlichen 
Formen abzuleiten und dürften kaum älter sein als die Ameisen. 
Von der Gattung Thynnus (s. 1.) sind gegen 300 Arten aus Austra- 
lien und Chile bekannt, außerdem einige aus Brasilien, von Neu- 
Guinea und den Molukken. Die östlichen und westlichen Arten 
gehören in verschiedene Verwandtschaftsgruppen. Die nahe ver- 
wandte Gattung Trachypterus kennen wir aus Argentinien (2 Arten) 
und Australien (6); Iswara nur aus Indien (2), was noch nicht 
gegen die Ansicht Stolls ausgenützt werden kann. Nun gehört 
aber zu den Thynniden noch ein Genus, welches man bisher irr- 
tümlich meist in eine andere Gruppe gestellt hatte: Methoca. 
Und dieses Genus ist durch etwa 5 Arten in Nordamerika, durch 
2 in Zentralamerika, durch 2 in Brasilien, durch 1 in Afrika, durch 
2 in Madagaskar, durch 5 im indisch-chinesischen Gebiet, durch 1 



Bericht über die allgemeine Versammlung, 



(189) 



in Zentralasien und durch l (ichneumonoides) in Europa vertreten, 
kommt also las! überall dort vor, wo die anderen Genera fehlen, 
und ergänzt die Verbreitung der Thynniden zu einer weltweiten. 
Die Meth oca -Arten sind im Vergleiche zu den Thynrnis-Formen 
kümmerliche, reduzierte Wesen und jedenfalls Relikte, welche uns 
daran erinnern, daß auch die Thynniden in früheren Perioden auf 
der nördlichen Hemisphäre blühten. Wir werden also auch dieses 
Beispiel nur mit großer Vorsicht als Beleg für eine pazifische Land- 
brücke anwenden dürfen. 

In dieselbe Kategorie gehören die bekannten Lucanidengenera 
Lamprima, Neolamprima einerseits und Sphenogyiathus anderseits, 
die heute nur durch wenige Reliktformen in Südamerika, bezie- 
hungsweise Australien vertreten sind, denn auch diese Formengruppe 
war, wie die Auffindung des interessanten, zwischen den rezenten 
Gattungen vermittelnden Palaeognathus succini im baltischen Bern- 
stein beweist, ursprünglich auf der nördlichen Hemisphäre zuhause, 
ist hier ausgestorben und nur mehr in einigen Resten in südlichen 
Gebieten erhalten geblieben. 

Der Beispiele für eine solche Verbreitungsgeschichte gibt es 
eine enorme Zahl; sie finden sich in allen Tiergruppen, sind aber 
selbstverständlich nur dann vollwertig, wenn die frühere Verbreitung 
entweder durch fossile Funde oder durch Relikte belegt werden 
kann. Es genügt wohl, wenn ich in dieser Beziehung an die Ta- 
pire erinnere, wohl die ursprünglichste Gruppe unter den lebenden 
Perissodaktylen, heute durch vier Spezies in Südamerika und durch 
eine Spezies in Ostindien vertreten, fossil vom Eozän an in etwa 
20 Spezies aus Europa, Asien und Nordamerika bekannt; oder an 
die Elefanten, an die Wildpferde, Kamele usw. Sie alle haben 
wohl ihren Weg über nördliche Landverbindungen zwischen Eura- 
sien und Nordamerika gefunden und sind dann sowohl im Osten 
als im Westen weiter nach Süden vorgedrungen. 

Für die einstige Existenz solcher nördlicher Landbrücken, die 
ja während der erwiesenermaßen warmen Tertiärzeit, in welcher 
heute typisch tropische Elemente weit nach Norden reichten, auch 
für solche thermophile Lebewesen gangbar waren, spricht, abgesehen 
von der bekannten großen Übereinstimmung zwischen der nearkti- 
schen und paläarktischen Fauna, auch so manches Relikt. 



(190) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



R. F. Scbarffs neues Buch „European Animals" enthält dies- 
bezüglich so manchen interessanten Hinweis und die von diesem 
Forscher entworfenen Karten lassen an Deutlichkeit wohl nichts zu 
wünschen übrig. Ich möchte von diesen Beispielen nur die Fluß- 
perlmuschel, Margaritana margaritifera, erwähnen, deren heutige 
Verbreitung wohl als eine Reihe von Reliktenvorkommen zu be- 
zeichnen ist, ferner die Süßwasserschwämme Ephydatia crateriformis, 
Heteromyenia Byderi und Tubella pennsylvanica, die alle drei im 
östlichen Nordamerika vorkommen, außerdem aber als Relikte in 
einigen Seen Irlands. Von Pflanzen wären Naias flexilis und Erio- 
caulon septangulare als Pendant zu erwähnen. Der bekannte, nun 
allerdings ausgestorbene Riesenalk (Alca impennis) war noch vor 
relativ kurzer Zeit als Relikt in Schottland und Irland erhalten 
und das Gebiet seiner einstigen Verbreitung verläuft in einem Bogen 
von Newfoundland über Grönland und Island nach Skandinavien, 
Großbritannien und Dänemark. Der Riesenalk zeigt uns, welchem 
Schicksale die meisten auffallenderen Relikte entgegengehen, ein 
Schicksal, welches in kurzer Zeit wohl auch die beiden heute noch 
in sehr beschränkter Individuenzahl künstlich erhaltenen Bison- 
Arten, den nordamerikanischen sowohl als den europäischen, er- 
eilen wird, ebenso den Biber, der noch vor wenigen Dezennien 
in den meisten europäischen Flüssen lebte, heute bis auf wenige 
Relikte (Rhone etc.) aber erloschen ist, ferner den Elch, den Alpen- 
steinbock, Bartgeier und manche andere Zeugen unserer einstigen 
imposanten Wirbeltierfauna. 

Daß auch so manche heute nur in wärmeren Gebieten erhal- 
tene Tier- oder Pflanzenform über eine nordatlantische Brücke ge- 
wandert sein dürfte, habe ich schon früher erwähnt und halte es 
für wahrscheinlich, daß dieselbe jedenfalls breite Landbrücke, sei 
es zu verschiedenen Zeiten, sei es in ihren mehr nordischen oder 
mehr südlichen Teilen, von verschiedenen Organismen benützt wurde. 
Ich glaube daher, daß wir für gewisse Verbreitungen, wie jene von 
Trichomanes radicans, einem in Westspanien, auf den Azoren, 
Madeira und den Kanaren sowie in Zentral- und Südamerika vor- 
kommenden Farn, welcher in einigen Relikten auch noch in Irland 
erhalten ist, oder jene der Gattung Arbutus (mediterran, Nord-, 
Zentral- und Südamerika), von welcher gleichfalls in Irland Relikte 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



erhalten sind, keine eigene, weiter im Süden liegende Landbrücke 
anzunehmen gezwungen sind. Dasselbe gilt wohl für die Mollusken- 
gattung Glanäina, die heute in Westindien durch zahlreiche Arten 
vertreten ist, in Europa jedoch nur durch ein Relikt in den Mittel- 
nieerländern, während sie gerade in Europa vom Eozän an durch 
das ganze Tertiär in vielen Arten zu verfolgen ist. Ähnlich verhält 
es sich wohl mit den Deckelsch necken (teste Kobelt). Selbst- 
verständlich liefert auch die Insektenwelt noch eine Fülle von Be- 
legen, die man hier ins Treffen führen kann, doch muß ich mich 
damit begnügen, hier nur einige wenige anzuführen: Die hoch- 
spezialisierte Grabwespengattung Ampulex ist heute durch etwa 
30 Arten im tropischen Afrika, durch etwa 10 im tropischen Amerika 
und durch über 20 im tropischen Asien vertreten; in nördlicheren 
Gebieten fanden sich bisher erst zwei Relikte in Nordamerika, eines 
in Zentralasien, eines in Spanien und eines in Mitteleuropa. Die 
auffallende Bienengattung Xylocopa ist in über 200 Arten über 
alle tropischen und wärmer gemäßigten Teile der Erde (mit Aus- 
nahme Neuseelands) verbreitet. Davon leben drei Arten im Medi- 
terrangebiete, aber nur eine als Relikt nördlich der Alpen (violacea). 
Im Miozän Öningens (Baden) fand sich gleichfalls eine Art. — Von 
Termiten, einer gleichfalls kaum vor der oberen Kreide aufge- 
tretenen Insektenordnung, kennt man jetzt etwa 400 rezente Arten, 
die fast über alle warmen Gebiete der Erde verteilt und selbst auf 
Neuseeland relativ gut vertreten sind, in nördlichen, gemäßigten 
Gegenden dagegen sehr schwach. Dafür sind aber gerade aus dem 
nordamerikanischen und besonders dem europäischen Tertiär bereits 
etwa 50 Arten bekannt geworden! Von der Gattung Termopsis, 
die sich im europäischen Tertiär zahlreich findet, kennt man erst 
ein einziges rezentes Relikt aus Südamerika. Calotermes dagegen 
ist heute durch etwa 50 Arten aus allen südlichen Kontinenten so- 
wie von Neuseeland und Madagaskar bekannt; ein Relikt lebt auf 
Madeira, ein anderes (flavicollis) im südlichsten Europa, während 
im Tertiär die Arten weit nach Norden reichten. Auch von der in 
über 200 Arten rund um die Welt verbreiteten Gattung Termes 
fanden sich im nord- und mitteleuropäischen Tertiär viele Arten, 
heute aber lebt nur ein Relikt (lucifugus) im südlichsten Europa, 
— Die auffallenden riesigen Arten der Wasserwanzengattung Belo- 



(192) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



stomum sind heute auf Nord-, Mittel- und Südamerika, Afrika, Vorder- 
asien, Indien, Ostasien und Australien verteilt; eine derselben, B. 
niloticum + indicum, bewohnt die ganze „orientalische" Region, Nord- 
und Zentralafrika, reicht auch bis Syrien und Ehodus; und diese 
Art lebt als Relikt in Stiddalmatien (Narenta, Ombla, Cattaro, 
Lesina) sowie im Skutarisee. Im Tertiär reichte die Gattung- Belo- 
stomum mindestens bis in die Breite des Bodensees, denn sie wurde 
in den Miozänbildungen Öningens nachgewiesen, und schon im Ober- 
jura Bayerns finden sich gut erhaltene Reste derselben. — In un- 
seren Gegenden findet man heute — nicht gerade häufig — ein 
kleines, verkrüppelt aussehendes Dipteron, dessen Flügel meist nicht 
mehr gebrauchsfähig sind: Penthetria holosericea, eine Bibionide, 
den einzigen hiesigen Vertreter einer namentlich in Zentral- und Süd- 
amerika artenreichen, aber auch in Afrika und Indien vorkommen- 
den Gattung, deren typisch entwickelte tropische Arten ohne Grund 
als „Plecia" generisch getrennt wurden. Schon der äußere Anblick 
dieser europäischen Kümmerform sagt uns, daß es sich hier um 
einen „schäbigen" Rest handeln dürfte, und wenn wir erst das 
fossile Materiale berücksichtigen, so bleibt kein Zweifel mehr an 
der Reliktnatur dieser Fliege, denn schon im Alttertiär finden sich 
sowohl in Europa als in Nordamerika Massen von oft prächtigen 
Penthetria -Arten mit gut entwickelten Flügeln, daneben aber rela- 
tiv wenige Formen aus der nächstverwandten, etwas höher ent- 
wickelten Gattung Bibio. Im Jungtertiär dagegen beginnen die 
Bibio -Arten bereits die Penthetrien zu überflügeln und heute ist 
Bibio viel artenreicher als Penthetria und gerade dort besonders 
reich vertreten, wo wenige oder keine Penthetrien leben. Beide 
Genera sind offenbar im Norden entstanden und haben sich von 
da aus nach Süden verbreitet; Penthetria ist vorangegangen und 
daher heute in den nördlichen Ländern nur mehr in Relikten er- 
halten, wie bei uns (P. holosericea), in Japan und Nordamerika. 
Bibio folgte nach und ist heute gerade im Norden gut vertreten, 
während erst relativ wenige Formen die Südhemisphäre erreicht 
haben. 



Wir wollen uns nun von jener Kategorie der Relikte ab- 
wenden, welche geeignet sind, uns bei der Lösung der größten 



Bericht über <ii( i allgemeine Versammlung. 



(198) 



paläogeographischen Probleme zu dienen, und wollen unsere Auf- 
merksamkeit auf eine Reihe von Vorkommen lenken, deren Be- 
deutung- mehr in dem Umstände liegt, daß sich das Klima eines 
Gebietes bis zu einem gewissen Grade in dessen Fauna und Flora 
ausdrückt. Wechselt das Klima, so verändert sich naturgemäß auch 
die Organismenwelt: Neue Tier- und Pflanzenformen treten an die 
Stelle der alten verdrängten oder vernichteten. An geeigneten Orten 
erhält sich aber so mancher Rest einer früheren Fauna und Flora, die 
heute ihr Hauptverbreitungsgebiet fern von diesen Plätzen hat. Inseln 
gleich ragen einzelne Relikte früherer Faunen und Floren aus dem 
Meere der zeitgemäßen Organismenwelt eines Gebietes heraus und 
gestatten uns, Klimakarten früherer Perioden zu rekonstruieren. 

An derartigen Vorkommnissen ist wahrlich in unserem alten 
Europa kein Mangel und es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte 
ich im Kreise der Wiener Zoologen und Botaniker mit einer Auf- 
zählung jener Arten nordischer Herkunft beginnen, welche durch 
das Vordringen des Eises während der Glazialperioden aus ihrer 
ursprünglichen Heimat nach Süden gedrängt wurden, um dann, dem 
Rückzüge des Eises folgend, teils wieder in ihre ursprüngliche 
Heimat nach Norden, teils aber in die Alpen einzudringen, wo sie 
noch heute in mehr oder minder beträchtlichen Relikten weiterleben. 
Doch will ich auch hier wieder die Aufmerksamkeit auf einige 
schöne Karten aus Scharffs obenerwähntem Buche lenken: ein 
breites Band rund um das Polargebiet zeigt uns die jetzige Heimat 
des nordischen Hasen (Lepus timidus = variabilis) oder der 
Schnecke Fatula mehr ata und inselgleich liegen weit ab davon 
die relativ kleinen Areale, in denen sich diese Tiere als Glazial- 
relikte erhalten haben. 

Solche nordische Relikte finden sich bekanntlich nicht nur in 
den Alpen und anderen Hochgebirgen Europas, wie in den Kar- 
pathen, Pyrenäen, am Balkan und im Kaukasus, sondern auch in 
mittleren Gebirgen, wie im Böhmer wald, in den Sudeten und selbst 
an Hochmooren außerhalb der hohen Gebirge (Waldviertel etc.), sie 
finden sich in Schottland und Irland, Deutschland usw. und die 
Literatur über dieses Thema ist bereits sehr umfangreich. 

So wie sich nordische Elemente inselartig im Gebiete der 
südlicheren Fauna erhalten haben und uns zeigen, daß es hier 

Z. B. Ges. 59. Bd. n 



(194) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



einmal kälter war, so finden sich umgekehrt auch zahlreiche Relikte 
aus wärmerer Vorzeit in den heute von nördlicheren, weniger thermo- 
philen Elementen bevölkerten Gebieten. Solche Relikte können 
entweder noch aus einer Zeit stammen, in welcher auch nördlich 
der Alpen und Karpathen noch das Mittelmeer brandete, also aus 
dem jüngeren Tertiär, oder aus wärmeren Perioden zwischen den 
Eiszeiten, oder gar nur aus einer kurzen wärmeren Periode nach 
der letzten Eiszeit. Je nachdem diese Formen ihr Hauptverbreitungs- 
gebiet heute mehr im Osten oder an den Küsten des Mittelmeeres 
haben, spricht man dann von pontischen oder mediterranen Relikten. 
Auch wird der Ausdruck „xerotherme" Relikte verwendet, wenn es 
sich um Formen handelt, welche auf die mehr trockenwarme 
Interglazial- oder Postglazialzeit zurückgeführt werden. Die Unter- 
scheidungen sind jedoch nicht immer leicht. Auch in diesem Punkte 
kann ich mich auf wenige Beispiele beschränken, umsomehr, als 
ja erst in jüngster Zeit zwei Wiener Kollegen das Thema ausführ- 
lich behandelten: J. Redtenbacher bezüglich der österreichischen 
Orthopteren und A. v. Hayek bezüglich der xerothermen Pflanzen- 
relikte in den Ostalpen. 

Mantis religiosa, die Fangheuschrecke, ist im ganzen Medi- 
terrangebiete mit Einschluß Nordafrikas und Westasiens überall 
häufig zu finden. Nördlich der Alpen kommt sie inselartig im 
Bereiche der baltischen Fauna als Relikt vor, und zwar, wie all- 
gemein bekannt, in der Wiener Gegend, dann an der Thaya, bei 
Frankfurt a. M. und an wenigen anderen Stellen. Ganz ähnlich 
verhält sich das bekannte Weinhähnchen, Oecanthus pellucens. — 
Saga serrata, eine auffallende, große, ungeflügelte Locustide, findet 
man am Fuße der Berge von Vöslau bis zum Leopoldsberge bei 
Wien, dann jenseits der Donau auf dem Bisamberge und bei 
Znaim. Im Osten und Südosten Europas ist diese Art allgemein 
verbreitet und auch die anderen Arten der Gattung sind ostmedi- 
terran. Paracaloptenus Brunneri, eine kurzflügelige Feldheuschrecke, 
findet sich an einer einzigen Stelle auf dem Gumpoldskirchener 
Kalvarienberge am Rande der Wiener Ebene; auf der Balkanhalb- 
insel ist er verbreitet. 

Eine kleine kurzflügelige Cicadine, Dorycephalus Baeri Kusch., 
findet sich in wenigen Individuen auf dem isolierten, in die Wiener 



Bericht über »Ii«' allgemeine Versammlnng. | L8fÖ) 

Ebene vorgeschobenen „Eichkogel" bei Mödling. Audi bei Buda- 
pest wurde sie gefunden, doch ihr eigentliches Areale liegt in Süd- 
rußland. 

Auch unter den Dipteren findet sich in unserer engeren 
Heimat so manches Relikt von östlichen oder südlichen Arten, des- 
gleichen unter den Hy menopteren: Auf der „Türkenschanze" bei 
Wien erbeutete ich selbst an einem Tage zum ersten Male nördlich 
unserer Alpen die Grabwespen Palarus flavipes und Pison ater, 
beide mediterran, und die im Osten heimische merkwürdige Fliege 
Adapsilia coaretata Waga, nebst einigen anderen mediterranen 
Formen, die man schon von mehreren Orten nördlich der Alpen 
kennt. 

Auch Irlands Südküste weist, wie schon früher erwähnt, eine 
Reihe Relikte von Arten mit heute nur mehr südlicher Verbreitung 
auf (Arbnüis, Saxifraga umbrosa und andere Pflanzen). Hierher ge- 
hört wohl auch die flechtenfressende, flechtenfarbige Nacktschnecke 
Geomalaciis macidosus, die sich mit einigen anderen Formen dieser 
Gattung erst wieder in Portugal findet, während die nächst ver- 
wandte Gattung in Gibraltar und Nordafrika lebt. Von dem heute 
in Nordafrika verbreiteten Chamaeleon leben Relikte in Spanien. 
Ob auch der auf dem Felsen von Gibraltar lebende Affe Macacus 
inuus, dessen Hauptgebiet gleichfalls die Gebirge Nordafrikas sind, 
als Relikt zu betrachten ist, wird neuerdings bezweifelt, weil schon 
die Römer dieses Tier in Gefangenschaft hielten und daher eine 
Einführung und Verwilderung mindestens im Bereiche der Möglich- 
keit liegt. 

In manchem Binnensee finden sich Tierformen, welche sonst 
nur das Meer bewohnen. Die Unmöglichkeit einer Einwanderung 
durch Flüsse vorausgesetzt, sind wir wohl berechtigt, aus solchen 
marinen Relikten zu schließen, daß der betreffende See einst dem 
Meere angehörte. So finden sich z. B. im Kaspisee noch heute 
Congerien, die uns beweisen, daß dieser See ein Rest jenes früher 
erwähnten Meeres ist, welches quer durch Europa von der Rhone 
bis nach Zentralasien reichte. Auch manch anderes marines Lebe- 
wesen hat sich im Kaspisee erhalten, wie die Muschel Cardium 
edule, Heringarten und Syngnatlms bticciäentus, welche offenbar 



(196) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



alle sarmatische, beziehungsweise politische Relikte sind. Idotea 
entomon, eine Asselart, die auch im arktischen und baltischen Meere 
vorkommt, nebst anderen Crustaceen, wie Pseudalibrotus (Amphi- 
poden) und Pontoporeia werden als Relikte nordischer Herkunft 
gedeutet, ebenso wie der Seehund, Phoca caspica, der als Varietät 
der heute nördlich zirkunipolaren Ph. foetida aufgefaßt wird. Sollten 
sich alle diese Ansichten bestätigen, so könnte angenommen werden, 
daß das sarmatische Meer wenigstens eine Zeitlang mit den nörd- 
lichen Meeren in Verbindung stand, doch ist, glaube ich, kein 
zwingender Grund zu einer solchen Annahme vorhanden, so lange 
nicht erwiesen ist, daß diese sogenannten nordischen Elemente, 
der Seehund sowohl als die Krebse, nicht doch durch das nord- 
alpine Meer, das ja mit dem atlantischen in Verbindung stand, 
eingedrungen sein können. Ist doch noch heute im Mittelmeere ein 
nordisches Relikt, der Nephrops norwegicus, erhalten und anderseits 
bekannt, daß im Gebiete des sarmatischen oder pontischen Meeres 
fossile Robben öfter gefunden werden, von denen sich vielleicht 
die heute im Kaspi- und Baikalsee lebenden Relikte ableiten lassen. 
Auch im Aral- und Baikalsee wurden viele marine Relikte nach- 
gewiesen, die zum Teile bezüglich ihrer Herkunft nach Norden 
weisen. Selbst die oberitalienischen Seen sollen Reste von marinen 
Faunen enthalten, doch ist hier noch nicht endgiltig entschieden, 
ob es sich nicht doch um jüngere Einwanderungen durch die Flüsse 
handelt. Zum mindesten müssen diese Fälle mit ebenso großer 
Vorsicht aufgefaßt werden wie die bekannten Vorkommen von 
Mysis relicta in einer Reihe von Binnenseen um die Nord- und 
Ostsee. Dieser Krebs ist nur eine Varietät der M. ocidata, welche 
ihrerseits an allen Küsten des nördlichen atlantischen Gebietes ge- 
funden wird. Die Varietät relicta findet sich außer in den erwähnten 
Süßwasserseen auch im Brackwasser des Finnischen und Botnischen 
Meerbusens und es macht mir fast den Eindruck, als ob sie ihre 
Entstehung nur den veränderten Lebensbedingungen verdanken 
würde — einer Anpassung an das Süßwasser. Sie mag sich so in 
der Postglazialzeit entwickelt haben, als die massenhaften kalten 
Schmelzwässer der nordeuropäischen Eismassen in die nördlichen 
Meere drangen, und mag dann durch die Abflüsse der damals 
gewiß viel wasserreicheren und kälteren norddeutschen, englischen 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(197) 



und skandinavischen Seen in diese gelangt sein. Damit steht im 
Einklänge, daß M. relicta noch heute das kalte Wasser vorzieht. 
Wenn sich nun im Oher- und Michigansee Nordamerikas eine der M. 
relicta sehr ähnliche Form findet, so möchte ich wohl glauben, daß 
sich diese dort unter ganz ähnlichen Verhältnissen aus der M. oculata 
entwickelte wie jene in Europa, daß man also mit Recht diese 
Tiere nicht als marine Relikte, sondern höchstens als glaziale 
Relikte deuten sollte, wenn überhaupt der Name „Relikt" hier noch 
anwendbar ist. Wissen wir doch nicht, ob diese Tiere je in beziig 
auf Zahl oder auf räumliche Verbreitung eine größere Rolle spielten 
als heute und ob sie daher nicht besser als Endemismen anzu- 
sehen wären, ähnlich wie etwa die bekannte Schnecke Melanopsis 
Audebardi, eine nur in den Thermen von Vöslau bei Wien und 
von Budapest lebende Varietät der über Südungarn und Südsteier- 
mark etc. verbreiteten nicht thermalen Melanopsis acicularis. Doch 
kommt hier schon viel auf die Betrachtungsweise an, denn wir 
können auch sagen, Melanopsis acicularis sei einst bis in die 
Wiener Gegend verbreitet gewesen und habe in den Vöslauer 
Thermen ein Relikt zurückgelassen, welches, obwohl etwas verändert, 
trotzdem noch als Relikt von acicularis betrachtet werden könne. 
In diesem Sinne wäre dann auch die Höhlenfauna, die ja doch aus 
typischen Endemiten besteht, eine Reliktenfauna; und schließlich 
wäre vielleicht überhaupt alles, was heute lebt, in irgendeinem 
Sinne Relikt! 



Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir uns einer an- 
deren Kategorie von Vorkommnissen zuwenden, deren Bedeutung 
entschieden für die Paläogeographie geringer ist als für die Stammes- 
geschichte. 

Auf Neuseeland lebt ein Reptil, SpJienodon punetatum, der 
einzige bis in unsere Tage erhaltene Vertreter einer im übrigen 
längst ausgestorbenen Gruppe, Prosauri, welche schon in Perm 
und Trias ihre höchste Entwicklung erreicht hatte. — In einem 
großen Teile des indischen Ozeans lebt noch in großer Zahl der 
bekannte Nautilus pompilius als einziges Relikt der ursprünglicheren 
von den zwei Hauptreihen der Cephalopoden, der Tetrabranchiaten, 
welche ihren Höhepunkt im Laufe des Mesozoikum überschritt 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(Ammoniten!). Die Familie Nautiloidea selbst erreichte jedoch ihr 
Maximum noch früher — im Silur und Devon. 

Splienodon wäre ebenso interessant, wenn es über ganz Ame- 
rika verbreitet und in tausenden von Individuen vorhanden wäre; 
Nautilus wäre nicht wertvoller, wenn er etwa nur in einem kleinen 
Salzsee Zentralasiens in wenigen Individuen zu rinden wäre, denn in 
beiden Fällen ist es nur die Tatsache des langen Bestandes geringer 
Reste einer vor unendlich langer Zeit mächtig entwickelten Formen- 
gruppe, was uns in erster Linie interessiert. Wir nennen derartige 
Formen „persistente Typen" und freuen uns über deren Bestand, 
weil sie uns die Möglichkeit geben, unsere sonst auf dürftige fossile 
Eeste begründete Kenntnis der Organisation uralter Typen wesent- 
lich zu ergänzen: wir haben in ihnen „lebende Fossilien". Es gibt 
eine Reihe sehr bekannter Beispiele von persistenten Typen, von 
denen ich hier nur einige wenige kurz erwähnen möchte. 

Die Gruppe der Lungenfische oder Dipneusten besteht seit 
dem Devon und hat sich in dieser unendlich langen Zeit nur un- 
bedeutend verändert, so daß nur geringfügige Unterschiede zwischen 
einem in der alpinen Trias gefundenen Ceratodus und einer noch 
heute in Australien lebenden Art vorhanden sind. Ein zweites 
Relikt dieser Gruppe lebt in Afrika (Trotopterus), ein drittes in 
Südamerika (Lepidosiren). 

Von der schon im Paläozoikum reich entwickelten Gruppe 
der Xiphosuren oder Schwertschwänze, welche als Bindeglied 
zwischen Urarthropoden (Trilobiten) und der Arachnoidenreihe zu 
betrachten ist, leben heute als Relikte 2 — 3 Limulus -Arten: polij- 
phemus an der Südostküste Nordamerikas, moluccanus in der Mo- 
lukkengegend. Die Skorpione, welche sich schon im Silur aus 
xiphosurenähnlichen Formen entwickelt hatten, sind noch heute in 
ziemlich großer Formenzahl über alle warmen Länder verteilt, und 
wir können sie trotz dieses letzteren Umstandes doch wohl als 
persistenten Typus bezeichnen, als ein Relikt aus uralter Zeit, aus 
einer Zeit, in der von der Mehrzahl der heute die Welt beherrschenden 
Organismen noch keine Spur vorhanden war. Mit gleichem Rechte 
können wir auch die Haie oder Selachier, die Crinoiden oder 
Haarsterne und die Brachiopoden hier anführen. Unter den 
letztgenannten sind zwei Gruppen zu trennen: Ecardines mit den 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(199) 



vom Cambrium bis in die Gegenwart reichenden Gattungen (!) Lin- 
gula, Discina und Craula und Testicardines mit den vom Silur, 
beziehungsweise Devon bis in unsere Zeit fortlebenden Gattungen 
Ehynchonella und Terebratula. Außerdem gibt es noch einige 
Ihachiopodengattungen, die vom Mesozoikum in unsere Zeit herein- 
ragen, aber nur sehr wenige in ausschließlich rezenten Arten ver- 
tretene Gattungen. Die ganze Gruppe ist noch ziemlich reich an 
Arten, von denen einige in großen Massen auftreten, und findet 
sich in allen Ozeanen der Welt, so daß man „die Brachiopoden" 
absolut nicht in bezug auf Zahl oder auf räumliche Verbreitung 
als Relikte bezeichnen kann, sondern nur in bezug auf die Zeit. 

„Die Monotremen" können, trotzdem die etwa vier oder 
fünf Spezies, aus denen sich die drei lebenden Genera Echidna, 
Proechidna und Ornifhorhynchus (Piatypiis) zusammensetzen, durch- 
wegs hochspezialisierte und als solche gewiß nicht übermäßig alte 
Endglieder sind, als persistenter Typus betrachtet werden, denn 
diese Gruppe „Monotremata" bestand sicher schon, bevor irgend 
ein plazentales Säugetier vorhanden war. Der Zahl nach sowie in 
Beziehung auf die Verbreitung (papuanisch-australisches Gebiet) 
kann sie entschieden als Reliktgruppe betrachtet werden. 

Unter den Echinodermen ist die Gattung Cidaris vom Perm 
bis in die Gegenwart erhalten, unter den Mollusken die Gattung 
Trigonia, welche im Mesozoikum weit verbreitet war, jetzt aber 
nur in einigen wenigen Arten die australischen Meere bewohnt. 
Unter den Spinnen gibt es heute noch einige Formen mit segmen- 
tiertem Abdomen, die sich eng an paläozoische Typen anschließen. 
So ist die Gattung Cryptostemma noch heute durch eine Art in 
Guinea (Westermanni) und durch eine andere am Amazonenstrome 
(foedum) vertreten. Die Pedipalpen sind gleichfalls durch einige 
wenige Reliktformen (Thelyphonus, Hypoctonus) vertreten, die sich 
noch nicht weit von den karbonischen (Geralinura) entfernt haben. 
Auch die merkwürdige Koenenia mirabüis, der einzige bisher be- 
kannt gewordene, in Sizilien, Texas und Chile! beobachtete Ver- 
treter der Familie Koenenndae (Palpigraden) ist wohl ein solches 
Relikt. 

Daß es auch im Reiche der Pflanzen gar manches interessante 
Beispiel von persistenten Typen gibt, ist wohl selbstverständlich, 



(200) 



Bericht über die allgemeine Versammlung'. 



und es bedarf daher hier nur der Nennung einiger Namen: Gingko 
beginnt im Perm, erreicht im Jura den Höhepunkt und ist in dieser 
Zeit über die ganze nördliche Halbkugel verbreitet, bewegt sich dann 
in absteigender Linie, so daß jetzt nur mehr eine einzige Spezies 
in Ostasien erhalten ist. Araucaria war schon im Jura in Europa 
und Indien verbreitet, rindet sich aber jetzt nur mehr in Chile und 
Südbrasilien einerseits und in Australien anderseits. Die seit dem 
Paläozoikum bestehenden Cycadeen, Equisetaceen etc. seien hier 
gleichfalls erwähnt. 

Viel weniger bekannt als alle bis jetzt erwähnten Beispiele 
sind jene aus der Klasse der Insekten, denn, wo es sich um diese 
Tiergruppe handelt, tritt selbst in den besten Hand- und Lehrbüchern 
leider eine sehr stiefmütterliche Behandlung ein. Aber sehr mit 
Unrecht, denn gerade diese Gruppe liefert für eine Reihe bio- 
logischer Probleme glänzende Belege in Hülle und Fülle. So auch 
für unser Thema. 

In Japan wurde eine Libelle entdeckt, in welcher Charaktere 
der beiden Hauptgruppen der Odonaten, also der Anisopteren und 
der Zygopteren derart gemischt sind, daß man das Tier, Neopalaeo- 
pJüebia, in keine dieser Gruppen einreihen kann. Seine Gesamt- 
organisation ist eine so ursprüngliche, daß schon Selys auf die 
große Übereinstimmung des Flügelgeäders mit gewissen mesozoi- 
schen Odonatenformen aufmerksam machte und dieser Tatsache 
auch durch den von ihm gewählten Genusnamen Palaeophlebia 
Rechnung trug. Zufällig beschrieb Brauer gleichzeitig ein juras- 
sisches Libellengenus mit ganz ähnlichem Flügelgeäder unter dem- 
selben Namen, so daß ich gezwungen war, der rezenten Form 
einen neuen Namen, Neopalaeophlebia, zu geben. Für die schon 
im Lias vorhandene Odonatengruppe, welche als Stammgruppe für 
die beiden heute herrschenden Gruppen zu betrachten ist, schlug 
ich den Namen Anisosygoptera vor; sie umfaßte im Lias 88°/ aller 
Libellen, im oberen Jura 40, im Tertiär nur mehr 1 °/ un( ^ ist heute 
nur in dem einzigen Relikte bekannt, welches etwa 04 °/ aller 
rezenten Libellen entspricht. Die Anisopteren, also die ungleich- 
flügeligen Libellen, zu denen die Gomphiden, Aeschniden und Libellu- 
liden gehören, betragen dagegen im Lias erst 6°/ , im oberen Jura 
40°/ O5 ™ Tertiär 67°/ und heute etwa 57%, die gleicht! ügeligen 



Bericht über die allgemeine Versammlung, 



(201) 



Zygopteren mit den Agrioniden und Calopterygiden sind im oberen 
Jura durch 20°/o, im Tertiär durch 32% und jetzt durch 43% ver- 
treten (6% der basischen Odonaten entfallen auf die wieder aus- 
gestorbene Gruppe der Archmjgoptera). Ncopalaeoplrfcbia ist also 
ein glänzendes Beispiel des persistenten Typus, als einziger über- 
lebender Vertreter der Anisozygopteren zugleich auch in nume- 
rischer und geographischer Beziehung ein Relikt. 

Über alle warmen Gebiete der Erde verteilt leben heute etwa 
30 Spezies der im Systeme ganz isoliert stehenden Ordnung Embi- 
ohlva. Sie gehören zu den seltensten Insekten, haben zu keiner 
heute lebenden Gruppe nähere Beziehungen und lassen sich nur 
auf die paläozoischen Stammformen aller Pterygogenen, auf die 
Paläodictyopteren zurückführen. Die Zahl der Arten ist eine für 
eine Insektenordnung (wo wir gewohnt sind, mit Tausenden von 
Arten zu rechnen) so geringe, daß wir nicht annehmen können, 
es seien nie mehr Arten vorhanden gewesen. Damit stimmt, daß 
die Embiden heute etwa 0*008 % aller Insekten umfassen, während 
sie noch im Tertiär 0*051 % erreichten, also mehr als sechsmal so 
stark vertreten gewesen sein dürften wie heute. 

Eine gleichfalls uralte Insektengruppe, die sich seit dem Perm 
nur wenig verändert hat, sind die Eintagsfliegen (Plectoptera). 
Sie sind durch die oberkarbonische Übergangsform ProtepJiemeroidea 
mit den Paläodictyopteren verbunden und haben sich unter allen 
Insekten vielleicht noch am wenigsten von diesem Urtypus entfernt. 
Im Perm bilden sie, soweit bekannt, etwa 2*8 °/ , im Jura 3*4 °/ , 
im Tertiär nur mehr 0*3 °/ und jetzt etwa 01 % der Insektenfauna. 
Auch die Perliden sind ein solcher persistenter Typus, desgleichen 
die Megalopteren oder Sialiden, von denen heute kaum mehr 
als 30—40 in der ganzen Welt verstreute Arten existieren, die 
also nicht mehr wie 01 °/ der Fauna betragen, während im Ter- 
tiär etwa 0*05 °/ und in der Trias 7*4 °/ gewesen sein dürften. 
Alle drei zuletzt genannten Formen sind amphibiotisch, und für die 
Ephemeren und Perliden ist diese Lebensweise bis in das Perm, 
beziehungsweise bis in den Dogger durch fossile Larvenformen 
belegt, so daß wir für diese Gruppen sowie für die Odonaten, ganz 
abgesehen von anderen Argumenten, die amphibiotische Lebens- 
weise als primär annehmen können. Dasselbe gilt wohl auch für 



(202) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



eine heute in kaum einem halben Dutzend von Formen bekannte 
Familie der echten Neuropteren, für die Sisyriden, die die 
allergrößte Ähnlichkeit mit den aus dem Lias in größerer Arten- 
zahl bekannt gewordenen Prohemerobiden aufweisen. Diese letz- 
teren bilden gleichzeitig den natürlichen Ausgangspunkt für alle 
späteren hoch differenzierten und nicht mehr amphibiotischen Netz- 
flüglergruppen, so daß wir in den Sisyriden wohl einen persistenten 
basischen Typus vor uns haben, einen Rest der alten Stammgruppe 
aller echten Neuropteren. 

Als ganze Ordnung genommen sind auch die Blattoiden 
oder Schaben ein seit dem Oberkarbon persistenter Typus und 
in gewissem Grade, trotzdem sie leider noch nicht zu den Selten- 
heiten gehören, auch ein numerisches Relikt. Sie bildeten im 
mittleren Oberkarbon 33°/ , im oberen Oberkarbon 94°/ (!) der 
Insektenfauna, fielen dann von 85°/ im Perm und 13% in der 
Trias bis auf 6 — 10% in den jurassischen Schichten, um in der 
Kreide auf 2%, im Tertiär auf 7% und in der Gegenwart bis 
auf 0*3% zu sinken. 

Zu den ältesten bekannten Dipterenformen aus dem Lias 
zählen drei Arten, die bereits deutliche Beziehungen zu der noch 
heute lebenden Familie der PtycJwpteridae erkennen lassen. Im 
Oligocän fand sich im baltischen Bernstein ein sehr interessanter 
Vertreter dieser zu den nematoceren Orthorrhaphen mit eucephalen 
Larven, also zu den tiefststehenden Dipteren gehörigen Familie, aus 
welchem sich ganz zwanglos alle fünf heute lebenden Mitglieder 
der Unterfamilie Tanyderina ableiten lassen, und zwar (1.) Protany- 
derus (m.) mit einer Art im westlichen Nordamerika. Von diesem 
Typus sind nach der Reihe abzuleiten (2.) Protoplasa mit einer 
Art im östlichen Nordamerika, (3.) Tanyderus mit einer Art in 
Chile, (4.) Badinoderus (m.) mit einer Art in Amboina und (5.) 
Mischodems (m.) mit einer Art in Neuseeland. Ob es sich hier um 
fünf Genera oder nur Subgenera oder um fünf Arten eines Genus 
handelt, ist gleichgiltig, denn auf jeden Fall sind es fünf Relikte, 
die an einzelnen, weit voneinander getrennten Punkten der Welt 
von einer, offenbar im Tertiär reicher vertretenen Dipterengruppe 
übrig geblieben sind. Von allen fünf Formen sind nur einzelne 
Exemplare gefunden worden, woraus man schließen kann, daß 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(203) 



diese Tiere ungemein selten sind. — Im Alttertiär Britisch Kolum- 
biens fand man jtingst eine weitere fossile Ptychopteride, die ich 
Etoptychoptcra taufte. Sie läßt sich nicht von Macr'ochile ableiten, 
kann auch nicht der Vorläufer dieser sein, sondern nur mit ihr 
von einer gemeinsamen einfacheren Stammform abgeleitet werden. 
Dagegen läßt sich zwanglos von der älteren Etoptychoptera eine 
etwas jüngere tertiäre Form aus Böhmen ableiten, Ptycliopterula (m.), 
aus welcher offenbar die beiden heute lebenden Ptychopterinen- 
genera Ptychoptera und Bittacomorplia entsprangen, von denen 
ersteres fünf europäische und drei nordamerikanische Arten zählt, 
während man von letzterem erst drei nordamerikanische aufge- 
funden hat. Wir kennen somit im ganzen 16 lebende Arten von 
Ptychopteriden, 16 verstreute Relikte einer, wie wir aus der Zahl 
der tertiären Arten schließen können, früher reicher vertretenen 
und, wie durch die liasischen Fossilien erwiesen ist, weit ins Meso- 
zoikum zurückreichenden Dipterenfamilie. 

Ein anderer interessanter persistenter Typus aus der Ordnung 
der Dipteren ist Ehachicerus, heute in einer einzigen Reliktform 
in Nordamerika erhalten, aber sehr nahe verwandt mit zwei aus 
dem baltischen Bernstein stammenden Formen, Chrysothemis und 
Electra, mit denen er zusammen eine eigene Familie bildet, aus 
welcher sowohl direkt die Xylophagiden und Stratiomyiden als 
indirekt die enorme Menge aller braehyceren Dipteren abzuleiten ist. 

Evident ist auch die Reliktnatur der Ordnung Panorpatae 
(„Skorpionfliegen"), welche sich nur durch Vermittlung der karboni- 
schen Megasecopteren aus Paläodictyopteren ableiten läßt und den 
Ausgangspunkt für eine Reihe moderner Ordnungen, wie der Lepido- 
pteren, Dipteren, Phryganoiden , bildet, wenn man berücksichtigt, 
daß die heute weniger als 100 Arten umfassende Gruppe nicht 
mehr als höchstens 0*2 °/ der Insektenwelt enthält, während von 
den Tertiärinsekten l°/ , von den oberjurassischen 6°/ und von 
den Liasinsekten 41°/ auf Panorpaten entfallen. 

Unter den Lepidopteren gibt es heute noch eine aus etwa 
sechs in Nordamerika, Europa und Neuseeland verstreuten, sehr 
unansehnlichen Arten bestehende Gruppe, die Eriocephaliden, 
deren Flügelgeäder sich so eng an jenes der liasischen Panorpaten 
anschließt, daß man fossile Formen kaum zu unterscheiden im- 



(204) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



stände wäre. Im Gegensätze zu der großen Zahl der anderen 
Lepidopteren haben diese Eriocephaliden auch noch gleiche Vorder- 
und Hinterflügel, funktionsfähige Mandibeln, die es den Tieren 
ermöglichen, Pollen zu fressen, denn ihre Mundteile sind noch nicht 
zum Saugen eingerichtet. Die Larven dieser kleinen Lepidopteren 
besitzen im Gegensatze zu allen anderen Lepidopterenlarven Beine 
auf den Abdominalsegmenten 1 — 8 und gut entwickelte Fühler, 
so daß sie kaum von den Panorpatenlarven zu unterscheiden sind. 
Auch die übrigen Organe der Eriocephaliden sind noch fast auf 
der tiefen Stufe stehen geblieben, auf der sie bei den Panorpaten 
stehen, so daß eigentlich der einzige auffallendere Unterschied in 
der Beschuppung der Flügel liegt. Nachdem schon im Dogger 
höher entwickelte Lepidopteren vorkommen, müssen wir annehmen, 
daß sich die Eriocephaliden spätestens im Lias aus Panorpaten ent- 
wickelten und seither fast unverändert erhielten. 



Überblicken wir nun die Reihe der angeführten Beispiele, so 
zeigt sich auf den ersten Blick, daß Relikt nicht gleich Relikt ist, 
daß man im Gegenteile in sehr verschiedenem Sinne von Relikten 
sprechen kann, je nach dem Standpunkte, den man der Sache 
gegenüber einnimmt. — In der Hauptsache dürften sich aber die 
Fälle je nach dem, was uns an ihnen besonders interessiert, in 
drei Hauptgruppen einteilen lassen: 1. in bezug auf die Zahl: 
numerische Relikte; 2. in bezug auf den Raum, d. h. auf die 
Verbreitung: geographische Relikte und 3. in bezug auf die 
Zeit: stammesgeschichtliche Relikte. Naturgemäß kann ein 
und derselbe Fall in mehrerlei Hinsicht als Relikt bezeichnet werden, 
ja es wird sogar in der Regel so sein, aber keineswegs immer. 
Bei der 1. und 2. Kategorie von Relikten steigert sich das Interesse, 
je weiter der Fall in der Minusrichtung fortgeschritten ist, also: je 
geringer die Zahl, je beschränkter oder isolierter das Gebiet. In 
der 3. Kategorie dagegen steht naturgemäß die Bedeutung mit der 
seit dem Hochstande oder seit der Entstehung der betreffenden 
Gruppe verflossenen Zeit in geradem Verhältnisse. So gut sich in 
den Fällen der 1. Kategorie der Reliktzustand nur auf einen Bruch- 
teil einer systematischen Einheit beziehen kann, so herrschen auch 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



(20f,) 



in der 2. Kategorie jene Fälle vor, wo er sich nur auf einen Teil 
des gesamten Verbreitungsgebietes erstreckt, so, daß wir absolute 
und relative Relikte unterscheiden können. Ähnlich steht es mit 
den stammesgeschichtlichen Relikten in bezug auf die Kategorien 
höheren Ranges, denn auch hier können entweder ganze Genera 
oder nur einzelne Spezies derselben, ganze Familien oder nur 
einzelne Genera derselben (und so weiter aufsteigend) Anspruch 
auf die Bezeichnung Relikt erheben. Es wird daher immer an- 
gezeigt sein, genau festzuhalten, mit welchen systematischen Be- 
griffen wir operieren. 

Auf jeden Fall werden wir uns aber vor Augen halten müssen, 
daß die Reliktnatur nur dann von Interesse sein kann, wenn sie 
einen Ausnahmszustand bildet. Wir werden uns daher auch hier 
vor Verallgemeinerung hüten müssen und nicht gleich alles als 
Relikt bezeichnen, was irgendwie von der Norm abweicht. Wir 
werden z. B. nicht die heutige Verbreitung des Rentieres oder der 
Saiga schon als Relikt vorkommen anführen, weil wir wissen, daß 
die eine Art in der Postglazialzeit weiter nach Süden, die andere 
weiter nach Westen reichte und werden auch eine Form, die wir 
bis ins Alttertiär verfolgen können, während ihre nächsten Ver- 
wandten erst im Jungtertiär auftraten, noch nicht als persistent 
betrachten. Denn sonst geht es uns wie mit der Symbiose oder 
mit der Polyphylie und wir haben es in unserer gesamten Tier- 
und Pflanzenwelt nur mehr mit Relikten zu tun. Das Wort ist also 
mit Vorsicht zu gebrauchen. 

Vom deszendenztheoretischen Standpunkte beurteilt, scheint 
mir das Studium der Relikte nur geeignet, den beständigen Wechsel, 
der in der Natur herrscht, zu bestätigen. Zeigt es uns doch, wie 
sich Faunen und Floren den gegebenen äußeren Bedingungen an- 
passen und wie sie mit dem Wechsel dieser Bedingungen sich stets 
verändern, denn gerade an den unverändert gebliebenen Resten 
erkennen wir recht deutlich die Umwandlung der Hauptmasse. 

Daß nicht alle Lebewesen gleich schnell und daß sie nicht 
zu jeder Zeit der Veränderung unterliegen, daß die alten Formen 
oder Gruppen von den jüngeren nicht immer sofort unterdrückt 
und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, sondern im Gegen- 
teile oft noch recht lange fortbestehen, kann, meine ich, im besten 



(206) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



Falle gegen die allumfassende, unumschränkte Alleinherrschaft des 
„Kampfes ums Dasein", beziehungsweise der Selektion ins Treffen 
geführt werden, nicht aber gegen das Bestehen dieses Kampfes 
und der Selektion überhaupt. Es kann aber logischerweise auch 
nicht als Argument gegen die formbildende Wirksamkeit funk- 
tioneller oder reizbedingter Anpassung und direkter Bewirkung 
gelten, so lange die Persistenz der Typen nur eine relative und 
eine Ausnahmserscheinung ist. 

Wenn es Formengruppen gibt, die sich durch relativ lange 
Zeiträume fast unverändert erhalten haben, aber während dieser 
Zeiträume einmal oder wiederholt den Ausgangspunkt für neue 
Formen bildeten, so berechtigt uns, glaube ich, diese Tatsache auch 
nicht, die treibende Kraft, welche diese neuen Formen erzeugte, 
in anderen als den oben erwähnten formbildenden Faktoren zu 
suchen, also etwa in einem vitalistischen Prinzipe oder psychischen 
Elemente. Denn, wenn sich die NichtVeränderung gewisser Or- 
ganismen auch durch zufälliges Versagen der beiden heute ziemlich 
allgemein als formbildend anerkannten natürlichen Faktoren, sei 
es durch Unterbleiben der kleinen Variationen, welche der Selektion 
als Angriffspunkt dienen, sei es durch zeitweise geringere Empfäng- 
lichkeit gegen Reize oder durch das Ausbleiben äußerer Einflüsse, 
erklären läßt, so entfallen alle diese Gründe gerade bei der An- 
nahme eines dritten in der organischen Substanz selbst gelegenen, 
mehr oder minder übernatürlich gedachten, Neues schaffenden Prin- 
zipes oder Elementes, dessen zeitweiliges Versagen mir gerade recht 
unerklärlich erscheint. Aus der Nicht Veränderung aber auf ein ewig 
veränderndes Prinzip zu schließen, würde mir unlogisch vorkommen, 
und ich meine daher, daß im Gegenteile gerade die Existenz persi- 
stenter Typen so recht gegen den Vitalismus spricht, weil derartige 
übernatürliche Kräfte gewiß keine Ursache hätten, zeitweise zu 
striken und gerade dann zu versagen, wenn auch die beiden, von den 
gemäßigten Vitalisten noch geduldeten Konkurrenten infolge un- 
günstiger Zufälle einzugreifen verhindert sind. Wollen die Vitalisten 
Recht behalten, so dürfen sie sich nicht an die Existenz persistenter 
Formen klammern, sondern müssen beweisen, daß es trotz zeitweisem 
Versagen von Selektion, direkter Bewirkung und reizbedingter oder 
funktioneller Anpassung keine persistenten Formen gibt. 



Bericht über die allgemeine Versammlang. 



(207 ) 



Wie dem aber auch sei! Eines scheint mir festzustellen: Die 
Relikte haben für die verschiedensten Richtungen der Biologie eine 
eminente Bedeutung-. Und wir werden daher gut tun, sie stets bei 
unseren Forschungen mit besonderer Vorliebe aufzusuchen, zu be- 
obachten und zu untersuchen. Wir werden aber auch trachten, 
sie, deren Schicksal leider nur zu oft schon vorauszubestimmen ist, 
möglichst lange und für möglichst viele künftige Generationen von 
Forschern und Naturfreunden lebend und nicht, wie von englischer 
Seite vorgeschlagen wurde, nur in Balgform oder in Alkohol in 
den Museen zu erhalten. So wie die Nordamerikanische Union 
dem Bison ein Refugium gewährt, so sollten auch wir den zahl- 
reichen, durch die im übrigen gewiß schätzenswerte Tätigkeit der 
„Verschönerungsvereine", der Forstverwaltungen etc. arg bedrohten 
interessanten Tier- und Pflanzenrelikten unserer engeren Heimat 
einen „Nationalpark" stiften. 

Schließlich hält Herr Privatdozent Dr. 0. Po r seh einen Vor- 
trag: „Die Photographie im Dienste der Blütenbiologie." 
(Mit Demonstration von Lichtbildern.) (Dieser Vortrag erscheint 
anderweitig ausführlich.) 



Ordentliche General-Versammlung' 

am 7. April 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. R. v. Wettstein. 

Der Vorsitzende begrüßt die Versammlung, konstatiert die 
Beschlußfähigkeit und ergreift sodann selbst das Wort zu folgendem 
Jahresbericht: 

Verehrte Versammlung! 

Das Gesellschaftsjahr, über dessen Verlauf wir heute zu be- 
richten haben, stand unter dem Eindrucke der Beschaffung und 
Einrichtung unserer neuen Räume und der damit verbundenen Über- 
siedlung. Ich muß vor allem mit Befriedigung konstatieren, daß 
diese große Aktion ohne Störung unserer Tätigkeit sich vollzog, 



(208) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



daß unser Vereinsleben trotzdem in geregelter Weise sich abspielte 
und die seit Jahren zu konstatierende Tendenz der fortschreitenden 
Entwicklung beibehielt. 

Als wir an die Beschaffung der neuen Räume schritten, war 
es uns klar, daß diese Aktion nicht nur große Vorteile für unsere 
Gesellschaft bringen werde, sondern daß sie auch mit gewissen 
Gefahren für die Kontinuität des Vereinslebens verbunden sei. Mit 
Freude müssen wir heute konstatieren, daß diese Gefährdung nicht 
eingetreten ist, daß unsere Mitglieder gewisse, für einzelne fühlbare 
Unbequemlichkeiten der Übergangszeit im Hinblicke auf die Inter- 
essen der Gesellschaft auf sich genommen haben, wofür hier der 
wärmste Dank der Gesellschaftsleitung ausgesprochen sei. Es war 
unvermeidlich, daß in der ersten Zeit einzelne Übelstände zutage 
traten ; wir waren bemüht, dieselben zu beseitigen und können uns 
wohl heute der Hoffnung hingeben, daß fortan ausschließlich die 
Befriedigung über den neuen Zustand hervortreten wird. Schon in 
der ersten Sitzung, welche wir in diesen Räumen veranstalteten, 
habe ich der hingebungsvollen Tätigkeit unseres Herrn General- 
sekretärs J. Brunnthaler anläßlich der Neueinrichtung und Über- 
siedlung gedacht und ich möchte diesen Dank hier in der General- 
versammlung wiederholen, ihn ausdehnend auf seine Gesamttätigkeit 
im Interesse unserer Gesellschaft. 

Über die Gestaltung unseres sozusagen normalen Gesellschafts- 
lebens werden die Berichte unserer Herren Funktionäre Daten ent- 
halten; ich möchte hier nur konstatieren, daß dieses Leben auf 
allen Gebieten eine freudige Fortentwicklung und Fortschritte zeigt, 
was nicht bloß auf die rege Anteilnahme unserer Mitglieder, sondern 
auch auf die opferfreudige Mitarbeit aller Funktionäre zurückzu- 
führen ist, denen ich bei diesem Anlasse meinen herzlichsten und 
wärmsten Dank aussprechen möchte. Das rege Gesellschaftsleben 
spiegelt sich in unseren Publikationen, auf deren Fortführung und 
Ausgestaltung Herr Kustos A. Handlirsch in nicht genug anzu- 
erkennender Weise Mühe und Arbeit verwendet. 

Der Stand unserer Mitglieder bewegt sich, wie seit Jahren, 
erfreulicherweise in aufsteigender Linie. Trotz erheblicher Abgänge 
durch Tod (16) und Austritte (21) hat der Mitgliederstand eine Er- 
höhung um 28 wirkliche Mitglieder erfahren. 



Bericht, über die ordentliche (ieneral -Versammlung. 



(209) 



Durch den Tod wurden uns im abgelaufenen Jahre 4 Ehren 
mitglieder und 12 wirkliche Mitglieder entrissen, nämlich die Ehren 
mitglieder Genemlstabsarzt Dr. Chimani, geh. Rat Dr. Franz v. 
Leydig, kais. Rat Prof. Dr. Gustav Mayr und geh. Rat Prof. Dr. 
Karl Möbius, die wirklichen Mitglieder S. Brusina, F. C. Craw- 
ford, Baron F. Dalberg, Dr. A. Göttinger, Emilie Hatschek, 
Dr. B. Klaptocz, G. Kolombatovic, F. Nießl, Prof. Dr. J. Pa- 
lacky, Dr. V, Patzelt, P. Alexander Schaff er und Prof. M. 
Schneider. 

Ein ehrendes Andenken ist all diesen Verstorbenen in unserem 
Kreise gesichert; besonders schmerzlich berührte uns der Verlust 
der beiden letzten Gründer unserer Gesellschaft, kais. Rat Prof. Dr. 
G. Mayr und Generalstabsarzt Dr. Chimani. Der ersterwähnte 
hat durch ein hochherziges Vermächtnis die Sympathien, die er 
durch nahezu 60 Jahre unserer Gesellschaft bewahrte, zum Aus- 
drucke gebracht und wir unsererseits waren bestrebt, unsere Ver- 
ehrung und Dankbarkeit durch eine Gedenkfeier zu bekunden, 
welche am 28. November stattfand und bei der unser verehrter 
Präsidentstellvertreter Prof. Grobben die Gedenkrede, Herr Prof. 
Pintner einen der Gelegenheit angepaßten Vortrag hielt. 

Von außerordentlichen Veranstaltungen der Gesellschaft möchte 
ich zunächst zwei Vorträge von auswärtigen Herren erwähnen, die 
über Einladung unserer Gesellschaft in unserer Mitte sprachen. Am 
21. März sprach Prof. Dr. A. Forel über „Individuelle und soziale 
Psychologie der Ameisen", am 30. November Herr Dr. H. Ross 
über die botanischen Ergebnisse seiner mexikanischen Reise. Der 
ersterwähnte Vortrag wurde gegen Eintrittsgeld veranstaltet und 
lieferte ein sehr namhaftes Erträgnis, welches wir, entsprechend 
den von Sr. Majestät unserem Kaiser für das Jubiläumsjahr aus- 
gesprochenen Wünschen, der Wiener Kinderschutz- und Rettungs- 
gesellschaft zuwendeten. In der Zeit vom 30. März bis 4. April 
fand der von der Firma Zeiss in großzügigster Weise ermöglichte 
Kurs über wissenschaftliche Mikroskopie statt, den die 
Herren Prof. Dr. Ambronn, Dr. Köhler und Dr. Sieden topf aus 
Jena abhielten; den schon bei anderer Gelegenheit ausgesprochenen 
Dank an diese Herren möchte ich bei diesem Anlasse auf das herz- 
lichste wiederholen. 



(210) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung-. 



In der Zeit vom 15. Januar bis 12. Februar veranstalteten 
wir Diskussionsabende über den naturwissenschaftlichen 
Unterricht an unseren Mittelschulen. Alle Teilnehmer werden 
sich noch gerne an diese anregungsreichen und ergebnisvollen Abende 
erinnern, deren Erfolg wir vor allem den Herren zu verdanken 
haben, welche die Erstattung und Vertretung der Referate über- 
nommen hatten; es waren dies die Professoren K. Fritsch, H. L an- 
ner, P. Pfurtscheller und E. Witlaczil. Die Ergebnisse dieser 
Diskussionsabende wurden als eigene Publikation im Verlage von 
F. Tempsky veröffentlicht und haben sehr viel Beachtung und 
Anerkennung gefunden. Wir dürfen wohl auch behaupten, daß der 
Inhalt dieser Publikation in dem zum Ausdrucke kommt, was die 
hohe Unterrichtsverwaltung' gelegentlich der Reform der Lehrpläne 
für unsere Mittelschulen in bezug auf die Ausgestaltung des natur- 
historischen Unterrichtes verfügte, wenn wir auch anderseits mit 
Bedauern konstatieren müssen, daß auch in diesen neuen Lehr- 
plänen, speziell in jenen für das Gymnasium, dem naturgeschicht- 
lichen Unterrichte nicht jene Rolle eingeräumt wurde, die ihm 
sachlich unbedingt gebühren würde und die im wohlverstandenen 
Interesse des humanistischen Gymnasiums selbst gelegen wäre. 

Auch im Vorjahre hat das k. k. Ackerbauministerium die von 
uns eingeleiteten Vorarbeiten zur Schaffung einer pflanzen- 
geographischen Detailkarte von Österreich subventioniert. 
An den Aufnahmen beteiligten sich im Berichtsjahre die Herren 
Dr. A. Ginzberger, Dr. A. v. Hayek, Prof. J. Nevole und Dr. F. 
Vi erkapp er. Von dem Ergebnis dieser Arbeiten wurde die Karte 
für das Hochschwabgebiet, bearbeitet von Herrn Prof. Nevole, in 
unseren „Abhandlungen" veröffentlicht. 

In der nächsten Zeit wollen wir unsere besondere Aufmerk- 
samkeit der Herstellung von botanischen und zoologischen Demon- 
strationsmateriale für Schulen zuwenden. Wie Sie wissen, haben 
wir vor zwei Jahren den Beschluß gefaßt, diese Aktion, die immer 
zu den wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft zählte, planmäßig 
zu organisieren. Durch eine spezielle Subvention des hohen k. k. 
Unterrichtsministeriums wurden wir in die Lage versetzt, diesem 
Plane näher zu treten. Das Vorjahr diente insbesondere der Auf- 
sammlung von Materialien; heuer soll nun ein wesentlicher Schritt 



Bericht Uber <li<' ordentliche General -Versammlung. 



(211) 



weiter getan werden, so daß wir hoffen, demnächst an die Fertig- 
stellang von allen Anforderungen entsprechenden Sammlungen 
schreiten zu können. 

Unsere Gesellschaft war stets bestrebt, neben ihren ernsten 
wissenschaftlichen Aufgaben und ohne Beeinträchtigung derselben 
auch der Aufgabe gerecht zu werden, allen denen, welche sich für 
Naturwissenschaften interessieren, einen Sammelpunkt zu bieten, 
welcher der Pflege der Aussprache und freundschaftlicher Bezie- 
hungen dient. Sie wollte dadurch Beziehungen zwischen den Natur- 
freunden aller Berufskreise und insbesondere auch den so not- 
wendigen Kontakt zwischen den Fachkreisen und dem jüngeren 
Nachwüchse herstellen. Mit Freude können wir konstatieren, daß 
dies bisher stets gelungen ist. In einer Zeit, in der die Entwick- 
lung der Wissenschaft zu einer immer weiter gehenderen Speziali- 
sierung zwingt, in der die Fühlung der einzelnen Disziplinen mit 
ihren Nachbardisziplinen eine immer lockerere wird, in der auch 
innerhalb einer gelehrten Gesellschaft eine gewisse Dezentralisation 
unvermeidlich ist, tritt jene Aufgabe in ihrer Bedeutung ganz be- 
sonders hervor und ich glaube mich daher in Übereinstimmung 
mit der Gesamtheit unserer Mitglieder zu befinden, wenn ich die 
Gelegenheit der Generalversammlung dazu benütze, um zu betonen, 
daß wir diese sozialen Aufgaben unserer Gesellschaft stets im Auge 
behalten und an alle die Bitte richte, uns dabei behilflich zu sein. 



Hierauf folgen die Jahresberichte der anderen Funktionäre 
der Gesellschaft: 

Bericht des Generalsekretärs Herrn J. Brunnthaler. 

Das abgelaufene Jahr stand in seiner zweiten Hälfte unter 
dem Zeichen der Übersiedlung und der damit verbundenen Arbeiten. 

Die Zahl der Versammlungen war auch im Berichtsjahre eine 
befriedigende. In den allgemeinen Versammlungen wurden 15 Vor- 
träge und Demonstrationen abgehalten. Die Sektionen erfreuen sich 
eines fortgesetzten guten Besuches: fast 50 Sitzungen mit mehr als 
120 Vorträgen und Demonstrationen geben Zeugnis von dem regen 
Leben in den Sektionen. 



(212) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



Die Kryptogamen-Sektion veranstaltete im Jahre 1908 in 
Fortsetzung des im Vorjahre begonnenen Kurses einen weiteren 
Kurs über Lichenen, für dessen Abhaltung wir Herrn Kustos Dr. 
A. Zahlbruckner zu wärmsten Danke verpflichtet sind. 

Die Anschaffung eines Epidiaskopes von Zeiss hat einen oft 
geäußerten Wunsch in Erfüllung gebracht und wurde die Notwendig- 
keit eines derartigen Hilfsmittels durch die häufige Benützung am 
besten illustriert. Der Firma Zeiss und speziell ihrem hiesigen 
Vertreter sind wir für das bewiesene Entgegenkommen bei dieser 
Anschaffung zu Dank verpflichtet. 

Über einige außerordentliche Veranstaltungen unserer Gesell- 
schaft wurde bereits seitens unseres Herrn Präsidenten berichtet. 

Die Übersiedlung hat den normalen Betrieb unseres Vereins- 
lebens wohl etwas tangiert, er wurde jedoch soweit als möglich 
aufrecht erhalten. Die unvermeidlichen Unannehmlichkeiten und 
Mängel, welche sich besonders im Beginne unserer Tätigkeit in 
dem neuen Lokale zeigten, werden im Laufe des heurigen Jahres 
schwinden. 

Das Mitgliederverzeichnis wurde neu hergestellt und soll in 
regelmäßigen Zwischenräumen erscheinen. 

Die Geschäftsordnung wurde einer Revision unterzogen und 
ist an alle Mitglieder versandt worden. 

Die Beteilung der Schulen mit Lehrmitteln befindet sich in 
einem Übergangsstadium und war während des ganzen Jahres unsere 
Tätigkeit auf Beschaffung von Material gerichtet, damit die wünschens- 
werte Vollständigkeit der einzelnen Gruppen ermöglicht werde. 

Es spendeten wie seit Jahren eine Reihe von Mitgliedern 
Objekte für Schulbeteilung sowie für unsere eigenen Sammlungen. 
Es sind dies die Herren J. Brunn thaler, M. F. Müllner, Dr. 
F. Ostermeyer, Prof. Dr. V. Schiffner, Prof. Dr. R. v. Wettstein. 

Die k. k. zoologische Station in Triest sandte wie seither eine 
Anzahl Meerestiere gegen unsere „Verhandlungen". 

Des Vermächtnisses unseres verstorbenen Ehrenmitgliedes kais. 
Rat Prof. Dr. G. Mayr gedachte bereits der Bericht unseres Präsi- 
denten. 

Es ist uns eine angenehme Pflicht, unseren Dank auszusprechen 
unserem verehrten Herrn Vizepräsidenten Dr. F. Ostermeyer, der 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



(218) 



sieh wie seit vielen Jahren der Mühe unterzog, sowohl unser Herbar 
in Ordnung zu halten, wie aueh der Schulbeteilung .seine Kräfte 
zu widmen. 



Bericht des Redakteurs Herrn Kustos A. Handlirsch. 

Der 58. Jahrgang unserer „Verhandlungen" umfaßt 814 Seiten 
und wird durch 2 Tafeln, 25 Abbildungen im Texte und 2 Porträts 
illustriert. Er übertrifft seine unmittelbaren Vorgänger nicht nur an 
Umfang, denn auch in beziig auf die reiche Gliederung des Inhaltes 
ist ein wesentlicher Fortschritt zu verzeichnen. 

Wenn sich auch naturgemäß noch immer der größere Teil 
von den Originalmitteilungen, die im abgelaufenen Jahre die statt- 
liche Zahl von 111 erreichten, in der speziellen faunistischen, 
beziehungsweise floristischen Richtung bewegt, so läßt sich doch 
nicht verkennen, wie nach und nach auch in unseren Schriften 
jene Forschungsrichtungen zum Worte kommen, die geeignet sind, 
das Interesse weiterer Kreise zu wecken. 

Die Berichte über 53 Veranstaltungen und Versammlungen 
des Vereines, darunter 12 allgemeine, 17 der Sektion für Botanik, 
8 der Sektion für Koleopterologie, 8 der Sektion für Lepidopterologie, 
5 der Sektion für Paläozoologie, 3 der Sektion für Zoologie, umfassen 
zusammen mit 26 Referaten 273 Druckseiten, während 541 Seiten 
von 20 selbständigen Arbeiten zoologischen und 7 botanischen In- 
haltes ausgefüllt werden. Je eine größere Arbeit verdanken wir 
unserem Ehrenmitgliede Prof. H. v. I bering und unserem korre- 
spondierenden Mitgliede Prof. A. Forel. 

Außer den Beschreibungen von 171 neuen Tier- und 25 neuen 
Pflanzenformen ist auch im 58. Bande wieder eine stattliche Reihe 
von geographisch oder ökologisch interessanten neuen Tatsachen 
niedergelegt, die als Bausteine für weitere Arbeiten gelten können. 
In vielen allgemein biologischen, morphologischen, systematischen 
oder geographischen Fragen wurden neue Ansichten ausgesprochen, 
so daß unsere „Verhandlungen" in bezug auf wissenschaftlichen 
Wert stets ihre hohe, allgemein anerkannte Stellung behaupten. 

Von den „Abhandlungen" konnte im Laufe des letzten 
Jahres nur ein Heft zur Ausgabe gelangen; es enthält die pflanzen- 



(214) 



Berieht über die ordentliche General -Versammlung. 



geographische Aufnahme des Hochschwabgebietes von Herrn Prof. 
J. Nevole und ist mit einer in Farbendruck ausgeführten Karte 
ausgestattet. 



Bericht des Rechnungsführers Herrn Julius v. Hunger- 



foyehler. 
Einnahmen pro 1908 : 

Jahresbeiträge mit Einschluß der Mehrzahlungen . . K 7.340 . 24 

Auf Lebensdauer geleistete Einzahlung „ 180. — 

Zusammen . . K 7.520.24 

Subventionen ■ . ,, 3.170. — 



Subvention des h. k. k. Ackerbau Ministeriums für die 

pflanzengeographische Aufnahme Österreichs . „ 1.000. — 

Subvention des h. n.-ö. Landesausschusses zur Her- 
ausgabe der Abbildungen der in Niederöster- 



reich gesetzlich geschützten Pflanzen . . . „ 750. — 
Subvention des löbl. Gemeinderates der Stadt Wien 

für denselben Zweck „ 750. — 

Vergütung des h. n.-ö. Laudesausschusses für die 

Naturalwolmung im Landhause „ 5.000 . — 

Zins für den vermieteten Wohnungsteil pro 1. Mai 

bis 1. November 1903 „ 420.— 

Verkauf von Druckschriften und Druckersätze . . „ 1.117.94 

Interessen von Wertpapieren und Sparkassa-Einlagen „ 1.037.21 

Für Annoncen „ 180. — 

Unvorhergesehene Einnahmen „ 106.38 

Summa . . K 21.051.77 

Ausgaben pro 1908 : 

Honorar des Herrn Generalsekretärs K 1.200. — 

Besoldung des Kanzlisten „ 1.704. — 

Versicherungsprämie für den Kanzlisten .... „ 101.04 

Remunerationen und Neujahrgelder „ 90. — 

Gebührenäquivalent „ 39.15 

Mietzins vom 1. Mai bis 1. November 1908 . . . „ 2.130.- 

Transport . . K 5.264.19 



Bericht über die ordentliche General Versammlung. 



(215) 



Transport . . K 5.264. I ( .) 
Versicherungsprämie für Bibliothek, Herbar und Ein- 
richtung (gegen Feuersgefahr und Einbruch) . „ 177.81 
Beheizung, Beleuchtung und Instandhaltung der Ge- 

sellschaftslokalitäten „ 676.69 

Kanzleierfordernisse „ 870.17 

Porto und Stempelauslagen „ 1.205.74 

Herausgabe von Druckschriften: 

„Verhandlungen", Bd. 58 (10 Hefte), 
Druck, broschieren und Illustra- 
tionen K 6.330. — 

„Abhandlungen"; Bd. IV, 4. Heft: 
Vorarbeiten zu einer pflanzengeo- 
graphischen Karte Österreichs. 
V. Das Hochschwabgebiet in 
Obersteiermark. Von Prof. Job. 

Nevole . . „ 74.61 „ 6.404.61 

Herausgabe der „Abbildungen der in Niederöster- 
reich gesetzlich geschützten Pflanzen" . . . „ 1.845. — 
Herausgabe des Mitgliederverzeiclmisses .... „ 209.26 

Bücher- und Zeitschriftenankauf „ 1.266.02 

Buchbinderarbeit für die Bibliothek ., 832.64 

Honorar für Keferate 85.50 

Reisespesen etc. (für die pflanzengeographische Auf- 
nahme) „ 850 . — 

Für Einrichtungsgegenstände „ 31.50 

Sonstige verschiedene unvorhergesehene Auslagen . „ 513.54 

Summa . . K 20.232.67 

Die Kosten der Restaurierung des alten Musealgebäudes 
im botanischen Garten der k. k. Universität, III., Mechelgasse 2, 
und der Übersiedlung der Gesellschaft in das neue Lokal 
betrugen K 26.419 . 07 

Hievon ab der zu diesen Kosten vom hohen k. k, 
Ministerium für Kultus und Unterricht gewährte 
Staatsbeitrag per „ 6.500 . — 

verbleiben . . K 19.919.07 



(216) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



welcher Betrag aus dem Gesellschaftsveraiögen durch Verkauf 
von Wertpapieren und Verwendung des Kassarestes gedeckt 
wurde. 

Ferner besitzt die Gesellschaft derzeit an Wertpapieren: 

K 400. — S^/oige Österreichische steuerfreie Staatsrente- 
Obligationen (Investitionsrente), 

K 10.000. — 4°/ ige Einheitliche konvertierte steuerfreie 
Kronenrente (Mairente), 

1 Stück Rudolfs-Los, Serie 3893, Nr. 48, per 10 fl. ö. W., 

1 „ Claiy-Los, Nr. 784, per 40 fl. K. M., 

2 „ Aktien des „Botanischen Zentralblattes", ddo. Leiden, 
1. Januar 1902, ä 250 fl. 

A/erzeichnis 
der im Jahre 1908 der Gesellschaft gewährten 



Subventionen: 

Von Sr. k. u. k. Apost. Majestät Kaiser Franz Josef I. K 400. — 
Von Ihren k. u. k. Hoheiten den durchl. Herren Erz- 
herzogen : 

Rainer „ 100.— 

Karl Franz Josef „ 100. — 

Eugen „100.— 

Franz Salvator „ 50. — 

Friedrich . „ 100.— 

Von Sr. Durchlaucht dem regierenden Fürsten Johann 

von Liechtenstein . „ 100. — 

Von Sr. Majestät dem Könige von Bayern 80. — 

Von Sr. kgl. Hoheit dem Herzoge von Cumberland „ 40. — 

Vom hohen k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht 600 . — 

Vom löbl. Gemeinderate der Stadt Wien „ 1500. — 



Vom hohen k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht 
eine Subvention zur Beschaffung von Lehrmittel- 
sammlungen für Schulen im Betrage von . . K 2000 . — 
(unter spezieller Verrechnung). 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 

"Verzeichnis 

der für das Jahr 1908 geleisteten höheren Jahresbeiträge 
von 14 K aufwärts. 

Vom hohen k. k. Ackerbau-Ministerium K 50. — 

Von den P. T. Herren : 

Dräsche Freih. v. Wartimberg, Dr. Richard . . . „ 100. — 

Wettstein v. Westersheim, Dr. Richard .... „ 50. — 

May r, Dr. Gustav „50.— 

Bartsch Franz, k. k. Hofrat „ 40. — 

Steindachner, Dr. Franz, k. k. Hofrat „ 40. — 

Schwarzenberg, Fürst Adolf Josef, Durchlaucht . . „ 30. — 
Leonhart Otto, Nedwed Karl, Rothschild, Albert 

Freih. v., je „ 20.- 

Bergh, Dr. Rudolf, Imhof, Dr. Em. Othmar, Net u Schill 
Franz, Rossi Ludwig, Universitätsbibliothek Tü- 
bingen je „ 14 . — 



Die Rechnungen wurden von den Herren Revisoren Magistrats- 
rat Dr. Fr. Spaeth und k. k. Sektionsrat Dr. L. Melichar geprüft 
und richtig befunden. 

Die Versammlung genehmigt die vorgelegten Berichte und er- 
teilt dem Rechnungsführer einstimmig das Absolutorium. 

Die beiden bisherigen Rechnungsrevisoren werden neuerdings 
gewählt. 

Bericht des Bibliothek-Komitees. 

Die Geschäfte der Bibliothek besorgten im Berichtsjahre die 
Herren Generalsekretär J. Brunnthaler und Kustos Dr. A. Zahl- 
bruckner. 

Der Zuwachs der Bibliothek im Jahre 1908 betrug: 
A. Zeit- und Gesellschaftsschriften: 

als Geschenke ... 5 Nummern in 8 Teilen, 
durch Tausch ... 303 „ „ 367 „ 
„ Kauf . . . ._20_ „ „ _29_ „ 
Zusammen . . 328 „ „ 404 n 



(21«) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



B. Einzelwerke und Sonderabdrücke: 

als Geschenke ... 216 Nummern in 242 Teilen, 
durch Tausch ... 80 „ „ 87 „ 
n Kauf . . . . 11 „ „ 16 „ 
Zusammen . . 307 „ „ 345 „ 

Es wurden daher der Bibliothek einverleibt 635 Nummern in 
749 Teilen. 

Die Büchersammlung, welche die Gesellschaft aus dem Nach- 
lasse des verstorbenen Ehrenmitgliedes Prof. Dr. Gustav Mayr er- 
hielt, wurde bisher noch nicht aufgearbeitet. Darüber wird im 
Ausweise des nächsten Jahres Bericht erstattet werden. 

Geschenke widmeten der Bibliothek Fräul. A. Pehersdorfer- 
Steyr und die Herren: J. Bornmüller-Weimar, Dr. A. v. Degen- 
Budapest, L. Derganc-Wien, A. Dod er o- Genua, Dr. K. Domin- 
Prag, R. Eder-Mödling, Dr. J. Fahringer-Wien, B. Fedtschenko- 
St. Petersburg, H. Fleischmann-Wien, E. Frey- Gessner- Genf, 
Dr. A. Friö-Prag, Dr. A. Gin zb erger-Wien, Prof. Dr. K. Grobben- 
Wien, Dr. A. v. Hayek-Wien, Dr. L. v. Heyden jun. -Moskau, 
W. Himmelbaur-Wien, Dr. K. Holdhaus-Wien, C. C. Hosseus- 
Berlin, Dr. P. Kammerer-Wien, J. Kaufmann-Wien, Dr. K. v. 
Keissler-Wien, L. Keller-Wien, Dr. M. Kronfeld-Wien, VI. Kul- 
czinski-Krakau, L. Löwy-Wien, Th. Münster-Kongsberg, Dr. Fr. 
Ostermeyer-Wien, JrW. Palipin-St. Petersburg, f Z. C. Pantu- 
Bukarest, Dr. M. C. Piepers-Amsterdam, Dr. 0. Porsch-Wien, E. 
Preißmann-Wien, Dr. R. Puschnig-Klagenfurt, Prof. Dr. H. Rebel- 
Wien, Dr. K. Rechinger-Wien, Dr. H. Reh m- München, E. Reu- 
ter-Helsingfors, Dr. A. Rogenhofer-Wien, Dr. H. Sabransky- 
Söchau, H. Sabidussi-Klagenfurt, Dr. M. Sassi-Wien, J. M. Schae- 
berli-Ava Arbor, U. S. Am., P. A. Schaffer-Mariahof, Dr. J. Schil- 
ler-Triest, J. Schindler-Wien, R. Schrödinger-Wien, Prof. Dr. 
G. Schweinfurt-Berlin, Dr. W. Sedlaczek-Wien, M. E. Senft- 
Prag, Dr. J. Stadlmann-Wien, Dr. G. Star kl- Kalksburg, Dr. K. 
Toldt jun. -Wien, A. Trotter-Avellino, Prof. Dr. P. Ulenhuth- 
Berlin, Dr. F. Urban-Plon, Prof. Dr. E. Warming-Kopenhagen, 
Prof. Dr. R. v. Wettstein-Wien, Dr. A. Zahlbruckner-Wien; ferner 
von den Verlagsbuchhandlungen : Bauer & Raspe-Nürnberg, Gebr. 



Bericht über die ordentliche General Versammlun 



(219) 



Born traeger- Berlin, Engelm an n- Leipzig, Göschen Leipzig, A. 
Pichlers Wwe. & Sohn -Wien, Reimer-Berlin, Sc Ii reib er- München 
und Tauchnitz-Leipzig. 

Das Bibliotheks-Komitee erlaubt sich, allen Spendern den ver- 
bindlichsten Dank auszusprechen. 

Verausgabt wurden für die Bibliothek: für Ankäufe K 1266.02, 
für Buchbinderarbeiten K 832.64, zusammen K 2098.66. 

Neue Tauschverbindungen wurden angeknüpft mit der 
Socißte" Entomologique d'Egypte, Ca'i'ro. 
Augusta Library Publications, Rock Island. 
Sociedad scientifica da Säo Paulo. 
Archiv für Biontologie in Berlin. 

Mitteilungen der teichwissenschaftlichen Versuchsanstalt in 
Wien. 

VSstnik klubu pfirodovödeckelio in Proßnitz. 
Bolletino del Laboratorio di Zoologia in Porti ei. 
Madonna Verona in Verona. 
Svensk Botanisk Tidskrift in Stockholm. 
Neu pränumeriert wurde die Zeitschrift „Science" (Lancaster 
and Garrison). 



Der Generalsekretär Herr Josef Brunnthaler macht hierauf 
folgende geschäftliche Mitteilungen: 

Als Mitglieder sind neu eingetreten: 

Ordentliche : 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Aigner Eugelbr., Kooperator, Brand, 

Post Laaben, Niederüsterrtich . . den Ausschuß. 

„ Beigel Franz, Wien, VIII., Langeg. 43 den Ausschuß. 

„ Brennerb erg, Franz v., Wien, IV., 

Heugasse 20 Dr. P. Kämmerer, E. v. Paska. 

„ Czermak Moriz, Wien, IX., Clusius- 

gasse 3 „ „ 

„ Fuchs Kichard, k. k. Supplent, Wien, 

IX./4, Nußdorferstraße 25 ... . W.Himelbaur, Dr. A.Rogenhofer. 

„ Haus er, Dr. Franz, k. u. k. General- 
stabsarzt i. R., Wien, XVIII., Gym- 
nasiumstraße 19/21 den Ausschuß. 



(220) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



P. T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Hausmann, Dr. Wlt., Wien,XVIII./l, 

Hochschulstraße 17 J. Brunnthaler, Dr. K. Linsbauer. 

„ Kittl, Prof. E., Wien, I., Burgring 7 A. Handlirsch, Dr. Zahlbruckner. 
„ Knau er, Dr. Friedrich, Klausen-Leo- 
poldsdorf bei Baden, N.-Ö. . . . Dr. P. Kämmerer, E. v. Paska. 
„ Kr eis ler, Dr. S., Wien, IL, Untere 

Augartenstraße 1 „ „ 

„ Puschnig, Dr. R., Klagenfurt (Römer- 
bad) J. Brunnthaler, A. Handlirsch. 

„ Tomazini, Otto Eitter v., k. u. k. 

Oberstlieutenant, Lastva di Cattaro Dr. P. Kämmerer, E. v. Paska. 
„ Velitchkowsky Wladimir, Waluiki, 

Gouv. Woronesch, Siidrußland . . J. Brunnthaler, Prof. H. Hebel. 
Frau Wehren fennig, Dr. Pauline, Wien, 

V., Wehrgasse 11 Dr. P. Kammerer, E. v. Paska. 

Herr Wiedemann Maximilian, k. u.k. Ober- 
leutnant des 72. Inf.-Reg., Risano- 

Sanik, Süddalmatien „ „ 

In der letzten Sitzung* des Redaktionskomitees wurden zur 
Publikation in den „Verhandlungen" angenommen: 

H. Rebel: Otto Habich. Ein Nachruf. 
V. Schiffner: Über die Grenzen der Deszendenzlehre und 
Systematik. 

F. Spaeth: Beschreibung neuer Cassididen nebst synonymi- 
schen Bemerkungen. 

E. Löwi: Über den absteigenden Saftstrom und andere Formen 
der Wasserverschiebung in der Pflanze. 

H. v. Ihering: System und Verbreitung der Heliciden. 

Josef Müller: Georyssidae, Dryopidae, Heteroceridae et Hydro- 
phylidae Dalmatiae. 

A. Aaronsohn: Über die in Palästina und Syrien wild- 
wachsend aufgefundenen Getreidearten. 

R. Puschnig: Beiträge zur Kenntnis der Orthopterenfauna 
von Kärnten. 

J. Bornmüller: Bearbeitung der von J. A. Knapp im nord- 
westlichen Persien gesammelten Pflanzen. 

V. v. Tschusi: Ornithologische Literatur Österreich-Ungarns 
und des Okkupationsgebietes 1908. 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung 



(221) 



Der Generalsekretär teilt ferner mit, daß es den Bemühungen 
unseres Ehrenmitgliedes Direktor R. v. Ihering in Säo Paulo (Bra- 
silien) gelungen ist, ein Territorium von 5 km 8 bei Alto da Sern» 
für Anlage einer biologischen Station zu erwerben. Es soll noch 
heuer mit dem Bau eines Hauses begonnen werden. Es ist damit 
die Möglichkeit geboten, im Urwald selbst sich biologischen Studien 
KU widmen, wofür wir Herrn Direktor Ihering zu großem Danke 
verpflichtet sind. 



Schließlich hält Herr Prof. Dr. 0. Abel einen Vortrag über: 

Konvergenz und Deszendenz. S 

Wenn man jemandem, der keine eingehenderen Kenntnisse 
von vergleichender Anatomie und Systematik besitzt, ein Exemplar 
von Notoryctes typhlops und Chrysochloris aurea vorlegen und da- 
neben etwa noch Talpa europaea und Bathyergus maritimus an- 
reihen würde, so wird der Betreffende wahrscheinlich alle Formen 
als Glieder einer einheitlichen Gruppe ansehen und sie wahrschein- 
lich sämtlich als Maulwürfe bezeichnen. Zu dieser Ansicht würde 
er durch die große Ähnlichkeit der gesamten Körperform geführt 
werden und bei näherer Betrachtung würde er wahrscheinlich Noto- 
ryctes und Chrysochloris als die am nächsten miteinander verwandten 
Gattungen bezeichnen, wozu ihn neben dem auffallenden Metall- 
schimmer des Pelzes wahrscheinlich die Ähnlichkeit der Scharr- 
krallen an der Hand beider Formen verleiten würde. 

Die genannten Säugetiere sind aber nicht näher miteinander 
verwandt, sondern gehören ganz verschiedenen Säugetierstämmen 
an. Notoryctes ist ein südaustralisches Beuteltier, ChrysocJdoris ein 
südafrikanischer Insektenfresser und gehört also in dieselbe Gruppe 
wie unser Maulwurf; Bathyergus ist ein südafrikanisches Nagetier. 
Ein genauerer Vergleich der Grabhände zeigt zwei wesentlich von- 
einander verschiedene Typen: Notoryctes, Chrysochloris und Bathy- 
ergus besitzen scharfe, sehr große Grabkrallen, Talpa eine sehr 
breite Hand mit relativ kleinen Krallen. Die Lebensweise dieser 
beiden Gruppen ist verschieden; Notoryctes, Chrysochloris und Bathy- 
ergus sind unterirdisch lebende Tiere, die in hartem Sandboden 



(222) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



graben, während sich unser Maulwurf nur in weichem Erdboden 
seine Gänge gräbt. 

Diese Tatsachen werden auch den unkundigen Beobachter 
bald davon überzeugen, daß die Ähnlichkeiten dieser Grabtiere nur 
äußerliche sind und nicht auf eine engere Verwandtschaft hin- 
weisen. Es liegt hier ein sehr klares Beispiel für eine ähnliche 
Umformung verschiedener, nicht miteinander verwandter 
Tiere infolge gleichartiger Lebensweise vor. 

Die Erkenntnis, daß eine gleichartige Lebensweise gleich- 
sinnige oder ähnliche Umformungen der Lebewesen zur Folge hat, 
geht sehr weit zurück und mußte schon zu jener Zeit klar werden, 
als man die Delphine als Säugetiere erkannt und von den Fischen 
getrennt hatte. Mit Recht konnte Darwin in seiner „Entstehung 
der Arten" sagen: „Niemand legt mehr der äußeren Ähnlichkeit der 
Maus mit der Spitzmaus, des Dugongs mit dem Wale und des 
Wales mit dem Fisch einige Wichtigkeit bei." Gleichwohl hat 
fünfzig Jahre später ein deutscher Geologe, G. Steinmann in 
Bonn, den Versuch unternommen, den genetischen Zusammenhang 
zwischen Delphin und Ichthyosaurus, der Sigillarien und Kakteen, 
der hörnertragenden Dinosaurier und Boviden, der Flugsaurier und 
Fledermäuse usw. nachzuweisen, ein Versuch, der zwar einmütige 
Ablehnung gefunden, aber doch in den Kreisen der Biologen den 
Wunsch erweckt hat, einmal eine Definition des Begriffes der „kon- 
vergenten Anpassung" zu versuchen, um derartige Entgleisungen 
wie die St ein mann sehen so weit als möglich zu verhindern. 

Der Ausdruck „Konvergenz" ist in der letzten Zeit, wie so 
viele Begriffe auf deszendenztheoretischem Gebiete, sehr häufig an- 
gewandt und zu einem Schlagworte gestempelt worden, ohne daß 
sich die verschiedenen Forscher auf eine eindeutige Anwendung 
dieser Bezeichnung geeinigt hätten. 

Neben dem Ausdrucke „Konvergenz" gelangten auch die 
Bezeichnungen „ Parallelismus u und „Divergenz" für verschiedene 
Anpassungsprozesse immer mehr in Anwendung; die von Darwin 
gebrauchte Bezeichnung „analoge Ähnlichkeiten" wird heute kaum 
mehr angewendet. 

Der erste, der eine scharfe analytische Trennung der Begriffe: 
Parallelismus, Konvergenz und Divergenz durchzuführen versuchte, 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



war II. F. Osborn. Er unterschied folgende Adaptationsformen 
(„The [deas and Terms of Modern Philosophical Anatomy", Science, 
N. S., XXI, N° 547, p. 959—961, June 23, 1905): 

I. Homologous, i. e. Homogeneous. 

II. Analogous. 

Parallel. Analogous adaptations, i. e., similar cha- 
racters arising independently in similar or related ani- 
mals or organs, causing a similar evolution, and resulting 
in parallelisms. 



TS 
< 

Ö 

c8 

Ö 

o 



CS 
TS 



Convergent. Similar adaptations arising indepen- 
dently in dissimilar or unrelated animals or Or- 
gans, causing a secondaiy similarity or approximation of 
type, resulting in convergence. 

\ 
/ 

III. Non -Analogous. 

Divergent. Increasing specialisation and differen- 
tiation resulting in „divergence" or „adaptive radiation". 

\ 

Zweifellos bedeutet der Versuch H. F. Osborns, auf analyti- 
schem Wege und in Form einer Tabelle die Unterschiede zwischen 
paralleler, konvergenter und divergenter Anpassung festzulegen, 
einen sehr wichtigen Fortschritt; eine Überprüfung dieser Defi- 
nitionen zeigt jedoch, daß sie nicht erschöpfend sind. Ich will daher 
den Versuch wagen, auf Grund einiger sorgfältig gewählter und 
klarer Fälle auf analytischem Wege zu einer anderen Definition 
zu gelangen. 



(224) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



Übersicht einiger Beispiele. 

I. Reduktion des Beckens von Balaenoptera und 
Halitheriu m. 1 ) 

[Gleiche Lebensweise; gleichartiger Reizmangel (Nicht- 
gebrauch); Umformungsresultat gleich; morphologischer Bau gleich; 
durchlaufene Entwicklungsstufen gleich.] 

IL Verstärkung der Mittelzehe bei gleichzeitiger 
Verkümmerung der Seitenzehen von Equus und Thoa- 
therium. 2 ) 

[Gleiche Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz (ver- 
stärkter Gebrauch der Mittelzehe) und gleichartiger Reizmangel 
(Nichtgebrauch der Seitenzehen); Umformungsrcsultat gleich ; mor- 
phologischer Bau gleich; durchlaufene Entwicklungsstufen gleich.] 

III. Ausbildung einer Zwischenfinger haut von 
Schwimmtieren und Fallschirmtieren (Hand von Chiro- 
nectes und Galeopithecus). 5 ) 

[Verschiedene Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz; 
Umformungsresultat gleich; morphologischer Bau gleich; durch- 
laufene Entwicklungsstufen gleich.] 

IV. Springfuß von Dipus und Macropus.*) 

[Gleiche Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz; Umfor- 
mungsresultat ähnlich; morphologischer Bau verschieden; durch- 
laufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

x ) 0. Abel, Die Morphologie der Hüftbeinrudimente der Cetaceen. — 
Denkschriften der kais. Akad. der Wiss. in Wien, math.-nat. Kl., Bd. LXXXI, 
1907, S. 139-194. 

2 ) Ibidem, S. 184. 

3 ) 0. Thomas, Catalogue of the Marswpialia and Monotremata in the 
Collection of the British Museum, London, 1888, p. 36G, PI. XXVIII, Fig. 8 
(Chironectes); W. H. Fl o wer and R. Lydekker, An Introduction to the 
Study of Mammals Living and Extinct, London, 1891, p. 615, Fig. 282 (Galeo- 

pithecus). 

4 ) M.Weber, Die Säugetiere, Jena, 1904, S. 501, Fig. 380 (Hinterfuß 
von Alactaga und Btpus)\ W. H. Fl o wer and R. Lydekker, 1. c., p. 159, 
Fig. 52 (Hinterfuß von Macropus)\ L. Dollo, Les ancetres des Marsupiaux 
etaient-ils arboricoles? — Miscellanees biologiques, dediees au Prof. A. Giard, 
etc., Paris, 1899, p. 197. 



Bericht über die ordentliche (Jenem! Versammlung 



(225) 



V. Flossenverbreiterung von Ichthyosaurus, Delphin, 
Manatus und Phoca. 1 ) 

[Gleiche Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz; Umfor- 
mungsresultat ähnlich; morphologischer Bau verschieden; durch- 
laufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

VI. Fallschirmflossen von Thoracopterus, Dollopterus, 
Exocoetus und Dactylopierus. 2 ) 

[Gleiche Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz; Umfor- 
mungsresultat ähnlich; morphologischer Bau verschieden; durch- 
laufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

VII. Bulla tympani von Balaena und Quadratum von 
Plioplatecarpus. 3 ) 

[Gleiche Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz; Umfor- 
mungsresultat ähnlich; morphologischer Bau verschieden; durch- 
laufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

VIII. Allgemeine Körperform von Lamna, Ichthyo- 
saurus und Grampus. 

[Gleiche Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz; Umfor- 
mungsresultat ähnlich; morphologischer Bau verschieden; durch- 
laufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

IX. Fitigelfärbung von Papilio Merope, Bana'is chry- 
sippus, Amauris niavicus und Amauris Echerla. 4 ) 

[Gleiche Lebensweise; gleiche Ursache der Umformung (Selek- 
tion der immunen Vorbilder und Selektion der ähnlich gefärbten 
Varietäten der mimetischen Arten); Umformungsresultat ähnlich; 
morphologischer Bau verschieden;, durchlaufene Entwicklungsstufen 
verschieden.] 



x ) 0. Abel, Die Stammesgeschichte der Meeressäugetiere. — Meeres- 
kunde, Berlin, 1907, I. Jahrg., Heft 4, S. 35, Fig. 27. 

2 ) 0. Abel, Fossile Flugfische. — Jahrb. d. k. k. Geol. Reichsanstalt in 
Wien, Bd. 56, 1906, S. 1-88. 

3 ) L. Dollo, Premiere note sur les Mosasauriens de Maestricht. — Bull. 
Soc. Beige de Geol., Paleont. et d'Hydrol., Vol. IV, 1890, p. 157—158; ibidem, 
Vol. V, 1891, p. 182; ibidem, Vol. XVIII, 1904, p. 207-213, PI. VI; ibidem, 
Vol. XIX, 1905, p. 125-131, PI. III. 

4 ) A. Weismann, Vorträge über Deszendenztheorie. Jena, 1902. 

Z. B. Ges. 59. Bd. p 



(226) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



X. Reduktion des Auges bei Tiefseetieren, Grabtieren, 
Höhlentieren, SchlammtiereD und Schlammwassertieren 

(Platanista). 

[Verschiedene Lebensweise; gleichartiger Reizmangel; Umfor- 
mungsresultat ähnlich; morphologischer Bau verschieden; durch- 
laufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

XI. Ausbildung von Stridulationsorganen bei Grillen, 
Heuschrecken, Zikaden, Raubwanzen (z. B. Goranus sah- 
apterus), Baumwanzen (z. B. Pachycoris torridus), Wasser- 
wanzen (z. B. Gorisa Linnei), Käfern (Pelobius Hermanni) 
und Schildkröten (Ginostemum Steindachneri). 1 ) 

[Verschiedene Lebensweise; gleichartiger Umformungsreiz; Um- 
formungsresultat ähnlich; morphologischer Bau verschieden; durch- 
laufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

XII. Nacktwerden von Aalen, Welsen, Ichthyosaurus, 
Geosaurus, Pterodactylus, Balaena, Delphinus, Halicore, 
Elephas maximus, PJiinoceros, Gheiromeles, Canis (tür- 
kischer und brasilianischer Hund), Mensch, Kopf des Aas- 
geiers und Truthahns. 

[Verschiedene Lebensweise; verschiedene Ursachen des Ver- 
lustes der Schuppen, des Panzers, der Haare, der Federn; Umfor- 
mungsresultat ähnlich (nackte Haut); morphologischer Bau ver- 
schieden; durchlaufene Entwicklungstufen verschieden.] 

XIII. Ausbildung eines harten Panzers bei Pterichthys, 
Drepanaspis, Gallichthys, Ostracion, Schildkröten, Kroko- 
dilen, Placodonten, Delphinopsis, Glyptodon, Manis; In- 
sekten, Krebsen, Gastropoden, Bivalven, Brachiopoden, 
Echinodermen usw. 

[Verschiedene Lebensweise; verschiedene Ursachen der Aus- 
bildung eines Panzers; Umformungsresultat ähnlich; morphologischer 
Bau verschieden; durchlaufene Entwicklungsstufen verschieden.] 

*) F. Siebenrock, Die Schildkrötenfamilie Cinosternidae m. — Sitzungs- 
ber. der kais. Akad. der Wiss. in Wien, math.-nat. Kl., Bd. CXVI, 1907, S. 14, 
Taf. I, Fig. 4. — A. Handlirsch, Zur Kenntnis der Stridulationsorgane bei 
den Rhynchoten. — Annalen des k. k. naturhist. Hofmus. in Wien, Bd. XV, 
1900, Heft 2, S. 127-141, Taf. VII. 



Bericht über die ordentliche General »Versammlung. 



(227) 



Wenn wir die besprochenen Beispiele zu gruppieren versuchen, 
so erhalten wir zwei scharf voneinander geschiedene Gruppen, die 
in den nachfolgenden Tabellen (vgl. S. 228 und 229) zusammen- 
gestellt sind. 1 ) 

Aus diesen Analysen ergibt sich mit voller Klarheit, daß das 
gleiche Umformungsresultat bei zwei verschiedenen, nicht näher 
verwandten Arten sowohl bei gleicher als bei verschiedener Lebens- 
weise entstehen kann; indessen bleibt auch bei verschiedener Lebens- 
weise in einzelnen Fällen (Chironectes, Galeopithecus) der die Um- 
formung bewirkende Reiz (im ersten Fall Widerstand des Wassers, 
im zweiten Widerstand der Luft) in mechanischer Hinsicht gleich. 
Gleicher Umformungsreiz oder gleichartiger Reizmangel kann die 
gleichsinnige oder parallele Entwicklung derselben Organe zur Folge 
haben, so daß das Endresultat der Umformung dasselbe ist. Diese 
Gruppe von Adaptationsformen wären als parallele zu bezeichnen; 
ihr Wesen besteht in der homodynamen Funktion homologer 
Organe. 

Eine zweite Gruppe von Anpassungsformen zeigt, daß ein 
ähnliches Umformungsresultat sowohl bei gleicher als verschiedener 
Lebensweise entstehen kann; die Umformungsursache (Reiz oder 
Reizmangel, in einzelnen Fällen Selektion) kann dieselbe oder sie 
kann verschieden sein. Immer ist in diesen Fällen zwar das Um- 
formungsresultat ähnlich, aber der morphologische Bau der Organe 
oder der Organgruppen sowie die durchlaufenen Entwicklungsstufen 
sind verschieden. Diese zweite Gruppe von Adaptationsformen 
wären als konvergente zu bezeichnen; ihr Wesen besteht in der 



*) In der dem Vortrage folgenden Diskussion bin ich auf verschiedene 
Punkte meiner Tabellen aufmerksam gemacht worden, die einer Verbesserung 
bedurften. Ich habe, diesen Anregungen folgend, statt der früher angewandten 
Bezeichnung „Anpassungsresultat" „Umformungsresultat" gesetzt und in ein- 
zelnen Rubriken vor den Worten „ähnlich" und „verschieden" das Zeichen ± 
gestellt. Ich danke für diese Anregungen insbesondere den Herren Prof. Dr. 
R. v. Wettstein, R. Schrödinger und E. Jauchen. Gleichzeitig ergreife 
ich die Gelegenheit, um für die Unterstützung in der Auswahl der Beispiele 
und des Demonstrationsmateriales den Herren Kustoden A. Handlirsch, 
L. v. Lorenz, F. Siebenrock und K. Toi dt meinen herzlichsten Dank 
zu sagen. 

p* 



(228) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



I. Parallele 



Adap- 
tations- 
form 


Wesen 
der Adap- 
tation 


Lebens- 
weise 


Umformungs- 
ursache 
(Reiz, Reiz- 
mangel usw.) 


Um- 
f o rm u n ~ 
resultat 


Morpho- 
logischer 
Bau 


Durch- 
laufene Ent- 
wicklungs- 
stufen 




parallel 


homodyname 
Funktion homologer 
Organe 


gleich 


gleich 


gleich 


gleich 


gleich 


ver- 
schieden 


gleich 


gleich 


gleich 
II. Kor 


gleich 
vergente 


Adap- 
tations- 
form 


Wesen 
der Adap- 
tation 


Lebens- 
weise 


Umformungs- 
ursache 
(Reiz, Reiz- 
mangel usw.) 


Um- 
formungs- 
resultat 


Morpho- 
logischer 
Bau 


Durch- 
laufene Ent- 
wicklungs- 
stufen 




konvergent 
(„analoge Ähnlichkeiten" nach Darwin) 


homodyname Funktion heterogener Organe 


gleich 


gleich 


± 

ähnlich 


dr 
ver- 
schieden 


rb 
ver- 
schieden 


ver- 
schieden 


gleich 


± 
ähnlich 


dr 
ver- 
schieden 


± 
ver- 
schieden 


ver- 
schieden 


ver- 
schieden 


± 
ähnlich 


dr 
ver- 
schieden 


± 
ver- 
schieden 



Bericht über die ordentliche (lenerni -Versammlung. 



(229) 



Anpassungen. 



Beispiele 



a) Reduktion: Becken von Balaenoptera und HaMtherium. 

b) Spezialisation: Metallschimmer des Pelzes von Chry so chlor is und 

Notoryctes; Spezialisation des Fußskelettes von Equus und Thoa- 
therium. 



Zwischenfingerhaiit von Chironectes und Galeopithecns. 
Zwischenzehenhaut von Bana und Zwischenfingerhaut von Bacophorus. 

Anpassungen. 



Beispiele 



a) Reduktion: Seitenzehen im Springfuß von Dipus und Macropus. 

b) Spezialisation: Bulla von Balaena und Quadratum von Plioplate- 

carpas; Flossenverbreiterung von Ichthyosaurus, Delphinus, Manatus 
und Phoca; allgemeine Körperform von Lamna, Ichthyosaurus, 
Grampus; Flügelf arbung von Papilio Merope, Danais chrysippus, 
Amauris niavicus und Amauris Echeria. 



a) Reduktion: Verkümmerung des Auges bei Tiefseetieren, Grabtieren, 

Höhlentieren, Schlammtieren und Schlammwassertieren (Platanista). 

b) Spezi alisation: Stridulationsorgane der Grillen, Heuschrecken, Zi- 

kaden, Raub-, Baum- und Wasserwanzen, Käfer und Schildkröten 
( Cinosternum). 

a) Reduktion: Nacktwerden von Welsen, Aalen, Ichthyosauriern, Meer- 

krokodilen (Geosaurus), Pterosauriern, Walen, Sirenen, Elefanten, 
Nashörnern, Cheiromeles, Hund, Mensch. 

b) Spezialisation: Ausbildung eines harten Körperpanzers bei Pterich- 

thys, Drepanaspis, Callichthys, Ostracion, Schildkröten, Placodonten, 
Krokodilen, Walen (Delphinopsis), Glyptodon, Gürteltieren, Manis, 
Insekten, Krebsen, Gastropoden, Bivalven, Brachiopoden, Echino- 
dermen. 



(230) 



Bericht über die ordentliche General -Versammlung. 



homodynamen Funktion heterogener Organe, wie ich bereits 
vor zwei Jahren hervorhob. 1 ) 

Als das wichtigste Ergebnis dieser Analyse darf die Erkenntnis 
bezeichnet werden, daß die Lebensweise bei der Entstehung 
paralleler und konvergenter Anpassungen nicht jene entscheidende 
Rolle spielt, die ihr wiederholt zugeschrieben wurde. Aus der 
Definition des Begriffes der konvergenten Anpassungen ist ferner 
die Umformungsursache auszuschalten, da dieselbe bei den kon- 
vergent umgeformten Arten gleich oder verschieden sein kann; in 
den meisten Fällen ist sie allerdings dieselbe. 

Ein Abschluß der Frage, wie die verschiedenen Adaptations- 
formen zu gruppieren sind, ist mit dem vorliegenden Versuch einer 
Lösung noch nicht gegeben. Ich meine jedoch, daß die kritische 
Erörterung dieser Frage wieder einmal recht deutlich gezeigt hat, 
daß wir täglich mit Begriffen wie „Konvergenzerscheinungen" zu 
operieren pflegen, die in ihrer Deutung und Anwendung sehr 
schwankend sind. Diese Schwächen gelangen bei der immer mehr 
in den Vordergrund tretenden analytischen Behandlung biologischer 
Probleme immer klarer zur Geltung. Wir dürfen hoffen, daß der 
weitere Ausbau der analytischen Methode in viele ethologische 
und allgemein biologische Fragen Klarheit bringen wird; der erste 
Schritt zur Lösung eines Problems ist immer die klare und scharfe 
Fragestellung. 



Berichte der Sektion für Lepidopterologie. 



Versammlung am 5. Februar 1909. 

Vorsitzender: Herr Prof. H. Rebel. 

I. Der Vorsitzende legt mit einem kurzen Referate nach- 
stehende Druckwerke vor: 

Baer W., Gracilaria simploniella F.-R. und die Eichenrinden- 
minen. (Naturw. Zeitschr. für Forst- und Landwirtschaft, 
VII, 1909, S. 45—54.) 



J ) Denkschriften der kais. Akad. der Wiss. in Wien, math.-nat. Klasse, 
Bd. LXXXI, 1907, S. 184. 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



(231) 



Kopec St., Experimentalimtersuchungen über die Entwick- 
lung- der Geschleclitscbaraktere bei Schmetterlingen. 
(Sitzungsber. der Akad. der Wissenscb. in Krakau, 1908, 
S. 893—918.) 

Berge-Rebel, Schmetterlingsbuch. 9/ Aufl. 1. Lief. (Stuttgart, 
E. Schweizerbart, vollst, in ca. 22 Lief, ä M. 1.20.) 

II. Derselbe demonstriert ferner eine neue auffallende Noctuide, 
Ihargelia gigantea Rbl., gesammelt von Herrn A. Kne ucker in 
der Sinai -Halbinsel. Die Gattung war bisher erst in zwei Arten 
aus den zentralasiatischen Wüstengebieten bekannt. Das Auffinden 
einer dritten Art in der weit entlegenen Sinai -Halbinsel ist von 
großem faunistischen Interesse. 

III. Herr Fritz Preißecker weist nachfolgende von ihm er- 
beutete Arten und Formen aus seiner Sammlung vor: 

1. Drei cT von Argynnis amathusia Esp. vom Königsberg und 
vom Gamsstein bei Groß-Hollenstein a. d. Ybbs (im Jahre 1902 in 
der zweiten Julihälfte gefangen); die Art, welche bis dahin aus 
Niederösterreich nicht bekannt war, flog an den genannten Fund- 
orten in zirka 900 — 1000 m Seehöhe nicht selten. 

2. Ein $ von Melitaea aßialia Rott. ab. navarina Selys, ge- 
fangen am 14. Juli 1908 im Teich er Revier bei Karlstift im nieder- 
österreichischen Waldviertel. 

3. Ein bis auf das Vorderranddrittel der Hinterflügel stark 
bräunlich verdunkeltes und in seiner Färbung an Drepana curva- 
tula Bkh. erinnerndes cT von Dr. falcataria L., erbeutet am 5. Mai 
1907 in einem Jungbirkenbestande des Ostrong im Wald viertel. 

4. Ein cT von Luceria virens L. var. Immaculata Stgr. (tran- 
situs), am 19. August 1906 bei Heidenreichstein im Waldviertel 
gefangen, bei welchem die Hinterflügel bis auf die weißen Fransen, 
die Oberseite des Hinterleibes und die Wurzelhälfte der Vorder- 
flügelunterseite grau gefärbt sind; bei normalen Stücken sowohl 
der Stammform als auch der genannten Varietät sind diese Teile 
rein weiß, mehr oder weniger mit Grün gemischt. 

5. Ein aus einer im Herbst 1902 in der Umgebung von 
Litschau im Waldviertel gesammelten Raupe gezogenes cT von 



(232) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



Tephroclystia nanata Hb., welches wegen der mehr eintönig und 
dunkler grauen Färbung der Vorder- und Hinterflügel der bisher 
aus Niederösterreich nicht bekannten ab. pauxillaria B. angehören 
dürfte; auch die Flügelform ist nicht so lang gezogen wie bei 
Stücken der Stammart, sondern mehr gerundet. 

6. Bupalus piniarius L. var. cT mughusaria Gmppbg. Ein 
besonders kleines Stück vom 3. Juli 1903, auf dem ehemaligen 
Torfmoore „Laubbaumschacher" bei Langegg bei Heidenreichstein 
aus gewöhnlichen Weißföhren aufgescheucht. Pinns mughus Scop. 
kommt dort nicht vor. 

7. Ein am 30. August 1908 bei Oberweiden erbeutetes von 
Diacrisia sannio L., dem die dunkle Hinterflügelsaumbinde völlig 
fehlt (ab. uniformis Bang-Haas). 

8. Ein cT von Comacla senex Hb., am Rande des Winkelauer 
Moores bei Heidenreichstein am 2. Juli 1908 nachts an einem 
Grashalm sitzend gefunden. Neu für Niederösterreich. 

9. Ein 9 von Zijgaena onöbrycliis Hb. 388, dessen Vorder- 
flügelflecke und Hinterflügel statt karminrot rosa gefärbt sind. Ge- 
fangen am 8. August 1908 auf dem Eichkogel. 

10. Ino budensis Spr. Diese für Niederösterreich neue Art 
wurde in einem cf am 22. Juni 1902 bei Spitz a. d. Donau und in 
2 cf am 30. Mai 1907 auf dem Gaisberg bei Stein a. d. Donau er- 
beutet. Außerdem gehörten dieser Art wohl auch Mitte Mai 1903 
und Ende Mai 1906 bei Dürnstein beobachtete iwo-Stücke an, 
welche damals für globulariae Hb. gehalten wurden. 

11. Ein auf den Vorderflügeln dunkelbraun gefärbtes, sonst 
normal gezeichnetes cT von Hepialus hecta L. vom 10. Juli 1908, 
gefangen bei Liebenau in Oberösterreich nächst der niederöster- 
reichischen Landesgrenze (oberes Waldviertel). 

12. Weiters demonstriert derselbe ein in seinem Beisein von 
Herrn Anton Ortner jun. am 8. Juli 1908 auf dem Teicher Moor 
bei Karlstift aus dichtem Fichtengehölz aufgescheuchtes weibliches 
Exemplar von Agrotis sincera H.-S., welches infolge der ziemlich 
hellgrauen Vorder- und weißlichen Hinterflügel und des großen 
dunkeln Mittelmondes der letzteren unzweifelhaft der aus der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie bisher nicht bekannten Stammform 
und nicht der var. rhaetica Stgr. angehört. 



Versammlung der Sektion für Lepülopterologie. 



(233) 



13. Endlich erwähnt derselbe bezüglich der beiden Farben- 
spielarten von Cybosia mesomella L. unter Vorweisung eines ö 1 der 
gelben (aus Cilli in Steiermark) und dreier c? und eines 9 der 
weißlichen Form, daß Linn 6 bei seiner Benennung dieser Art wohl 
nur die weißliche Spielart vorgelegen sei, wie aus seiner Diagnose: 
„Alis albis etc." hervorgehe. Dagegen hätten Hüb n er und Esper 
unter ihrer eborina, beziehungsweise eborea beide Formen ver- 
standen, wie aus den betreffenden Abbildungen zu ersehen ist. 
Spul er sagt in seiner kurzen Besprechung dieser Art: „Die Vorder- 
fliigel des cT ockergelb, die des 9 bleicher gelb oder weißlich, 
außer am Rand und Saum. Manchmal kommen wie das 9 gefärbte 
Männchen vor" und gibt dazu ein Bild, welches zur Hälfte ein 
gelbes d\ zur Hälfte ein weißliches 5 darstellt. Nur Spulers Werk 
hatte offenbar Krulikowsky vor Augen, als er die weißliche 
Form im XXIII. Jahrgang, p. 18 der Societas entomologica var. 
cremella benannte. Dies geht auch aus seiner diesbezüglichen Be- 
schreibung hervor, in welcher er nur Spuler zitiert und infolge- 
dessen die gelben c? typisch nennt, was in Hinblick auf Linn 6s 
Beschreibung entschieden irrtümlich ist. Der Name cremella für 
die weißliche Form hat nach dem Gesagten wohl keine Daseins- 
berechtigung. 

Anknüpfend an die Angabe Kruliko wskys, daß die gelben 
cT in den russischen Gouvernements Wiatka und Kasan nur äußerst 
selten als Aberration vorkämen, bemerkt der Vortragende, daß er 
in Niederösterreich bisher überhaupt nur die weißliche Form be- 
obachtet habe. 

Schließlich schlägt Herr Preißecker für die gelbe Form von 
Cybosia mesomella die Bezeichnung flava vor. 

IV. Herr Dr. E. Galvagni bemerkt unter Bezugnahme auf 
orstehende Mitteilungen (III, 1), daß er am 21. Juni v. J. im 
echnergraben bei Lunz ebenfalls Argynnis amathusia Esp. erbeutet 

habe und ebenda auch Argynnis thore Hb. Letztere Art ist ebenfalls 
neu für Niederösterreich. 

V. Herr Otto Bohatsch demonstriert ein Stück der auffallen- 
den Limenitis populi ab. diluta Spul, aus der Umgebung Wiens, 



(234) 



Versammlung- der Sektion für Lepidopterologie. 



welches vollständig mit der Abbildung von Mitis im XL Jahres- 
berichte des Wiener Entom. Vereins, Taf. 1, Fig. 9, tibereinstimmt. 
Der Name „monochroma" wurde von letzterem nicht publiziert. 

VI. Herr Oberingenieur H. Kautz weist eine größere Serie 
von ihm bei Kronau in den julischen Alpen erbeuteter Stücke von 
Lycaena argus (aegon) vor, welche mehr oder weniger die Tendenz 
zum Zusammenfließen der Augenflecke auf der Unterseite aufweisen. 
Am häufigsten tritt ein Zusammenfließen der Flecke längs des Innen- 
randes der Hinterflügel auf, dann ein solches längs des Vorder- 
randes derselben. Sehr bemerkenswert ist der Umstand, daß sämt- 
liche Stücke weiblichen Geschlechtes sind und erst gegen Ende der 
Flugzeit erbeutet wurden. 

Ferner wird ein schönes c? der ab. alpina 1 ) derselben Art 
vorgezeigt, welches auf der Oberseite der Hinterflügel orangegelbe 
Eandmonde aufweist. 

Herr Dr. Kolisko und Hofrat Schima bestätigen aus ihrer 
Erfahrung, daß Aberrationen besonders gegen Ende, aber auch ganz 
zu Beginn der Flugzeit auftreten, was namentlich bei Zygaena 
carniolica ab. flaveola Esp. der Fall sei. 

VII. Herr Hofrat Schima bespricht die Variabilität von Agrotis 
promiba L. auf Grund einer von ihm durchgeführten Zucht eines 
Eigeleges von 40 Stücken. 

VIII. Herr Zentralinspektor Prinz weist LitJiocolletis platani 
Stgr. aus dem Prater bei Wien (14. Mai) vor. Die Art ist nunmehr 
schon an drei Lokalitäten in der nächsten Umgebung Wiens auf- 
gefunden worden. 

Versammlung am 6. März 1909. 

Vorsitzender: Herr Zentralinspektor J.Prinz (in Vertretung des ver- 
hinderten Prof. Rebel). 

I. Herr Kl. Dziurzynski demonstriert eine Serie unrichtig 
beschriebener Zygaenenraupen mit den Kokons und Imagines, die 



a ) Vgl. Rev erdin, Bull. Soc. Lep. Geneve, I, p. 188. 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



(235) 



ersteren zum Teile auch in Formalmpräparaten; z. B.: Ranpe von 
erythrus (nicht purpuraMs-ähiilich), scabiosae (grün mit schwarzen 
Flecken, nicht gelb), faustet (Kopf dunkelbraun, nicht rot, Kragen 
und Nachschieber rosenrot), rhadamanthus (Hinterfüße rot). Der- 
selbe stellt eine eingehendere Arbeit über diesen Gegenstand im 
nächsten Jahresberichte des Wiener Entom. Vereines in Aussicht. 

II. Herr Dr. Rebel sendet den Bericht über eine kleine Lepido- 
pterenausbeute, welche Herr Karl Ritter v. Blumencron im Juni 
1908 wieder in Fol Maden bei Trapezunt gemacht und dem Hof- 
museum gewidmet hat. Dieselbe bildet einen Nachtrag zu der im 
Vorjahre ebendaher publizierten Liste. 1 ) — Die bemerkenswertesten 
Arten aus der vorliegenden Ausbeute sind: 

Noctuidae. 

Euclidia glyphica L. Zwei sehr große dunkle Stücke (9). 

Geometridae. 

Thalera lactearia L. Ein sehr großes cT (Vorderflügellänge 14 mm). 

Neu für das Pontusgebiet. 
Polythrena Jiaberhaueri Ld. Eine Anzahl frischer Stücke, die mit 

solchen aus Armenien ganz übereinstimmen. Neu für das 

Pontusgebiet. 

Larentia montanata var. fuscomarginata Stgr. Ein frisches 9. Neu 
für das Gebiet. 

Lar. designata Rott. Ein cf , wie die vorige neu für das Gebiet. 

Tephroclystia pusillata F. In Anzahl. Neu für das Gebiet. 

Tephr. vulgata Hw. Ein großes 9. Neu für das Gebiet. 

CMoroclysüs coronata Hb. 3 Stücke, darunter ein großes $ (10 mm 
Vorderflügellänge). Neu für das Gebiet. 

Heteroloche laminaria H.-S. Ein großes Pärchen (d 1 14 mm Vorder- 
flügellänge). Die blaßgelben Flügel im Saumfelde stark veil- 
rötlich bestäubt. 

Pyralidae. 

Catastia marginea Schiff. Einige Stücke, neu für das Pontusgebiet. 



x ) Vgl. diese „Verhandlungen", Bd. LVIIX, 1908, S. (82)— (85). 



(236) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



Tortricidae. 

Acalla comariana Z. Ein geflogenes 9 gehört auffallenderweise 
dieser mehr nordischen Art an. Neu für Kleinasien. 

Olethreutes dimidiana Sodof. Zwei große frische cT; sie sind im 
Saumfeld der Vorderflügel schwächer rötlich als zentraleuro- 
päische Stücke. 

Tineidae (s. L). 

Älabonia hindermanni H.-S. Einige cT stimmen gut mit der Abbil- 
dung bei Herrich-Schäffer, bleiben aber viel kleiner und 
bräunlicher als die im Vorjahre von Dr. Schawerda in der 
Herzegowina erbeuteten Stücke. 1 ) Die Art variiert, wie dies 
bereits Dr. Staudinger in der „Fauna Kleinasiens" bemerkte, 
sehr stark. 

Borkhausenia similella Hb. Ein frisches cT mit mehr weißlicher 
als dottergelber Zeichnung gehört dieser Art an. Neu für 
Kleinasien. 

Tinea fulvimitrella Sodof. ab. Ein einzelnes frisches 9 zeigt die 
Vorderrandflecke nur durch wenige gelbe Schuppen ange- 
deutet, dafür tritt eine fast zusammenhängende weißliche 
Innenrandstrieme auf. Vielleicht liegt eine Lokalform vor, 
wofür auch die sehr gestreckte Flügelform spräche. Neu für 
Kleinasien. 

Tinea arcuatella Stt. Zwei sehr große weibliche Stücke (Vorder- 
flügellänge 11 mm) stimmen sonst ganz mit dieser Art. Eben- 
falls neu für Kleinasien. 

Nemophora panzerella Hb. Zwei frische cf dieser für Kleinasien 
neuen Art. 

Nem. scliwarziella Z. Ein cT. Ebenfalls neu für Kleinasien. 
Nem. pilulella Hb. Ein typisches d\ Neu für Kleinasien. 
Micropteryx? aureatella Sc. Ein beschädigtes cT dürfte hierher ge- 
hören. 

Micr. rothenbachii Frey. Ein großes 9 läßt sich nicht von dieser 
Art trennen. Neu für Kleinasien. 

*) Vgl. diese „Verhandlungen", Bd. LVIII, 1908, S. (256). 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



(237) 



Versammlung am 2. April 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. H. Rebel. 

I. Der Vorsitzende legt nachstellende Publikationen mit einem 
kurzen Referate vor: 

Pierce F. N., Tlie Genitalia of the group Noctuidae of the 
Lepidoptera of the British Island. Liverpool, 1909. 

Frohawk F. W., Life History of Argynnis laodice. (The Ento- 
mologist, 1909, p. 49—54, PI. 2.) 

Rebel H., Lepidopteren aus Tripolis und Barka, gesammelt 
von Dr. Bruno Klaptocz. (Zool. Jahrb., XXVII, Abt. f. 
Syst., S. 273—290, mit 1 Textfig.) 

II. Herr Kl. Dziurzynski demonstriert sehr scharf gezeichnete 
weibliche Stücke von Breplios puella Esp. aus dem Prater bei Wien. 

III. Herr Dr. E. Galvagni macht Mitteilung über die Er- 
scheinungszeit von Pülopliora plumigera S.-V. im heurigen Winter. 
Der Falter war anfangs Dezember einzeln zu finden, trat dann 
auch im Februar auf und hat seine Hauptflugzeit erst in der zweiten 
Märzhälfte erreicht. Um diese Zeit wurde er in Anzahl, auch in 
copula, an zahlreichen Orten in der Umgebung Wiens beobachtet. 
Phigalia pedaria F. wurde heuer erst im März beobachtet; vor 
einigen Jahren wurde sie bereits am 6. Januar gefunden. 

IV. Herr Rob. Spitz weist ein frisch geschlüpftes g von 
Caradrina lenta Tr. vor, welches einer anfangs unbeobachteten In- 
zucht in einem Raupenkasten entstammt. Die Raupe nährte sich, 
wie jene vieler Caradrinen, von Moos und dürren Blättern. 

V. Herr Otto Bohatsch bespricht einige Formen von Hesperia 
malvae L., darunter auch var. malvoides Elw. et Edw., welche von 
ihm am 12. Juni 1905 in Triest erbeutet wurde. Diese Form zeigt 
die Unterseite der Vorderflügel rotbraun mit eingeschränkter weißer 
Fleckenzeichnung und tritt nur im Süden in zweiter Generation 
auf. Sie wurde bisher noch nicht innerhalb der Monarchie beob- 
achtet. 



(238) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



VI. Herr Hauptmann H. Hirschke weist einige Pamassius- 
Formen vor, darunter die von ihm kürzlich im XIX. Jahresber. des 
Wr. Entom. Ver. publizierte, prächtige Parnassius phoebus (delius) 
ab. 2 bartae. 

Ferner eine für die Monarchie neue Noctuide: Luperina bi- 
sclioffi H.-S., welche im August v. J. mehrfach in Ragusa durch Licht- 
fang erbeutet wurde. Ein vorgewiesenes frisches cT hat fast rein 
weiße Hinterflügel. 

Weiters noch Acronycta pontica Stgr. aus Herkulesbad und 
Stilpnotia Salicis ab. söhesti Capr. cP mit fast eintönig bleigrauer 
Färbung. 

VII. Der Vorsitzende legt die von Herrn R. Püngeler 
(Aachen) freundlichst zur Verfügung gestellten Beschreibungen der 
bisher unbekannt gewesenen ersten Stände nachstehender Arten vor: 

1. Caradrina gilva Donz. Das Ei ist wie das der anderen 
Caradrinen halbkugelig mit deutlichen Längsrippen, es zeichnet sich, 
abgesehen von der schmal gelbweißen Basis, durch die gleichmäßig 
rosenrote Färbung aus und wurde Ende Juli abgesetzt; das Räup- 
chen schlüpfte nach sieben Tagen. 

Die junge Raupe ist blaßgrau, nach der Nahrungsaufnahme 
grünlich, mit sehr hellem, braunem Kopf, etwas dunkler braunem 
Nackenschild und gut entwickelten, eine ziemlich lange farblose 
Borste tragenden Warzen. Die erwachsene Raupe ist 33 mm lang, 
ziemlich gleich dick, ohne erkennbare Warzen, eintönig erdgrau, 
nicht wie die Verwandten dunkler gerieselt, ganz zeichnungslos, 
der Kopf kastanienbraun, der Nackenschild und die Brustfüße bräun- 
lichgrau. Sie zieht wie die übrigen Caradrinen welke und ganz 
vertrocknete Blätter den frischen vor. 

Die glänzend kastanienbraune, dünnschalige Puppe hat wie 
die Verwandten ein abgerundetes, mit vier feinen Borsten besetztes 
Afterende ohne vortretenden Cremaster. 

Die Raupe überwintert; ich brachte keine durch, während 
K. Andreas bei Zimmerzucht schon im September eine zweite Gene- 
ration erzielte. 

2. Larentia bulgariata Mill. Falter bei Digne von Ende 
Juni bis nach Mitte Juli in nur einer Generation aus überwintern- 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



(239) 



der Puppe; die Raupe lebt an G-alium nur von den Blüten und 
Samen und wächst in fünf Wochen auf. 

Das Ei ist elliptisch, deutlich abgeplattet, chagriniert, gelb- 
lich, färbt sich vor dem Auskriechen des Räupchens nicht dunkler 
und liegt 10 Tage. 

Das schlanke Räupchcn ist zunächst zeichnungslos gelb, mit 
kurzen Börstchen und hellbraunem Kopf, nach der Nahrungsauf- 
nahme graugrün mit schwach angedeuteten Längslinien; sie bleibt 
so bis zur letzten Häutung. Erwachsen ist sie 3 cm lang, schlank, 
fast gleich dick, etwas abgeflacht, grün wie der frische Galitim- 
Stengel, die dunkelgrünen Rückenwärzchen und die bräunlichen 
Börstchen wenig ausgebildet, das Rückengefäß scheint als feine 
dunkle Linie durch, die Nebenrückenlinien sind weißlich, zwischen 
ihnen und der Mitte steht noch eine schwache weißliche Linie, die 
wulstige Seitenkante ist nach unten breit gelblichweiß angelegt, 
der Bauch hat eine weiße Mittellinie, die Stigmen sind bräunlich, 
der Kopf ist mittelgroß, herzförmig, grün mit blaßbraunern Anflug, 
bräunlichen Strichfleckchen und schwärzlichen Punktaugen, die 
Brustfüße und die Afterklappe sind bräunlichgrün. 

Die in leichtem Erdgespinst ruhende Puppe ist 1 cm lang, 
mäßig schlank, nach hinten zugespitzt, glanzlos, der Körper matt 
braun, mit feinen nadelstichartigen Vertiefungen bedeckt, der Kopf 
nebst den Flügelscheiden olivgrün, das Afterende glänzend schwarz- 
braun, oberseits mit tiefer Grube, der Cremaster kegelförmig, mit 
zwei zangenartig und weit auseinander gespreizten, am Ende ein- 
wärts gebogenen Haken, daneben je eine schwächere, gerade, oben 
umgebogene Borste. 

3. Phibalapteryx calligraphata H.-S. Das Ei ist oval, 
etwas abgeplattet, dicht mit länglichen flachen Grübchen bedeckt, 
glänzend weiß, etwas ins Grünliche ziehend. 

Die Raupe lebt an Thalictrum foetidum, frißt die Blätter und 
ist in 5 — 7 Wochen erwachsen. In der Jugend ist sie graugrünlich 
mit undeutlichen dunklen Längslinien, nach der letzten Häutung 
heller oder dunkler steingrau, meist etwas ins Rötliche ziehend, 
nicht so gestreckt wie die Raupen der vitalbata und tersata, sonst 
diesen ähnlich gebaut und ober- und unterseits verschieden deut- 
liche Längslinien führend. Die Rückenlinie ist nur auf den ersten 



(240) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



und letzten Segmenten scharf, in ihr stehen auf dem 3. — 6. Ringe 
je ein größerer und kleinerer dunkler Fleck, die mit zwei seitlich 
stehenden Flecken eine charakteristische Zeichnung bilden; auf 
dem siebenten Ring folgt ein einzelner größerer Fleck. Bei ein- 
zelnen hellen Raupen verschwinden diese Flecke fast ganz. 

Die Puppe ist der von tersata ganz ähnlich gebaut, glänzend 
rotbraun, der Cremaster trägt zwei stärkere, nach außen umgebogene 
Haken, seitlich davon noch mehrere schwächere. 

Die Art hat in niederen Lagen zwei, in höheren nur eine 
Generation, uberwintert als Puppe und ist, abgesehen von dem sehr 
verschiedenen Ausmaß, wenig veränderlich. 



Versammlung am 7. Mai 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. H. Rebel. 

Der Vorsitzende macht die betrübende Mitteilung, daß das 
Sektionsmitglied Herr Friedrich Fleischmann, niederöst. Landes- 
rechnungsrat, am 7. April 1. J. einer heimtückischen Krankheit er- 
legen ist. 

Friedrich Fleisch mann war am 6. September 1874 in Wien 
geboren und studierte an der Währinger Staatsrealschule, wo er 
im Jahre 1893 mit Auszeichnung maturierte. Er trat hierauf bald 
in niederösterreichische Landesdienste, in welchen er vor kurzem 
zum Rechnungsrat ernannt wurde. 

Schon während seiner Studienzeit empfing Fleischmann 
die ersten Anregungen zur Sammeltätigkeit auf naturwissenschaft- 
lichem Gebiete durch den Direktor der Studienanstalt, Herrn Ritt, 
v. Alt, und wandte sich in der Folge ganz der Lepidopterologie 
zu, der er seine verfügbare Zeit bis zu seinem Lebensende widmete. 
Schon im Jahre 1895 wurde er Mitglied des Wiener Entomologischen 
Vereines und ein Jahr später auch der zoologisch-botanischen Ge- 
sellschaft. Hierdurch trat er in vielfache Berührung mit erfahrenen 
Sammlern, vor allem auch mit dem derzeitigen Senior der Wiener 
Lepidopterologen, Herrn Anton Metzger, dessen . gelehriger Schüler 
er auf dem Gebiete des Raupensammelns und der Raupenzucht 
wurde. 



Versammlung der Sektion für Lepldoptorologte. 



(241) 



Er benutzte jede freie Zeit zu entomologischen Ausflügen in 
der Umgebung- Wiens und unternahm auch größere Sammelreisen 
innerhalb der Monarchie. So besuchte er in Gesellschaft des Herrn 
Hugo May jun. den Lungau und einige andere Lokalitäten in Salz- 
burg, den Hochschwab, Ötscher, das Waldviertel (N. O.), den Schiern 
und Gardasee in Südtirol. Im Jahre 1896 führte er in Gesellschaft 
seines jüngeren Kollegen Herrn Leo Schwingenschuß eine sehr 
erfolgreiche Tour in das Triglavgebiet aus, deren Resultate er in 
einer ebenso umfangreichen als gewissenhaft gearbeiteten Sammel- 
liste zum Zwecke der Publikation eines Nachtrages zu den Lepido- 
pteren aus dem Gebiete des Triglav 1 ) zur Verfügung stellte. 

Als hervorragende Erfolge seiner Sammeltätigkeit seien hier 
nur das Auffinden eines 9 von Chondrosoma fiduciaria in Laxen- 
burg, die Entdeckung der Raupe, rücksichtlich Zucht aus dem Ei 
von OrthoUtha coarctata 2 ) und Psodos noricana' 6 ) und das Wieder- 
auffinden von Tepliroclysüa fenestrata auf der Crna Prst genannt. 

Fleischmann war ernst und sehr gewissenhaft veranlagt 
und erfreute sich allseitig der größten Sympathien. Er besaß eine 
vorzügliche Beobachtungsgabe und bereicherte oft die Mitteilungen 
der Sektions- und Vereinsabende, die er regelmäßig besuchte, durch 
seine unbedingt verläßlichen Angaben. Er hinterließ eine nicht 
umfangreiche, aber wissenschaftlich gehaltene Privatsammlung. 4 ) 

Die Anwesenden bekunden ihre aufrichtige Teilnahme an 
dem Tode Friedrich Fleischmanns durch Erheben von den Sitzen. 



Den restlichen Teil des Abends füllten kleinere Mitteilungen 
aus. Unter anderen lenkt Dr. Rebel die Aufmerksamkeit der An- 
wesenden auf die Phänologie und Generationsverhältnisse von Liby- 
thea celtis Laich. Nach Mitteilungen von Wagner 5 ) erscheint der 

*) Wiener Entom. Ver., XVII. Jahresber., S. 33—60. 

2 ) Friedr. Fleisch mann und Hugo May, Die ersten Stände von Ortho- 
Utha coarctata. (Wr. Entom. Ver., VIII. Jahresber., 1897, S. 47—48.) 

3 ) Zur Kenntnis von Psodos noricana Wagn. und coracina Esp., mitge- 
teilt von Fr. Fleischmann. (Wr. Entom. Ver., X. Jahresber., 1899, S. 83— 88.) 

4 ) Dieselbe wurde kürzlich vom Vater des Verstorbenen dem k. k. Natur- 
historischen Hofmuseum gewidmet. 

5 ) Wiener Entom. Zeit., XXII, S. 206. 

Z. B. Ges. 59. B4. q 



(242) 



Versammlung der Sektion für Lepitlopterologie. 



Falter in Südtirol um den 10. Juni und lebt dann überwinternd 
bis März. Die Tatsache der Überwinterung des Falters wird auch 
durch Beobachtungen der Anwesenden bestätigt. So erbeutete Herr 
Zentralinspektor Prinz noch am 20. Oktober ein frisches Stück in 
Abbazia und Herr Bohatsch fing den Falter heuer zu Ostern 
(11. April) in ganz abgeflogenen weiblichen Stücken bei Triest. 
Auffallend bleibt die frühe Erscheinungszeit des Falters, wieder im 
Juni. So erbeutete Prof. Simony die Art in Anzahl in frischen 
Stücken am 11. und 12. Juni 1908 im Gebiete des Monte Maggiore 
und Oberingenieur Kautz fing den Falter auf der Crna Prst (Krain) 
am 25. Juni 1908. Für die Monate Juli, August, September machen 
die Anwesenden eine Anzahl auf ihren Beobachtungen beruhende 
Angaben, so Ende Juli frisch im Pischenzatal (Triglav, Schwing.) 
und bei Fiume (Neustetter), im August bei Canosa (Dalmatien, 
Galv.), Ende August im Tirnowaner Wald (P reiß eck er) und im 
September in Görz. Wahrscheinlich dürfte es sich aber auch um 
eine Sommergeneration handeln, so daß der Falter, nach Analogie 
mancher Vanessen, erst in der zweiten Generation überwintert. 

Ferner gibt Dr. Rebel eine Mitteilung des Herrn Arnost 
Grund aus Agram bekannt, wonach Polygonia J album Esp. keine 
Aberration von egea Cr., sondern deren regelmäßig auftretende (als 
Falter überwinternde) Herbstgeneration sei. Er beobachtete in Spa- 
lato im April hunderte von überwinterten Faltern, die sämtliche der 
Form J album angehörten und erhielt dieselbe auch im Herbst aus 
Jablanac. Diese Annahme findet ihre weitere Bestätigung darin, 
daß Herr Dr. Penther am 14. Oktober v. J. eine Anzahl Stücke in 
Ragusa erbeutete, die ebenfalls sämtliche der Form J album ange- 
hörten. Diese Färbungsdifferenz der beiden Generationen (helle 
Sommer- und dunklere Herbstgeneration) steht auch in vollem Ein- 
klänge mit den bei der nahe verwandten Polygonia C album herr- 
schenden Verhältnissen. 



Versammlung der Sektion für l'nläozoolo^ie. 



(243) 



Bericht der Sektion für Paläozoologie. 

Erster Diskussionsabend 

über einzelne phylo-g-enetiselie Probleme 
am 18. November 1908. 

Vorsitzender: Herr Prof. Dr. 0. Abel. 

Diskussionsthema: 

Was verstehen wir unter monophyletischer und poly- 
phyletischer Abstammung? 

Der Vorsitzende leitet die Diskussion mit folgender Erörte- 
rung ein: 

Unter den verschiedenen Begriffen, mit denen bei deszendenz- 
theoretisehen Untersuchungen operiert zu werden pflegt, herrscht 
keineswegs die wünschenswerte Klarheit und Eindeutigkeit. In 
letzter Zeit werden die Bezeichnungen „Monophylie" und „Poly- 
phylie" immer häufiger angewendet und es zeigt sich, daß die 
verschiedenen Autoren .diesen Begriffen einen sehr verschiedenen 
Inhalt geben. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diesem Übelstande 
in irgend einer Form abgeholfen werden muß, wenn nicht die aus 
der heterogenen Anwendung dieser Ausdrücke entstehende Ver- 
wirrung sich ins Ungemessene steigern soll. Für den Zweck einer 
Klärung dieser Gegensätze eignen sich Diskussionen im Kreise von 
Naturforschern aus verschiedenen biologischen Disziplinen besser 
als Auseinandersetzungen in Zeitschriften, weil auf diese Weise die 
Möglichkeit vorhanden ist, die gegensätzlichen Auffassungen un- 
mittelbar zu vergleichen und über die richtige Anwendung der 
strittigen Bezeichnungen ins Reine zu kommen. 

Der Vortragende zitiert sodann die Ausführungen Ha eck eis 
über den Unterschied zwischen der monophyletischen und poly- 
phyletischen Abstammungshypothese und weist besonders auf folgen- 
den Satz hin: 

q* 



(244) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



„Die Frage von dem einheitlichen oder vielheitlichen Ursprung 
wird sich auch innerhalb jedes einzelnen Stammes immer wieder- 
holen, wo es sich um den Ursprung einer kleineren oder größeren 
Gruppe handelt." 

Wir erfahren aber von Haeckel nichts Näheres darüber, wie 
er sich die mögliche polyphyletische Entstehung einer kleineren 
Gruppe innerhalb eines Stammes dachte. Gerade diese Frage ist 
von entscheidender Wichtigkeit, weil wir uns darüber klar werden 
müssen, ob man von einer polyphyletischen Entstehung einer kleine- 
ren Formengruppe wie einer Art oder Gattung überhaupt sprechen 
kann. 

Die Anwendung der Bezeichnung „polyphyletische Abstam- 
mung" soll an drei Beispielen aus dem Gebiete der Paläozoologie 
erörtert werden. 

I. Die Entstehung der Sirenengattung Metaxytherium. 

Aus der im Oligozän Mitteleuropas weit verbreiteten Art 
Halitherium Schrnei Kaup gingen an verschiedenen Küstenteilen 
Frankreichs, der Schweiz, Württembergs, Niederösterreichs und Sar- 
diniens neue Arten hervor, welche an Stelle des verschwindenden 
Halitherium Schinzi die Meeresküsten bevölkerten. Diese ver- 
schiedenen Nachkommen des Halitherium Schinzi lassen sich von- 
einander sehr scharf unterscheiden und bilden jedenfalls in sich 
geschlossene Formenkreise. Trotz dieser Verschiedenheiten, die es 
möglich machen, die Vertreter dieser verschiedenen Stämme als 
Arten zu unterscheiden, zeigen doch alle diese Arten gleichsinnige 
Organisationsänderungen, die durch fortschreitende Anpassung an 
die gleiche Lebensweise wie die des Vorfahren (Halitherium Schinzi) 
erworben worden sind. Unter diesen Organisationsänderungen sind 
folgende besonders auffallend: 

1. Verbreiterung des Schädeldaches und zunehmender Ab- 
stand der Temporalkanten. 

2. Annäherung des Supraoccipitale an das Foramen magnum. 

3. Stärkere Reduktion der Nasenbeine. 

4. Stärkere Kieferknickung. 

5. Größenzunahme des Stoßzahnes im Zwischenkiefer. 

6. Stärkere Reduktion der Prämolaren des Ersatzgebisses. 



Versammlung der Sektion für Palaozoologle. 



(245) 



7. Größenzunahme der Molaren. 

8. Zunehmende Komplikation der Molaren durch das Auf- 
treten neuer Zwischenhöcker in der Krone. 

9. Größen zunähme des hinteren Talons der Molaren. 

10. Stärkere Vertiefung- der Quertäler der Molaren. 

11. Stärkeres Zusammenneigen der Molarenhöcker. 

12. Verbreiterung und Größenzunahme der Scapula. 

13. Verstärkung aller Muskelleisten und Tuberositäten des 
Humerus. 

14. Abnehmende Achsenkreuzung der Unterarmknochen, die 
fast parallel hintereinander stehen. 

15. Längenzunahme der Metacarpalia. 

16. Stärkere Krümmung des Radius nach vorne. 

17. Zunehmende Verwachsung der Elemente des Sternums. 

18. Zunehmende Reduktion des rudimentären Hüftbeins. 
Diese gemeinsamen Organisationsänderungen der verschiedenen 

Nachkommen von Halitherium Schinsi haben dazu geführt, diese 
Deszendenten, unter denen wir verschiedene Arten zu unterscheiden 
haben, in einer Gattung, Metaxytherium, zu vereinigen. Es sei 
ausdrücklich hervorgehoben, daß die einzelnen Arten deshalb nicht 
direkt miteinander verwandt sind, weil bei ihnen Spezialisations- 
kreuzungen zu beobachten sind (A mehr spezialisiert im Bau 
der Zähne, weniger im Beckenbau, B weniger spezialisiert im Bau 
der Zähne, mehr im Beckenbau). 

Da die einzelnen Metaxytherium -Arten sicher aus verschiede- 
nen Elternpaaren von Halitherium Schind an weit voneinander 
entfernten Stellen entstanden sind, so habe ich in der Monographie 
der tertiären Sirenen Österreichs (Abh. der k. k. Geol. Reichs-Anst., 
XIX, 2. Heft, Wien, 1904) die Gattung Metaxytherium als poly- 
phyletiseh entstanden bezeichnet. 

Ich halte diese Auffassung heute nicht mehr aufrecht und ver- 
stehe unter Metaxytherium eine Gruppe von Arten, die mono- 
phyletisch entstanden sind. Der Grundsatz ließe sich vielleicht 
folgendermaßen formulieren: 

Artengruppen, die zu einer Gattung zusammengefaßt 
werden können und die nachweisbar von einer einzigen 
Stammart, wenngleich an verschiedenen Stellen des Ver- 



(246) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



breitungsgebietes und aus verschiedenen Elternpaaren 
entstanden sind, dürfen nicht als polyphyletisch, sondern 
müssen als monophyletisch bezeichnet werden. 

II. Die Entstehung* der Gattung Uquus. 

Der Pferdestamm ist sicher nordamerikanischen Ursprungs. 1 ) 
Von Nordamerika aus wandern zuerst im Mitteleozän Equiden ein 
und entfalten sich im Obereozän (oberes Lutetien) zu höherer Blüte 
als im Stammland, 2 ) um aber im Unteroligozän wieder in Europa 
zu erlöschen. 3 ) 

Zum zweitenmale haben die nordamerikanischen Equiden im 
Mittelmiozän einen Ausläufer nach Eurasien gesandt (Änchitherium 
aurelianense) , dessen Nachkommen im Unterpliozän Chinas er- 
löschen {Änchitherium Zitteli Schi.). 4 ) 

Zum drittenmale wandert ein Seitenzweig des nordamerikani- 
schen Hauptstamms der Pferde im Unterpliozän über Asien in 
Europa ein (Hipparion)*) Aus der Stammart Hipparion gracile 
(mediterraneum) ging das jüngere H. crassum hervor, das nach 
Ch. Deperet 6 ) und M. Schlosser 7 ) über den oberpliozänen Equus 

x ) H. G. Stehlin, Die Säugetiere des schweizerischen Eozäns, 3. Teil. 
— Abhandl. der Schweiz, paläont. Ges., XXXII, Zürich, 1905, S. 550: „Alles 
spricht mithin dafür, daß die neogenen Equiden auf eine mindestens bis an 
die Basis des Mitteleozäns rein amerikanische Aszendenz zurückgehen und daß 
alle die bis in die neueste Zeit immer wieder auftauchenden Versuche, irgend 
welche Paläohippidenformen des europäischen Ober- und Mitteleozäns in den 
Stammbaum derselben einzuschalten, endgiltig aufgegeben werden müssen." 

2 ) In Europa im oberen Lutetien 6 Gattungen mit ungefähr 20 Stamm- 
linien oder Arten; in Nordamerika ungefähr gleichzeitig (Lower Bridger = 
Orohippus-Zonz) 1 Gattung ( Orohippus) mit 6 Stammlinien oder Arten. — H. 
F. Osborn, Cenozoic Mammal Horizons of the Western North America-, W. 
D. Matthew, Faunal Lists of the Tertiary Mammalia of the West. — Bull. 
361, U. S. Geol. Survey, Washington, 1909, p. 50, 98. 

3 ) Mit den Gattungen Palaeotheriitm und Plagiolophus. — H. G. Stehlin, 
1. c, S. 556. 

4 ) M. Schlosser, Die fossilen Säugetiere Chinas. — Abhandl. der kgl. 
bayr. Akad. d. Wiss., II. KL, XXII. Bd., 1. Abt., S. 76—78. München, 1903. 

5 ) Hipparion ist zweifellos mit Änchitherium nicht direkt verwandt. 

6 ) Ch. Deperet, Animaux pliocenes du Roussillon. — Mem. Soc. Geol. 
France, p. 82. Paris, 1900. 

7 ) M. Schlosser, 1. c, S. 86. 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(247) 



Stenonis zu den lebenden eurasiatischen Pferderassen führt, die 
wir der Gattung Equus einreihen. 

Ganz unabhängig von diesem eurasiatischen Stamm W/p- 
parion — Equus hat sich aber auch in Nordamerika eine Gruppe 
von Arten entwickelt, deren Skelett jenem der eurasiatischen Pferde 
so außerordentlich gleicht, daß auch diese Arten in die Gattung 
Equus eingereiht worden sind. Diese seither gänzlich ausgestorbe- 
nen Arten treten zuerst im unteren Plistozän Nordamerikas auf. 1 ) 
Die Ahnen der nordamerikanischen JSquus- Arten gehen aber nicht 
auf Hipparion zurück, sondern auf die Gattungen PUohippus und 
Merychippus; neben PUohippus treten die Genera Protohippus und 
Neohipparion auf (in der Blancoformation in Texas) ; im älteren Plio- 
zän Nordamerikas (Arikaree- und Olagallaformation) sind 39 Arten 
der Gattungen Hypohippus (2), Parahippus (1), Merychippus (2), 
Protohippus (15) und Neohipparion (19) gefunden worden, aber 
niemals eine Spur von Hipparion. 

M. Schlosser hat schon im Jahre 1903 Bedenken gegen die 
gleichartige Benennung der altweltlichen und amerikanischen Equus- 
Arten geäußert. 2 ) 

Wir stehen hier vor drei wichtigen prinzipiellen Fragen: 

1. Sollen wir in einem Falle, wo die verschiedene 
Entstehung zw T eier an und für sich sehr ähnlicher Arten- 
gruppen sichergestellt ist, die verschiedene Herkunft 
derselben auch in der Namengebung zum Ausdruck 
bringen? 

*) Sheridan-Formation = Equus-Zone. H. F. Osborn, I. c, p. 85. — In 
früheren Arbeiten wird das erste Auftreten von Equus irrtümlicherweise schon 
für das Oberpliozän angegeben (z.B. R. S. Lull, The Evolution of the Horse 
Family. — Amer. Journal of Science, XXIII, March 1907, p. 169, 182). 

2 ) „Ich möchte den polyphyletischen Ursprung der Gattung Equus so 
aufgefaßt wissen, daß unter Equus alsdann mindestens zwei in Wirklichkeit 
nicht miteinander verwandte Dinge verstanden werden. Ich würde aber es 
entschieden vorziehen, den Gattungsnamen Equus auf die altweltlichen und 
vielleicht einige aus der alten Welt in Nordamerika eingewanderte Pleistozän- 
Pf er de arten zu beschränken, die große Mehrzahl der neu weltlichen Pferde, 
vor allem aber die aus dem älteren Pleistozän von Mittel- und Südamerika, 
als ein besonderes Genus von Equus zu trennen." M. Schlosser, Fossile 
Säugetiere Chinas, 1. c, S. 86. 



(248) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologr 



2. Oder sollen wir dann, wenn wir zwar über die ver- 
schiedene Vorgeschichte zweier Artengruppen unterrichtet 
sind, ihre Angehörigen aber systematisch nicht scharf 
zu unterscheiden vermögen, aus praktischen Gründen den- 
selben Gattungsnamen anwenden? 

3. Wären wir im Falle 2 berechtigt, von einer poly- 
phyletischen Entstehung zu sprechen? 

III. Die Entstehung der Gattung Cervus. 

Eines der wichtigsten Merkmale zur Unterscheidung der fos- 
silen Hirsche ist die Form und der Bau der Zähne. 

Bei den mittelmiozänen Hirschen Europas besitzen die Unter- 
kiefermolaren an der Innenseite des vorderen Halbmondes eine 
vertikale Schmelzfalte, die „Palaeomeryx-F&lte" (Dremotlieriurn, 
Ampliitragulus, Palaeomeryx). Diese Falte ist bei dem unterplio- 
zänen Cervavus auf einen sehr kleinen Wulst reduziert und ist bei 
den altweltlichen Arten der Gattung Cervus ganz verloren gegangen. 

Ferner läßt sich eine stetige Höhenzunahme der Zahnkronen 
vom Miozän bis zur Gegenwart verfolgen. 

Im Miozän treten zahlreiche wohl zu unterscheidende Arten 
nebeneinander auf: 

1. Unter miozän: Dremotherium Feignouxi, Amphitragulus 
elegans, A. lemanensis, A. Boulengeri, A. Pomeli, A. gracilis. 

2. Mittelmiozän: Dicrocerus aurelianensis, Palaeomeryx an- 
nectens, P. spec. 

3. Obermiozän: Dicrocerus elegans, D. furcatus, P. Meyeri, 
P. parvulus, P. pumilio. 

Einzelne dieser miozänen Hirsche sind ohne Nachkommen 
erloschen, aber andere haben den Ausgangspunkt für Stammes- 
reihen gebildet, die zu lebenden Arten der Gattung „Cervus" führen. 

Unter diesen Stammesreihen lassen sich vorläufig 
zwei unterscheiden, die sich parallel entwickeln und 
unabhängig voneinander dieselben Entwicklungsstufen 
durchlaufen. Diese beiden Reihen sind: 1 ) 



*) M. Schlosser, Die fossilen Säugetiere Chinas, 1. c, S. 186. 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(249) 



Mittelmiozän 



Obermiozän 



Oberpliozän 
Unterpliozän 




Dicrocerus elegans 



Palaeomeryx annectens 



Zweite Reihe 
Cervus australis 
t 

Cervavus spec. 
t 

Dicrocerus furcatus 
t 

Palaeomeryx spec. 



Es geht also die „Gattung-" Cervus in diesen beiden Fällen 
unabhängig aus folgenden Stufen hervor: 



mit anderen Worten: die Cervus Nestii -Reihe und die Cervus 
australis-Reihe besteht aus vier aufeinanderfolgenden gleichartigen 
Evolutionsstufen. 

Schlosser knüpft an diese Tatsache die Bemerkung, daß 
somit „die Gattung Cervus im weitesten Sinne polyphy- 
letischen Ursprungs ist". 

Es ist aber zu beachten, daß wir in diesem Falle die gut 
unterscheidbaren Evolutionsstufen mit „Gattungen" identifi- 
zieren und es muß die Frage aufgeworfen werden, ob wir in 
diesen Fällen überhaupt den Begriff der „Gattung" für diese Stufen 
anwenden dürfen. 

Während wir gesehen haben, daß das „^gwws-Stadium" 
von verschiedenen Stämmen nach Durchlaufen verschiedener 
Vorstufen erreicht wird, haben wir bei den Hirschen einen Fall 
vor uns, wo dieselbe Endstufe, das „Oertms-Stadium", von ver- 
schiedenen Stämmen nach Durchlaufen derselben Vorstufen 
erreicht wird. 

Können wir überhaupt sagen, daß die „Gattung" 
Cervus polyphyletisch ist? 

Wird es sich empfehlen, den „Gattungsnamen" Palaeo- 
meryx, Dicrocerus, Cervavus und Cervus ein Zeichen an- 
zufügen, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß es 
sich bei diesen „Gattungen" nur um gleichartige Evolutions- 
stufen handelt? 



| 4. Cervus, 
3. Cervavus, 
2. Dicrocerus, 

£ 1. Palaeomeryx, 



(250) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Diskussion. 

Dr. A. v. Hayek weist darauf bin, daß in der Botanik die 
Entstehung verschiedener Arten aus einer Stammart an verschiede- 
nen Orten als „polytope" Entstehung- bezeichnet wird. Die Ent- 
stehung der verschiedenen Metaxytherium -Arten aus HaUtherium 
Scliinsi wäre somit auch ein Fall polytoper Entstehung. 

Prof. Dr. B. Hatschek: Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, 
unter monophyletischer Abstammung die Abstammung von einem 
Elternpaar zu verstehen. Dieser Fall ist zwar möglich, jedenfalls 
aber nur eine seltene Ausnahme von der Regel. Neue Arten nehmen 
am häufigsten von weitverbreiteten Arten ihren Ursprung, die ja 
eine größere Variabilität besitzen als Arten von beschränkter Ver- 
breitung. 

Man behauptet vielfach, daß eine „Art" nur als eine Abstrak- 
tion anzusehen ist; die „Art" wäre nach dieser Auffassung nur eine 
künstlich zusammengefaßte Summe von Individuen. Das ist durch- 
aus falsch; eine Art ist ganz ebenso ein physiologischer 
Begriff wie das Individuum. Durch den physiologischen Vor- 
gang der geschlechtlichen Vermischung verfließen die Individuen 
fortwährend miteinander und bilden auf diese Weise einen gemein- 
samen Zeugungskreis, eine „Art". 

Ein solcher Zeugungskreis kann natürlich allmählich in ver- 
schiedene Zeugungskreise auseinandergehen. Nahe der Teilungs- 
stelle können sich aber Verbindungen befinden, wodurch die beiden 
divergierenden Zeugungskreise wieder zusammenfließen. 

Die Definition der Art würde uns hier zu weit führen. Halten 
wir vor allem, als Grundlage für weitere Erörterungen daran fest, 
daß die Abstammung einer Art von einem einzigen Elternpaar in 
der Natur höchst selten vorkommt und daß eine solche Abstammung 
nicht als Kriterium der monophyletischen Abstammung angesehen 
werden darf. 

R. Schrödinger: Die Bezeichnungen monophyletisehe 
und polyphyletische Abstammung haben nur einen Sinn, 
wenn wir vom gesamten Tier- und Pflanzenreich sprechen; 
ihre Anwendung auf Familien und Arten ist unverständ- 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



(LT, Ii 



lieh. Wenn es ein natürliches System gibt, so ist die Bezeichnung 
„polyphyletische Familie", „polyphyletisches Genus" oder „poly- 
phyletische Art" eine Contradictio in adjeeto. 

Ganz anders steht die Frage, wenn wir natürliche 
Genera von künstlichen Genera unterscheiden. Es wird 
sich empfehlen, die Ausdrücke „monophyletisch" und „polyphy- 
letisch" Uberhaupt zu vermeiden, dagegen die Unterscheidung natür- 
licher und künstlicher Gattungen scharf durchzuführen. 

Prof. Dr. R. v. Wettstein weist zunächst darauf hin, daß die 
Schwierigkeiten bei der Lösung dieses umfangreichen Fragenkom- 
plexes auf zwei Umstände zurückzuführen sind. 

Zuerst müssen wir zwischen dem Begriff und dem Wesen 
des Begriffes unterscheiden. Zweitens erscheint es auf die Dauer 
nicht möglich, unsere entwicklungsgeschichtlichen Erkenntnisse in 
einem System zum Ausdruck zu bringen. 

Prof. Abel hat hervorgehoben, daß bis heute kein Fall be- 
kannt sei, in welchem eine Art unabhängig und ohne Kreuzung 
aus zwei verschiedenen Stammarten hervorgegangen sei. 

Euphrasia stricta und E. brevipila sind zwei scharf geschiedene 
Arten. Wie auch sonst bei Euphrasien sind durch Saisondimorphis- 
mus bei beiden Arten Frühjahrsformen entstanden; aus E. stricta 
ging E. borealis, aus E. brevipila ging E. Suecica hervor. Diese 
Frühjahrsformen sind zwar einander sehr ähnlich, aber durch die- 
selben Merkmale wie die Stammformen zu unterscheiden. Aus 
E. Suecica sind nun zwei Rassen hervorgegangen, eine normal be- 
haarte und eine unbehaarte, für welche ich die neue Bezeichnung 
glabra vorschlage. — In morphologischer Hinsicht ist E. glabra von 
E. borealis absolut nicht zu unterscheiden und doch sind es zwei 
Formen von zweifellos verschiedener Herkunft. Systematisch wurden 
die beiden Formen aus praktischen Gründen unter einem Namen 
zusammengefaßt, obwohl sie von verschiedenen Eltern stammen; 
wenn wir diese Formen als eine Art bezeichnen würden, so wäre diese 
Art polyphyletisch. Wenn die Evolutionsstufen in morphologischer 
Hinsicht nicht zu unterscheiden sind, so wird der praktische Syste- 
matiker sagen, daß nur eine Gattung vorliegt, während der Deszen- 
denztheoretiker auf dem Standpunkte stehen wird, daß zwei ver- 



(252) 



Versammlung der Sektion für Palaozoologie. 



schiedene Formen von verschiedener Herkunft zwei verschiedenen 
Gattungen angehören, wenn auch ihre Evolutionsstufe dieselbe ist. 

Die beiden Begriffe „monophyletisch" und „polyphyletisch" 
sind je nach dem Gesichtspunkte, unter dem man sie anwendet, 
ganz verschieden. 

Nehmen wir folgenden hypothetischen Fall an : Die Endglieder 
zweier verschiedener Entwicklungsreihen, die aus einer Stammform 
hervorgingen, sind gleich. Fassen wir die Endglieder beider Reihen 
unter dem Begriff A zusammen, so ist A entweder polyphyletisch 
oder monophyletisch, je nach der Altersstufe der phylogenetischen 
Entwicklung. Hierin liegt die größte Schwierigkeit für eine Prä- 
zisierung dieser Begriffe. 

A. Handlirsch steht auf dem Standpunkte, daß die syste- 
matischen Einheiten nicht aus einzelnen Stammindividuen, sondern 
aus vielen, gleichzeitig durch gleiche äußere oder innere Ursachen 
umgeformten Individuen in einem einzelnen oder in mehreren geo- 
graphisch getrennten Bezirken entstanden sind. Daher ist eine 
systematische Einheit (z. B. Spezies), die aus einer anderen syste- 
matischen Einheit gleichen Ranges (Spezies) hervorgegangen ist, 
als monophyletisch anzusehen (ohne Rücksicht auf die Zahl der 
umgewandelten Individuen). 

Logischerweise ist dieser Vorgang auch bei systematischen 
Kategorien höheren Ranges anzuwenden; ein Genus, das durch 
parallele Umformung verschiedener Arten eines Genus 
hervorging, ist auch als monophyletisch zu bezeichnen 
(z. B. Cervus). 

Der Ausdruck „polyphyletisch" ist auf jene Fälle zu be- 
schränken, in denen aus zwei oder mehreren differenzierten syste- 
matischen Einheiten durch konvergente Entwicklung wieder eine 
Einheit höheren Ranges hervorging. Beispiele: Entstehung einer 
Spezies aus zwei verschiedenen (Euplirasia borealis s. gldbra) oder 
einer Gattung aus zwei verschiedenen (Equus). 

Vom Standpunkte der phylogenetischen Systematik 
sind aber solche „polyphyletische" Gruppen entschieden 
als unnatürlich zu bezeichnen und zu verwerfen, be- 
ziehungsweise aufzulösen, wie das ja in den letzten Dezennien 
vielfach geschehen ist (z. B. „Aptera" ; „Sugentia", „Parasita" (bei 



Versammlung der Sektion für l'aliiozoolo^ie. 



(263) 



Insekten); „Arthropoda" im alten Sinne = Peripatidae -f Tardi- 
grada + Arthropoda s. str.). 1 ) 

Prof. Dr. B. Hatschek hebt nochmals hervor, daß unter mono- 
phyletischer Abstammung keinesfalls die Herkunft von einem ein- 
zigen Elternpaar zu verstehen sei. 

Die Arthropoden sind als eine polyphyletisch aus Anneliden 
entstandene Gruppe aufzufassen (Branchiata und Tracheata s. I.); 
in beiden Gruppen sind dieselben Merkmale aufgetreten; hier liegt 
diphyletische Abstammung vor. 

In den von Prof. Abel erörterten Beispielen handelt es sich 
um sehr merkwürdige und neuartige Erscheinungen; unsere bis- 
herigen Anschauungen würden bedeutend modifiziert werden, wenn 
auch noch in anderen Fällen eine parallele Entwicklung nachge- 
wiesen würde. 

Dr. A. v. Hayek hält es für sehr wichtig, festzuhalten, daß 
systematische Einheiten oft sehr verschiedene Dinge bezeichnen. 
Als Art ist entweder die Summe ± gleicher Individuen anzusehen 
oder die Summe von Individuen gleicher Abstammung, also sehr 
verschiedene Dinge. Dasselbe gilt aber auch für die Gattungen. 
Bei den Wiederkäuern sind die rezenten Genera die Endglieder 
verschiedener Entwicklungsreihen, die fossilen Genera verschiedene 
Stadien derselben Reihen. In phylogenetischer Hinsicht ist das 
etwas durchaus verschiedenes. 

Prof. Dr. 0. Abel pflichtet diesen Ausführungen bei und be- 
merkt, daß man gewissermaßen von horizontalen und vertikalen 
Gattungen sprechen kann. Die Paläontologen, welche sich mit den 
fossilen Vertebraten beschäftigen, haben es vorwiegend mit horizon- 
talen Gattungen zu tun, die einzelne Stufen einer Evolutionsreihe 
darstellen. Dagegen nimmt man bei der Abgrenzung der einzelnen 
Formenkomplexe unter den Evertebraten häufig eine Abgrenzung 
in vertikalem Sinne vor, so daß man einzelne Gattungen lange 
Zeiträume hindurch verfolgen kann. 

Prof. Dr. B. Hatschek wirft die Frage auf, ob derartige Fälle 
wie die von Abel angeführten Beispiele bei den fossilen Formen- 



x ) Ein weiteres Beispiel ist die notwendig gewordene Auflösung der 
Ratiten. (Anm. von 0. Abel.) 



(254) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



gruppen häufig vorkommen oder seltene Ausnahmen darstellen; im 
letzteren Falle müßte man vielleicht sagen: wir haben eine Formen- 
gruppe für polyphyletisch gehalten, sie ist es aber nicht, es sind 
verschiedene Gattungen. 

Prof. Dr. 0. Abel erwidert, daß die beiden Fälle Equus und 
Cervus die einzigen ihm bekannten sind, wo man von polyphy- 
letischer Entstehung überhaupt sprechen könnte, d. h., wo eine An- 
zahl von Formen, die sich nur unbedeutend unterscheiden, einem 
geschlossenen Formenkreise anzugehören scheint, aber nach Durch- 
laufung verschiedener Stadien zu demselben Endresultat ge- 
kommen ist. Bei Cervus liegt der Fall anders als bei Equus, da 
bei Cervus dieselben Gattungen in den beiden Reihen auftreten, 
bei Equus aber verschiedene. 

R. Schrödinger bemerkt, daß in jedem Falle, wo von poly- 
phyletischer Abstammung gesprochen wird, sofort gesagt werden 
sollte, was man darunter versteht, da sich in der Diskussion er- 
hebliche Gegensätze in der Auffassung gezeigt haben. 

Prof. Dr. B. Hatschek pflichtet dem Vorredner bei, da er die 
mißbräuchliche Anwendung beider Begriffe gleichfalls bekämpfe. 
Er schlägt folgende Definition vor: „Monophyletisch" heißt: aus 
einem Zeugungskreis stammend; „polyphyletisch" heißt: aus ver- 
schiedenen, getrennten Zeugungskreisen stammend. Cervus und 
Equus wären in diesem Sinne diphyletisch. 

Die Unterscheidung von horizontalen und vertikalen Arten 
ist wohl berechtigt; „Art" überhaupt bezeichnet nur den Grad des 
Unterschiedes verschiedener Formengruppen. 

Dr. S. Thenen betont, daß strenge zwischen systematischem 
und deszendenztheoretischem Denken unterschieden werden muß. 
Der Systematiker hat unbedingt Recht, Cervus und Equus in je 
einen Formenkreis zu vereinigen; für den Phylogenetiker sind es 
unbedingt zwei auf verschiedenen Wegen entstandene Gattungen 
und für den Phylogenetiker müßte der Begriff polyphy- 
letisch überhaupt wegfallen. 

Prof. Dr. V. Schiffner erklärt, daß alles, was morphologisch 
gleich ist, in systematischem Sinne eine Art darstellt. Um die 
Herkunft der Art oder Gattung habe sich der Systematiker nicht 
zu kümmern. Systematische Arten und phylogenetische Arten sind 



Versammlung der Sektion für ['aliiozoolotfie. 



scharf zu trennen; eine systematische Art kann aus verschiedenen 
Arten hervorgegangen sein. 

Dr. K. Holdhaus nieint, daß sich der richtige Systematiker 
nicht um die Phylogenie zu kümmern habe. Er hat zu klassifizieren; 
erst sekundär kann er eine phylogenetische Spekulation einleiten. 

Prof. Dr. R. v. Wettstein nimmt gegen die Ausführungen 
des Vorredners entschieden Stellung. Freilich ist es die erste Auf- 
gabe des Systematikers, die einzelnen Formen zu unterscheiden 
und festzustellen. Deszendenztheoretische Untersuchungen 
sind aber keine Spekulationen, sondern sie sind ebenso 
induktiv wie die rein deskriptive Arbeitsmethode. 

Mit dem Euplirasia-Beisyiel sollte gezeigt werden, daß wir 
uns zwei verschiedenen Aufgaben gegenüber befinden. Es sind un- 
bedingt zwei Formenkreise, die auseinanderzuhalten sind, wenn sie 
auch völlig gleich erscheinen. Ebenso ist es von wissenschaftlichem 
Standpunkte aus konsequent, Equus und Cervus in zwei Gattungen 
zu trennen. Mit Rücksicht auf die schwierige Durchführung in der 
Praxis mögen für das große Publikum die alten Gattungsnamen in 
Anwendung bleiben; vom streng wissenschaftlichen Stand- 
punkte aus kann der Begriff einer polyphyletischen Art 
oder Gattung etc. nicht existieren. 

Prof. Dr. 0. Abel konstatiert, daß diese Ansicht bereits eine 
wesentliche Klärung darstelle und eine Annäherung an das Ziel 
der Diskussion bedeute. Die Auflösung der Sammelgattungen Equus 
und Cervus ist wissenschaftlich weit richtiger als die wiederholte 
Erklärung, daß diese Gattungen di-, tri- oder polyphyletisch sind. 

A. Handlirsch weist darauf hin, daß Cervus keinesfalls 
polyphyletisch, sondern als Gattung monophyletisch sei 
und daß hier ein von Equus ganz verschiedener Fall vor- 
liege. Prof. Dr. R. v. Wettstein schließt sich dieser Auffassung an. 

Hierauf sprechen noch Dr. A. v. Hayek, J. Brunnthaler, 
Dr. E. Janchen und R. Schrödinger. 

Resume des Vorsitzenden. 

Die Diskussion hat vor allem gezeigt, daß fast allgemein die 
Auffassung geteilt wird, daß ein geschlossener, einheitlicher Formen- 
kreis nur von einem einheitlichen Zeugungskreis abstammen kann. 



(256) 



Versammlung der Sektion für Paläozoologie. 



Ein geschlossener, einheitlicher Formenkreis kann nicht von zwei 
heterogenen Formenkreisen abstammen. Soweit dies der Fall zu 
sein scheint, wie bei Equus oder bei Euphrasia glabra — borealis, 
liegt nur eine scheinbare Übereinstimmung, also nur scheinbar 
ein geschlossener Formenkreis vor. Ebenso wie gewisse syste- 
matische Einheiten, wie z. B. die „Ratiten", die „Aptera", die 
„Parasita" usw., bei fortschreitender Kenntnis ihres Baues und 
ihrer Abstammung aufgelöst werden mußten, ebenso sind auch jene 
Formenkreise zu zerlegen, die zwar bisher einheitlich erschienen, 
bei fortschreitender Aufhellung ihrer Vorgeschichte aber als Formen 
verschiedener Herkunft festgestellt worden sind. Es ist also eine 
verschiedene Benennung der einzelnen heterogenen Elemente eines 
von den Systematikern als einheitlich angesehenen Formenkreises 
auch dann durchzuführen, wenn die Unterschiede vorläufig nicht 
wahrnehmbar sind, wie bei Euphrasia borealis und Euphrasia glabra. 
Die Bezeichnung „polyphyletisch" für eine Art, Gattung, Familie 
usw. muß überhaupt eliminiert werden. 



Referate. 

Abel, 0. Bau und Geschichte der Erde. Wien, Tempsky, 1909. 8°. 
220 Seiten. Mit 226 Textfiguren und 6 Farbentafeln und Karten. 

In dem Kampfe gegen die extrem philologisch-historische Mittelschule 
haben die Naturhistoriker in der letzten Zeit wohl keine Hauptschlacht, aber 
doch einige Gefechte siegreich bestanden: Die Schulbehörde sah sich ver- 
anlaßt, den „Realien" selbst in dem orthodoxen Gymnasium alten Stiles etwas 
breiteren Spielraum zuzugestehen, der außer der Chemie und Geographie auch 
der „Erdgeschichte" zugute kommen soll. Und mit Recht. Denn, abgesehen 
vielleicht von Physik, ist wohl keine naturwissenschaftliche Disziplin, in der für 
die Mittelschule zulässigen Intensität gepflegt, in so hohem Grade geeignet, 
Urteilskraft und Denkvermögen zu schärfen und den Menschen über die All- 
täglichkeit zu erheben, als gerade die Erdgeschichte. Gewährt sie doch einen 
Einblick in die Genese der Welt und alles Lebens auf derselben, — ermöglicht 
sie uns doch schon bei weniger intensiver Pflege Gefühl und] Sinn für das 
Große und Hehre in der Natur zu erlangen, während Zoologie, Botanik und 
Mineralogie erst für den tiefer Eindringenden eine Quelle der Naturerkenntnis 
bilden können. Das Studium der drei zuletzt genannten Fächer kann, ab- 
gesehen von einigen pädagogischen Nebenzwecken, an der Mittelschule doch 
in erster Linie nur dazu dienen, in der Jugend Sinn und Liebe für die Natur 



Referate. 



(257) 



zu wecken und späterer Erkenntnis die Wege zu ebnen. Nur zu oft ist diese 
In der Mittelschule glücklich angebahnte Erkenntnis dann im späteren Leben, 
Boferne nicht ein naturwissenschaftlicher Beruf gewählt wurde, nicht aus- 
gereift, weil eben der Schlußstein fehlte, der nunmehr nach den neuen Lehr- 
pläneu noch in der obersten Stufe der Mittelschule gelegt werden soll. 

Abels Buch ist dazu bestimmt, der Schule diese Aufgabe zu erleichtern, 
und wer es ohne Vorurteil durchblättert, wird die Schüler beneiden, für die 
es bestimmt ist, — vorausgesetzt natürlich, daß sich nicht wieder stumpf- 
sinnige Lehrer finden, welche ihre Aufgabe darin sehen, die mehr oder minder 
vollständige Erlernung der etwa 400 Tier- oder Pflanzen- und 600 Ortsnamen 
nebst den vielen Autorennamen, unvermeidlichen Zahlen und sonstigen Details 
durch Erteilung von Zweiern, Dreiern und Vierern zu quittieren. Man lasse 
der Jugend die ihr fast ausnahmslos eigene Lust zum Studium solch inter- 
essanter Dinge, wie sie Abels Buch in Hülle und Fülle enthält, und der 
Erfolg wird nicht ausbleiben. Es wird nicht jeder alles und namentlich 
nicht alle Details in sich aufnehmen können, aber er wird seinem Gedächtnisse 
ein unauslöschliches Bild einprägen, welches ihn auf seiner Reise durch das 
Leben leiten wird. Er wird nicht mehr verständnislos den Wundern unserer 
Welt gegenüberstehen, wenn er die so leicht faßlichen Kapitel des 1. Ab- 
schnittes (Bau der Erde) über die vulkanischen Erscheinungen, über 
den Aufbau der Gebirge, die Gesteinsbildung, die Wirkung von 
Wasser, Eis und Wind auf die Erdoberfläche auch nur aufmerksam 
gelesen hat. Es wird sich ihm ohne Mühe ein Bild der allmählichen Ent- 
faltung unserer Tier- und Pflanzenwelt ergeben, wenn er die im 2. Abschnitte 
(Geschichte der Erde) angeführten Beispiele und namentlich die zahl- 
reichen so gut gewählten und musterhaft ausgeführten Abbildungen betrachtet, 
die ihm die Lebewesen längst vergangener Perioden vorführen, nicht selten 
sogar in Rekonstruktionen und in der charakteristischen Landschaft. — Nach 
solcher Vorbereitung wird er leicht aus dem 3. Abschnitte (Geologischer 
Aufbau Österreichs) das zur Orientierung in seiner Heimat Nötige erfassen 
und dann wird er nicht mit Geringschätzung, sondern mit Hochachtung für 
eine Wissenschaft erfüllt sein, wenn er aus der Einleitung erfährt, daß diese 
Wissenschaft, der wir die Lösung so vieler Rätsel verdanken, mit zu den 
jüngsten gehört. 

Es wäre sehr zu bedauern, wenn im vorliegenden Falle wieder jene 
Recht behalten sollten, welche behaupten, ein gutes Lehrbuch dürfe nur das 
enthalten, was tatsächlich in der dem Gegenstande in der Schule zugemessenen 
Zeit gründlich bewältigt werden kann, und wenn sich der Verfasser, diesem 
Drucke weichend, bei voraussichtlichen Neuauflagen zu wesentlichen Streichun- 
gen bewegen ließe, denn es kann doch keine Gefahr für den Unterrichts- 
„Betrieb" darin liegen, wenn man es besonders eifrigen oder befähigten 
Schülern ermöglicht, etwas mehr zu lernen, als unbedingt zur Erlangung 
eines Zeugnisses erster Klasse für nötig befunden wird. Es dürfte doch besser 
sein, dem Schüler in seinem Lehrbuche Auskunft über möglichst viele Fragen 

Z. B. Ges. 59. Bd. r 



(258) 



.Referate. 



zu geben, als ihn zu zwingen, sich die Antwort aus den nur zu oft höchst 
problematischen populären Schriften zu holen. Und gerade die Knappheit 
der meisten Lehrbücher scheint die Ursache zu sein, warum sich unter den 
Tausenden, die alljährlich unsere Mittelschulen verlassen, nur so wenige finden, 
welche im späteren Leben außer im besten Falle für die Gegenstände ihres 
engen Berufskreises auch für anderes Interesse und Verständnis bewahren. 
Besonders unbegreiflich aber muß es erscheinen, wenn selbst im Kreise der 
Fachgelehrten die Meinung geäußert wurde, das Buch enthalte zu viel, oder 
gar, es sei gleichgiltig, was der Schüler lerne — man solle ihn nicht auch 
noch mit Geologie belasten usw. — Belastung wird nur durch engherzige 
Lehrer verschuldet oder durch ungenießbare Bücher, nicht aber durch gute 
und anregende. Die Vertreter der Naturwissenschaften haben wahrlich keine 
Ursache, sich für die ministeriellen Philologen die Köpfe zu zerbrechen dar- 
über, wie sich Eaum für etwas schaffen läßt, was die Zeit gebieterisch fordert. 
Ist die Geologie zu „dick", so möge man aus zehn philologisch -historisch- 
theologischen Büchern je zehn Seiten eliminieren und das Gleichgewicht wird 
hergestellt sein, ohne daß die Welt darob in dumpfes Banausentum versinkt. 

Abels „Erdgeschichte" ist ohne Zweifel eine ebenso wertvolle als 
zeitgemäße Bereicherung unseres Schulbücherschatzes. Sie wird aber nicht 
nur bei richtiger Anwendung ihren Zweck in der Schule vollkommen erfüllen, 
sondern auch von jedem gerne benützt werden, der durch eigenes Studium 
die Lücken ausfüllen will, welche die alten Lehrpläne in seiner Bildung ver- 
ursachten. A. Handlirsch. 

Bebel, Prof. Dr. H. Berges Schmetterlingsbuch. 9. Aufl. (Stuttgart, 
E. Schwei zerbartsche Verlagsbuchhandlung Nägele & Dr. Sproesser), Liefe- 
rung 1—3 (komplett in 22 Lieferungen ä M. 1.20). 

Schon zum neuntenmale erscheint dieses älteste, allgemein beliebte und 
rühmlichst • bekannte Schmetterlingswerk, und zwar in einer so vollständig 
neuen, vermehrten und verbesserten Bearbeitung, daß von dem gleichnamigen 
alten Buch fast nur die Anlage und der Titel unverändert geblieben sind. 
Die Neubearbeitung besorgt diesmal Prof. Dr. H. Rebel, der sich durch eine 
Anzahl trefflicher lepidopterologischer Abhandlungen, besonders aber durch 
seinen epochalen, mit Dr. Staudinger herausgegebenen Katalog der palä- 
arktischen Lepidopteren, den Weltruf eines der besten Lepidopterologen un- 
serer Zeit erworben hat. Der Verfasser ist bestrebt, unter Beibehaltung der 
bisherigen konzisen Form des populären Buches, entsprechend den neuesten 
Anforderungen der Entomologie, demselben in textlicher Hinsicht eine streng 
wissenschaftliche Basis zu geben, was ihm auch bisher glänzend gelungen ist. 

Das Werk zerfällt in zwei Teile. 

Der erste, allgemeine Teil, welcher eine Reihe sowohl wissenschaftlich 
wie auch praktisch hochinteressanter und belehrender Probleme zum Gegen- 
stande haben soll, zerfällt in 15 Kapitel, deren jedes wiederum mehrere Unter- 
abteilungen umfaßt. Die Überschriften der Kapitel sind folgende: Allgemeines 



Referate. 



(259) 



Uber Systematik. — Organisation der Lepidopteren, — Färbung und Zeichnung. 

— Entwicklung. — Lebensweise. — Faunistik und geographische Verbreitung. 

— System und stammesgesehichtliche Beziehungen. — Experimentalbiologie. 

— Literatur. — Die wichtigsten entomologischen Vereine. — Fang und Zucht. 

— Präparation. — Ordnen, Bestimmen und Bezetteln. — Aufbewahren, An- 
legung einer Sammlung. — Versand, Kauf und Tausch. 

Der zweite, spezielle Teil des Werkes, dessen drei erste Lieferungen 
vorliegen, ist der systematischen Bearbeitung der Großschmetterlinge Mittel- 
europas gewidmet, der, mit wenigen Abweichungen, das in der neuesten Auf- 
lage des Kataloges Staudinger-Rebel angenommene System zugrunde ge- 
legt ist. Er enthält in konziser Form musterhaft durchgeführte Beschreibungen 
der Familien, Gattungen, Arten, Varietäten und Aberrationen der Schmetter- 
linge, wobei auf die Kennzeichnung der zwei letzteren systematischen Kate- 
gorien, soweit dieselben in der Natur frei vorkommen, ein besonderes Gewicht 
gelegt wird. Da das sogenannte mitteleuropäische Territorium faunistisch 
kein einheitliches Gebiet ist, wurde auch eine Anzahl weiterer, meist süd- 
europäischer Formen kurz besprochen. Die Bestimmung der Familien und 
Gattungen, in einigen schwierigeren Gruppen selbst der Arten, wird durch 
klar verfaßte synthetische Tabellen erleichtert. Wenn auch eine Anlage von 
Bestimmungstabellen für sämtliche Arten sehr erwünscht wäre, konnte davon 
umsomehr Umgang genommen werden, da der Verfasser bestrebt ist, bei nahe- 
stehenden Arten durch diagnostische Bemerkungen und komparative An- 
gaben eine erhöhte Sicherheit der Bestimmung zu ermöglichen. Bei den 
meisten bisher behandelten Tagfaltergattungen ist im Texte eine sehr in- 
struktive Geäderskizze beigegeben. Sämtliche Artbeschreibungen wurden vom 
Verfasser nach originalen Stücken, vollständig unabhängig von den Tafeln, 
neu verfaßt, dabei wurde die geographische Verbreitung jeder Art innerhalb 
des Territoriums überall angegeben. Auch sind die ersten Lebensstände (Ei, 
Raupe und Puppe) sowie die Lebensweise bei allen beschriebenen Arten 
ausreichend berücksichtigt. 

Wenn auch zur Bestimmung einzelner Arten der Text des syste- 
matischen Teiles fast in allen Fällen vollkommen ausreichen dürfte, wird 
dieselbe außerdem noch durch eine Fülle trefflich gelungener Abbildungen 
von Schmetterlingen und Raupen sehr erleichtert. 

Da es zu weit führen würde, hier den reichen Inhalt des Werkes noch 
ausführlicher zu besprechen, verweisen wir den Leser auf die Vorrede des 
Verfassers, aus der man die Gesichtspunkte für die Abfassuug desselben ent- 
nehmen kann und begnügen uns damit, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise 
auf ein ausgezeichnetes Schmetterlingsbuch gelenkt zu haben, welches nicht 
nur allen Freunden der Schmetterlinge, sondern auch dem europäischen Fach- 
mann aufs wärmste empfohlen werden kann. Dr. St. Kiemen sie wiez. 

Mahler K. Der Wald und die Alpenwirtschaft in Österreich und 
Tirol Gesammelte Aufsätze von Anton v. Kern er. Berlin, Gerdes & 
Hödel, 1908. Gr.-8°. 178 Seiten. 



(260) 



Eeferate. 



Das vorliegende Buch stellt den Beginn einer Sammlung von wenig 
bekannten Kern er sehen Aufsätzen dar, deren Erscheinen jeder, der sich nur 
in einige von Kerners Arbeiten eingehender vertieft hat, mit Freuden be- 
grüßen wird. Es sind zunächst drei in der „Österreichischen Revue" 1863—1867 
erschienene Aufsätze, die hier abgedruckt werden: „Österreichs waldlose Ge- 
biete", „Studien über die oberen Grenzen der Holzpflanzen in den österreichi- 
schen Alpen" und „Die Alpenwirtschaft in Tirol, ihre Entwicklung, ihr gegen- 
wärtiger Betrieb und ihre Zukunft". Der erste befaßt sich mit den beiden 
von Natur aus waldlosen Regionen, jener über der Baumgrenze und eingehen- 
der mit jener der Steppen. Die zweite Arbeit, eine der wertvollsten des 
Verfassers und charakteristisch für seine exakte Arbeitsweise, bringt eine 
große Menge von Detailangaben und in der ihm eigenen klaren und lebhaften 
Ausdrucksweise die daraus gezogenen allgemeinen Schlüsse; sie könnte für 
manchen „modernen" Pflanzengeographen als Vorbild induktiver Arbeitsweise 
dienen und wird auch jedermann zeigen, wie unberechtigt alle von Einigen 
hier wie in der Blütenbiologie in die Exaktheit der Forschung Kern er s ge- 
setzten Zweifel sind. Die dritte Arbeit bringt seine Anschauungen über die 
Entstehung der Alpenwirtschaft, eine Schilderung und scharfe Kritik ihres 
jetzigen Zustandes und gibt die Mittel an, sie zu verbessern und rationell 
zu gestalten; sie ist, wie es mit derartigen unbestellten Gutachten von Ge- 
lehrten gewöhnlich geschieht, so lange unbeachtet geblieben, bis die Praktiker 
zu derselben Erkenntnis kamen und man viel zu spät einzelne bescheidene 
Anfänge zu einer Besserung machte. Mögen auch Kerners Arbeiten in ein- 
zelnen Details überholt sein, ihr Geist und ihre ungekünstelt poetische Aus- 
drucksweise erhalten ihnen dauernden Wert und bestärken uns in dem Wunsche 
nach einer recht raschen Fortsetzung ihrer Neuausgabe, welche auch die 
kleinen, in Tageszeitungen veröffentlichten Aufsätze umfassen inö)ge, die, 
wenn auch nicht in streng wissenschaftlicher Form gehalten, begreiflicher- 
weise, aber unverdientermaßen in wissenschaftlichen Kreisen am allerwenig- 
sten bekannt sind. Handel-Mazzetti. 

Höck F. Lehrbuch der Pflanzenkunde für höhere Schulen und 
zum Selbstunterricht. Mit besonderer Rücksichtnahme auf die Lebens- 
verhältnisse der Pflanzen vollkommen neu bearbeitet auf Grundlage der 
4. Auflage von „Dalitzsch-Ross, Pfianzenbuch". Eßlingen und München, 
Verlag von J. F. Schreiber, 1908. 8°. 2 Teile. 112 + 220 S., 6 + 23 Tafeln, 
2 Karten, 65 + 156 Textabbildungen. Preis M. 1.60 + 3.20. 

Das vorliegende, von dem bekannten Pflanzengeographen verfaßte Buch 
ist in zwei Teilen (separaten Bänden) erschienen, deren erster für die unteren, 
deren zweiter für die mittleren Klassen preußischer Mittelschulen bestimmt 
ist. Jeder Teil bildet ein Ganzes für sich, doch ist darauf gerechnet, daß in 
den Übergangsklassen von den unteren zu den mittleren Klassen beide Teile 
nebeneinander verwendet werden können. Auch wird an sehr vielen Stellen 
von einem Band auf den anderen verwiesen. Trotzdem ist die Verwendbarkeit 
des ersten Teiles allein durch ein einleitendes Kapitel am Anfang und ein 



Referate. 



(261) 



zusammenlassendes am Schlüsse gesichert. Im übrigen mag in bezug auf 
die leitenden Grundsätze des Buches auf das vom Verfasser beigegebene 
„Begleitwort" verwiesen werden. Die im ersten Teil beschriebenen Pflanzen 
sind — wie bei solchen Teilungen üblich — lediglich Angiospermen mit 
leichter analysierbaren Blüten. Der zweite Teil enthält eine systematische 
Übersicht des ganzen Pflanzenreiches mit genauerer Beschreibung einzelner 
im ersten Teil nicht erwähnter Familienrepräsentanten; ferner allgemeine Ab- 
schnitte über „Bau und Leben der Pflanzen" und „Verbreitung der Pflanzen" 
(einschließlich Paläontologie). Dieser recht ausführlich gehaltene Abschnitt, 
in diesem Ausmaße in Mittelschullehrbüchern sonst nicht üblich, ist freudigst 
zu begrüßen. Die Beschreibungen sind gut, jedoch nicht immer frei von den 
sattsam bekannten ökologischen Übertreibungen (z. B. §§ 6, 10). Einzelne Aus- 
drücke erscheinen nicht ganz glücklich, wie Bd. II, S. 17: „Korn -Weizen" 
(für Seeale), S. 166: „Hochgebirgsschicht", S. 289: „Dörrpflanzen" (= Xero- 
phyten). In Bd. I, S. 96 fällt der abweichende Gebrauch des Wortes „Bei- 
sprosse" auf. „Bosnische Wälder (Bd. II, S. 173), in denen die Silberlinde und 
die echte Walnuß vorherrschen, die europäische Roßkastanie wild vorkommt", 
sind nicht bekannt. Daß Macchien (Bd. II, S. 174) tiefgründigen Kieselboden 
brauchen, stimmt für die adriatischen Küstenländer gewiß nicht. — Die Text- 
abbildungen sind meist gut, die Tafeln sowie einige Abbildungen nach Photo- 
graphien (z. B. Bd. II, S. 180, 190) könnten zum Teil besser reproduziert sein. 
Bei Tafel 16 wirkt die Häufung so vieler Unterwuchspflanzenarten auf be- 
schränktem Raum etwas gekünstelt. Die Abbildung von Empetrum nigrum 
auf der mit „Heide-Familie" überschriebenen Seite 59 des I. Bandes könnte 
Verwirrung stiften. A. Ginzberger. 

Ascherson und Graebner. Synopsis der mitteleuropäischen Flora. 
III. Band. Leipzig, W. Engelmann. 

Der nunmehr vollendet vorliegende dritte Band dieses monumentalen 
Werkes umfaßt die Bearbeitung der Liliaceae, Amaryllidaceae, Dioscoreaceae, 
Iridaceae, Scitamineae, Orchidaceae. Der Anlage nach schließt sich die Be- 
arbeitung an die bisher erschienenen Bände genau an und weist auch alle 
die Vorzüge derselben, genaues Eingehen bis auf die kleinsten Formenkreise, 
ausgiebige Benützung der einschlägigen Literatur und reichliche Zitate, auf. 
Wie immer sind auch alle im Gebiete als Zierpflanzen gezogenen Arten in * 
wohl allzu ausgedehntem Maße aufgenommen; Arten, die nur an der Riviera 
in geschützter Lage im Freien gezogen werden können, gehören wohl nicht 
mehr in eine „mitteleuropäische" Flora; da läge uns die Flora von Serbien 
oder der oberitalienischen Tiefebene wohl näher. Besonderes Interesse be- 
anspruchen die schwierigen Gattungen Narcissus, Iris, Crocus und vor allem 
die eingehende Bearbeitung der Orchidaceen, die sich vor allem an die Ar- 
beiten von Max Schulze anlehnt. Leider läßt gerade in diesem Abschnitt 
die Zuverlässigkeit der Zitate einiges zu wünschen übrig. Warum übrigens 
die Wiener Nomenklaturregeln nicht konsequent durchgeführt werden, ist 
Referenten auch nicht klar; die Anwendung der jetzt verpönten Doppelnamen 



(262) 



Referate. 



(wie Epipogon Epipogon) in den vor dem Wiener Kongreß erschienenen Teilen 
des Werkes rechtfertigt ebensowenig das zähe Festhalten an denselben, wie 
die Bildung von hybriden Gattungsnamen wie Gymnigritella. Wenn ein so grund- 
legendes und weit verbreitetes Handbuch wie die Ascherson-Graebner- 
sche Synopsis sich gegen die strikte Durchführung der Nomenklaturregeln 
so ablehnend verhält, wird die jetzige Übergangsperiode mit ihrer alten, 
neueren und neuesten Nomenklatur noch lange kein Ende finden und die 
Konfusion nur vermehrt, statt vermindert. Hayek. 

Wettstein, R. t. Handbuch der systematischen Botanik. II. Bd., 
2. Teil. Leipzig und Wien, Franz Deuticke. 8°. — Erschien in zwei Hälften: 
1. Hälfte (1907): 233 S., 165 Textabb.; 2. Hälfte (1908): 183 S., 104 Textabb., 
Titelblatt, Inhaltsverzeichnis und Register des II. Bandes. 

Der 1901 erschienene I. Band des vorliegenden Werkes behandelte die 
Thallophyten (I.— VI. Stamm des Wett st einschen Systems), der 1903 
erschienene 1. Teil des II. Bandes die ersten drei Unterabteilungen des 
VII. Stammes (Cormophyta), nämlich die Bryophyten, Pteridophyten 
und Gymnospermen. Beide Teile des Buches sind in diesen „Verhandlun- 
gen" von Prof. K. Fritsch besprochen worden (Bd. LI, 1901, S. 374 ff. und 
Bd. LIV, 1904, S. 158 f.). Die beiden vorliegenden Teile schließen das Werk 
ab und behandeln die Unterabteilung der Angiospermen, und zwar zu- 
nächst im allgemeinen. 

Auf den Abschnitt über die Morphologie derselben folgen Auseinander- 
setzungen über ihre Phylogenie, die wegen der außerordentlichen, sehr schwer 
zu überblickenden Formenmannigfaltigkeit sowie wegen des Mangels zweifel- 
loser Zwischenformen zwischen den Angiospermen und ihren mutmaßlichen 
Vorfahren eine der schwierigsten systematischen Fragen ist. Verfasser kommt 
zu folgenden Resultaten: 

1. Die Monokotylen sind von den Dikotylen (aus der Verwandtschaft 
der Polycarpicae) abzuleiten (nicht umgekehrt!). 

2. Die Synpetalen sind von den Choripetalen abzuleiten, und zwar 
schließen sich ihre einzelnen Reihen an verschiedene Reihen der Chori- 
petalen an-, die Synpetalen sind daher eine polyphyletische Gruppe. 

3. Unter den Choripetalen sind . die Monochlamydeen (Apetalen) die 
ursprünglichsten (nicht die Polycarpicae!), da unter ihnen die den Gymno- 
spermen ähnlichsten Gruppen (Casuarinaceae) zu finden sind; die höheren 
Choripetalen (Dialypetalen) schließen an mehreren Punkten an die Reihen 
der Monochlamydeen an, sind also eine polyphyletische Gruppe. 

Aus diesen Erwägungen ergibt sich auch die Reihenfolge der Haupt- 
gruppen der Angiospermen: 

1. Klasse: Dicotyledones. 

1. Unterklasse: Choripetalae. 

A. Monochlamydeae. 

B. Dialypetaleae. 



Referate. 



(268) 



2. Unterklasse: Synpetdlae. 
2. Klasse; Motiocotyledones. 

Auffallend ist (z. B. zum Unterschied vom Engl ersehen System) die 
Stellung der Monokotyledonen am Schlüsse des ganzen Systems. 

In zwei Kapiteln über die Entwicklung des Befruchtungsvorganges und 
der Blüte der Angiospermen aus den Verhältnissen bei den Gymnospermen 
wird gezeigt, daß die Monochlamydeen in diesen beiden Beziehungen ein 
Durchzugsstadium auf dem Wege vom gymnospermen zum angiospennen Typus 
darstellen, so daß ihre Stellung am Anfange des Angiospermensystems auch 
aus diesen Gründen gerechtfertigt erscheint. 

Was dieses System selbst anbelangt, so unterscheidet es sich in vielem 
von dem derzeit verbreitetsten System Englers, nicht nur in der Reihenfolge 
der Reihen, sondern auch in der Art der Zusammenfassung der Familien zu 
Reihen, manchmal auch in der Abgrenzung der Familien selbst. 

Im folgenden soll nun der Vergleich des Wettstein sehen mit dem 
Englerschen System, wie es in der 5. Auflage des „Syllabus" (1907), ferner 
(mit ganz geringfügigen Unterschieden) in den „Genera Siphonogamarum" 
(speziell in der „Enumeratio faniiliarum") erscheint, im einzelnen durchgeführt 
werden. Zu diesem Zwecke werden zuerst die Reihen und die zu ihnen ge- 
hörigen Familien des Wett stein sehen Systems angeführt, dann die Unter- 
schiede zwischen den beiden Systemen angegeben, und zwar für die einzelnen 
Hauptgruppen der Angiospermen separat. Zum Schlüsse sollen die entwick- 
lungsgeschichtlichen Beziehungen der einzelnen Angiospermenreihen, wie sie 
sich aus Bemerkungen bei Besprechung der einzelnen Reihen und Familien, 
ferner aus der zusammenfassenden Übersicht am Schlüsse des ganzen Werkes 
ergeben, dargelegt werden. 

I. Klasse: Dicotyledones. 
1. Unterklasse: Choripetalae. 
A. Monochlamydeae. 

1. Reihe: Verticillatae (Familie: Casuarinaceae). 

2. Reihe: Fagales (Familien: Betulaceae, Fagaceae). 

3. Reihe: 31yricales (Familie: Myricaceae). — Diese drei Reihen 
entsprechen den gleichnamigen Reihen Englers. 

4. Reihe: Juglandales (Familie: Juglandaceae). — Hierher viel- 
leicht auch die Balanopsidaceae, die bei Engler eine eigene Reihe (Balano- 
psidalesj bilden. 

5. Reihe: Salicales (Familie: Salicaceae). — Diese Reihe wird von 
Engler vor die Reihen 2—4 gestellt. 

6. Reihe: Urticales (Familien: Moraceae, Cannabaceae [bei Eng- 
ler eine Unterfamilie der Moraceae], Ulmaceae, Urticaceae). — Diese Reihe 
entspricht der gleichnamigen Reihe Englers. 



(264) 



Referate. 



7. Reihe: Proteales (Familie: Proteaceae). — Entspricht der gleich- 
namigen Reihe Englers. 

8. Reihe: Santalales (Farn ilien: Santalaceae, Grubbiaceae, Opiliaceae, 
Olacaceae, Myzodendraceae , Lorant! taceae , Balanophoraceae , Cynomoriaceae). 
— Die letztgenannte Familie steht bei Engler am Schlüsse der Myrtiflorae. 

9. Reihe: Polygonales (Familie: Polygonaceae). — Entspricht der 
gleichnamigen Reihe Englers. 

10. Reihe: Piperales (Familie: Piperaceae). — Ob die von Engl er 
hierher gerechneten Saururaceae, Chloranthaceae und Lacistemonaceae hierher 
gehören, ist fraglich. Die ganze Reihe steht bei Engler immittelbar hinter 
den Verticillatae. 

11. Reihe: Hamamelidales (Familien: Hamamelidaceae, Platana- 
ceae, Cercidiphyllaceae, Eupteleaceae, Eucommiaceae, Leüneriaceae). — Die 
ersten beiden Familien stehen bei Engler in der Reihe der Posales, erstere 
in der Unterreihe Saxifragineae (hier auch die Eucommiaceae), letztere in der 
Unterreihe Posineae; die Cercidiphyllaceae und Eupteleaceae sind in der Nähe 
der Panunculaceae untergebracht, die Leüneriaceae bilden die vor den Juglan- 
dales stehende Reihe L^eitneriales. 

12. Reihe: Tricoccae (Familien: Eupliorbiaceae, Dicliapetalaceae, 
Buxaceae). — Die ersten zwei Familien stehen bei Engler am Schlüsse der 
Geraniales, die letzte am Beginne der Sapindales. 

13. Reihe: Centrospermae (Familien: Chenopodiaceae, Amaranta- 
ceae, Batidaceae, Theligonaceae [ob hierhergehörig?], Phytolaccaceae, Nycta- 
ginaceae, Aizoaceae, Cactaceae, Portulacaceae, Basellaceae, Garyopliyüaceae). — 
Bei Engler bilden die Cactaceae eine eigene Reihe (Opuntiales), die un- 
mittelbar vor den Myrtiflorae steht; die Batidaceae bilden eine eigene auf 
die Juglandales folgende Reihe (Batidales). 

Die auffallendsten Eigentümlichkeiten des von Wettstein angenom- 
menen Systems der Monochlamydeae gegenüber dem Englerschen sind also: 

1. Die Stellung der Salicales am Schlüsse der die „Kätzchenbäume" 
umfassenden Reihen. 

2. Die Stellung der Piperales. 

3. Die Einordnung der Hamamelidales und Tricoccae, respektive der 
diese Reihen zusammensetzenden Familien unter die Monoehlainydeen. 

4. Die Einordnung der Kakteen unter die Centrospermen. 

5. Die Ausscheidung der Aristolochiaceae, Pafßesiaceae und Hydnora- 
ceae aus der Gruppe der Monochlamydeae. 

6. Die Auffassung der Cannabaceae als eigener Familie. 

7. Die Auflassung der Reihen Leitneriales, Batidales, Aristolochiales. 

B. Dialypetaleae. 

14. Reihe: Polycarpicae (Familien: Magnoliaceae, Trochodendra- 
ceae, Lactoridaceae, Anonaceae, Myristicaceae, Calycanthaceae, Gomortegaceae, 
Monimiaceae, Lauraceae, Hemandiaceae, Aristolochiaceae, Pafflesiaceae, Hyd- 



Referate. 



(265) 



noraceae, Men isperm aceae, Lardiza balaccae, Berberida ceac, lianuncida ceac, 
Nymphaeaceae. Ceratophyllaceae, Nepenthaceae, Cephalotaceae, Sarraceniaceae) . 

— Bei Engler heißt die entsprechende Reihe „Banales"; die Aristolochiaceae, 
Rafflesiaceae und Jfydnoraceae bilden eine eigene Reihe „Aristolochiales", die 
unmittelbar auf die Santalales folgt; die Nepenthaceae und Sarraceniaceae 
bilden (zusammen mit den Droseraceae) die an die Bhoeadales angeschlossene 
ßeihe der Sarraceniales; die Cephalotaceae stehen unter den Basales, und zwar 
in der Nachbarschaft der Saxifragaceae. 

15. Reihe: Rhoeadales (Familien: Papaveraceae, Tovariaceae, Cap- 
paridaceae, Cruciferae, Besedaceae, 31 oring aceae). — Entspricht der gleich- 
namigen Reihe Englers. 

16. Reihe: Parietales (Familien: Cistaceae, Bixaceae [ob hierherge- 
hörig?], Cochlospermaceae, Koeberliniaceae [ob hierhergehörig?], Tamaricaceae, 
Fouqiiieriaceae, Franlceniaceae, Elatinaceae, Droseraceae, Violaceae, Flacourtia- 
ceae, Stachyur aceae, Tumeraceae, Malesherb iaceae, Passifloraceae, Achariaceae, 
Caricaceae, Loasaceae; Begoniaceae, Datiscaceae, Ancistrocladaceae [ob die 
letzten drei Familien hierher gehören, ist sehr fraglich]). — Bei Engler um- 
fassen die Parietales auch die hier als „Guttiferales" zusammengefaßten 
Familien. Die Droseraceae gehören bei Engler zu der Reihe Sarraceniales 
(siehe oben). Die Parietales, sowie die folgenden Reihen 17 — 22 stehen in 
Wettsteins System vor den Bosales, bei Engler stehen die ihnen ent- 
sprechenden Reihen hinter denselben. Auch die Reihenfolge dieser Reihen 
untereinander ist in den beiden Werken verschieden. 

17. Reihe: Guttiferales (Familien: Dilleniaceae, Ochnaceae, Eu- 
cryphiaceae, Caryocaraceae, Marcgraviaceae, Quiinaceae [ob hiehergehörig?], 
Theaceae, Guttiferae, Dipterocarpaceae). — Diese Reihe entspricht bei Engler 
der ersten Unterreihe („Theineae") der Parietales. 

18. Reihe: Columniferae (Familien: Malvaceae, Bombacaceae, Tilia- 
ceae, Stercxäiaceae, Elaeocarpaceae ; Chlaenaceae, Gonystylaceae, Scytopetalaceae 
[die Zugehörigkeit der letzten drei Familien zu dieser Reihe ist zweifelhaft]). 

— Diese Reihe heißt bei Engler „Malvales" . 

19. Reihe: Gruinales (Familien: Linaceae, Humiriaceae, Oxalida- 
ceae, Geraniaceae, Limnanthaceae, Tropaeolaceae, Balsaminaceae, Eryrthroxyla- 
ceae, Malpighiaceae, Zygophyllaceae; Cneoraceae [ob hierhergehörig?]). — Die 
entsprechende Reihe heißt bei Engler Geraniales; der Umfang der beiden 
Reihen deckt sich aber nicht, da Englers Geraniales die Limnanthaceae und 
Balsaminaceae nicht, dafür aber eine ganze Reihe von anderen Familien, so 
die Butaceae, Simarubaceae, Polygalaceae und Euphorbiaceae enthält. 

20. Reihe: Tevebintliales (Familien: Butaceae, Simarubaceae, Bur- 
seraceae, Meliaceae, Tremandraceae [ob hierhergehörig?], Polygalaceae, Tri- 
goniaceae, Vochysiaceae, Anacardiaceae, Sapindaceae, Aceraceae, Hippocastana- 
ceae, Sabiaceae [ob hierhergehörig?], Melianthaceae). — Die ersten acht Fami- 
lien dieser Reihe stehen bei Engler unter den Geraniales, die übrigen bilden 
mit den Celastrales Wettsteins die Reihe der Sapindales Englers. 



(266) 



Referate. 



21. Reihe: Celastrales (Familien: Aquifoliaceae, Celastraceae, 
Staphyleaceae , Hippocrateaceae , Stackhousiaceae , Icacinaceae ; Empetraceae, 
Coriariaceae, Cyrillaceae, Pentaphylacaceae, Corynocarpaceae [die Zugehörig- 
keit der letzten fünf Familien zu dieser Reihe ist zweifelhaft]). — Bilden einen 
Teil der Sapindales Englers. 

22. Reihe: Mhamnales (Familien: Bhamnaceae, Vitaceae). — Ent- 
spricht der gleichnamigen Reihe Englers. 

23. Reihe: Hosales (Familien: Crassulaceae, Saxifragaceae, Cu- 
noniaceae, Brunelliaceae, Pittosporaceae, Myrothamnaceae [ob hierhergehörig?], 
Bruniaceae [ob hierhergehörig?], Podostemonaceae, Eydrostachyaceae, Bosa- 
ceae, Crossosomataceae, Chrysobalanaceae, Connaraceae, Mimosaceae, Pa- 
pilionaceae). — Die Bosales Englers haben einen größeren Umfang, da sie 
unter anderen auch die Cephalotaceae, Hamamelidaceae und Platanaceae um- 
fassen. Wegen der Verwandtschaft mit den Myrtales hat Wett stein die Reihe 
hierhergestellt- bei Engler folgt sie auf die Bhoeadales (resp. Sarraceniales). 
Die Chrysobalanaceae und die Mimosaceae werden hier als eigene Familien 
betrachtet; bei Engler bilden erstere eine Unterfamilie der Bosaceae (Chryso- 
balanoideae), letztere werden (als Mimosoideae) mit den Caesalpinioideae und 
Papüionatae (die Wettstein als Papilionaceae zusammenfaßt) zur Familie 
der Leguminosae vereinigt. Die Gattungen Byblis und Adoxa sind (mit Reserve) 
den Saxifragaceae angeschlossen. 

24. Reihe: Myvtales (Familien: Penaeaceae, Geissolomataceae,Olinia- 
ceae, Thymelaeaceae, Elaeagnaceae, Lythraceae, Sonner atiaceae, Bliizophoraceae, 
Lecythidaceae, Combretaceae, Myrtaceae, Punicaceae, Melastomataceae, Oeno- 
theraceae, Halorrhagidaceae, Gunneraceae; Hippuridaceae, Callitrichaceae [die 
Zugehörigkeit der letzten zwei Familien zu dieser Reihe ist zweifelhaft]). — 
Entsprechen, abgesehen von der Einbeziehung der Callitrichaceae (bei Engler 
am Schlüsse der Geraniales) und dem Ausschluß der Cynomoriaceae (bei 
Wettstein unter den Santalales) den Myrtiflorae Englers. Die Gunneraceae 
bilden bei Engler die Unterfamilie Gunneroideae der Halorrhagidaceae. 

25. Reihe:' Umbelliflorae (Familien: Cornaceae, Araliaceae, Um- 
belliferae). — Entspricht der gleichnamigen Reihe Englers. 

Die auffallendsten Eigentümlichkeiten des von Wettstein angenom- 
menen Systems der Bialypetaleae gegenüber dem Englerschen sind also-: 

1. Die Einordnung der Aristolochiaceae, Bafflesiaceae und Hydnoraceae, 
ferner der Nepenthaceae, Cephalotaceae und Sarraceniaceae in die Reihe der 
Polycarpicae. 

2. Die Abtrennung der Englerschen Unterreihe „Theineae" von den 
übrigen Parietales als eigene Reihe „Guttiferales". 

3. Eine andere Fassung der Reihen Gruinales, Terebinthales und Celas- 
trales gegenüber den Geraniales und Sapindales Englers. 

4. Die Stellung der Bosales unmittelbar vor den Myrtales sowie eine 
andere Anordnung einer Anzahl vom Reihen. (Zur Begründung vergleiche 
die Zusammenfassung über die Phylogenie der Angiospermen weiter unten.) 



Referate. 



(267) 



5. Die Auflassung der Chrysobalanaceae, Mimosaccac und (! unncraccae 
als eigener Familien. 

t). Die Auflassung der Reihen Sarraceniales und Opuntiales. 
7. Der Anschluß von Adoxa an die Saxifragaceae. 

2. Unterklasse: Synpetalae. 

1. Reihe: Plumbagiiiales (Familie: Phimbaginaceae). — Bei Eng- 
1 e r gehören die Phimbaginaceae zu den Primulales und stehen daher hinter 
den Bicornes. 

2. Reihe: Bicornes (Familien: Clethraceae, Pirolaceae, Lennoaceae, 
Ericaceae, Epacridaceae, Diapcnsiaceae). — Entspricht der Engl ersehen Reihe 
der Ericales. 

3. Reihe: Primulales (Familien: Theoplirastaceae, Primulaceae, 
Myrsinaceae). — Entspricht bis auf die Ausschaltung der Phimbaginaceae 
(siehe oben) der gleichnamigen Reihe Englers. 

4. Reihe: Diospyrales (Familien: Ebenaceae, Styracaceae, Sym- 
plocaceae, Sapotaceae). — Entspricht den Ebenales Englers. 

5. Reihe: Convolvulales (Familien: Convolvulaceae, Cuscutaceae). 
— Diese beiden Familien sind bei Engler als Unterfamilien einer Familie 
(Convolvulaceae) aufgefaßt und stehen am Anfange der Tubiflorae. 

6. Reihe: Tubiflorae (Familien: Folemoniaceae, Eydrophyllaceae, 
Boraginaceae, Noianaceae, Solanaceae, Scrophulariaceae, Lentibulariaceae, Oro- 
banchaceae, Gesneriaceae, Bignoniaceae, Pedaliaceae, Martyniaceae, Acantha- 
ceae, Verbenaceae, Labiatae, Globulariaceae, Phrymaceae, Myoporaceae, Plan- 
taginaceae, Coliimelliaceae [ob letztere hierher gehört, ist unsicher]). — Ent- 
spricht bis auf die Ausscheidung der Convolvulaceae und die Aufnahme der 
Plantaginaceae, die bei Engler die Reihe Plantaginales bilden, der gleich- 
namigen Reihe Englers. 

7. Reihe: Contortae (Familien: Loganiaceae, Gentianaceae, Meny- 
anthaceae [bei Engler eine Unterfamilie der Gentianaceae'], Apocynaceae, 
Asclepiadaceae). Entspricht bis auf die Ausscheidung der Oleaceae und Salva- 
dor aceae der gleichnamigen Reihe Englers, die zwischen den Ebenales und 
Tubiflorae eingefügt ist. 

8. Reihe: Ligustrales (Familien: Salvador aceae, Oleaceae). — Die 
beiden Familien stehen bei Engler am Anfang der Contortae. 

9. Reihe: Hubiales (Familien: Rubiaceae, Caprifoliaceae, Valeriana- 
ceae, Dipsacaceae). — Entspricht nahezu der gleichnamigen Reihe Englers, 
zu der auch die von Wettstein den Saxifragaceae angegliederte Gattung 
Adoxa (als Vertreter einer eigenen Familie Adoxaceae) gerechnet wird. 

10. Reihe: Sytiandrae (Familien: Cncurbitaceae, Campanulaceae, 
Lobeliaceae [bei Engler Unterfamilie der Campanulaceae'], Goodeniaceae, 
Stylidiaceae, Compositae, Calycer aceae). — Entspricht den Campannlatae 
Englers. 



(268) 



Referate. 



Die auffallendsten Eigentümlichkeiten des von Wettstein angenom- 
menen Systems der Synpetalae gegenüber dem En gl er sehen sind also: 

1. Die Auffassung der Plumbaginaceae — der Convolvulaceae und Cus- 
cutaceae — , der Salvadoraceae und Oleaceae als Vertreter von drei eigenen 
Reihen: Plumbaginales — Convolvulales — Ligustrales. 

2. Die Einziehung der Plantaginales Englers in die Reihe der Tubiflorae. 

3. Die Auffassung der Cuscutaceae, Menyanthaceae und Lobeliaceae als 
eigener Familien. 

4. Die Stellung der Contortae und Ligustrales hinter den Tubiflorae. 

5. Die Ausscheidung von Adoxa aus den Synpetalae und die Auflassung 
der Adoxaceae. 

IL Klasse: Monocotyledones. 

1. Reihe: Helobiae (Familien: Alismataceae, Butomaceae, Hydro- 
charitaceae, Scheuchzeriaceae, Aponogetonaceae, Potamogetonaceae, Najadaceae). 
— Entspricht der gleichnamigen Reihe Englers. Hierher vielleicht auch die 
Triuridaceae, die bei Engler eine eigene Reihe (Triuridales) bilden. 

2. Reihe: Liliiflorae (Familien: Liliaceae, Stemonaceae, Pontederia- 
ceae, Cyanastraceae, Philydraceae, Haemodoraceae, Juncaceae, Flagellariaceae, 
Bromeliaceae, Amaryllidaeeae, Velloziaceae, Dioscoreaceae, Taccaceae, Burman- 
niaceae, Tridaceae, Bapateaceae) . — Umfaßt die Liliiflorae, ferner einen Teil 
der Farinosae Englers (die Familien 3, 4, 5, 8, 9, 16 obiger Aufzählung)-, die 
Burmanniaceae stehen bei Engler in der Reihe der Microspermae. 

3. Reihe: Enantioblastae (Familien: Commelinaceae, Mayacaceae, 
Xyridaceae, Eriocaulaceae, Centrolepidaceae, liestionaceae). — Enthält diejenigen 
Familien der Farinosae Englers, die von Wettstein nicht zu den Lilii- 
florae gerechnet wurden. 

4. Reihe: Glumiflorae (Familien: Cyperaceae, Gramineae). — Ent- 
spricht der gleichnamigen Reihe Englers, die den Helobiae folgt. 

5. Reihe: Scitamineae (Familien: Musaeeae, Zingiberaceae, Can- 
naceae, Marantaceae). — Entspricht Englers gleichnamiger Reihe. 

6. Reihe: Gynandrae (Familie: Orchidaceae). — Entspricht den 
Microspermae Englers, die aber auch die Burmanniaceae umfassen und die 
Monokotylen abschließen. 

7. Reihe: Spadicifloi'ae (Familien: Palmae, Cyclanthaceae, Pan- 
danaceae, Sparganiaceae, Typhaceae, Araceae, Lemnaceae). — Umfaßt die vier 
Engl ersehen Reihen: Pandanales, Principes, Synanthae, Spatliiflorae. Von 
diesen steht die erste ganz am Anfang der Monokotylen, die anderen drei 
zwischen Glumiflorae und Farinosae. 

Bei den Monocotyledones sind die Unterschiede der beiden System 
größer als in irgendeiner anderen Hauptgruppe der Angiospermen. Die auf- 
fallendsten Eigentümlichkeiten des Wettstein sehen Systems sind folgende: 

1. Die Stellung der ganzen Klasse am Schlüsse der Angiospermen. 

2. Die Stellung der Helobiae am Anfang (Anschluß an die Dicotyledones). 



Referate. 



(269) 



3. Die Stellung <1<t Lüiiflorae und Enantioblastae gleich nach den 
Helobiae sowie die gegenseitige Abgrenzung dieser beiden Reihen. 

4. Die Stellang der Glumifhrae nach diesen beiden Reihen. 

5. Die Einreihung der Ihirmnnniaccae nuter die Lüiiflorae und ihre 
Trennung von den Orchidaceae. 

6. Die Zusammenfassung der vier oben genannten Reihen Englers 
in die Reihe der Spadiciflorae und deren Stellung am Schlnsse der Mono- 
kotylen. 

Nunmehr möge noch kurz des phylogenetischen Zusammenhanges der 
einzelnen Reihen gedacht werden. Es muß hiebei ausdrücklich gesagt werden, 
daß Wettstein bei diesen und überhaupt allen phylogenetsichen Auseinander- 
setzungen, wenn er von Verwandtschaft, Vorfahren oder Abkömmlingen einer 
Gruppe spricht, stets den Typus der Gruppe, niemals bestimmte, heute 
lebende oder fossile Formen derselben meint. 

Die Verticillatae, die den Gymnospermae in mancher Hinsicht nahe 
stehen, sind mit keiner der übrigen Reihen nahe verwandt. 

Auch die miteinander verwandten Proteales und Santalales haben 
ursprüngliche Charaktere und zeigen keine direkten Beziehungen zu anderen 
Reihen. 

Ebenso stehen die Piperales isoliert. 

Die Fagales, Myricales, Juglandales, Urticales und vielleicht 
auch die Salicales dürften in dem Sinne zusammenhängen, daß sie End- 
glieder von Entwicklungsreihen mit gemeinsamen Ausgangspunkten darstellen. 
Der Typus der Urticales steht am Ausgangspunkt von drei Haupt- 
entwicklungsreihen, die von den Monochlamydeae zu den Dialy- 
petaleae und weiterhin zu den Synpetalae hinüberführen. 

Die eine Entwicklungsreihe führt über die Polygonales zu den 
Centrospermae, die zwar zu den Monochlamydeae gerechnet werden, deren 
höchststehende Familie (Caryophyllaceae) aber bereits Blüten vom Typus 
der Bialypetaleae besitzt. Mit den Centrospermae sind auch die Plumbagi- 
nales verwandt. 

Die zweite Entwicklungsreihe beginnt mit den Hamamelidales, 
an die sich zunächst die Polycarpicae anschließen. Diese hingegen leiten 
wiederum über: 

1. zu den Monocotyledones ; 

2. zu den Bhoeadales und durch diese zu den Parietales, unter 
denen die Stammeltern der Synandrae zu suchen wären; 

3. zu den Guttif erales, die zu den Bicomes und Primulales 
führen : 

4. zu den Rosales, die wieder mit den Myrtales nahe verwandt sind, 
anderseits Beziehungen zu den Tubiflorae und Contortae aufweisen. 

Die dritte Entwicklungsreihe beginnt mit den Tricoccae, die 
wiederum überleiten: 



(270) 



Referate. 



1. zu den Columniferae und durch diese zu den Gruinales, ferner 
zu den Convolvulales und Diospyrales; 

2. zu den Terebinthales; 

3. zu den Celastr ales, die zu den Ligustrales Beziehungen zeigen; 

4. zu den Bhamnales. Die drei zuletzt genannten Reihen kommen als 
Vorfahren der Umbelliflorae in Betracht, die ihrerseits wieder zu den Bu- 
bi ales führen. 

Was den Zusammenhang der Reihen der Monocotyledones unter- 
einander anbelangt, so kann folgendes festgestellt werden: 

Die Helobiae sind die primitivsten Monokotylen und zeigen daher mit 
den Dikotylen (und zwar mit den Polycarpicae) noch die größte Ähnlichkeit. 

An sie schließen sich die Liliiflorae, deren einzelne Familien Be- 
ziehungen nach drei Richtungen zeigen: 

1. zu den Glumiflorae (und zwar zu den Cyperaceae), 

2: zu den Enantioblastae, die zur anderen Familie der Glumiflorae, 
den Gramineae, hinüberleiten; 

3. zu den Scitamineae und Gynandrae. 

Die Beziehungen der Spadiciflorae zu den Liliiflorae sind sehr lose. 

Die Auswahl der bei den einzelnen Familien genannten Formen ist so 
getroffen, daß die in botanischer Hinsicht besonders interessanten in erster 
Linie erwähnt sind; auch auf Nutz-, Arznei- und Zierpflanzen ist ganz be- 
sonders Rücksicht genommen. 

Die Ausstattung mit Abbildungen ist wie bei den früheren Blinden des 
Werkes sehr reich, viele sind Originalabbildungen; wo Abbildungen 
entlehnt wurden, ist der Autor stets gewissenhaft angegeben. 

Ginzberger (Wien). 

Wolf Th. Monographie der Gattung Potentilla. Bibliotheca botanica, 
Bd. XVI, H. 71. Stuttgart, 1908. 

Seit dem Erscheinen von Lehmanns Revisio Potentillarum iconibus 
illustrata im Jahre 1856 ist keine zusammenfassende Arbeit über die Gattung 
Potentilla mehr erschienen, obwohl in kaum einer anderen Gattung soviel in 
systematischer Beziehung gearbeitet worden ist wie gerade in dieser; es sei 
nur auf die Arbeiten von Zimmeter, Domin, Poeverlein in Europa, von 
Rydberg in Amerika hingewiesen. Umsomehr ist es mit Freude zu begrüßen, 
daß Th. Wolf, dessen bekannte „Potentillen-Studien" schon eine bedeutende 
Umwälzung in der Richtung der Potentillenforschung eingeleitet haben, nun- 
mehr die ganze Gattung monographisch bearbeitet hat. 

Nach einem kurzen historischen Überblick über die Geschichte des 
Studiums der Gattung und einer allgemeinen Darstellung der morphologischen 
Verhältnisse derselben folgt der spezielle Teil. Verfasser führt das System, 
dessen Grundzüge er in Ascherson und Graebners Synopsis, Bd. VI, dar- 
gelegt hat und das in erster Linie auf die Behaarungsverhältnisse des Frucht- 
knotens und die Form des Griffels begründet ist, hier konsequent durch, und 
hier bei Berücksichtigung aller und nicht nur der europäschen Arten ergibt 



Referate. 



(271) 



es sich klar, daß dasselbe tatsächlich den natürlichen VerwandtschaftsverhSlt- 
nisseu vollkommen entspricht und auf phylogenetischer Grundlage aufgebaut 
ist. Verfasser steht, auf dem Standpunkt eines weiten, manchmal (z. B. bei 
P. carniolica) vielleicht allzu weiten Speziesbegriffes, was bei der allzuweiten 
Zersplitterung' der Formen, wie sie insbesondere Zi mm et er begründet hat, 
nur als Fortschritt begrüßt werden kann, weil dadurch wirklich die nahe ver- 
wandten Formen zusammengefaßt, die größeren Formenkreise hingegen schärfer 
geschieden werden. Jede Art ist ausführlich lateinisch beschrieben und sind 
die wichtigsten Literaturzitate und vielleicht etwas zu allgemein gehaltene 
Verbreitungsangaben beigefügt, hingegen vermißt man die Anführung der 
gerade bei einer so kritischen Gattung so wichtigen Exsikkaten. Auch die 
einzelnen Varietäten und Formen sind genau beschrieben. Unangenehm be- 
rührt in der Arbeit der unduldsame und oft spöttische Ton, den der Verfasser 
allen jenen Autoren gegenüber anschlägt, die nicht ganz seinen Ansichten 
und speziell seinem weiten Speziesbegriffe huldigen. 

Jedenfalls füllt das Werk eine sehr empfindliche Lücke in der botani- 
schen Literatur aus und es ist nur zu bedauern, daß der exorbitant hohe 
Preis desselben (120 Mk.) es der größten Mehrzahl der Botaniker unmöglich 
machen wird, sich dasselbe anzuschaffen. Hayek. 



Bericht der Sektion für Zoologie. 

Versammlung am 12. März 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. L. Lorenz v. Liburnau. 

Herr Dr. Karl Toldt jun. hielt einen Vortrag: ' 

Betrachtungen über das Haarkleid der Säugetiere. 

Seit man erkannt hat, daß die verschiedenen Haarsorten der 
Säugetiere, wie Woll- und Grannenhaare, Borsten, Stacheln u. dgl., 
morphologisch gleichwertige Gebilde sind, ist das Studium der 
einzelnen Haarformen gegenüber den zahlreichen anderen Haar- 
arbeiten, so insbesondere über den feineren Bau und die Ent- 
wicklung des Haarbalges, über die Physiologie des Haarkleides usw., 
sehr in den Hintergrund getreten. Die Kenntnis von den ver- 
schiedenen Haarformen sowie deren Beziehung zum ganzen Felle 
ist jedoch noch keineswegs erschöpft. So hat man beispielsweise 
erst in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den bei 



(272) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



den einzelnen Säugetierarten an bestimmten Stellen mit großer 
Regelmäßigkeit vorkommenden 'Spürhaaren des Gesichtes nähere 
Beachtung geschenkt 1 ) und in neuerer Zeit fand man, daß manche 
unserer bekanntesten Säugetiere 2 ) auch palmar an der Vorderfuß- 
wurzel eine Gruppe von Spürhaaren (Karpalvibrissen) besitzen. 
Vor kurzem konnte ferner der Vortragende 3 ) die Art des Über- 
ganges vom spulrunden Stachel zur stark abgeflachten, breiten 
Borste bei den Ameisenigeln klarstellen. Weiters sind die Vor- 
gänge beim Frühjahrs-, beziehungsweise Herbstwechsel des ganzen 
Haarkleides bei den einzelnen Säugetierarten noch wenig unter- 
sucht und wohl nur beim Hermelin 4 ) genau bekannt. Auch die 
allmähliche Entwicklung des Haarkleides vom Embryo bis zum 
ausgewachsenen Individuum in ihren einzelnen Phasen ist noch 
wenig erforscht (dieselbe wird u. a. im folgenden beim ein- 
heimischen Fuchse geschildert). Wie es sich bei den nachstehend 
erwähnten UntersuchuDgen ergab, erscheint es ferner sehr wünschens- 
wert, daß bei gewissen Haarstudien, so z. B. bei den auch erst in 
letzterer Zeit eingehender angestellten Beobachtungen über die An- 
ordnung der Haare 5 ), die einzelnen Formen derselben mehr be- 
achtet würden, u. a. m. 



J ) W. Haacke, Über die systematische und morphologische Bedeutung 
bisher unbeachtet gebliebener Borsten am Säugetierkopfe. (Ber. d. Sencken- 
berg. naturforsch. Gesellsch. in Frankf. a. M. 1890, S. 175—184.) — F. Maurer, 
Die Epidermis und ihre Abkömmlinge. Leipzig, 1895. — Ferner: K. Toi dt 
jun., Studien über das Haarkleid von Vulpes vulpes L. etc. (Ann. k. k. natur- 
hist. Hofmus., Bd. XXII, S. 197— 269, Wien, 1907, und die daselbst zitierte 
Literatur.) 

2 ) F. E. Beddard, Observations upon the Carpal Vibrissae in Mammals. 
(Proc. Zool. Soc, I, p. 127-136. London, 1902.) — K. Toi dt jun., 1. c. — 
F. Fritz, Über einen Sinnesapparat am Unterarm der Katze etc. (Zeitschr. 
f. wissensch. Zool., Bd. 92, S. 291—305. Leipzig, 1909.) 

3 ) K. Toi dt jun., Interessante Haarformen bei einem kurzschnabeligen 
Ameisenigel. (Zool. Anz., Bd. 30, S. 305—319. Leipzig, 1906.) 

4 ) G. Schwalbe, Über den Farbenwechsel winterweißer Tiere. (Schwal- 
bes Morph. Arb., Bd. 2, S. 483-606. Jena, 1893.) 

5 ) Siehe insbesondere J. C. H. de Meijere, Über die Haare der Säuge- 
tiere, besonders über ihre Anordnung. (Morph. Jahrb., XXI, S. 312—424. 
Leipzig, 1894.) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(278) 



Zunächst berichtete der Vortragende über eine besondere 
(dritte) Haarsorte, welche beim Fuchse und, wie es scheint, 
bei vielen andern Säugetieren gleichzeitig neben den Woll- 
und Grannenhaaren vorkommt. Bekanntlich hat man bisher 
bei den feinhaarigen Säugetierfellen, abgesehen von den Spürhaaren, 
im allgemeinen nur zwischen diesen beiden letzteren Haarsorten 
unterschieden; eine dritte, mehr oder weniger über den ganzen 
Körper verteilte Form wurde nur gelegentlich in vereinzelten Fällen 
(z. B. bei Ursiis aretos L., Mus armandvillei Jent. und Verwandten, 
ferner bei gewissen Schafrassen) erwähnt, hat aber bis jetzt keine 
eingehendere Beachtung gefunden. Beim Fuchs ist eine solche 
Haarsorte in allen Entwicklungsstadien und an allen Körperstellen, 
• die kurzhaarigen inbegriffen, in mehr oder weniger deutlicher Form 
nachweisbar. Die „Borstenhaare", wie der Vortragende diese Haare 
vorläufig benannte, sind relativ kräftige, durch ihre Form und 
Färbung, durch ihr rasches Wachstum und ihr relativ langes Ver- 
bleiben in der Haut beim Frühjahrswechsel sowie durch ihre An- 
ordnung von den Woll- und Grannenhaaren deutlich verschieden, 
und zwar stehen die zwei letzteren Haarformen in mehrfacher 
Hinsicht einander näher als die Borstenhaare einer dieser beiden. 
Am Hinterrücken und an der Schwanzbasis sind sie am auffallend- 
sten, an den übrigen Schwanzpartien und am Bauche am wenig- 
sten differenziert. (Am Hinterrücken des erwachsenen Fuchses z. B. 
sind sie bereits makroskopisch durch ihre durchwegs spulrunde, 
beinahe gerade Form und durch die — bis auf die mitunter dunkel- 
braune Spitze — schwarze Färbung leicht zu erkennen.) Durch 
ihre relative Stärke und die zentrale Anordnung den anderen Haaren 
gegenüber- (s. weiter hinten) erscheinen die Borstenhaare morpho- 
logisch als die wichtigste Haarsorte. Bei den Embryonen und Neu- 
gebornen sind sie deutlich in alternierenden Längsreihen angeordnet, 
welche sich im weiteren Entwicklungsverlaufe etwas verwischen. 

Eine ähnliche Haarsorte scheint auch bei zahlreichen anderen 
Säugetieren vorzukommen, so außer bei den bereits genannten ins- 
besondere bei Marsupialiern, Insektivoren und Rodentiern. Dies- 
bezüglich bedarf es aber noch eingehender vergleichender und histo- 
logischer Untersuchungen. Dann wird man auch ihre Bedeutung 
besser beurteilen können. Vorläufig sei nur darauf hingewiesen, daß 

Z. B. Ges. 59. Bd. S 



(274) 



Versammlung' der Sektion für Zoologie. 



sie ihrer relativen Stärke und Anordnung nach sowie deshalb, weil 
sie am Hinterrücken am deutlichsten ausgeprägt sind, an die Stacheln 
z. B. der Ameisenigel erinnern. Ähnliche Gebilde in schwacher Aus- 
bildung scheinen somit in mehr oder weniger verborgener Weise 
bei verschiedenen Säugetieren vorzukommen. Anderseits zeigen die 
Borstenhaare ihrer Form, Färbung und reihenförmigen Anordnung 
nach einige Ähnlichkeit mit den Spürhaaren des Gesichts und des 
Karpus, was für die Phylogenie der Haare 1 ) im allgemeinen von 
Interesse sein dürfte. 

Die allmähliche Ausbildung des Haarkleides des er- 
wachsenen Fuchses vom Embryo an. Das Fell des eben aus- 
gewachsenen Fuchses (zirka Ende November des Geburtsjahres) ist 
ontogenetisch bereits das dritte. Bis zur endgiltigen Ausbildung % 
desselben lassen sich folgende, allmählich ineinander übergehende 
Stadien unterscheiden : 

1. Stadium. Letztes Drittel des Fötallebens: Beginn des Durch- 
bruches des ersten Haarkleides. Dasselbe entspricht als erstes Haar- 
kleid der Lanugo des Menschen. Die Haut ist zwischen den Haar- 
spitzen mehr oder weniger deutlich sichtbar. Auf vorgeschrittener 
Stufe fallen neben den zahlreichen dunkeln Haarspitzen der künftigen 
Grannenhaare in ziemlich regelmäßigen Abständen langausgezogene 
lichte Spitzen auf, welche den späteren Borstenhaaren angehören. 

2. Stadium. Zeit der Geburt: Erstes Haarkleid in vorge- 
schrittener Entwicklung. Die bereits ziemlich dichte Behaarung ist 
noch kurz und die meisten Haare sind, abgesehen von den erst 
im Durchbruch befindlichen Haaren, annähernd von gleicher Länge. 
Die drei Haarsorten, von welchen besonders die Grannenhaare 
charakteristisch sind, können schon deutlich unterschieden werden. 
Gesamtfärbung monoton dunkel graubraun; Schwanzspitze weiß. 

3. Stadium. Zirka 6. bis 14. Lebens woche: Erstes Haarkleid in 
seiner vollen Ausbildung. Die Länge der Behaarung hat zuge- 
nommen, insbesondere die Borstenhaare, welche das übrige, wollig 
erscheinende Haarkleid um zirka 2*5 cm überragen. 2 ) Gesamtfärbung 

*) Siehe insbesondere Maurer, 1. c. 

2 ) In diesem Zustande der Behaarung sind die Borstenhaare am leichte- 
sten zu sehen und wohl schon bei verschiedenen Säugetieren beobachtet 
worden; es scheint jedoch, daß ihr spezifischer Wert und ihr Verhältnis zu 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(275) 



des Felles grau mit der späteren Zeichnung entsprechendem röt- 
lichbraunen Anflug. Die Veränderung der Fellfärbung ist haupt- 
sächlich auf die inzwischen erfolgte Ausbildung der (lichten) 
Wollhaare sowie auf die Längenzunahme der Ilaare im allgemeinen 
zurückzuführen. Am Ende dieser Periode treten bereits vereinzelt 
oder in regellosen Büscheln beisammen die ersten Grannenhaare 
des zweiten Haarkleides auf. Dieselben sind relativ lebhaft ge- 
färbt und werden bald zahlreicher, während die entsprechenden 
Haare der ersten Behaarung allmählich verloren gehen. Das 
führt zum 

4. Stadium. Zirka 16. Woche bis in den September hinein 
(halbjähriges Tier): Zweites Haarkleid = erstes Sommerfell. Die 
neuen, für dieses Haarkleid charakteristischen, relativ zarten Grannen- 
haare haben an Zahl und Länge so zugenommen, daß sie die 
ganze Felloberfläche beherrschen; im Laufe des Sommers kommen 
noch etwas stärkere, lebhafter gefärbte Grannenhaare hinzu, während 
die schwächeren verschwinden. Die Borstenhaare haben ebenfalls 
gewechselt, sind nun etwas kräftiger und haben eine kürzere, am 
Rücken eine mehr oder weniger dunkelbraune bis schwarze Spitze; 
sie ragen nicht autfallend über die übrige Behaarung hervor. All- 
gemeine Färbung licht rotbraun. Durch die weitere Ausbildung 
des Wollkleides und das Hinzukommen von noch kräftigeren, leb- 
haft gefärbten Grannenhaaren entsteht das 

5. Stadium. Winter (zweite Hälfte des ersten Jahres): Drittes 
Haarkleid = erstes Winterfell. Dichter, schön gezeichneter Pelz mit 
vorherrschend kräftigen Grannenhaaren. 

Infolge der Auffindung der Borstenhaare ergibt sich für die 
Anordnung der Haare beim Fuchse eine wesentlich andere Dar- 
stellung, als sie de Meijere 1 ) gegeben und welcher der Vortragende 2 ) 
seinerzeit gefolgt ist. Im 2. Stadium, in welchem die Wollhaare 
des ersten Haarkleides noch schwach entwickelt sind, stehen die 
beim Austritt aus der Haut von einem deutlichen Hautwall um- 

den übrigen Haaren — insbesondere in den übrigen Stadien des Haarkleides 
— bisher noch nicht weiter verfolgt worden ist. 
x ) De Meijere, 1. c. 

2 ) K. Toi dt jun., Schuppenfürmige Profilierung der Hautoberfläche von 
Vulpes vulpes L. (Zool. Anz., Bd. 32, S. 793—805, mit 2 Textfig. Leipzig, 1908.) 



(276) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



gebenen Borstenhaare relativ weit voneinander entfernt in alter- 
nierenden Längsreihen. Dazwischen sind die Grannenhaare an der 
Oberfläche der Haut ziemlich dicht in relativ gleichmäßigen, mehr 
oder weniger bogenförmigen Gruppen von je dreien angeordnet. 
Im nächsten (3.) Stadium sind die Wollhaare des ersten Haar- 
kleides bereits ausgebildet und damit ist die definitive, auch weiter- 
hin giltige Anordnung der Haare erreicht. Rings um jedes Borsten- 
haar stehen 4 — 5, aus 10 — 16 Beihaaren (Wollhaaren) und einem 
Grannenhaar bestehende Haarbündel; dazwischen liegen in dichten 
Reihen die Dreibündelgruppen (zu jedem Grannenhaar haben sich 
10 — 16 Beihaare gesellt). Das Grannenhaar des mittleren Bündels 
einer jeden Dreiergruppe (Mittelhaar) ist meistens etwas stärker als 
jenes der beiden seitlichen (Seitenhaare). 

Den Frühjahrshaarwechsel zu untersuchen, fehlte es an ent- 
sprechendem Material. 

Diese Beispiele zeigen, daß das Studium der Haarformen 
und ihre Beziehungen zum ganzen Felle mit Berücksichti- 
gung der verschiedenen Entwicklungstadien — zunächst 
bei wildlebenden Tieren — eine eingehendere Beachtung verdienten. 
Die Feststellung derartiger Verhältnisse bei verschiedenen Säugetier- 
gruppen ist gewiß an und für sich wünschenswert und dürfte auch 
bezüglich anderer die Haare betreffende Fragen manche neue Ge- 
sichtspunkte ergeben ; so ist es z. B. für den Histologen und Embryo- 
logen gewiß nicht gleichgiltig, ob er bei seinen Untersuchungen 
weiß, daß er es in einzelnen Fällen mit einer oder mit ver- 
schiedenen Haarsorten zu tun hat. Daß die Untersuchung der ein- 
zelnen Haare auch von den Systematikern gepflegt werden sollte, 
wurde bereits an anderer Stelle betont. 1 ) 



J ) K. Toldt jun., Die Chiropterenausbeute. Ergeb. d. zool. Exped. d. 
kais. Akad. d. Wiss. nach Brasilien im Jahre 1903. (Denkschr. cl. kais. Akad. 
d. Wiss. in Wien, mathem.-natnrw. Kl., Bd. LXXVI, 1908.) Hier sei bemerkt, 
daß in dieser Abhandlung die Reproduktion der Abbildungen Fig. 2 b und 
Fig. 3 b leider in einer Weise mißglückt ist, daß dieselben dadurch mit dem 
Texte in Widerspruch geraten sind. Auf den Probeabdrücken erschien der 
Haarschaft, wie es der Richtigkeit und der Originalzeichnung entspricht, in 
Fig. 3 b bedeutend dunkler als in Fig. 2 b. Im Reindrucke ist überraschender- 
weise eher das Umgekehrte der Fall. 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(277) 



Zum Schlüsse wurde noch ausgeführt,» daß der von E. 
Haeckcl 1 ) abgebildete und später von Maurer 2 ) eingehend 
beschriebene Bärenembryo, welcher überraschenderweise 
am ganzen Kücken Stachelanlagen aufweist, aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ein Igelembryo ist. Es zeigt sich nämlich 
beim Vergleich desselben mit gleich großen Igelembryonen eine 
beinahe vollkommene Übereinstimmung bezüglich der allgemeinen 
Körperform und der einzelnen Körperteile, wie insbesondere des 
Kopfes, der Extremitäten, der Nase und der Ohrmuschel, sowie 
hinsichtlich der Anlagen der Haargebilde, dagegen betreffs der- 
selben Verhältnisse eine große Verschiedenheit gegenüber einem 
gleich großen Embryo des Baribal (Ursus americanus Pall.), welcher 
abgesehen von den Oberlippenspürhaaren keine Spur von Haar-, 
geschweige Stachelanlagen zeigt. 3 ) 



*) E. Haeckel, Anthropogenie, 5. Aufl., II. Teil, S. 700. Leipzig, 1903. 

2 ) F. Maurer, Das Integunient eines Embryo von Ursus aretos. (Denk- 
schriften der med.-nat. Gesellsch. in Jena, Bd. 11, Festschr. für E. Ilaeckel, 
S. 507-538, Taf. XV und 4 Textfig. Jena, 1904.) 

3 ) Näheres über die hier kurz erörterten Verhältnisse siehe in der 
bereits zitierten Abhandlung: K. Toi dt jun v Studien über das Haarkleid von 
Vulpes vitlpes L., nebst Bemerkungen über die Violdrüse und den Haeckel- 
Maurerschen Bärenembryo mit Stachelanlagen, in: Annalen des k. k. natur- 
hist. Hofmus., Bd. XXII, S. 197—269, Taf. V-VII und 2 Fig. im Text. Wien, 
1907. Diese Abhandlung enthält außer den hier berührten Fragen unter 
anderem noch folgendes über den einheimischen Fuchs : Altersbestimmung der 
einzelnen Individuen nach dem Skelette; Anordnung und Wachstumverhältnisse 
der Spürhaare des Gesichtes-, die Karpalvibrissen; das erste Erscheinen des 
Haarkleides an der Hautoberfläche bei den Embryonen; der Haarstrich; Be- 
merkungen über die schuppenförmige Profilierung der Hautoberfläche; die 
Form- und Pigmentverhältnisse der einzelnen Haare der verschiedenen Haar- 
kleider im allgemeinen und an einzelnen Körperstellen; die Färbung des 
Winterfelles im allgemeinen und im besonderen; Untersuchung der Ver- 
schiedenheiten der Fellfärbung in bezug auf Geschlecht, Alter, Lokalität u. dgl. 
bei einer größeren Anzahl von Füchsen aus den österreichischen Alpenländern, 
den östlichen Karpathen, aus Bosnien, sowie aus der ungarischen Tiefebene; 
endlich Bemerkungen über den dorsal am Schwänze gelegenen Drüsenkomplex 
(Viole). — Zum Literaturverzeichnis dieser Abhandlung sei hier nachgetragen: 
J. Moeller, Mikroskopische Beschreibung der Tierhaare. (Arch. f. Kriminal- 
anthropologie u. Kriminalistik, Bd. II, S. 177—210, mit 140 Abbildungen. 
Leipzig, 1899.) L. Adametz, Die biologische und züchterische Bedeutung 



(278) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Hierauf hält Herr Dr. Franz Megusar seinen angekündigten 
Vortrag: ^ 
Lebensgeschichte der Hydrophiliden. 

Die Literatur über die Lebensgeschichte der Hydrophiliden 
ist ungemein reichhaltig und geht weit zurück. Sie bezieht sich 
aber fast ausschließlich auf die größeren Vertreter dieser Familie, 
nämlich auf Hydrophilus piceus und Hydrocharis caraboides. 

Es sei mir gestattet, hier nur jene Autoren namhaft zu 
machen, die sich für die Erforschung des Lebenszyklus dieser 
Käferarten am meisten verdient gemacht haben. Zu den ältesten, 
vielseitigsten und genauesten Arbeiten auf diesem Gebiet gehören 
die von Miger 1 ) und Lyonet. 2 ) Sie machen uns mit den inter- 
essantesten biologischen Momenten bei Hydrophilus piceus bekannt, 
wie z. B. mit dem Spinnen des Kokons, Ausschlüpfen der Larven 
und der Metamorphose. Besonders muß dieses Verdienst Miger 
zuerkannt werden, der uns nebst genauen Beschreibungen auch 
recht naturgetreue Abbildungen überlieferte, die alle späteren Dar- 
stellungen weit übertreffen. Trotzdem finden aber seine Arbeiten 
bei der Abfassung der neueren Naturgeschichtswerke nicht genügend 
Berücksichtigung. So z. B. bringt Taschenberg 3 ) in Brehms 
Tierleben in allen Auflagen immer wieder dieselben vollkommen 
unverständlichen Abbildungen des Kokonspinnens, welche jeden 
Zusammenhang zwischen Bau und Funktion der Organe vermissen 
lassen. Ich will mich hier der weiteren Kritik enthalten und über- 
lasse Ihnen den Vergleich zwischen der aufliegenden Photographie 

der Haustierfärbung. (Sonderabdr. aus „Jahrb. f. Pflanzen- u. Tierzüchtung", 
1904.) — Ferner sei ergänzend erwähnt, daß sich bei J. F. Blumenbach 
(Abbildungen naturhistorischer Gegenstände, Nr. 32, Göttingen, 1810) die Ab- 
bildung eines Embryo des braunen Bären befindet, nach welcher derselbe eine 
große Ähnlichkeit mit dem Baribalembryo besitzt. Damit ist es nun zweifellos 
erwiesen, daß der Ha eck el-Maur ersehe Embryo kein Bären-, sondern ein 
Igelembryo ist. Näheres darüber siehe eine demnächst im „Zool. Anzeiger" 
erscheinende Notiz. 

J ) Miger, Mem. sur les larves des coleopteres aquatiques. (Ann. du 
Mus. d'histoire naturelle. Paris, 1809.) 

2 ) Lyonet, Recherches sur Tanatomie et les metamorphoses de diffe- 
rentes espeees d'insectes. Paris, 1832. 

3 ) Brehms Tierleben. Insekten. Leipzig und Wien, 1900. 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(279) 



dieses Momentes mit der betreffenden Abbildung aus Brehms Tier- 
leben. Die spätere Literatur beschäftigt sieh fast durchwegs mit 
der Atmung (v. Fricken l ) und mit der Nahrung des Image- und 
der Larve [Wasmann, 2 ) Rengel 3 ) etc.]. Die Angaben betreffs 
der Ernährung sind widerspruchsvoll; es kam schließlich so weit, 
daß sich Rengel, der sich zuletzt eingehender mit der Lebensweise 
von Hydrophilus piceus befaßte, veranlaßt fühlte, folgenden charak- 
teristischen Passus niederzuschreiben: „Man kann die Gesamtheit 
der Autoren, je nachdem sie den Hydrophilus piceus für herbivor, 
omnivor und carnivor halten, in drei Lager teilen. Es ist nicht zu 
leugnen, daß sich bei jeder dieser Gruppen Männer von wissen- 
schaftlicher Bedeutung finden. Das eine steht aber von vornherein 
fest, nur eine dieser Parteien kann im Rechte sein." 

Der Grund jener Widersprüche liegt in der mangelhaften 
Pflegetechnik sowie in der unrichtigen Fragestellung. Die Tiere 
wurden in den unzweckmäßigen Behältern gehalten und man ver- 
suchte, sie mit den allererdenklichsten und für Hydrophilus piceus 
unnatürlichsten Nahrungsmitteln zu erhalten. Beispielsweise liest 
man fast in allen Werken, daß man sie mit Rindfleisch, Semmel- 
brocken, Kohlblättern, Kartoffel- und Apfelschnitten etc. am Leben 
erhalten wollte. Man fragte nicht, welche ist die gewöhnliche, 
natürliche Nahrung des Tieres, sondern: Was frißt das Tier? Zu 
dieser Verwirrung trug sogar die wechselnde Nomenklatur nicht 
wenig bei: indem Hydrophilus bisweilen unter dem Namen Bytiscus, 
eines ausschließlichen Raubtieres und Aasfressers, erscheint, konnten 
wohl auch die biologischen Charaktere des einen Tieres mit denen 
des anderen verwechselt werden. 

Es ist daher bei Handhabung solcher Methoden nicht wunder- 
zunehmen, wenn es niemandem gelang, die Tiere lange am Leben 

1 ) v. Fricken, Entwicklung-, Atmung und Lebensweise der Gattung 
Hydrophilus. (Tageblatt der 60. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Ärzte. Wiesbaden, 1887.) 

2 ) Wasmann, Über die Lebensweise von Hydrophilus piceus L. (Natur 
und Offenbarung, Bd. 34. Münster, 1888. — Derselbe, Brehms Tierleben. 
Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen. (Biologisches Zentralblatt, Bd. 13. 
Leipzig, 1893.) 

3 ) Rengel, Zur Biologie des Hydrophilus piceus. (Biologisches Zentral- 
blatt, Bd. 21. Berlin, 1901.) 



(280) 



Versammlung- der Sektion für Zoologie. 



zu erhalten, sowie daß der Lebenskreis einer der interessantesten 
Käferfamilien trotz oftmaliger Bearbeitung noch immer fragmen- 
tarisch vor uns liegt, so zwar, daß wir seit Miger diesbezüglich 
nur wenig Fortschritte machten. 

Vor etwa fünf Jahren entschloß ich mich, nebst den Fragen 
nach regenerativen Potenzen, Ausfärbungsursachen und Einfluß der 
Schwerkraft auf Embryonalentwicklung auch der Frage nach den 
Lebensgewolmheiten näher zu treten und sie vergleichend zu er- 
forschen. In der Tat gelang es mir teils durch die direkte Beob- 
achtung in der Natur, teils durch planmäßige Versuche den 
Lebenszyklus bei sechs Hydrophilidenarten in continuo zu ver- 
folgen und die wichtigsten biologischen Momente und Entwicklungs- 
stadien sowohl bildlich (meist photographisch) als auch plastisch 
(meist in Form von Präparaten) festzuhalten. Es sind dies die 
Arten : Hydrophilus piceus, Hydrophilus aterrimus, Hydrocharis cara- 
boides, Limnoxenus öblongus, Hydrobius fuscipes und Helochares 
griseus, 

Für Besprechung der Pflegemethoden, so wichtig sie auch 
wäre, bleibt mir in meinem heutigen Vortrage keine Zeit; ich be- 
absichtige dies in einem anderen Vortrage nachzuholen, den ich 
in der neubegründeten Sektion für biologische Vivariumkunde halten 
werde. Außerdem verweise ich auf die technischen Kapitel meiner 
früheren Arbeiten. 1 ) 

Da das vollkommene Verständnis der Lebensgew T ohnheiten 
die Kenntnis der Ortlichkeiten voraussetzt, in welchen sich die 
Tiere in der Natur aufhalten, möchte ich darüber einiges voraus- 
schicken. 

Alle hier zu besprechenden Käferarten, mit Ausnahme von 
Hydrobius fuscipes, sind unter anderem am Ufer eines großen 



J ) Fr. Megusar, Einfluß abnormaler Gravitationswirkung auf die Em- 
bryonalentwicklung bei Hydrophilus aterrimus Eschscholtz. (Archiv für Ent- 
wicklungsmechanik, Bd. 22. Leipzig, 1906.) — Derselbe, Die Regeneration 
der Koleopteren. (Ebenda, Bd. 25, 1907.) — Derselbe, Das lebende Material 
und seine Pflege (Tiere des Süßwassers, wirbellose Tiere des Landes und 
Futterzuchten). (Zeitschrift für biolog. Technik und Methodik, Bd. I, Straß- 
burg, 1909, unter „Biologische Versuchsanstalt in Wien", zusammengestellt von 
Hans Przibram [im Erscheinen begriffen].) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(281) 



Teiches bei Kagran in der Umgebung von Wien, namens Kaiser- 
wasser, gefangen worden. 

Alle uns heute interessierenden Hydrophiliden sind aber inner- 
halb desselben auf verschiedene Tiefen und Umgebungsphysio- 
gnomien beschränkt. Man kann die Regel aufstellen, je kleiner die 
Art, in desto geringerer Tiefe lebt sie. So z. B. ist Helochares 
griseus ein ausschließlicher Uferbewohner und hält sich am liebsten 
zwischen den abgestorbenen angeschwemmten Pflanzen und Tier- 
resten auf, während sich Limnoxenus oblongus schon etwas weiter 
vom Ufer entfernt und solche Stellen bevorzugt, welche schwimmende 
Pllanzenreste, amphibisch wachsendes Gras und Moos aufweisen. Um 
ein Geringes weiter in die Tiefe geht Hydrophilas cardboides und 
zieht mit Gras bewachsene Flächen vor. Die größten Arten, Hydro- 
philus piceus und aterrimus, suchen die eigentlichen Tiefen auf, 
wo reichliche Fadenalgen und Myriqphyllum -Vegetation vorkommt. 
Hydrobius fuseipes ist mehr auf seichte Waldpfützen im Hügel- 
und Berglande beschränkt, wo der Grund hauptsächlich aus Schlamm 
und Laub besteht, Gras und Moos unter dem Wasser wächst. 

Bekanntlich gehört Hydrophilus piceus zu den besten Schwim- 
mern seiner Familie, während er auf dem Lande sehr unbeholfen 
erscheint und sich nur mit großer Mühe, besonders auf etwas 
glatteren Flächen, stoßweise fortbewegt. Umgekehrt ist Helocharis 
griseus im Wasser unbeholfen, übertrifft aber auf dem Lande seine 
Familiengenossen durch relativ größere Geschicklichkeit. Das 
Schwimmen der Hydrophiliden ist von dem Schwimmen der Dytis- 
ciden wesentlich verschieden. Erstere schwimmen unter abwechseln- 
der Bewegung der beiden Mittel- und Hinterbeine schräg nach ab- 
wärts, während letztere mit den Beinen gleichzeitig schlagen, also 
rudern. 

In den hellen Tagesstunden sitzen sie meist ruhig zwischen 
den Pflanzen und anderen Gegenständen im Wasser und begeben 
sich nur von Zeit zu Zeit an die Oberfläche, um Luft zu schöpfen, 
oder sie begeben sich aufs Land und nehmen hier eine charakte- 
ristische Schlafstellung ein, indem sie sich auf die Hinter- und 
Mittelbeine aufrichten und den Kopf nach unten senken. In den 
späten Nachmittagsstunden werden sie erst rege und bleiben es 
dann bis zum Tagesanbruch. 



(282) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Über die Atmung verdanken wir v. Fricken 1 ) genauere 
Angaben. Und zwar geschieht die Luftversorgung unter Vermittlung 
der Fühler: Das Tier gelangt auf die Wasseroberfläche, dreht den 
Kopf seitwärts und reckt den Fühler aus dem Wasser, wobei der 
basale Teil der Fühlerkeule mit der Luft, ihr distaler Teil aber 
mit der Brust in Kontakt tritt. Die Luft gelangt vom behaarten 
Fühler auf die ebenfalls behaarte Bauchseite, wo sie einen silber- 
glänzenden Belag erzeugt und dann mittelst der Stigmen in den 
Körper eingepumpt wird. Zuweilen kann man beobachten, daß 
das Tier von der soeben beschriebenen charakteristischen Stellung 
des Fühlers absieht, sondern nur nach vorausgegangenem Seitwärts- 
drehen des Kopfes den Fühler in ausgestrecktem Zustand fast 
senkrecht zum Wasserspiegel ziemlich weit in die Luft ragen läßt 
und dabei schaukelnde Bewegungen ausführt. 

Höchst interessant ist die Verteidigungsart der Hydro- 
philiden. Die großen Arten (Hydrophilus piceus und aterrimus) be- 
sitzen bekanntlich lange und spitzige Bruststacheln. Greift man 
sie an oder pocht man auf ihren Rücken, so verfallen sie in eine 
Art Starrkrampf, werfen die hinteren und mittleren Extremitäten 
mit einer unglaublichen Behendigkeit unter zitternder Bewegung 
der äußersten Tarsalglieder nach vorne und führen eine ruckweise 
Bewegung nach hinten aus, so daß sie zuweilen beim unvorsichtigen 
Fangen mit der Hand empfindlich verletzen können. Diese Ver- 
teidigungsart scheint ihnen besonders im Kampfe mit den Raub- 
fischen und Raubvögeln, welche in und an größeren Teichen nie 
fehlen, zugute zu kommen. 

Alle anderen Arten haben die Gewohnheit, sich bei Berührung 
tot zu stellen, indem sie die Extremitäten dicht an den Körper 
legen und regungslos liegen bleiben. 

Auch betreffs der Nahrung verhalten sich die Hydrophiliden 
sehr verschieden. Von den kleinsten Arten (Helochares griseus) 
angefangen bis zu den Arten in der Größe von Hydrophilus cara- 
boides fressen sie fast ausschließlich tierisches Aas, obwohl be- 



J ) W. v. Fricken, Über Entwicklung, Atmung und Lebensweise der 
Gattung Hydrophilus. (Tagebl. der 60. Versammlung deutscher Naturf. und 
Ärzte, 1887.) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. \2ooj 

sonders Helochcvres, Tlydrobius und Limnoxenus zuweilen auch an 
faulen Vegetabilien nagen und lebende Wasserpflanzen, zumeist 
Fadenalgen verzehren. Hydrophilus aterrimus und piceus dagegen 
sind an Pflanzenkost angepaßt, fressen aber nebenbei mit be- 
sonderer Vorliebe Fisch- und Froschfleisch. Ich habe besonders 
mit den letzteren Arten alljährlich zu verschiedenen Jahreszeiten 
Versuche in dieser Richtung angestellt, indem ich ihnen zu gleicher 
Zeit die genannten Fleischarten und ihre Lieblingspflanzen (Faden- 
algen, Myriophyllum) oder zuerst Pflanzen und dann Fleisch reichte: 
stets machte ich die Erfahrung, daß sich die Tiere lieber um 
Fleisch ansammelten, als Pflanzen verzehrten. Wenn ich die beiden 
Arten in einem gemeinschaftlichen Behälter hielt, so war immer 
Hydrophilus aterrimus der erste, der sich vom Fleisch verleiten 
ließ, so daß von beiden Arten Hydrophilus aterrimus noch mehr 
zur Fleischkost neigt als Hydrophilus piceus. Um jeglichem Ein- 
wand zu entgehen, führte ich den Versuch an Hydrophilus piceus 
auch in der Natur bei Jedlesee in einem großen Tümpel aus. Zur 
Zeit der anhaltenden Dürre konzentriert sich in jenem Tümpel 
das Leben auf einen kleinen Raum, so daß man das Treiben der 
Tiere hier mit Leichtigkeit beobachten kann. Ich fand eine tote 
Schleie (Tinea tinea), riß sie auf und warf sie in die Mitte des 
Tümpels. Bald darauf zeigten sich Dytisciden und nach einer 
Weile gesellten sich ihnen auch zwei Hydrophilus piceus zu. Mein 
Ergebnis stimmt sonach mit demjenigen von Wasmann 1 ) überein. 
Zu der Nahrungsfrage möchte ich noch bemerken, daß überreichliche 
und ausschließliche Ernährung mit Fleisch beide Vertreter in einigen 
Monaten zugrunde richtet. Ernährt man sie dagegen mit Faden- 
algen und Myriophyllum und reicht ihnen nur von Zeit zu Zeit 
kleine Stückchen Fisch- oder Froschfleisch, so kann man sie minde- 
stens zwei Jahre in Gefangenschaft am Leben erhalten. 

Da ich über die Fortpflanzung unter dem Titel „Bau- 
instinkte der Hydrophiliden" in dieser Gesellschaft bereits berichtet 
habe, möchte ich hier nur eine einzige Erscheinung berühren, 
welche bisher unbekannt geblieben ist. 



*) Wasmann, Über die Lebensweise von Hydrophilus piceus L. (Natur 
und Offenbarung, Bd. 34. Münster, 1888.) 



(284) 



Versammlung* der Sektion für Zoologie. 



Man hat bisher, soweit meine Literaturkenntnis reicht, unter 
den Käfern nur bei Melolontha in der Begattungstasche einen auf 
eine Art Spermatophor hindeutenden Körper vorgefunden [Boas 1 )]. 
Doch beobachtete ich bei Hydropliüus, daß die Weibchen einige 
Tage nach vollzogener Begattung die leeren Hülsen der Sper- 
matophoren ausstoßen. Gelegentlich meines Bastardierungsver- 
suches 2 ) konnte ich zuweilen ganz unverbrauchte Spermatophoren 
auffinden. 

Bezüglich der postembryonalen Entwicklung und Metamorphose 
verweise ich heute nur auf meine Präparate; hingegen möchte ich 
Ihre Aufmerksamkeit eingehender noch für einige andere biologische 
Momente in Anspruch nehmen, nämlich auf die Ernährung der 
Larven, den Häutungs- und Ausfärbungsprozeß. 

Alle Larven der hier behandelten Käferarten sind Räuber. 
Jedoch nicht alle sind fähig, gleiche Beutetiere zu bewältigen. So 
z. B. bilden für die Larven kleinerer Hydropkiliden (Helochares 
griseus, Hydrobius fuscipes, Limnoxenus oblongus, Hydrocliaris cara- 
boides) Tubifex, Cypris, Cliironomus-LsLVven das wesentlichste Futter, 
während die Larven der großen Wasserkäfer nur vor der ersten 
Häutung noch in der Lage sind, Cypris und Tubifex zu verzehren. 
Diese Larven besitzen nämlich ausschließlich für das Verzehren 
von Schnecken angepaßte Mundwerkzeuge und können von den 
weiteren Entwicklungszuständen an keine anderen Futtertiere er- 
beuten. Merkwürdigerweise fand ich in keiner Käfermorphologie 
die Mandibeln richtig beschrieben, denn nirgends wird von der 
Asymmetrie derselben gesprochen, obwohl diese ein spezifisches 
und keineswegs unauffälliges Merkmal der Larven von Hydropliüus 
piceus und aterrimus bildet. Die rechte Mandibel ist sehr spitzig 
und bedeutend länger als die linke, welche stumpf und im Ver- 
gleich zu der rechten viel kräftiger erscheint. Die linke Mandibel 
wird in der Ruhe fast stets an den Mund angepreßt gehalten, 



2 ) J. E. V. Boas, Organe copulateur et accouplement du hanneton. 
(Vidensk;ib. Selsk. Forhandl. Kopenhagen, 1893.) 

2 ) Fr. Megusar in Verhandlungen der Morphologisch-physiologischen 
Gesellschaft in Wien. Zentralblatt f. Physiologie, Bd. XXI, Nr. 8. Wien, 
1907. 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(285) 



während die rechte offen getragen wird. Gelangt die Larve, zu 
einer Schnecke, so versucht sie zunächst die Schnecke mit den 
Mandibeln an der Schale zu packen; ist ihr dies geglückt, so 
wirft sie die Schnecke auf den Kücken und hält sie mittels des 
nach rückwärts gekrümmten Hinterleibes fest, dann beißt sie die 
Schale ununterbrochen durch, bis sie zu dem Weichkörper gelangt, 
verbeißt sich mit der rechten Mandibel in diesen, während sie mit 
der linken die Schale weiter zerstört. Gleichzeitig preßt sie die 
aufgerissenen Teile an den Mund und entzieht dem Tiere die 
Körpersäfte. Dies ist die charakteristische Freßart der Larven vor 
der ersten und zweiten Häutung; nach der zweiten Häutung da- 
gegen pflegt sie die Opfer nicht mehr auf den Rücken zu werfen, 
verfährt aber sonst wie in den früheren Stadien. 

Für die kleineren Arten ist charakteristisch, daß sie, sobald 
sie im Wasser ihre Beute ergriffen haben, ans Land oder auf einen 
aus dem Wasser ragenden Gegenstand eilen und dort in aufrechter 
Stellung des Kopfes ihre Beute verzehren, wo sie das Opfer unter 
kreuz weiser Bewegung der hier gleichgestalteten, symmetrischen 
Mandibeln auspressen und die Säfte einsaugen. Ein Unterschied 
zwischen den einzelnen Arten ist insofern zu verzeichnen, als sich 
die Larve von Hydrocharis caraboides beim Fressen nur bis zur 
Hälfte "aus dem Wasser erhebt, während die Larven der anderen 
Arten (Hydrobius fuscipes, Limnoxenus oblongus und Helochares 
griseus) in der Regel das Wasser ganz verlassen. Auch hier wieder 
ist also die gradweise Anpassung vom Land- an das Wasserleben 
zu erkennen, wie wir sie bereits bei Besprechung der Aufenthalts- 
orte und der Schwimmfähigkeit gefunden hatten. 

Was den Häutungsprozeß anbelangt, so konstatierte ich 
bei den Hydrophiliden eine konstante Anzahl von vier Häutungen 
(drei Larvenhäutungen und eine Puppenhäutung). Das Häutungs- 
tempo verhält sich bei verschiedenen Arten sehr verschieden, und 
zwar ist die Zwischenzeit desto größer, je größer die Art und je 
mehr sich das Tier dem fertigen Zustand nähert. 

Während sich die Farbe der Larve bei den kleinen Arten 
(Helochares griseus, Hydrobius fuscipes, Limnoxenus oblongus) durch 
alle Stadien ziemlich gleich bleibt, ist bei den großen Arten (Hydro- 
philus piceus und aterrimus) jedes Stadium durch eine besondere 



(286) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Farbe ausgezeichnet, ja es kann sogar während eines und desselben 
Stadiums die Farbe auf längere Zeit verändert werden. 

Der Ausfärbungsprozeß verläuft verschieden, je nachdem 
es sich um den Übergang des einen Larvenstadiums in das andere 
handelt oder um den Übergang des letzten Larvenstadiums in die 
Puppe und aus dieser in den Käfer. 

Die frischgehäuteten Larvenstadien befinden sich unmittelbar 
nach der Abstreifung der Haut fast regelmäßig in schon etwas ge- 
färbten Zustand. Verhältnismäßig selten ist das Tier vollkommen 
weiß. Und zwar ist es zunächst der Rumpf, der den Extremitäten, 
dem Kopf mit seinen Anhängen und den stark chitinisierten Platten 
an der Dorsalseite der drei Thorakalsegmente in der Pigmentierung 
vorauseilt. Vielleicht liegt der Grund hiefür in der ungleichen 
Mächtigkeit der Haut. Die Cuticula ist nämlich an jenen Teilen, 
wo die Färbung zunächst noch ausgeblieben ist, bedeutend dicker 
als an sonstigen Stellen des Körpers. Diese meine Vermutung wird 
noch dadurch unterstützt, daß beispielsweise die Haut bei Mehl- 
käferlarven (Tenebrio molitor) und anderen, wo sie am ganzen 
Körper ziemlich gleichmäßig dick ist, unmittelbar nach jedem 
Integumentwechsel vollkommen weiß ist. 

Im allgemeinen verläuft der Ausfärbungsprozeß bei allen diesen 
Formen nach demselben Schema. Betrachten wir ihn beispielsweise 
bei IlydropMlus piceus: 

Zur Zeit des Auskriechens ist die Färbung graubräunlich und 
wird bis zur ersten Häutung braun. Nach der ersten Häutung legt 
die Larve ein mannigfach und schön regelmäßig gezeichnetes Drapp- 
kleid an, das vor der zweiten Häutung stark verblaßt und später 
(nach der zweiten Häutung) einem anfänglich grauschwarzen, später 
schwarzen Pigmente Platz macht. Gegen Ende der Wachstums- 
periode verfärbt sich die Larve wieder in Braun. 

Der Verlauf des Ausfärbungsprozesses ist bei der Puppe und 
dem Käfer im Vergleich zu dem soeben beschriebenen der Larve 
ein wesentlich anderer. Nach der Sprengung der letzten Larven- 
haut erscheint die Puppe in vollkommen weißem Zustand, nur die 
Augen sind schon pigmentiert. Ich möchte an dieser Stelle be- 
merken, daß ich dieses Verhalten bisher nur bei Käferpuppen beob- 



Versarnmlung der Sektion für Zoologie. 



(287) 



achten konnte, die zeitlebens wohlausgebildete Augen besitzen, bei 
Puppen mit rudimentären Augen ist von der Pigmentierung noch 
keine Spur vorhanden. 1 ) 

Hierauf beginnt die Ausfärbung zunächst mit den Extremitäten, 
Mund Werkzeugen, mit dem Thorax, dem Kopfe samt Anhängen 
und mit den letzten Abdominalsegmenten, kurz hier, beim Käfer, 
tritt zuerst die Pigmentierung der härteren Bestandteile des Körpers 
auf. Sobald die Körperteile eine braunrötliche Pigmentierung er- 
fahren haben, wirft die Puppe die Haut ab. Darauf färben sich 
zunächst die bereits vorher in Ausfärbung begriffenen Teile noch 
weiter aus, während die Flügel immer noch vollkommen weiß er- 
scheinen. Etwa eine Stunde nach dem Bersten der Puppenhaut 
fängt die Verfärbung der sich entfaltenden Flügel an. In drei 
Stunden ungefähr zeigt das Tier auf der Oberseite des Körpers 
einen schön olivengrünen, metallisch glänzenden Farbenton, während 
die Bauchseite noch braunrötlich erscheint. Diese Farben dunkeln 
im Laufe von zwei Wochen immer mehr und mehr nach. Bis zirka 
zwei Jahre alte Tiere weisen den erwähnten grünlichen Farbenton 
auf, während dieser später allmählich einer kohlschwarzen Farbe 
Platz macht, in welch letzterem Ausfärbungszustand die Tiere an- 
fangen, hinfällig zu werden. An solchen Exemplaren treten dann 
gewöhnlich noch andere Seneszenzerscheinungen auf, wie das Ab- 
fallen der Beine und Empfänglichkeit gegen Infektion durch Pilze, 
welche dann das baldige Ende des Tieres herbeiführen. 



*) Fr. Megusar, Über den Ausfärbnngsprozeß bei den Küfern. (Zentral- 
blatt für Physiologie, Bd. XX, Nr. 9. Wien, 1905/1906.) 



(288) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



Berichte der Sektion für Koleopterologie. 

Versammlung am 3. Dezember 1908. 

(Vortragsabend.) 
Vorsitzender: Herr Reg.-Rat Direktor L. Gangibauer. 

I. Herr Kustos Viktor Apfel b eck (Sarajevo) spricht unter 
Vorlage einer größeren Anzahl von photographischen Aufnahmen 
über seine letztjährigen, sehr erfolgreichen Sammelreisen in West- 
albanien und Mazedonien. 

IL Herr Direktor Gangib au er referiert über neuere koleo- 
pterologische Literatur. 

III. Herr Direktor Gangibauer legt die folgenden Diagnosen 
(neuer Trichopterygiden) vor, welche von Herrn Isaak B. Ericson 
in Mölndal eingesendet wurden: 

Pteryx Ganglbaneri Erics, nov. spec. 

Von dem Pteryx suturalis Heer durch um ein Zehntel ge- 
ringere Größe, schmälere, weniger gewölbte Körperform, etwa vier- 
mal kleinere Augen, kürzere, spärlichere, weniger anliegende, sehr 
gehobene Behaarung, gegen die Basis verengten, an den Seiten 
mehr gerundeten Halsschild leicht zu unterscheiden. 

Kopf um 1 / s breiter als lang. Augen von oben kaum sichtbar. 
Halsschild in der Mitte etwas schmäler als die Flügeldecken, fast 
doppelt so breit als lang, in der Mitte am breitesten, gegen die 
Basis schwach, aber deutlich bogenförmig verschmälert, nach vorn 
etwas stärker unter ausgesprochener Rundung verengt, der Vorder- 
rand seicht bogenförmig ausgeschnitten. Hinterrand des Halsschildes 
innerhalb der fast rechtwinkeligen, an der äußersten Spitze abge- 
stumpften Hinterecken jederseits breit und seicht bogenförmig aus- 
geschnitten. Basis des Halsschildes wenig breiter als die Basis 
der Flügeldecken. Der Seitenrand des Halsschildes leicht aufge- 
bogen, nächst den Vorderwinkeln schwach, längs der Seite der 
Basis zu aber stärker erweitert. 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(289) 



Die Flügeldecken etwas länger als zusammengenommen breit, 
etwas mehr als doppelt so lang" als der Halsschild. Die Seiten 
schwach gerundet, an der Wurzel deutlich bogenförmig verengt. 
Hinterrand der Flügeldecken bo- 
genförmig abgerundet, die Naht- 
ecke schwach abgerundet. 

Kopf und Halsschild kräftiger 
genetzt und die „Haarwarzen" der 
Flügeldecken größer als bei suiu- 
raUs. Länge 0*68 — 70 mm. 

Von Herrn Gustav Paga- 
netti auf dem Aspromonte in 
Kalabrien in drei Stücken aufge- 
funden. 

(Beschreibung nach dem Mi- 
kroskop, nicht nach der Lupe 
ausgeführt.) 




Pteryx 
Ganglbaueri 
nov. spec. 




Pteryx suturalis 
Heer. 



0.10 0.20 0.30 



TO/ 

.40 0.50 /in, 



jScala.-5=0-5 /m. 



Ptenidium magnum Erics, 
nov. spec. 

Von anderen Ptenidien durch 
seine Größe (Länge 1*2 mm) ver- 
schieden; von dem nahe verwandten intermedium durch viel 
deutlichere und regelmäßigere Kerbung der Querfurche des Schild- 
chens, wodurch die 13 Fältchen sehr deutlich erscheinen, durch 
äußerst spärliche, kurze Behaarung und durch rotbraune Farbe 
leicht zu unterscheiden. Dem turgidum in der Körperform ähnlich. 
Der Prosternalfortsatz sehr breit gefurcht. Das Metasternum glatt. 

Der Kopf beinahe doppelt so breit als lang, in der Mitte 
schwarzbraun. Die Augen ziemlich klein, nicht hervortretend. Die 
Fühler hellgelb mit dunkleren Wurzelgliedern. Der Halsschild kaum 
doppelt so breit als lang, hinter der Mitte am breitesten, mit in 
der Mitte kaum sichtbaren, an den Seiten deutlicheren Haaren. 
Das Schildchen groß mit schwärzlichen Seitenrändern. Die Flügel- 
decken hochgewölbt, breiter als der Halsschild, sehr weitläufig 
schwärzlich punktiert. Die Punktgrübchen sehr klein, neben der 
Naht in einer regelmäßigen Reihe stehend. Länge 12 mm. Japan. 

Z. B. Ges. 59. Bd. t 



(290) Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 

Von Herrn H. Saut er in Yamanaka (Suruga) in zehn Stücken 
aufgefunden. 

Versammlung am 7. Januar 1909. 

(Vortragsabend.) 
Vorsitzender: Herr Reg.-Rat Direktor L. Gangibauer. 

I. Herr Kustos Viktor Apfel b eck spricht über seine Sammel- 
reise in Albanien unter Vorlage von Material, das sehr interessante 
neue Arten enthält. 

IL Herr Direktor Gangibauer referiert über neuere koleo- 
pterologische Literatur. 

III. Herr F. Heike r tinger bringt eine Berichtigung zu 
seinem in der Sitzung vom 5. November 1908 vorgelegten Sammel- 
berichte aus den Mariazeller Alpen: 

Statt Älectorolophus alpinus Baumg. ist daselbst (als giltiger 
Name) zu setzen Älectorolophus angustifolius Heynh. (Vergl. Beck, 
Flora von Niederösterreich, S. 1068.) 

IV. Herr F. Heik er tinger legt die folgenden Diagnosen von 
Halticinen vor: 

JPhyUotreta Ganglhaueri Heikertinger nov. spec. 

(Forma alata, hrachyptera et aptera.) 

Mit Phyll. nigripes Fab. so nahe verwandt, daß ich sie ur- 
sprünglich für eine — allerdings stark differenzierte — Form der- 
selben hielt. Eine Serie von Stücken jedoch, die Herr Reg.-Rat 
Gangibauer bei Herkulesbad in Südungarn sammelte und die so- 
wohl typische nigripes als auch Ganglhaueri — beide stets scharf 
trennbar — enthielt, hat mich von den Artrechten der Form über- 
zeugt. 

Vom Habitus der nigripes, aber durch ansehnlichere Größe, 
etwas gewölbtere Form, viel stärkere, rauhere Punktierung der 
Oberseite und glatten, unpunktierten Kopf gut von dieser zu unter- 



Versammlung der Sektion für Koleopterologle. 



(291) 



scheiden. Von der asiatischen praticola Wse., die gleichfalls einen 
nicht punktierten Kopf besitzt, ist sie durch die starke Punktierung 
und die stumpfblaue Oberseitenfarbe getrennt. Etwas robuster als 
nigripes, infolge der groben, gedrängten Punktierung weniger glän- 
zend, dunkelblau oder grünblau (selten Kopf oder Halsschild, noch 
seltener die Flügeldecken metallgrün schimmernd); Unterseite, Fühler 
und Heine schwarz, zum Teile mit grünem Glänze; die Basis des 
zweiten und dritten Fühlergliedes und die Knie- und Tarsengelenke 
oft etwas rötlich. 

Kopf äußerst fein chagriniert, glänzend; Kielung und Stirn- 
form wie bei nigripes, aber Stirn und Scheitel ganz ohne oder 
nur mit sehr vereinzelten, seitlich stehenden, meist undeutlichen 
Punkten. Nie ist der Kopf wie bei der normalen nigripes mit 
gleichartiger, zarter Punktierung bedeckt. Die Fühler sind kaum 
merklich kräftiger als bei nigripes. 

Halsschild auf chagriniertem, wenig glänzendem Grunde mit 
ziemlich starken, tief eingedrückten Punkten und unebenen Zwischen- 
räumen; Flügeldecken noch stärker punktiert, ebenso stark wie 
bei atra oder crueiferae Goeze (poeciloceras Com.), aber infolge der 
sehr gedrängten, regellosen Anordnung der Punkte und der Un- 
ebenheit der engen Zwischenräume weniger glänzend als bei den 
genannten Arten. Die Schulterbeule wie bei nigripes, klein und 
flach. Während mir von nigripes ungeflügelte Stücke nicht bekannt 
geworden sind, tritt GangTbaueri neben der voll geflügelten noch 
in einer flugunfähigen, apteren oder braehypteren Form auf, die 
sich schon habituell durch den völligen Mangel der Schulterbeule 
und die infolgedessen an der Basis gerundeteren Decken kenn- 
zeichnet. Bei der Kleinheit der Schulterbeule überhaupt ist der 
Unterschied indessen wenig auffällig und macht die Aufstellung 
einer besonders benannten Varietät nicht nötig. 

Die Spitze der Decken ist wie bei nigripes breit verrundet 
abgestutzt. 

Länge 22 — 3 mm. 

d\ Erstes Tarsenglied der Vorder- und Mittelbeine stark er- 
weitert, so lang als Glied 2 und 3 zusammen und — zumindest 
an den Vorderbeinen — so breit wie Glied 3. Das letzte frei- 
liegende Abdominalsternit ist in der Endhälfte flach quer einge- 

t* 



(292) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



drückt. Penis von dem der nigripes kaum verschieden. Im Apikai- 
drittel seitlich leicht bauchig erweitert, verjüngt sich derselbe gegen 
die Spitze zu wieder auf die normale Breite und läuft nach kurzer 
Parallelseitigkeit in eine länglich dreieckige, verrundete Spitze aus. 
Seine Unterseite (Konkavseite) trägt in den beiden mittleren Vierteln 
einen hohen, stumpfen Kiel, im Spitzenviertel eine Rinne, die sich 
rasch zu einer die ganze Spitze einnehmenden Mulde erweitert. 
Ich sah Stücke von folgenden Lokalitäten: 
Herkulesbad, leg. Gangibauer, A. Winkler und Dr. Flach. 
Geflügelte und ungeflügelte Stücke, letztere in der Minder- 
zahl. 

Mehadia, Eppelsheim. Geflügelt. 

Triest (1. April 1906, Czern.), Coli. Dr. J. Müller. Ungeflügelt. 
Pisino bei Nevesinje (Herzegowina), Walddistrikt in ca. 1000 m 
Seehöhe, leg. Apfelbeck. Geflügelt. 

Miyllotreta balcanica Heikertinger nov. spec. 

Die nachfolgende Beschreibung ist entworfen nach einem 
Stücke aus Morea (Kalavryta, leg. Holtz), zwei Stücken aus Alba- 
nien (Üsküb, Vardar, leg. Apfelbeck 1906), zwei Stücken aus 
Dalmatien (Metkovic, Reitter), einem Stücke aus Mostar und 
einem unbezettelten, vermutlich aus Kroatien stammenden Stücke. 

Zur Gruppe der atra gehörig, von dieser aber durch zumindest 
vier ganz helle Basalglieder der Fühler und durch die wenigstens 
teilweise gelben Schienen und Tarsen sofort zu unterscheiden. Auf 
Phyll. cruralis Abeille (Bull. Soc. Entom. Fr., 1895, CDIII) aus Algier 
ist das Tier nach der Beschreibung wegen der der cruralis eigenen 
grünlichen Färbung des Vorderkörpers, des Grübchens zwichen den 
Augen (welches jedenfalls die Stirnhöcker trennt), der stark punk- 
tierten Stirn usw. nicht zu beziehen. Phyll. diademata Foudr. be- 
sitzt eine andere Stirnpunktierung, selten ein ganz helles erstes 
Fühlerglied, selten eine rein schwarze (meist schwach erzglänzende) 
Färbung, breitere Schultern etc.; Phyll. crassicornis All. hat im 
männlichen Geschlechte ein verdicktes fünftes Fühlerglied usw. 

Herr M. Pic verglich ein Stück der vorliegenden Art mit 
seiner Phyll. maciäicomis (L'Echange, XXII, 1906, Nr. 257, p. 35) 
und erklärte sie für nicht identisch mit dieser. Phyll. macidicomis 



Versammlung <ler Sektion für Kolcoptcrologie. 



(293) 



soll eine andere Gliederfärbung und oberseits einen bläulichen 
Schimmer zeigen. 

Rein schwarz mit Fettglanz; die ersten vier Ftlhlerglieder 
stets ganz hell rötlichgelb, die weiteren schwarz, Glied 5 und 6 
oft teilweise heller; die beiden Färbungen der Fühler stechen grell 
gegeneinander ab. Die Beine sind rötlichgelb, die Hinterschenkel 
ganz schwarz, die Vorder- und Mittelschenkel bis über die Basal- 
hälfte oder fast ganz geschwärzt, die Schienen in der Außenhälfte 
und die Tarscnglieder an der Oberseite mehr oder weniger gebräunt. 

Etwas robuster gebaut als atra, mehr einheitlich gerundet 
und gewölbt und im ganzen etwas feiner und gedrängter punktiert 
als diese. Die Stirn gleichmäßig gewölbt, ganz ohne Höcker und 
viel breiter in den breiten, flachen Stirnkiel verlaufend als bei atra; 
ziemlich glatt, nur leicht ungleich gerunzelt, selten der Scheitel 
mit spärlichen, mäßig großen Punkten. Die Fühler kräftiger als 
bei atra. 

Halsschild wenig größer und etwas gleichmäßiger gewölbt als 
bei genannter Art, etwas feiner punktiert und im Grunde deutlicher 
chagriniert. 

Obwohl die von mir untersuchten Exemplare vollständige 
Flügel besitzen, sind die Schultern weniger vorspringend und 
gerundeter als bei atra, die Beule flacher, die Seiten der Decken 
dadurch etwas gebauchter, weniger parallel erscheinend. Die Decken- 
punktierung ist verworren (nur auf der Außenhälfte der Scheibe 
manchmal etwas gereiht), nur wenig feiner, aber deutlich gedrängter 
als bei atra (stets jedoch kräftiger als bei Phyll. aerea, Foudrasi, 
nigripes etc.) 

cf . Die Fühler des cT zeigen keine Sexualauszeichnung (siche- 
rer Unterschied von crassicornis All., die gleichfalls helle Basal- 
glieder der Fühler besitzt). Das erste Tarsenglied der Vorderbeine 
ist wie bei atra mäßig, das der Mittel- und Hinterbeine kaum er- 
weitert. Das letzte freiliegende Abdominalsternit zeigt auf seiner 
ganzen Länge eine feine Mittelrinne, die sich in der Spitzenhälfte 
rasch verbreitert und vertieft und hiedurch eine dreieckige, hinten 
von dem Randbogen des eingezogenen folgenden Sternits begrenzte 
Grube bildet. Penis glatt, in Umriß und Skulptur übrigens von 
dem der atra kaum verschieden. 



(294) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



Länge des Tieres 15 — 2 mm. 

Patria: Dalmatien, Herzegowina, Albanien, Morea (siehe oben). 

Phyllotreta judaea Pic (L'Echange, XVII, 1901, Nr. 196, p.27). 

Mir liegt ein einzelnes Phyllotreta-Wmnchm aus Jerusalem 
(Koll. Reitter) vor, das ich ungeachtet der Größendifferenz (es 
mißt 1*8 mm, wogegen Pic die Länge seiner Art mit 3 mm angibt) 
nur auf judaea Pic beziehen kann. Da die Beschreibung Pics 
wenig kritisch abgefaßt ist, halte ich einige Ergänzungen derselben 
nicht für überflüssig. 

Pic vergleicht die Art mit rufitarsis All. Von Wert dürfte ein 
Bezug auf Phßl. consobrina Curtis sein, der sie in Körperform, 
Färbung und Punktierung sehr nahe steht. Von dieser ist sie 
leicht zu unterscheiden durch den schmäleren (zirka l 1 ^ mal so 
breiten als langen) Halsschild, der nach hinten nicht oder kaum 
breiter wird und daher fast rechteckig erscheint, durch die rötliche 
Färbung des zweiten und dritten Fühlergliedes und durch die Fühler- 
bildung des cT. 

Das mir vorliegende Stück stimmt hinsichtlich des Kopfbaues 
sowie der Punktierung von Kopf, Halsschild und Flügeldecken fast 
völlig mit consobrina überein. Die Borstenpore in den Hinterecken 
des Halsschildes steht auf einer kleinen Erhöhung, die durch einen 
feinen Eindruck von der Fläche des Halsschildes abgegrenzt ist. 
Die Flügeldecken treten in den Schultern stark vor, der Schulter- 
höcker ist sehr deutlich, das Tier vollständig geflügelt. Die Decken 
selbst zeigen nahe der Basis, zwischen Naht und Schulterhöcker, 
eine flach beulenförmige Erhöhung. 

Die Farbe der Oberseite ist ein blau angehauchtes Schwarz; 
das zweite und dritte Fühlerglied, die Gelenke und Tarsen sind 
mehr oder weniger rötlich. 

Die Unterseite ist wenig dicht punktiert und mit wenig Här- 
chen besetzt. 

cf. Durch die Bildung der männlichen Fühler ist die Art 
sicher von consobrina verschieden. An den schlankeren Fühlern 
der judaea ist Glied 4 kaum, Glied 5 hingegen stark verlängert 
und etwas verdickt. Das erste Tarsenglied der Vorderbeine ist 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(295) 



schwach, das der Mittelbeine kaum erweitert. Das letzte freiliegende 
Abdominalsternit trägt eine die Hinterhälfte einnehmende rundlich 
dreieckige Grube. Der Penis ist von oben gesehen ziemlich parallel- 
seitig, am Ende gleichmäßig zugerundet und in der Mitte in eine 
kleine Spitze ausgezogen; im- übrigen ist er sehr einfach gebaut 
und von dem der consobrina nicht merklich verschieden. 

Versammlung am 4. Februar 1909. 

(Vortragsabend.) 

Vorsitzender: Herr Reg.-Bat Direktor L. Gangibauer. 

I. Herr Oberrevident Josef Breit spricht über seine vorjährige 
Sammelreise in die Dobrudscha. 

IL Herr Kustos Apfelbeck spricht über die faunistischen 
Differenzen zwischen Ost- und Westalbanien. 

III. Herr Josef Breit legt die folgenden Diagnosen neuer 
Carabiden vor: 

Bembidion Kuchtae nov. spec. Dem B. fumigatum in Größe, 
Gestalt und Färbung täuschend ähnlich, doch durch die Kopf- 
skulptur, welche ganz wie bei B. Schüppeli Dej. gebildet ist, und 
durch die Halsschildform sofort zu unterscheiden. Die ziemlich 
tiefen, schwach gebogenen und vorne zusammenlaufenden Stirn- 
furchen sind von einem nur vorne gegabelten Längsfältchen be- 
grenzt. Der Halsschild ist stärker quer, nach hinten weniger ver- 
engt als bei B. fumigatum und seitlich nicht ausgeschweift, sondern 
bis zu den Hinterwinkeln schwach gerundet verengt. Der Seiten- 
rand ist insbesonders nach hinten viel breiter abgesetzt. Dunkel 
erzfarbig, die Flügeldecken braungelb, drei unregelmäßige zackige 
Querbinden hinter der Basis, hinter der Mitte, vor der Spitze und 
die Naht bis zur letzten Querbinde schwach metallisch schwarz. 
Die Wurzel der Fühler und die Beine gelb. Fühler etwas kürzer 
als bei fumigatum. Flügeldecken im Umriß ähnlich gestaltet wie 
bei fumigatum, die äußeren Punktstreifen in ihrer vorderen Hälfte 
etwas stärker ausgeprägt als bei fumigatum. — Länge 3*8 — 4-3 mm. 



(296) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



Von B. Schüppeli Dej. und allen übrigen Arten des Subgen. 
Lopha durch flachere, breitere Gestalt und die Färbung, von allen 
Arten des Subgenus Notaphus (ich konnte sämtliche Notaphus- 
Arten, auch rutlienum Tsch. und rumelicum Apflb. vergleichen) durch 
die viel längeren, tieferen, vorne zusammentreffenden Stirnfurchen 
weitaus verschieden. Die systematische Einreihung dieser nach 
meiner Ansicht die Subgenera Lopha Steph. und Diplocampa Bed. 
verbindenden Art muß wohl dem künftigen Monographen vorbe- 
halten bleiben; bis dahin erhält dieselbe ihre Stellung am besten 
hinter JB. Schüppeli Dej., wodurch allerdings das Subgenus Trepanes 
Mötsch, im System an eine andere Stelle, etwa vor Lopha Steph., 
zu verweisen wäre. 

Diese hochinteressante Art wurde von meinem Exkursions- 
gefährten, Herrn Hauptmann Gustav Kuchta, dem ich dieselbe in 
herzlicher Freundschaft dediziere, und von mir am sandigen Strande 
des Schwarzen Meeres bei Mangalia in der Süd-Dobrudscha unter 
ausgeworfenem Seetang in vier Exemplaren entdeckt. 

Trechus Rambouseki nov. spec. In die Verwandtschaft des 
Tr. Pertyi gehörig. Dem Tr. Pertyi pseudopiceus Dan. am ähnlich- 
sten, doch von demselben durch etwas schlankere Gestalt, weniger 
flache, an den Schultern stärker abgerundete, etwas weniger stark 
gestreifte Flügeldecken, etwas kürzeren Kopf, kürzere Schläfen 
und daher größer erscheinende Augen, stärker herzförmig ver- 
engten, an der Basis beiderseits vollkommen geradlinigen Hals- 
schild hauptsächlich verschieden. Körper, Fühler, Taster und Beine 
gelbbraun. Schläfen etwas kürzer als der Längsdurchmesser der 
Augen. Die Stirnfurchen verlaufen zum Unterschiede von Tr. Pertyi 
pseudopiceus nicht konzentrisch mit dem Augeninnenrande nach 
hinten und außen, sondern es ist deren Abstand vom Augenhinter- 
rande viel geringer als vom mittleren Augeninnenrand. Fühler 
gegen die Spitze leicht verdickt, ihr drittes Fühlerglied wenig 
länger als das zweite und vierte, diese beiden kaum an Länge 
verschieden. Halsschild ziemlich stark geradlinig nach rückwärts 
verengt, vor den Hinterecken kaum ausgeschweift, mit wenig 
deutlich abgesetzten, vollkommen rechtwinkeligen Hinterecken und 
schmal abgesetztem Seitenrand, breiter als lang, am Vorderrande 
kaum merklich ausgerandet, die Basis vollkommen geradlinig. Vor 



Versammlung der Sektion für Koleopterologle. 



('297) 



derselben mil sehr deutlicher bogiger, in der Mitte nicht unter- 
brochener Basalfurcbe. Die Basalgrübchen in den IJintereckeu 
sind kaum angedeutet. Die Flügeldecken lang oval mit stark ab- 
gerundeten Schultern, hinter der Mitte am breitesten, flach gewölbt, 
schwach, gegen die Seiten erloschen gestreift. Von Trechus Priapus 
Dan. durch hellere Färbung, viel schlankere, weniger gewölbte 
Flügeldecken, schmäleren Kopf mit dem Augenhinterrand mehr 
genäherten Stirnfurcben, durch weniger gewölbte Schläfen und 
durch viel längere, vorn flachere Flügeldecken ganz bedeutend ver- 
schieden. 

Ich dediziere diese Art Herrn Fr. G. Rambousek aus Prag, 
welcher sie in vier Exemplaren im Mus Allah-Gebiet (Nord-Rhodope) 
in Südbulgarien gleichzeitig mit Tr. rhilensis Kfm. und Tr. Priapus 
Dan. aufgefunden hat. 

Die im ersten Bande der Käferfauna der Balkanhalbinsel von 
Herrn Kustos Apfelbeck auf S. 143 — 147 gegebene Bestimmungs- 
tabelle der Trechus -Arten von der Balkanhalbinsel ist hinsichtlich 
der vorstehenden Art auf S. 145 wie folgt zu ergänzen: 

12. Hinterecken des Halsschildes obtus 13 

12a. Hinterecken des Halsschildes als deutliche kleine, fast recht- 
winkelige, mitunter etwas nach außen vorspringende Winkel 
abgesetzt, Körper größer (3*5 mm), pechschwarz. 

rhilensis Kfm. 

12b. Hinterecken größer, deutlich rechtwinkelig, Körper kleiner 
(3 — 3*2 mm), schlanker, gelbbraun. 

Bambouseki nov. spec. 

13. Größer (3*5 — 4 mm), Flügeldecken reichlicher und tiefer ge- 

streift majusculus Dan. 

— Kleiner (2*6 — 325 mm), Flügeldecken spärlicher und seichter 
gestreift obtiisiusculus Gglb. 

IV. Herr Alfred Kniz legt die Beschreibungen zweier neuer 
paläarktischer Hydrophiliden vor: 

HelopJiorus (Atractelophorus) Ganglbmievi nov. spec. 

Von Helophorus nivalis Giraud durch fast gänzlich gekörnten 
Kopf und Halsschild, metallisch grüne oder kupfrige Oberseite und 



(298) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



metallische Kiefertaster und Beine verschieden, in Größe und Ge- 
stalt jedoch mit diesem übereinstimmend. 

Die ganze Oberseite inklusive Kopf und Halsschild metallisch 
grün (Val di Leno) oder kupfrig (Rima). Die Beine rotbraun mit 
leichtem Metallglanze, Kiefertaster dunkel, metallisch, symmetrisch 
spindelförmig. Kopf auf der Stirne und an den Seiten runzelig 
areoliert, Clypeusmitte in größerer Ausdehnung ziemlich einfach 
punktiert. Halsschild wie bei nivalis gewölbt, aber nicht wie bei 
diesem mit einfach bis verwischt areoliert punktierten, sondern mit 
dicht gekörnten, nur in der Mitte areoliert punktierten Dorsal- 
wülsten, vor der Mitte am breitesten und daselbst an den Seiten 
gerundet, nach hinten ziemlich stark, geradlinig oder nur leicht 
ausgeschweift verengt. Der Vorderrand des Halsschildes hinter den 
Augen leicht ausgebuchtet. Die Flügeldecken im vorderen Drittel 
eingedrückt, mit etwas tieferen Punktstreifen als nivalis. — Länge 
3 — 3 3 mm. 

Der nach einem Stücke vom Simplon, Mitterabach, 1800 m, 
beschriebene H. Fauveli Gangibauer (in diesen „Verhandlungen", 
Jahrg. 1901, S. 314), welcher mir leider nicht vorliegt, ist nach 
der Originalbeschreibung viel schmäler, gestreckter und flacher als 
nivalis, oben dunkel bronzefarbig mit violettem Schimmer, hat viel 
flacheren Halsschild und viel gestrecktere, flachere Flügeldecken. 

Adamello-Gebirge: Val di Leno (Gangib.); Piemont: Colle 
Moud, Monte Kosa-Gebiet (A. Winkler). 

Ochthebius (Calobiiis) Zugmayeri iiov. spec. 

Eine sehr ausgezeichnete Art, zunächst dem Ochthebius quadri- 
collis Muls. ähnlich, von diesem jedoch durch etwas schmäleren 
Kopf, den Halsschildbau und ganz besonders durch die auffallende 
Behaarung der Beine und Oberseite leicht zu trennen. 

Oberseite pechbraun bis gelblichbraun mit leichtem Metall- 
glanze, Kopf und Halsschild, besonders der letztere karminrot oder 
messinggelblich schimmernd. Die Kiefertaster dunkel, die Fühler- 
geißel blaßgelb. Die äußerst langen, schlanken Beine gelbbraun 
bis bräunlichgelb. Kopf schmal, mit stark hervortretenden Augen, 
chagriniert, mit tiefen, rundlichen Stirngruben. Die sehr große 
Oberlippe vorne in zwei gerundete Lappen geteilt. Die Stirne flach. 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(29!)) 



Der seitlich fein chagrinierte, in der Mitte geglättete Baisschild in 
der Anlage verkehrt trapezförmig, vom vorderen Drittel an nach 
hinten ziemlich stark und meist etwas ausgeschweift verengt und 
hier sowie um die Hinterecken häutig gesäumt; die Vorderecken 
desselben kurz zahnfö'rmig ausgezogen. Die Scheibe des Hals- 
schildes bald mit sehr schwacher, bald mit stärkerer Mittellinie; 
Im letzteren Falle ist diese Linie oft im ersten und letzten Drittel 
grubenförmig erweitert. Die hinteren Dorsaleindrücke des Hals- 
schildes nur schwach angedeutet. Die Flügeldecken länglich oval, 
flach, beim 9 mit sehr breit abgesetztem Seitenrande, an der Spitze 
schmal und schwach einzeln gerundet, runzelig, nicht deutlich ge- 
reiht punktiert. Die ganze Oberseite ähnlich wie bei den Arten des 
Subgen. Botliochius Key mit ziemlich langen, feinen, jedoch nicht 
glatt anliegenden Haaren übersät. Sehr auffallend ist die Beborstung 
der Schienen. Die Mittel- und Hinterschienen tragen nämlich an 
ihrer Innenseite einige, mit den Schienen fast gleichlange, nach rück- 
wärts gerichtete Borsten von weißer Färbung. Die Medianpartie des 
Metasternums sowie die Abdomenspitze glatt. — Länge 1*7 — 1'9 mm. 

Nordwest-Persien: Khoi. Von Herrn Dr. Erich Zugmayer in 
Anzahl erbeutet. 



Allgemeine Versammlung 1 

am 5. Mai 1909. 

Vorsitzender: Herr kais. Rat Dr. E. v. Haläcsy. 

Der Generalsekretär Herr Josef Brunnthaler teilt mit, daß 
folgende Damen und Herren der Gesellschaft als Mitglieder bei- 
getreten sind: 

Ordentliche Mitglieder : 
Ihre königl. Hoheit Prinzessin Therese von Bayern. 

P. T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Conrath Paul, Direktor der Dynamit- 
fabrik in St. Lambrecht, Obersteierm. den Ausschuß. 
„ Czapek, Dr. F., Professor am Botani- 
schen Institut d. Univ. in Czernowitz „ „ 



(300) 



Bericht über die allgemeine Versammlung. 



P. T. 

Herr Draxler Fritz, Wien, VII., Burgg. 27 
„ Find eis Guido, Wien, I., Wollzeile 25 
„ Györffy, Dr. Istvän, Löcse, Ungarn 
„ Iltis, Dr. Hugo, k. k. Kealschulpro- 
fessor in Brünn, Schmerlingstraße . 
„ Low Immanuel, Oberrabbiner, Szeged, 

Ungarn 

„ Maly, Dr. Günther W., Eeichenberg, 

Tischlergasse 3 

„ Polgar Sandor, Professor an der Ober- 
realschule in Györ, Ungarn . . . 
„ Raciborski, Prof. Dr. M., Lemberg . 
Fräul. Eeich Grete, Wien, IL, Czerning. 19b 
Herr Schee hner Kurt, Lehramtskanditat, 
Wien, IX., Liechtensteinstraße 106 . 
Fräul. Sgalitzer Lili, Wien, III., Adamsg. 5 
„ Sperber Helene, Wien, III., Reisner- 
straße 7 



Vorgeschlagen durch: 
den Ausschuß. 

Dr. P. Kammerer, E. v. Paska, 
den Ausschuß. 



P. Fröschel, Dr. K. Linsbauer. 

Dr. K. Linsbauer, Dr. P. Vouk. 
P. Fröschel, Dr. K. Linsbauer. 



Unterstützende Mitglieder: 



J. Brunnthaler, Dr. 0. Porsch. 



P. T. Vorgeschlagen durch: 

Herr Demades D., Triest, Via nuova 3 111 den Ausschuß. 

Frau Demelius Paula, Wien, XIII./l, Lain- 

zerstraße 109 „ „ 

Herr Janchen, Dr. Emil, k. u. k. Oberstabs- 
arzt, Wien, III., Streichergasse 3 . J. Brunnthaler, Dr. Erw. Janchen. 

Frau Wintersteiner, Dr. H., Wien, XIII., 

Leopold Müllergasse 1 J. Brunnthaler, Prof. Dr. 0. Abel. 

Herr PriV.-Doz. Dr. Karl Linsbauer spricht: „Über Reiz- 
verkettungen im Pflanzenorganismus." 

Herr Priv.-Doz. Dr. O. Porsch hält ein kritisches Sammel- 
referat über: „Die Anpassungen der Vogelblumen und ihrer 
Bestäub er." (Mit Demonstrationen.) 



I. Disknssionsabeiul über allgemeine biologische Fragen. (301) 



I Diskussionsabend 
über allgemeine biologische Fragen 

am 9. März 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. R. v. Wettstein. 



Thema: 

Die Bedeutung der Serumreaktion für natur- 
wissenschaftliche Fragen. 

Referenten: 

Herr Prof. Dr. R. Kraus: Allgemeines über das Wesen der 
Methode und deren Bedeutung. 

Herr Priv.-Doz. Dr. H. Joseph: Die Bedeutung der Serum- 
reaktion für zoologische Fragen. / 

Der Vortragende bespricht die Versuche, welche angestellt 
wurden, um mit Hilfe der spezifischen Fällungen die Sera ver- 
wandter und nicht verwandter Tiere zu unterscheiden. So gibt 
z. B. das Serum eines mit Menschenserum vorbehandelten Kanin- 
chens mit Menschenserum einen sehr starken Niederschlag, mit 
dem eines anthropoiden Affen einen geringeren und absteigend 
durch die Reihe der übrigen Altweltaffen, der Neuweltaffen ; der 
Halbaffen einen immer unbedeutenderen, schließlich bloß spurweisen. 
Nach mannigfaltiger Richtung sind diese Versuche variiert und 
zahlreiche Tierspezies herangezogen worden. So wertvoll die Methode 
auch in theoretischer und praktischer Hinsicht ist und so sehr sie 
sich, z. B. gerade in der Menschen -Affenfrage, als wesentliches Hilfs- 
mittel zur Bekräftigung der längst angenommenen und auf anderem 
Wege nachgewiesenen Verwandtschaftsbeziehungen bewährt hat, 
dürfte sie doch zur Auffindung einer bisher auf anderem Wege 



(802) 



I. Diskussionsabend über allgemeine biologische Fragen. 



nicht nachgewiesenen Verwandtschaft zwischen zwei Formen un- 
geeignet sein. Schon im Kreise der Wirbeltiere ist die Unter- 
scheidung oft nicht ganz scharf, so gibt gelegentlich Mensch und 
Schwein gleichsinnige Reaktion, wenn auch in verschieden hohem 
Grade, und bezüglich vieler anderer Säuger bestehen ähnliche Ver- 
hältnisse. Doch stimmen im allgemeinen und vor allem bezüglich 
des quantitativen Ausfalles die Resultate der Serumuntersuchung 
mit den bisher angenommenen Verwandtschaftsverhältnissen überein. 
Bedeutend schwieriger und viel weniger aussichtsreich steht jedoch 
die Sache bei den niederen Tieren. Hier, wo es sich im Vergleich 
zu den phylogenetisch einheitlicheren Wirbeltieren (speziell den viel- 
untersuchten Säugern) um bedeutend größere phylogenetische Diffe- 
renzen handelt, wobei noch der Übelstand in Betracht kommt, daß 
manche wichtige und offenbar ganz isoliert stehende Gruppen nur 
in einem oder wenigen Vertretern bekannt sind, sind abgesehen 
von technischen Schwierigkeiten, genau so wie bei der üblichen 
morphologischen Betrachtungsweise, die Ergebnisse der serologischen 
Untersuchung im besten Falle mehrdeutig und nicht imstande, 
den Blick des Forschers etwa auf eine bisher nicht vermutete 
Verwandtschaft hinzulenken. Außerdem sind Untersuchungen auf 
diesem Gebiete und speziell bezüglich der phylogenetisch noch 
strittigen Gruppen (z. B. Enteropneusten, Chaetognathen, Nematoden 
etc.) in sehr geringem Ausmaße oder noch gar nicht vorgenommen 
worden. Einzelne Resultate stimmen zwar mit gelegentlich von 
zoologischer Seite aufgestellten Verwandtschaftshypothesen überein, 
so ergaben Spinnen und Limulus eine gleichsinnige Reaktion, aber 
es ist wohl sehr fraglich, ob diejenigen Zoologen, die bisher der 
Annahme einer Verwandtschaft zwischen diesen beiden Formen aus 
morphologischen Gründen skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen, 
durch den Ausfall der Serumreaktion sich eines anderen belehren 
lassen werden. 

Der Wert dieser genialen Methode beschränkt sich aber vor- 
läufig auf das allgemein physiologische und auf das praktische 
Gebiet und hat bezüglich der Feststellung von Verwandtschafts- 
beziehungen im Tierreiche einen freilich außerordentlich hohen Wert 
bei ihrer Anwendung auf Wirbeltiere einschließlich des Menschen. 



I. DiBkussionaabend über allgemeine biologische Fragen. 



(303) 



Herr L. H. v. Vovi heim : Die bisherigen Ergebnisse mit der 
Methode der Eiweißdifferenzierung auf botanischem 
Gebiete. 

Während auf zoologischem Gehiete mit der Methode der Ei- 
weißdiiferenzierung eine große Menge von Resultaten erzielt wurde, 
haben sich die Botaniker bisher nur wenig- mit dieser Frage be- 
schäftigt; es ist daher nur über eine geringe Anzahl von Arbeiten 
Bericht zu erstatten. 

In botanischen Zeitschriften sind bisher nur fünf solche Ab- 
handlungen erschienen, wenn man von den Arbeiten Czapeks (1) 
über Fermente und Antifermente absieht. 

Die Beobachtungen über den spezifischen Einfluß von Gift- 
stoffen auf Pflanzen sollen hier nicht besprochen werden, da sie 
unserem Thema etwas ferner stehen. Dasselbe gilt von den Unter- 
suchungen über das Wachstum von Pflanzen in artgleichen oder 
artfremden Pflanzenextrakten und über die Einwirkung von Wurzel- 
ausscheidungen auf Nachbarpflanzen. 

Ehrlich (2) verdanken wir Untersuchungen über die Ein- 
wirkung von Ricin, welches aus den Samen von Bicimis communis 
gewonnen wird, auf Kaninchen. Es wird nicht nur ein Antitoxin 
gebildet, sondern die Ricinlösung wirkt, wie Jacoby(3) nachwies, 
auch auf das Serum dieser Kaninchen präcipitierend. 

Die gleichen Resultate wurden auch mit Abrin, Crotin und 
Robin erzielt. 

Kowarski (4) injizierte Kaninchen aus Weizenmehl gewon- 
nene Albumosen. Das Serum dieser Tiere gab Niederschläge mit 
Weizenalbumose, aber auch mit Gersten- und Roggenalbumose, 
keine mit Hafer. 

Der Versuch Schützes (5), die Präcipitinreaktion zur Unter- 
scheidung der einzelnen Hefearten zu verwenden, mißlang, da in 
allen Fällen deutliche Niederschläge auftraten. 

Nach Citron(6) geben alle JPaws-artigen Pilze gleichartige 
Präcipitine. 

Aus diesen Befunden ging die Spezifizität der Präcipitin- 
reaktion für pflanzliche Stoffe noch nicht hervor, wohl aber aus 
den folgenden Untersuchungen. 



(304) 



I. Diskussionsabend über allgemeine biologische Fragen. 



Magnus und Friedenthal (7) stellten sich die Frage, 
ob diese Reaktion für die Beurteilung des Verwandtschaftsgrades 
bei Pflanzen, in ähnlicher Weise wie bei Tieren, verwendet 
werden kann. 

Sie erzeugten Preßsaft aus dem Ascomyceten Saccharomyces 
cerevisiae und Tuba brumale und zur Kontrolle auch Preßsaft aus 
dem Basidiomyceten Agariem campestris. 

Diese Preßsäfte wurden schwach alkalisch gemacht und Kanin- 
chen subcutan eingespritzt. 

Das Serum des Hefetieres gab eine rasch eintretende Trübung 
mit Hefe- und Trüffelsaft, während es bei Zusatz von Champignon- 
extrakt klar blieb. 

Magnus und Friedenthal (8) schließen daraus, daß die Hefe 
mit Recht als Ascomycet betrachtet wird und daß die morpho- 
logischen Unterschiede der Asco- und Basidiomyceten auch stammes- 
geschichtlichen Verschiedenheiten entsprechen. 

Es sei noch erwähnt, daß das Serum des Trüffeltieres bei 
Zusatz von Hefepreßsaft nur eine leichte Trübung zeigte, während 
bei Zusatz von Trüffelsaft zum Serum des mit Hefe vorbehandelten 
Tieres, wie vorhin erwähnt ; eine starke Ausflockung erfolgte. 

Dieser Unterschied ist wohl auf die Differenz im Eiweiß- 
gehalte der beiden Preßsäfte zurückzuführen. Der Hefepreßsaft 
enthielt über 2%, der Trüffelsaft bloß 0-025% Eiweiß. Da die 
gleichen Mengen der Preßsäfte zur Injektion verwendet wurden, 
waren dem Trüffeltiere weniger Eiweißstoffe eingeführt worden 
als dem Hefetiere. 

Magnus und Friedenthal (9) gingen nun daran, die Metho- 
dik auszuarbeiten und konnten daun die Spezifizität der Präcipitin- 
reaktion auch für höhere Pflanzen zeigen, so z. B. für Weizen und 
Erbse. Kowarski (10) hatte behauptet, daß das Serum von mit 
Weizenalbumose behandelten Kaninchen mit Erbsenalbumose eine, 
wenn auch nur schwache Reaktion gibt. Auf Grund ihrer ver- 
besserten Methodik konnten nun Magnus und Friedenthal (11) 
den Nachweis führen, daß das Serum des Weizentieres mit Weizen- 
albumose, das des Erbsentieres mit Erbsenalbumose wohl eine sehr 
dichte Trübung zeigt, daß aber die Sera bei Zusatz der artfremden 
Albumosen klar blieben. 



I. Diskussionsabend über allgemeine biologische Prägen. 



(305) 



Über andere, die Spezifizität der Präcipitinreaktion betreffende 
Resultate der beiden Forscher gibt die Tabelle in den Berichten 
der Deutschen botanischen Gesellschaft, Bd. XXV, 1907, S. 245, 
Aufschluß. 

So einfach, wie es aus dem bisher Mitgeteilten hervorzugehen 
scheint, gelingt aber die Differenzierung der pflanzlichen Eiweiß- 
stoffe nicht. 

Vor allem wird dies durch den äußerst schwankenden Gehalt 
der einzelnen Pflanzenarten an Eiweiß sehr erschwert. Es wurde 
bereits früher auf den großen Unterschied im Eiweißgehalt bei 
Hefe und Trüffel hingewiesen. 

Außerdem konnte Magnus (12) zeigen, daß einzelne Pflanzen- 
extrakte mit Normalserum direkt einen Niederschlag geben. 

Trotzdem ist es möglich, wenn man methodisch richtig vor- 
geht und kürzer oder länger immunisiert, für die Feststellung der 
Verwandtschaftsverhältnisse der Pflanzen brauchbare Resultate zu 
erhalten. 

So wies Magnus (13) nach, daß bei einigen Gramineen bei 
schwacher Immunisierung die Sera der vorbehandelten Tiere nur 
mit dem artgleichen Preßsaft oder mit dem Preßsaft ganz nahe 
verwandter Gramineen in Reaktion traten, während bei höherer 
Immunisierung die Verwandtschaftsreaktion immer weitere Grenzen 
annimmt. Das Serum solcher hochimmunisierten Tiere gab mit 
allen daraufhin geprüften Preßsäften von Gramineen einen Nieder- 
schlag, aber nicht mit Scirpus, Carex, Gommelina, Allium und den 
Dicotyledonen Banuncttlus und Vicia. 

Mit Hilfe unserer bisherigen Methoden ist es gelungen, die 
Vermengung von Weizenmehl mit Mehl von Vicia Faba nachzu- 
weisen und Bertarelli (14) will so die Komponenten der Gemische 
verschiedener Leguminosenmehle unterschieden haben. 

Es sei noch erwähnt, daß sich die Arbeiten von Gasis(15) 
und Relander (16) auch mit Untersuchungen über Pflanzenver- 
wandtschaften befassen. 

Eine Reihe von Versuchen von Magnus und Friedenthal (17) 
bezog sich darauf, festzustellen, ob sich alle Pflanzenteile oder 
"eilen einer Pflanzenart bei der Präcipitinreaktion gleich ver- 
alten. 

Z. B. Ges. 59. Bd. U 



(306) 



T. Diskussionsabend über allgemeine biologische Fragen. 



Kaninchen wurden mit Preßsaft von Samen und Pollen von 
Seeale cereale vorbehandelt. Mit dem Serum dieser Tiere wurde 
der Preßsaft von Wurzeln und Sprossen zehntägiger Keimpflanzen 
des Roggens geprüft. 

Nach den erzielten Ergebnissen sprechen die beiden Forscher 
die Ansicht aus, „daß die Artspezifizität der Zellen und ihre Gleich- 
wertigkeit für die Verwandtschaftsreaktion der Pflanzen als er- 
wiesen betrachtet werden kann". 

Zum Schlüsse soll noch über Versuche berichtet werden, welche 
ich gemeinschaftlich mit den Herren Prof. R. Kraus (18), Dr. v. 
Eisler und Dr. Yamanouchi durchgeführt habe. 

Es handelte sich uns zunächst darum, zu prüfen, ob Pflanzen 
überhaupt Antigene aufnehmen können und zur Immunisierung wie 
Tiere geeignet sind. 

In den Sommermonaten des Jahres 1907 kultivierten wir 
Keimlinge von Phaseolus vulgaris in Rinderblut und in Pferdeserum 
und konnten mit Hilfe der Präcipitinreaktion die präcipitirende 
Substanz in den Pflanzenextrakten nachweisen. In den nun folgen- 
den Wintermonaten gelangen die Versuche nicht, es muß weiter 
geprüft werden, worauf dieses Mißlingen unserer Versuche zurück- 
zuführen ist. 

Durch Kobert(19) und seine Schule sind vier Pflanzen be- 
kannt geworden, deren Extrakte normalerweise agglutinieren ; es 
sind dies zwei Euphorbiaceen: Croton Tiglium und Bicinus commu- 
nis und zwei Papilionaceen : Böbinia pseudacacia und Äbrus preca- 
torius. 

In der letzten Zeit fanden Landsteiner und Raubitschek 
(20) noch in einigen Papilionaceen, und zwar in Pisum, Ervum, 
Vicia, Phaseolus vulgaris und Phaseolus multiflorus hämaggluti- 
nierende Stoffe. 

Dr. v. Eisler und ich (21) untersuchten 99 Spezies und Varie- 
täten von 56 verschiedenen Gattungen, konnten aber nur bei sechs 
Arten der Gattung Datura agglutinierende Substanzen beobachten. 
Von 46 Arten und Varietäten der Solanaceen, darunter 17 der 
Gattung Datura, wurde Blut nur von Extrakten von Datura ferox, 
D. gigantea, D. laevis, D. Leichhardtii, D. Metel, D. Stramonium 
und D. Wrightii agglutiniert. 



L Diskussionsabend über allgemeine biologische Fragen. 



Es ist dies sclir interessant, da sieli die Gattung Dai/wra 
auch sonst noch von den anderen Solanaceen unterscheidet. 

So wie Landsteiner und Kaubitschek (22) bei den von 
ihnen untersuchten Samenextrakten, konnten auch wir bei Extrakten 
aus Da/wm-Sarnen eine spezifische agglutinierende Wirkung auf 
Blutkörperchen wahrnehmen, da die Intensität der Agglutination 
je nach der Blutart variierte. 

Agglutinierenden Einfluß auf Bakterien (Typhus- und Cholera- 
bakterien) konnten wir bei Ricin und Datura-Extvakt nicht fest- 
stellen, wohl aber bei Extrakt aus Samen von Phasoleus vulgaris. 

Aus diesem Referat ist ersichtlich, daß unsere Erfahrungen 
bezüglich der Differenzierung pflanzlicher Eiweißstoffe noch nicht 
sehr große sind, aber es geht aus den bisherigen Ergebnissen 
hervor, daß wir auf dem eingeschlagenen Wege bei fortschreiten- 
dem Studium und Ausarbeitung der Methodik zu Erkenntnissen 
gelangen können, welche für die biologische Forschung und für 
die Erforschung der Stammesgeschichte der Pflanzen von großer 
Wichtigkeit sein dürften. 

Literatur. 

1. Czapek F., Berichte der deutschen botanischen Gesellschaft, XXI, 1903. 

2. Ehrlich, Deutsche medizinische Wochenschrift, 1891. 

3. Jacoby, Beiträge zur chemischen und physiologischen Pathologie, I, 1901. 

4. Kowarski A., Deutsche medizinische Wochenschrift, XXVII, 1901. 

5. Schütze A., Deutsche medizinische Wochenschrift, XXVIII, 1902. 

6. Citron, Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten, XLIX, 1905. 

7. Magnus W. und Friedenthal H., Berichte der deutschen botanischen 

Gesellschaft, XXIV, 1906. 

8. Dieselben, 1. c, 1906. 

9. Dieselben, 1. c, XXV, Heft 5, 1907. 

10. Kowarski A., Berichte der deutschen botanischen Gesellschaft, 

11. Magnus W. und Friedenthal H., 1. c, 1907. 

12. Magnus W., 1. c, XXVI a, 1908. 

13. Derselbe, 1. c, 1908. 

14. Bestarelli, Zentralblatt für Bakteriologie, XI, Abt. II. 

15. Gasis, Berliner klinische Wochenschrift, 1908. 

16. Relander, Zentralblatt für Bakteriologie, XX, Abt. II, 1908. 

17. Magnus W. und Friedenthal H., Berichte der deutschen botanischen 

Gesellschaft, XXV, H. 6, 1907. 

18. Kraus R., Port heim, L. v. und Yamanouchi T., Berichte der deutschen 

botanischen Gesellschaft, XXV, H. 7, 1907. 

u* 



I. Diskussionsabend über allgemeine biologische Fragen. 



19. Kobert E., Lehrbuch der Intoxikationen. 

20. Landsteiner K. und Raubitschek H., Zentralblatt für Bakteriologie, 

XLV, H. 7, 1907. 

21. Eisler, M. v. und Portheim. L. v., Zeitschrift für Immunitätsforschung 

und experimentelle Therapie, I, H. 1, 1908. 

22. Land steiner K. und Raubitschek H., Zentralblatt für Bakteriologie. 

XLV, H. 7, 1907. 



Herr Dr. Ernst Pribram: Die Bedeutung der Serumreaktion 
für chemische Fragen. 

Die physiologischen und biologischen Methoden und Probleme, 
speziell die Präcipitinreaktionen sind physikalisch- chemischer Natur, 
daher ihre Lösung nur bei Kenntnis und Berücksichtigung der 
physikalischen Chemie möglich ist. Diesem Umstände ist es zuzu- 
schreiben, daß nur bei der Differenzierung der Eiweißkörper durch 
Neutralsalzfällung, einer ausgesprochen physikalischen Methode, 
Positives geleistet werden konnte. An der Hand der Arbeiten von 
Nolf, Michaelis, Obermayer und Pick, Umber, Myers, Land- 
steiner, Michaelis und Oppenheimer, Rostoski wird ge- 
zeigt, daß die Differenzen in den Untersuchungsergebnissen der 
einzelnen Autoren darauf zurückzuführen sind, daß die meisten 
der erwähnten Forscher, in der Voraussetzung, mit chemischen 
Methoden zu arbeiten, die physikalisch-chemischen Gesetze — welche 
übrigens vielfach noch unbekannt waren — unberücksichtigt ließen 
und durch Änderungen in der Fällungsmethode oder des Mediums 
ihre Versuchsresultate in diesem oder jenem Sinne beeinflußten, 
ohne es zu wissen. Den schönen ÜDtersuchungsresultaten von 
Obermayer und Pick über die Artspezifizität der denaturierten, 
verdauten, oxydativ gespaltenen und substituierten Eiweißkörper 
dürften ebenfalls feine physikalische Differenzen der unter- 
suchten Medien zugrunde liegen. 



II. Diflkussioiisabend über allgemeine biologische Fingen. (309) 



IL Diskussionsabend 
über allgemeine biologische Fragen 

am 11. Mai 1909. 

Vorsitzender: Herr Generalsekretär Jos. Brunnthaler. 



Thema: 
Chlorophyll und Hämoglobin. 

Referenten : 

Herr Prof. Dr. 0. ß. y. Fürth: Die Beziehungen zwischen 
Blutfarbstoff und Chlorophyll. 

Der Vortragende erörtert die chemische Konstitution des Blut- 
farbstoffes und seiner Derivate in ihren Beziehungen zum Chloro- 
phyll und seinen verwandten Verbindungen und weist auf die nahe 
Verwandtschaft der letzteren hin. 



Herr Priv.-Doz. Dr. V. Gräfe: Chemie des Chlorophylls und 
der Kohlensäure-Assimilation. 

Der Chlorophyllfarbstoff umfaßt eine Gruppe gelber Kompo- 
nenten, die Xanthophylle und als grüne Bestandteile das Chloro- 
phyll und Allochlorophyll. Wiewohl kristallisiert dargestellt, ist es 
zweifelhaft, ob man den Chlorophyllfarbstoff in völlig reiner Form 
kennt. Jede Pflanzengattung enthält neben viel amorphem einiges 
Chlorophyll in kristallisierter Form, welches nicht wie ersteres ein 
Ester aus dem ungesättigten Alkohol „Phytol" und der sauren 
Gruppe der Phytochlorine ist. Der Farbstoff enthält kein Eisen, 
wohl aber Magnesium, das an seiner synthetisierenden Funktion 
wesentlich beteiligt ist. Genau bekannt sind die Abbauprodukte 
mit Alkalien und Säuren, welche zum Hämatin hinüberleiten. 



(310) 



II. Diskussionsabend über allgemeine biologische Fragen. 



Als Zwischenprodukt der Zuckersynthese aus Kohlensäure 
und Wasser ist Formaldehyd und Glykolaldehyd anzunehmen, denn 
beide konnten als Intermediärprodukte isoliert werden, wenn in 
einem Gasraum aus Kohlendioxyd und Wasser dunkle elektrische 
Entladung eingeleitet wurde. Die gleichzeitige Bildung von Wasser- 
stoffsuperoxyd wird durch konstante Entfernung des Sauerstoffs 
verhindert, eine Wirkung des leicht oxydablen Chlorophylls in der 
lebenden Pflanze. Die genannten Substanzen bilden sich aber bei 
der Assimilation wohl nur in ihren tautomer labilen Zuständen, 
so daß ihre eventuelle Auffindung in der assimilierenden Pflanze 
nur durch Nebenreaktionen ermöglicht wird. Isolierter, vom Plasma 
getrennter Chlorophyllfarbstoff zeigt unter keinen Umständen mehr 
assimilatorische Tätigkeit. 



Herr Priv.-Doz. Dr. W. Hausmann: Die physiologische Be- 
deutung des Chlorophylls. 

Nach kurzer Besprechung der älteren Assimilationstheorien 
von Wiesner, Timiriazeff und Pringsheim wurde auf die 
Sensibilisationstheorie von Timiriazeff und Engelmann einge- 
gangen. Diese Autoren schreiben dem Blattgrün eine Wirkung in 
der Art photographischer Sensibilisatoren zu. Jost hat darauf hin- 
gewiesen, daß man den ungefärbten, nicht assimilationsfähigen 
Chloroplasten nicht mit der an sich lichtempfindlichen Platte ver- 
gleichen dürfe. Molisch hingegen meint, daß die Verfechter der 
Sensibilisationstheorien durch den Vergleich der photographischen 
Platte mit dem Chlorophyllkorne hauptsächlich andeuten wollten, 
daß hier wie dort in ähnlicher Weise das absorbierte Licht zu 
chemischen Prozessen herangezogen wird. Referent konnte zeigen, 
daß Chlorophyll, Rohchlorophyll sowie kristallisiertes Chlorophyll 
(Willstätter), intensiv photodynamisch im Sinne v. Tappeiners 
auf rote Blutkörperchen und Paramäcien wirkt; daß es im Lichte 
zerstörende Wirkung ausübt, die es im Dunkeln nicht besitzt. Es 
wurde demnach gezeigt, daß Chlorophyll, auch ohne daß eine 
andere lichtempfindliche Substanz zugegen ist, im Licht spezifische 
Wirkungen auszuüben vermag. Da diese Wirkungen in den roten, 
für die Assimilation wichtigsten Strahlen erfolgen, so nimmt Refe- 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(311) 



reut an, daß da* Chlorophyll auch in der Pflanze, wo es nur 
abgeschwächt wirken kann, nach Art der photodynamischen Sen- 
sibilisatoren die Assimilation anregt. Referent glaubt jedoch, aus 
anderweitig' zu erörternden Gründen, ein anderes Eingreifen des 
Chlorophylls in den Assimilationsprozeß, noch abgesehen von seiner 
Lichtwirkung, annehmen zu müssen. Auch neben Chlorophyll 
konnten in den Pflanzen Sensibilisatoren, die offenbar ganz be- 
stimmte Funktionen im Lichte haben, nachgewiesen werden. 

Daß dem Blattgrün neben der Rolle in der C0 2 - Assimilation 
noch andere wichtige Aufgaben bei der Transpiration der Pflanzen 
zufallen, hat Wiesner gezeigt. 



Veranstaltungen der Sektion für Botanik. 

Versammlung am 23. April 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Herr Wolfgang Himmelbauer hielt einen Vortrag über: 

Die weibliche Blüte von Datisca cemnabina. 

Die Gametophytenforschung der letzten Jahrzehnte erwies sich 
für die Aufstellung phylogenetischer Leitlinien als ungemein vor- 
teilhaft. Sie wurde auch eines der vielen Hilfsmittel, systematische 
Beziehungen aufzuhellen oder zu bekräftigen. In diesem Sinne er- 
schien es als gerechtfertigt, die Ontogenie der weiblichen Blüte 
von Datisca cannabina zu untersuchen, einer Pflanze, deren syste- 
matische Stellung im System durchaus schwankt. 

Diese hanfartige, mannsgroße, zweihäusige Staude wurde z. B. 
von Ad an so n mit Hydrangea und Philadelphias in Verbindung 
gebracht. Baillou stellt sie zu den Saxifragaceen. Lindley, 
Bentham und Hook er, Warburg, Wettstein reihen sie den 
Begoniaceen an. De Candolle glaubt, sie wäre mit den Loasa- 
ceen, Begoniaceen etc. verwandt. Chatin nähert sie den Crassula- 
ceen, Saxifragaceen etc. Endlicher erblickt in den Resedaceen 



(312) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



ihre nächsten Verwandten. Boissier und Payer wollten Be- 
ziehungen zu den Cucurbitaceen entdeckt haben usw. 

Die blütenmorphologische Untersuchung zeigte nun die kom- 
plizierte, thyrso'ide Infloreszenz als aus Dichasien zusammengesetzt. 
Befruchtungsphysiologische Beobachtungen und Versuche (Isolieren 
der Staude und Verhüllen der Infloreszenzen), die von vielen anderen 
Autoren und zum Schlüsse vom Redner angestellt wurden, erwiesen 
die Pflanze als nicht parthenogenetisch, wie schon Winkler an- 
genommen hatte. 

Die embryologische Untersuchung zeigte ein Resultat, das in 
folgenden knappen Worten zusammengefaßt werden möge: Die 
Plazentation ist marginal-parietal. Die Samenanlage birgt ge- 
wöhnlich eine Makrosporenmutterzelle (Embryosackmutterzelle), die 
sich durch ein Dyadenstadium zur Makrospore entwickelt. In der 
Makrospore (Embryosack) schwindet ein Archegon (Antipodenappa- 
rat) vollständig. Der Pollenschlauch dringt beim Funiculus der 
Samenanlage vorbei durch die Mikropyle zum Eiapparat (Porogamie). 

Diese Beobachtungen stellen Datisca als einen abgeleiteten 
Typus hin. Ein Grund zu dieser Annahme liegt in der Porogamie. 
Denn nach unseren Beobachtungen erscheint uns ein derartiger 
Befruchtungsvorgang nicht mehr ursprünglich. Das Schwinden der 
Antipoden dagegen möchte Redner als Beweis dafür ansehen, 
Datisca sei innerhalb ihrer Familie der abgeleitete Typus. Es gibt 
auch eine Form, nämlich Datisca (Tricerastes) glomerata (Amerika), 
die wir mit einem Worte als eine zwittrige Datisca bezeichnen 
dürfen. Von dieser Mutterform können sich dann die beiden ein- 
geschlechtigen Datisca-StsLuden (Eurasien) abgespalten haben. — 
Ein zweiter Grund, anzunehmen, Datisca sei keine phylogenetisch 
alte Form, ist die Anemophilie dieser Pflanze und das Zusammen- 
treten relativ einfacher Teilinfloreszenzen (Dichasien) zu einem 
komplizierten Blütenstand. Wenn wir eben eine Pflanze nach der 
Geschichte ihres Embryosackes als abgeleitet erklären müssen, so 
erscheinen uns diese beiden Merkmale auch als abgeleitet. 

Es ist das zugleich ein schönes Beispiel dafür, wie Merkmale, 
die phylogenetisch primär sind, sich über eine lange Entwicklungs- 
reihe hin sekundär wieder herausbilden können. (Vergl. z. B. das 
vielzellige Archespor und den endotropen Pollenschlauchverlauf der 



Versammlang der Sektion für Botanik. 



(813) 



Rosaceen, die Obturatorbildungen der Umbellifcrcn, sicher abge- 
leiteter Formen.) 

Datisca ist also zu weit vorgeschritten, als daß man sie, wie 
es Hallier tut, in die primäre Gruppe der Amentifloren stellen 
darf. Anderseits darf man sie auch nicht (Hallier) mit den 
Halorrhagidaceen, beziehungsweise Gunneraceen in Verwandtschaft 
bringen. Diese Formen sind wiederum zu selbständig und eigen- 
artig, so daß eine Beziehung zu Datisca sehr unwahrscheinlich ist. 
Ganner a bildet nämlich (Ernst) in ihrem Embryosack 16 un- 
regelmäßig lagernde Kerne aus, so ähnlich wie Peperomia. 

Ist jetzt nun die relative Stellung der Datiscaceen etwas 
klarer, so kann man über ihre absolute Stellung noch immer nichts 
sagen. Redner glaubt, daß durch Vergleich aller in Betracht kommen- 
den Typen und durch das Auffinden möglicher Zwischenformen 
(Hildebrandtia — Begoniaceen?) vielleicht für die Zukunft ein Weg 
gezeigt werden kann. 

Hierauf sprach Herr Dr. Heinrich Freih. v. Handel- Mazzetti 
über Onobrychis Visianii Borb. 

Der Vortragende führte aus, daß unter diesem Namen drei 
verschiedene Pflanzen verstanden wurden. 

1. Onobrychis ocellata Beck (== 0. Tommasinii aut, non Jord.), 
welch letztere nach der Originaldiagnose, „. . . calycis lobis . . . 
tabo sno subduplo longioribus" , mit 0. arenaria (W. K.) DC. zu- 
sammenfällt, die um Triest ebenfalls vorkommt und beinahe nur 
durch dieses Merkmal sich von 0. ocellata, deren Kelch zähne 
2 1 l 2 — 4 mal so lang als der Tubus sind, unterscheidet. Auf einen 
Albino dieser Art, deren ganze Verwandtschaft sich von jener der 
0. alba u. a. durch die kurz behaarten Früchte, von dieser Art 
speziell auch durch die kurze anliegende Kelchbehaarung unter- 
scheidet, bezieht sich die Originalbeschreibung der 0. Visianii 
(„Differt ab herba Szörenyiensi . . . calyce glabro . . . Legamen 
. . . discas adpresse sabsericeas . . . [Leg. 0. albae . . . discus 
. . . sericeo pilosas]. . . . herba Visianii . . . floribas gaadet maiori- 
bus . . ausschließlich des Synonyms. 

2. Onobrychis [alba (W. K.) Desv., etiam Visiani. Hierher das 
von Borbäs zitierte Synonym aus Visiani, denn die dalmatinische 



(314) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Pflanze der tiefen Lagen ist von der banatischen keineswegs ver- 
schieden. 

3. Onobrychis Laconica Orph., die am häufigsten für 0. Visia- 
nii bestimmte Art, die im illyrischen Gebiete viel häufiger ist als 
0. alba, deren sehr nahestehende Hochgebirgsrasse sie darstellt. 
Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Achaia durch Epirus und Alba- 
nien bis zur Vranica, dem Cincer, Golja und Janski vrh in Bosnien. 
Annähernd findet sie sich auch in der Rhodope (0. Pentelica Velen., 
Fl. Bulgar. p. p. min.). 0. Pentelica Hsskn. ist damit identisch oder 
kann auf Annäherungsformen gegen 0. alba spezialisiert werden. 

Der Name 0. Visianii hat daher zu entfallen, da seine even- 
tuelle Anwendung auf 0. ocellata nur zu dauernden Verwechslungen 
und Irrtümern Anlaß geben kann. 

Ausführliche Mitteilungen wird eine diesbezügliche demnächst 
erscheinende Publikation bringen. 

Schließlich gelangten Proben aus dem Juncaceenherbar des 
verstorbenen Prof. Dr. F. Buchen au -Bremen, das in den Besitz 
der botanischen Abteilung des k. k. naturhistorischen Hofmuseums 
in Wien übergegangen ist, zur Demonstration. 



Sprechabend am 30. April 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. E. v. Haläcsy. 

Der Abend war der Vorlage der neuen Literatur durch die 
Herren Dr. A. Ginzberger, Dr. A. v. Hayek und Dr. K. Lins- 
bauer gewidmet. 



Exkursion auf den Thebener Kogel bei Preßburg 
am 20. Mai 1909. 

Zahl der Teilnehmer: 18. 

Bei prachtvollem Wetter wurde früh die Fahrt mittels 
Dampfers nach Theben angetreten, wo die Gesellschaft von einer 
Abordnung des Vereines für Natur- und Heilkunde in Preßburg 
empfangen wurde. Unter Führung der Herren Bäumler und Prof. 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(jsir.) 



Sz6p aus Preßburg (Herr Sanitätsrat Dr. Pantocsek war [eider 
durch Krankheit verhindert, an der Exkursion teilzunehmen) wurde 
erst der Ruine Theben und dem Milleniumdenkmal ein Besuch ab- 
gestattet und sodann der Thebener Kogel bestiegen. 

Gleich hinter der Dampfschiffstation erregte das zahlreiche 
Auftreten von weißblühendem Papaver dubium die Aufmerksam- 
keit der Teilnehmer. An. den Felsen des Schloßberges und auf 
den Mauern der Ruine selbst blühten in Menge Älyssum Arduini, 
Asperula glauca und Potentdia arenaria, aufwiesen Ornithogalum 
Kochii; das interessante Seseli devenyense Simk. befand sich leider 
in einem noch so frühen Entwicklungsstadium, daß ein Aufsammeln 
nichts zur Klärung dieser kritischen Pflanze beitragen konnte. 
Die Südhänge des Thebener Kogels sind größtenteils mit ver- 
schiedenartigem Buschwerk und steinigen Triften und Steppen be- 
deckt. Es wurden u. a. Stipa pennata, Polygala maior, Anemone 
sdvestris und nigricans, AnihylUs vidgaris, Globidaria WülJwmmii, 
Veronica prostrata, Vinca Jierbacea beobachtet. Die höheren Regionen 
sowie den Nordabhang bedecken dichte Laubmischwälder aus Eichen, 
Hainbuchen, Linden, Ahornen, Buchen etc.; in diesen Wäldern 
findet sich u. a. Pidmonaria officinalis und mollissima, Gleclioma 
hirsuta und nahe dem Gipfel in großer Menge Smyrnium perfolia- 
tum. Auf dem Gipfel selbst finden sich Wiesen, die lebhaft an die 
Wiesen des Braunsberges bei Hainburg erinnern, hier kommen u. a. 
Ranuncidus illyricits, Armeria vidgaris und Saxifraga bidbifera 
vor; nahe dem Schutzhaus fand sich reichliches Buschwerk von 
Prunus eminens Beck und zwei prächtige Bäume von Sorbus Aria 
var. meridionalis (Guss.), die durch ihr graues Laub sehr auffielen. 

Der Abstieg wurde nach Kaltenbrunn angetreten und von 
dort zu Fuß durch das an Äckern und Sumpfwiesen reiche Tal 
nach Preßburg gewandert, von wo mit der Bahn die Rückfahrt 
nach Wien angetreten wurde. 

Den Herren Bäum ler, Prof. Sz6p und den übrigen Mitgliedern 
des Vereines für Natur- und Heilkunde in Preßburg sei hier noch- 
mals für die liebenswürdige, äußerst instruktive Führung der herz- 
lichste Dank ausgesprochen. 



(316) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Versammlung am 21. Mai 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. V. Schiffner. 

Herr Dr. V. Vouk hielt einen Vortrag über den Heliotropismus 
der Wurzeln. 

Ferner gelangten zur Demonstration zahlreiche blühende 
Pflanzen aus den Gewächshäusern des botanischen Universitäts- 
gartens, zu denen die Herren Privatdozenten Dr. Porsch und Dr. 
Vierhapper eingehende Erläuterungen in systematischer und bio- 
logischer Beziehung gaben. 

Sprechabend am 28. Mai 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. A. v. Hayek. 

Nachdem der Vorsitzende über die Exkursion auf den Thebener 
Kogel Bericht erstattet hatte, hielt Herr Dr. J. Stadlmann einen 
Vortrag über Crepis Malyi. 

Hierauf brachte Herr Hans Neumayer unter dem Titel 
„Floristische Mitteilungen" einige neue Standorte zur Kenntnis, 
und zwar: 

Potentilla norvegica L. In einem Torfmoore nächst Aussee in 
Steiermark. 

Oxytropis pilosa (L.) DC. In der „Klamm" zwischen Neu- 
markt und Bad Einöd (neu für Steiermark). 1 ) Es dürfte sich hier- 
bei zweifellos um ein spontanes Vorkommen handeln; dafür sprechen 
die Pflanzen der Umgebung dieses Standortes, unter denen sich 
eine größere Anzahl von thermophilen Pflanzen befindet. Besonders 
wären zu erwähnen: auf Felswänden in der „Klamm": Cytisus 
nigricans L.; am Südende der „Klamm": Erysimum silvestre (Crantz) 
Kerner; auf dem Felsen, auf dem sich die Ruine Neudeck be- 
findet: Malva Älcea L., Nepeta cataria L., Veronica Teucrium L. 

x ) Es sei noch nachträglich erwähnt, daß die Pflanze von Neumarkt mit 
Oxytropis pygmaea Tausch (0. pilosa ß. pygmaea Beck, 0. pilosa ß. pygmaea 
Ascherson u. Graebner, Syn. d. m. Fl., Bd. VI, Abt. 2, S. 818) nichts zu tun hat 
und typische 0. pilosa ist. 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(317) 



(auch oberhalb Bad Einöd), Aster Amcllus L., Artcmisia Absinthium 
(subspontan), Orchis ustulata L.j nächst Bad Einöd: Saponaria 
officinalis L., Ranunculus sceleratus L., Artcmisia vulgaris L. 

Sodann legte Herr Dr. A. v. Hayek den seltenen Bastard 
Ophrys apifera X fuciflora (0. Albertiana Camus) mit seinen 
beiden Stammeltern vor, die Frau Hauptmann Tilla Moosbrugger 
auf der istrischen Insel Brione minore gesammelt hatte. 







1. 2. 3. 

Blüte von 1. Ophrys apifera, 2. 0. Albertiana, 3. 0. fuciflora. 

Dieser Bastard ist bisher nur aus Frankreich und dem Elsaß 
bekannt geworden und demnach für das Österreich-ungarische Floren- 
gebiet neu. Nach den vorliegenden, vom gleichen Standort stammen- 
den Exemplaren ergeben sich folgende Unterschiede zwischen dem 
Bastard und seinen Stammeltern: 



Ophrys apifera. 
Äußere Perigonblätter 
elliptisch, rosenrot. 

Innere Perigonblätter 
klein, kurz drei- 
eckig, grünlich. 



0. Albertiana. 

Äußere Perigonblätter 
elliptisch - lanzett- 
lich, rosenrot. 

Innere Perigonblätter 
klein, lanzettlich, 
rosenrot. 



0. fuciflora. 

Äußere Perigonblätter 
dreieckig lanzett- 
lich, weiß. 

Innere Perigonblätter 
lanzettlich, rosen- 
rot, größer als bei 
den beiden ande- 
ren Formen. 



(318) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Ophrys apifera. 

Schnabel des Rostei- 
lums verlängert, S- 
förmig gebogen. 

Unterlippe tief drei- 
lappig, mit nach 
unten breit umge- 
schlagenen Lappen, 
von oben ungeteilt 
erscheinend. An- 
hängsel von oben 
nicht sichtbar. 



Zeichnung der Lip- 
pe: Der rostbraune 
Schlundfleck von 
einem breiten, hel- 
len, lyraförmigen 
Saum, der in der 
Mitte von einem un- 
terbrochenen dun- 
keln Band durch- 
zogen ist, umgeben, 
unter und neben 
demselben einzelne 
helle Flecke. 



0. Alberiiana. 

Schnabel des Rostel- 
lums verlängert, ab- 
wärts und dann auf- 
wärts gebogen. 

Unterlippe dreilappig, 
mit nach unten um- 
geschlagenen Rän- 
dern, von oben ge- 
sehen mit deutli- 
chen seitlichen Ein- 
schnitten. Anhäng- 
sel nach oben ge- 
bogen und von oben 
deutlich sichtbar. 

Zeichnung der Lip- 
pe: Der rostbraune 
Schlundfleck von 
den oberen Schen- 
keln eines hellen, 
von einem dunkeln 
Längsband durch- 
zogenen H umge- 
ben, das zwischen 
den unteren Schen- 
keln einen auch un- 
ten hell geränderten 
dunkeln Fleck ein- 
schließt, auch seit- 
lich des H je ein 
länglicher dunkler, 
hell umrandeter 
Fleck. 



0. fuciflora. 

Schnabel des Rostei- 
lums kurz, gerade. 



Unterlippe breit vier- 
eckig, ungeteilt, mit 
wenig umgeschlage- 
nen Seitenrändern. 
Anhängsel nach 
oben gebogen, von 
oben deutlich sicht- 
bar. 



Zeichnung der Lip- 
pe: Der rostbraune 
Schlundfleck von 
einem hellen, von ei- 
nem dunkeln Band 
durchzogenen Saum 
umgeben, seitlich 
und unter diesem 
je ein dunkler, hell 
umrandeter Fleck. 



Der Bastard hält demnach ungefähr die Mitte zwischen den 
Stammeltern. Die Zeichnung der Lippe, die wenig umgeschlagene 
Seitenränder und das von oben sichtbare Anhängsel weisen au 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(319) 



Ophrys fuciflora, die Dreilappigkeit der Lippe und die Gestalt des 
Schnäbelchens auf 0. apifera. 

Zur Demonstration gelangte die neueste Centurie von Ross, 
Herbarium Siculum. 

Versammlung am 18. Juni 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. V. SchifFner. 

Herr Privatdozent Dr. W. Figdor spricht über „Neuere 
Beobachtungen über die Erscheinung der Anisophyllie". 

Hierauf hielt Herr Privatdozent Dr. A. v. Hayek einen Vortrag: 
„Versuch eines natürlichen Systems der Cruciferen." 

Nach Besprechung der wichtigsten bisher aufgestellten Cruci- 
ferensysteme, insbesondere jener von De Candolle, Bentham- 
Hooker, Pomel und Prantl, die insgesamt den Anforderungen, 
die an ein wahrhaft natürliches, d. h. phylogenetisches System ge- 
stellt werden, nicht entsprechen, und der neueren, die Cruciferen 
betreffenden Literatur, besonders der Arbeiten von Bayer, Hanning, 
Heinricher, Schweidler, Solms und Velenovsky, brachte der 
Vortragende ein neues System dieser Familie in Vorschlag, das im 
nachfolgenden unter Anführung der wichtigsten Gattungen auszugs- 
weise mitgeteilt sei. 

1. Tribus: Thelypodieae. 

Stanleya, Warea, Macropodium, Streptantlms, Thehj- 
podium. 

2. Tribus: Arabideae. 

a) Sisymbriinae. 
Blennodia? , Sisymbrium, Sophia, SmeloivsJcia. 

b) Erysiminae. 
Erysimum, Greggia. 

c) Cardamininae. 
Barbarea, Roripa, Baeumerta, Cardamine, Stenopliragma, 

Cardaminopsis, Turritis. 

d) Arabidinae. 
Arabis, Alliaria. 



(320) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



e) Isatidinae. 

Parlatoria, Soboleivskia, Myagrum, Isatis, Tauscheria, 
Pacliypterygium . 

f) Buniadinae. 

Boreava, Bunias. 

3. Tribus: Alysseae. 

a) Hesperidinae. 

Hesperts, Malcolmia, Matthiola, Cheiranthus, Chalcan- 
thus, Zerdana, Leptaleum, Streptoloma, JDontostemon, 
Braya, Lonchopliora. 

b) Lunariinae. 

Parrya, Bicotia, Selenia, Limaria. 

c) Pringleinae. 

Pringlea. 

d) Alyssinae. 

■ Alyssum, Fibigia, Lesquerella, Clypeola, Vesicaria, Ptilo- 
trichum, Aiibrietia, Schieverechia, Braba, Petrocallis, 
Coluteocarpus. 

4. Tribus: Brassiceae. 

a) Brassicinae. 

Biplotaxis, Brassica, Sinapis, Eruca, Sinapidendron, 
Baphanus. 

b) Bapistrinae. 

Enartlirocarpus, Cordylocarpus, Eracaria, Bapistrum, 
CaJcile, Calepina, Crambe, Morisonia, Cossonia. 

c) Vellinae. 

Vella, Boleum, Carrichtera, Succovia, Savignya, Zilla. 

d) Moricandiinae? 

Moricandia, Conringia, Syrenopsis, Hymenophysa, Xeno- 
phyton, Orychophragmus. 

5. Tribus: Schizopetaleae. 

Stenopetalum, Menkea, Scliizopetalum, Matikoa, Tropido- 
carpon. 

6. Tribus: Heliophileae. 

a) Heliophilinae. 

Heliopliila, Carponema, Bracliycarpaea, Palmstruchia. 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(821) 



b) Chamirinae. 
( •hamira. 

7. Tribus: Cremolobeae. 

Cremolobus, Menonvillea, Hexaptera, Becaptera. 

8. Tribus: Lepidieae. 

a) Capsellinae. 

Capsella, Camelina, Neslia, Hutchinsia, PhysaMdium?, 
Graellsa? 

b) Thlaspidinae. 

Heldreichia, Brossardia, Eunomia, Ihlaspi, Jonopsidmm, 
Cochlearia, Kernera, Peltaria. 

c) Lepidiinae. 

Andrzeiowskia, Notoceras, Anastatica, Euclidium, Lepta- 
leum, Teesdalea, Aethionema, Lepidium, OcMhodiiim, 
Biscutella, Megacarpaea, B)eris, Dilopliia, Tetracme, 
Octoceras, Coronopus. 



Sprechabend am 25. Juni 1909. 
Vorsitzender: Herr Dr. F. Ostermeyer. 

Herr Dr. A. v. Hayek besprach die Vegetationsverhält- 
nisse des Hochschwabgebietes (als einleitenden Vortrag zur 
Exkursion vom 27. — 29. Juni). 

Herr Privatdozent Dr. F. Vierbapper besprach unter Vorlage 
gepreßter Rasenstücke die Moorformationen des Lungau. 

Herr Prof. Dr. 0. Abel machte Mitteilung von dem Vorkommen 
des Bastardes Epipactis (CephalantJiera) alba X longifolia zwischen 
Kaltenleutgeben und Breitenfurth nächst Wien. 

Schließlich legte Herr Dr. A. v. Hayek die eben erschienene 
zweite Auflage von Fritschs „Exkursionsflora für Osterreich" vor. 



Exkursion auf den Hochschwab 

vom 27.-29. Juni 1909. 

Zahl der Teilnehmer: .9. 

Trotz zweifelhafter Witterung wurde am 27. Juni früh von 
Wien, Westbahnhof die Fahrt über St. Pölten und Mariazell nach 

Z. B. Ges. 59. Bd. V 



(322) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



Gußwerk unternommen und von dort, teils bei Regen, der Marsch 
nach Weichselboden angetreten. Die Berghänge des Salzatales 
sind dicht mit Fichtenwäldern, denen zahlreiche Lärchen und ein- 
zelne Buchen untermischt sind, bestanden; im Tale finden sich 
vielfach Wiesen von oft sumpfigem Charakter. Bald hinter Guß- 
werk fand sich auf einer solchen nassen Wiese in Menge Wille- 
metia stipitata mit Eanunculus aconitifolius, Crepis paludosa und 
Orchis latifolia. Sonst wies die Wiesenflora vor allem Festuca 
elatior, ArrJienatherum elatius, Dactylis glomerata, Brisa media, 
Silene venosa, Eanunculus acer, Viola polychroma (stellenweise 
massenhaft), Chaerophyllum aureum, Carum Carvi, Älectorolophus 
hirsutus, A. minor, A. subalpinus, Chrysanthemum Leucanthemum, 
Cirsium rivulare, G. oleraceum, C. palustre, Tragopogon orientalis, 
Crepis biennis auf. An den Waldrändern fanden sich insbesondere 
Heliosperma alpestre, Silene nutans, Campanula persicifolia, Cirsium 
Erisithales, C. Erisithales X oleraceum, Carduus viridis, Veronica 
officinalis, im Niederwuchs des Waldes Cyclamen europaeum, Sani- 
cula europaea, Astrantia maior, Oxalis etc. 

Das Rotmoos bei Weichselboden, dem ein kurzer Besuch ab- 
gestattet wurde, stellt ein großes Wiesenmoor dar, auf dem u. a. 
das Vorkommen von Cirsium palustre X rivulare und massenhafter 
Willemeüa stipitata bemerkenswert ist, in dessen Zentrum ein 
kleines typisches Hochmoor mit reichen Krummholzbeständen ge- 
legen ist. In diesem Hochmoor wurden beobachtet: Carex pauci- 
flora, C. flava, C. rostrata, Dryopteris spinulosa, Majanthemum 
bifolium, Eriophorum vaginatum, Trichophorum alpinum, Drosera 
rotundifolia, Vaccinium Vitis Idaea, V. uliginosum, Oxycoccos palu- 
stris, Andromeda polifolia. 

Unmittelbar vor Weichselboden reichen gewaltige Schutthalden 
bis ins Tal, auf denen eine reiche Alpenflora sich angesiedelt hat, 
so vor allem in Menge Dryas octopetala, ferner Papaver Burseri, 
Linaria alpina, Bhodothamnus Cliamaecistus, Galium anisophyllum 
und Gr. baldense. 

Da am Morgen des 28. Juni unvermutet schönes Wetter ein- 
getreten war, wurde der Aufstieg auf den Hochschwab von der 
Hölle aus unternommen. Erst ging es durch prächtigen Buchen- 
wald mit Neottia Nidus avis, Coralliorhiza Neottia, Cardamine 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



(323) 



mneaphyllos und trifolia etc. steil aufwärts, dann vom Miessattel 
aus durch Fichtenwald zu den ausgedehnten Milchkrautweiden der 
Edelbodenalpe, auf denen der Jahreszeit entsprechend Carex semper- 
virens, Nigritella rubra, Banunculus montanus, Potentilla aurea, 
Alchimilla pastoralis, Anthyllis alpestris, Androsace Chamaeiasme, 
Gentiana verna, Bartschia alpina, Crepis aurea in Blüte standen. 
Von der Edelbodenalpe führt der Weg- steil aufwärts durch reiche 
Krummholzbestände, untermischt mit Bhododendron hirsutum, Salix 
grandifolia, glabra und vereinzelter Alnus viridis, empor zum Pla- 
teaurande. In diesen Krummholzbeständen fand sich insbesondere 
sehr zahlreich Viola biflora, ferner Geranium silvaticum, Pedicularis 
recutita, Banunculus montanus, Alchimilla anisiaca, Helianthemum 
alpestre und Valeriana tripteris. Auf den Alpenmatten des Plateaus 
war die Alpenflora eben in herrlichster Blüte, zu Tausenden sah 
man besonders in der Nähe von Schneeflecken Primula Clusiana, 
ferner besonders häufig Banunculus alpestris, Thlaspi alpinum, 
Silene acaulis, Arabis pumila, Anthyllis alpestris, Gentiana Clusii, 
G. verna und G. Favrati, Primula Auricula, Pedicularis verticillata, 
Saxifraga androsacea, Valeriana celtica, Homogyne alpina und 
Doronicum calcareum. Im Schiestelhause wurde Dank dem Ent- 
gegenkommen des vorher verständigten Pächters Sailler die ganze 
Gesellschaft in vollkommen zufriedenstellender Weise bequartiert. 
Nachmittags wurde der nahe Gipfel des Hochschwab und der un- 
mittelbar neben dem Schutzhause sich erhebende „Kleine Hoch- 
schwab" bestiegen. In den Gesteinsfluren, die die Vegetation dieser 
beiden Felsgipfel bilden, sind vor allem Sesleria ovata, Carex firma, 
Braba aizoides, Sauteri und austriaca, Petrocallis pyrenaica, Silene 
acaulis und Saxifraga sedoides vertreten. 

Am nächsten Morgen wurde der Abstieg angetreten. Über 
schöne Alpenmatten, dann Uber Schnee führte der Weg in das 
prächtige Felstal der Dullwitz, wo neben Pinus Mughus und Bhodo- 
dendron hirsutum auch B. ferrugineum und B. intermedium häufig 
anzutreffen waren, sonst aber die Vegetation noch sehr wenig ent- 
wickelt war. Nach einer kurzen Rast in der Voisthaler Hütte wurde 
über den felsigen „Ochsensteig", wo sich u. a. Valeriana elongata, 
Saxifraga sedoides und in Menge Papaver Burseri fanden, der in 
das Tal der Fölz führende Sattel erklommen, wo sich bei der Er- 



(324) 



Versammlung der Sektion für Botanik. 



reichung der Höhe das Vegetationsbild mit einem Schlage änderte. 
Waren früher nur Fels und Felsschutt und in der Tiefe die Krumm- 
holzbestände der Dullwitz sichtbar gewesen, erfreuten nunmehr 
üppige Alpenmatten mit Hunderten von Gentiana Clusii und verna, 
Banunculus montanus und hybridus, Primula Glusiana, Armeria 
alpina und anderen schön blühenden Alpenpflanzen das Auge. Bald 
waren die ersten Krummholzbüsche erreicht, immer üppiger wurde die 
Vegetation, Anemone alpina und narcissiflora, Linum alpinum, Poly- 
gala amara, Banunculus Hornschuchii blühten stellenweise in Menge 
und bald gelangte man zu den Hütten der Fölzalpe und dann 
durch Fichtenwald zum Fölzhotel, wo Mittagsstation gemacht wurde. 

Wegen eines Gewitterregens fuhr die Gesellschaft vom Fölz- 
hotel per Wagen zur Station Aflenz und ging von hier trotz mehre- 
rer Regengüsse durch den Thörlgraben bis zur Station Hansenhütte, 
um unterwegs die prächtige Saxifraga altissima und Woodsia 
ilvensis zu sammeln. Von der Hansenhütte wurde per Bahn die 
Rückfahrt nach Kapfenberg und von da in dem von der Südbalm- 
gesellschaft in dankenswerter Weise beigestellten Separatcoup6 
nach Wien angetreten. 



Bericht der Sektion für Lepidopterologie. 

Versammlung am 5. November 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. H. Rebel. 

I. Der Vorsitzende gibt eine Zuschrift des Musealausschusses 
des niederösterreichischen Landesmuseums bekannt, worin um Ab- 
gabe von niederösterreichischem Lepidopterenmaterial, mit besonderer 
Betonung des biologischen Gesichtspunktes, gegen Tragung sämt- 
licher erwachsenden Kosten ersucht wird. 

Nach längerer eingehender Diskussion, an der sich namentlich 
Hofrat Schima und Zentralinspektor Prinz beteiligen, wird die 
prinzipielle Geneigtheit der Sektionsmitglieder gegenüber diesem 
Ansuchen und gleichzeitig der Wunsch nach einer Subvention, statt 
des fallweisen Entgeltes, ausgesprochen. Mit der Führung der 
weiteren Verhandlungen wird Herr Prof. Rebel betraut. 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



(325) 



II. Der Vorsitzende legt hierauf nachstehende Druckwerke 
mit einem kurzen Referate vor: 

Galvagni, Dr. E., Beiträge zur Kenntnis der Lepidopteren- 
fauna der adriatisclien Inseln. (Mitt. Naturw. Vcr. Univ. 
Wien, VII, S. 154—254.) 

Gri eb el Jul., Die Lepidopterenfauna der bayerischen Rheinpfalz. 
I. Teil. (Progr. Gymn. Neustadt a. d. Haardt, 1907/09.) 

Pagenstecher, Dr. A., Über die Verbreitung und die Lokal- 
formen von Parnassius apollo L. (Jahrb. Nass. Ver. f. 
Naturk., Jahrg. 62, 1909, S. 116—210, Taf. 7, 8.) 

Derselbe, Die geographische Verbreitung der Schmetterlinge. 
Jena, 1909. (Preis M 11.) 

Uffeln Karl, Die Großschmetterlinge Westfalens. (Jahrb. zool. 
Sekt. Westfal. Prov.-Ver. Münster, 1908.) 

III. Herr Zentralinspektor Prinz richtet eine Anfrage an den 
Vorsitzenden wegen einer Vertretung bei dem im August nächsten 
Jahres tagenden Internationalen Entomologen-Kongreß in Brüssel. 

Der Vorsitzende erklärt sich bereit, im Falle seiner Teilnahme 
am Kongresse auch die Vertretung der in Wien bestehenden lepido- 
pterologischen Vereinigungen zu übernehmen. 

IV. Herr Hofrat Schima demonstriert 2 cT von Pararge achine 
ab. minuta Schultz, am 20. Juni in Rohrwald erbeutet. Am gleichen 
Tage fing Herr R. Spitz daselbst auch ein 9 derselben Form. 

V. Herr Dr. K. Schawerda gibt die Beschreibung einer 
bereits im Vorjahre demonstrierten, sehr interessanten Form von 
Satyrus antlielea var. amalthea Friv., von welcher Herr Neustetter 
ein 9 anfangs Juli 1908 bei Gravosa in Dalmatien erbeutete. 

Die Form wird nach ihrem Entdecker neustetteri benannt 
und unterscheidet sich von normalen 9 der var. amalthea durch 
eine ockergelbe (statt weiße) Querbinde der Vorderflilgel und 
solchem Mittelfieck der Hinterflügel. Möglicherweise handelt es sich 
um eine neue Lokalform aus Dalmatien, wo bisher die Art nicht 
gefunden wurde. Herr Dr. Schawerda überließ in sehr dankens- 
werter Weise die wertvolle Type der Landessammlung des Natur- 
historischen Hofmuseums. 



(326) 



Versammlung' der Sektion für Lepidopterologie. 



VI. Derselbe berichtet weiters, daß er am 29. Juni 1908 beim 
Aufstieg* auf das Hochkar bei Lunz am See (im südwestlichsten 
Winkel Niederösterreichs) Argynnis thore Hb. in Anzahl im Königs- 
graben erbeutete. Am 1. Juli 1908 fand er auf dem Dürrnstein, 
dem benachbarten Bergmassiv, Argynnis amathusia Esp., die erst 
zu fliegen begann. Von beiden Arten erbeutete er auffallend große 
Weibchen (von amathusia erst Ende Juli bei einer dritten Exkursion) 
mit 47 mm Flügelspannung. Bei amathusia fielen einige sehr dunkle, 
bei thore lichte Weibchen auf. Auch auf dem Dürrnstein fand er 
Arg. thore im Juli, aber schon abgeflogen und ziemlich hoch 
(Lechneralm). Amathusia war dort noch frisch. An derselben 
Stelle (vor der Lechneralm) erbeutete er im Juli 1908 ein Q der 
Lycaena alcon var. rebeli Hirschke und etwas weiter unten Plusia 
interrogationis L., Agrotis helvetina B. und Leucania ander eggii B. 
(ein 9 mit schwärzlichen Hinterflügeln). 

Sowohl am 29. Juni (Hochkar) als auch am 1. Juli (Dürrn- 
stein) erbeutete er einige Odezia tibiale Esp. ? in der Mittagssonne 
fliegend. 

Ein weiterer Bericht seiner vierjährigen Sammeltätigkeit in 
diesem Gebiete wird nach Determination der Mikrolepidopteren er- 
folgen. 

VII. Herr Dr. Schawerda legt ferner Tephroclystia fenestrata 
Mill. vor, von welcher Art er ein Stück in San Martino di Castrozza 
am 1. Juli 1909 fing. Das Tier wurde auf einer Wiese aufge- 
scheucht. Die Art ist für Tirol neu. Am selben Tage erbeutete 
er höher oben am Rollepaß Scioptera schiffermilleri Stgr. in zwei 
männlichen Exemplaren. 

VIII. Derselbe benennt eine neue prachtvolle Form der Zy- 
gaena carniolica Sc. mit dem Namen rhodeophaia (rhodeos = rosig, 
phaios = lichtbraun). Das Tier ist vollständig frisch, Vorderflügel- 
flecke, Hinterflügel, Leibring sind lichtrosig, Vorderflügelflecken- 
umrandung und Fransen ganz hellbraun. Die rosige Farbe der 
Flecken und Hinterflügel hat auf der Ober- und Unterseite einen 
ganz zarten bräunlichen Ton (wie angerauchtes Hellrosa). Größe 
normal. .Er fand das Tier Mitte August 1909 auf dem Eichkogel 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologle. 



(327) 



bei Mödling (Niederösterreich). Von demselben Orte zeigt er die 
oranggelbe carniolica-Form dichroma Hirschke, die er zwei Tage 
darauf erbeutete. 

IX. Ferner benennt derselbe eine aus Digne in Frankreich 
stammende Form der Dichonia aprilina L. mit dem Namen xantha 
(= die Gelbe). Die schöne hellgrüne Farbe ist durch eine ausge- 
sprochen gelbe, an manchen Stellen bräunliche Farbe vertreten. 

X. Dr. Schawerda berichtet ferner, daß er im Juli 1909 in 
Sankt Ulrich im Grödnertale (Südtirol) auf einer Wiese Erebia 
euryale var. ocellaris Stgr. in Übergängen zur ganz schwarzen 
Form extrema Schaw. in Anzahl fing. Auf derselben Wiese (1200 m) 
fand er Erebia ligea L. in typischen großen Exemplaren. Euryale 
extrema hat er in den Dolomiten nirgends gefunden. Der Umstand, 
daß ligea in typischen Stücken und die verdunkelte ocellaris von 
der Form euryale an einem Orte fliegen, daß aber euryale dort 
nirgends vorkommt, ist wieder ein Beweis dafür, daß ligea und 
euryale verschiedene Arten sind. Wie könnten sonst dieselbe Tem- 
peratur (dieselbe Höhe) und dasselbe Futter (auf einer Wiese) zwei 
so extreme Formen wie die große ligea und die schwarze ocellaris 
zeitigen? Die Annahme, daß ligea und euryale eine Art bilden, 
stützte sich darauf, daß in Höhenlagen von gewöhnlich 1200 m, 
wo ligea, wie bekannt, aufhört und euryale beginnt, beide Formen 
zusammen vorkommen und manche Exemplare sich nicht unter- 
scheiden lassen. Euryale müßte also die Höhenform der ligea 
sein. Warum sollten nun auf dieser Wiese in Sankt Ulrich die das- 
selbe Gras fressenden Raupen von angeblich einer Art zwei so 
konträre Falter wie die große ligea-Tyge und die ocellaris mit 
Übergängen zur extrema ergeben und die mittlere euryale nicht? 
Also gar keine Übergänge zwischen diesen verschiedenen Formen 
ligea und ocellaris! Es beweist dies wieder zur Evidenz, daß ligea 
und euryale gut getrennte Arten sind. Es ist ja möglich, sogar 
wahrscheinlich, daß an anderen Plätzen Kreuzungen beider Arten 
vorkommen. Hier waren sie aber streng zu unterscheiden. Weiter 
oben auf dem Sellajoch (2000 m) erbeutete Dr. Schawerda neben 
zwei ganz schwarzen Männchen der Form extrema das erste von 
dieser Form bekannte, oberseits ganz schwarze Weibchen. Auf 



(328) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



der Unterseite der Vorderflügel ist eine ungekernte verwaschene 
rote Binde noch sichtbar, die Hinterflügel zeigen noch Reste einer 
weißlichen Binde. Bei einem Männchen ist auch die Unterseite 
ganz schwarz wie die Oberseite. 

Herr Dr. A. Kolisko gibt seine Erfahrungen bezüglich des 
Vorkommens von Erebia ligea und Er. euryale am Weißensee be- 
kannt, die mit jenen Dr. Schawerdas übereinstimmen. 

Herr Zentralinspektor Prinz bemerkte, daß bei Johannesbad 
im Riesengebirge Er. ligea und Er. euryale an derselben Stelle 
fliegen. 

XL Weiters wurden von Herrn Dr. Schawerda eine größere 
Reihe Erebia nerine Fr. und ihrer Formen reichlini H.-S. und morula 
Spr. vorgezeigt. Mitte August 1909 erbeutete Dr. Schawerda in 
Sankt Jakob im Grödnertal (Südtirol) in einer Höhe von 1400 m 11 cT 
und 7 9 einer auffallend kleineren und dunkleren nerine-Form. 
Alle (daselbst über Steinhalden fliegenden) Falter, die erbeutet 
wurden, haben einen Abstand der Vorderflügelspitzen von gewöhn- 
lich 36 und 37 mm bis höchstens 40 mm, während die anderen 
nerine von Bormio, Mendel, Heiligenblut und Krain und die reich- 
lini von Salzburg und Baiern bis 47 mm messen. Also ein ge- 
waltiger Größenunterschied. 

Die Hinterflügel sind leicht gezähnt. Das Tier ist fast durch- 
wegs viel dunkler. Nur bei zwei Männchen kann man noch von 
einer rostfarbenen Binde auf den Vorder- und Hinterflügeln oberseits 
sprechen. Einige sind ganz schwarzbraun ohne Binde, aber gut 
geäugt. Die meisten haben um die gut weißgekernten Augen 
(vorne ein Doppelauge, hinten zwei oder fast immer drei, gewöhn- 
lich weißgekernte Augen) einen rostbraunen Hof. Die Weibchen 
sind viel lichter. Nur eines ist wie die meisten Männchen oben 
fast ganz schwarzbraun mit minimalen Resten der braunen Farbe 
um die Augen. 

Im übrigen gleichen die Tiere alle denen von Speyer in 
der Stett. Ent. Zeitschr., 1865, so meisterhaft genau beschriebenen 
Tieren von der Seiseralpe, die von meinem Fundorte zwei Stunden 
entfernt liegt. Nur daß bei dem einen Männchen auf den Hinter- 
flügeln die Binde nicht in vier Flecke geschnitten erscheint, 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologte; (329) 

sondern zusammenhängt. Dieses Tier beweist uns wieder mit seiner 
noch auf beiden Flügeln vorhandenen Hostbinde, dal) die morula 
— so nennt sie Speyer — nicht eine Farbenaberration, sondern 
eine ausgezeichnete Lokalform der Dolomiten ist, die sich durch 
geringere Größe, zunehmende Verdunklung (aber nicht gleichmäßig) 
und ganz schwarzbraune Unterseite der Hinterflügel mit nicht mehr 
oder sehr wenig zu erkennender Wellenlinie bei den Männchen 
auszeichnet und durch schmalflügligere, ebenfalls kleinere (aber 
nicht kleiner als die Männchen) Weibchen, die sehr helle, breite, 
gegen den Innenwinkel sich verjüngende Binden auf der Oberseite 
tragen, die aber auch ganz schwarzbraun werden können, wie ein 
Exemplar beweist. 

Ich war bis jetzt der irrigen Anschauung, daß jede nerine, 
die oberseits so verdunkelt ist (gewöhnlich sind ja die dunkleren 
Erebia auch kleiner), als morula zu gelten hat, kam aber durch 
meine Beute zur Einsicht, daß die morula eben diese Lokalform 
der Dolomiten ist und daß nicht jede morula auch dunkel sein 
muß, wenn es auch die meisten Männchen sind. Da ich nun fast 
ganz schwarze große, gut geäugte nerine (nur mit Resten der rost- 
farbenen Binde um die Augen) fing (Mendel), derartige reichlini 
aus dem Wiener Hofmuseum kenne und viele morula schwarz sind, 
schlage ich für derartige Exemplare — wie Courvoisier es bei 
den Lycaenen macht — vor, das Epitheton nigra hinzuzufügen: 

Erebia nerine nerine nigra. 

Erebia nerine reichlini nigra. 

Erebia nerine morula nigra. 

Die Aberration nigra ist mir im weiblichen Geschlechte 
bis nun nur von der Lokalform morula bekannt, die ja auch im 
männlichen Geschlechte viel mehr verdunkelt ist als nerine und 
reichlini. Im männlichen Geschlechte kommt nigra aber bei allen 
drei Formen vor. 

XII. Herr Dr. E. Galvagni demonstriert ein stark gelb ge- 
flecktes cT von Argynnis thore von Lechnergraben bei Lunz, am 
20. Juni 1909 erbeutet; ferner ein frisches, nur am linken Hinter- 
flügel etwas verkürztes Stück von Argynnis aglaja ab. wymani 
Holmgr. cT, im Vratatal am 23. Juli 1909 erbeutet, und ein teil- 



(330) 



Versammlung- der Sektion für Lepidopterologie. 



weise albinotisches Exemplar (cT) von Argynnis aglaja, am Gruben- 
jöchl im Brennergebiet am 18. August 1901 erbeutet, welches den 
rechten Vorderflügel und linken Hinterflügel weißlich aufgehellt zeigt. 

XIII. Herr Leo Schwingenschuß bringt Psodos quadrifaria 
Sulz. (cT, 9) aus der Gemsgrube im Glocknergebiet mit auffallend 
schmalen gelben Saumbinden zur Vorlage, für welche Form der 
Name stenotaenia in Vorschlag gebracht wird. 

Ferner demonstriert derselbe ein $ von Oeneis aello Hb. vom 
Stilfserjoch, welches der Form unicolor Rbl. angehört. 

XIV. Herr J. Nitsche berichtet über einige im Sommer 1909 
gefangene Lepidopteren: 

Apatura iris trans. iole im Rohrwald bei Spillern am 3. Juli. 
Vanessa urticae ab. polaris, charakterisiert durch das breit schwarze 
Basalfeld der Hinterflügel und die Ausbreitung der gelben Partien; 
von der Windgrube im Hochschwabgebiet (1810 m) am 21. August. 
Erebia euryale ab. euryaloides Tngstr. 9, fast ohne Augenflecke 
auf den Vorderflügeloberseiten, von der Bürgeralpe bei Schönleiten 
(1506 m), am 9. August. Epinephele jurtina ab. caeca 9, gekenn- 
zeichnet durch das Fehlen des weißen Augenkernes im Apikaiauge 
der Vorderflügel, von Palbersdorf bei Aflenz am 8. September. 
Chrysophanus dispar var. rutilus 9 der zweiten Generation, ge- 
fangen bei der Payerhütte (Kritzendorf) am 11. September. Lycaena 
argyrognomon ab. radiata Obthr., etwas verkümmert, vom Rohrwald 
am 29. Juni. Ein Übergangsstück der Lycaena semiargus var. 
montana ab. caeca, die Augen der Vorderflügel fehlen ganz, vom 
Bürgergraben bei Aflenz am 1. August. 

XV. Herr H. Zerny legt Scythris muelleri Mn. aus Deutsch- 
Altenburg als eine für Niederösterreich neue Art vor; ferner eben- 
daher Phasiane clathrata ab. cancellaria Hb. Aus dem Marchfelde 
werden Tapinostola bondii Knaggs von Breitensee und Acidalia 
trilineata Sc. 9 von Lassee vorgewiesen, letzteres in ganz abweichen- 
der dunkel bräunlicher Färbung. 

XVI. Herr Prof. Rebel legt schließlich die Beschreibun 
einer neuen Noctuide aus Algier und einer neuen Gelechiide au 
den heimischen Alpen vor: 



Veivsaminluiitf der Sektion für Lepidopterolo^ie. 



1. Euplexia leonhardi nov. spec. (cf, 9). 

Ein ganz frisches Pärchen, welches bei Alma in Algier im 
September 1908 durch Herrn M. Hilf erbeutet und dem Hofniuseum 
durch die Güte Herrn Otto Leonhards in Dresden zugekommen ist, 
steht der weit verbreiteten Euplexia lucipara sehr nahe, unterscheidet 
sich aber standhaft in nachstehenden Merkmalen: Die allgemeine 
Färbung ist eine viel eintönigere, düsterere, veilbraune, die helle 
Ausfüllung der Nierenmakel 
der Vorderflügel ist viel mehr 
durch Braun gedeckt, die 
gelbliche Aufhellung der 
Außenbinde fehlt vollstän- 
dig, das dunkle Mittelfeld 
ist beiderseits viel gerad- 
liniger begrenzt und hat da- 
her genau die Form eines mit 
der Spitze am Innenrand 
stehenden Dreieckes , wo- 
gegen es bei lucipara ober- 
halb des Innenrandes beider- 
seits deutlich eingeengt er- 
scheint. Auch die Hinter- 
flügel sind auf der Ober- 
und Unterseite beträchtlich 
dunkler, ohne Spur der gelb- 
lichen Aufhellung gegen die 
Basis, die bei lucipara oft Fig. 1 (oben). Euplexia lucipara L. (9). 
sehr breit auftritt. 15 bis Fig. 2 (unten). Euplexia leonhardi Rbl. (9). 
16 mm Vorderflügellänge. 

Typische Exemplare befinden sich in der Sammlung des Hof- 
museums und in jener des Herrn Otto Leonhard in Dresden, 
dem zu Ehren die Art benannt sei. 

Zweifellos bezieht sich die fragliche Angabe betreffend das 
Vorkommen von Eupl. lucipara in Algier auf vorliegende Art. 

2. Gelechia (Lita) hoefneri (Prohaska i. L) nov. spec. (cT, 9). 
Herr Prof. K. Prohaska (Graz) erbeutete am Paludnig bei 

Hermagor in Kärnten "in einer Seehöhe von 1750— 1900 m in der 




Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



Zeit zwischen 21. und 29. Juli in den Jahren 1903, 1905 und 1909 
je ein Stück einer Gelechiide, deren erstes ($) ich vor Jahren 
bereits zur Ansicht hatte und damals als wahrscheinlich neue Art 
bei epomidella Tngstr. bezeichnete. Mit diesem Vormerk hat die 
Art auch in Höfners gründlicher Fauna von Kärnten 1 ) unter 
Nr. 637 Aufnahme gefunden. Herr Prof. Prohaska brachte später 
für die neue Art den Namen r lioefneri" bereits in Vorschlag*. 

Eine kürzlich erfolgte Einsendung sämtlicher drei Stücke 
(1 cf , 2q) bestätigte die Neuheit der Art, ließ aber zugleich er- 
kennen, daß dieselbe einer anderen Gelechia-Avt, nämlich der G. 
valesiella Stgr. (Kat. Nr. 2628) noch näher stehe und sogar eine 
Verwechslung beider insofern stattgefunden habe, als das von mir 
im „Zweiten Beitrag zur Lepidopterenfauna Südtirols", 2 ) S. 179, 
Nr. 130 unter Gelechia valesiella angeführte cT vom Paß Tre Croci 
(Stange) nicht dieser, sondern der vorliegenden Art (Jwefneri) an- 
gehörte, wozu weiters zweifellos auch ein mir derzeit nicht mehr 
vorliegendes 9 kommt, welches Herr Prof. Stange später am 
31. Juli 1902 in Corvara, nördlich des Grödnerjoches erbeutete. 

Hingegen gehört das von mir (1. c.) erwähnte cT von Cam- 
piglio sowie eine Anzahl stark gezeichneter männlicher Stücke, 
die Herr Prof. Stange in Gurgl am 29. Juli 1906 erbeutete und 
eines davon dem Hofmuseum widmete, ohne Zweifel zur echten 
G. valesiella. 

Bei der großen Ähnlichkeit beider Arten 3 ) bedarf es vor 
allem der Hervorhebung der Unterschiede: 

G. hoefneri ist breitflügeliger und größer (Vorderflügellänge 
8-5 — 9, Exp. 17 — 18-5 mm, gegen 7 5—8 und 14—16 mm der 
valesiella). Die Vorderflügel zeigen die in gleicher Lage befindlichen 
drei schwarzen Punkte verloschener, nur bei dem cf von Paludnig 
deutlicher hervortretend, hingegen in der Umgebung derselben, 
namentlich unterhalb des Faltenpunktes und unterhalb des Punktes 
am Schlüsse der Mittelzelle bis nahe an den Innenrand eine ocker- 



x ) Die Schmetterlinge Kärntens (Jahrb. des naturhist. Museums von 
Kärnten, Heft XXVII— XXIX, 1904-1908). 

2 ) In diesen „Verhandlungen", Jahrg. 1899. 

3 ) Die ebenfalls ähnliche norddeutsche G. streliciella H.-S. ist viel 
dunkler, noch kleiner als valesiella, mit noch kürzeren Palpen. 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



(838) 



gelbe Färbung in einer Ausdehnung, wie sie niemals bei valesiella 
auftritt, bei welcher höchstens die drei tiefschwarzen Punkte 
schmal rötlichbraun geringt erscheinen. Auch zeigen die Vorder- 
fltlgel bei hoefneri im Basaldrittel eine weißgraue Aufhellung in 
Form einer Schrägbinde, die bei valesiella gänzlich fehlt. Der 
Hinterleib ist am Rücken der drei ersten Segmente bei beiden 
Geschlechtern von hoefneri ockerfarben aufgehellt, bleibt aber bei 
valesiella <3 (ein 9 Hegt mir nicht vor) viel dunkler. Schließlich 
scheinen auch die Palpen bei hoefneri länger, ihr Mittelglied ober- 
seits vorherrschender weißgrau beschuppt. 

Eine kurze Beschreibung der Art könnte lauten: 

Fühler bis zirka 3 / 4 des Vorderrandes reichend, schwarz, un- 
deutlich weißgeringt. Kopf samt Palpen wie der Thorax weißgrau, 
schwärzlich bestäubt, das Palpenmittelglied fast so lang als das 
Endglied, mit schwarzem Ring an der Basis und Spitze. Auch die 
Beine weißgrau, auf der Außenseite bis auf die weiß bleibenden 
Gliederenden schwarzgrau bestäubt. 

Der Hinterleib dunkelgrau, am Rücken der drei ersten Seg- 
mente in beiden Geschlechtern ockerfarben, beim 9 spitz endigend 
mit ziemlich lang hervorstehender Legeröhre. 

Vorderflügel gestreckt, weißgrau, dicht und grob schwarzgrau 
bestäubt, so daß nur ein Querstreifen bis 1 / 3 der Flügellänge und 
die nicht immer deutlichen hinteren Gegenflecke weißgrau bleiben. 
Drei schwarze Punkte (bei der Hälfte der Falte, einer darüber 
auswärts und der dritte am Schlüsse der Mittelzelle) zeigen rötlich 
ockergelbe Umgebungen, von denen jene unterhalb des Mittel- 
punktes sich meist fleckartig bis nahe an den Innenrand ausdehnt. 
Die Flügelspitze stärker schwarzgrau bestäubt. Die Fransen grau- 
gelb, in der Basalhälfte mit einzelnen groben schwarzen Schuppen. 
Hinterflügel mit ziemlich lang vorgezogener Spitze und darunter 
geschwungenem Saum, grau mit sehr langen, gelblich glänzenden 
Fransen. Vorderflügellänge 8*5 — 9 mm. In den Südalpen Kärntens 
und Tirols im Juli. 



(334) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Bericht der Sektion für Zoologie. 

Versammlung am 12. November 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. Dr. K. Grobben. 

Der Vorsitzende teilt mit, daß an Stelle des Herrn Dr. Viktor 
Pietschmann, welcher in nächster Zeit eine Reise nach Meso- 
potamien antritt, Herr Dr. K. Holdhaus interimistisch das Amt 
eines Schriftführers der zoologischen Sektion versehen wird. 

Hierauf hält Herr Dr. Holdhaus den angekündigten Vortrag: 

Zur Kritik von Simroths Pendulationstheorie. 

Im Herbst des Jahres 1907 erschien ein Werk von Prof. Dr. 
H. Simroth, betitelt: „Die Pendulationstheorie", nachdem der Autor 
schon mehrere Jahre vorher in einigen kleinen Publikationen diese 
seine neue Theorie auseinandergesetzt hatte. Der Name des Autors 
allein sicherte dem Buche erhöhtes Interesse, der Inhalt des Werkes 
fesselte durch die Neuheit und Größe der Idee. Denn falls sich 
die Simrothsche Theorie als einwandfrei erwies, so bedeutete dies 
nicht weniger als eine vollständige Revolutionierung der biogeo- 
graphischen Forschung, ein Brechen mit allen unseren bisherigen 
Anschauungen und Arbeitsmethoden. Dazu kam, daß sich mir und 
manchem anderen Systematiker 1 ) beim ersten Lesen des Buches 
viele von Simroth nicht erwähnte, merkwürdige Verbreitungstat- 
sachen aus dem eigenen Arbeitsgebiete aufdrängten, welche durch 
die Pendulationstheorie dem Verständnis näher gerückt schienen. 
Alle diese Umstände forderten ein liebevolles und gewissenhaftes 

*) Siehe z. B. V. Brehm, Die geographische Verbreitung der Süßwasser- 
entomostraken und die Pendulationstheorie. (fnternat. Revue ges. Hydiobiol. 
u. Hydrographie, Bd. I, 1908, S. 301— 303.) — Ganz unabhängig von Simroth 
gelangte kürzlich zu ähnlichen Hypothesen Prof. Fr. Klapälek, Die geo- 
graphische Verbreitung der Tiere und die geologischen Perioden. (Zool. An- 
zeiger, Bd. XXXIV, 1909, S. 223—225.) 



Versammlung »Um- Sektion für Zoologie. 



(3.%) 



Eingehen in das Wesen der Sache. Meine diesbezüglichen Studien 
führten zu dem anfänglich kaum erwarteten Ergebnis, daß ich 
nunmehr die Pendulationstheorie nicht für geeignet halte, irgend- 
welche Eigentümlichkeiten der Verbreitung des Lebens in be- 
friedigender Weise zu erklären. Ich gebe im folgenden eine kurze 
Zusammenstellung der Gründe, welche mir gegen die Pendulations- 
theorie zu sprechen scheinen. Zunächst aber sei das Wesen der 
Simroth sehen Theorie in Kürze skizziert. Um jedem Mißverständ- 
nis auszuweichen, bediene ich mich hiebei nach Möglichkeit der 
Worte Simroths. 1 ) 

Im Anschluß an Paul Reibisch 2 ) vertritt Prof. Simroth die 
Hypothese, daß Nord- und Südpol unserer Erde nicht ruhen, 
sondern im Laufe der Erdgeschichte wiederholte Verlagerungen er- 
fuhren. Diese Polschwankungen (Pendulationen) erfolgten entlang 
des „Schwingungskreises", welcher auf unserer Halbkugel mit dem 
Meridian 10° östl. L. v. Gr. zusammenfällt. Der Schwingungskreis 
geht durch die Beringstraße, in Europa durchschneidet er die 
Grenzlinie zwischen Ost- und Westalpen, in Afrika trifft er den 
Kamerunwinkel. Die Rotationsachse, um welche Nord- und Südpol 
hin und her pendeln, schneidet den Äquator einerseits in Ekuador, 
andererseits in Sumatra. Es sind dies die „Schwingpole", welche 
in ewiger Ruhe und nie gestörter tropischer Fülle verharren, 
während alle anderen Punkte der Erde — je nach ihrer Lage in 
größerem oder geringerem Ausmaße — den Klimaschwankungen 
unterliegen, welche die Pendulation zur Folge hat. Auf diese durch 
die Pendulation verursachten Klimaschwankungen gründet sich nun 
die Theorie Simroths. 

„Jedes Tier und jede Pflanze, die irgend einen Punkt der 
heißen Zone bewohnen, werden das natürliche Bestreben haben, 
bei weiterer Vermehrung sich im gleichen Klima auszubreiten, d. h. 
sie müssen schließlich zirkumäquatorial oder zirkumtropisch werden, 



*) Die dem Texte des Simroth sehen Werkes wörtlich entnommenen 
Stellen sind zwischen Anführungszeichen gesetzt. 

2 ) Nach Ortmann (Geogr. Jahrb., Bd. XXVI, 1903, S. 447) stehen der 
Theorie von Reibisch unüberwindliche physikalische Bedenken gegenüber. 
Ich habe hierüber kein eigenes Urteil. 



(336) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



selbstverständlich so lange keine Hindernisse des Mediums störend 
dazwischentreten . " 

„Ganz das Entsprechende muß aber gelten für jeden Organis- 
mus auf einem beliebigen Punkt unseres Erdballes. Er wird sich 
ausbreiten, soweit die gleichen klimatischen Verhältnisse herrschen, 
d. h. er wird, wenn wir von den lokalen Abweichungen der Iso- 
thermen und von der wechselnden Abhängigkeit der verschiedenen 
Arten von der Sommer- und Wintertemperatur absehen, dem Breiten- 
grade, auf dem er lebt, nach Osten und Westen folgen, bis er um 
die Erde herum ist." 

„Hier kommt nun die Pendulation unterstützend oder störend 
hinzu. Ein Lebewesen, das unter dem Schwingungskreis entstanden 
ist, wurde bei dessen Pendulationen rein mechanisch aus der ihm 
zusagenden klimatischen Lage entführt, wenn es nicht nach rechts 
oder links auf seinem Breitengrade auswich. Damit aber wird 
sein Wohngebiet jetzt zerrissen und diskontinuierlich. Es bewohnt 
zwei getrennte Areale, die zu beiden Seiten des Schwingungs- 
kreises in symmetrischer Lage sich befinden und symmetrische 
Punkte' heißen mögen. Oft genug wird es dabei vorkommen, daß 
die Form sich zwar nicht in ihrem Grundcharakter ändert, wohl 
aber in untergeordneter Anpassung an die auf demselben Breiten- 
grade wechselnden natürlichen Bedingungen auseinanderweicht; 
dann finden wir vikariierende Arten von symmetrischen 
Punkten. Dabei geht die östliche und westliche Wanderung unter 
Umständen sehr weit, bis irgend ein Punkt erreicht ist, der dem 
ursprünglichen Wohngebiet klimatisch am nächsten kommt. So sind 
z. B. Japan und Kalifornien symmetrische Punkte in strengem Sinne, 
weiterhin aber auch die Ostküste von Nordamerika und von Asien 
in gleicher geographischer Breite. Ich schlage für diese Lage den 
Ausdruck ,transversale Symmetrie' vor." 

„Dabei ist noch ein Doppeltes zu erwägen. Bei polarer 
Schwankung wird die Ausbreitung auf demselben Breitengrad in 
dem eben geschilderten Ausweichen bestehen. Ein Zurückströmen 
auf demselben Grade in das eben verlorene Gebiet unter dem 
Schwingungskreis wird zwar nicht ausgeschlossen sein, aber es 
wird dadurch sehr behindert und erschwert, daß eben die betreffen- 
den Punkte fortwährend nach Norden schwanken, also fortwährend 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



unter ungünstigere Lage rücken. Umgekehrt wird ein solches 
Zurückströmen nach dem Schwingungskreis aber wieder begünstig! 
in der nächsten äquatorialen Phase, weil dann die Verhältnisse 
unter dem Kreis immer günstiger werden." 

„Bei dieser äquatorialen Phase werden andererseits die Lebe- 
wesen unter dem Schwingungskreis, da sie in zu hohe Wärme 
versetzt würden, ebenfalls nach Osten und Westen ausweichen, 
oder aber sie werden unter dem Kreis bleiben, aber auf die Ge- 
birge hinaufwandern. Auf ihnen können sie die Verschiebung nach 
Süden mitmachen und unter Umständen selbst den Äquator kreuzen. 
Jenseits desselben werden sie allmählich von den Gebirgen wieder 
herabsteigen, um dann auf der anderen Hemisphäre an den ent- 
sprechenden Punkt zu gelangen wie die auf den Breitengraden aus- 
gewichenen. So kommt es z. B., daß ein Wesen gleichzeitig in 
Kalifornien und Chile oder in Japan und Australien auftritt. Die 
nähere Untersuchung zeigt dann immer, soweit überhaupt sich noch 
Fingerzeige vorfinden, daß der Ausgangspunkt unter dem Schwingungs- 
kreis lag. Diese Lage können wir ,meridiale Symmetrie' nennen." 

„Hier ist noch eine Erwägung am Platze. Das Ausweichen 
nach Osten und Westen wird in vielen Fällen am Kulminations- 
kreis 1 ) Halt machen müssen, da jenseits desselben die entgegen- 
gesetzte Bewegung einsetzt und immer stärker wird mit der Ent- 
fernung von ihm. Unter dem Kulminationskreis muß daher eine 
Stauung eintreten, und zwar von den Schwingpolen abnehmend 
nach den Drehpolen. Die Schwingpolgebiete sind die stärksten 
Stauungs- oder Reliktengebiete. ..." 

„Die größte meridiale Ausdehnung müssen die Fauna und 
Flora selbstverständlich unmittelbar unter dem Schwingungskreis 
haben." 

„Unter dem Schwingungskreis muß ebenso selbstverständlich 
die Gebietsgrenze einer Art oder Gruppe, die noch im kontinuier- 
lichen Areal wohnt, sich am weitesten vom Äquator entfernen in 
einem konvexen Bogen, dessen höchster Ausschlag immer unter 
dem Kreise liegt. Die obere Bogenspannung hält eben aus, so lange 



*) Das ist der Kreis, welcher die Schwingpole mit Nord- und Südpol 
verbindet. 

Z. B. Ges. 59. Bd. w 



(338) 



Versammlung der Sektion für Zoologie, 



die Organismen die klimatische Änderung ertragen; sobald diese 
Grenze überschritten wird, zerreißt er und das Areal wird dis- 
kontinuierlich symmetrisch." 

„Wenn hier alles nach der Pendulation und der Sonnenstellung 
beurteilt wird, so ergibt sich schließlich die Notwendigkeit für 
Wesen oder Gruppen, welche die mannigfachsten Schicksale hinter 
sich haben, daß sie in ihren lebenden Resten an Punkten erhalten 
bleiben, die zu den Schwingpolen gleiche Lage und gleichen Ab- 
stand haben, die also in gleicher Sonnenstellung sich befinden. 
Sie fallen vielfach mit symmetrischen Punkten zusammen, ich habe 
sie ,identische Punkte' genannt." (Simroth, Pendulations- 
theorie, S. 26—30.) 

Durch die Pendulation wird aber nicht nur die geographische 
Verbreitung der bestehenden Lebewesen modifiziert, sondern auch 
die Umbildung der Arten, und die Entstehung neuer Typen geht 
unter dem Einflüsse der Polschwankungen vor sich. „Der eigent- 
liche Herd der organischen Umgestaltung ist der Schwingungskreis, 
wo die Lebewesen immerfort den stärksten klimatischen Schwan- 
kungen ausgesetzt sind und wie mechanisch unter veränderte Be- 
dingungen geführt werden. Und hier knüpfe ich an die oben 
betonte Tatsache an, daß die Schöpfung allezeit ihren Höhepunkt 
auf dem Lande erreicht. Dadurch wird mit einem Schlage unserer 
atlantisch-indischen Erdhälfte das Übergewicht zugesprochen. Hier 
aber ist es der Nordquadrant, d. h. unter dem Schwingungskreis 
Europa, wo der Wechsel der Umrisse und der dadurch bedingte 
fortwährende Übertritt und Rückgang des Meeres die größte An- 
regung schafft. Europa einschließlich Nordafrika ist der 
Herd, von dem die ganze Schöpfung ausgeht, und wo sie 
ihre Vollendung erreicht hat. . . ." 

„Den Hergang können wir uns einfach genug vorstellen. Wie 
vorhin auseinandergesetzt wurde, dürfen wir unsere Rechnung rück- 
wärts nur mit Tropenbewohnern beginnen, die wir am einfachsten 
als zirkum tropisch annehmen, in Ermanglung anderer Anhaltspunkte. 
Durch die polare Schwingungsphase würden die Lebewesen des 
Südens gegen Norden aus den Tropen herausgeschoben werden. 
Sie würden also in subtropische Gegenden kommen. Konsequenter- 
weise hat man sogar gleich mit der Sahara zu rechnen, in welche 



Versammlung dei Sektion für Zoologie. 



(330) 



die meisten Lebewesen geraten müßten. Hier wäre wohl für alle 
sofort eine sehr energische Anpassung und Umwandlung nötig, um 
die klimatische Änderung zu ertragen, und es müßte sehr fraglich 
sein, ob irgend eine Tropenform dazu imstande wäre; hier könnten 
nur die stärksten Mutationen helfen. Das Gros müßte also zu- 
grunde gehen, so gut wie jetzt jedes Samenkorn, das aus dem 
Sudan in die Wüste hinein si,ch verirrt. Ein Teil dagegen würde 
auf breitem Oasenwege, vermutlich am Ostrande, die Wüste durch- 
queren und an ihrem nördlichen Rande sich in der Richtung der 
Breitengrade ausbreiten. Schon ein solches Vordringen durch die 
Subtropen wäre nur möglich für Arten, die etwa auf tropischen 
Gebirgen vorher eine breitere Eurythermie erworben hätten. Alle 
übrigen müßten entweder zugrundegehen oder sich umwandeln, 
vielleicht auch, um dem stärkeren Gegensatz der Jahreszeiten aus- 
zuweichen, ins Wasser gehen, was meist nur noch weitere Konse- 
quenzen für die Umgestaltung haben würde." 

„Ganz das gleiche wiederholt sich nun unausgesetzt weiter 
nördlich unter dem Schwingungskreis. Die Formen werden, 
wenn sie schwerfällig sind, einfach ausgelöscht, wenn sie mehr 
Regsamkeit besitzen, weichen sie zu beiden Seiten aus und be- 
kommen ein diskontinuierliches Wohngebiet, wenn sie endlich 
plastisch genug sind, werden sie umgeformt." (Simroth, L c, 
S. 31, 32.) 

Das Angeführte mag genügen, um das Wesen der Pendulations- 
theorie 1 ) und die Denkweise Simroths vor Augen zu führen. Ich 
glaube gegen die Pendulationstheorie folgende Ein wände geltend 
machen zu können. 



A ) Soweit dieselbe für den Zoologen Interesse hat. Eine ausführliche 
und im Ganzen ablehnende Kritik der Simroth sehen Pendulationstheorie 
vom Standpunkt des Geologen und Paläontologen gab kürzlich R. Hoernes, 
Ältere und neuere Ansichten über Verlegungen der Erdachse (Mitteil. Geolog. 
Ges. Wien, I, 1908, S. 159—202). Die Arbeit von Hoernes bringt umfassende 
Literaturnachweise über die Theorie der Pol Schwankungen. Von Interesse 
für die Frage der Polverschiebungen ist ferner eine kürzlich erschienene 
Studie von F. v. Kerner, Die extremen thermischen Anomalien auf der Nord- 
hemisphäre und ihre Bedeutung für die Frage der geologischen Polverschie- 
bungen (Meteorolog. Zcitschr., Bd. XXVI, 1909, S. 447—454). 

w* 



(340) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



I. Unklarheiten der Theorie. 

Die Grundgedanken der Simroth sehen Theorie scheinen 
mir nicht frei von einzelnen Inkonsequenzen und Unklarheiten. 
Wenig klar sind in erster Linie die Ausführungen Simroths über 
das Verhalten der Lebewesen unter dem Schwingungskreis während 
einer Pendulation. Die Lebewesen, die unter dem Schwingungs- 
kreis von der durch die Pendulation bedingten Klimaänderung 
überrascht werden, haben nach Simroth folgende Möglichkeiten, 
sich den Folgen dieser Klimaänderung zu entziehen: 1. Sie bleiben 
in ihrem ursprünglichen Wohngebiete unter dem Schwingungskreis 
und machen die Klimaänderung unwirksam, indem sie entweder 
ins Gebirge emporsteigen (bei äquatorialer Phase, d. h. Pendulation 
nach dem Äquator hin) oder aber (bei polarer Phase) sich inner- 
halb ihres Areals auf besonders warme Lokalitäten zurückziehen 
(„ins Wasser gehen", wohl auch xerothermische Orte, Thermen etc.); 

2. oder sie bleiben in ihrem ursprünglichen Wohngebiete und passen 
sich der Klimaänderung vollständig an, wobei sie sich häufig in 
neue Arten oder selbst ganz neue Typen umwandeln werden; 

3. sie verlassen ihr ursprüngliches Wohngebiet und weichen dem 
ungünstigen Klima aus, indem sie sich auf ihrem Breitengrad 
nach Osten und Westen abdrängen lassen. Dadurch entsteht die 
„transversale Symmetrie". Es gibt aber noch eine vierte Möglich- 
keit, die von Simroth fast ganz außeracht gelassen wird. Die 
Organismen brauchen der Klimaänderung ja nicht in ostwestlicher 
Richtung entlang der Breitengrade auszuweichen, wie sie dies 
bei Simroth immer tun, sondern sie können wohl ebenso mühe- 
los in nordsüdlicher Richtung entlang des Schwingungskreisfes 
ausweichen. Wenn eine Polschwankung eintritt in der Weise, 
daß die in Afrika gegenwärtig unter dem Äquator gelegenen Punkte 
etwa um 20° nach Norden rücken (so daß also der äquatoriale 
Klimagürtel sich um 20° nach Süden verschiebt), so müssen die 
daselbst ursprünglich unter dem Äquator wohnenden Tiere durch- 
aus nicht in der Sahara umkommen oder nördlich der Sahara nach 
Ost und West ausweichen, wie Simroth will, sondern sie brauchen 
nur um 20° nach Süden zu wandern, um die Wirkung dieser Pol- 
schwankuijg auszugleichen. Sie werden das zweifellos umso leichter 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(341) 



tun können, als ja eine solche Polschwankung sich doch nicht mit 
einem plötzlichen Ruck, sondern ganz unmerklich im Laufe eines 
längeren Zeitraumes vollziehen wird. Erst wenn sich einem der- 
artigen Ausweichen entlang des Schwingungskreises irgend 
eine Barriere in den Weg stellt, ist nach meine'r Ansicht an eine 
der von Simroth betonten Möglichkeiten zu denken. Das Wirkungs- 
gebiet der Pendulation wird durch diese, wie ich glaube einwand- 
freie, Überlegung sehr eingeschränkt. 1 ) 

Die Grundanschauung Simroths, daß Klimaänderungen eine 
besonders intensive Neubildung von Formen zur Folge haben 
müssen, ist eine zwar von vielen Forschern vertretene, aber einst- 
weilen durch nichts bewiesene Hypothese. Es ließe sich wohl mit 
ebensoviel Recht die gegenteilige Ansicht vertreten. Alle ernst zu 
nehmenden Biogeographen stimmen gegenwärtig darin überein, daß 
eine so intensive Klimaänderung, wie es die diluviale Eiszeit war, 
in der europäischen Fauna nichts wesentlich Neues geschaffen hat. 

Im Vergleich zu den enormen Landmassen der übrigen Konti- 
nente ist Europa ein winziges Stück Erde. Während lange dauern- 
der Epochen der Tertiärzeit und des Mesozoikums war unser 
Kontinent aber noch wesentlich kleiner als in der Gegenwart, da 
ausgedehnte Teile desselben vom Meere überflutet waren. Daß ein 
Landkomplex von der geringen Größe Europas der Entstehungs- 
herd für die Fauna und Flora der ganzen Erde sein sollte, scheint 
mir rein physikalisch unmöglich. 

II. Rezente Verhältnisse des Klimas, der Vegetation und 
Bodenbeschaffenheit. 

In dem umfangreichen „Speziellen Teil" seines Werkes er- 
örtert Simroth eingehend die geologische Geschichte und rezente 
geographische Verbreitung verschiedener Tiergruppen und sucht 
das ganze umfangreiche Tatsachenmaterial in den Rahmen der 
Pendulationstheorie einzufügen. 

x ) Alle unsere Erfahrungen und Anschauungen über den Einfluß der dilu- 
vialen Eiszeit auf die europäische Fauna und Flora zeigen uns große Ver- 
schiebungen der Biota in nordsüdlicher Richtung, nicht aber oder doch in ver- 
sehwindendem Ausmaße Verschiebungen nach Osten und Westen. Simroth 
hätte gerade in dem Phänomen der Eiszeit ein treffliches Studienobjekt gehabt. 



(342) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Seit Schimper und Warming besitzen wir einen Forschungs- 
zweig, welcher „Ökologische Pflanzengeographie" genannt wird. 
In den trefflichen Werken der beiden Autoren J ) ist uns der Weg 
gewiesen, welchen auch die Zoogeographie gehen muß, um in 
fruchtbares Gelände zu gelangen. Nur durch genaues Studium der 
Ökologie der einzelnen Tierformen (oder Biocoenosen), in erster 
Linie durch Untersuchung der Abhängigkeit der Fauna von den 
rezenten klimatischen, edaphischen und Vegetationsverhältnissen 
der einzelnen Gebiete können wir allmählich zu einem Verständnis 
der rezenten Tierverbreitung gelangen. Außerordentlich viele Ver- 
breitungstatsachen, die Simroth nur durch die Annahme von Pol- 
schwankungen erklären zu können glaubt, lassen sich ganz unge- 
zwungen aus der Ökologie der betreffenden Tierform und der 
rezenten Beschaffenheit ihres Wohngebietes verstehen. Auf einige 
der hier maßgebenden Faktoren sei im folgenden aufmerksam 
gemacht. 

1. Nord- und Mitteleuropa. Simroth weist wiederholt auf 
die Tatsache hin, daß in Nord- und Mitteleuropa eine Reihe von 
Arten gerade unter dem Schwingungskreis, also in Westdeutsch- 
land oder Skandinavien, ihr Verbreitungsgebiet am weitesten nach 
Norden vorschieben. So dringt nach Simroth die Rotbuche unter 
dem Schwingungskreis bis in das südliche Schweden und Norwegen 
vor, von diesem nördlichsten Punkt an fällt die Nordgrenze nach 
Südosten in steiler Neigung in der Richtung gegen den Kaspisee 
hin ab. Andere von Simroth angeführte Beispiele sind Salaman- 
dra maculosa (S. 225), Triton alpestris (S. 226), Bana temporaria 
(S. 243, 244), Änguis fragilis (S. 273), Gattung Lacerta (S. 275), 
Kreuzotter (S. 283). 2 ) Simroth erklärt alle diese Verbreitungen 

x ) Schimper, Pflanzengeographie auf physiologischer Grundlage, 2. Aufl., 
Jena, 1908. — War min g, Lehrbuch der ökologischen Pflanzengeographie, 
2. Aufl., Berlin, 1902. 

2 ) Simroth konstatiert in ähnlicher Weise bei manchen Arten (Rot- 
buche, Blindschleiche, Kreuzotter) ein steiles Absinken der Nordgrenze nach 
Südwesten. Dieses Absinken kommt aber dadurch zustande, daß die ge- 
nannten Arten zwar in ganz Großbritannien (oder doch im größten Teil dieses 
Landes), aber nicht auf den nördlich davon gelegenen Inseln und nicht in 
Irland vorkommen. Dies erklärt sich aber einfach daraus, daß die Biota 
dieser Inseln zur Glazialzeit sehr verarmte und in postglazialer Zeit keine 



Versammlung der Sektion lür Zoologie. 



(343) 



mittelst der Pendulation anter Zuhilfenahme seines Gesetzes der 
w bionomi sehen Amplitude" (S. 38). Tatsächlich finden diese Er- 
scheinungen ihre einfache Erklärung in den rezenten klimatischen 
und Bodenverhältnissen von Europa. 

Das ozeanische Klima Westeuropas zeigt viel geringere Tem- 
peraturextreme und günstigere Niederschlagsverhältnisse als das 
kontinentale Klima des Russischen Reiches, außerdem trägt in 
Skandinavien der Golfstrom sehr viel zur Erwärmung bei und er- 
möglicht ein Vordringen vieler Faunenelemente in ungewöhnlich 
hohe Breiten. Der Unterschied in der Bodenbeschaffenheit ist 
nicht minder groß. Der Boden Rußlands besteht überwiegend teils 
aus eiszeitlichen Ablagerungen, teils aus Schwarzerde und Löß. 
Alle diese Bodenarten sind der Entwicklung einer artenreichen 
Fauna und Flora sehr wenig günstig. Die faunistische Monotonie 
Rußlands ist bekannt, und wer in den Lößgegenden der Umgebung 
von Wien oder in irgend einem Moränengebiet von Mitteleuropa 
sammelt, kann sich auch in unseren Gegenden von der Armut 
dieser Bodenarten überzeugen. Aus der Abhängigkeit vom Boden 
erklärt sich in einfacher Weise die geographische Verbreitung 
beispielsweise von Triton älpestris oder Salamandra maculosa. 
Beide Arten lieben Gebirgsboden und darnach richtet sich ihre 
geographische Verbreitung. 

2. Die Mittelmeerländer. Kein anderer Teil der Erdober- 
fläche scheint auf den ersten Blick so reiches und plastisches 
Belegmaterial für die Pendulationstheorie zu geben als gerade die 
Mittelmeerländer. Während einerseits unter dem Schwingungskreis 
auf den alten tyrrhenischen Schollen und in ihrer Nachbarschaft 
manche eigenartige und isoliert stehende Formen wohnen, sehen 
wir andererseits bei vielen Tier- und Pflanzenformen eine ungemein 
charakteristische, breite Auslöschung unter dem Schwingungskreis 
bei gleichzeitiger Maximaleutfaltung im Osten und Westen in 

ausreichende Neubesiedlung stattfinden konnte. Eine treffliche Schilderung 
der interessanten Faunengeschichte von Irland gab uns R. F. Schärft* in: 
Proc. R. Irish Academy, 3. Serie, Vol. III, 1894 und neuerdings in seinem 
schönen Buche: European Animals (London, 1907), p. 26. — Das Absinken der 
Nordgrenze von Triton alpestris und Salamandra maculosa vom Schwingungs- 
kreis nach Südosten erklärt sich aus edaphischen Momenten. 



(344) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



typischer transversaler Symmetrie. Diese Auslöschung unter dem 
Schwingungskreis ist so auffällig, daß ich mir nicht versagen kann, 
sie durch einige Beispiele aus meinem eigenen Arbeitsgebiete zu 
belegen: 

Die Laufkäfergattung Zdbrus besitzt 11 Arten in Nordwest- 
afrika, eine große Zahl von Arten (zirka 20) auf der iberischen 
Halbinsel, sehr zahlreiche Arten auf der südlichen Balkanhalbinsel 
(nach Apfel b eck in Griechenland einschließlich der griechischen 
Inseln 15 Arten), in Südwestasien und im Kaukasus, hingegen nur 
3 Arten (davon 2 über große Teile von Europa verbreitet, 1 in 
den Abbruzzen endemisch) in Italien und auf den tyrrhenischen 
Inseln. Die Cerambycidengattung Borcadion besitzt über 50 Arten 
auf der Pyrenäenhalbinsel, ungemein zahlreiche und prächtige Arten 
in Südwest- und Zentralasien, im Kaukasus und auf der Balkan- 
halbinsel (einige Arten auch in Südrußland und Mitteleuropa), aber 
in Italien und auf den tyrrhenischen Inseln insgesamt nur 5 oder 
6 Arten, von denen keine in dem Gebiete endemisch ist. Ebenso 
zeigt die Koleopterenfamilie der Tenebrioniden, zum großen Teil 
steppikole Formen enthaltend, ein Maximum der Entwicklung auf 
der iberischen Halbinsel, einen noch größeren Formenreichtum in 
Südwest- und Zentralasien, mäßig reiche Vertretung auf der Balkan- 
halbinsel und in Südrußland, hingegen ganz auffallende Artenarmut 
in Italien, Korsika und Sardinien. Die Tenebrionidenfauna von 
Sizilien ist ein wenig mannigfaltiger (nordafrikanischer Einschlag). 

Ein ganz ähnliches Verhalten wie die erwähnten Koleopteren- 
gruppen zeigt beispielsweise auch die steppikole Orthopterenfamilie 
der Pamphagiden. 1 ) Leider ist die Speziessystematik dieser Familie 

*) Wichtigste Literatur hierüber: Brunner v. Watten wyl, Prodromus 
der europäischen Orthopteren. — Krauss, Die Dermapteren und Orthopteren 
Siziliens. (In diesen „Verhandlungen", Jahrg. 1887, S. 13—15.) — Fi not, Faune 
de 1' Algeric et de la Tunisie. Insectes Orthopteres. (Ann. Soc. Ent. Fr., Annee 
1896, p. 493— 525.) — Bolivar, Catalogo sinoptico de los Ortöpteros de la 
Fauna Iberica. (Ann. Scienc. Nat. Porto, V [1898], Sep. p. 79—83.) — J. Vo s s e 1 e r, 
Beiträge zur Faunistik und Biologie der Orthopteren Algeriens und Tunesiens. 
(Zool. Jahrb., System., Bd. XVI und XVII.) — Jakobson u. Bianchi, Ortho- 
pteren und Odonaten des Kussischen Reiches. St. Petersburg, 1905. Text 
russisch. — Adelung, Beitrag zur Kenntnis der Orthopterenfauna Trans- 
kaukasiens. (Hör. Soc. Ent. Ross., XXXVIII [1907], p. 58-63.) 



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Dicht vollständig geklärt, so daß die folgenden Zahlen nur approxi- 
mative Werte darstellen. Wir finden an Pamphagiden in Nord- 
afrika ungefähr 20 Arten, auf der Pyrenäenhalbinsel 11 Arten, in 
Südwestasien (einschließlich des Kaukasus, Zypern und Kreta) un- 
gefähr 18 Arten, hingegen nur 3 Arten auf Sizilien und 1 Art in 
Sardinien. In Italien und auf Korsika fehlt die Familie, die Arten 
von Sizilien sind mit solchen von Nordafrika identisch. Die Balkan- 
halbinsel scheint gleichfalls sehr arm an Pamphagiden (nur 1 Art). 

Die angeführten Beispiele ließen sich beliebig vermehren und 
scheinen zunächst sehr zugunsten der Pendulationstheorie zu sprechen. 
Ein näheres Eingehen auf die Sache führt indeß zu folgendem Er- 
gebnis. Fast alle jene Gattungen und Arten, 1 ) welche in so be- 
sonders charakteristischer Weise eine Auslöschung im Gebiete 
Italiens und der tyrrhenischen Inseln zeigen, sind Steppenbewohner, 
sie bevorzugen vollkommen freies oder nur mit spärlichem Gebüsch 
bewachsenes Grasland. Die Pyrenäenhalbinsel bietet dieser steppi- 
kolen Fauna naturgemäß die besten Existenzbedingungen, denn 
sie zeigt nicht nur in der Gegenwart im größten Teil ihres Areals 
ausgesprochenen Steppencharakter, sondern besaß dieses Steppen- 
klima, wie Penck 2 ) nachgewiesen hat, in noch höherem Grade 
als gegenwärtig bereits während der Miozänzeit. Es war also in 
Fülle Zeit und Raum vorhanden zur Herausbildung einer über- 
reichen Steppikolfauna. Ähnliches gilt von Südwestasien und in 
beschränktem Maße von der südöstlichen Balkanhalbinsel und den 
Inseln der Ägäis. Ausgedehnte Areale zeigen hier den Charakter 
typischer Steppenlandschaft mit reicher Steppikolfauna. Wie weit 
dieser Steppencharakter in die geologische Vergangenheit zurück- 
reicht, darüber scheinen Untersuchungen nicht vorzuliegen. 

Ein ganz abweichendes Verhalten zeigen indessen Italien und 
die tyrrhenischen Inseln sowie die Westseite der Balkanhalbinsel. 
Die niederschlagsreiche Westseite der Balkanhalbinsel trägt noch 
in der Gegenwart ausgedehnte Wälder mit wunderbar reicher 
Silvikolfauna, hingegen zeigt sie nur einen geringen Reichtum an 

*) Eine Ausnahme ist z. B. Elwdodendron ponticum. 

2 ) A. Penck, Studien über das Klima Spaniens während der jüngeren 
Tertiärperiode und der Diluvialperiode. (Zeitschr. d. Ges. f. Erdkunde, Berlin, 
Bd. XXIX [1894], S. 109-141.) 



(346) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



steppikolen Faunenelementen. Korsika ist noch jetzt weithin über- 
zogen von Wald und Macchia, in Sardinien, Sizilien und im fest- 
ländischen Italien ist die Versteppung ausgedehnter Landstriche 
nachweisbar erst in historischer Zeit durch das Eingreifen des 
Menschen zustande gekommen. Noch zu Beginn der historischen 
Ära war Italien Waldland, Sizilien trug ausgedehnte Wälder, von 
denen sich jetzt nur noch sehr spärliche Reste im Gebirge erhalten 
haben. Dieser geschichtlichen Entwicklung entspricht die Fauna 
des Gebietes. Die Waldfauna Italiens und der tyrrhenischen Inseln 
ist tiberreich, namentlich die Fülle an waldliebenden terrikolen 
Insekten scheint unerschöpflich. Demgegenüber tragen die Steppen- 
gebiete in Italien, Korsika, Sardinien, Elba 1 ) eine sehr arme Fauna, 
aus einer geringen Zahl zumeist weitverbreiteter Arten zusammen- 
gesetzt. Ich habe selbst wiederholt in Italien und Sizilien auf 
Steppenterrain gesammelt, die Fauna ist nicht im entferntesten 
vergleichbar mit der tippigen Steppikolfauna, die jede Sammelreise 
nach Spanien oder Kleinasien zutage fördert. Die Armut der 
Steppikolfauna und die reiche Differenzierung der Waldfauna Italiens 
und der tyrrhenischen Inseln sprechen in gleicher Weise dafür, 
daß diese Gebiete seit langer Zeit vorwiegend Waldland sind. 
Der jungtertiäre Tyrrheniskontinent, an dessen Existenz kaum 
noch gezweifelt werden kann, trug Wald und Macchia, aber wohl 
nur sehr wenig Steppe zur selben Zeit, als Spanien bereits in großer 
Ausdehnung versteppt war und wohl auch Südvvestasien weithin 
Steppencharakter besaß. 

Durch dieses gegensätzliche Verhalten in rezenter Zeit 
und vermutlich auch in jüngster geologischer Vergangenheit wird 
eine Anordnung der Fauna im Sinne der Pendulationstheorie vor- 
getäuscht. Diese eigentümliche Verteilung der Fauna hat aber mit 
Polschwankungen nichts zu tun, sondern erklärt sich in befriedigen- 
der Weise aus der Verbreitung von Wald und Steppe in der Gegen- 
wart. Die nördlichen Mittelmeerländer tragen unter dem Schwingungs- 
kreis reiche Silvikolfauna, arme Steppikolfauna, östlich und westlich 



x ) Weniger in Sizilien, woselbst die Steppikolfauna etwas reichere Ent- 
faltung und vielfach auf eine jugendliche Immigration deutenden nordafrika- 
nischen Einschlag zeigt. 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(347) 



davon in symmetrischer Anordnung reiche Steppikolfauna, arme 
oder minder reiche, vielfach auf Oasen lokalisierte Sil vikollauna. 

Die Fauna von Nordafrika kann für eine Beurteilung der 
Pendulationstheorie nicht herangezogen werden. Die Faunen von 
Ägypten und Nordwestafrika sind nicht vergleichbar infolge der 
sehr verschiedenen Faziesverhältnisse heider Gebiete, das dazwischen- 
liegende Areal ist kaum exploriert und zum großen Teil Wüste. 
Die Fauna von Nordwestafrika trägt wie jene Spaniens vorwiegend 
xerophilen Charakter, die Silvikolfauna beschränkt sich im wesent- 
lichen auf Teile des Gebirges. 

3. Die Tropen. In dem bereits erwähnten Werke von 
Sek im per finden wir eine sehr ausführliche und klare Darstellung 
der Ökologie und geographischen Verbreitung der einzelnen Pflanzen- 
formationen in den Tropen. Nach den großen Zügen der Vegetation 
lassen sich in den Tropen nach Schimper folgende Faziesgebiete 
unterscheiden: 

a) Regen- und Monsunwälder. Dieselben finden sich in 
Gebieten mit großem Niederschlagsreichtum. Sie sind entweder 
immergrün (Regenwald, bei Regen zu allen Jahreszeiten) oder (bei 
Einschaltung von Trockenzeiten) während der Trockenzeit teilweise 
das Laub abwerfend (Monsunwald). Diese Wälder sind hygrophil 
oder tropophil, sie besitzen üppigste, dichte Vegetation, beide Typen 
sind durch vielfache Übergänge verbunden. 

b) Savannen- und Dornwälder. Dieselben finden sich in 
Gebieten mit geringer Niederschlagsmenge. Sie sind während der 
Trockenzeit laubabwerfend (selten immergrün), von xerophilem Cha- 
rakter, viel weniger üppig, parkartig und reich an Bodenkräutern, 
namentlich an Gräsern (Savannenwald) oder arm an Bodenkräutern 
und reich an dornigen Gewächsen (Dornwald). 

c) Savannen. Grasfluren, aus hohen, in getrennten Büscheln 
stehenden Gräsern bestehend, nicht selten von Stauden und Halb- 
sträuchern durchsetzt, oft mit vereinzelt in größeren oder kleineren 
Abständen stehenden Bäumen (meist krüppelhafte, knorrige Zwerg- 
bäume, zuweilen jedoch hochstämmige Bäume, welche gewöhnlich 
charakteristischen, dem Wald fehlenden Arten angehören). Indem 
die Bäume dichter zusammentreten, geht die Savanne allmählich in 
den Savannenwald über. Die Savanne nimmt große Areale ein in 



(348) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



den Gebieten mit längeren Trockenzeiten, in Gebieten mit Regen 
zu allen Jahreszeiten spielt sie eine ganz untergeordnete Rolle. 

Die geographische Verbreitung der tropischen Pflanzenforma- 
tionen richtet sich in erster Linie nach klimatischen Faktoren. 
Doch spielt auch die Bodenbeschaffenheit eine Rolle. Hygrophile, 
d. h. an große Feuchtigkeit gebundene Wälder gedeihen auch im 
Savannengebiet entlang der Ufer von Flüssen und Seen, diese 
„Galeriewälder" sind aber wohl stets in ihrem Gesanitcharakter 
von den echten Regenwäldern scharf zu unterscheiden. Oft sind 
diese Galeriewälder sehr üppig, in ihrer Fauna dürften sie sich 
zu den montanen Regen wäldern ebenso gegensätzlich verhalten, 
wie unsere Gebirgswälder zu den einheimischen Auenwäldern. 

Wir besitzen nur äußerst ungenügende Kenntnis der Ökologie 
der tropischen Fauna, aber es ist wohl ohne weiteres klar und 
aus den analogen Verhältnissen der einheimischen Fauna zu folgern, 
daß den geschilderten, voneinander so abweichenden Faziesgebieten 
auch sehr difTerente Faunen entsprechen. Der Gegensatz zwischen 
Regenwald (einschließlich Monsunwald) einerseits, Savanne und 
xerophilem Wald andererseits wird nicht nur jene Elemente der 
Fauna in tiefgreifender Weise beeinflussen, die auf Pflanzen leben 
und in ihrer Existenz von dem Vorkommen gewisser Pflanzen- 
formen abhängig sind. In voller Analogie mit den Verhältnissen 
der einheimischen Fauna können wir vielmehr mit Gewißheit an- 
nehmen, daß auch die chemischen und physikalischen Eigenschaften 
des Bodens im Regenwald ganz andere sein müssen als in der 
Savanne oder im xerophilen Wald; daraus ergibt sich aber eine 
weitgehende Abhängigkeit der terrikolen Fauna von der geogra- 
phischen Verbreitung der genannten Faziesgebiete und auch die 
Wasserfauna muß durch diese Faktoren beeinflußt werden. Tritt 
doch durch die Forschungen der letzten Jahre die ausschlaggebende 
Bedeutung der Chemie des Wassers für die Zusammensetzung 
seiner Fauna immer klarer zutage. 

Betrachten wir nun die geographische Verteilung der charak- 
terisierten großen Faziesgebiete der Tropen, so ergibt sich folgendes 
(conf. Sch im per, Pflanzengeographie, Karte 3): 

In Afrika dominiert die Savanne (einschließlich Savannen 
wald), welche den weitaus größten Teil des tropischen Areals ein 



Versammlung des Sektion für Zoologie. 



nimmt. Üppige Regen- und Monsunwälder linden sich nur in 
einem schmalen Streifen entlang der Meeresküste in Sierra Leone 
und Liberia, außerdem in größerer Ausdehnung im Kamerunwinkel 
und an der KongomUndung, minder tippige Regen- und Monsun- 
wälder in Deutsch-Ostafrika und Mozambique. Madagaskar trägt 
an seiner Ostküste sehr üppigen, an der Westküste minder üppigen 
liegen- und Monsun wald. 1 ) 

In Südamerika nehmen Savanne (einschließlich Savanncn- 
wald) und Regenwald (einschließlich Monsunwald) ungefähr gleich- 
große Areale ein. Das tropische Regenwaldgebiet von Südamerika 
ist aber um ein mehrfaches größer als jenes des kontinentalen 
Afrika, das tropische Savannenland von Südamerika um vieles 
kleiner als jenes von Afrika. 

Im tropischen Asien (einschließlich Melanesien und Nord- 
australien) erreicht der Regen- und Monsunwald seine größte Aus- 
dehnung. Hinterindien, Indonesien, Melanesien und die Küstenpartie 
von Nordaustralien werden fast zur Gänze von (auf weite Strecken 
ungemein üppigem) tropischem Regen- und Monsunwald eingenommen. 
Xerophiler Wald und Savanne treten in diesen Gebieten außerordent- 
lich zurück, Vorderindien trägt entlang seiner Westküste einen langen 
schmalen Streifen üppigen Regenwaldes, im übrigen dominiert xero- 
philer Wald, ein großes Areal im Innern trägt den Charakter der 
Halbwüste. 2 ) Ceylon trägt an seiner Westküste üppigen Regenwald, 
auf der viel trockeneren Ostseite vorwiegend xerophilen Wald. 

x ) Man findet in geographischen und biologischen Werken vielfach eine 
etwas abweichende Darstellung der Waldverhältnisse von Afrika. Dies rührt 
in erster Linie daher, daß in diesen Büchern zwischen Regenwald, Savannen- 
wald und Galeriewald nicht unterschieden wird. Soweit ich über selbst- 
ständige Erfahrungen (faunistischer Natur) verfüge, finde ich die Angaben 
Schimpers durchaus bestätigt. Der Narne Schimper ist übrigens wohl 
autoritativ genug, um die hier gegebene Darstellung zu decken. — Der merk- 
würdige Äquatorialwald im Innern des Kongobeckens ist kein Regenwald, 
sondern verdankt seine Entstehung edaphischen Momenten. 

2 ) Abgesehen von dem Regenwaldgebiet an der Westküste scheint die 
Fauna von Vorderindien im Vergleich zu anderen Tropengebieten extrem arm. 
Es dürfte dies mit der großen Verbreitimg der Latente daselbst zusammen- 
hängen, welche, in ihren oberen Schichten tief ausgelaugt, einen physikalisch 
und chemisch gleich ungünstigen Boden zu geben scheinen. 



(350) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Wenn wir diese Verbreitlingstatsachen in die Terminologie 
der Pendulationstheorie kleiden, so ergibt sieb folgendes Schema: 



Westpol 



Schwingungskreis 



Ostpol 



Viel Regenwald, un- 
gefähr ebensoviel 
Savanne und Sa- 
vannenwald. 



Sehr wenig Regen- 
wald, sehr viel Sa- 
vanne und Savan- 
nenwald. 



(tropisches Südamerika). (tropisches Afrika). j (Ostindien, Indonesien, 

Melanesien, Nordaustra- 
lien). 

Sehr viel Regen wald, 
sehr wenig Savan- 
ne und Savannen- 
wald. 



Daraus erklären sich nun mit einem Schlage sehr viele bio- 
geographische Eigentümlichkeiten, die man versucht sein könnte, 
mit der Pendulationstheorie in Zusammenhang zu bringen. Unter 
dem Schwingungskreis dominiert die Fauna der Savanne und des 
xerophilen Waldes, die im Westpolgebiete einen viel geringeren 
Raum einnimmt, im Ostpolgebiete aber fast ganz zurücktritt. Wenn 
viele Charaktertiere der Savanne (z. B. die so charakteristischen 
Orthopterenfamilien der Pamphagiden und Pneumoriden) sich in 
ihrer Verbreitung auf Afrika und allenfalls noch auf die nordwärts 
unmittelbar anschließenden Areale beschränken, so kann dies weiter 
nicht überraschen und hat nichts zu tun mit Pendulation. Anderer- 
seits muß die Fauna der Regen- und Monsunwälder naturgemäß im 
Ostpol- und Westpolgebiet Maxima ihrer Entwicklung zeigen, in 
Afrika aber vergleichsweise sehr zurücktreten. Auch diese Er- 
scheinung sehen wir beispielsweise bei den Orthopteren in sehr 
klarer Weise hervortreten (Phasmiden, blattnachahmende Locustiden) 
und auch hier kommt die Pendulationstheorie als erklärender Faktor 
gar nicht in Frage. 1 ) Gerade die Tropen sind sonach für Speku- 
lationen im Sinne der Pendulationstheorie ein sehr gefährlicher 
Boden. 



J ) Es ist selbstverständlich, daß nicht alle Fälle von „transversaler 
Symmetrie" in den Tropen und den Mittelmeerländern sich in dieser Weise 
aus der rezenten Verteilung der Niederschläge und der verschiedenen Vege- 
tationsfonnationen erklären lassen. Dies ist aber auch gar nicht nötig, denn 
diskontinuierliche Verbreitung von Arten oder Gattungen gibt es auf de 
ganzen Erde und man kann daher für jeden beliebigen Meridian unschwe 
Beispiele von transversaler Symmetrie nachweisen. So kennt man Lacert 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(351) 



4. Die Antarktis. Bs erübrigt noch eine Besprechung der 
von vielen Forschern betonten faanistischen Affinität zwischen 
Australien (einschließlich Neuseeland etc.) und Südamerika. Pro!'. 
Simroth erklärt auch die geographische Beschränkung von Tier- 
gruppen auf die australische Region und Südamerika durch die 
Annahme von deren Entstehung in Europa unter dem Schwingungs- 
kreis und sekundären Abdrängung nach Ost und West. Aber diese 
Tatsachen fügen sich doch nur widerwillig in den Kähmen der 
Pendulationstheorie. Denn Australien und Südamerika sind keines- 
wegs identische Punkte, sie fallen vielmehr im Sinne der Pendu- 
lationstheorie in entgegengesetzte Hemisphären und zeigen daher 
auch stets entgegengesetzte Schwingungsphasen (siehe Simroth, 
Pendulationstheorie, Karte auf S. 11). Während Südamerika sich 
gegenwärtig in polarer Schwingungsphase befindet, bewegt sich 
Australien derzeit im Gegenteil nach dem Äquator zu. Es ergibt 
sich also hier im Schöße der Pendulationstheorie selbst eine ernste 
Schwierigkeit. 

Wir besitzen zum Verständnis der Affinität der Faunen von 
Südamerika und Australien,^ falls sich dieselbe wirklich als so 
bedeutend erweisen sollte, in der bekannten Antarktishypothese 
eine ausreichende Erklärung. Es sei besonders darauf hingewiesen, 
daß sich noch in allerjüngster Zeit auch E. Suess 1 ) zu Gunsten 
der Antarktishypothese ausgesprochen hat und in dem alten Ant- 
arktiskontinente geradezu eines seiner „Asyle des Lebens" erblickt. 

III. Die Verbreitung der jungen Kettengebirge. 

Die Tertiärzeit erscheint in der Geschichte unseres Planeten 
als eine Periode intensiver Gebirgsfaltung, von welcher ausgedehnte 
Teile der Erdoberfläche ergriffen wurden. Ein langgestreckter Wall 
junger, zum größten Teil noch während der Tertiärzeit in intensiver 
Weise gefalteter Kettengebirge läßt sich von Marokko bis zu den 

praticola Eversm. und Phaenotherium Pulslcyi Friv. bisher nur von Herkulesbad 
in Südungarn und aus dem Kaukasus. Der kaukasische Agriotes Starki Eeitt. 
wird von Hormuzaki aus der Bukowina angeführt. Diese Verbreitungstat- 
sachen entsprächen einem etwa durch die Krim gelegten „Schwingungskreis". 

*) E. Suess, Das Leben. (Mitteil. Geol. Ges. Wien, II [1909], S. 148-161 
und Das Antlitz der Erde, Bd. III, 2. Hälfte [1909], S. 769.) 



(352) 



Versammlung- der Sektion für Zoologie. 



Aleuten und von hier weiter entlang des Westrandes von Amerika 
bis nach Feuerland und darüber hinaus verfolgen. Der Verlauf 
dieser jugendlichen Gebirge sei in Kürze skizziert. 

Im marokkanischen Atlas beginnend und einen umgebogenen 
Ast über die Sierra Nevada nach den Balearen entsendend, streicht 
das junge Kettengebirge von Nordwestafrika über Nordsizilien und 
den Apennin zu den Alpen und weiterhin über die Karpathen 
zum Balkangebirge. Ein zweites großes System jugendlicher Falten 
streicht von den Ostalpen in südöstlicher Richtung über die Gebirge 
der westlichen Balkanhalbinsel (Dinariden) hinüber nach Kleinasien 
und weiterhin über Armenien und Persien zum Hindukusch; in 
ihrem ferneren Verlauf ziehen die tertiären Ketten über Karakorum- 
Gebirge und Himalaia nach Hinterindien und Indonesien, von hier 
über die ostasiatischen Inselguirlanden (Formosa, Lutschu-Inseln, 
Japan, Kurilen) nach Kamtschatka und weiterhin über den Aleuten- 
Alaschkabogen zu den gewaltigen Kettengebirgen des westlichen 
Nordamerika. Diese letzteren sind durch den Antillenbogen mit 
den Anden von Südamerika verbunden. 

Die hier in knappsten Zügen (und mit Verzicht. auf gewisse 
viel weiter gehende Hypothesen) geschilderte Verteilung der jungen 
Kettengebirge auf Erden hat gewiß einen Einfluß auf die Verbreitung 
der Biota ausgeübt. Denn einerseits bilden die Kettengebirge eine 
Barriere gegen die Ausbreitung von Lebewesen quer zur Streichungs- 
richtung des Gebirges und andererseits begünstigen sie außer- 
ordentlich die Ausbreitung der Biota entlang ihres Streichens. 
Schon Wallace hat mehrfach betont, daß die Kettengebirge als 
Wanderungslinien von ganz besonderer Bedeutung sind. Die reichste 
Fülle des Lebens staut sich im Gebirge, wo die günstigen Nieder- 
schlagsverhältnisse, der Nährstoffreichtum des Bodens, die Zonen- 
gliederung in vertikaler Richtung auf engem Raum einen Arten- 
reichtum hervorlocken, der im Flachland nicht annähernd bestehen 
könnte. Wenn eine solche Bahn des Überflusses fast die ganze 
Erde umzieht, so darf es nicht überraschen, daß sie zur gewaltigen 
Heerstraße wurde für den Austausch des Lebens. 

Unter den großen Kontinentalmassen nimmt Afrika eine 
Sonderstellung ein. Nur an seiner Nordwestecke betritt im Atlas- 
gebirge ein Endast des tertiären Gebirgswalls afrikanischen Boden. 



Versammlung der Sektion für Zoologie« (863) 

Im übrigen aber steht Afrika ganz außerhalb der Bahn der tertiären 
Kotten. Südlich des Atlasgebirges folgt aber die Sahara als ge- 
waltige Barriere zwischen Nord und Süd. Diese einlache Betrachtung 
des Kartenbildes 1 ) ergibt, daß Afrika fast ganz abgetrennt war 
von der großen Wanderflut entlang der jungen Kettengebirge. So 
mögen sich manche Verbreitungstatsachen erklären, die Simroth 
mitveranlaßten, den Herd des Lebens nach Europa zu verlegen 
und die Biota von hier nach Ost- und Westpol ausstrahlen zu lassen. 

Ich möchte dem hier vorgetragenen Gedankengang zwar 
selbst keine allzugroße Bedeutung beimessen, doch wollte ich es 
der Vollständigkeit halber nicht unterlassen, auf dieses Erklärungs- 
moment hinzuweisen. 

IV. Unzulänglichkeit der futuristischen Durchforschung 

der Erde. 

Alle Untersuchungen über die großen Probleme der Erde auf 
faunistischer Basis müssen derzeit an einer Schwierigkeit scheitern, 
an unserer ganz unzulänglichen Kenntnis der Systematik und geo- 
graphischen Verbreitung der modernen Lebewelt. Seit Wallace 
wagte kein Systematiker den Versuch zu wiederholen, eine auf 
breiterer Basis beruhende Gesamtdarstellung der Faunistik unserer 
Erde zu geben. Biogeographische Studien über beschränkte Areale, 
Untersuchungen über die geographische Verbreitung kleiner Tier- 
gruppen von Seiten ihrer Spezialisten 2 ) sind alles, was derzeit ge- 
boten werden kann. Dem Fernerstellenden täuschen unsere umfang- 
reichen Kataloge, unsere großen Faunenwerke, die unübersehbare 
Fülle von lateinischen Namen ein Wissen vor, das nicht vorhanden 
ist. Selbst unsere Kenntnis der Fauna Europas ist über das Stadium 
einer ersten, flüchtigen Orientierung bisher nicht hinausgekommen 
und es wird noch der Arbeit vieler Jahrzehnte bedürfen, um das 

*) Siehe E. Suess, Das Antlitz der Erde, Bd. III, 2. Hälfte, Karte I 
und II. Die erwähnte Sonderstellung des afrikanischen Blockes tritt auf 
Karte II ungemein plastisch hervor. 

2 ) Wie viel sich auf diesem Wege an wichtiger und bleibender Er- 
kenntnis gewinnen läßt, zeigt am besten das klassische, in methodologischer 
Hinsicht vorbildliche Werk von Dr. W. Michaelsen, Die geographische Ver- 
breitung der Oligochaeten (Berlin, 1903). 

Z. B. Ges. 59. Bd. X 



(354) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



Fehlende zusammenzutragen. Um wieviel mehr gilt dasselbe von 
den außereuropäischen Kontinenten, speziell von den Tropen, wo 
riesige Landkomplexe noch nie von dem Fuße des sammelnden 
Zoologen betreten wurden. Untersuchungen wie jene von Simroth 
setzen eine viel tiefergehende Kenntnis der Systematik und Fauni- 
stik voraus, als wir derzeit besitzen und sind daher in der Gegen- 
wart wohl als verfrüht zu bezeichnen. 1 ) Ich glaube, daß nicht 

x ) In verstärktem Maße ist dieser Einwand gegen ein anderes biogeo- 
graphisches Werk zu erheben, das fast gleichzeitig mit dem Buche von 
Simroth erschien: Dr. Theodor Arldt, Die Entwicklung der Kontinente und 
ihrer Lebewelt, Leipzig, 1907. Th. Arldt steht als Geograph der zoologischen 
Faunistik und Systematik vollkommen fremd gegenüber und ein richtiges 
Verständnis dieser Disziplinen läßt sich nicht durch Literaturstudium, sondern 
nur durch längere praktische Betätigung in denselben erwerben. Aus dieser 
mangelnden Erfahrung und dem Nichterfassen der Grundbegriffe der syste- 
matischen Zoologie ergeben sich für Arldt viele Fehlerquellen, die sich in 
sehr unglücklichen theoretischen Spekulationen, in den ganz verfehlten Arbeits- 
methoden des systematischen Teiles und in einem Übermaß von falschen 
Verbreitungsangaben äußern. Von den Verbreitungsangaben des systematischen 
Teiles sind mindestens 40% falsch oder ganz mißverständlich angewendet. 
Dies hat seine Ursache wohl zum großen Teil auch in der sehr mangelhaften 
Literaturkenntnis des Autors. Das Literaturverzeichnis am Schlüsse des 
Werkes zeigt, wieviele wichtige Publikationen Dr. Arldt nicht gekannt hat. 
Arldt schöpft seine Verbreitungsangaben ohne alle Kritik aus vielfach schon 
sehr veralteten und unbrauchbaren Handbüchern, die große systematische 
und faunistische Literatur der letzten 2—3 Jahrzehnte ist fast vollständig 
ignoriert. So blieb Arldt z. B. das große Werk der „Fauna Hawaiiensis" 
ganz unbekannt, obwohl er die ungemein wichtige Fauna der Hawaii-Inseln 
vielfach in spekulativer Hinsicht verwertet. (Nicht einmal die neue Auflage 
vonWallaces Island Life, 1902, in der bereits einige Kesultate der „Fauna 
Hawaiiensis" verwertet sind, scheint Arldt zu kennen!) So erklären sich 
denn auch viele falsche Angaben über die Fauna dieser Inseln, wie z. B. die 
Angabe, daß die Hawaii-Inseln keine Cerambyciden besitzen. Tatsächlich 
sind in der „Fauna Hawaiiensis" nicht weniger als 54 Cerambycidenarten an- 
geführt! 

Der biogeographische Teil des Werkes ist zu phantastisch und zu in- 
exakt gearbeitet, um ernst genommen werden zu können. Der geologische 
Abschnitt des Buches ist in mancher Hinsicht eine dankenswerte Kompilation, 
aber auch hier sperrt ein Dickicht allzu kühner Hypothesen nur zu oft den 
klaren Ausblick. Immerhin dürfte sich der geologische Abschnitt, wenn 
mit äußerster Vorsicht gebraucht, in manchen Fällen mit Nutzen ver- 
wenden lassen. 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



einmal unsere Kenntnis der Systematik und Paläontologie der 
Wirbeltiere genug vorgeschritten ist, um eine gesunde ßasis für 
derartige Studien abzugeben. Aus der Naturgeschichte aller übrigen 
Tiergruppen kennen wir aber einstweilen nur kleine Bruchstücke. 

Daß es unter diesen Umstünden selbst einem Autor von der 
Vielseitigkeit und Belesenbeit Simroths nicht möglich war, den 
widerstrebenden Stoff zu meistern, lehrt fast jede Seite in dem 
„Speziellen Teil" des Simroth sehen Werkes. Ich gebe im folgen- 
den eine kritische Besprechung 1 ) des Kapitels über die geographische 
Verbreitung der Orthopteren (Simroth, S. 138 — 140), um zu zeigen, 
wie vielen Fehlerquellen und Mißverständnissen eine solche Dar- 
stellung ausgesetzt ist: 

Die Darstellung Simroths, daß die Phasmiden in Europa 
unter dem Schwingungskreis ausgelöscht seien, steht mit den tat- 
sächlichen Verhältnissen nicht im Einklänge. Wir kennen Stab- 
heuschrecken nicht nur von Dalmatien und Südfrankreich, sondern 
die Gattung Bacillus findet sich ebenso auch bei Pola, Triest und 
Monfalcone, ferner an der Küste von Toskana und Ligurien sowie 
auf der Insel Elba, also unmittelbar unter dem Schwingungskreis. 
— Bis zum Jahre 1907 waren nur zwei Genera europäischer Phas- 
miden beschrieben: Bacillus und Leptinia. Prof. Simroth kann 
also nur diese meinen, wenn er von einer „Verschleierung" der 
natürlichen Verhältnisse durch die Systematik spricht. Bacillus 
und Leptinia gehören aber in ganz verschiedene Subfamilien ! 
Übrigens findet sich Leptinia gar nicht in Südfrankreich, sondern 
in Spanien. 

Die Gattung Pkyllium findet sich außer an den von Simroth 
angegebenen Lokalitäten noch auf verschiedenen anderen Inseln 
von Indonesien und Melanesien, ferner in Vorder- und Hinterindien, 

*) Eine Kritik des Kapitels über die Verbreitung der Oligochaeten gab 
kürzlich Michaelsen, Pendulationstheorie und Oligochaeten, zugleich eine 
Erörterung der Grundzüge des Oligochaetensystems (Mitt. Naturhist, Mus. 
Hamburg, Bd. XXV [1908], S. 153—175). Prof. Michaelsen kommt zu dem 
Schlüsse: „Die Oligochaeten bieten kaum irgend welchen Anhalt für die 
Pendulationstheorie" (1. c, S. 173). Eine Besprechung der Pendulationstheorie 
vom Standpunkte der Koleopterologie gab W.Horn in der Deutschen Eritom. 
Zeitschr., 1908, S. 288-289, 416-418. 

x* 



(356) 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



im Himalaia und in Deutsch -Ostafrika. Da die Gattung zu den 
Stammgästen des tropischen Regenwaldes gehört, kann ihre maxi- 
male Entwicklung im Bereiche des „Ostpoles"- nicht überraschen. 

Die Wanderheuschrecke geht in Rußland noch wesentlich 
weiter nach Norden als in Deutschland (bis Moskau, St. Petersburg, 
Finnland; konf. Jacobson u. Bianchi, Orthopt und Odonaten 
d. Russ. Reiches, 1905, S. 257). 

Die Angabe, daß Barbüistes Ocslcayi bei Brünn vorkommt, 
ist nicht richtig. Die Art ist nur bekannt vom österreichischen 
Litorale und von Mehadia. Ob Tryxalis nasiäa wirklich bei Brünn 
gefangen wurde, ist mir nicht bekannt. Daß Tryxalis nasuta bei 
Brünn und Manüs religiosa im Rheintal ein konjugiertes Paar 
bilden, glaubt wohl auch Prof. Simroth nicht ernstlich. 

Die Neigung der xerophilen Acrididen zur Mimikry ist nicht 
nur in der Sahara zu beobachten, sondern überall, wo dieselben 
unter ähnlichen Faziesverhältnissen leben. Die maximale Entwicklung 
der Phasmiden in Hinterindien, Indonesien und Melanesien hat ihre 
Ursache nicht „in der perpetuierlichen Ruhe des Schwingpolgebietes", 
sondern in der großen Verbreitung und außerordentlichen Üppigkeit 
der tropischen Regenwälder in diesem Gebiete. 

Von einer Besprechung der Angaben Simroth s über die Ver- 
breitung der Forficuliden möchte ich absehen. Diese Angaben sind 
der Bearbeitung der Forticuliden durch Bormans im „Tierreich" 
entnommen. Abgesehen davon, daß diese Bearbeitung naturgemäß 
nur ein äußerst lückenhaftes und unvollständiges Bild der tat- 
sächlichen Verbreitungsverhältnisse bietet, ist auch die von Bor- 
mans gegebene Gattungssystematik sehr wenig befriedigend und 
wird wohl mit Recht in den neueren Arbeiten von Burr weit- 
gehend modifiziert. 

Daß Hemimerus talpoides gerade unter dem Schwingungskreis 
entdeckt wurde, kann ich unmöglich als ein Argument für die 
Pendulationstheorie betrachten. Irgendwo muß ein Tier wohl zuerst 
gefunden werden. Und daß diese Gattung bisher nur aus Afrika 
bekannt ist, muß wohl auch nicht unbedingt auf Polschwankungen 
zurückgeführt werden. 

Die zoogeographische Forschung gliedert sich in eine Reihe 
von Forschungszweigen, welche, zu einem einheitlichen Gebäude 



Versammlung der Sektion für Zoologie. 



(S67) 



zusammengeschlossen, erst die Wissenschaft der Zoogeographie er 
geben. Diese Teildisziplinen sind: 

1. Systematik (einschließlich Paläontologie). 

2. Faunistik. 

3. Ökologie. 

4. Erdgeschichte. 

Die hier eingehaltene Reihenfolge ist wichtig. Um die Ver- 
breitung einer Tiergruppe zu verstehen, müssen wir zunächst die 
Systematik derselben in befriedigender Weise klarlegen. Die nächste 
Aufgabe ist die genaue Feststellung der Verbreitungsgebiete, eine 
weitere Aufgabe, das Studium der Ökologie jeder einzelnen Art. 
Wenn wir diese Vorstudien vollendet haben, werden wir bereits 
einen tiefen Einblick in das Ursächliche der geographischen Ver- 
breitung dieser Tiergruppe besitzen. Aber es wird ein Rest von 
Tatsachen bleiben, den wir aus den durch Systematik, Faunistik 
und Ökologie gewonnenen Erkenntnissen nicht zu erklären ver- 
mögen, und hier erst darf die geohistorische Spekulation einsetzen. 
Der hier vorgezeichnete Weg wäre der naturgemäße. Es ist gewiß 
interessant, daß sowohl Pflanzen- als auch Tiergeographie in ihrer 
bisherigen Entwicklung gerade den umgekehrten Weg gegangen sind. 

Herr Kustos A. Handlirsch demonstriert lebende Exemplare 
von Peripatus, welche Herr Brunnthaler aus Südafrika eingeschickt 
hat, und bespricht die wichtigsten morphologischen Charaktere dieser 
interessanten Tierformen. 



Bericht der Sektion für Koleopterologie. 

Versammlung am 3. März 1909. 

(Vortragsabend.) 
Vorsitzender: Herr Dr. K. Holdhaus. 

I. Herr A. Molitor spricht unter Vorlage von Belegstücken 
bei* seine in Gesellschaft unseres leider verstorbenen jungen Mit- 
gliedes Fr. Nissl im Jahre 1907 unternommene Sara melr eise in 
die Bergamasker Alpen. 



(358) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



Schon einige Jahre vor uns hatten die Herren Reg.- Bat 
Direktor Gangibauer und R. Pin k er in dem am weitesten nach 
Westen vorgeschobenen Teile der Bergamasker Alpen, dem Monte 
Grigna, mit vielem Erfolge gesammelt. Wir hingegen wählten zum 
Sammelgebiete zwei weiter östlich gelegene, gleichfalls sehr günstig 
scheinende Punkte, den Pizzo Arera (2500 m) und die Laghi 
Gemelli, zwei kleine, in 2000 m Seehöhe in einem Kessel gelegene 
Alpenseen. 

Es war unsere Absicht, zunächst am Pizzo Arera zu arbeiten. 
Nach einer etwa zweistündigen Wagenfahrt von Ponte della Selva 
aus, das den Ausgangspunkt unserer Expedition bildete, und vier- 
stündiger Bergwanderung wurde das am südlichen Abhänge des 
genannten Berges in zirka 1500 m Höhe gelegene Wohnhaus eines 
in dem dortigen Zinkbergwerke beschäftigten Obersteigers erreicht, 
wo wir über Rat unseres Führers abstiegen. 

Unser Weg hatte uns durch einen ziemlich dichten, schattigen 
Buchenwald geführt, der sich als sehr reich an günstigen Sieb- 
stellen erwies. So fand sich dort von Blindkäfern der sonst nur 
aus Bosnien und , der Herzegowina bekannte Raymondionymus 
(Ubychia) Holdhausi Gangib., den schon Dr. Josef Daniel im Val 
di Scalve aufgefunden hatte (konf. Gangib auer in M. K. Z., III, 
1906, S. 169), ferner eine Bathyscia {Rinken Gangib. i. 1.) und 
ein Reicheiodes, welcher bisher — leider nur in einem Exemplare 
vorliegend — nicht determiniert werden konnte. Außerdem bargen 
die dichten Laublagen naturgemäß zahlreiche Staphyliniden, Psela- 
phiden und Scydmaeniden, deren Bestimmung die Pierren Dr. Bern- 
hauer und Dr. Hold haus übernahmen. 

Unter Steinen, im Buchenwalde sowohl wie auch weiter oben, 
bis ungefähr 1600 m Höhe wurde Molops edura Dej. form. typ. (in 
größerer Anzahl, doch durchwegs cf 1 ) und Abax oUongus Dej. (gleich- 
falls recht häufig) erbeutet. Letztere Art geht noch weit höher 
hinauf. 

Blühende Goldregenbüsche, die in den subalpinen Lagen sehr 
zahlreich angetroffen wurden, beherbergten verschiedene Malthodes- 
Arten, darunter Malth. tetraglyphus Gangib. nov. spec. in Anzahl; 
man hätte in wenigen Tagen Hunderte dieser neuen Art im Klopf- 
schirm haben können. 



Versammlung der Sektion für Koleopterologle. 



(359) 



Weniger reich zeigten sieh die höheren Lagen, etwa von 
L500 — 2000 in. Hier fanden sieh außer dem schon erwähnten Abax 
noch Carabus lombardus Kr. (ziemlich zahlreich), eine noch nicht 
klargestellte Varietät von Car. Creittzeri F., Cychrus cylindricolUs 
Pin i, Gychr. angustatus Hoppe (viel seltener als der vorige), Nebria 
lombarda K. Dan., Pterostichus lombardus K. Dan., Pter. multi- 
punctatus Dej., Agomim teriolense var. lombardum Dan. (eine der 
allerhäufigsten Arten), Abax ater var. lombardus Fiori (nicht eben 
selten), Trechus Pertyi var. insubricus Dan. (gemein), verschiedene 
Amaren und Bembidien, Otiorrhynchus nodosus Fabr. und Otiorrh. 
lombardus Stierl. (= arenosus Stierl.), beide nicht selten. Von 
Dichotracheliis Imhoffi Stierl. wurde bloß ein Exemplar unter einem 
Steine gefunden. 

Wir verließen den Arera schon nach wenigen Tagen ; da 
beabsichtigt war, noch längere Zeit an den Laghi Gemelli zu 
sammeln. Diese waren unter Zuhilfenahme eines Wagens nach 
etwa sechsstündiger Fahrt gleichfalls ohne Schwierigkeit zu er- 
reichen. Standquartier wurde in dem dort befindlichen Schutzhause 
aufgeschlagen. 

Die dortige Fauna erwies sich natürlich als ziemlich überein- 
stimmend mit der hochalpinen des Pizzo Arera. Auffällig waren 
die vielen Tagfalter, die, begünstigt durch die außerordentlich an- 
genehme Witterung, dort flogen. Mit Ausnahme etwa von Otiorrh. 
nodosus Stierl. sowie der beiden erwähnten Cychrus -Arten fanden 
sich daselbst alle von den höheren Lagen des Arera angeführten 
Arten wieder. Als Spezifikum der Laghi Gemelli sind die zahl- 
reichen Dytisciden zu erwähnen (deren Bestimmung unser Mitglied 
Herr J. Breit freundlichst übernommen hat) sowie die außerordent- 
liche Häufigkeit von Dichotracheliis Imhoffi Stierl., von dem an 
einem Tage etwa 200 Stück gefangen wurden. Die Hydrophiliden 
hingegen waren spärlicher vertreten. 

Das Sieben von Moos und Rhododendron-Laub war nur von 
geringem Erfolge begleitet; es wurden auf diese Weise nur einige 
wenige Staphyliniden, Pselaphiden und Scydmaeniden sowie ein 
Dichotrachelus Imhoffi Stierl. erbeutet. 

Nur wenig günstiger erwies sich in dieser Hinsicht ein Fichten- 
bestand ; der am Abstiege nach Branzi (Val Brembana) gelegen 



(360) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



war. Auch hier fanden sich in morschen Stümpfen Käfer aus den 
genannten Familien, aber nur in unerheblicher Anzahl. 

Ein alle aufgefundenen Spezies umfassendes Verzeichnis hoffe 
ich an dieser Stelle veröffentlichen zu können, sobald die Deter- 
mination der noch strittigen Arten zu Ende geführt ist. 

Unsere Reise war auch in quantitativer Hinsicht ungemein 
ergiebig, und es kann nur jedermann empfohlen werden, sie zu 
unternehmen, zumal man überall erträgliche und billige Unter- 
kunft findet und keinerlei Fährlichkeiten beim Bergsteigen zu ge- 
wärtigen hat. 

II. Herr Dr. K. Holdhaus referiert über das Werk von 
Penck-Brückner, Die Alpen im Eiszeitalter, welches nun- 
mehr abgeschlossen vorliegt. Das Werk besitzt naturgemäß für 
den Biogeographen großes Interesse. Außerdem legt Vorsitzender 
neuere koleopterologische Literatur vor. 

III. Herr F. Heikertinger legt Beobachtungsnester von Lasius 
flavus mit zahlreichen lebenden Claviger testaceus Preyssl. vor. Die 
Tiere wurden von Herrn A. Molitor Mitte Februar im Leitha- 
gebirge in großer Anzahl gefangen (der ausgehobene Teil eines 
einzigen Nestes — kaum die Hälfte desselben — enthielt mehr 
als 50 Claviger). 

Versammlung am 1. April 1909. 

(Konversationsabend.) 
Vorsitzender: Herr Reg.-Rat Direktor L. Gangibauer. 

I. Herr Reg.-Rat Gangibauer bespricht neuere Literatur. 

II. Herr F. Heikertinger legt Photographien von Insekten, 
deren Eigelegen, Larvenstadien und Fraßbildern vor. Dieselben 
sind von Herrn Fr. Scheidter, Assistent für Zoologie an der 
k. forstlichen Hochschule in Aschaffenburg, in durchschnittlich zwei- 
facher Vergrößerung aufgenommen; erscheinen vorzüglich gelungen 
und bringen zum Teile sehr instruktiv biologische Eigentümlich- 
keiten zur Anschauung. So zeigen beispielsweise die Aufnahmen 



Versammlung der Sektion für Koleoptefologi 



(861) 



dreier Gelege von Melasoma poptdi L. fast durchwegs aufrecht 
stehende, eng* aneinandergedrängte, dunkelfarbige Eier, wogegen 
die (laut Mitteilung unter den gleichen Umständen aufgenommenen) 
Bilder zweier Gelege der nächstverwandten Melasoma tremulae F. 
nur locker gruppierte, stark geneigte oder völlig liegende, ganz 
hellfarbige Eier darstellen. 

Speziell auf biologischem Gebiete dürfte die Photographie — 
nicht bloß, was den eigenen Reiz der hübschen Bilder, sondern 
auch, was deren biologisch wissenschaftlichen Wert anbelangt — zu 
einer Rolle berufen sein und ist einer weitestgehenden Beachtung 
zu empfehlen. 

III. Herr F. Heikertinger legt die Beschreibungen zweier 
neuer Halticinen der Fauna Europas vor: 

Orestia calabra Heikertinger nov. spec. 

Form aus der nächsten Verwandtschaft der Or . Electra Gredl. 
(Fandellei All. und apennina Wse.), in Größe, Gestalt und Färbung 
mit dieser übereinstimmend, aber durch die in Spuren vorhandene 
Querdepression des Halsschildes und die Penisform sicher ver- 
schieden. 

Breit eiförmig (besonders das 9), stark gewölbt, nach hinten 
etwas stärker als nach vorne zugespitzt verlaufend; heller oder 
dunkler gleichmäßig satt kastanienbraun (unreife Stücke gelblich), 
glänzend, Fühler und Beine heller. 

Kopf klein und gesenkt; wie bei Electra mit undeutlichen 
Höckern, die nur nach unten zu gut begrenzt sind. 

Halsschild kurz ; an der Basis nicht ganz doppelt so breit als 
in der Mittellinie lang, nach vorne ziemlich geradlinig verengt, 
Hinterecken in der Anlage stumpfwinkelig, mit scharfem Spitzchen 
und deutlicher Seta. Vorderecken von der vorderen Borstenpore 
an nach vorne etwas lappig erweitert, vorgezogen und schief gegen 
den Kopf zu verrundet; an der vorderen Borstenpore kein zahn- 
artiger Vorsprung. Oberfläche des Halsschildes glatt, mit Spuren 
von verstreuten, undeutlich pünktchenartigen Unebenheiten. Die 
Längsstrichel jederseits an der Halsschildbasis sind lang (länger 
als 1 j d der Halsschildlänge an dieser Stelle), scharf eingegraben; 



(362) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 





zwischen ihnen ist bei entsprechendem Lichteinfall eine sehr flache 
undeutliche Quersenkung bemerkbar, die bei Pandellei (Electra 
und apennina) vollständig fehlt. 

Flügeldecken ohne Schulterbeule, nach hinten allmählich zu- 
gespitzt; Punktreihen ungefähr wie bei Electra, ziemlich weitläufig, 
mäßig stark und zuweilen unsicher eingestochen, nach außen und 
hinten allmählich verlöschend, im Spitzendrittel fast ganz ver- 
schwunden. 

d\ Die ersten Tarsenglieder aller Beine (der hinteren schwächer) 
verbreitert. Das letzte völlig sichtbare, lange Abdominalsternit an 
der Spitze halbkreisförmig vorgezogen, mit 
dem darauffolgenden Sternitstück eine halb- 
mondförmige Austrittsspalte für den Penis 
bildend. 

Penis der calabra (Fig. 1) von dem der 
Electra (Fig. 2) stark verschieden. Bei ca- 
labra ist er von unten (oder oben) gesehen 
ziemlich parallelseitig, in der spitzenwärts ge- 
legenen Hälfte ein wenig erweitert, mit einer 
plötzlich und steil verrundet dreieckig abge- 
stutzten Spitze, die ein an die Parallelseiten 
angesetztes, ganz niedriges Dreieck darstellt 
(Fig. 1). Die Unterseite ist ziemlich gleich- 
mäßig schwach gewölbt, gegen die Spitze 
(vonuntenX flacher, ohne besondere Skulptur. Im Profil 
ist dieser Penis im basalen Drittel am dicksten, 
nach der Spitze zu allmählich und ziemlich gleichmäßig bis auf 
das ganz dünne Endstück verengt, im allgemeinen nur ganz sanft 
gekrümmt, nahe der Spitze einigemale schwach hin und her ge- 
krümmt. 

[Vergleichsweise skizziere ich hier den Penis von Electra 
nach Stücken von Campogrosso (Lessin. Alpen, Pinker) und der 
Colli Euganei (Poebene, Moczarski): Kürzer und breiter, ^schon 
vom apikalen Drittel an ziemlich geradlinig in eine langgezogene 
und scharfe Spitze konvergierend (Fig. 2); Unterseite schwach ge- 
wölbt, im Spitzendrittel mit einer schmalen, länglichen, flachen 
Mulde, an den Seitenteilen mit schiefen Riefen oder Runzeln. Von 



Fig. 1. 

Penis der 
Or. calabra 
(von unten). 



Fig. 2. 
Penis der 

Or. Electra 



Versammlung der Sektion für Koluopterologle. 



der Seite gesehen ist dieser Penis sehr dünn, flach, sehr wenig 
gekrümmt. 

Ähnliehe Penisformen wie diese (normalen) Electra zeigen 
Stücke vom Monte Generoso (Gangibauer), von Emilia (Fiori) 
und Lucca (die beiden letzteren allerdings leicht abweichend — 
Rasse apennina Weise), die sich hierdurch sämtlich weit von caläbra 
entfernen.] 

Länge: 1*8 — 2*2 mm. 

Die Form wurde von Herrn G. Paganetti-Hummler in 
einiger Anzahl auf dem Aspromonte an der Südspitze Kalabriens 
erbeutet. Sie stellt hier zweifellos die Vikariante der Electra (Pan- 
dellei, apennina) dar und ich lasse vorläufig die Frage offen, ob 
sie nicht ungeachtet ihrer ausgeprägten Sondermerkmale nur als 
stark differenzierte Rasse des letztgenannten Artkomplexes aufzu- 
fassen sein wird. 

JPsylliodes Bambouseki Heikertinger nov. spec. 

Art aus der Gruppe der Ps. glabra Duft., durch unpunktierten 
Kopf und braunrote Färbung auffällig. 

Körperform der glabra (kurz eiförmig, ziemlich hoch gewölbt), 
aber beträchtlich kleiner; der ganze Käfer heller oder dunkler 
braunrot, nur die Oberlippe und die äußersten Umrandungslinien 
von Halsschild und Flügeldecken dunkler; Taster, Fühler und Beine 
vollständig rötlichgelb, nirgends angedunkelt. Mir liegen sieben 
ausgehärtete Stücke von dieser Färbung vor, so daß ich annehme, 
daß das Braunrot dem Tiere eigentümlich und nicht eine Jugend- 
färbung sei. 

Kopf gesenkt, mit gut ausgeprägten Stirnlinien, die sich 
zwischen den Augen kreuzen und zwei einander gerade gegenüber- 
liegende, schmale Plaketten umschließen. Die stets sehr deutlichen 
oberen Teilstücke der Linien laufen nach oben zu ein Stück parallel 
mit dem Augenrande und verlaufen rückwärts in diesen. Den 
Kreuzungspunkt in der Mitte der Stirn e markiert oft ein Quer- 
grübchen; dieses kann fehlen und die unteren Teilstücke der Stirn- 
linien können verlöschen, so daß nur die oberen Teilstücke der 
Linien eine einzige Querlinie durch die Stirne ziehen. Der Stirnkiel 
bildet ein längliches, mit der Spitze nach unten gekehrtes Dreieck. 



(364) 



Versammlung- der Sektion für Koleopterologie. 



Stirne fein, aber deutlich chagriniert, Scheitel fast glatt; beide 
ganz ohne Punkte, nur seitlich, nahe den Augenrinnen, stehen zwei 
bis drei kleine, deutliche Punkte, meist in Längsrichtung hinter- 
einander. 

Halsschild zirka 1 1 / a mal so breit als lang , hoch gewölbt, 
nach vorne stark verengt, ziemlich glatt, seidenglänzend, äußerst 
fein chagriniert und mit zerstreuten, verloschenen (nur unter starker 
Lupe sichtbaren) Pünktchen besetzt. Die Borstenpore hinter den 
Vorderecken tritt nicht als Ecke vor, so daß die Seiten gleichmäßig 
verrundet erscheinen. 

Flügeldecken ohne Spur einer Schulterbeule, an der Basis 
von Halsschildbreite, dahinter bis zur Mitte schwach erweitert, 
kräftig punktiert, die Punktstreifen auch außen deutlich und nur 
an der Spitze verlöschend. Zwischenräume uneben, deutlich zer- 
streut punktiert, kaum granuliert und daher ziemlich glänzend. 

Hinterschienen ziemlich kurz, am Außenrande ohne deutliches 
Leistenzähnchen, die Tarsen nahe der Spitze der Schiene (in zirka 
1 U — Vö ^ er Gesamtlänge der Schiene) eingefügt. Von den kurzen 
Tarsengliedern ist das erste beim cT an den Vorderbeinen stark, 
an den Mittelbeinen schwächer erweitert. 

Ungeflügelt. Länge: I/o — 2 mm. 

Die Art, die hinsichtlich ihrer hellen Färbung in der Gruppe 
allein steht, ist von unreifen glabra, Frivaldszhyi, Sturanyi und 
Schivarzi leicht durch die unpunktierte Stirne zu unterscheiden. 
Ps. Danieli Wse. (aus den Südtiroler Alpen) ist ihr ähnlich, besitzt 
aber (nach Vergleichung der Typen, die ich gemeinsam mit Herrn 
J. Weise vornahm) einen weit feiner chagrinierten, glänzenden 
Halsschild, der nicht die Spur einer Punktierung zeigt, sowie feinere 
Deckenstreifen,! die seitlich und rückwärts bald verlöschen und 
deren Zwischenräume kaum sichtbar punktuliert sind. Überdies 
ist Danieli schwarz. 

Die neue Art wurde von Herrn F. Gr. Rambousek in wenigen 
Stücken in den Steiner (Sannthaler) Alpen (Goli vrh, 24./VII. 07) 
erbeutet. Erwähnenswert ist, daß von gleicher Stelle (am gleichen 
Tage gesammelte) typische glabra (2 — 24 mm lang) vorliegen. 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



(365) 



Versammlung am 6. Mai 1909. 

(Vortragsabend.) 
Vorsitzender: Herr Reg.-Rat Direktor L. Gangibauer. 

Herr Dr. K. Hold Ii aus spricht über seine im April dieses 
Jahres unternommene Sammelreise nach Italien (Poebene, Toskana). 
Da die Bearbeitung des Materials noch nicht abgeschlossen ist, 
kann ein ausführlicher Bericht über die Ergebnisse dieser Reise 
erst später gebracht werden. 



Versammlung am 4. November 1909. 

(Vortragsabend.) 
Vorsitzender: Herr Reg.-Rat Direktor L. Gangibauer. 

I. Herr Dr. K. Holdhaus berichtet über die Ergebnisse 
einer koleopterologischen Exkursion in das Gebiet des 
Großglockners. 

Mitte August dieses Jahres unternahm ich in Gesellschaft des 
Herrn Direktor Diener aus Budapest eine mehrtägige Sammel- 
exkursion zum Glocknerhaus. Infolge der vorgeschrittenen Jahres- 
zeit waren besondere sammlerische Ergebnisse nicht zu erwarten, 
der Zweck des Ausfluges bestand auch viel weniger darin, reiche 
Koleopterenausbeute zu gewinnen., als vielmehr biologische Beob- 
achtungen an hochalpinen Koleopteren anzustellen. 

Wir sammelten ausschliei31ich in hochalpinem Areal, und zwar 
entlang der beiden Anstiegsrouten vom Glocknerhaus zur Pfandl- 
scharte, speziell auch in der Umgebung des Pfandlschartengletschers, 
ferner in der sogenannten Gamsgrube, einem eisfreien, in einer 
Höhe von 2500 m gelegenen kleinen Kar, etwa eine halbe Stunde 
hinter der Franz Josefs-Höhe. Auf dem Wege vom Glocknerhaus 
zur Pfandlscharte wurden folgende Arten gesammelt: Carabus dlpe- 
stris Koppel Kr., Nebria Hellwigi Panz., Germari Heer, castanea 
Bon., atrata Dej. (erst oberhalb 2400 m), Bembidium glaciale Heer, 
Amara Quenseli Schh., Patrobus septentrionis Dej., Cymindis vapo- 
rariorum L., Geodromicus globulicollis Mannh., StapJiylinus eyaneus 



(366) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



hypsibatus Bernh., Byrrhus fasciatus F. und alpinus Gory, MaWwäes 
atramentarius Kiesw., Orina frigida Wse. ; JBrachyta interrogationis 
L., Otiorrhynchus älpicola Bob. und chalceus Stierl., Aphodius mixtus 
Vill. und gibbus Germ., sowie einige andere, derzeit nicht deter- 
minierte Koleopteren. 

Sehr interessant ist die Koleopterenfauna der Gamsgrube. 
Der Boden der Gamsgrube besteht fast ausschließlich aus ziemlich 
steilen Schutthalden (kristallinischer Schiefer), welche nur eine sehr 
artenarme, spärliche Vegetation tragen, die an vielen Stellen den 
nackten Boden durchblicken läßt. Auf diesen Schutthalden fand sich 
nur eine äußerst artenarme Koleopterenfauna. Wir fingen während 
dreistündigen Sammeins insgesamt nur vier Arten, u. zw. Otior- 
rhynchus chalceus und älpicola, beide in wenigen Stücken, ferner 
ein Exemplar Chrysomela marginata L. und eine Serie von Stücken 
der neuen, bisher nur aus der Gamsgrube bekannten, im Jahre 
1908 von dem Lepidopterologen Herrn Fritz Hoffmann (Krieglach) 
entdeckten Chrysomela Hoffmanni Gglb. Wir fanden diese Art an 
vegetationsarmen Stellen unter lose aufliegenden Steinen sitzend, 
vereinzelt auch frei am Boden umherkriechend. In Gesellschaft 
der Imago fanden sich auch bereits ziemlich erwachsene Larven 
der Art. Die eigenartigen ökologischen Bedingungen der sehr hoch 
gelegenen Schutthalde scheinen der Chrysomela Hoffmanni besonders 
zu entsprechen, denn wir trafen die Art an keiner anderen Stelle 
im Glocknergebiet; ich fand sie auch nicht am Ankogel und am Mall- 
nitzertauern, wo ich seinerzeit viel sammelte, aber die Schutthalden 
nicht untersuchte. Chrysomela Hoffmanni besitzt rudimentäre Flügel. 

Besondere Beachtung wurde der Fauna der hochalpinen 
Moränen geschenkt, deren Kenntnis von theoretischer Bedeutung 
ist. Die Gletscher des Glocknergebietes befinden sich derzeit im 
Zurückgehen und daher ist sowohl am Rande des Pasterzen- als 
des Pfandlschartengletschers junges Moränenmaterial freigelegt. 
Der Moränen boden in der Nähe des Gletschers erwies sich als 
vollkommen käferlos, die charakteristische Fauna der hochalpinen 
Schneefleckenränder fehlt vollständig. Der Boden trägt daselbst 
auch keine Vegetation, er besteht aus einem Muß von feinem Ge- 
steinsmehl und Sand mit vielen größeren und kleineren einge- 
schalteten Gesteinstrümmern und Blöcken. 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie, 



(867) 



An mehreren Stellen trafen wir in einer I ü »li<- von 2200 — 2300m 
hochalpine Schneeflecken auf alten (eiszeitlichen) Moränen auf 
ruhend. Die Fauna am Rande dieser Schneeflecken war extrem 
arm. Es landen sieh in äußerst geringer Anzahl Nebria castanea 
und Hellwigi sowie Geodromicus globulicollis Zett; das Vorkommen 
der Nebrien ist wohl dem Umstände zuzuschreiben, daß sieh in 
unmittelbarer Nähe dieser Scbneeflecken anstehendes Gestein befand. 

Sehr interessante Beobachtungen ließen sich in der Nähe des 
großen seitlichen Moränenwalles anstellen, der den Pfandlscharten- 
gletscher in der Richtung* gegen das Glocknerhaus zu begrenzt. 
Hier besteht der Boden aus altem Moränenschutt, aus dem zahl- 
reiche kleine, aus anstehenden kristallinen Schiefern bestehende 
Rundhöcker emportauchen. Die Lokalität liegt in einer Hohe von 
über 2500 m. Der einzige Käfer, den wir hier fanden, war Nebria 
atrata. Diese Art jedoch lebte hier in großer Menge. Während 
aber Nebria atrata auf den Rundhöckern in sehr großer Anzahl 
anzutreffen war, lebten auf dem lockeren Moränenschutt nur ganz 
vereinzelte, verlaufene Exemplare. Der faunistische Gegensatz 
zwischen Moränenboden und festem Gestein ließ sich hier auf 
engstem Räume in klarer Weise feststellen. 

Im ganzen fand ich die bereits früher gewonnene Erfahrung 
neuerdings bestätigt, daß Moränenböden im Hochgebirge im Ver- 
gleich zu den auf festem Fels ruhenden Böden sehr tierarm sind 
und namentlich von der typisch montanen Fauna gemieden werden. 
Daß in Gebieten, wo Moränenboden und Felsboden in unmittelbarer 
Nachbarschaft und vielfacher Durchwachsung auftreten, sehr häufig 
Exemplare montaner Arten in den Moränenboden hinausgehen, 
liegt in der Natur der Sache. Durch die Ablagerung von Moränen- 
material während der Eiszeit wurde der montanen Fauna unserer 
Alpen viel Lebensraum entzogen. 

Die Eiszeit bewirkte aber noch in anderer Weise eine Ver- 
minderung des Lebensraumes der montanen Fauna. Die Erosion 
der Gletscher verwandelt bekanntlich den ursprünglich V-förmigen 
Querschnitt der Täler in einen U- förmigen. Die dadurch zustande- 
kommende Übertiefung der Täler führt zur Entstehung mächtiger 
Schutthalden, die auf die Fauna und Flora nicht weniger lebens- 
feindlich wirken als die Moränenböden. Auf der Wagenfahrt durch 



(368) 



Versammlung der Sektion für Roleopterologie. 



das obere Mölltal und im Glocknergebiet selbst sieht man allent- 
halben die Flanken der Berge von Schutthalden überzogen. In der 
Waldregion ist die Vegetation dieser Schutthalden durch sehr auf- 
fälliges Hervortreten der Grünerle gekennzeichnet. 

Die hier in Kürze mitgeteilten Beobachtungen lassen es ver- 
stehen, warum die während der Eiszeit intensiv vergletscherten 
Teile unserer Alpen noch gegenwärtig im Vergleiche zu der fauni- 
stisch äußerst reichen Randzone von massivs de refuge eine recht 
arme und monotone Montanfauna tragen. Die Rückwanderung der 
Montanfauna in das während der Eiszeit verlorene Areal vollzog 
sich nicht ohne Schwierigkeit, da vielfach Moränen und Schutt- 
halden den Weg sperrten. Sehr vielen, in ökologischer Hinsicht 
anspruchsvollen Arten wurde dadurch die Reimmigration in die 
zentralen Teile der Alpen unmöglich gemacht, wir finden sie noch 
heute zusammengedrängt in einer schmalen Zone von Randgipfeln, 
die den Südostrand (Zirbitzkogel, Koralpe, östliche Karawanken, 
Bachergebirge) und Südrand der Alpen begleitet. 

II. Herr Reg.-Rat Gangibauer spricht unter Vorlage von 
Belegstücken über die Käferfauna der Thermen von Valdieri 
(Seealpen). 

III. Derselbe legt eine Kollektion der seit Erscheinen des 
ersten Bandes der Käfer von Mitteleuropa (1891) neu beschriebenen 
AnopMkalmus -Arten Mitteleuropas vor. 

IV. Weiters bringt der Vorsitzende neue Literatur zur Vor- 
lage; besprochen wird eine Arbeit Jean n eis über die Spelaeonomus 
der pyrenäischen Höhlen. 

V. Herr R, Pinker demonstriert Präparate von Bathyscia 
Pinlceri Gangib. LI. 

Versammlung am 2. Dezember 1909. 

(Vortragsabend.) 
Vorsitzender: Herr Dr. K. Holdhaus. 

I. Herr Dr. K. Hold haus hält einen längeren Vortrag über 
die Biologie der in der Erde lebenden Tiere. (Eine aus- 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



führliche Arbeit über den Gegenstand wird demnächst in der Zeit- 
sehr, für wissensch. [nsektenbiol. erscheinen.) Anschließend hieran 
bespricht der Vortragende einen neuen Gesiebeausleseapparat von 
Prof. Her lese in Florenz. 

IL Herr F. Heikertinger legt die Beschreibungen eines 
neuen Subgenus und einer neuen Halticinenspezies der 
paläarktischen Fauna vor: 

Chaetocnema Christinae Heikert. nov. spec. 

Eine Chaetocnema s. str. aus der Verwandtschaft der arlda 
Foudr. und -hortensis GeofT. ap. Fourcr. (aridella Payk.), von der 
Länge einer mäßig großen hortensis, doch in den Flügeldecken be- 
deutend schlanker als diese, bleischwarz mit mattgrünem Schimmer, 
Kopf und Halsschild fein punktiert. Durch die schmäleren Decken 
ein wenig an den Habitus der Gruppe procerula-angustula-compressa 
erinnernd, aber die Deckenstreifen auf der Scheibe verworren. 

Oberseite bleischwarz, schwach grün schimmernd, fein gewirkt, 
fettig glänzend; Beine schwarz, ausgefärbt nur die Gelenke und 
Tarsen, unausgefärbt die ganzen Schienen mehr oder weniger lehm- 
braun, die vorderen meist dunkler als die mittleren und hinteren; 
Fühler schwarz, ausgefärbt Glied 2 und 3 unterwärts, unausgefärbt 
Glied 1 unten und an der Spitze, Glied 2 und 3 fast ganz und 
Glied 4 unterseits lehmbraun. 

Kopf feiner als bei hortensis, etwa wie bei aridula Gyllb. 
punktiert. 

Halsschild länger und gewölbter als bei hortensis (beim cT 
etwa P/2 mal so lang als breit, beim $ breiter), 1 ) sehr hoch gewölbt, 
seitlich stark abfallend, nach vorne und hinten gleich schwach ver- 
engt, an den Seiten der Scheibe undeutlich flach beulenförmig er- 
haben, dahinter im Basaldrittel etwas niedergedrückt. Dieser nieder- 
gedrückte Teil weist die stärkste Punktierung des Halsschildes auf 
und läßt die Leiste des Hinterrandes, vor der eine kräftige, un- 
regelmäßige Punktreihe steht, deutlich emportreten. Nur die Mitte 

*) Man achte bei Halticinen stets darauf, mit und 9 m ^ 9 zu 

vergleichen, da ein Vergleich verschiedener Geschlechter falsche Resultate 
ergeben muß. 

Z. B. Ges. 59. Bd. y 



(370) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



der Halsschildbasis bleibt frei und von hier erstreckt sich bis über 
die Hälfte des Halsschildes nach vorne ein schmaler, ebener, ganz 
impunktierter Streifen. Punktierung des Halsschildes im allgemeinen 
der von aridula ähnlich. 

Flügeldecken wenig breiter als der Halsschild, mit flacher 
Schulterbeule, die bei vielen Stücken nur einen unpunktierten, kaum 
gewölbten Raum vor den plötzlich abbrechenden äußeren drei 
Deckenstreifen darstellt. Die Punktstreifen rückwärts ziemlich regel- 
mäßig, nur gegen die Basis und Naht zu ineinandergewirrt, so 
kräftig wie bei Jiortensis, doch im allgemeinen reiner und regel- 
mäßiger. 

Beine robust, Tarsen breit; das erste Tarsenglied der Vorder- 
beine des cT aber schwächer erweitert als bei Jiortensis, kaum so 
lang als die beiden folgenden Glieder zusammen und nicht breiter 
als Glied 3. 

Unterseite schwarz, metallgrünlich überflogen, überall kräftig 
punktiert. 

Länge: 1*8 — 2 mm. 

Die Art, die nach dem Werke Weises (Ins. Deutschi., VI, 
S. 775) eventuell auf Cli. arida var. aestiva Wse. bezogen werden 
könnte, ist nach einer vom Autor der letztgenannten Form selbst 
vorgenommenen Vergleichung mit dieser nicht identisch (Halsschild- 
form und Halsschildskulptur, Breite der Decken etc.). Auf arida 
Foudr. typ. kann sie nach der Originalbeschreibung der letzteren 
nicht bezogen werden. 

Ich sammelte das Tier in geringer Zahl in der ersten Hälfte 
des Mai 1906 in der nahen Umgebung Bozens (Südtirol). Dort 
bewohnte es eine einzige Stelle an einer felsigen Berglehne, auf 
deren dünner Humusdecke sickerndes Bergwasser einen Rasen von 
feuchtigkeitsliebenden Pflanzen ernährte. Meiner Vermutung nach 
lebte es auf einer dort häufigen Carex-kxt. 

Ich widme die Art der lieben, werktätigen Begleiterin der 
Bozener Sammelfahrten, meiner Frau. 

Mantura subgen. nov. Stenomantura Heikert. 
G. Seidlitz, der in seiner Fauna transsilvanica, p. 803, Poda- 
grica Foudr. als Subgenus zu Mantura stellt, — eine entschiede 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



abzulehnende Gattungsvereinigung 1 ) — sagt bei der Gattung Ochrosis 
Foudr. nach Anführung der Arten ventralis und salicariae: „Hierher 
noch Ocht. Krüperi Wse., rubicunda Perr. und pisana All. aus dem 
Mittelmeergebiete. Vielleicht muß auch die cylindrica Mi 11. 
aus Dalmatien, die wegen der fehlenden Längsstriche des 
llalsschildes nicht bei Mantura stehen kann, hierher ge- 
bracht werden." 

Ich weiß nicht, was Seid Ii tz veranlaßt hat, Miller, der ein 
guter Halticinenkenner war, eine solche Gattungsverwechslung zu- 
zutrauen; jedenfalls ist die cylindrica Mill. schon nach ihrer Be- 
schreibung auf keinem Fall bei Ochrosis unterzubringen. 

Was das Fehlen der Halsschildstrichel anbelangt, so ist von 
demselben die Gattungszugehörigkeit nicht abhängig. Ghaetocnema 
chloropliana Duft, und Coijei All. stehen im Subgenus Tlanoma 
Mötsch, jedenfalls mit vollem Rechte unmittelbar nebeneinander und 
dennoch besitzt chlorophana ein deutliches tiefes Strichel, Coyei 
keines. Es geht eben nicht an, Halticinengattungen auf Grund 
eines einzigen, willkürlich herausgegriffenen Merkmales auseinander- 
zureissen oder zusammenzuschweißen, ohne das Wesen dieses Merk- 
males genau zu kennen. 

Mantura cylindrica ist eine Mantura mit fehlendem Hals- 
schildstrichel. 2 ) Sie teilt diese Eigenschaft übrigens noch mit einer 
anderen Art der Gattung: suturata Fairmaire (Rev. Zool., 1873, 
p. 359) aus Algier, mit welcher laut Bedels Angabe (Abeille, XXVIII, 
p. 156) die limbata All. (Abeille, XIV, 1876, p. 24) identisch ist. 
Die Übereinstimmung beider Arten (cylindrica und suturata) hin- 
sichtlich des Mangels der Halsschildeindrücke sowie hinsichtlich 
der schmalen zylindrischen Form der Decken veranlaßt mich, die- 
selben zu Repräsentanten einer besonderen Untergattung — Man- 

J ) Auch Weise hat sich (Deutsch. Ent. Zeitschr.. 1892, S. 414) über die 
„merkwürdige Begrenzung" der Halticinengattungen in der Seidlitzschen 
Arbeit ablehnend ausgesprochen. 

2 ) Das Halsschildstrichel war zweifellos den Vorfahren der heutigen 
Form eigen und ging den Generationen im Verlaufe der Entwicklung verloren. 
Es erscheint mir daher keineswegs ausgeschlossen, daß es an einzelnen Stücken 
(vielleicht lokal?) noch in Spuren auftritt. (Man vergleiche das Schwinden 
der Halsschildeindrücke bei Chaetocnema etc.) 

y* 



(372) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



Iura subgen. nov. Stenomantura m. — zu machen, welche 
durch die oben genannten Merkmale charakterisiert ist. Von den 
Arten des Subgenus Mantura s. str. steht den Arten des neuen 
Subgenus habituell am nächsten Mant. Matthewsi Curtis. Gleich 
dieser Art weisen die Stenomantura -Arten verstreute Punkte im 
äußersten Zwischenraum der Deckenstreifen auf und gleich dieser 
Art zeigen sie auch das beachtenswerte weite Variieren der Metall- 
färbungen, das dem Genus Mantura im übrigen fremd ist. 

Die mir bekannten Stenomantura -Arten sind: 1 ) 
l 1 . Flügeldecken einfarbig; von den Punktstreifen nur der erste 
und der Skutellarstreifen verworren, der zweite regelmäßig; 
Schenkel der Vorder- und Mittelbeine dunkel; Oberseite hell 
messingglänzend (Type von Miller bei Zara in fünf Exem- 
plaren gekötschert), dunkel kupferglänzend (San Basilio, 
Murgien, Paganetti) oder schwarzgrün, kaum metallisch 
(San Basilio, Murgien, Paganetti; Monte Baldo, Wingel- 
müller). 2 ) Anscheinend sehr selten. Länge: 1*8 — 2 mm. 

cylindrica Mill. 

1. Flügeldecken schwarzkupferig, jederseits mit einer breiten blaß- 
gelben Längsbinde, die fast die ganze Außenhälfte jeder 
Decke einnimmt; der erste und zweite Punktstreifen der 
Decken samt dem Skutellarstreifen verworren, der dritte 
Streifen regelmäßig; Schenkel der Vorder- und Mittelbeine 
hell. Boghari (Fairmaire), Bethlehem (Allard). [Mir vor- 
liegend ein Stück aus Palästina (Pic)]. Länge: 2 — 23 mm. 

suturata Fairm. (limbata All.). 

*) Von den westpaläarktischen Arten der Gattung Mantura ist mir nur 
nitens All. aus Algier in natura unbekannt geblieben-, Mant. japonica Jacoby 
(Proc. Zool. Soc. London, 1885, p. 720) und fulvipes Jacoby (1. c.) aus Japan 
sind nach den Beschreibungen zu Mantura s. str. zu stellen. 

2 ) Mir vorliegend zwei Stücke aus San Basilio, ein Stück vom Mont 
Baldo. Zoogeographisch interessant ist das Vorkommen dieses Mediterrantiere 
auf dem Monte Baldo. Ein Seitenstück hierzu ist Hermaeophaga (Orthocrepis 
ruficollis Luc, die, aus Nordafrika, Südspanien, Sizilien, Korfu, Albanie 
(Küste bei Avlona), Kleinasien, Transkaspien, Buchara und Turkestan bekann 
gleichfalls auf dem Monte Baldo (Altissimo, Ad. Hoffmann) erbeutet wurde 
Der Cat. Col. Heyd., Reitt. et Weise, ed. II, führt als Patria der cylinäric 
auch „Rossia merid." an, wohl nach einem Stücke der Coli. Weise aus Derbent 



Versammlung der Sektion l'iir Koleopterologie. 



(878) 



III. Der Vorsitzende legt die von Herrn Prof. J. Roubal 
(Pfibram, Böhmen) eingesandten Beschreibungen dreier neuer 
Käfer formen vor. 

1. Ich erhielt von meinem Freunde Herrn Dr. Fr. Sokolaf 
aus Wien eine größere Anzahl von Omophron limbatum F. aus dem 
Wienerwalde, um die auffallende Variabilität der erzgrünen Quer- 
binden auf den Flügeldecken zu untersuchen. 

Es ist bekannt, daß die Binden entweder durchaus entwickelt 
sind oder in einige Makeln aufgelöst sein können, worauf die ab. 
maculatipennis Pic gegründet wurde. 

Unter dem Wienerwaldmaterial kommen folgende Formen vor: 

a) Die erzgrünen Binden, besonders die hintere Binde mit 
der mittleren anastomosieren schwach hie und da miteinander. Selten. 
(Solche Formen kommen häufig in Böhmen, z. B. in Polabi, vor.) 

b) Die erzgrünen Binden sind breiter als die abwechselnden 
gelben der Grundfarbe, besonders die mittlere Binde ist an der 
Naht bei einigen Exemplaren sehr groß, doeb anastomosiert sie 
niebt. Häufig. 

c) Die grünen und die gelben Zeichnungen nehmen annähernd 
gleich große Flächen ein. Dabei kann die mittlere grüne Binde 
unterbrochen sein. 

d) Die Ausdehnung der grünen Farbe nimmt allmählich ab; 
besonders hier sind oft die mittleren und auch die hinteren grünen 
Binden unterbrochen. 

e) Die grünen Binden sind ziemlich schmal, dabei kann die 
hintere Binde oft unterbrochen und gegen den äußeren Rand der 
Flügeldecken verkürzt sein. 

Während der Fleck auf dem Kopfe und auf dem Halsschilde 
normal erzgrün bleibt^ sind bei den Formen unter e) die Flügel- 
deckenbinden oft gebräunt. Selten. 

f) Die gelbe Farbe dominiert; die erste Binde ist auf eine 
Makel in der Mitte der Flügeldeckenbreite reduziert. Sehr selten. 

g) Ein Extrem in der angedeuteten Richtung ist der Fall, 
da die erste Binde, die bisher [außer in fj] konstant war, ver- 
schwunden ist. 

Die Flügeldecken sind in der Mitte bei der Halsschildbasis 
äußerst schwach, kaum sichtbar angedunkelt. Die mittlere Binde 



(374) 



Versammlung der Sektion für Koleopterologie. 



ist unterbrochen, die hintere ist schmal, beide sind braun, die Makeln 
des Kopfes und des Halsschildes normal grün. 

Ich nenne diese extreme Form ab. Sokoläri m. 

2. Ich besitze unter den Philonthus japonicus Sharp, von den 
Kurilen ein Exemplar, das von den anderen besonders dadurch 
frappant differiert, daß von den normalen vier Punkten in jeder 
Dorsalreihe auf dem Halsschilde bloß je drei, und zwar ganz symme- 
trisch, entwickelt sind. 

Da diese Spezies außerordentlich variabel ist, z. B. in der 
Punktierung des Kopfes etc., und da ich größeres Material entbehre, 
kann ich die erwähnte Form nur als eine neue Varietät: Philonthus 
japonicus Sharp, var. Bernhaueri m. bezeichnen. 

Vermutlich wird das Tier eine selbständige Art sein. 

Patria: Kurilen, Iturup, ex coli. Rost. 

Ich erlaube mir, die neue Varietät dem Herrn Dr. Bernhauer, 
der das Exemplar gesehen hat, zu widmen. 

3. Cryptocephalus biguttatus Scop. ab. nov. ornatus m. 
Auf jeder Flügeldecke dicht hinter dem Schildchen befindet sich 
eine schmale, wie die apikale orangegelb gefärbte Makel; sie ist 
dreieckig, läuft mit der Naht fast parallel bis zur Mitte der Flügel- 
decken und wird hinten weniger deutlich. 

Ich habe ein einziges Exemplar bei Pokljuka in Krain in 
der ersten Hälfte des Juli 1908 gefunden. 



Bericht der Sektion für Lepidopterologie. 

Versammlung am 3. Dezember 1909. 
Vorsitzender: Herr Prof. H. Rebel. 

I. Der Vorsitzende legt nachstehende Publikationen mit einem 
kurzen Referate vor: 

Brunicki, Bar. Jul., Beitrag zur Lepidopterenfauna der Um- 
gebung von Stryj (Galizien). II. Teil. (Ak. Krakau, 
1909, poln.) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



(375) 



Hafner J., Verzeichnis der bisher in Krain beobachteten 
Großschmetterlinge. I. (Carniola, L909, S. 77—108.) 

Oberthür Charl., Etudes de Lepidopterologie comparee, 
Fase. III, 1909. 

Kebel, Dr. H., Eine neue Psychidenart aus Kroatien. (Ann. 

Mus. Nat Hnng., VII, 1909, S. 344—346, mit 2 Textfig.) 
Turati, Conte Eniilio, Nuove forme di Lcpidotteri. III. (Nat. 

Sicil, XXI, 1909, p. 134, mit 7 [kol.] Taf.) 

II. Derselbe gibt sodann die Beschreibung- einer neuen Noc- 
tuide bekannt: 

Troctoptera nymphula nov. spec. (9). 

Ein ganz frisches weibliches Exemplar von Korb bei Kasako- 
witsch-Chabarovka im Ussurigebiet im Jahre 1907 erbeutet, gehört 
einer neuen, der typischen Art erubescens Hmps. von Ceylon sehr 
nahestehenden Art an, so daß schon die Angabe der unterscheidenden 
Merkmale zur Kenntlichmachung genügen würde. 

Allgemeinfärbung weiß, die sehr kurzen Fühler bräunlich. 
Vorderflügel mit kleinem schwarzen Punkt in der Hälfte der Mittel- 
zelle, am Schlüsse derselben ein brauner Längsstrich, der einen 
weißen großen Punkt einschließt und auf bräunlich verwaschenem 
Grunde liegt. Ein zerrissener brauner Schrägstreifen zieht ge- 
schwungen von dem weißen Mittelpunkt bis knapp vor Beginn 
der Fransen am Innenwinkel, wo er einen kräftigen Querfleck bildet. 
Von der Innenrandmitte aus zieht ein verwaschener rosenfarbiger 
Schrägstreifen nach außen gegen die Mitte. Die Hinterflügel mit 
großem, nach innen schwarz gerandetem Mittelpunkt, der auf einem 
rostbraunen, unregelmäßig begrenzten Mittelfleck liegt. Am Vorder- 
rande vor dem Saume der Beginn eines schwarzbraunen Quer- 
streifens, der nach unten blässer wird und sich mittels eines Zahnes 
mit dem Mittelfleck verbindet. Der dadurch begrenzte Raum ist 
blaßgelb gefärbt. Knapp vor dem Saume noch ein verloschener 
bräunlicher Querstreifen und ein solcher Doppelstreifen vom Mittel- 
fleck gegen den Innenrand. Die Fransen aller Flügel weiß, jene 
der Hinterflügel gegen die Spitze mit einzelnen braunen Punkten. 
Unterseits sind die Vorderflügel vorwiegend braungrau verdüstert, 
nur in der Spitze und längs des Innenwinkels weiß gefleckt, die 



(376) 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologie. 



Hinterflügel weiß mit zwei braungrauen Querstreifen. Vorderflügel- 
länge 10 mm. 

Von erubescens Hmps. durch die viel vorherrschendere rein 
weiße Färbung und die größeren hellen Mittelpunkte aller Flügel 
verschieden. Auch scheint die Fliigelform hier eine gestrecktere zu 
sein und die Vorderflügel zeigen keine gelbe Färbung. 

Die wertvolle Type wurde in freundlichster Weise von Herrn 
Arist. v. Caradja dem Hofmuseum gewidmet. 



Berücksichtigung der in Niederösterreich vorkommenden Formen" 
unter Vorweisung eines reichhaltigen, mehr als 300 Exemplare um- 
fassenden Vergleichsmaterials aus seinem Besitze und aus den Samm- 
lungen der Herren Fitz, H. Kautz, Preißecker und Dr. Scha- 
werda. Auf Grund seiner durch eine Reihe von Jahren fortgesetzten 
Beobachtungen insbesondere der in der Gegend von Mödling vor- 
kommenden Formen gelangt der Vortragende zur Aufstellung der 
nachstehenden, bisher unbeschriebenen Aberrationen: 

Ab. $ radiata Röber f. lutescens (gen. vern.). Picturis 
ut in aberratione radiata (venis supra disiincte signatis late nigre 
vel fusce irroratis, basi alarum ant. nigricante) pagina alarum 
omnium supra non alba vel albida sed lutea. 




Troct. ussuriensis Rbl. ist, 
wie aus der zum Vergleiche ge- 
gebenen Abbildung ersichtlich, 
eine weit verschiedene, viel klei- 
nere, durch regelmäßige graue 
und weiße Querzeichnung ausge- 
zeichnete Art, von der das Hof- 
museum ein frisches Stück be- 
sitzt, welches von Korb in Radde 
im Amurgebiet erbeutet und eben- 
falls von Herrn v. Caradja dem 
Hofmuseum gewidmet wurde. 




III. Hierauf hält Herr Dr. 
Schima einen längeren Vor- 
trag: „Beitrag zur Kenntnis von 
Vieris napi L., unter besonderer 



Fig. 1. Troctoptera ussuriensis Rbl. 
Fig. 2. Troctoptera nymphula Rbl. 



Versammlung der Sektion für Lepidopterologle. 



(877) 



Var. napaeae Hb. ab. cT bimaculata (gen. aest.). Dudbus 
tnacuUs nigris in cellula 2. et 4. (darum anteriorum. 

Var. napaeae Hb. ab. 9 flavometa (gen. aest.). Picturis 
ut in aberrat ione meta Wagner (venis alarum anteriorum ante 
limbum nigre irroratis, valde dilatatis, inter se et cum maetdis 
mediis in lalam fasciam marginalem confluentibus, basi nigricante, 
venis in disco paullum signatis; alis posterior ibus venis ante limbum 
late nigre irroratis, inter dum fere in fasciam confluentibus) pagina 
alarum omnium supra non alba vel albida sed flava. 

Var. napaeae Hb. ab. 9 confluens (gen. aest.). Macidis 
duabus alarum anteriorum magnis confluentibus. 

Ab. subtalba, nova aberratio ambarum generationum. Pagina 
alarum post. et apice ant. sitbtus lacteis, venis in gener atione vernali 
nigricantibus in gen. aest. griseis. 

Der Vortrag wird demnächst in diesen „Verhandlungen" zum 
Abdrucke gelangen. 

IV. Herr Dr. A. Kolisko weist ein bei Klosterneuburg -Weidling 
im Juli 1881 gefangenes d" von Melitaea didyma 0. vor, welches 
vollständig mit der von Oberthür (Etudes de Lepidopterologie 
comparee, Fase. III, PI. 26, Fig. 139) abgebildeten ab. radiata überein- 
stimmt: die Oberseite ist dunkler, auf den Vorderflügeln fehlt die 
mittlere und äußere Fleckenreihe, die "Punkte im Innenwinkel und 
an der Wurzelhälfte des Vorderrandes sind auf das Doppelte ver- 
größert. Auf den Hinterflügeln sind die Flecke zu radiär ver- 
laufenden, bis über die Flügelmitte reichenden Strichen zusammen- 
geflossen. Auf der Unterseite sind die Punkte teils verdickt, teils 
zu Strichen zusammengeflossen. 

Ein gleiches Stück (cT ) erbeutete Herr H. Zerny am 8. September 
1909 in Wippach. 



(378) 



Referate. 



Referate. 

Engler A. Syllabus der Pflanzenfamilien. Eine Übersicht über das 
gesamte Pflanzensystem mit Berücksichtigung der Medizinal- und Nutz- 
pflanzen, nebst einer Übersicht über die Florenreiche und Florengebiete 
der Erde zum Gebrauch bei Vorlesungen und Studien über spezielle und 
medizinisch-pharmazeutische Botanik. Sechste, umgearbeitete Auflage. 
Berlin (Gebr. Borntraeger), 1909. 254 S. 
. Im L1V. Band dieser „Verhandlungen" (S. 106) hat der Referent über 
die 1903 erschienene dritte Auflage des Englerschen „Syllabus" berichtet. 
Seither erschienen in rascher Folge weitere drei Auflagen, jede nach dem 
neuesten Stand der Wissenschaft verbessert. 

Die Haupteinteilung des Pflanzenreiches hat seit der dritten Auflage 
wieder einige, allerdings relativ unbedeutende Änderungen erlitten. Die Phyto- 
sarcodina (Myxomyceten), welche bis zur fünften Auflage das System als 
erste Abteilung eröffneten, stehen nun an zweiter Stelle, während als erste 
Abteilung die Schizophyten erscheinen. Ein Grund für die Umstellung wird 
nicht angegeben; jedoch dürfte er einerseits in der relativ höheren Organi- 
sation der Myxomyceten, andererseits in den — wenn auch unklaren — Be- 
ziehungen der Myxomyceten zu den darauffolgenden Flagellaten zu suchen 
sein. Die Flagellaten werden von Engl er immer noch im Pflanzenreich be- 
handelt, obschon sie nach Ansicht der meisten Autoren (auch des Referenten) 
zu den Protozoen gehören. Richtig ist ja, daß ihre Kenntnis das Verständnis 
des phylogenetischen Ursprunges der Chlorophyceen und Phaeophyceen er- 
heblich erleichtert. 

Die Bacillariales (Diatomeen), welche bis zur fünften Auflage als Unter- 
abteilung der Zygophyceen figurierten, werden nun zur eigenen Abteilung 
erhoben. Der Rest der Zygophyceen hat nun den Abteilungsnamen Conju- 
gatae, so daß die gewohnte Bezeichnung Zygophyceae ganz verschwunden ist. 
Hingegen wurde schon in der vierten Auflage die Abteilung der Dictyotales 
mit den Phaeophyceen vereinigt, was seit der Entdeckung beweglicher Sperma- 
tozoiden bei den Dictyotaceen vollauf berechtigt ist. 

Unter den Chlorophyceen erscheinen als neue Klasse die Siphono- 
cladiales, welche sich zwischen die Confervales und die Siphonales einschieben. 
Die neue Klasse enthält die Valoniaceae, Siphonocladaceae, Dasycladaceae, 
Cladophoraceae und Sphaeropleaceae, also Familien, deren Zusammengehörig- 
keit heute wohl mit Recht angenommen wird. 

Unter den Eumycetes (Pilzen) ist die frühere Klasse der Laboulbenio- 
mycetes zu einer Unterabteilung der Euascomycetes degradiert, womit der 
Referent ebenfalls einverstanden ist. 

Das System der Moose und Farne ist — soweit die Haupteinteilung und 
Anordnung der Hauptgruppen in Betracht kommt — unverändert geblieben. 
Die von Wettstein vorgenommenen Umstellungen: Laubmoose vor den Leber- 
moosen, Eusporangiatae vor den Leptosporangiatae, haben keine Berück- 



Referate. 



(379) 



sichtigung gefunden. Referent stimmt der Beibehaltung der gewohnten An- 
ordnung der Moose zu, während er bei den Farnen allerdings die Wettstein? 
sehe Anordnung' für natürlicher hält. 

Bei den Gymnospermen fällt nur auf, daß die Bennettitales jetzt vor 
den Cycadales stehen und nicht, wie früher, zwischen diesen und den Cordaiten. 
Die Zahl der Reihen hat bei den Dikotylen eine neuerliche Vermehrung er- 
fahren. In der dritten Auflage umfaßten die Archichlamydeae 26, die Meta- 
chlamydeae 8 Reihen; in der sechsten finden wir 29 Reihen von Archichlamy- 
deen und 10 Reihen der Metachlamydeen. Die neu dazugekommenen Reihen 
sind die Garryales (die früher den Cornaceen zugezählte Gattung Garrya ent- 
haltend), die Batidales (welche früher unter den Centrospermen standen) und 
die früher ungenau bekannten Julianiales unter den Archichlamydecn, die 
von den Primulales abgetrennten Plumbaginales und die von den Campanulatae 
abgetrennten Cucurbitales unter den Metachlamydeen. 

Zur Voranstellung der Dikotylen vor die Monokotylen konnte sich 
Engler immer noch nicht entschließen. Es sei gerne zugegeben, daß sich 
auch für die von Engler beibehaltene Stellung manche Gründe beibringen 
lassen; nach der subjektiven Ansicht des Referenten sind allerdings die Gegen- 
gründe gewichtiger. 

Auf die zahlreichen Änderungen, die durch die Berücksichtigung neuerer 
monographischer Arbeiten in den Details des Systems bedingt wurden, kann 
natürlich hier nur ganz kurz hingewiesen werden. 

Der pflanzengeographische Anhang hat seit der dritten Auflage nur 
wenige Änderungen erfahren. Das nordafrikanisch-indische Wüstengebiet wurde 
in vier Provinzen geteilt : Provinz der großen Sahara, ägyptisch-arabische Wüsten- 
provinz, nubische Wüstenprovinz und indische Wüstenprovihz. Die Einteilung 
des vorderindischen Gebietes ist wesentlich verändert. An das Monsungebiet 
ist ein „ostchinesisches und subjapanisches Übergangsgebiet" angeschlossen. 

Englers „Syllabus" gehört als reichhaltiges Nachschlagebuch längst 
zum eisernen Bestand jeder botanischen Bibliothek. Fritsch. 



Publikationen über Lepidopteren. 

(Referent Prof. Dr. H. Rebel.) 

Kennel J., Die paläarktischen Tortriciden. Eine monographische Dar- 
stellung mit 24 Tafeln in Farbendruck. Lief. 1. 1908. S. 1—100, Taf. 1—6 
und Stammtafel. M. 20.—. (Zoologica, Heft 54.) 

Die neuere Literatur über Lepidopteren ist an monographischen Be- 
arbeitungen nicht überreich. Schon von diesem Standpunkte muß die vor- 
liegende Publikation freudig begrüßt werden, dies aber umso mehr, als es 
sich um eine Lepidopterenfamilie handelt, deren zahlreiche Vertreter keine 
morphologisch sehr weit gehende Differenzen erkennen lassen, also dem Syste- 
matiker seit jeher große Schwierigkeiten bieten. Der Verfasser hat sich be- 



(380) 



Referate. 



reits vor Jahren auf dem Spezialgebiete der Tortriciden durch die Beschreibung 
zahlreicher neuer Arten 1 ) in umfangreicher Weise betätigt und seither unaus- 
gesetzt das Ziel einer monographischen Bearbeitung der paläarktischen Formen 
im Auge behalten. 

Die vorliegende erste Lieferung des auf fünf Lieferungen berechneten 
Werkes enthält den allgemeinen Teil (S. 1—62) und den Beginn des speziellen 
Teiles (Gattung Acalla). 

In bezug auf die Abgrenzung des paläarktischen Faunengebietes schließt 
sich der Verfasser der neuen Auflage des Kataloges von Staudinger-Kebel 
an. Die Morphologie der Wickler wird ziemlich eingehend behandelt, besonders 
das Flügelgeäder erfährt seiner großen Bedeutung für die Systematik ent- 
sprechend eine genaue Darstellung. Die Adernbezeichnung ist jene von Spul er. 
Bezüglich der Haftborste wird der Gedanke ausgesprochen, daß es sich um 
eine verkürzte, von der Flügelfläche abgelöste Ader handeln könne. Ab- 
gesehen davon, daß eine echte Ader (mit Trachee) sich nur in der Flügel- 
fläche bilden kann, widerspricht dieser irrigen Annahme auch die mehrfach 
geteilte Haftborste des weiblichen Geschlechtes. Es handelt sich beim Haft- 
borstenapparat zweifellos nur um verstärkte Randborsten der Hinterflüge], wie 
dies auch von anderer Seite längst angenommen wurde. 

Der männliche Begattungsapparat, der zweifellos auch bei den Tortri- 
ciden für die Artunterscheidung einen sehr hohen Wert besitzt, wäre vielleicht 
etwas eingehender zu behandeln gewesen als es (auf S. 14—15) geschieht» 
umso mehr, als hier die Nomenklatur für die morphologisch innerhalb der 
einzelnen Gruppen sehr differenten Gebilde keine ganz gefestigte erscheint. 2 ) 
Für die Valven wird der Ausdruck „forceps" gebraucht. Entsprechend aus- 
führlich werden die „Flügelumschläge", die bei sehr vielen Tortriciden im 
männlichen Geschlechte zumeist am Vorderrande der Vorderflügel auftreten, 
sich zuweilen aber auch am Innenrande der Hinterflügel finden, behandelt. 
Diese oft kompliziert gebauten, meist mit Haarpinseln ausgestatteten, sekun- 
dären Geschlechtsauszeichnungen werden vom Verfasser mutmaßlich als viel- 
fach in Rückbildung stehende Lautapparate, die während des Fluges funk- 
tionieren könnten, angesprochen. Die bisherige Auffassung dieser Apparate 
als „Duftorgane" dürfte jedoch im Vergleiche mit den bei anderen Lepidopteren- 
familien auftretenden analogen Haargebilden mehr Wahrscheinlichkeit für 
sich behalten. Die Behauptung, daß es sich bei diesen Organen vielfach um 
Degenerate handle, erscheint jedoch einwandfrei (vgl. S. 46). 

Kurz werden wieder die ersten Stände: „Ei, Raupe, Puppe" behandelt. 
Das Kapitel „Biologisches" enthält unter anderem eine Polemik gegen die 



J ) Vgl. „Iris", Jahrg. 1899 und 1900. 

2 ) Eine wertvolle Ergänzung bietet in dieser Hinsicht die neuere Arbeit 
von A. Dampf, „Über den Genitalapparat von Rhopobota naevana" („Iris", 
XXI, S. 304 ff., Taf. 5 u. 6). 



Referate. 



(881) 



Schutzfärbung, beziehungsweise deren Wirksamkeit, indem der Verfasser die 
Ansicht ausspricht, daß viele von den „best angepaßten" Arten gerade zu 
den flüchtigsten gehören, die bei kleinen Störungen sofort aufliegen und gerade 
dadurch die Aufmerksamkeit ihrer Feinde auf sich lenken. Da auf diesen) 
Gebiete jedoch das Experiment nur schwer als Kontrolle eintreten kann und 
die Verhältnisse gewiß keine allgemeine schablonenhafte Beurteilung gestatten, 
werden diese Fragen wohl noch lange strittig bleiben müssen. 

Das Kapitel „Systematisches" des allgemeinen Teiles (S. 30) bringt 
nach einer kurzen Literaturübersicht eine eingehende Darstellung der grund- 
legenden Arbeit Leder ers, hierauf kurze Übersichten der Einteilungen Heine- 
manns, Meyricks und Rebeis in der neuen Katalogauflage. Dabei 
werden sehr wertvolle Bemerkungen über den taxonomischen Wert einzelner 
Merkmale gemacht und allgemeine Gesichtspunkte über die Systematik der 
Tortriciden entwickelt, die in dem nachfolgenden Abschnitte, der auch eine 
Stammtafel mit schematischer Darstellung der Gattungsmerkmale bringt, ihre 
Fortsetzung finden. 

Der Verfasser schließt sich im allgemeinen der herrschenden Dreiteilung 
der Tortriciden in: Tortricinae, Phaloniinae (Conchylinae) und Epibleminae 
(Olethreutinae) an. Auch sonst hat sich der Verfasser entschlossen, im großen 
und ganzen die Reihenfolge der Gattungen, wie sie in der neuen Katalogs- 
auflage von Staudinger-Rebel eingehalten wurde, zu befolgen. In nomen- 
klatorischer Hinsicht sei bemerkt, daß die wichtige Publikation Fernaids 
„The Genera of the Tortricidae" (1908) wohl zu spät erschienen ist, um vom 
Verfasser noch benützt werden zu können. 

Der spezielle Teil beginnt mit der Gattung Acalla der Unterfamilie 
der Tortricinae. 

Die deskriptive Behandlung der Arten ist eingehend und übersichtlich. 
Die zitierte Literatur schließt sich an jene der Katalogsauflage an. Im ein- 
zelnen sei nur bemerkt, daß bei Acalla cristana dem Verfasser die ausführ- 
liche Publikation Clarks (Ent. Ree., XIII) über die große Variabilität dieser 
Art unbekannt geblieben sein dürfte. 

Wenn schon in textlicher Beziehung das vorliegende Werk für jeden 
Fachmann als unentbehrlich bezeichnet werden muß, so gewinnt dasselbe 
durch die beigegebenen, vom Verfasser selbst meisterhaft entworfenen und 
tadellos (bei Werner und Winter) ausgeführten Farbendrucktafeln einen so 
allgemeinen Wert, daß es jedem wissenschaftlichen Lepidopterologen wärmstens 
empfohlen werden kann. Nicht bloß, daß eine sehr große Zahl von Arten 
hier zum erstenmal zur Abbildung gelangt, wird auch von den bekannten 
Arten ein so reiches Serienmaterial zur Abbildung gebracht, daß daraus die 
Variabilität sofort augenscheinlich entgegentritt. Sämtliche Figuren sind in 
2 72fa,cher Vergrößerung gegeben, und zwar nur der Körper und die rechte 
Flügelhälfte. So war es möglich, bis zu 62 Figuren auf einer Tafel zu 
vereinen. 



(382) 



Referate. 



Pagenstecher, Dr. A., Die geographische Verbreitung- der Schmetter- 
linge. Mit 2 Karten. Fischer, Jena, 1909. Preis M. 11. 

Schon lange wurde allseitig das Bedürfnis nach einem Handbuch der 
geographischen Verbreitung der Lepidopteren empfunden. Der Verfasser, welcher 
zu den angesehendsten Lepidopterologen Deutschlands zählt, hat bei seinen 
zahlreichen faunistischen Arbeiten, namentlich über indo-australische und 
äthiopische Gebiete, eingehende Literaturauszüge angefertigt, die entsprechend 
ergänzt und erweitert den Grundstock des vorliegenden Buches bilden. 

Dasselbe zerfällt in drei Teile: 1. Die Faktoren der Verbreitung, 2. die 
Faunengebiete und 3. die geographische Verbreitung der Lepidopteren nach 
ihren Familien und Gattungen. 

Im ersten Teil wird in etwas unsicherer Weise zwischen physischen und 
organischen (physiologischen) Faktoren unterschieden. Zu ersteren werden 
auch die Vegetation, die aktive Wanderung, Saisondimorphismus und Lokal- 
varietäten gestellt, bei letzteren wird auch die Eiszeit und die Bedeutung der 
Paläontologie besprochen. Bei der großen Belesenheit des Verfassers werden 
auch in diesen allgemeinen Kapiteln zahlreiche, sehr anregende Mitteilungen 
gemacht. In der Schlußbetrachtung des allgemeinen Teiles wird eine Über- 
sicht der mitteleuropäischen Großschmetterlinge (nach Lampe rt) und eine 
solche über die Arten und Verbreitung der Gattung Papilio gegeben, die 
eher dem dritten Teil des Buches angehören sollte. 

Der zweite Teil stellt den eigentlichen Hauptteil des Buches dar und 
gibt eine kurze Schilderung der Faunengebiete unter Anführung ihrer charak- 
teristischen Lepidopterenformen. Im ganzen schließt sich der Verfasser der 
Regioneinteilung von Wallace an, ohne die großen Vorzüge jener Einteilung 
zu verkennen (S. 66), die Elwes speziell für Lepidopteren entworfen hat. Es 
wird zuerst das Nordpolargebiet, über welches der Verfasser selbst bereits 
eine eingehende Studie in der Fauna arctica veröffentlicht hat, behandelt, hier- 
auf das paläarktische, indische, australische, äthiopische, nordamerikanische, 
südamerikanische und antarktische Gebiet. Von den beiden Karten stellt eine 
die Regionseinteilung nach Sclater-Wallace, die andere den malaiischen 
Archipel dar. Über letzteres Gebiet, mit welchem sich der Verfasser seit 
Jahren eingehend beschäftigt, werden besonders übersichtliche Angaben 
gemacht. 

Im dritten Teil versucht der Verfasser eine geographische Zoologie und 
mit ihr eine Schilderung der Familien und Gattungen der Schmetterlinge mit 
ihrer Verbreitungsart in den verschiedenen Ländergebieten zu geben. Die 
wichtigsten Gattungen werden genannt und summarisch ihre Verbreitung 
gegeben. 

Wenn auch nach allem das Buch nur einen referierenden Charakter 
besitzt und im einzelnen betrachtet, fast überall Versehen und Auslassungen 
(sowie eine große Zahl von Druckfehlern) unterlaufen sind, enthält es doch 
eine solche Fülle dankenswerter Mitteilungen, daß damit eine gute Orientierung 



Referate. 



(383) 



Uber den ebenso umfangreichen als schwer zu behandelnden Gegenstand ge- 
geben erscheint. 

Piepers, M. €., and Snellen, P. C. T., The llliopalocera of Java. (I.) 
Pieridae. (Hague, 1909. Mit 4 kol. Tafeln.) 

Piepers, welcher mehr als 20 Jahre auf Java verbrachte und während 
der ganzen Zeit sich neben seinem Beruf als Kolonialbeamter dem Studium 
der Lepidopterenfauna widmete, ist in den letzten Jahren durch einige Publi- 
kationen, die biologische Fragen in stark polemischen Tone behandelten, 1 ) auch 
weiteren Kreisen bekannt geworden. 

In sehr erfreulicher Weise hat er jetzt den Plan gefaßt, seine reichen 
faunistischen Erfahrungen für Java in einer größeren Publikation zu ver- 
werten, welche vorerst die Tagfalter dieser Insel behandeln soll. Der erste 
vorliegende Teil ist mit dem hervorragendsten Lepidopterologen Hollands, 
P. CT. Snellen, von dem die systematische Anordnung herrührt, unter Bei- 
hilfe von H. Fruhstorfer verfaßt, Die ökologischen Angaben sowie jene 
über die allgemein biologische Bedeutung der Färbungserscheinungen rühren 
ausschließlich von Piepers her. Letztere finden hauptsächlich in der Ein- 
leitung ihre Erledigung. 

Der spezielle, sehr sorgfältig gearbeitete Teil bringt bei jeder der 33 
für Java nachgewiesenen Arten nach den Literaturzitaten kritische Bemerkungen, 
genaue Fundortsnachweise und nicht selten auch ausführlichere Mitteilungen 
über die ersten Stände. 

Im Gegensatze zu den meisten neueren Publikationen wird die trinäre 
Nomenklatur nicht zur Anwendung gebracht. 

Die 33 Pieridenarten Javas verteilen sich auf nachfolgende Gattungen: 
Pontia (1), Vieris (und Huphina 4), Tachyris (6), Prioneris (2), Delias (Thyca 7), 
Iphias (1), Thestias (Ixias 2), Callidryas (3), Ter las (6) und Neplieronia (1). 

Die sehr schönen Farbendrucktafeln stellen eine große Zahl von Formen 
auf Ober- und Unterseite, Geschlechtsunterschiede, Varietäten und erste Stände 
dar. Möge das schöne Beginnen bald eine Fortsetzung erfahren und sich all- 
mählich zu einer faunistischen Monographie ausgestalten. 

Mitterlberger Karl, Verzeichnis der im Kronlande Salzburg bisher 
beobachteten Mikrolepidopteren. (Mitteil, der Ges. für Salzb. Landes- 
kunde, Bd. XLIX, 1909, S. 1-358.) 

Gleich mit einem stattlichen Bande tritt der als ebenso eifriger als ge- 
wissenhafter Sammler seit Jahren bekannte Verfasser in die Öffentlichkeit und 
bereichert dadurch die faunistische Literatur des bisher in dieser Hinsicht 
recht vernachlässigten Kronlandes Salzburg in sehr erfreulicher Weise. Es 
werden 662 Arten, Varietäten und Aberrationen angeführt, eine Zahl, die mit 



*) Besonders zwei Publikationen über Mimikry, Selektion und Darwi- 
nismus. Leiden, 1903 u. 1907. 



(384) 



Referate. 



Rücksicht darauf, daß der Verfasser, der nicht im Kronlande Salzburg, sondern 
in Steyr lebt, vorzugsweise nur auf die Ergebnisse seiner Sammeltouren ange- 
wiesen war, als eine sehr befriedigende bezeichnet werden muß. Unter anderen 
werden 109 Pyraliden und 204 Tortriciden angeführt, also bereits ein sehr 
beträchtlicher Teil des in diesen beiden Familien zu erwartenden Faunen- 
bestandes. 

Bei jeder Art werden zuerst die Fundortsnachweise für Salzburg an- 
gegeben, hierauf wird die weitere Verbreitung angeführt und schließlich werden 
Angaben über die Lebensweise gemacht, die vielfach auf eigener Avertvoller 
Beobachtung beruhen. Mit Rücksicht darauf, daß der Verfasser es sich seit 
Jahren eifrigst angelegen sein ließ, durchaus zuverlässige Bestimmungen zu 
erhalten und so im Laufe der Zeit selbst eine richtig determinierte Sammlung 
erhielt, dürfte bei seinen sämtlichen Angaben kaum ein Einwand zu erheben 
sein. Der Druck des Verzeichnisses ist sehr übersichtlich und deutlich. 

Linstow, Dr. v., Revision der deutschen Psychidengattungen. (Berl. 
Ent. Zeit, Bd. LIV, 1909, S. 89—102, Taf. 2.) 

Die vorliegende Publikation ist für den Fachmann sofort als eine Arbeit 
minderer Qualität erkennbar, die nach keiner Hinsicht einen Fortschritt be- 
deutet. Wenn ich trotzdem auf eine Besprechung derselben eingehe, so ge- 
schieht es hauptsächlich darum, weil der Verfasser auch allgemeine Ansichten 
über Systematik, Stammesgeschichte, Nomenklatur usw. äußert, die an einer 
anderen Stelle 1 ) sich in eine Polemik gegen meine Person zugespitzt haben 
und auch dort eine eingehende Erwiderung durch mich erfahren werden. 

Was vorerst die Psychidenrevision anbelangt, so spricht sich der Ver- 
fasser in der Einleitung gegen die Annahme aus, daß die Weibchen der 
Psychiden rückgebildet seien, indem er sagt: „Wenn man behauptet, daß eine 
Tierfamilie (!) eine Rückbildung erlitten hat, muß man doch wissen, daß sie 
früher vollkommen organisiert gewesen ist; eine solche Beobachtung fehlt 
hier, man kennt die Q der Psychiden nur in ihrer jetzigen Form." Alle Achtung 
vor dem Gnostizismus, er darf nur nicht in Ignorantismus ausarten! Abgesehen 
von allen anderen Gründen, hätte schon die so ungleiche Beschaffenheit der 
Psychidenweibchen selbst, die von einer madenförmigen, gliedmaßenlosen, un- 
behilflichen Form der höheren Psychinen durch die Q der Epichnopteryginen 
zu einer beweglichen Form mit wohlgegliederten Beinen, Fühlern und aus- 
gebildeten Fazettenaugen führt, wie sie uns bei den Fu meinen noch erhalten 
geblieben ist, den Verfasser auf den Gedanken bringen müssen, daß hier eine 
Entwicklungsreihe vorliegt, die uns deutlich den Weg einer allmählichen Rück- 
bildung erkennen läßt und den Schluß rechtfertigt, daß der sexuelle Dimor- 
phismus, dessen Beginn wir bei zahlreichen Vertretern anderer Familien beob- 
achten können, auch hier auf gleiche Weise entstanden sein muß. 



J ) Zeitschr. für wissensch. Insektenbiol. (2), V. 1909, S. 313—314. (Be- 
sprechung von Uffelns Großschmetterlinge Westfalens.) 



Referate. 



(886) 



Die Diagnosen der Gattungen, auf deren Revision es nach dem Titel 
der Arbeit doch ankommen soll, sind sehr kurz und bringen kein einziges 
neues Merkmal, wohl abeT daffir viele Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten. 
Um nur einige derselben herauszugreifen, soll die Mittelwelle bei Apicrona 
ungeteilt sein, wogegen aber auch hier der Längsstamm der Media erhalten 
geblieben ist, was sich auf den Hinterflügeln auch ohne Aufhellung deutlich 
erkennen läßt. Bei Bacotia sollen die „Fühler rosenkranzförmig, ohne Kamin- 
zähne" sein; aber Gnade dem Frommen, der einen solchen Rosenkranz be- 
nutzen wollte, er würde sich an den spitzen Stacheln, welche die deutlich 
vorhandenen Kammzähne bei Bacotia bilden, arg verwunden! Dem ent- 
sprechend ist auch die Bestimmungstabelle der Gattungen (S. 101) ausgefallen, 
wo es gleich irii Anfange statt Bebelia „Apterona" heißen soll. Noch dürftiger 
sind die Diagnosen der Arten, die sich meist auf die Angabe der Flügel- 
spannung und Angabe der Farbe beschränken. Trotzdem gibt es auch hier 
Unrichtigkeiten. Bei Aptero\na helix wird (S. 95) bemerkt: „die Art ist 
nicht identisch mit Psyche crenulella Brd. u , in offenbarer Unkenntnis der 
eingehenden Mitteilungen Speyers (Stett. Ent. Zeit., 1886, S. 337) über diese 
Frage. Bei Scioptera schiff er milier i wird „Augsburg" als Fundort an- 
gegeben, also offenbar ein Bestimmungsfehler. Am schlechtesten kommen 
die Arten der Gattung Fumea weg, die Verfasser selbst nicht auseinander 
zu kennen scheint. 

Die Geäderskizzen der Taf. 2 sind zum Teil wahre Karrikaturen. 
Wenn der Verfasser versichert (S. 102), er habe das Geäder so gesehen, so 
kann ihm nur der Rat erteilt werden, er lerne vorerst richtig sehen, bevor 
er die Welt wieder mit einer Publikation zu beglücken die Absicht hat. 



Hennings C. Die Säugetiere Deutschlands, ihr Bau, ihre Lebensweise 
und ihre wirtschaftliche Bedeutung. Nr. 66 in „Wissenschaft und Bildung". 
Quelle und Meyer, Leipzig, 1909. Klein-8°. 174 S., 1 Taf. u. 47 Fig. im Text. 
Preis M. 1.—, geb. M. 1.25. 

Eine empfehlenswerte, dem heutigen Stande unserer Kenntnisse ent- 
sprechende Einführung in das Studium der einheimischen Säugetiere. Nach 
einigen allgemeinen Betrachtungen über deren einstige und gegenwärtige 
Stellung im Haushalte der Natur, welche in einen Appell für die Erhaltung 
unserer deutschen Tierwelt ausklingen, wird ein kurzer Überblick über den 
Bau und die Funktion des Säugetierkörpers gegeben. Bei der folgenden 
systematischen Besprechung der wichtigsten wildlebenden und domestizierten 
Arten werden insbesondere auch ihre Lebensweise und wirtschaftliche Be- 
deutung berücksichtigt und gewisse Verhältnisse, welche man in ähnlichen 
Werken oft vermißt, wie die Altersbestimmung nach dem Gebiß (Reh), die 
Fährten und Spuren, die Weidmannsausdrücke u. dgl., kurz erörtert. Bei den 
Haustieren werden stets auch historische und auf die Abstammung bezügliche 

Z. B. Ges. 59. Bd. Z 



(386) 



Referate. 



Daten angeführt. Sehr zu begrüßen ist ein kurzer Bestimmun^schlüssel vor 
jeder größeren Formengruppe. Die neueste Nomenklatur ist nur stellenweise 
angewendet (z. B. bei den Hasen-, bei den Fledermäusen und Wühlmäusen 
dagegen nicht). Zur Erläuterung mancher Verhältnisse werden Abbildungen 
beigegeben, deren grobe Ausführung in Anbetracht des geringen Preises 
entschuldbar ist, K. Toi dt jun. 



I Thysanoptera del Trentino. 

Per il 

D re Ruggero Cobelli 

in Rovcreto. 

(Eingelaufen am 25. Mai 1908.) ^ 

Gia da molto tempo desiderava di imparare a conoscere questi 
piecoli ed interessanti abitatori dei fiori, delle erbe, degli alberi e 
delle corteccie del nostro paese. Me ne distolse sempre la man- 
canza di un libro che mi servisse di guida in tale difficile impresa. 
E mi decisi a questa intrapresa soltanto quando nel 1904 mi venne 
sott' occhio la bellissima monografia del chiarissimo D 10 Enrico 
Uzel, 1 ) premiata all' Accademia delle scienze di Praga. Per oriz- 
zontarmi in sui primi passi adoperai anche Fopera del D re R. Tüm- 
pel. 2 ) Ma per la classifieazione e per l'ordinamento generale seguii 
sempre il lavoro di Uzel. Nello studio di questi insetti procedeva 
nel modo seguente. Dapprima Ii esaminava freschi, appena uccisi 
nell' alcool, ed a ciö fare mi serviva delP ottimo microscopio di F. 
Koristka di Milano, stativo modello grande II, 3 ) adoperando l'og- 
gettivo n° 3 e gli oculari n° 2 col micrometro, e 4 e 5. Indi tanto 
dei maschi quanto delle femmine ne faeeva i preparati stabili nel 
balsamo del Canadä, per cosi avere la mia raecolta e poter fare 
eventuali confronti. 

Neil' elenco che segue darö di ogni specie, la localita dove fu 
raecolta, la data quando fu trovata tanto per il maschio quanto per 

*) Monographie der Ordnung Thysanoptera von Heinrich Uzel. Mit 
10 Tafeln und 9 Textbildern. Königgrätz, 1895. 

2 ) Die Geradeflügler Mitteleuropas von Dr. R. Tümpel. Mit 20 von 
W.Müller nach der Natur gemalten farbigen und 3 schwarzen Tafeln, nebst 
zahlreichen Textabbildungen. Eisenach, 1901. 

3 ) Vedi Catalogo illustrato descrittivo n° 12. Milano, 1905. 

Z. B. Ges. 59. Bd. 1 • 



R. Cobelli. 



femmina separata. Di piü vi aggiungo l'Habitat, ed il nome di tutti 
i fiori in cui potei constatarne la presenza. 

I. Subordo. Terebrantia Halid. 

1. ¥nm. Aeolothripidae. (Coleoptrata Halid.) 
Gen. Melanothrips Halid. 

Melanothrips fusca Sulz. 5. Rovereto, 8./ VI. 
Hab i tat. Nei fiori di Melilotus officinalis De. 

Gen. Aeolothrips Halid. 

Aeolothrips fasciata L. 9. Rovereto, 12./IV. — 22./ VIII. ; Arco, 
17./V. c?. Rovereto, 9./VL— 18./VIII. 

Due volte ne trovai in copula e ne feci i preparati stabili. 
E interessante il fatto che la 9 sta sopra il d\ 

Hab i tat. Nei fiori di Brassica oleracea L. var. Sabauda, 
Prunns Mahaleb L., Ranunculus acris L., Salvia pratensis L., 
Sambucus nigra L., Melitüs melissophyllum L., Onöbrychis sativa L., 
Tragopogon pratensis L., Gytisus nigricans L., Centranthus ruber DC, 
Papaver Illioeas L., Spinacia oleracea Mill., Solanum tuberosum L., 
Coronilla varia L., Medicago sativa L., Crepis setosa Hall., Hyperi- 
cum per foratum L., Galium mollugo L., Pimpinella magna L., Leon- 
todon hastilis L., Ällium cepa L.; sulle Graminace nei prati. 

2. Farn. Thripidae. (Stenoptera Burm.) 

Gen. Physopus (Deg.) Am. et Serv. 

Physopus viilgatissima Halid. $. Rovereto, 11. /IV. — 26. /IX. 
cf. Rovereto, ll./V.— 9./X. 

Hab i tat. Nei fiori di Ajuga reptans L., Brassica oleracea L. 
var. Sabauda, Taraxacum officinale Wigg., Banunculus acris L., 
Sambucus nigra L., Specularia speculum DC, Papaver Bhoeas L., 
Trifolium repens L., Medicago sativa L., Melilotus officinalis L., 
Solanum tuberosum L., Hypericum per foratum L., Oenothera corym- 
bosa L., Batura stramonium L.; sulle Graminace nei prati. 



I Vhysannptrra del Trcntino. 



3 



Physopus atrata Halid. ,. Rovereto, 7. /IV.— 22./ VIII. cf. Ro 
vereto, 2./V.— 22./VIII. 

Habitat. Nei fiori di Viburnum tiuus L., Sahia pratensis L., 
Rosa centifolia L., Anthirrhinum majus h.^ J 'dar gonium zonale W., 
Melittis melissophyllum L., Lychnis diurna Sieb. 

Physopus tenuicornis Uzel. 9. Rovereto, 25./ VI. 

Habitat. Nelle spigbe del Triticum vulgare L. 

Physopus pallipennis Uzel. 9. Rovereto, 9./V. — 6. /VI. 

Raccolsi anche la var. adusta. 

Habitat. Nei fiori di Thalictrum aquilegifolium L., Phila- 
delphia coronarius L., Sambucus nigra L., Cytisus nigricans L., 
Itosa centifolia L., Centranthas ruber DC, Solanum tuberosum L., 
Airfhirrlihium majus L. 

Physopus ulicis Halid. 9, cT. Rovereto, 6. /VI. 

Habitat. Nei fiori di Coronilla varia L. 

Physopus primulae Halid. 9. Rovereto, 17. /III. — 23./IX.; Arco, 
17./V. cT. Rovereto, 9./V.— 6./VL; Arco, 17./V. 

Raccolsi altresi la var. adusta. 

Habitat. Nei fiori di Narcissus incomparabilis Curt., Persica 
vulgaris Mill., Cheiranthus Cheiri L., Pyrus communis L., Brassica 
oleracea L. var. Sabauda, Syringa vulgaris L., Prunus Mahaleb L., 
Wistaria chinensis DC, Aesculum Hyppocastanum L., Viburnum 
Units L., Sahia pratensis L., Philadelphus coronarius L., Fraxinus 
ornus L., Knautia arvensis Coult, Cytisus nigricans L., Ligustrum 
vulgare L., Solanum tuberosum L., T^ia parvifolia Ehr., Auihir- 
rhinum majus L., Coronilla varia L., MeUhtus officinalis L., Xeow- 
foeftm hastilis L., Oenothera corymbosa L., Sambucus nigra L., ifosa 
centifolia L., Centranthus ruber L. 

Gen. Parthenothrips Uzel. 

Parthenothrips Dracenae Heeg. 9. Rovereto, 11. /III. 
Habitat. Sülle foglie nelle serre per fiori. 

Gen. Thrips (L ). 

Thrips physopus L. 9. Rovereto, 6./IV. — 9./X. d\ Rovereto, 
13./V.— 9./X. 

1* 



4 



R. Cobelli. 



Raccolsi anche la var. adusta. 

Hab i tat. Nei fiori di Taraxacum officinale Wigg\, Cheli- 
donium majus L. ; Banunciäus acris L., Genistet germanica L., Trago- 
pogon pratensis L., Knautia arvensis Coult., Sambucus nigra L., 
Chrysanthemum leucanthemum L., Spinacia oleracea Mill., Solanum 
tuberosum L., Anthirrhinum majus L., Crepis setosa Hall., Sonchus 
oler accus L., Pelargonium zonale Will., Cucurbita Pepo L., Galium 
mollugo L., Leontodon hastilis L., Oenothera corymbosa L. 

Thrips communis Uzel. 9. Rovereto, 8. /III. — 23. /IX. d\ Ro- 
vereto, 30./IV.— 9./X. 

Raccolsi anche la var. pulla. 

Hab i tat. Nei fiori di Cheiranthus Cheiri L., Prunus Mahaleb 
L., Brassica oleracea L. var. Sabauda, Salvia pratensis L., Phila- 
delphus coronarius L., Sambucus nigra L., Tragopogon pratensis L., 
Elms cotinus L., Galium mollugo L., Trifolium repens L., Melilotus 
officinalis Desv., Solanum tuberosum L., Valeriana officinalis L., 
Pimpinella magna L., Leontodon hastilis L., Ällium cepa L., Da- 
rret stramonium L. Neil' inverno sotto alle fog-lie secche. 

Thrips major Uzel. 9. Rovereto, 8./VI. — 24./VI. 

Hab i tat. Nei fiori di Chaerophyllum temulum L., Hypericum 
perforatum L., Leontodon hastilis L., Oenotltera corymbosa L., Da- 

stramonium L. 

Thrips adusta Uzel. 9. Rovereto, 23. /IX. — 6./X. 
Raccolsi an che la var. wipra. 

Habitat. Nei fiori di Leontodon hastilis L., Hierachoit pilo- 
sella L. 

Thrips flava Sehr. 9. Rovereto, 7./IV.— 9./X.; Arco, 17./V. 
9. Rovereto, 4./VL— 6./VI. ; Arco, 17./V. 

Habitat. Nei fiori di Viburnum tinus L., Pyrus communis L., 
Brassica oleracea L. var. Sabauda, Prunus Mahaleb L., Choisya 
ternata Kit., Salvia pratensis L., Sambucus nigra L., Philadelphias 
coronarius L. ; Cytisus nigricans L., jRosa centifolia L., Centranthus 
ruber DC, Papaver Bhoeas L., Ligustrum vulgare L., Spinacia olera- 
cea Mill., Solanum tuberosum L., Antirrhinum majus L., Chaero- 
phyllum temulum L., Melilotus officinalis Desv., Pimpinella magna 
L., Oenothera corymbosa L., Leontodon hastilis L. 



T Thyeamoptera <1H Trentino. 



5 



II. Subordo. Tubulifera Halid. 
3. Fam. Phlaeothripidae Uzel. 

Gen. Cryptothrips Uzel. 

Cryptothrips lata Uzel. 9. Rovereto, 20./III., f. brachyptera. 
Habitat. Sotto le foglie seccbc di quercia. 

Gen. Anthothrips Uzel. 

Anthothrips statices Halid. 9. Rovereto, 10./V.— 23./IX.; Fi* 
noncbio, 2./VII. d\ Rovereto, 22./V.— 22./VIII. 

Habitat. Nei fiori di Tragopogon pratensis L., Knautia ar- 
vensis Coult., Sambucus nigra L., Mosa centifoUa L., Centhranthus 
ruhcr DC, Trifolium repens L., Ligustrum vulgare L., Medlcago 
sativa L., Solanum tuberosum L., Hypericum perforatum L., Oeno- 
tltrra corymbosa L., Setaria viridis L., Leontodon hastilis L., /for- 
dern vulgare L. ; sulle Graminace nei prati. 

Anthothrips aculeata Fab. 9. Rover,eto, 23./III. — 22./VL; 
Finoncbio, 2./VII. cf. Arco, 15./V. 

Habitat. Nei fiori di Genista germanica L., Hordeum vul- 
gare L., Anthyllis vulneraria L., Tragopogon pratensis L., Pimpi- 
nella magna L., Anemone montana Hap. ; sulle Graminace nei 
prati ; nelF inverno sotto alle foglie seccbe. 

Gen. Tricliothrips Uzel. 

Trichothrips copiosa Uzel forma aptera. 9. Rovereto, 21. /IV. 
cf. Rovereto, 21. /IV. 

Habitat. Sotto le corteccie degli alberi. 

Gen. Phloeothrips Halid. 

Phloeothrips coriacea Halid. 9. Rovereto, 14./ VI. 
Habitat. Sotto alla corteccia di un vecchio Pyrus communis L. 



6 



R. Couelli. 



Grli Aphaniptera del Trentino. 

Per il 

D re Ruggero Cobelli 

in Rovereto. 
(Eingelaufen am 30. Mai 1908.) 

Pubblico queste poche lince perche stimo cosa importante per 
la distribuzione geografica di questi interessanti insetti, il far cono- 
scere quelle specie che potei raccogliere in questi Ultimi anni nel 
Trentino. 

Di tutte le specie feci i preparati stabili nel balsamo del Canadä. 
Per la classificazione mi servii dell' opera del Taschenberg. 1 ) 

Farn. Pulicidae. 
Gen. Pulex L. 

Pulex irritans L. Süll' Homo sapiens L. a Rovereto ed in tutto il 
Trentino. 

Pulex globiceps Taschenb. Sul Meies taxus Schreb. a Rovereto. 

Pulex fasciatus Bosc.-d'Antic. Sul Myoxus glis L. a Rovereto. 

Pulex sciurorum Bouche. Sul Sciurus vulgaris L. in Serrada. 

Pulex serraticeps Gervais. Süll' Ho mo sapiens L. a Rovereto; sul 
Felis domestica Bris, a Rovereto; sul Lepus cuniculus L. a 
Rovereto; sul Canis vulpes L. a Rovereto; sul Canis familiaris L. 
a Rovereto. 

Gen. Typklopsilla Taschenb. 

Typhlopsilla hexactenus Kol. Sul Plecotus auritus L. a Rovereto. 
Typklopsilla musculi Duges. Sul Mus Musculus L. a Rovereto. 



l ) Die Flühe. Die Arten der Insektenordnung Suctoria, nach ihrem 
Chitinskelett monographisch dargestellt. Halle, 1880. Mit 4 lithograph. Tafeln. 



Contribucione alla Flora micologica della Valle. Liagarina. 



7 



Contribuzione alla Flora micologica della 
Valle Lagarina. 

Per il 

D re Ruggero Cobelli 

in Rovereto. 
II. 

(Eingelaufen am 30. Mai 1908.) 

In continuazione di miei studi sui fungbi della Valle Lagarina, 1 ) 
pubblicai nel 1891 una prima contribuzione. 2 ) Da quell' epoca 
raccolsi le alcune specie qui sotto elencate, le quali serviranno se 
non a completare la Flora micologica della Valle Lagarina, almeno 
a renderla meno imperfetta. 

E cosi il numero delle specie finora raecolte viene portato da 
526 a 552, distribuite come segne: 



Hymenomycetes 468 

Discomycetes 50 

Gasteromycetes 20 

Tuberacei 2 

Myxomycetes 12 



Totale ... 552 

Hymenomycetes. 
Gen. I. Agaricas Fries. 

13. Amanita strobiliformis Vill. 

14. Amanita solitaria Bull. 

*) Elenco sistematico degli Imeno-, Disco-, Gastero-, Myxomiceti e Tubera- 
cei finora trovati nella Valle Lagarina dal D re Ruggero Cobelli. (VII Pubblica- 
zione fatta per cura del civico Museo di Rovereto. Rovereto, 1885.) 

2 ) Contribuzione alla Flora micologica della Valle Lagarina per il D re 
Ruggero Cobelli in Rovereto. (Verhandlungen der k. k. zool.-bot. Gesellsch. 
in Wien, Jahrg. 1891.) 



R. Cobelli. 

174. Tricholoma chrysenterum Bull. 

202. Tricholoma personatum Fries. 

255. Clitocybe phyllophilla Fries. 

272. Clitocybe opaca With. 

284. Clitocybe sinopica Fries. 

289. Collybia acervata Fries. 

(6.) Omphalia Giovanellae Bresadola. 

916. Flammula gummosa Larch. 

1045. Crepidotus pezisoides Nees. 

Gen. III. Coprinus Pers. 

9. Coprinus soboliferus Fries. 

Gen. V. Cortinarius Fries. 

8. Cortinarius varius Fries. 
54. Cortinarius lilacinus Fries. 

Gen. VIII. Hygrophorus Fries. 

6. Hygrophorus melizeus Fries. 

9. Hygrophorus erubescens Fries. 

Gen. IX. Lactarius Fries. 

13. Lactarius zonarius Fries. 

Gen. XIII. Nyctalis Fries. 

6. Nyctalis parasitica Bull. 

Gen. XIV. Marasiuius Fries. 

13. Marasmius scorteus Fries. 
47. Marasmius androsaceus Fries. 

Gen. XVI. Panus Fries. 
(208.) Panus fulvidus Bresadola. 

Gen. XLIII. Telephora Fries. 

6. Telephora caryophyllea Schaff. 



Contribnsione alla Flora mioologica della Valle Lagarina. 9 

Gen. LIII. Pistillaria Fries. 
10. Pistillaria puberula Berkl. 

Discomycetes. 

Gen. Helotium Pers. 
25. Helotium serotinum Fries. 

Gasteromycetes. 

Gen. Geaster Pers. 
Geaster fornicatus Huds. 

Gen. Rhizopogon Tul. 
MMzopogon luteolus Tul. 



Epeolus -Arten Südafrikas. (Hymenoptera.) 

Von 

Dr. med. Hans Brauns 

in Willowmore (Kapland). * 
(Eingelaufen am 29. Juni 1908.) 

In der Zeitschrift für System. Hymen, und Dipter., 3. Jahrg., 
S. 362, beschrieb ich Epeolus Friesei Brauns und Epeolus militaris 
Gerst. Eine in diese Gruppe, die sich durch gleichartigen Habitus 
auszeichnet, gehörige neue Art entdeckte ich seither und gebe im 
folgenden eine Tabelle der drei Arten, indem ich für die bereits 
beschriebenen auf meinen Aufsatz, 1. c, verweise. 

1. Scutellum mit deutlichen Seitendornen. 

militaris Gerst. 

— Scutellum ohne Spur von Seitendornen 2 

2. Mittelsegment an den Seiten ohne vorspringende Lamelle, ab- 

gerundet Friesei Brauns 

— Mittelsegment je an den Seiten mit einer deutlichen zahnartigen 

Lamelle, welche in der Kontur abgerundet ist. Schwarz, 



10 



Hans Brauns. 



ohne rote Färbung an der Wurzel des Abdomens. Ob das ganz 
schwarze Tier in der Färbung konstant ist, ist fraglich, da 
die rote Färbung an der Wurzel des Abdomens z. B. bei 
Friesei m. in der Ausdehnung wechselt und bei einem d 1 
dieser Art zu einer mitten unterbrochenen Querbinde des 
ersten Dorsalsegments reduziert ist. Auf dem zweiten und 
dritten Dorsalsegment, nahe am Hinterrande, je eine mitten 
unterbrochene weiße Filzbinde wie bei Friesei; die des 
zweiten Segments reicht ein wenig weiter zum Seitenrand 
als die des dritten. Beide erreichen jedoch den Seitenrand 
des betreffenden Segments nicht. Die Lamellen des Mittel- 
segments und das Pygidialfeld rotbraun. Rotbraun sind ferner 
die Knie, Schienen und Tarsen aller Beine, die Schenkel 
und Hüften sind schwarz. Die Schienen und Tarsen schim- 
mern durch eine feine Tomentierung weißlich. Sonst findet 
sich eine sparsame weißliche Behaarung nur auf dem Pro- 
notum. Die längere Behaarung des Kopfes, Thorax und 
Mittelsegments ist schwarz. Auf dem 3., 4. und 5. Ventral- 
segment je eine quere Reihe langer gebogener schwarzer 
Wimperhaare. Skulptur wie bei Friesei, das Pygidialfeld zum 
Ende stärker verengt als bei dieser Art. Fühler schwarz, 
unten braun. Gesicht schwarz behaart, nicht seidig schim- 
mernd. Mandibeln bräunlich. Die Art ist von der Größe des 
Friesei (10 mm) und steht dieser Art am nächsten. Ich fing- 
ern cT am 18. August bei Willowmore, Kapland. Die Art 
schmarotzt jedenfalls bei denselben frühzeitig im Jahre flie- 
genden Colletes -Arten, wie 1. c. bei Friesei angegeben. 

cT. Ep. karroensis m. n. sp. 

Epeollis Kobroivi in. n. sp. cT, Q. 

Ich besitze aus dem südlichen Afrika eine auffallend große 
Epeolus -Art, welche durch ihren Melecta-SLYÜgen Habitus und durch 
die lange Behaarung eine aberrante Form in dieser Gattung dar- 
stellt und durch ihre Behaarung sowie die dadurch verursachte 
Flecken- und Bindenzeichnung eine der prächtigsten Bienen Süd- 
afrikas ist. 



Wpeohta -Arten Südafrikas. (Hymenoptera.) 



1 1 



Statura maxima, niger, luxuriöse niveo-villosus et niveo-iomen- 
t&SUS, de cetero nigro-pilosus. Facies, parte anteriore clypei et fronte 
svperiore exceptis; occipite, temporibus, pronoto, mcsonoti vittis tribus 
longitudinalibus, ei maculis duobus pone scutellum, metanoti parte 
media (postscutello), mesopleuris totis, segmenti mediani lateribus et 
flocculo sub alis sito, flocculis coxarum mediarum et posticarum, 
tubtusque femoribus anticis et mediis niveo-villosis, tibiis tarsisque 
Omnibus externe, maculis lateralibus abdominis segmentorum 1 — 5 
fcf 1 — 6) modo generis Crocisae niveo-tomentosis, venire vittis trans- 
versis niveis plus minusve subtilibus ornato, labro longe fusco-ltirsuto, 
thoraee supra et subtus segmentoque mediano nigro-hirtis, abdomine 
pedibusque fere nudis, tarsis et tibiis subtus nigro-hirtis. Mandl- 
bularum medio lote fulvo. Antennis pedibusque nigris. 

Labro magno quadrato, coriaceo, margine antico rotundato- 
exciso, medio antico longitudinaliter cristato, crista dentiformi. Glypeo 
xtrfttiliter ruguloso-punctato, margine antico laevi recto, immarginato, 
in statu integro subtiliter et breviter albo-crinito. Ocellis fere in 
linea recta transversa sitis. Sincipite sublucido sparse punctato. 
Mesonoto dense punctato, sublucido. Scutello medio longitudinaliter 
impresso et subtiliter sulcato, lato, dense punctato, angiäis extemis 
posticis breviter horizontali-dentatis, paullo incurvatis. Abdomine 
microscopice dense punctato opaco. Area pijgidiali nulla. Segmento 
ultimo dorsali cf rotundo, ventrali c? late trapezoidali. Fascicidis 
ventralibus d 1 nullis. Segmento ventrali ultimo 9 longe acuto. Alis 
infumatis, pro parte pellucide fenestratis. Long. 14 — 18 mm. 

Diese prächtige große Art ist einer Melleta oder Crocisa ähn- 
licher als einem Epeolus. Der Diagnose ist wenig hinzuzufügen. 
Der Kiel der Oberlippe gehört nur dem vorderen Teile derselben 
an und ist scharf und dünn, oben scharf zahnartig erhaben. Der 
vordere Teil des Clypeus ist bei frischen Exemplaren sehr fein 
weißhaarig, oben zottig dicht weiß behaart. Die weiße zottige Be- 
haarung des Kopfes läßt nur eine breite Zone des Vorderkopfes 
frei und die schwarz behaarte Mitte des Pronotums. Von den drei 
Haarbinden des Mesonotums läuft die mittlere bis zur Höhe der 
Flügelschuppen, die beiden anderen nehmen die ganzen Seiten ein 
und enden mit den Flügelschuppen. Das Hinterschildchen liegt 
unter dem Niveau des Scutellums und ist ganz von der weißen 



12 



Hans Brauns. 



Haarflocke eingehüllt. Scutellum quer und breit, hinten ausge- 
schnitten; der Ausschnitt wird durch die weiße Haarflocke des 
Metanotums ausgefüllt. Mittelsegment steil abfallend, in der Mitte 
runzelig, seitlich durch die große Haarflocke verhüllt, in der Mitte 
lang schwarzhaarig. Die weiße Fleckenbehaarung des Hinterleibes 
anliegend wie bei Crocisa, in der Mitte breit unterbrochen. Die 
Flecke weiter nach hinten sind bindenartig, zum größeren Teile 
den Hinterrändern der Segmente anliegend. Aus den feinen Punkten 
des konischen Hinterleibes entspringen feine kurze schwarze Här- 
chen. In der Gegend der Kubitalzellen und zweiten Diskoidalzelle 
finden sich undeutliche Fensterflecke. Fühler einfach, dick wie 
bei Crocisa. In der Tracht ahmt die Art unsere großen Crocisa- 
Arten nach. Die untere Afterklappe des 9 ist lang und spitz, seit- 
lich ein wenig zusammengedrückt. 

Beschrieben wurde die Art nach 3 9 und 2 d\ 
Orangia (Bothaville und Reddersburg), Dezember bis Februar. 
Kapkolonie (Queenstown), im Januar. Vom letzteren Orte er- 
hielt ich sie durch G. Kobrow, dem zu Ehren ich die Art benenne. 



Crocisa -Arten Südafrikas. (Hymenoptera.) 

Von 

Dr. med. Hans Brauns ^ 

in Willowmore (Kapland). 
(Eingelaufen am 29. Juni 1908.) 

H. Friese gab in diesen „Verhandlungen", Jahrg. 1905, eine 
vorläufige Übersicht afrikanischer Crocisa -Arten und beschrieb neue 
Arten. Der Bestimmungstabelle legte er die in den Ann. Soc. ent. 
de France, Vol. 72, 1903, erschienene Tabelle Vachais zugrunde. 
Leider unterließ er in seiner systematischen Übersicht bei den ein- 
zelnen Arten die von älteren Autoren angegebenen Fundorte hin- 
zuzufügen. Seiner Ansicht, daß die Farbe der Behaarung bei der- 
selben Art von blau bis weiß abändere, kann ich nicht beipflichten. 
Die von mir beobachteten Arten zeigen darin eine genügende 



( 'ruci.ta - Arten Südafrikas. 1 1 1 y menoptora.) 



13 



Konstanz. Jedoch ist bei einzelnen Arten die blatte Farbe der Be- 
haarung so licht himmelblau, daß dieselbe bei Individuen, welche 
schon eine Zeitlang flogen, abblaßt und weiß erscheint. Auch 
kommen Arten vor, bei denen die Thoraxbehaarung' weiß, die ab- 
dominale lichtblau ist. Manche Crocisa -Arten scheinen vom Kap 
bis nach Zentralafrika verbreitet zu sein, andere wieder lokal auf- 
zutreten. Jedenfalls ist die Anzahl der Arten größer als zur Zeit 
bekannt. Unter den unten behandelten Arten sind einige in Süd- 
afrika sehr weit verbreitet, vielleicht auch schon beschrieben worden, 
respektive in Mischarten älterer Autoren vorhanden. Dahin gehört 
die als valvata bezeichnete Art. Fast alle hier beschriebenen Arten 
liegen in großer Anzahl vor und sind daher nach frischen Exem- 
plaren beschrieben worden. Irgendwie abgeriebene Individuen 
sollten bei Crocisa nicht zu Beschreibungen verwendet werden. 
Schließlich ist noch zu bemerken, daß die Form des Ausschnittes 
im Hinterrand des Scutellum zwar im großen und ganzen zur Art- 
unterscheidung zu verwerten ist, bei manchen Arten aber unbrauch- 
bar wird, indem sowohl winkliger als auch geschwungener Aus- 
schnitt bei derselben Art nicht selten vorkommt. Auch die Skulptur 
der Endsegmente ist keineswegs so konstant als die Beschreibungen 
angeben. Da die Crocisa -Arten Schmarotzer sind, so ist diese 
Tatsache auch nicht auffällig. Auch die Länge und Breite der 
Hinterleibsbinden variiert, namentlich des ersten Segmentes. Die 
Unterscheidung von Arten nach der Weise, ob diese Binde zu- 
sammenhängend, schmal oder weit getrennt ist, ist daher oft proble- 
matisch. Viel konstanter ist jedoch die Fleckenzeichnung des Scu- 
tellums und dessen Seitenstücke. Die Flecke selbst können in Größe 
variieren, aber nicht in der Lokalisierung. Auch das Auftreten 
längerer Behaarung außer der Tomentierung an der Unterseite 
und den Beinen ist gut zu verwerten. Größere Serien sind für die 
südafrikanischen Arten zur Begrenzung notwendig. Wie fast alle 
Schmarotzerbienen beißen sich die Crocisa -Arten zur Nachtruhe 
oft in kleinen Gesellschaften an geschützten Stellen fest in trockene 
Stengel niederer Pflanzen. So sammelte ich manche Arten in Menge. 
Das männliche Geschlecht überwiegt. 

Nachfolgend charakterisiere ich einige Arten, die in Anzahl 
vorliegen. 



14 Hans B r a u n s. 

Vier große Arten von etwa 15 — 17 mm Länge im Durch- 
schnitt besitze ich aus Südafrika. Einige davon sind wahrscheinlich 
in früheren Beschreibungen nicht scharf geschieden und vielleicht 
als Mischarten in Sammlungen vorhanden. Die blaue Behaarung 
der Abdominalbinden ist zuweilen so lichtblau, daß bei der Be- 
stimmung nach früheren Tabellen Zweifel obwalten können. Ge- 
wöhnlich erhält sich die blaue Färbung am längsten an der Innen- 
seite der Abdominalbinden. 

g: 

1. Die Seitenstücke des Scutellums und ein dreieckiger Fleck vor 
dem Winkel des Ausschnittes weiß gefleckt. Ausschnitt ge- 
schwungen oder geradwinkelig, die Tiefe des Ausschnittes 
variierend, je nachdem der Winkel selbst stumpf oder ge- 
rundet ist. Bauch weiß gefleckt, die beiden Querbinden des 
ersten Rücken Segmentes ziemlich weit zur Mittellinie vor- 
ragend, an den Seiten zusammenhängend wie bei Braunsiana 
Friese, gleich weit unterbrochen. Metatarsen und alle Tarsen 
hinten weiß gefleckt. Im Ausschnitt außer dem Fleck davor 
eine weiße Haarflocke. Metatarsus I lang schwarz gewimpert. 
Alle Schenkel und die Vorderschienen unten lang weiß be- 
haart. Die Punktierung der Thoraxoberseite und des Scu- 
tellums fein. Anliegende Behaarung des Thorax oben, des 
Scutellums und der oberen Abdominalsegmente schwarz. Bauch- 
segment 5 mitten fein gekielt, meist der ganzen Länge nach. 
Trochanter III abgerundet. Die Färbung der Abdominal- 
binden ist sehr licht himmelblau, oft fast weiß. Vorderflügel 
getrübt, an der Wurzelzelle und in den Radial-, Kubital- und 
Diskoidalzellen mit hyalinen Stellen wie bei C. Braunsiana. 
15 — 17 mm .... Crocisa maculiscutis Cameron 

Ich sammelte die Art selten in der Kapkolonie bei 
Willowmore und Queenstown im Januar, in Orangia bei Botha- 
ville und Reddersburg im Januar und Februar. 

Die Type (cT) befindet sich im Albany-Museum, Grahanis- 
town, Kapkolonie. Dieselbe wurde von mir untersucht. Sie 
wurde bei Katberg in der Kapkolonie gefangen. Camerons 
Beschreibung findet sich in den „Records of the Albany 
Museum", Vol. I, Nr. 5, 26. Sept. 1905, p. 304. 



( Vocfoa -Arten Südafrikas. 1 1 1 3 menoptera. 1 



15 



— Die Seitensttlcke des Scutellums schwarz, ohne weiße Flecken- 
zeichnung, auf dem Scutellum ein mehr weniger großer 
weißer oder blauweißer Tomentfleck in den Vorderecken, an 
die Seitenteile anstoßend, Haarflocke im Ausschnitt weiß. 
Die vordere Binde des ersten Kückensegmentes kaum oder 
sehr wenig getrennt, die hintere sehr der Mitte genähert, 
beide außen zusammenhängend, Bauchsegmente 2 und 3 
jederseits gefleckt, Schienen und Mctatarscn hinten gefleckt, 
die Tarsen nicht oder nur wenig bei frischen Exemplaren, 
Ausschnitt bei den vorliegenden Exemplaren geschwungen. 
Bauchsegment 5 nicht gekielt, stark nach hinten verjüngt. 
Metatarsus I mit dünnen langen schwarzen Haaren einzeln 
besetzt, aber nicht dicht wimperartig. Längere Haare an 
der Unterseite der Beine schwarz, teilweise weiße Zotten an 
der Thoraxunterseite vor den Trochanteren. Trochanter III 
ist infolge eines kleinen Ausschnittes vor der Spitze mehr 
weniger zahnartig vorspringend. Die Oberseite ist fein punk- 
tiert, glänzend, anliegend fein schwarz behaart. Die blaue 
Tomentfärbung ist intensiver als bei der vorigen Art. 15 bis 
17 mm Crocisa arcuata Vachal 

Ich fing die Art im Kaplande bei Mafeking und am 
Sunday river, nicht fern von Port Elizabeth im Dezember und 
April. Ich halte sie für C. arcuata Vachal. 

Friese sagt in seiner Tabelle unter 10/2: „Scutellum 
ohne Haarflecke auf der Scheibe — 12" und dann unter 15: 
„Scutellum jederseits mit großem blauweißen Haarfleck", 
widerspricht sich also. (Man beachte „Scheibe" und „jeder- 
seits". Friese.) 

Ich besitze ein 9, vom Senegal stammend, das ich als 
emarginata Lep. erhielt. Es stimmt völlig überein mit der 
oben als arcuata Vachal beschriebenen Art. 

Auffallend ist bei arcuata das fettglänzende Pygidial- 
feld, ohne grobe Punktierung oder Kunzelung; seitlich ist es 
scharf kielig gerandet. Vorderflügel getrübt wie bei valvata m., 
hyalin nur in der Gegend der Kubital- und zweiten Diskoidal- 
zelle. 



Hans Brauns. 



Seitenstiicke ganz weiß behaart, vordere Binde des ersten Seg- 
mentes außen mit der hinteren zusammenhängend, nicht 
unterbrochen bei meinem Exemplar, hintere weit unter- 
brochen; Binden blauweiß. Scutellum ohne weiße Toment- 
flecke, schwarz behaart. Der Ausschnitt ist stumpfwinkelig, 
ein wenig geschwungen, mit weißer Haarflöcke. Die Vorder- 
flügel dunkel, mit sparsamen hyalinen Stellen wie bei ar- 
cuata und valvata. Letztes Ventralsegment in der Mitte nicht 
grubig vertieft, wie das vorhergehende lang schwarz behaart, 
Punktierung oben fein. Längere Behaarung der Unterseite 
und der Beine kaum vorhanden. Bauch ungefleckt, nur die 
Schienen hinten weiß gefleckt. 1 7 mm. Ich halte die Art 

für Crocisa excisa Friese 

Orangia: Bothaville, im Januar. 

Wenn Friese 1. c. sagt, daß die Fühlerglieder vor- 
springend und ausgehöhlt seien, so ist dazu zu bemerken, 
daß solches mehr weniger bei allen GVocisa-Männchen der 
Fall ist. Die Eindrücke sind meistens zweireihig. 
Seitenstücke hinten mit weißem Fleck wie beim 9. Scutellum 
mit blauweißem Fleck vor dem Ausschnitt und in demselben 
mit weißer Haarflocke. Binden des ersten Segmentes unter- 
brochen, ziemlich gleichweit wie beim 9. Letztes Ventral- 
segment mitten grubig vertieft, Bauch gefleckt. Längere Be- 
haarung der Unterseite und Beine viel schwächer als beim 9. 

14 — 17 mm Crocisa maculiscutis Cameron 

Die cT der beiden letzten Arten haben sehr dicke Fühler 
mit zweireihig angeordneten grubigen Eindrücken. 
Seitenstücke schwarz. Schildchen vor dem Ausschnitt mit blauer 
Makel, sonst schwarz, mit schmaler weißer Haarfranse im 
Ausschnitt. Ausschnitt scharf winkelig, nicht geschwungen. 
Abdominalbinden schön blau. Im übrigen verweise ich auf 
die Beschreibungen. 14 — 17 mm. 

Crocisa Guineensis Rad. 
Die Art besitze ich von Natal und Transkei. Sie ist 
schon mehr tropisch und kommt an der Ostküste Afrikas vor. 



( hrocfoa -Arten Südafrikas. 1 1 l\ menoptera.) 



IT 



Die folgenden Arten sind kleiner, durchschnittlich von 10 bis 
13 mm. Die 1 laarbinden und Flecke sind rein weiß. 



L. Hinterschenkel gezähnt. Schildchen dicht und grob runzelig- 
punktiert 2 

- Hinterschenkel ungezähnt, Schildchen fein punktiert ... 3 
2. Seitenstticke des Schildchens und dieses selbst ungefleckt; bei 

ganz frischen Exemplaren stehen auf der Fläche desselben 
ziemlich dichte und lange weiße Haare, ohne eine Zeichnung 
zu bilden; eine Haarflocke im Ausschnitt, von der Unterseite 
des Scutellums entspringend. Die Binden des ersten Dorsal- 
segments breit und gleichbreit unterbrochen, seitlich zu- 
sammenhängend, Bauch ungefleckt, die Schienen und das 
Klauenglied oben weiß gefleckt. Toment kreideweiß. Schild- 
chen, Thorax und Unterseite auffallend grob punktiert, das 
Schildchen fast unbehaart. Alle Metatarsen, besonders der 
Hinterbeine, sind lang schwarz gewimpert, auch Schienen 
und Schenkel tragen lange schwarze Behaarung. Die hinter- 
sten Trochanteren gezähnt, ebenso die Hinterschenkel im 
ersten Drittel. Vorderflügel rauchgrau, mit schwachen hyalinen 
Flecken in den Kubital- und Diskoidalzellen. Ausschnitt des 
Schildchens mehr weniger stumpfwinkelig, die Ecken ein 
wenig zur Mittellinie umgebogen, der Saum glatt, bräunlich. 
Die Bauchsegmente ebenfalls gröber punktiert bis auf die 
glatten Endsäume. Das fünfte Ventralsegment hinten in der 
Mitte des Endsaumes glatt und dort kielig erhaben, das sechste 
dicht punktiert. 10 — 12 mm. Crocisa plumifera m. n. sp. 
Willowmore, Kapkolonie; im Sommer selten. 

— Wie die vorige Art skulpturiert und behaart, mit der sie in jeder 

Beziehung übereinstimmt, aber das erste Rückensegment trägt 
jederseits zwei kleine weiße Seitenflecke, welche getrennt 
sind und nicht bindenartig zur Mitte vorragen, auch die 
Seitenflecke der folgenden Rückensegmente sind klein und 
ohne Fortsätze nach oben. Wahrscheinlich ist sie nur eine 
Varietät der vorigen Art. Crocisa tarsiplumosa m. n. sp. 
1 $. Port Elizabeth, Kapkolonie, 11. Oktober. 

Z. B. Ggs. 59. Bd. 2 



Haus Brauns. 



Seitenstücke des Schildchens und dieses selbst jederseits auf 
der Scheibe mit einer mehr weniger großen weißen Makel 
aus Toment. Die Makel hängt nicht mit den Seitenstücken 
zusammen. Die Tomentbinden sind kreideweiß; die des 
ersten Rückensegments hängen seitlich zusammen, die vor- 
dere nähert sich der Mitte mehr weniger und kann oft selbst 
verschmelzen und eine einzige Binde bilden, die hintere ist 
stets in der Mitte unterbrochen, meistens nur wenig. Der 
Ausschnitt ist variabel, bald geschwungen, bald mehr weniger 
geradwinkelig. Die Haarflocke des Ausschnittes entspringt 
an der Unterseite des Scutellums. Oberseite der Schienen 
und aller Tarsen mit weißer Tomentmakel. Anliegende Körper- 
behaarung schwarz und dicht, die feine Punktierung ver- 
deckend. Unterseite des Körpers und der Beine mit längerer 
weißer Behaarung, dieselbe ist aber weniger dicht als bei 
planifera und tarsiplumosa und nicht fransenförmig an den 
Metatarsen wie bei diesen beiden Arten. Bauch reichlich 
beiderseits weiß gefleckt. Das fünfte Ventralsegment im 
hinteren Drittel deutlich kielig erhaben in der Mitte, der 
hintere Trochanter ungezähnt. Flügel rauchgrau, alle Zellen 
mit reichlichen hyalinen Stellen. 9 — 12 mm. 

Crocisa Braunsiana Friese 
Die Art scheint außerhalb der Küstengegenden Süd- 
afrikas weit verbreitet und ein Bewohner der Hochsteppen 
des Innern zu sein; sie ist bei Willowmore die häufigste aller 
Crocisa -Arten und fliegt von November bis Ende Februar. 
Als sicheren Wirt fand ich Anthophora circulala Fm. 

Seitenstücke des Schildchens ungefleckt. Schildchen mit einer 
Haarflocke jederseits unmittelbar in der Ecke unterhalb der 
Seitenstücke, ohne Flecken auf der Scheibe, eine Haarflocke 
im Ausschnitt, von der Unterseite entspringend. Die Haar- 
flocke in den Außenecken des Scutellums unterhalb der Seiten- 
stücke ist nicht tomentartig anliegend, sondern zottig. Haar- 
binden des ersten Dorsalsegments außen zusammenhängend, 
in der Mitte breit und ziemlich gleichbreit unterbrochen. 
Schienen und Tarsen hinten weiß tomentiert. Längere Be- 
haarung unten weißlieh, der vordere Metatarsus mit einzelnen 



( Sroc&aa -Arten Südafrikas. (Hymenoptera.) 



I!) 



langen Haaren, anliegende Behaarung schwarz, die feine 
Punktierung- verdeckend. Ausschnitt flach stumpfwinkelig, 
nicht geschwungen. Trochanter III einfach. Fünftes Bauch - 
segment dicht punktiert, matt, an der Spitze mitten kielig. 
Vorderflügel rauchgrau, nur in der Gegend der Kubitalzellen 
mit einigen hyalinen Flecken. 

Die Art ist der Braunsiana Friese nahe verwandt, aber 
durchwegs viel kleiner. Ein größeres Material ist sehr gleich- 
artig. Die Art ist bestimmt im Habitus verschieden und gut 
gekennzeichnet. Die Hinterleibsbinden treten schärfer und 
mehr abgegrenzt hervor. 7 — 10 mm. 

Ich widme die Art dem bekannten Apidenforscher Herrn 
Alfken in Bremen .... Crocisa Alfkeni m. n. sp. 

Wille- wmore, Kapland. Sie fliegt mit Braunsiana zur 
selben Zeit und ist hier im Januar und Februar in zweiter 
Generation in manchen Jahren nicht selten. 
— Scutellum und Seitenteile ganz ungefleckt, nur vor dem Aus- 
schnitte ein mehr weniger großer weißer Saum und der Aus- 
schnitt mit weißer Haarflocke, an der. Unterseite entsprin- 
gend, oder die Seitenteile tragen einen oft minimalen weißen 
Fleck an der Grenze des Scutellums; die Scheibe ist stets 
ungefleckt. Die Fleckenzeichnung des ersten Dorsalsegments 
ist hakenförmig, außen zusammenhängend; sie sendet nur 
zwei sehr kurze Binden vorne und hinten zur Mitte, ist also 
in der Mitte sehr breit getrennt. Körper sehr fein und dicht 
anliegend schwarz behaart, die Behaarung verdeckt die feine 
Punktierung der Oberseite. Eine längere Behaarung der 
Unterseite und Beine fehlt fast gänzlich bis auf sehr einzelne 
weiße Haare an den Beinen. Metatarsus I trägt nur sehr 
einzelne schwarze Borsten. Bauch ohne weiße Flecke, alle 
Schienen und Tarsen hinten weiß tomentiert, ebenso die 
Hinterhüften außen. Punktierung der Oberseite sehr fein 
und nicht dicht, die Teile daher glänzend. Fünftes Bauch- 
segment stärker zugespitzt als bei den verwandten Arten, 
nur hinten sehr kurz gekielt im glatten Teile. Die Seiten- 
teile des letzten Dorsalsegmentes körnig, das Pygidialfeld 
scharf begrenzt, aber nicht mit Seitenkielen wie bei allen 

2* 



20 



Hans Brauns. 



vorher beschriebenen Arten. Der Ausschnitt des Scutellums 
stets mehr weniger geschwungen, die Hinterecken zuweilen 
gebogen und zipfelförmig. Trochanter III einfach. 

Vorderflügel dunkel getrübt, mehr als bei Braunsiana 
und ÄlfJceni, mit violettem Reflex, die Gegend der Kubital- 
zellen mit einzelnen hyalinen Stellen. 

Vachal nannte von dieser Art das cT välvata i. L, das 
5 leviventris i. 1. Ich adoptiere den Namen valvata. 

Crocisa valvata m. n. sp. 

Im Albany-Museum in Grahamstown, Kapkolonie, sah 
ich Exemplare, welche von Cameron als scutellctris F. be- 
stimmt waren. Mit dieser Art, welche eine grobe Punktierung 
des Thorax und des Scutellums besitzt wie bei pliimifera und 
tarsiplutnosa, kann die vorliegende Art nicht verwechselt 
werden. 

Die Art gehört in Südafrika zu den verbreitetsten und 
häufigsten. Sie dürfte daher schon beschrieben, respektive 
mit anderen Arten vermengt sein. Ich besitze die Art von 
der Kapkolonie (Willowmore, Port Elizabeth, Sunday river, 
Oudtshoorn, Grahamstown, Queenstown), Orangia (Redders- 
burg, Bothaville), Transvaal (Johannesburg, Lichtenburg). 
Sie fliegt von Anfang Dezember bis Anfang März. Als Wirt 
ist mir Anihophora vestita Sm. bekannt. 

d\ 

1. Hinterrand des fünften Bauchsegmentes mit langer und dichter 
brauner anliegender Haarfranse, die einen großen Teil des 
folgenden Segmentes verdeckt. Bauch sonst kahl und ohne 
weiße Haarflecke. Thoraxrücken und namentlich Scutellum 
grob punktiert, letzteres mit einzelnen kurzen schwarzen 
Borstenhaaren wie beim 9. Metatarsus I und III hinten mit 
einzelnen langen schwarzen Haaren, aber nicht so wimper- 
artig wie beim 9. Hinterschenkel ungezähnt, Trochanter III 
einfach, stark punktiert. Ventralsegment 6 hinten ausgehöhlt, 
beiderseits mit einer schwachen Tuberkel. Dorsalsegment 6 
tief rund ausgeschnitten, die Ecken des Ausschnittes scharf 



( 'nu-isd - Arten Südafrikas. 1 1 [ymenopteraO 



21 



spitzig, die Oberfläche hinten grubig vertief!. Flecken- und 
Bindenzeichnung und alles übrige wie beim 9. 

Crocisa plumifera m. n. sp. 

— Die Haarfranse ist dünner, an den Seiten weiß, auch auf den 

anderen Bauchsegmenten weiße Haarflecke oder Binden. 
Thoraxrücken und besonders Scutellum sehr fein und zerstreut 
punktiert. Seitenteile des Scutellums und dieses selbst auf 
der Scheibe mit weißen Haarfleckcn 2 

— Diellaarfranse ist dünn, schwarz, Bauclrungefleckt. Scutellum 

auf der Scheibe ungefleckt, außer vor dem Winkelausschnitt. 
Seitenteile mit kleiner weißer Haarmakel oder ganz schwarz. 
Thoraxrücken und Scutellum fein punktiert 3 

2. Ein Tonientfleck jederseits vom Ausschnitt auf der hinteren 

Scheibenfläche des Scutellums und die Seitenteile des Scu- 
tellums mit weißer Tomentmakel wie beim 9. Ausschnitt 
meist stumpfwinkelig, zuweilen geschwungen. 

Crocisa Braunsiana Friese. 

— Eine Haarflocke jederseits auf dem Scutellum am Rande der 

Seitenteile entspringend und die Seitenteile weiß gefleckt. 
Ausschnitt flach stumpfwinkelig; sonst wie beim 9. 

Crocisa Alfkeni m. n. sp. 

3. Nur die Seitenteile mit oder ohne weißem Tomentfleck. Scu- 

tellum bis auf einige weiße Haare um den Winkel herum 
schwarz, fein punktiert und schwarz behaart. Makel des 
ersten Dorsalsegmentes hakenförmig, breit getrennt. 

Crocisa valvata m. n. sp. 



Zum Schlüsse gebe ich die genauere Beschreibung der Cr. 
cdlceata Vach., eine Art, welche, mir als solche von Friese be- 
stimmt, nebst valvata die größte Verbreitung in Südafrika besitzt. 

Crocisa calceata Vachal. Tomentbinden schön blau. 
* 9. Ausschnitt in der Regel mehr weniger geschwungen, doch 
kommen auch Exemplare vor, die einfach stumpfwinkelig aus- 
geschnitten sind. Das Schildchen ist stets ohne blaue Tomentierung, 
die Seitenstücke sind entweder ganz schwarz oder mit mehr oder 
weniger großer Tomentmakel, dieselbe zuweilen nur durch wenige 



22 



Haus Brauns. Crocisa -Arten Südafrikas. (Hymenoptera.) 



Haare angedeutet. Eine breite weiße Franse entspringt an der 
Unterseite des Schildchens. Die Tomentbinden des Abdomens sind 
bei frischen Exemplaren schön blau, blassen aber schnell ab und 
sind darum oft weißlich. Die ersten beiden Tomentbinden mehr 
weniger unterbrochen, außen zusammenhängend. Die Schienen und 
Metatarsen stets tomentiert, meist auch das Klauenglied, zuweilen 
alle Tarsen. Bauch schwarz oder mit mehr weniger ausgebreiteten 
blauen Haarflecken. Punktierung auf der Oberseite fein, anliegende 
Behaarung oben schwarz, aber nicht sehr dicht, längere Behaarung 
an der Unterseite sehr gering, weißlich. Trochanter III einfach. 
Ventralsegment 5 wenig zugespitzt, mitten an der Spitze dachförmig. 

d\ Zeichnet sich aus durch den langen schwarzen Wimper- 
saum des fünften Ventralsegmentes. 9 — 12 mm. 

Ich besitze die Art aus allen Teilen Südafrikas von der Küste 
bis zum Norden Transvaals. Sie fliegt in mehreren Generationen 
im Sommer und ist recht häufig. 

Ich fing an der tropischen Westküste Afrikas Cr. meripes 
Vach., kann aber außer der Tarsenfärbung keine Unterschiede 
entdecken. Die gelblichen Flecke der Bauchsegmente bei calceata 
kommen auch bei südafrikanischen Exemplaren vor, sind aber 
sicher nicht normale Kennzeichen der Art. Ich sehe daher meripes 
Vach, nur als eine Form der offenbar weit verbreiteten calceata an. 
Ob diese weit verbreitete Art nicht schon vor Vacha! beschrieben 
worden ist, kann ich mangels Literatur nicht entscheiden. 

Cameron beschreibt in Transactions of the South African 
phil. Society, Vol. XV, Part 4, 1905, p. 247, eine Crocisa fuho- 
liirta n. sp. Man wird wohl nicht fehlgeben, diese Art in einem 
anderen Genus suchen zu müssen. Der Autor dürfte in den Genera 
Apidarum nicht ganz kompetent sein, wie mich eine Studie seiner 
übrigen südafrikanischen Apidentypen kürzlich gelehrt hat. 



Recen.sio Conocephalidarum 



23 



Recensio Conocephalidarum 

in „A synonymic catalogue of Orthoptera 
by W. F. Kirby" contentarum. 

Auetore 

H. Karny. " 

(Eingelaufen am 1. Juli 1908.) 

Revisione mefi Conocephalidarum perfecta, etsi nondum publi- 
catä, Dom. W. F. Kirby Londiniensis secundum volumen catalogi 
Ortliopterorum prodidit, in quo et Conocephalidae contentae sunt, 
quas hic recensere volo. Primo praedicandum est, tribum Cono- 
cephalidarum in sex separatas subfamilias dilaceratam esse, quas 
Conocephalinas, Agroeciinas, Salamoninas, Xiphidiinas, Listrocelinas 
(sie!), Eumegalodontinas nominat. Quarum ultima Conoceplialinis 
valde vicina est et vix iure separari potest, at Kirby omnes alias 
inter eas inseruit. Primam subfamiliam auetor Conocephalinas no- 
minal quamquam in tota Lac tribu genus Conocephalum nusquam 
adfert, quia hoc genus — ne iure quidem — Conocephaloidem 
appellat. Sed ad hoc postea redeo. Nunc apud initium ineipiam, 
i. e. in p. 229, Vol. II catalogi. 

Subfam. Conoceplialinae. 

Genus Panacanthus sensu Redtenbacheri in genera duo 
Kirby divisit, uti iam antea Walker et Bolivar fecerunt. Quare 
Stornisa Walk, partem Panacanthi Redtenbacheri amplectitur et 
cum Marünezia Bol. synonymicum est. Praeter species in Monographia 
Redtenbacheri contentas Kirby etiam Stomizam pallicornem 
Walk, adfert, quam Redtenbacher non novit. Sequitur genus 
Bhynchocerus Karsch a me pone Eumegalodontem positum ; sed cata- 
logi auetor id ne in subfamiliam Eumegalodontinarum quidem con- 
tulit. Deinde Loboscelis, Daedalus, Copiphora, Hic Kirby praeter 
species in revisione mea contentas gracilem Scudd., mucronatam 
Thom., flavoscriptam Walk., subidatam Stoll. adfert, quarum in sy- 



24 



IL Karny. 



stemate positio valde dubia est. Copiphoram aztecum in genus meum 
Acantheremum, G. borellii ad Lamnicipitem transtuli. Sequuntur 
Lamniceps, Lirometopum. Hic Kirby brevirostrem Stäl posuit, quae 
ad Gopiphoram pertinet. Genus Montesa Walk, non novimus. Basi- 
lius diadematus nunc repandus Walk, nominandus esse dicitur. Tum 
Exocepliala et Eriolus, cuius consobrinus cum fratre synonymicum 
esse arbitror (Kev. Con., p. 11). Sequitur Gryporhynchus, Myga- 
lopsis, quae nunc pauperctdus (sie!) Walk, appellanda esse a Kirby 
dicitur. Acanthacara, quam a Belocephalo dividit, Belocephalus, 
Poascirtus, Eurymetopa, Liostethus, Oxyprora. Hoc genus Krauss 
quondam typum Tettigoniae L. esse affirmavit, uti equidem in Re- 
visione citavi (p. 14), sed neque Kirby neque ego hoc aeeepimus. 
Kirby genus Decticum auett. Tettigoniam appellat, ego in meis 
„Bemerkungen zu dem Linn eschen Gattungsnamen Tettigonia" 
(Zool. Ann., Würzburg, 1907) demonstravi viridissimam speciem 
typicam esse et deinde Krauss in litt, scripsit se gaudere, „daß 
der Name Tettigonia für viridissima als Type erhalten ist" (5. Ja- 
nuar 1908). Quo in genere Kirby species in Redtenbacheri 
Monographia contentas adfert et praeterea ascendentem Walk, et 
acanthoceras Haan, quae mihi dubiae esse videntur. Sequitur Oxy- 
prorella Giglio-Tos, quae ad Phaneropteridas pertinet et cuius in hoc 
loco positione valde miratus sum! Post eam Pedinostethus, Xesto- 
phrys; X. HorvatM Bol. Kirby nondum novit. Deinde Lanista, 
Clasma, Plastocoxypha, PseudorhyncJms. Quantus hic specierum 
numerus, sed quanta earum pars dubia est! Tum Pyrgocorypha, 
cuius nigridens et planispina incertae sedis. Sequuntur Doryco- 
ryphus, Coryphodes, Ruspolia, Caiäopsis. Hic gracillima, acatula, 
sponsa species dubiae sunt; de prora confer in mea revisione p. 21. 
Venimus ad genus Conocephaloidem Kirby nec Perkins. Hoc genus 
omnes priores auetores Gonocephalum nominaverunt, at secundum 
Kirby Conocephali species typica Locusta Conocepliala Fabr. est, 
i. e. XipMdion aethiopicum. Tarnen et ibi non nomine Conoceplialo 
utitur, sed illum genus Anisopteram Latr. 1829 nominat, cum Cono- 
eephedum Thunb. 1815 instituisset. Sed hac re commotus Gono- 
cephalum omnium auetorum Gonocephaloidem appellat, quod nomen 
Perkins generi a Gonocephalo valde et bene distineto applieaverat. 
Sed Kirby haec duo genera confundit. Tarnen, qui nusquam Cono- 



RecenBio Cosocephalidarui 



25 



cephalum nomen genericum adfert, subfamiliam „ConocephaMnas" 
appellavit. Qua confusione commotus ego in revisione, cum Cono- 
cephahtm in tria subgenera divisi, illorum nullo nomen Conocephali 
applicavi, sed Neoconocephalum, Euconocephalum, Homorocoryphum 
nominavi, ne Kirby diceret Conocephalum non hoc genus esse. 
Quod fortasse Dom. Dr. Krauss non novit, cum mihi littcris citatis 
scriberet: „Mit Verwunderung sehe ich, daß Sie den Namen ,Cono- 
cephalus* nur als Sammelnamen beibehalten haben, ähnlich wie 
Linne* seinen Namen ,Gryllus'. Nach unseren heutigen Nomen- 
klaturregeln muß er aber erhalten bleiben, so daß eines Ihrer Sub- 
genera Conocephalus zu heißen hat!" Praeterea de ea re iam in 
mea „Orthopterenfauna des ägyptischen Sudans und von Nord- 
Uganda" brevi opinionem meam indieavi. — Redtenbacher totum 
genus in tres cohortes valde naturales divisit, quas ego subgenerum 
loco institui. At Kirby hanc optimam Redtenbacheri dispo- 
sitionem haud sequitur, sed secundum patriam species disponit. In 
iis etiam Conocephaloidem Hawaiiensem adfert, quem remotum 
Walk, nominat, quamquam secundum Perkinsi descriptionem hanc 
speciem generice distinguere necesse est. Praeterea multae aliae 
nominum mutationes in Kirby i catalogo invenimus, praeeipue quia 
nonnullis a Redtenbacher optime descriptis et nominatis specie- 
bus nomina a Walker data (et prioritatem habentia) imponit, quam- 
quam secundum huius auctoris descriptiones eas cognoscere im- 
possibile est, nisi quis speeimina typica musei britici habeat. Ita 
exaltatus Walk. = pusüdatus Redt., vittipenuis Walk. = fuscomargi- 
naius Redt., Simulator Walk. = adustus Redt., varhts Walk. = Thun- 
bergi Stäl et Redt., extensor Walk. = austredis Bol. et Redt., in- 
ternus Walk. == brevieeps Redt., lineosus Walk. — fuseipes Redt. ; 
mterruptus Walk. = brevipennis Redt., abruptus Walk. = mada- 
gassus Redt., ut quidem Kirby adfirmat. Praeterea irroratum 
(Burm.) tuberculatum (Geer) nominat, dissimüem Serv. triopem L., 
acuminatum Fabr. (nec L.) nasutum Thbg. Fratrem Redt, nunc 
fratellum Griff, nominari debere ego quoque in revisione mea de- 
monstravi. De saturato confer p. 35 meae publicationis. Kirby et 
duo nova nomina instituit: exüem Kirby pro instdano Scudd. nec 
Redt., quem ego (p. 38) insular um nominavi; sed Kirby i nomen 
prioritatem habet; deinde meridionalem Kirby pro occiäentali Redt., 



26 



H. Karny. 



quem ab occidentali Sauss. distinguit. Deinde maxillosum cum 
mutico identicuin esse adfirmat; at, quod ego monstravi, affinem 
Redt, se ab irrorato Burm. haud differre non novit, sed affinem 
pone madagassum sistit. Denique Kirby multas species adfert, quas 
secundum auctorum descriptiones identificere impossibile est, in iis 
praeter Kraussei speciebus, quas ego ignoravi (p. 39 revisionis), 
praecipue a Walker descriptas, quas redescribere valde laudabile 
esset, quia Walk er i descriptiones inanes sunt; praeterea Scudderi 
species quasdam et auctorum priorum. Earum nomina: monoceros, 
colorificus, purpurascens, malivolans, aries, restrictus, bilineatus, re- 
lusus, liebes, tenuicauda, alienus, clausus, Troudeii, clarus, Roberti, 
Thunbergi, Cristovallensis, turpis, rosaceus, femoralis, indicator, di- 
versus, obscurus, intactus, differens, breviceps. Earum in numero 
etiam diversum quendam invenimus et ea de causa diversum meum 
austro-americanum nunc Homorocoryphum Harti n. n. nomino, 
quia hanc speciem Dom. Charles A. Hart, orthopterologo illinoisensi 
dedicare volo. — Hoc amplum genus sequuntur Bucrates, Para- 
bucrates, Brachymetqpa, quam Banzam Walk, nominat. Huius ge- 
neris discolorem Redt. Kirby cum parvtdä Walk, identificit at par- 
vulam Perk. brunneam Perk. nominat. 

Subfam. Agroeeiinae. 

Hic Kirby in generum sequentiä plus minus Redten- 
b ach er um sequitur. At Subriam amazonicam et nitidam bene 
distinctas sub nomine Subriae grandis Walk, confundit. Genus a me 
Spada nominatum, specie typicä Agroeciä spadä Br., i. e. genus 
Orthoxiplius Dohm nec Sauss.; Kirby Habetiam nominat, quod 
nomen prioritatem meo habet et Spada Karny in synonymiam 
transferenda est. Secsiva univittata Walk. (Kirby, Catal., p. 261) 
mihi ignota. Pro Lobaspi Redt. Nicsara Walk, teste Kirby po- 
nenda est. Nicsaram trigonalem Walk, non novi. Neque tres a 
Dohm descriptas species (minutam, thoracicam, Hageni), cum re- 
visionem meam scripsi, comperi, quia tum Zoological Record pro 
1905 nondum adfuit et publicationem ipsam non accepi. Pro Alplio- 
pterygem Redt, et Glapliyronotum Redt. Kirby nomina a Walker 
data (Veriam et Metliolcen) infert. De Anthracitis a Dohm de- 
scriptis speciebus idem, quod apud Nicsaram dixi. 



Reoensio Conoceplialidannn. 



27 



Subfam. Saloinoninae. 

Apud Macroxiphum auctor teste Dolirn sumatranum a nasi- 
torni diversum esse dicit, ego in revisione Redtcnbachcrum se- 
cntus suni. Dubiam Locustam loboensem Haan ignoravi, tres a 
Dolirn descriptas species nondum novi. Macroxiplium Ghyiseri 
Hol. Kirby non adfert. Salomona Brongniarti Br. ab antennata 
Redt, band diversa, immo vero secundum eadem specimina de- 
scripta. Salomonen)) sigma Redt. Kirby Seil. Godeffroyi Pict., hanc 
solidam Walk, nominat. Salomona Dohrni Redt, vittifrons Walk, 
appellatur. Conspersa Stal, fe^ra Walk., obscura Gieb., sparsa Walk., 
macrocepliala Montr. mihi dubiae videntur. Genus Peraccam Griff. 
Kirby omisit. Dicranacrus fureifer Redt, fuseifer nominatur (an 
vitio typographi ?). 

Subfam. XipMdiinae. 

Unde hoc nomen? Nusquam genus Xiphidion, quod Aniso- 
pteram appellat. Cur non Conocephalus nominatur? Conocephalum 
auetorum Conoceplialoidem dicit, quia Thunbergi generis species 
typica hemipterus sit (i. e. Xiphidion aethiqpicuwi auetorum). Nihil- 
ominus nunc hoc genus Anisoptera vocatur, quod nomen 1829 publi- 
catum est, Conocephalo iam 1815 edito. Equidem Conocephalum 
nitidulum et consanguineis reservavi et hoc genus Xiphidion Serv. 
1831 appellavi. Quamquam nomen Anisoptera prioritatem habet, 
a priore mea opinione non discedo, quia Xiphidion et Anisoptera 
non identicae sunt. Anisoptera amplectitur omnes Tettigoniidas 
elytris abbreviatis, i. e. praeeipue Xiphidia brevipennia et species 
quasdam Platycleidis, et mihi cum Chelidoptera Wesm. plus minus 
identice esse videtur. Xiphidion et Platycleis bene distineta genera 
sunt, utrumque species, quae elytris perfectis inveniuntur, amplec- 
tens. Quare ab iis Anisoptera et Chelidoptera a priori diversae, 
quae e prineipio solum per species braehypteras pertinent. Sed pau- 
latim omnium specierum brevipennium bene notarum etiam formae 
longipennes palam factae sunt et verisimiliter omnes (etiam exoticae 
solum secundum minorem speeiminum numerum descriptae) inter- 
dum longipennes sunt. Quare divisio in Xiphidion et Anisopteram 
vana est et omnes species Xiphidio attribuendae sunt, non Ani- 
sopterae, quia huius generis signum typicum, alae breves, apud 



28 



H. Karny. Recensio Conocephalidarum. 



multas species numquam, apud alias plerumque, sed non Semper 
adest. XipJiidion insulare Morse et Iledtenb acher i Bol. auctor omi- 
sit. Brevicercum Karsch brevicorne nominat. Vittato Redt, nomen 
maoricum Walk., geniculari Redt, bilineatum Erichs., aethiapico Thbg. 
conocephalum L. imponit (an iure?). Thoracicum Fisch. W. a fusco 
diviclit. Cinereum Thbg., exemptum Walk , postieum Walk., strami- 
neum Haan, albescens Walk., oceanicum Le Guill., spinipes Stäl, 
sinense Walk., continuum Walk., tenellum Walk., punctipenne Walk., 
tenue Walk., hecticum Gerst., caudale Walk., irivittatum Stäl species 
dubiae. Prius apud Orchelimum erythrocephalum Davis omisit, nigri- 
pedem Scudd. validum Walk, appellat; herbaceum, Ortoni, spliag- 
norum species dubiae. Genus Lipotacten Br. ad Xiphidnnas ponit. 

Subfam. Listroscelinae. 

Xiphidiqpsis citrina Redt, teste Kirby straminula Walk, nomi- 
nanda. Longicercatam Bol. et teuthroidem Bol. omisit. Phlugem 
teuer am Stal spinipedem Fabr. appellat. PJiisem arachnoidem Bol, 
rubrosignatam Bol., crasslpedem Bol. omisit, dubiam pogonopodam 
Montr. adfert. Hexacentrum annulicomem Stal mundam Walk, 
dicit; de Hexacentro Stall Krausse v. revisionem meam p. 110. 
Listroscelis (sensu latiore) in tria genera dividitur, Monocerophoram, 
ad quam longispina Burm. (et mea spinosa\ Cerberodontem, ad 
quem viridis Perty, Listroscelem (s. aug.) ubi ceterae. 

Subfam. Eumegalodontinae. 

Has a Gonocephalinis divisas esse mihi valde paradoxe vi- 
detur. Et llhynchocerum Karsch, Iiis valde affinem apud illis Kirby 
adfert. Genus F/umegalodon autor in Lesinam Walk, et Eumegalo- 
dontem Brongn. diremit (an iure). Lesina lutescens Walk, species 
valde dubia est. 

Omnino dicam catalogum a Kirby editum licet meliorem esse 
quam Walkeri, sed in nimia divisione subfamiliarum et generum 
nonnumquam longius progressum esse et in nomenclatura saepe 
confusionem innecessariam eiere. Mea opinione Walkeri nomina 
porro ignorentur, nisi quis eas species redescribit, nani secundum 
Walkeri descriptiones plerumque identificere ea impossibile est, 
nisi speeimina typica Musei Britici habeas. 



Bepaticae Latzelianae. 



29 



Hepaticae Latzelianae. 

Ein Beitrag zur Kenntnis der Lebermoose Dalmatiens. 

Von 

V. Schiffner (Wien). 

Mit 14 Textabbildungen. 
(Eingelaufen am 11. Juli 1908.) 

Bis zum Jahre 1906 war Dalmatien in hepatikologischer 
Beziehung nahezu eine terra incogmta, indem damals aus diesem 
großen Gebiete nur 20 Arten von Lebermoosen bekannt waren. Ich 
konnte diesen damals bereits 18 für das Gebiet neue Arten bei- 
fügen, die fast durchwegs der ausgezeichneten Sammeltätigkeit des 
Herrn Julius Baumgartner zu verdanken waren. (Man vergleiche 
darüber meine Schrift: „Die bisher bekannt gewordenen Lebermoose 
Dalmatiens" in diesen „Verhandlungen", Jahrg. 1906, S. 263 — 280.) 
Seither hat sich die Vermutung, daß Dalmatien eines der in liepati- 
kologischer Beziehung interessantesten Gebiete Europas sei, glänzend 
bestätigt; durch die unermüdliche und erfolgreiche Tätigkeit der 
Herren J. Baumgartner und Prof. K. Loitlesb erger (Görz) sind 
uns eine ganze Reihe für das Gebiet neuer Arten bekannt geworden 
und sind darunter einige in pflanzengeographischer Beziehung äußerst 
überraschende Vorkommnisse. Soweit mir die Funde der genannten 
Herren zur Bearbeitung zukamen, kann ich darüber berichten in 
einer gleichzeitig erscheinenden Arbeit: Über Lebermoose aus Dal- 
matien und Istrien (Hedw., XLVIII, p. 191—202). 

Es ist für die bryologische Durchforschung Dalmatiens höchst 
wertvoll, daß sich nun auch ein im Gebiete dauernd wohnhafter 
Botaniker der Hepatikologie mit Eifer und bereits mit schönem 
Erfolge angenommen hat. Herr Stabsarzt Dr. Albert Latzel in 
Ragusa, dem wir schon so manchen schönen lichenologischen Fund 
in dem Gebiete verdanken, hat seit vorigem Jahre auch fleißig 
Lebermoose gesammelt und mir eine stattliche Kollektion von 
201 Nummern (darunter viele Doppelnummern) zur Bearbeitung 



30 



V. Schiffner. 



Ubersandt, über deren Resultate die vorliegende Schrift berichtet. 
Diese Nummern sind nach den Standorten [in eckiger Klammer] 
beigefügt. 

Die Kollektion von Herrn Dr. A. Latzel bringt nicht nur 
zahlreiche neue Standorte für bereits aus Dalmatien bekannte Arten 
und Formen bei, wodurch unsere Kenntnis von der Verbreitung 
und Häufigkeit derselben sehr wesentlich gefördert wird, sondern 
sie enthält auch einige für das Gebiet neue Formen (dieselben sind 
im Text durch fetten Druck kenntlich gemacht) ; es sind folgende 
Arten: Fossombronia verrucosa, Cololejeunea Bossettiana, Frullania 
calcarifera, Frullania Tamarisci und folgende Varietäten (respek- 
tive Formen) von bereits nachgewiesenen Arten: Biccia commutata 
f. typica, B. Michelii var. subinermis, Baclula complanata var. Nota- 
risii (— B. Notarisii Steph.), Lejeunea cavifolia var. planiusmäa, 
Frullania dilatata var. microphylla. 

Von diesen Pflanzen ist von höchstem Interesse Fossombronia 
verrucosa, nicht nur, weil sie somit als ein neuer Bürger der euro- 
päischen Flora nachgewiesen ist, sondern besonders, weil sie wieder 
einen von den afrikanischen Typen darstellt, die für die Flora 
Dalmatiens so charakteristisch sind. Zu diesen Typen gehört auch 
Dichilon calyculatum, von welchem die Kollektion Dr. Latz eis 
einen neuen, wie es scheint ergiebigeren, dalmatinischen Fundort 
ausweist. Diese Pflanze liegt überdies das erstemal mit reifen 
Sporogonen vor, so daß ich ihre Beschreibung in Wort und Bild 
nun in ganz befriedigender Weise ergänzen konnte. 

Ich schließe mit dem Wunsche, daß Herr Dr. Latzel die 
von ihm mit so viel Eifer und Fleiß begonnene hepatikologische 
Erforschung Dalmatiens in gleicher Weise fortsetzen möge und wir 
können dann nicht nur bald eine klarere Vorstellung von der Ver- 
breitung der Lebermoose in diesem Gebiete erhoffen, wir werden 
auch die hochinteressanten bryogeographischen Beziehungen der 
dortigen Lebermoosflora (hauptsächlich mit der von Nordafrika 
und Toskana) deutlicher erkennen und es werden uns seine Auf- 
sammlungen gewiß noch manche schöne Überraschung bringen. 1 ) 

x ) Während der Drucklegung dieser Schrift erhalte ich von Herrn Dr. 
Latzel einen kleinen Nachtrag, den ich hier bei der Korrektur mit einfügen will. 



Ilopaticno Lat/clianac. 



31 



Ricciaceae, 

Eiccia commutata Jack et Levier forma typica. Metkovic: 
feuchte Erde östlich vom Dorfe Maliprolog, ca. 50 m; LO. 3. 1908 
[Nr. 10]. 

Anmerkung. Nachdem ich bereits früher (vgl. „Die bisher 
bekannt gewordenen Lebermoose Dalmatiens" in diesen „Verhand- 
lungen", Jahrg. 1906, S. 263) die var. acrotricha Levier für Dal- 
matien nachgewiesen habe, liegt nun auch die zilienlose (typische) 
Form dieser Spezies vor. Über das Vorkommen dieser Pflanze teilt 
Herr Dr. Latzel noch brieflich mit, daß sie dort auf schlammig- 
sandigen Grasplätzen in unmittelbarer Nähe des östlich von Mali- 
prolog gelegenen Jezero sehr spärlich mit Pottia commutata gemein- 
sam wächst. 

Rieda Michelii Raddi, typica (= var. ciMaris Lev.). — Metko- 
ric: Felsnischen bei Nowa Sela, ca. 90 m; 11. 3. 1908 [Nr. 9a, b]. — 
Metkovic: am Grunde einer Mauer in Tuzibely, ca. 60 m; 21. 1. 1908 
[8a — c]. — Metkovic: feuchte Erde im Karstterrain beim Dorfe 
Maliprolog an mehreren Stellen, ca. 50 und 100 m [5 a — c, 6 a— d]. 

— Metkovic: Hügel am linken Narentaufer, ca. 50 m; 11. 3. 1908 
[7]. — Metkovic: am Pozar bei Vid, ca. 200 m; 24. 1. 1908 [166]. 

— Metkovic: am Hügel Povrsci bei Vid, ca. 140 m; 25. 1. 1908 [167]. 

Var. subinermis Levier. Metkovic: Hügel am linken 
Narentaufer, ca. 50 m, gemeinsam mit der typischen Form; 11.3. 
1908 [7]. 

Rieda nigrella DC. — Ragusa: zwischen Fort Zarkovica und 
Dubacpaß, ca. 300 m; 18. 1. 1908 [2]. — Ragusa.: Ostabhang des 
M. Sergio, ca. 320 m: 10. 2. 1908 [1]. — Metkovic: Felsnischen bei 
Nowa Sela (16 km nw. Metkovic); 11. 3. 1908 [4]. — Metkovic: 
feuchte Erde östlich vom Dorfe Maliprolog, ca. 50 m; 10. 3. 1908 
[3, 6 a— d]. 

Marchcmtiaceae, 

Targionia hypophylla L. — Ragusa: Torren ti über dem Dubac- 
paß, ca. 250 m; 24. 3. und 18. 1. 1908 [17, 58]. — Ragusa: Gärtchen 
des Fort Imperial, ca. 400 m; 11. 4. 1908 [16]. — Ragusa: Ostlehne 
des Gionchetto in Mauerritzen, ca. 70 m; 7. 3. 1908 [24]. — Ragusa: 
Festungsmauern, ca. 40m; 6. 2. 1908 [15]. — Ragusa: Slano, ca. 



32 



V. Schiffner. 



50 m; 24. 10. 1907 [169]. — Ragusa: Westabhang des Montevjerna 
auf Lapad, ca, 50m; 20.3. 1908 [13]. — Metkovic: beim Dorfe 
Maliprolog, ca. 30 m; 10. 3. 1908 [170]. — Metkovic: am Pozar bei 
Vid, ca. 200m; 24. 1. 1908 [168]. — Metkovic: bei Nowa Sela, ca. 
90 m; 11. 3. 1908 [14]. — Insel Meleda: Westabhang des Veligrad, 
ca. 300 m; 17.2.1908 [12]. — Meleda: Felsen bei der Zisterne 
„Vodice" zwischen Porto Palazzo und Nerzni do; 19. 2. 1908 [11]. 
— An allen Standorten fruchtend! 

Beboulia hemisphaerka (L.) Raddi. — 1. Standorte bei Ra- 
gusa: Parkhügel auf Lapad, ca. 70 m; 11.2.1908 [34a— c]. — 
Schlucht oberhalb der Milchhalle auf Lapad, ca. 40 m; 11. 2. 1908 
[36]. — Lapad, ca. 50 m, ster.; 29. 3. 1908 [43]. — In Ragusaner 
Gärten; 11. 12. 1907 [22]. — Wegböschung bei der Fürstenvilla 
auf Lapad, c. fr. jun., ca. 60 m; 4. 1. 1908 [23]. — Montevjerna 
auf Lapad in Mauerritzen, ca. 60m; 23. 12. 1907 und 20. 3. 1908 
[26 a, b, 27 a, b]. — Gärtchen des Fort Imperial, in Mauerritzen, 
ca. 400 m, c. fr.; 11. 4. 1908 [29a, b]. — Straßenränder vor Dubac, 
ca. 70 m; 20. 12. 1907 [30]. — Am Eingang einer Zisterne vor dem 
Dubacpaß, ca. 60m, c. fr.; 24. 3. 1908 [41]. — Snjeznica bei Ra- 
gusa vecchia, Westseite, ca. 500 m, Südseite, ca. 800 m; 25. 12. 1907 
[45, 46]. — 2. Standorte bei Metkovic: Gegen Sv. Antun, ca. 40 m, 
c. fr.; 12. 3. 1098 [44]. — Hügel am linken Narentaufer, ca. 40m, 
c. fr. jun.; 11. 3. 1908 [31, 50]. — Tuzibelj, ca. 60 m, c. fr. jun.; 
21. 1. 1908 [21a, b, 40a— c]. — Im und beim Dorfe Maliprolog, 
vielfach an Felsen und im Karstterrain, 30 — 100 m, z. T. c, fr.; 10. 3. 
1908 [28a— d, 33a, b, 33a, b, 35, 47a, b, 49]. — Am Pozar, ca. 
200m, c. fr. valde juvenili; 24. 1. 1908 [173a— fj. — Povrsci, ca. 
140m; 25. 1. 1908 [174a— c]. — Bei Vid, ca. 30m; 23. 1. 1908 
[175a, b]. — Am Grunde von Mauern bei Vid, ca. 40m; 23. 1. 
1908 [176]. — Auf der Marusica gradina, ca. 100 m; 25. 1. 1908 
[172a, b]. — Bei Bagalovici, ca. 60m; 13. 10. 1907 [177]. — 
3. Standorte auf der Insel Meleda: Felsritzen beim Porto Sovra, 
ca. 10m, c. fr. jun.; 20. 2. 1908 [42]. — Felsen bei der Zisterne 
„Vodice" zwischen Porto Palazzo und Nerezni do, c. fr.; 19. 2. 1908 
[18a, b]. — Auf Cöte 465 m nw. Veligrad; 17. 2. 1908 [20]. - West- 
abhang des Veligrad, ca. 300m; 17. 2. 1908 [25]. — Gärten im 
Babinopoljer Tale, ca. 30 m; 16. 2. 1908 [19]. — An Wegstufen 



Hepaticae L;i(/cli;ui:ic. 



83 



zwischen Dugopolje und Sv. Micbal, ca. 150 m, c. fr. jun.; 19. 2. 
1008 [48]. 

Grimäldia dichotoma Raddi. — Ragnsa: Parkhtigel auf Lapad, 
ca. 60m, c, fr.; 11. "J. 1908 [38]. — Insel Meleda: auf C6te 405 
nw. vom Veligrad, c. fr. jun.; 17. 2. 1908 [39]. - Insel Meleda: 
Gartenmauer im Tale von Babinopolje, ca. 30m, c. fr.; 16. 2. 1908 [37]. 

Lunula/ria cruciata (L.) Dum. — Felsen in Ragusaner Gärten, 
ca. 40 m; 11. 12. 1907 [57]. — Ragusa: um die Auslaufe und Ab- 
laufrinnen der Wasserleitung, ca. 30— 70 m; 28. 11. 1907 [59]. — 
Ragusa: Bachufer in Gionchetto, ca. 60 m, q; 7. 3. 1908 [60]. — 
Ragusa: Felslöcher auf Lapad, ca. 40 m, q; 29. 3. 1908 [61]. — 
Ragusa vecchia: Strandmühlen bei Plat, ca. 2 m, ster.; 6. 7. 1908 
[202]. — Metkovic: Felsen östlich von Maliprolog, ca. 30 m, cT; 10. 3. 
1908 [51]. — Karstterrain bei Maliprolog, ca. 100 m; 10. 3. 1908 [52]. 

— Insel Meleda: Felsen beim Porto Sovra, ca. 10 m, cf ; 20. 2. 1908 
[56,66]. — Meleda: Gärten im Tale von Babinopolje, ca. 30m; 
16. 2. 1908 [53]. — Meleda: Felsen zwischen Lago grande und 
Porto Palazzo, ca. 40 m, cf; 19. 2. 1908 [55]. — Am Gemäuer einer 
Zisterne zwischen Porto Sovra und Babinopolje, ca. 50 m; 16. 2. 
1908 [54]. 

Anaei 'ogynaceae. 

Metzgeria furcata L. (em. Lindb.). — Insel Lacroma: an 
Phillyrea, ca. 50m, ster.; 5. 6. 1908 [165]. — Ragusa: An Querem 
Hex auf Lapad nächst Villa Gondola, ca. 30 m; 9. 7. 1908 [203]. 

Pellia Fabbroniana Raddi [= P. endiviaefolia (Dicks.) Dum.]. 

— Molinibach in Breno, ca. 60— 80 m, ster.; 4. 7. und 27. 9. 1907 
[62, 63, 63 a]. 

Fossombronia caespitiformis De Not. — Ragusa: Torrente 
über dem Dubacpaß, ca. 200 m; 24. 3. 1908 [73]. — Ragusa: auf 
Mergelboden diesseits des Dubacpasses nicht weit vom Strande, 
ca. 70m; 24. 3. 1908 [74]. — Ragusa: Gionchetto, ca. 60 m; 21. 3. 
1908 [68]. — Ostseite des Gionchetto in Mauerritzen, ca. 70 m; 
7. 3. 1908 [69]. — Ragusa: Torrente zwischen Bosanka und S. Gia- 
como; 27. 2. 1908 [70]. — Ragusa: Parkhügel auf Lapad, ca. 60 m; 
11. 2. 1908 [38]. — Montevjerna auf Lapad, ca. 60 m; 23. 12. 1907 
und 20. 3. 1908 [67, 67 a]. — Metkovic: Felslöcher südöstlich vom 

Z. B. Ges. 59. Bd. 3 



34 



V. Schiffner. 



Dorfe Maliprolog, ca. 30 m; 10. 3. 1908 [76]. — Insel Meleda: 
Cöte 465 nordwestlich vom Veligrad; 17, 2. 1908 [39]. — Insel 
Meleda: an Mauern im Tale von Babinopolje, ca. 30 — 35 m; 16.2. 
1908 [37, 78]. — An Steinblöcken in den Gärten südlich von 
Babinopolje, 30— 40 m; 16. 2. 1908 [79a— f]. 

Anmerkung. Die Pflanze vom Dubacpaß [Nr. 73] zeigt die 
Stacheln der Sporen zu längeren, deutlichen Leisten zusammen- 
fließend, wodurch dieselben denen von F. Husnoüi Corb. etwas 
ähnlich werden. Von dieser unterscheidet sich aber unsere Pflanze 
sofort durch die dunkleren Sporen mit langen stumpfen Rand- 
stacheln und die normal zweispirigen Elateren. Es ist gar kein 
Zweifel, daß wir es hier nur mit einer Form der F. caespUiformis 
zu tun haben, die mit ihr durch alle Übergänge verbunden ist. 
Ich habe solche Formen auch von anderen südeuropäischen Stand- 
orten gesehen. Man könnte sie als var. subcristata unterscheiden. 

Fossombronia verrucosa Lindb. — Metkovic: Karstterrain 
beim Dorfe Maliprolog (25 km nw. von Metkovic), ca. 100 m, c. fr.; 
10. 3. 1908 [Nr. 77]. 

Es liegt hier eine höchst interessante Entdeckung vor! Die 
Pflanze ist nicht nur für Dalmatien, sondern für ganz Europa 
neu. Sie gehört zu jenen nordafrikanischen Typen (wie: Rieda 
Henriquesii, Dichiton calyculatum, Fossombronia Husnoüi), deren 
Auffindung in Dalmatien so überraschend wirkte. Genauere Durch- 
forschung des Landes bezüglich seiner Lebermoosflora dürfte noch 
weitere solcher afrikanischer Typen zu unserer Kenntnis bringen. 
— F. verrucosa wurde schon einmal aus Europa angegeben, und 
zwar aus dem Departement Manche (Frankreich) von Corbiere, 
Muscin6es de la Manche, 1889, p. 353, und figuriert dieser Stand- 
ort auch noch bei Stephani, Spec. Hep., I, p. 392, jedoch hat 
Corbiere selbst seine Angabe dahin berichtigt, daß sich bei neuerer 
Untersuchung die dort als F. verrucosa angeführte Pflanze als eine 
Form der F. caespUiformis erwiesen habe (vgl. Corbiere, Supple- 
ment aux Muse, de La Manche in M6m. Soc. nat. des Sc. nat. et 
math. de Cherbourg, XXX, 1897, p. 292). Unser dalmatinischer 
Standort ist also der erste in Europa. Daß unsere Pflanze tatsäch- 
lich F. verrucosa ist, ergibt sich aus ihrer vollkommenen Über- 
einstimmung mit dem Originalexemplar in Gott, et Rabenh., Exs. 



Eepaticae Latzelfanae. 



95 



Nr. 439 (sul) nom. F. caespitiformis), welches, wie schon Stephani 
richtig erkannt hat, außerdem auch noch F. Husnotii Corb. enthält 
(Stephani, Spec. llep., I, p. 387). Außer der schon genannten 
Literatur Uber diese Spezies sei noch genannt: Lindberg, apud 
Soc. pro F. et Fl. fennica die 6. Uec. 1873 und Lindberg, Mani- 
pulus muscorum secundus (Notiser Sällsk. pro F. et Fl. fenn. Förh., 
XIII, 1874, p. 386). 

Von F. caespitiformis ist F. verrucosa sofort zu unterscheiden 
durch die im Durchmesser um ein Drittel kleineren, gelbbraunen 
Sporen, die dicht stachelig sind; die Stacheln sind am Rande 
sehr zahlreich, viel kürzer als bei F. caespitiformis und spitz 
(nicht gestutzt bis ausgerandet) ; die Elateren zeigen 2 — 3 dicke, 
eng gewundene Spiren. F. Mittenii Tyndall hat nach der Beschrei- 
bung viel größere Sporen. (Ich habe diese Pflanze nicht gesehen.) 

Aa *ogynaceae. 

Soutlibya nigrella (De Not.) Spruce. — Ragusa: Berglehne 
südlich vom Dubacpaß, ca. 100 und 170 m; 20. 12. 1907 [85, 106]. 

— Ragusa: Westfuß des Mt. Sergio, ca. 80 m, c. fr. mat.; 6. 12. 1907 
[89,92]. — Ragusa: Gionchetto, ca. 120 m; 14. 1. 1908 [83]. — 
Ragusa: Torrente zwischen Bosanka und S. Giacomo, ca. 80 m; 
27. 11. 1907 [95] und ebendaselbst, 140 m, c. fr. mat. [121b]. — 
Ragusa: bei Slano auf Kalkstein, ca. 40 m; 24. 10. 1907 [180]. — 
An den Böschungen der Straße Ragusa — Brenotal, ca. 80 — 90 m; 
20. 12. 1907 [86, 86 b]. — Ragusa: Strandweg hinter Villa Gondola 
auf Lapad, mit Ceplialosiella Banmg artner i, ca. 14 m; 24. 1. 1908 
[90]. — Ragusa: nächst Madonna dell Grazie auf Lapad an Steinen 
in einer grünen Form (f. viridis), ca. 50 m; 25. 1. 1908 [93]. — 
Ragusa: Parkhügel auf Lapad, ca. 70 m; 11. 2. 1908 [87] und Ein- 
schnitt südlich des Parkhügels, ca. 40 m; 29. 3. 1908 [80]. — 
Ragusa: Montevjerna auf Lapad, ca. 60m; 20. 3. 1908 [81, 81a, 
84] und am Nordfuße des Montevjerna, ca. 50 m; 29. 11. 1907 [91]. 

— Insel Laeroma: nächst der kleinen Lände, ca. 10m, c. per.; 
14. 10. 1907 [82]. — Insel Lacroma: an alten verwitterten Stein- 
bänken, ca. 30 m; 9. 6. 1908 [178]. — Insel Meleda: bei Babino- 
polje, ca. 40m; 16. 2. 1908 [187]. — Insel Meleda: verfallenes 
Gemäuer südlich von Babinopolje, ca. 30 m; 16. 2. 1908 [94]. 

3* 



36 



V. Schiffner. 



Anmerkung. In den Käsen mit reifen Sporogonen [Nr. 92] 
kommen gleichzeitig Pflanzen vor, bei denen die Antlieridien in 
schönster Entwicklung sind, die Archegonien sind aber erst in der 
Anlage begriffen, jedoch sieht man in den Gipfelknospen schon 
die gezähnten Ränder der ganz jungen Involucralblätter ganz deut- 
lich. Die Proterandrie ist übrigens eine bei den Lebermoosen weit 
verbreitete Erscheinung. 

Trotzdem von S. nigrella und S. stülicidiorum ausführliche 
Beschreibungen existieren (z. B. Massalongo, Repertorio della 
Epaticol. Italic* in: Ann. Istit! bot. di Roma, 1886, p.63,64, Tav.VII, 
VIII), so ist doch meines Wissens nirgends auf einige wichtige Unter- 
schiede im Sporogonbau hingewiesen, die ich hier nachtragen will. 



Southbya nigrella. 
Kapsel klein. 

Klappen innen mit schwachen, 
stellenweise oft etwas undeut- 
lichen Halbringfasern. 



Sporen rotbraun, klein (17 bis 
18 ju), sehr fein und regel- 
mäßig warzig punktiert. 



Elateren kurz und dick (nur 
100—120 p lang, 10 dick), 
mit zwei rotbraunen Spiren. 



S. stülicidiorum. 

Kapsel viel größer. 

Halbringfasern überall deutlich, 
scharf begrenzt, dicht, oft bis 
auf die entgegengesetzte Tan- 
gentialwand weit hinüber- 
greifend. 

Sporen gelbbraun, um 1 / A — 1 / 3 
im Durchmesser größer (23 
bis 25 ju), grob warzig, die 
Warzen oft kurze Leisten bil- 
dend. 

Elateren sehr lang und dünn 
(oft über 200 \i lang und nur 
5 — 6 ii dick), also doppelt so 
lang, aber nur halb so dick; 
mit zwei gelbbraunen Spiren. 



Daß bei Southbya nigrella auf der Fläche der Involucralblätter 
meistens kleine Schüppchen angewachsen sind, hat schon Massa- 
longo beobachtet und 1. c, Tav. VIII, Fig. 8 abgebildet. Ich kann 
dies bestätigen und habe ich dergleichen bei S. stülicidiorum nicht 
gesehen. Es ist bekannt, daß sich ferner die beiden Arten unter 
anderem sicher dadurch unterscheiden, daß S. nigrella parözisch 



Bepatioae Latzellanae, 



37 



ist und glatte Cuticula der Blattzellen besitzt, während 8. stilU- 
ddiorum diözisch ist und mehr weniger warzig rauhe Cuticula 
aufweist. 

Southbya stillicidiorum (Raddi) Lindb. — Ragusa: an Steinen 
im östlichen Bache des Gionchetto, ca. 70 m; 7. 3. 1908 [88, 88 a]. 
— Insel Lacroma: Sohle eines trockenen Wassergrabens, ca. 50 m; 
9. 6. 1908 [179]. 

Anmerkung. Die vorliegende Pflanze (Nr. 88, 88a) ist eine 
forma hixurians, lade viridis mit nur wenig verdickten und sehr 
schwach papillösen Zellwänden. Ich habe nur weibliche Inflores- 
zenzen gefunden. 

Lopliosia turlinata (Raddi) Dum. — Ragusa: im Gionchetto, 
ca. 100m, forma valde juvenilis; 21.3.1908 [186]. — Quellige 
Stellen am Ursprünge der Gionchettobäche, ca. 150 m, c. fr. mat.; 
21. 3. 1908 [114]. — Steine in einem Bache im Gionchetto, ca. 70 m, 
sehr üppige Form, c. per.; 7. 3. 1908 [113]. — Ragusa: Bächlein 
zwischen Molini und Sreberno im Brenotal, ca. 40 m; 27. 3. 1908 
[183]. — Insel Lacroma: auf der Sohle eines ausgetrockneten 
Wasserlaufes, ca. 50m, c. per.; 9. 6. 1908 [182a — c]. — Ragusa 
vecchia: Trockenrinne bei Obod, ca. 60m; 6. 7. 1908 [205]. 

Dichitou calyculatum (Dur. et Mont.) Schiffn. — Insel Giuppana 
bei Ragusa: Berglehne südlich von Luka auf terra rossa, ca. 40 m, 
c. fr. maturo!; 25. 10. 1907 [71, 72, 100]. 

Diese merkwürdige Pflanze wurde zuerst in Algier gefunden, 
dann von mir auch für Europa nachgewiesen, und zwar aus 
dem Departement Herault in Südfrankreich, leg. A. Crozals (vgl. 
Schiffn er, Das afrikanische Dichiton calyculatum als neuer Bürger 
der europäischen Flora in: Österr. bot. Zeit., 1903, Nr. 4), dann 
wurde sie auch aus der Gegend von Florenz bekannt gemacht und 
in letzter Zeit fand sie Herr Prof. K. Loitl es berger an zwei 
Stellen in Dalmatien, auf der Insel Lacroma und auf der Insel 
Arbe (letzterer Fundort ist noch nicht publiziert). Die drei Kon- 
volute von dem neuen dalmatinischen Standorte enthalten diese 
seltene Pflanze reichlich und mit ganz reifen Sporogonen, 
die zum Teile noch im Perianth eingeschlossen, zum Teile noch ge- 
schlossen oder aufgeklappt auf völlig entwickelter Seta stehen. 



38 



V. Schiffner. 



Ich bin also in der glücklichen Lage, die Beschreibung 1 ) dieser Pflanze 
auch in dieser Hinsicht befriedigend zu ergänzen. 

Die Fruchtzeit wird von Herrn A. Crozals für D. cdlyculatum 
für den Monat März vermutet, für D. gallicum von Douin für 
Sommer oder Herbst. Die uns vorliegenden Fruchtexemplare sind 
im Herbst (am 25. Oktober) gesammelt, es dürfte also in der 
Fruchtzeit kein Unterschied bestehen zwischen den beiden sehr 
nahe verwandten Arten. 

Die Beschreibungen und Abbildungen der vegetativen Teile 
der Pflanze bei Douin, 1. c, sind so ausführlich und sorgfältig, 
daß ich dem nichts beizufügen wüßte; ich kann mich also auf 
folgende Punkte beschränken: Die Calyptra ist birnförmig, etwa 
35 mm breit und dünn (nicht thalamogen), die etwa 10 sterilen 
Archegonien stehen an ihrem Grunde (Fig. 7). Die Sota (Fig. 1, 
2, 3) ist höchstens 5 mm lang (meistens aber nur 2—3) und etwa 
0*2 mm dick; sie ist äußerst zart und besteht nur aus vier kreuz- 
weise gelagerten Zellreihen (vgl. den Querschnitt Fig. 5). Die 
Kapsel ist schwarzbraun, eiförmig (0*5 X 0*36 mm), mit kreuz- 
weise ausgebreiteten Klappen, 15 mm (Fig. 6). Klappen eilanzett- 
lich, im durchfallenden Lichte rötlich braun. 

Bau der Sporogonwand. Die Basis (von innen gesehen) 
bilden vier große bräunliche Zellen ohne Verdickungen, die den 
vier Zellreihen der Seta entsprechen; eine dieser Zellen ist bisweilen 
schräg geteilt (Fig. 6). Die Sporogonklappen bestehen aus zwei 
Zellschichten. Die Zellen der Innenschichte (Fig. 8) sind kleiner, 
rektangulär oder unregelmäßig, 12 — 12*5 \i im Querdurchmesser 
und zeigen von der Fläche gesehen keine Halbringfasern, son- 
dern nur an den Längswänden (und seltener auch hie und da an 
den Querwänden) schwache dunkle Punktreihen. Der Vergleich 
des Längsschnittes (Fig. 10) und Querschnittes (Fig. 11) durch die 

x ) Bezüglich der Beschreibung der männlichen Sprosse und aller Literatur- 
hinweise vergleiche meine oben zitierte Schrift. Neuerer Zeit ist eine sehr 
ausführliche Schrift über Dichiton erschienen von J. Douin, Les deux especes 
du genre Dichiton (Bull. Soc. Bot. de France, 1906, p. 461—479), auf die be- 
sonders verwiesen werden soll; ebenso auf die Schrift von C. Massalongo, 
Intorno al Genere Dichiton Mont. ed alla sua presenza nel dominio della Flora 
Italica (Malpighia, XX, 1906, p. 456—462). 



Qepatioae Latzelianae. 



39 




Bichüon cahjculatum (Dur. et Mont.) Schiffn. — Dalmatien: Ragusa, Insel 
Giuppana, leg. Dr. A. Latzel. 

Fig. 1, 2. Fruchtende Pflanze, von der linken und rechten Seite gesehen, bei a das Amphi- 
gastrium subinvol, [9 das Involucrum calyciiforme (= Perichaetium). Vergr. 28 : 1. — Fig. 3. 
Perianth und reifes Sporogon einer anderen Pflanze. Vergr. 28 : 1. — Fig. 4. Querschnitt im 
oberen Teile des bei 3 abgebildeten Perianths. Vergr. 28 : 1. — Fig. 5. Querschnitt der Seta. 
Vergr. 60 : 1. — Fig. 6. Sporogon, geöffnet, ausgebreitet, von innen gesehen. Vergr. 28 : 1. — 
Fig. 7. Calyptra. Vergr. 28 : 1. — Fig. 8. Innenschichte der Sporogonwand, Flächenansicht. 
Vergr. 200 : 1. — Fig. 9. Außenschichte ebenso. Vergr. 200 : 1. — Fig. iO. Längsschnitt der Spo- 
rogonklappe, i Innenseite, u Außenseite. Vergr. 200 : 1. — Fig. 11. Querschnitt aus der Sporogon- 
klappe, ebenso. Vergr. 200 : i. — Fig. 12. Sporen und Elater. Vergr. 200 : 1. — Fig. 13, Ii. Zwei 
männliche Sprosse. Vergr. 34:1. 

Klappe zeigt, daß in den Zellen der Innenschichte an den Radial- 
wänden dünne, in der Mitte ihres Verlaufes oft undeutlich werdende 
und nicht überall scharf begrenzte Verdickungsleisten („Pfeiler") 
vorhanden sind, die natürlich auf der inneren Flächenansicht der 
Klappe als schwach begrenzte Punktreihen erscheinen. 

Die Zellen der Außenschichte (Fig. 9) sind größer, 17 bis 
17 5 breit, zeigen aber sonst im wesentlichen denselben Bau wie 



40 



V. SchiffneT. 



die der Innensehichte; sie zeigen also von der Fläche gesehen eben- 
falls keine Halb ringfasern, sondern nur Punktreihen, die aber 
hier viel größer und dunkler sind. Der Längsschnitt (Fig. 10) 
zeigt nämlich, daß in diesen Zellen die Pfeiler an den Radial- 
wänden (etwa vier an jeder Wand) dick und durchaus scharf 
begrenzt sind. 

Die Sporen (Fig. 12) sind klein, 8*75—9^, rötlichbraun, 
außen dicht körnelig. Die Elateren liegen in der geschlossenen 
Kapsel der Längsachse nahezu parallel, sie sind nahezu gerade 
gestreckt, an den Enden stumpfiich, 200—250^ lang und nur etwa 
7^ dick. Im Innern zwei bandförmige, ziemlich eng und regel- 
mäßig gewundene rotbraune Spiren (Fig. 12). 

Einer Erwähnung verdienen noch die männlichen Äste. Ich 
habe diese zuerst in meiner oben erwähnten Schrift (in österr. bot. 
Zeitschr., 1903) genau beschrieben und möchte hier nach unserem 
dalmatinischen Materiale angefertigte Zeichnungen (Fig. 13, 14) bei- 
bringen sowie erwähnen, daß ich hier den Oberlappen der Peri- 
gonialblätter meistens stumpfiich und an der Spitze scharf gezäh- 
nelt fand, Unsere Pflanze ist auch autözisch, die Antheridien auch 
hier stets einzeln, kurz gestielt. Einmal sah ich an einem männ- 
lichen Aste ein schwach entwickeltes Amphigastrium. Die Blatt- 
zellen sind bei den Perigonialblättern und bei den Blättern steriler 
Sprosse viel weniger verdickt und chlorophyllreicher als an den 
Blättern der Perianthien tragenden Sprosse. Bei Dichiton gallicum 
scheinen nach der Figur von Douin (1. c, p. 466, Fig. 2) die 
Perigonialblätter mehr hohl und stärker von der Form der Stengel- 
blätter abweichend zu sein als bei D. calyciilatum. Das gleich- 
zeitige Vorkommen von reifen Sporogonen und eben voll ent- 
wickelten, noch geschlossenen Antheridien ist recht auffallend. 

Cephaloäiella Baumgartneri Schffn. — Ragusa: Torrente über 
dem Dubacpaß, ca. 200 m, c. per. et cf; 24. 3. 1908 [101c]. — 
Ragusa: Torrente zwischen Bosanka und S. Griacomo, ca. 140 m, 
c. per. et cf; 27. 11. 1907 [121a, d, e]. — Ragusa: am Reitwege 
zum Fort Zarkovica, ca. 80 m, c. per. et 27. 11. 1907 [96]. — 
Ragusa: Westfuß des Mt. Sergio (Ploce -Vorstadt), ca. 80 m, Materiale 
dürftig; 6. 12. 1907 [109]. — Ragusa: Wegränder auf Lapad, 
ca. 50m, c. per.; 8. 10. 1907 [122]. — Montevjerna auf Lapad, 



HepaticM Latselidaae. 



41 



ca. 60m, c. per.; 20. 3. 11)08 [129]. — Insel Lacroma: ca. 5 ni, 
ster. [118]. Insel Lacroma: Wegränder über der kleinen Lände, 
ca. 20m; 14. 10. 1907 [120]. — Lacroma: auf der Sohle eines aus- 
getrockneten Wasserlaufes, ca. 50m, c. per.; 9.6. 1908 [188]. — 
Lacroma: Mörtelbewurf alter verwitterter Steinbänke, ca. 80 m, c. 
per. sparsis; 9. 6. 1908 [190]. — Lacroma: südöstliches Ericetum, 
ca. 40m, c. fr.; 5. G. 1908 [131]. — Ragusa: Strandweg* zwischen 
Villa Gondola und Strandfort auf Lapad, ca. 20 m, c. per.; 24. 1. 
1908 [127]. — Die letzte Pflanze nähert sich schon sehr der var. 
umbrosa. — Ragusa vecchia: Abstieg zur Strandmühle bei Plat, 
ca. ;">0m ; c. per. ; 6. 7. 1908 [207]. — Gravosa: Sandige Erdwand 
beim Elektrizitätswerk, ca. 5m; 9. 7. 1908 [206a— c]. 

Var. umbrosa Schffn. (=± Cephalosia patula Steph.). — Ragusa: 
Torrente über dem Dubacpaß, ca. 200 m; 24. 3. 1908 [101 a, b, d, e]. 

— Ebenda: cT et 9; 18. 1. 1908 [102]. — An den Wänden des 
Dubacpasses, ca. 140 m, c. per. jun., steht zum Teile der typischen 
Form nahe; 18. 1. 1908 [103]. — Wäldchen südlich vom Dubac- 
paß, ca. 160m, ster.; 20. 12. 1907 [110]. — Ragusa: Torrente 
zwischen Bosanka und S. Giacomo, ca. 140 m, ster., gemeinsam an 
diesem Standorte mit f. typica; 27. 11. 1907 [104, 121c]. — Ragusa: 
oberhalb der Molinibachquelle im Brenotale, ca. 150 m, c. per. sparsis; 
27. 9. 1907 [115]. — Ragusa: feuchte Felsnische am Reitwege zum 
Fort Zarkovica, ca. 100 m, luxuriante sterile Form mit Keimkörnern; 
21. 10. 1907 [97]. — Ragusa: bei Slano, ca. 80 m, Keimkörner und 
Amphigastrien hie und da vorhanden; 24. 10. 1907 [187]. — Ragusa: 
Gartenmauern in der Pille -Vorstadt, ca. 40 m, ster. ; 20. 11. 1907 [132]. 

— Feldwege ober der Pille-Vorstadt, ca. 150 m, c. per. et cT; 11. 12. 
1907 [111]. — Ragusa: Gionchetto an Erdwänden, ca. 100 m, 9 
et cT; 17. 1. 1908 [117]. — Ragusa: Schlucht südlich vom Park- 
hügel auf Lapad, ca. 40m; 11. 2. 1908 [184]. — Nordfuß des Mt. 
Petka auf Lapad, ca. 50 m, ziemlich kümmerlich; 13. 1. 1908 [128]. 

— Westabhang des Montevjerna auf Lapad, ca. 60 m; 23. 12. 1907 
[130]. — Hohlwegränder auf Lapad, ca. 60 m, d et 9; 4. 1. 1908 
[124]. — Ragusa: kleine Felslöcher auf Lapad, ca. 60 m, c. fl. 9; 
7. 10. 1907 [123]. — Ragusa: Strandweg jenseits der Villa Gondola 
auf Lapad, ca. 10 m, c. per., cT et propag.; 2. 12. 1907 [126]. — 
Strand beim Pulvermagazin auf Lapad, ca. 15 m, ster.; 2. 12. 1907 



42 



V. Schiffner. 



[125]. Ragusa vecchia: Erdwand gegenüber dem Bahnhofe, 
ca. 10 m, steh; 26. 12. 1907 [116]. — Insel Lacroma bei Ragusa: 
bei der kleinen Lände, ca. 5 m, mit Keimkörnern; 14. 10. 1907 
[119]. — Insel Giuppana bei Ragusa: Steinblöcke in den Gärten 
bei Luka, ca. 14m, f. amphigastriata, partim c. per.; 25. 10. 1907 
[99a, b]. — Insel Giuppana: Berglehne südöstlich von Luka, ca. 90m, 
f. propagulifera; 25. 10. 1907 [98]. 

Anmerkung. Man vergleiche über G. Baumgartneri auch 
meine Brvolog. Fragmente, XXXIV (in Österr. botan. Zeit., 1907, 
Nr. 2). Es ist interessant, daß uns hier aus Süddalmatien nun 
mehrere Exemplare der var. umbrosa vorliegen, bei denen die Amphi- 
gastrien stellenweise recht gut entwickelt und sehr deutlich sind; 
daß hier keineswegs etwa eine Verwechslung mit C. divaricata 
(Sm.) Schiffn. vorliegen kann, beweist schon die auffallend ver- 
schiedene Größe der Zellen. 

Cephaloziella divaricata (Sm.) Schiffn. [= C. byssacea (Roth) 
Wamst. = Jung. Starhii Funck. in Nees]. — Ragusa: Plateau 
des Mt. Sergio, ca. 400 m; 23. 1. 1908 [107]. 

Anmerkung. Es ist eine üppige Form mit ganzrandigen 
Lappen der Perigonialblätter; ich habe nur männliche Pflanzen 
finden können. Die Spezies ist aus der Gegend von Ragusa schon 
bekannt, scheint aber dort selten zu sein. 

Cephaloziella gracillima Douin. — Ragusa: feuchter Rasenplatz 
bei dem alten Fort Zarkovica, ca. 300 m, flores paroicos vidi!; 15. 1. 
1908 [105]. — Ragusa: Ostabhaiig des Mt. Sergio, ca. 300 m, ster.; 
10. 2. 1908 [108]. 

Anmerkung. Während Nr. 105 zweifellos C. gracillima ist, 
so ist Nr. 108 leider ganz steril, stimmt aber vegetativ vollkommen 
mit Nr. 105 überein, so daß sie wohl auch hierher gehört. Ich habe 
C. gracillima, und zwar in der var. viridis Douin aus Dalmatien 
nachgewiesen in Bryolog. Fragmente, XXXIX, in Österr. botan. 
Zeit., 1907, Nr. 12. 

Badida complanata (L.) Dum. — Ragusa: An Querem Hex 
auf Lapad nächst Villa Gondola, ca. 30 m, c. fr.; 9. 7. 1908 [208]. 
— Insel Lacroma bei Ragusa: an Myrtus und Juniperus pJioenicea, 
ca. 40 — 50 m, ster. [134a, b]. — Metkovic: an Carpinus duinensk 



Hepatic&e Latzelianae. 



1:; 



in der Grabovina zwischen Maliprolog und Nova Sela, ca. 60 in, c. 
IV. ; 11. 3. L908 [136]. 

Var. Notarisii (Steph.) Schiffn. (= Badula Notar isii Steph.). 
— Insel Lacroma bei Ragusa: an Phillyrea, ca. 70m, c. fr.; 9. 0. 
1908 [295 a]. 

Anmerkung'. Ein Originalexemplar von Badula Notarisii 
Stepb. habe ich nicht gesehen; nach der Beschreibung- kann aber 
damit nichts anderes gemeint sein, als die besonders in wärmeren 
Lagen verbreitete kleinere, oft gelbliche Form von Ii complanata 
mit konvexer Beblätterung und an der Kommissur bauchig auf- 
getriebenen Lobulis. 

Madotheca platyphylla (L.) Dum. — Ragusa: Molini di Breno, 
ca. SO m; 27. 3. 1908 [196]. — Ragusa: Crni dol an Felsen, 
ca. 320 m; 23. 1. 1908 [139]. — Ragusa: in einer Felsspalte am 
Westrande des Gionchetto, ca. 190 m; 7. 3. 1908 [140]. — Ragusa: 
au Eichenstümpfen im Gionchetto, ca. 150 m; 21. 3. 1908 [137]. — 
Ragusa: an Felsen auf Lapad, ca. 80 m; 20. 3. 1908 [138]. 

Anmerkung. Alle Exemplare sind steril und nähern sich 
mehr weniger der var. squarrosa Nees. 

Lejeunea cavifolia (Ehr.) Lindb. — Ragusa: grasige Berglehne 
bei Slano, ca. 60 m, ster.; 24. 10. 1907 [142]. — Ragusa: Crni dol 
an Felsen, ca. 330 m ; ster.; 11. 4. 1908 [141]. 

Var. planiuscula Lindb. — Ragusa: in einer Felsspalte am 
Westrande des Gionchetto mit Madotheca platyphylla, ca. 190 m; 
7. 3. 1908 [143]. 

Cololejeunea minuttssima (Sffi.) Spruce. — Herzegowina: An 
Phillyrea bei der Salzquelle, 3 km östlich von Vid bei Metkovic, 
etwa 1 km von der dalmatinischen Grenze, c. per. et cT; Aug. 1908 
[sine Nr.]. 

Cololejeunea Rossettiana (Massal.) Schiffn. — Insel Meleda: 
auf der Höhencöte 465 m über Leptodon Smithii u. a., c. per. et cT; 
17. 2. 1908 [201]. 

Anmerkung. Es liegt hier ein interessanter Fund vor, indem 
der neue Standort weitaus der östlichste bisher bekannte dieser 
seltenen Pflanze ist. Ich will hier bemerken, daß ich diese Spezies 
von vielen Standorten kenne, aber noch nie Übergänge zwischen 
ihr und C. echinata gesehen habe. Wenn Boulay (Muse, de la 



44 



V. Schiffner. 



France, II, p. 13) die Merkmale als „instables et flottants" findet 
und in G. Rossettiana nur eine Varietät oder Rasse von G. echi- 
nata erblicken möchte, so ist mir das ganz unerklärlich; vielleicht 
waren einzelne der von ihm untersuchten Pflanzen wirklich nur G. 
echinata. Ich halte C. Rossettiana für eine ausgezeichnete Spezies. 

Frullania calcarifera Steph. — Insel Meleda: an Phillyrea 
auf Cöte 465 m, nw. vom Veligrad, c. fr.; 17. 2. 1908 [147, 197 a,b]. 
— Ragusa: auf Erde in einem Ericetum bei Slano, ca. 80 m, ster.; 
24. 10. 1907 [148]. 

Von den angeführten Pflanzen sind sichere F. calcarifera 
Nr. 147, 197 a; jedoch scheint Nr. 197 b außerdem eine gewöhn- 
liche Form von F. Tamarisci zu enthalten und Nr. 148 ist etwas 
unsicher, da die Pflanze steril ist; es könnte auch F. Tamarisci 
var. mediterranea De Not. oder eine andere ähnliche Form sein. 

F. calcarifera ist nach der ungeteilten Meinung der Bryologen 
eine sehr schlechte Spezies. Sie weicht habituell von den gewöhn- 
lichen, laxer beästeten Formen der F. Tamarisci ab, hat aber diesen 
Habitus mit anderen südlichen Formen derselben gemeinsam, wie 
var. mediterranea De Not. und var. sardoa De Not. Von letzterer 
ist sie überhaupt kaum verschieden, höchstens durch das einerseits 
(selten beiderseits) am Grunde mit dem folium involucrale verwach- 
sene amphigastrium involucrale. Dieses Merkmal ist bei unseren 
Pflanzen Nr. 147 und 197 a allerdings deutlich ausgeprägt. 

Frullania Tamarisci (L.) Dum. Insel Meleda: auf Cöte 
465 m, nw. vom Veligrad an Phillyrea, eine sehr zarte Form; 17. 2. 
1908 [135, vgl. auch oben 197 b]. — Meleda: an Pinns halepensis 
bei Vodice nächst Porto Palazzo, ca. 100 m; 19. 2. 1908 [191]. 

Frullania dilatata (L.) Dum. — Ragusa: in Gärten, ca. 40m, 
z. T. cT und c. per.; Dez. 1907 [144a— c]. — Ragusa: Crni dol an 
Quercus pubeseens, ca. 320 m, c. per.; 11. 4. 1908 [192]. — Ragusa: 
an Quercus pubeseens bei Slano, ca. 60 m; 24. 10, 1907 [200]. — 
Ragusa: an Pinns halepensis in der Martinsbucht auf Lapad, ca. 
30m, ster.; 13. 1. 1908 [153]. — Ragusa: auf Lapad an Pinns 
halepensis, 160m; 8. 10. 1907, 20. 3. 1908 und an Oha, ca. 70m; 
30. 2. 1907 [154, 150, 155]. — Ragusa: An Quercus Hex auf 
Lapad, nächst Villa Gondola, grüne Form c. per., ca. 30 m; 9. 7. 
1908 [209a], — Ragusa vecchia: Südseite der Snje^nica an Juni- 



HepatieMo Latielianae. 



45 



perus Oxycedrus, ca. 500 m, c. fr.; 25. 12. 1007 [140]. — Insel La- 
eroma bei Ragusa: an Vinns lialepensis, 30— 00 m, c. per. et cf; 
11. 9. 1007 und 5.0. 1008 [163, 158, 159, 108]. — Ebenda an 
Pistacia Lentiscus, ea. 50 in; 14.7. 1007 [164]. — Ebenda an 
PhUlyrca, ca. 70 m; 9.6. 1008 [105 b]. — Ebenda an Erica airbö- 
rea, ca. 30 m, c. fl. 9; 5. 6. 1008 [156]. — Insel Meleda: an Erica 
urhorea bei Babinopolje, ca. 80 m, ster.; 17. 2. 1008 [199]. — Me- 
leda: an Pinns lialepensis im ärarischen Forst zwischen Nerczni do 
und Porto Soline, ca. 90m, ster.; 18. 2. 1008 [146]. — Insel Me- 
leda: an Querem Hex zwischen Vodice und Nerezni do im west- 
lichen Teile der Insel, ca. 100m, ster.; 19. 2. 1908 [145]. 

Anmerkung*. Unter den aufgezählten Pflanzen finden sich 
einige, die sich schon etwas der folgenden Varietät nähern. 

Var. microphylla (Wallr.) Nees. — Ragusa: an Pistacia 
Lentiscus auf der Halbinsel Lapad, ca. 70 m, c. per. jun. ; 2. 12. 
1907 [151]. — Nächst dem Strandfort auf Lapad an Laubbäumen, 
ca. 20 m, cT; 24. 1. 1908 [152]. — Ragusa: An Quercus Hex auf 
Lapad, nächst Villa Gondola, ca. 30 m; 9. 7. 1908 [209 b]. — Insel 
Lacroma bei Ragusa: an Olea und Myrtus, ca. 40 m, an Quercus 
Hex, ca. 50 m; 5. 6. 1908 [161, 157, 160]. — Lacroma: an Juni- 
perus Oxycedrus, ca, 40 m.; 14. 10. 1907 [162]. — Lacroma: an 
Pistacia Lentiscus und an Ceratonia, ca. 60m, ster.; 9. 6. 1908 
[194, 193]. 

Zur Kenntnis der vegetativen Verzweigung* 
der Aristolochia ornithoeephala Hook. 

Von 

Dr. Rudolf Wagner. 

Mit zwei Abbildungen im Texte. 
(Eingelaufen am 28. Juli 1908.) 

Das Studium der Verzweigungsweise exotischer Bäume und 
Sträucher ist in den botanischen Gärten mit einer Schwierigkeit 
verbunden, gegen die sich schwer ankämpfen läßt: es ist das Be- 



46 



Rudolf Wagner. 



streben der Gärtner, den natürlichen Gang der Entwicklung mit 
der Scheere zu beeinflußen, so daß man bei der großen Mehrzahl 
der Holzgewächse, die lange Triebe machen, kaum in die Lage 
kommt, über den Aufbau etwas genaueres zu erfahren. Pflanzen, 
die häufig kultiviert werden, wie etwa die Amorpha fruticosa L., 
fallen immer mehr oder weniger der „Ordnungsliebe" des botani- 
schen Gärtners zum Opfer, welcher nun einmal ganz andere Auf- 
gaben hat als der Handels- oder Herrschaftsgärtner, der eben 
einen Garten und seine Leitung darnach beurteilt, wie Bäume und 
Sträucher zugestutzt sind. Zu was für Verirrungen diese Tendenz 
führt, zeigte vor einer Reihe von Jahren ein Fall, in welchem die 
so charakteristischen, aber dem gärtnerischen Leiter unbekannten 
Triebe von Elaeagnus reflexa Thbg., jener Liane, die z. B. in Mira- 
mar ganze Bäume überstrickt, dessen größtes Mißfallen erregten, 
so daß sie jedes Jahr zurückgeschnitten wurden, ohne daß aber der 
Strauch die augenscheinlich gewünschte Form einer Kugelakazie 
angenommen hätte. 

Diese im allgemeinen schädliche Neigung hat jedoch gelegent- 
lich auch ihre Lichtseite: es kommen nämlich bisweilen auch 
Sprosse zur Entwicklung, die normaliter auf den frühesten Ent- 
wicklungsstadien stehen bleiben, und es entstehen dadurch Ver- 
zweigungssysteme, deren Entwirrung nicht ohne Interesse ist; in 
manchen Fällen finden wir, daß Niederblätter, die dem Knospen- 
schutze dienen, ihre Fähigkeit, Achselprodukte hervorzubringen, 
noch nicht verloren haben, wie man auf Grund des gewöhnlichen 
Verhaltens zu glauben geneigt wäre. 

In dem in Fig. 1 dargestellten Falle handelt es sich um einen 
Zweig der AristoloeMa ornithocepJiala Hook., einer brasilianischen 
Liane, *) die im botanischen Garten der Wiener Universität in Kul- 
tur war. Beim Zurückschneiden der langen Triebe entwickelten 
sich Verzweigungssysteme, die auf den ersten Blick wenigstens recht 

: ) Der Monograph der Familie, Pierre Etienne Duchartre, bezeichnet 
sie auf Grund der von William Hook er in Curtis' Bot. Mag., Tab. 4120 
(Nov. 1844) veröffentlichten Originalabbildung mit A. Brasiliensis Mart, et Zucc. 
var. a. macrophylla Dchtre. in DC, Prodr., Vol. XV, Sect. I, p. 471 (1864)-, vgl. 
auch Maxwell Tylden Masters in Fl. Bras., IV, 2, Sp. 107 (II, 1875)-, nach 
dessen Angaben wurde die Pflanze zuerst im Inneren der Provinz Cearä hei 



Zur Kenntnis der vegot. Verzweigung <l. Arislol. onii/liocrplialft Book. 




Fig. 1. Verzweigungssystem von Aristolochia ornithocephala Hook. 



48 



Rudolf Wagner. 



unübersichtlich sind und daher einer eingehenden Analyse unter- 
zogen wurden ; der interessanteste Fall gelangt hier zur Darstellung. 

An einem kräftigen, etwas über bleistiftdicken Zweig ist das 
Blatt n inseriert, von dem hier nur der Blattstiel gezeichnet ist. In 
der Achsel dieses Blattes steht ein Sproßsystem, das zunächst aus 
einem Hauptachselprodukt und zwei basipetalen Beisprossen besteht, 
ein Vorkommnis, wie es in dieser Familie nicht überrascht. *) Jeder 
dieser Sprosse — in der Abbildung sind die konsekutiven Sproß- 
generationen abwechselnd licht und dunkel gehalten — hat ein 
adossiertes Vorblatt, wie das schon von mehreren Gattungen der 
Familie bekannt ist. 2 ) Die Vorblätter sind in der öfters angewandten 
Bezeichnungsweise mit S^ap, ^"jap und ^fl'" 1 0L v kenntlich gemacht, 3 ) 

Crato, also an der Grenze von Pernambuco von Gardner, der anfangs der 
Dreißigerjalire diese Gebiete bereiste, gesammelt; sie scheint weit verbreitet 
zu sein, denn rund 20° südlicher fand sie Fritz Müller im Staate S. Catharina. 

1 ) Erst neuerdings wurde diese Art des Anschlusses für die altertüm- 
lichste Pflanze der ganzen Familie, das seit 1889 durch Hookers Icones plant,, 
Tab. 1895, bekannte zentralchinesische Saruma Henryi Oliv, nachgewiesen, 
vgl. R. Wagner, Zur Kenntnis des Saruma Henryi Oliv, in Ost. Bot. Zeitschr., 
Bd. 57, 1907, Nr. 7/8, S. 265-271. 

2 ) Vgl. das Diagramm von Asarum europaeum L. in Eichler, Blüten- 
diagramme, Bd. II (1878), S. 528, Fig. 227, dann zahlreiche Aristolochien, bei 
denen sich nach den Abbildungen ähnliche Vorblätter wie bei unserer Art 
finden, ferner finden sie sich wohl auch bei der südamerikanischen monotypi- 
schen Gattung Holostylis Duch. (H. reniformis Duch. aus Brasilien und Para- 
guay) und außer bei dem bereits erwähnten Saruma bei Repräsentanten der 
Gattung Bragantia Lour., bei der auf den Philippinen gesammelten, unter dem 
Namen Strakaea melastomaefolia Turcz. ausgegebenen, durch reichliche Ent- 
wicklung serialer Infloreszenzen (Ost, Bot. Ztg., 1. c, S. 268) bekannten Pflanze 
und einer sehr nahestehenden, wenn nicht identischen Art von der malaiischen 
Halbinsel. Bezüglich der wenigen anderen Gattungen versagt das Material. 

3 ) Um die Abbildung nicht zu sehr mit Formeln zu überladen, sind 
diese teilweise gekürzt; im übrigen ist vorausgesetzt, daß die Identifizierung 
mit nicht bezeichneten Elementen der Abbildung ohne weiteres erfolgen kann. 
Die Aufstellung der Formeln erfolgte in den Sitzungsber. der kais. Akad. der 
Wiss. in Wien, Bd. 110, Abt. I (1901), S. 512 sqq., vgl. Sitzungsanzeiger der 
kais. Akad. der Wissensch, in Wien vom 12. Dezember 1901, abgedruckt in 
Ost. Bot, Zeitschr., Bd. 52 (1902), S. 79—81; Referat von Karl Fritsch in Bot. 
Zentralbl., Bd. 92, 1903, S. 358—361; S. 361 sq. wird über die Anwendung der 
Formeln bei dekussierten Systemen berichtet auf Grund der Arbeit über 
Roylea elegans Wall. (Ost. Bot. Zeitschr., Bd. 52, 1902, S. 137 sqq.), woraus sich 



Zur Kenntnis der veget. Verzweigung d. ArUtol, vrnithocephala Book. 49 



ihre ehemalige Form ist 
aus den anderen in der 
Abbildung gezeichneten 
Vorblättern ersichtlich. 
Ein Hypopodium wird 
nie ausgebildet und so 
rindet man die Äste der 
Vorblätter des Haupt- 
achselproduktes sowie 
des ersten Beisprosses an 
die Abstammungsachse 
angepreßt, später mit der- 
selben fest verklebt und 
infolge des sekundären 
Dickenwachstums mehr 
oder minder regelmäßig- 
eingerissen. Der zweite 
Beisproß stellt eine 
kleine Knospe dar, sein 
noch erhaltenes Vorblatt 
ist in entsprechenden Di- 
mensionen entwickelt, in 
der Figur mit W\^ v be- 
zeichnet. 



die Erklärung der Richtungs- 
indizes bei medianen Syste- 
men ergibt. Ein Auszug aus 
beiden Referaten findet sich 
in dem Artikel „Infloreszenz- 
formeln" in C. K. Schnei- 
ders Illustr. Handwörter- 
buch der Botanik, Leipzig, 
1905, S. 328—331. Unrichtig 
ist das Zitat des Fritsch- 
schen Referates in Justs 
Jahresbericht, 30. Jahrgang, 
1902, Band 1, S. 698 (1903), 
wo irrtümlich XCI (1902) an- 
gegeben ist. 

Z. B. Ges. 59. Bd. 





50 



Rudolf Wagner. 



Das Hauptachselprodukt wurde augenscheinlich frühzeitig 
in der dargestellten Höhe abgeschnitten und damit steht wohl die 
verhältnismäßig kräftige Ausbildung eines Vorblattachselproduktes 
in Zusammenbang: wir sehen nämlich hier wiederum ein Haupt- 
achselprodukt Sft'iA'pg und einen Beisproß D^A'^, die beide in ge- 
wohnter Weise mit adossiertem Vorblatt einsetzen. 

Der erste Beisproß , der seine kräftige Entwicklung wohl 
nur der Verstümmelung des Hauptachselproduktes verdankt, zeigt 
einen ziemlich komplizierten Bau. Sehr deutlich tritt die \- Stel- 
lung hervor, ferner die Stauchung der ersten Internodien; zur 
Entwicklung einer Blattspreite von gewohnter Form kommt es erst 
beim vierten Blatte, also bei ^l'\o & . Achselprodukte von sehr ver- 
schiedener Größe finden wir bei sämtlichen Blättern; wennschon 
erst beim dritten Blatte ein Beisproß zu sehen ist, so dürfen 

wir doch die Anlage solcher in allen Blattachseln annehmen; deut- 
licher tritt er beim vierten Blatte hervor ($1"^'^). Die Streckung 
der Epipodien tritt rasch ein; schon dasjenige von ^l'\Y' V2 mißt ein 
mehrfaches vom Hypopodium, womit die Spreitenbildung Schritt 
hält, so ist das Blatt ^"^^r^ßa schon ein kräftiges Laubblatt. 

In Fig. 2 sind diese Verhältnisse diagrammatisch dargestellt. 
Es scheint dabei ein Widerspruch zwischen den beiden Figuren in- 
soferne zu bestehen, als im Diagramm die f- Stellung strenge ein- 
gehalten ist, während in der Figur 1 das schon mit einer kleinen 
Spreite versehene zweite Blatt von D^A'^ßa eine transversale Stellung 
einnimmt. Das beruht indessen auf einer sekundären Torsion und 
wir haben es hier keineswegs mit einem jener Fälle zu tun, in 
denen neben adossierten Vorblättern auch transversale auftreten, 
wie dergleichen in den letzten Jahren publiziert worden ist. 

Faßt man die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung 1 ) 
zusammen, so ist von allgemeinerem Interesse wohl nur die Tat- 
sache, daß die normaliter sterilen Vorblätter die Fähigkeit, Achsel- 
produkte hervorzubringen, noch nicht verloren haben, sowie, daß 
nicht nur die Laubblätter, sondern auch die Vorblätter Serialsprosse 

*) Es ist mir eine angenehme Pflicht, auch an dieser Stelle den Herren 
Prof. Dr. R. v. Wettstein und Kustos Dr. A. Zahl b ruckner, die mir durch 
ihr Entgegenkommen die Ausführung dieser Studie ermöglicht haben, meinen 
verbindlichsten Dank auszusprechen. 



Zur Kenntnis der veget. Verzweigung d. Aristol. oniitlioccplialu Ilook. 51 



stützen, deren weiteres Verhalten von dem Schicksal der Zugehörigen 
Hauptachselprodukte abhängig ist. Die biologische Bedeutung des 
[Jmstandes, daß die Bildung weiterer Sprosse nur im Notfälle von 
der Basis der Zweige aus erfolgt, bedarf wohl keiner weiteren Er- 
örterung. 

Zur Moosflora der österreichischen Küsten- 
länder. 

Von 

K. Loitlesberger 

in Görz. 
(Eingelaufen am 2. Mai 1908.) 

II. Musci. 1 ) 

60 Jahre sind vergangen, seit Dr. 0. Sendtner das küsten- 
ländische Moosbild zeichnete. Daß dasselbe noch immer sehr aktuell 
ist, zeigt ein Blick in Limprichts Werk. Mit Rücksichtnahme 
darauf wird, wie bereits einleitend bemerkt, für vorliegenden Beitrag 
eine Auswahl aus den gesammelten Aufzeichnungen getroffen und 
mit demselben nur eine Ergänzung zu Sendtner s grundlegenden 
Arbeit, teilweise eine Erweiterung derselben angestrebt. Einerseits 
können für einzelne Spezies Vegetationsgrenzen oder größere Ver- 
breitung — überwiegend in der Richtung nach den tieferen Re- 
gionen — nachgewiesen, anderseits eine Anzahl neuer Elemente 
— zumal aus den Gattungen Sphagnurn, Dicranum, Philonotis, 
Ilypnmn — hinzugefügt werden. 

Über die Quellen, die das Material hierzu lieferten, sei in 
Kürze das zur Orientierung Nötige vorausgeschickt. Im Görzer 
Kreise kommen als Fundstellen in Betracht: die „Prevali"- Wiesen 
zwischen Cormons und Mossa und der Ternovaner Wald. Erstere 
liegen als weite, von Rohrsümpfen unterbrochene Ebenen am Süd- 
abfalle des Coglio (Flysch) in 60— 80 m Meereshöhe. E. Pospichal 



x ) Vgl. I. Hepaticae in diesen „Verhandlungen", Jahrg. 1905, S. 475—489. 

4* 



52 



K. Loitlesberger. 



nennt sie in seiner „Flora des österreichischen Küstenlandes" die 
„schönsten Wiesen im Litorale". Die SpJiagnum -Vegetation ihrer 
moorigen Randzonen wird hier zum erstenmale gewürdigt. 

Auch der Ternovaner Wald (= T. W.) birgt in mehreren 
Dolinen Sphagneten; überdies ist er schon im I. Teile als Stand- 
platz für subalpine Pflanzen gekennzeichnet. 

Dazu gesellen sich als ergiebige Fundgruben: die in der 
immergrünen Region liegende Insel Arbe, die nördlichste der 
dalmatinischen Inseln, von welcher Archidium alternifolium var. 
pictum und Phascum arbense nov. spec. beschrieben werden, und 
schließlich, um allen Sendtn ersehen Regionen gerecht zu werden, 
das reiche alpine Gebiet des Manhartstockes. 

An die beiden letztgenannten Lokalitäten sind — diese meine 
Arbeit anlangend — die Namen zweier Mitarbeiter geknüpft, deren 
schon eingangs Erwähnung geschah: der Herren J. Baumgartner 
in Wien — ihm danke ich auch die Anregung zum Besuche von 
Arbe — und J. Brei dl er. Der folgenden Zusammenstellung liegen 
nämlich nicht nur „eigene Entdeckungen", sondern auch zwei Fund- 
verzeichnisse der Genannten zugrunde. So unterzog sich unser all- 
verehrter Senior in Graz der Mühe, mir eine Liste von ca. 130 Spezies, 
die er in den Jahren 1884 — 1902 im österreichischen Küstengebiete 
gesammelt hatte, mit vielen genauen Standortsangaben und der Er- 
laubnis vorzulegen, dieselbe zweckdienlich zu verwerten. Beiden 
Herren meinen verbindlichsten Dank. Ihre Manuskripte, die hier 
nur auszugsweise benützt werden, bleiben wohlverwahrt und sind 
— das Einverständnis der Verfasser vorausgesetzt — den künftigen 
Bearbeitern unserer küstenländischen Kryptogamenflora zugeeignet. 

Nachstehende Aufzählung nimmt auf Vorkommnisse allgemein 
verbreiteter oder in der einleitend zitierten Literatur genannter 
Arten nur dann Rücksicht, wenn dadurch den „Beobachtungen 
über klimatische Verbreitung" Förderung zuteil werden kann. 

Sjihagnum Girgensohnii Russ. T. W. : das häufigste Torfmoos durch 
den Dolinenkomplex Smrecje, 1000 m; auf dem Matajur auch 
in der var. corypliaemn Russ., 1200 — 1400 m. 1 ) 



l ) Die genaue Bestimmung der Spliagnen danke ich Herrn C. Warnstorf. 



Zur Moosflora der österreichischen Küstenländer. 



53 



Ferner wachsen im T. W.: 

8, recurvum (P. B.) Warnst, var. mucronatum (Russ.) Warnst, und 
8. cymbifolium Ehrh. var. vwescens Warnst. Beide an den 
feuchtesten Stellen der Smrecje. 

S. squarrosum Pers. Smrekova draga und Smrekova jama an der 
Studentstraße, 1.100 m. 

N. quinquefa/rium (Lindl). ) Warnst. In den Varietäten vi/ride und 
roseum Warnst, unter Rhododendron und Vaccinium-Qebftsch 
in der Krummholzregion einer Doline am Fuße des Bukovec 
sowie der benachbarten Smrekova draga; den Grund der 
letzteren überzieht das Sphagnum acutifolium in hier wein- 
roten, dort scheckigen Polstern; es schafft ein förmliches 
Sphagnum-Moor und damit eine Pflanzenvereinigung, die mit 
der Flora des umgebenden Waldgürtels stark kontrastiert. 1 ) 
Im allgemeinen mag noch gesagt werden, daß die Bedingungen 
für das Auftreten von Sphagnum im T.W. nur in den flacheren, 
muldenförmigen Dolinen oder Kesseln gegeben sind, deren 
Boden durch zusammengeschwemmten Humus mehr weniger 
undurchlässig geworden ist; sie fehlen dagegen in den von 
steilen Gehängen begrenzten Trichtern; in diesen fließen Schnee- 
und Regenwasser, wie uns schon der Haufe nackter Gesteins- 
blöcke an ihrem Grunde verrät, sehr rasch ab. 

Die tiefere Region um Mossa beherbergt folgende Arten: 

8. rufescens (Br. germ.) Limpr., S. subsecundum (Nees) Limpr., 8. 
contortum Schultz, S. papillosum Lindb., S. platyphyllum (Süll.) 
Warnst. Sämtlich aus kleinen Randmooren der Prevali wiesen, 
so im Osten unterhalb Gradiscutta, 70 — 80 m, im Westen am 
Nordfuße der Rocca di Cormons, 50 — 60 m. Die letztgenannte 
Art wächst um II Blanchis in einer fremdartigen, mir von 
Warnstorf als var. oligoporum Russ. bezeichneten Form; die- 
selbe wird in E. Bauers Exsikkatenwerk erscheinen. 

Archidium alternifolium (Dicks.) Schp. nov. var. pictum. 

Planta virens aetate subrufescens, magnitudine et vege- 
tandi modo a typica non diver sa: monoica: antheridia in 

J ) Hierüber berichtet in Wort und Bild Prof. Dr. G. Ritter v. Beck in 
„Die Umkehrung der Pflanzenregionen in den Dolinen des Karstes". (Sitzungs- 
ber. der kais. Akad. der Wiss. in Wien, mathem.-naturw. KL, Jahrg. 1906.) 



54 



K. Loitlesb erger. 



axillis fol. comalium intermediorum vel inferiorum, rarius sub- 
perichaetialium posita. Folia omnino paulo latiora; infima 
remota, late ovata (0'7X0'4mm), cellulis oblongis vel rliom- 
boideis, 2 — 3plo long, quam lat. instructa; superiora ut peri- 
chaetialia sensim longe lanceolata, 0'4 — 0'5 mm lata, costa vix 
vel ad 2 j 10 excurrente, cellulis (basi oblongis, 15 — 20 fi lat., 
2 — 4plo long., superne 8 — 10 (i, 6 — 8plo long.) partim vermi- 
cidaribus praedita. Capsula maturescens vertice macidis 
picta, i. e. membrana epicarpalis interrupte incrassata, unde 
punctiforme notata apparet. Cetera ut in planta typica. 

Dalmatien: Insel Arbe, im Sandboden (Quarz und Kalk!) 
des Dundowaldes und unter Eriken auf Cap fronte, 50 — 80 na; 
häufig und gerne in Gesellschaft von Pleuridium subidaUim 
und EntostJiodon ericetorum. Identisch mit ihr ist eine aus der 
Umgebung Mailands stammende, von Balsamo und De 
Notaris im Jahre 1834 ausgegebene Pflanze (Herbar des 
Wiener Hofmuseums). 

Die «Frage, ob Spezies oder var. pictum, beschäftigte 
mich lange. Verglichen mit der Bruch sehen Pflanze aus 
Zweibrücken fiele die Entscheidung zugunsten einer neuen 
Art allerdings nicht schwer: die durchaus breiteren Blätter, 
die am Grunde minder scheidigen, nicht so rasch pfriemen- 
förmigen, sondern lang lanzettlichen Hüllblätter in Verbindung 
mit der bisher an keinem Arclüdium 1 ) konstatierten Zeichnung 
der Kapselhaut ließen mich an eine neue mediterrane Spezies 
glauben. Der Umstand, daß die Mailänder Pflanze dieselben 
Verhältnisse aufweist, hätte mich in diesem Glauben fast be- 
stärkt. Vergleichsmaterial von anderen Standorten stellt jedoch 
in Übereinstimmung mit den Angaben in der Literatur eine 
merkliche Variabilität der Blätter bei alternifolium zwischen 
schmallanzettlich und eiförmig zweifellos fest. Da ich weder 
im anatomischen Bau des Stengels und der Blattrippe noch 
in den Sporen einen wesentlichen Unterschied anzugeben in 
der Lage bin, die in vorstehender Beschreibung zum Aus- 



l ) Durch die Freundlichkeit des Herrn Dr. Brotherus in Helsingfors 
konnte ich auch mehrere exotische Archidien in Untersuchung ziehen. 



Zur Moosflor.i der ttstrrrcicliisclicii KÜNtniliiiidei-. 



66 



drucke kommenden Differenzen, wie Färbung, Stellung der 
Antheridiengruppe — gewöhnlich 2 — Blattzyklen unter dein 
Perichaetium — , eine spezifische Trennung aber kaum recht- 
fertigen können, gebe ich die immerhin interessante Pflanze 
unter obiger Bezeichnung im Bau ersehen Exsikkatenwerke aus. 

Bezüglich der dunklen Flecke, die das reife Epicarpium 
gesprenkelt erscheinen lassen, sei noch betont, daß damit die 
nach Leitgeb 1 ) in einem gewissen Stadium unter dem Prä- 
parationsmikroskope bei durchfallendem Licht oft sichtbaren 
dunklen Punkte (Sporenmutterzellen) in keiner Beziehung 
stehen. Ob sie ein Produkt des Zufalles seien? Meine erste 
Aufsammlung (IV. 190(5) lieferte nur reife, eine zweite im 
März des Vorjahres Rasen mit jungen, unentwickelten Kapseln; 
diese wurden kultiviert, eine Partie in sonniger, eine andere 
mehr in schattiger Lage gehalten; nach einem Monate traten 
überall die dunkelgrünen Punkte an den Fruchtscheiteln auf. 
Jede Zelle erhält einen zentralen Fleck; an Querschnitten 
durch die Kapselhaut sind die Verdickungen der kutikularen 
Membran, gegen die Zellgrenzen unterbrochen, deutlich zu 
erkennen. In dem von Balsamo und De Notaris aus- 
gegebenen Prodromns Bryol. Mediol, 1834, wird über die hier 
angedeuteten Verhältnisse nichts gesagt. 

Epliemerella remrvifolia (Dicks.) Schp. Auf Brachäckern bei der 
Stadt Veglia auf der Insel gleichen Namens. 

Acatdon muticum (Schreb.) C. Müll. Mit folgender auf der Insel 
Arbe: sandige, trockene Strandplätze auf „Secc. Tonera" vor 
dem Hafen der Stadt Arbe, dann auf sonnigen Weiden auf 
der Höhe von St. Elia, 100 m. 

Phascum arbense nov. spec. Planta gemmiformis (1'5 — 2 mm 
alta), habitu, cölore lurido vel flavescente Acaulon aemulans. 
Monoica: antheridia longepedunculata cum parapJiysibus 
clavulatis in axillis fol. subperichaetialium posita. C aal es 
brevissimi radiculis pallide ferrugineis, fasciculato-ramosis basi 
fixi, vulgo 2 — Scephali, cetlulis laxis leptodermis exstrueti. 



x ) H. Leitgeb, Das Sporogon von ArcJiidium. (Sitzungsber. der kais. 
Akad. der Wiss. in Wien, mathem.-natnrw. KL, Jahrg. 1879.) 



56 



K. Loitlesberger. 



Folia conferta, erecto patentia, concava: infima rotundata 
ovatave (0'5X 0-4 mm), media oblonga obovatave (0'8X 0'4mm), 
omnia breviapiculata ; summa ut perichaetialia conniventia 
(1'2 — T4 X 0'6 — 0-9 mm), e basi paulo angustiora late cymbi- 
formia, acuminata, superne carinata, costa acrescente ad 1 \ 10 
in cuspidem excurrente falcato-incurvata, margine integerrimo 
sup. parte plerumque revoluto instructa. Costa in fol. infer. 
cum apice evanida, in omnibus lutescens, in sedione transv. bi- 
convexa, e cellulis (2 — 4) ventralibus majoribus, ducibus (2) 
minoribus et saepe ab internis minutis luteoincrassatis vix di- 
stinguendis, externis dorsalibus (4 — 8) leptodermis composita. 
Gellulae parenchymaticae , aetate omnino achlorophyllosae, 
praesertim fol. sup. decoloratae, in f. flavo-virides, ad basin rect- 
angulares (15 — 18 \.i lt., 3 — 4plo, sursum 1*5 — 2plo long.), 
leptodermae, dimidio sup. 4 — 6 angulae, pleraeque fere qua- 
dratae, toto ambitu parum incrassatae. Cuticula sublaevis, 
vel superne jjapillis minutis sparsis notata. Capsula immer sa, 
globulosa (0'5 — O'Ümm), breviter et obtuse acuminata, rufulo- 
vel fusco-fulva, nitida; seta (ca. 0-2 mm lg.) e vagimila ovata 
aequilonga errecta; exothecium e celltdis trapezoideis rectan- 
gulisve leptod. compositum, stomatibus (4 — 6) normalibus basi 
ornatum; sporangium liberum; calyptra minuta, conico-cucul- 
lata, arcliegonii stylidio coronata (ad 0'25 mm lg.); sporae 
sphaericae (18 — 20 raro — 24^), luteo-virides, minutissime 
granulatae. 

Habitat: Ad terram arenosam soli expositam in Insula 
Arbe (Dalmatia), Acaulon intermixta, cum fr. mal. lecta 
1./ IV. 1907. 

Unsere Pflanze vereinigt Merkmale von Phascum carnio- 
licum und Floerheanum und nimmt wie diese beiden eine 
Sonderstellung bei Phascum ein; in den breiten, kielig-hohlen 
Perichaetialblättern steht sie der Gattung Acaulon näher als 
die folgende Art. 

Phascum Floerkeanum Web. et M. An Dämmen der Bewässerungs- 
kanäle um Monfalcone unter Pottia minutula. 

Astomum crispum (Hedw.) Hmp. Felder um Peuma (Krypt. exs. 
Vindob., Nr. 1376!). 



Zur Bfoosflora der österreichischen Küstenländer. 



67 



Pleuridium subulatum (Huds.) Rabh. Im Panowitzer Walde mit 
Ditrichum pallidum; im Dundowaldc auf Arbo. 

Hymenostomum tortile (Schwgr.) Br, eur. Findet nach den bis- 
herigen Auf Sammlungen an den Südabhängen des Mt. Gabriel 
und Mt. Daniel bei Görz in ca. 200 — 300 m Höhe ihre oberste 
Grenze. 

THchodontium pellucidum (L.) Schp. Manhart, 2050 — 2400m (Breid- 
ler); T. W. (Baumgartner), Umgebung der Kaninhütte, 
1900 m. 

Qncqphorus virens (Sw.) Brid. Diese subalpine Spezies ist auch in 
den Dolinen des T. W. heimisch und wurde von daher in der 
var. elongatus Limpr. und serratus Br. eur. in Musci eur. exs. 
sub Nr. 78 und 79 ausgegeben. 

Bicranella subidata (Hedw.) Schp. T. W., spärlich über Tonböden. 

B.heteromalla (Dill.) Schp. Ebenda (Krypt. exs. Vindob., 288 b !); 
häufiger im Sandstein um Görz. 

Bkranum Starhei Web. et M. Über verwitterten Hornsteinen am 
Manhart, 2100 m. 

B. Bergeri Bland. Als kompakte Alpenform am Manhart, 2300 bis 
2400 m (Breidler). 

B. Bonjeani De Not. Ravelnik bei Flitsch, 500m (Breidler); 
Sumpfwiese bei Mossa, 70 m. 

B. majus Sm. und B. fuscescens Turn. Beide in der Krummholz- 
region der Smrekova draga. 

B. neglectum Jur. und B. brevifolium Lindb. Am Manhart, 2300 
bis 2600 m (Breidler). 

B. flagellare Hedw. An einem alten Baumstumpf am Kalvarien- 
berg bei Podgora, 180m, st.; wird von Krasan für die hie- 
sige Sandsteinflora notiert. 

B. albicans Br. eur. Am Manhart bis 2300m (Breidler); Mt. 
Kanin, 2000 m. st. 

Fissidens minutulus Sull. An den Krkafällen (Dalmatien), berie- 
selte Steine unter einem Mühlrad überziehend. 

F. Bambergerl Schp. In einem lehmigen Graben bei Cittanuova 
(Istrien); neben der gipfelständigen Zwitterblüte wurden bis- 
weilen noch nackte Antheridien in den Taschen der oberen 
Blätter beobachtet. 



58 



K. Loitlesb erger. 



SeUgeria pusilla (Ehrh.) Br. eur. An Konglomeratfelsen der Isonzo- 
ufer bei Görz. 

8. tristicha (Brid.) Br. eur. T. W.: an feuchten Kalkfelsen hinter 
Karnizza und in den Tribusaner Wänden, 1000— 1200 m. 

8. recurvata (Hedw.) Br. eur. Im Sandstein des Coglio von der 
Ebene bis zur höchsten Erhebung, der Korada, 800 m, ver- 
breitet. 

Ditrichum homomallum (Hedw.) Hmp. Paradana im T. W., 1100m 
(Baumgartner). 

D. pallidum (Schreb.) Hmp. An Erdblößen im Coglio (Krypt. exs. 
Vindob., Nr. 1267!); im Panowitzer Walde sammelte ich auch 
den Bastard Ditrichum pallidum X Pleuridium subulatum 
Breidl. in litt. (== Ditrichum astomoides Limpr.) in wenigen 
Exemplaren. 

Ptcrygoneurum cavifolium (Ehrh.) Jur. Auf Karstfeldern bei S. 
Servolo (Istrien), 400 m. 

Pottia latifolia (Schwgr.) C. Müll. Mit der var. pilifera C. Müll, am 
Manhart, bis 2400m (Breidler). 

Didymodon rigidulus Hedw. Flitsch: am Ursprünge des Glijun- 
baches und Abhänge bei Kau, 400 — 500 ni; an der Predil- 
straße, 600— 700m (Breidler); an Straßenmauern bei Sap- 
nisce und Görz (Baumgartner). 

D. validus Limpr. Mit der Flitscher Pflanze (Straße gegen Saga, 
400 m, und oberhalb der Klause, 700 m, leg. Breidler) voll- 
kommen identische besitze ich aus der Görzer Umgebung von 
zwei mir durch Baumgartner bekannt gewordenen Stand- 
orten: Isonzoufer und Abfall des Ternovaner Plateaus ober- 
halb Vitovlje, 600—700 m. 

Geheehia gigantea (Funck) Boulay. An nassen Felsen der Tribusaner 
Wände, 1200 m. 

Barhula bicolor (Br. eur.) Lindb. Mt. Kanin, 2200 m. 

JB. flavipes Br. eur. T. W., Felsdurchbruch an der Straße am Pra- 
prot, 1200 m. — NB. Das Rokellanertal (Baccolanatal) ist 
nicht mehr österreichisches Küstengebiet, wie Limpricht 
nach Sendtner schreibt! 

B. reflexa Brid. Oberhalb der Flitscher Klause, 600—800 m, an 
der Straße zwischen Saga und Flitsch und am Ursprünge des 



Zur MooNfloru «In- iistcrn icliisclicn Küstenländer. 



59 



Glijunbaches, 460m (Breidler); längs «In- Straße durch das 
Vallone, 60m (Baumgartner). 

Trichostomum flavovirens Bruch. Diese südliche Art wurde auch in 
den Dünen von Grado beobachtet. 

F. nitidum (Lindb.) Schp. Schon bei Juratzka wird dieser Spezies, 
die ich durch Breidler anläßlich seines Görzer Besuches im 
Jahre 1900 kennen lernte, weite Verbreitung in lstrien und 
Dalmatien zugeschrieben; sie tritt im Görzerischen bis Salcono 
— besonders an Gartenmauern — häufig, doch stets steril auf 
(Krypt. exs.Vindob.,Nr.889!); um Monfalcone (Baumgartner), 
oberhalb des Ljah-Ursprung, 150 m. 

Tortella torktosa (L.) Limpr. var. fragilifolia Jur. an Gartenmauern 
auf Castagnavizza, 140 m, und var. brevifolia Breidl. in Limpr. 
an der Straße zwischen Saga und Flitsch, 400 m (Breidler). 

Crossidium griseum Jur. An besonnten Felsen oberhalb St. Maria 
di Vitovlje, 600 — 700 m (Baumgartner), den Südabhängen 
des Mt. Gabriel und Mt. Daniel, 200— 300 m; Vragna am Fuße 
des Mt. Maggiore; im Valle di S. Pietro auf Arbe. 

Tortula canescens (Bruch) Mont. Über Sandstein auf Staragora bei 
Görz. 

T. papillosa Wils. An Bäumen auf Castagnavizza (Breidler) und 

im Görzer Volksgarten. 
Diälytrklna Brebissoni (Brid.) Limpr. In der Görzer Gegend nicht 

selten: an Linden auf Castagnavizza (Breidler); am Isonzo- 

ufer, längs des Groinabaches über Flysch, bei Kanziano an 

der Wippach (Baumgartner); um Capriva und Cormons 

(Musci eur. exs., Nr. 183!). 
OmcUdotus fontinaloides (Hedw.) P. B. var. Baumgartneri Bauer 

(Musci eur. exs., Nr. 194!). Häufig an den Wässern von Do- 

berdo (Baumgartner) und Monfalcone; auf den Ljah -Wiesen. 
C. aquaticus (Jacqu.) Br. eur. Ursprung des Glijunbaches bei Flitsch, 

fr. (Breidler). 
Schistidium conferüim (Funck) Br. eur. Manhart, 2000 m. 
Seh. teretinerve Limpr. Südabfall des T. W.; an der Straße nach 

Karnizza, 600 m (Baumgartner). 
Grimmia tergestina Tomm. Am gleichen Standorte (Baumgartne r) ; 

am Fuße des Rombon bei Flitsch, 700 m. 



60 



K. Loitlesberger. 



Bacomitrium lanuginosum (Ehrh.) Brid. Bisher nur am Studor bei 
Cepovan, 1000 m. 

Zygodon viridissimus (Dicks.) Brown. An Cupressus im Görzer Volks- 
garten (Breidler); auch um Karnizza, 1000 m; mit Früchten 
an Eichen im Panowitzer Walde und auf Arbe (Baumgartner). 

Orthotrichum nudum Dicks. An Kalkblöcken am Ursprünge des 
Glijunbaches (Breidler); ebenso in der Bausica bei der 
Flitscher Klause (Muse. eur. exs., Nr. 239!); im Coglio (Baum- 
gartner); am Isonzo-Ursprung in der Trenta, 1000 m. 

0. tenellum Bruch. An Görzer Alleebäumen und im Coglio (Baum- 
gartner); verbreitet an alten Bäumen durch die Furlanei. 

Encalypta contorta (Wulf.) Lindb. In der Ebene steril (Krasan); 
reichlich fruchtend durch den T. W. (Krypt. exs. Vindob., 
Nr. 892!); eine an der großen Eishöhle an der untersten Ve- 
getationsgrenze vegetierende f. cavernarum (Baumgartner) 
verdient wegen der im feuchten Zustande bogig abstehenden 
Blätter Erwähnung. 

Georgia pellucida (L.) Rabh. In Ergänzung zu Sendtners Be- 
merkungen über das Vorkommen dieser Art sei konstatiert, 
daß sie im T. W. eine ebenso gewöhnliche Erscheinung wie 
im Norden ist. 

Tayloria serrata (Hedw.) Br. eur. und Splachnum sphaericum (L. fil.) 

Sw. stammen von der Grenze unseres Gebietes, dem Moistroka- 

passe, 1620 m (Breidler). 
Entosthodon ericetorum (Bals. et De Not.) Br. eur. Insel Arbe: 

unter Erikengebüsch, besonders auf Cap fronte (Musci eur. 

exs., Nr. 249!). 

Anomöbryum concinnatum (Spr.) Lindb. Längs der Straße zwischen 
Flitsch und Kau, 400 — 500 m, und an der „Roten Wand", 
2050 m (Breidler). 

Webera acuminata (H. et H.) Schp. var. minor Schp. Am Rombon, 
2000 m. 

W. nutans (Schreb.) Hedw. Vielfach am Manhart und bis 2400 m 
fr. (Breidler); stellenweise am Mrsovec und in der Smrecje 
im T. W., 1000-1200 m. 

Bryum torquescens Br. eur. Nördlichste Fundorte: Lagunen von 
Grado, Karst bei Doberdo und Merna. Eine ihr im Wüchse 



Zur Moosilor.'i der östcrroicliischoii K iislcnländcr. 



61 



gleichkommende, aber diözische Pflanze (Coglio, Staragora, 

Mt. Maggiore) würde ich als var. meridionäle zur folgenden 

stellen, wenn sie sich nicht im Zellnetze viel eher zu tor- 

quescens gehörig erwiese! 
/>. capillare L. var. flaccidum Br. eur. An Bäumen auf Castagna- 

vizza (Breidler), wie im Görzer Volksgarten. 
JB. eleyans Nees. An schattigem Kalkgestein beim Ljah-Ursprung, 

100 in (Baumgartner). 
B. Mildeanum Jur. Ursprung des Glijunbaches und bei Kau, 400 

bis 500 m; an der Roten Wand als f. gemmipara (Breidler); 

am Groinabache bei Görz (Baumgartner). 
B. versicolor A. Br. Hie und da in den Isonzoauen zwischen Görz 
und Gradiska. 

B. Schleichen Sch wgr. Rote Wand , 2050 m (Breidler). 

B. pseudotriquetrum (Hedw.) Schwgr. var. compadum Br. eur. Am 
Manhart bis 2400 m (Breidler), Mt. Kanin, 2000— 2200 m. 

B. neodamense Itzigs. In den Sumpfwiesen von Prestau, bisher nur 
steril; hier auch in einer dem Br. ovatum Jur. nächststehenden 
Form (teste Breidler); wurde wie die folgende für die Musci 
eur. exs. aufgelegt! 

Mnium medium Br. eur. Smrecje im T. W., üppig über ange- 
schwemmten Straßenkalksand, 1000 m (Baumgartner). 

M. Seligen Jur. Steril an nassen Stellen im Panowitzer Walde, 
100 m. 

M. orthorrhyncJmm Brid. Trentatal, 1400 m (Breidler), um Kar- 
nizza (Baumgartner). 

M. serratum Schrad. Nicht nur von der Buchenregion aufwärts 
(Sendtner), auch im Görzer Volksgarten, längs des Isonzo 
im Sabotiner Walde (Krypt. exs. Vindob., Nr. 588M); noch an 
der Roten Wand, fr. (Breidler). 

Amblyodon dealbatus (Dicks.) P. B. Trenta: gegen den Moistroka- 
paß, 1200— 1400 m, und Predilstraße, 1000 m, fr. (Breidler). 

Aidacomnium palustre L. In den Sphagneten der Prevaliwiesen 
hei Mossa. 

Phüonotis marchica (Willd.) Brid. Strandwiese bei Monfalcone; 
liegt bisher nur in unvollkommener Entwicklung vor, weicht 
aber, wie mir auch Herr L. Loeske in Berlin, dem ich die 



62 



K. Loitlesberger. 



Bestimmung dieser Arten danke, bestätigt, von der typischen 
Form auffallend ab. 

Ph. calcarea (Br. eur.) Schp. Am Glijunbache, 400m (Breidler); 
an Quellen bei Salcano und Peuma, 80 m. 

Ph. caespitosa Wils. Sumpfwiese bei Mossa, 70 m, fr. 

Ph. alpicola Jur. An grasiger Lehne am Rombon, 2000 m. Nach 
Loeske stellt sie die typische Pflanze dar. 

limmia norvegica Zett. An der großen Eishöhle in Paradana, 
1100 m, mit T. austriaca (Baumgartner). 

Catharinaea angustata Brid. Eine Charakterpflanze der hiesigen 
Sandsteinvegetation! In den Kastanienhainen und unter Ro- 
biniengesträuch des Coglio, der Staragora wird sie mitunter 
recht kräftig und dürfte, da sie gewöhnlich mehr weniger 
querwellige Blätter führt, ihre Abgrenzung als südliche Va- 
rietät einige Berechtigung haben; sie ist mehr xerophy tischer 
Natur als C. undulata Web. et M., welche viel seltener, so an 
den Wasserläufen der Groina, der Furlanei, zerstreut im T. W. 
angetroffen wird. 

G. Haussknechtii (Jur. et M.) Broth. Reichlich in der Buchenregion 
des T. W., 1000— 1200 m. 

Pogonatum nanum (Schreb.) P. B. Insel Arbe: im Quarz führenden 
Sandboden des Dundowaldes. 

Polytrichum gracile Dicks. Im Sirfiagnum-Boäen der Smrekova 
draga, in deren Krummholzbestande auch P. alpinum und 
juniperum gedeih en . 

P. perigoniale Michx. An moorigen Plätzen gegen den Kamm des 
Matajur, 1500 m. 

Diphyschwi sessile (Schmid.) Lindb. Im Sandstein (Krasan); 

Coglio, Panowitzer Wald; am Matajur in Gesellschaft von 

Marstipella Funckii, 1500 m. 
Cryphaea heteromalla (Dill.) Mohr. An Pappeln und Weiden im 

Wippachtale, bei Ranziano und Vogersko; ebenso um Peuma, 

S. Mauro, Görz (Baumgartner). 
Neckera pumila Hdw. An Bäumen bei Karnizza (Baumgartner). 
N. Besseri (Lob.) Jur. Von Sendtner in der Draga von Orlich 

(im Tri est er Karste!) gesammelt; am Caven im T. W., 



Zur Bioosflora der österreichischen Küstenländer. 



1100 m (Baumgartner); in Höhlungen bei der Merzlekquelle 
oberhalb Salcano (var. rolmidifolia Mol.). 

Fahroma pusilla Kaddi und llabrodon perpusillus (De Not.) Lindl). 
Beide an Bäumen, erstere häufig an Ulmen, im Görzer Volks- 
ga rte n (B a u mgar t n e r) . 

Anacampiodon splachnoides (Fröl.) Brid. An einem Buchenstrunk 
im Panowitzer Forste. (Die Buche gehört in dieser Zone zu 
den Seltenheiten!) 

Myurella Careyana Süll. In feuchten, humösen Felsspalten des T.W., 
besonders am Cervenjak, 1200 m (W. Migulas Krypt. Genn., 
Austr. et Helv. exs., Nr. 183!); eine zwischen Moosen an Kalk- 
blöcken hinter Karnizza wie um Cepovan auftretende Myurella, 
die mir mit Rücksicht auf das Blattzellnetz zur jtdacea var. 
scabrifolia Lindb. in naher Beziehung zu stehen scheint, legte 
ich für das Bau ersehe Exsikkatenwerk auf. 

Anomodon rostratus (Hedw.) Schp. An beschatteten Kalkfelsen im 
T. W.; nicht selten (Baumgartner). 

Pterogonium gracile (Dill.) Sw. Aus dem Panowitzer Walde in den 
Krypt. exs. Vindob. sub Nr. 796 ausgegeben! Auch im T. W., 
so im Buchenwalde bei Karnizza, 900 m (Baumgartner), in 
jenem zwischen Ternova und Nemci, 800 m; überall steril. 

Lescuraea striata (Schwgr.) Br. eur. T. W.: an der Eishöhle und 
am Caven, 1300 in. 

Heterocladium sqiiarrostdum (Voit) Lindb. Am Manhart, 2000 bis 
2400 m (Breidler), daselbst auch in der var. compactum Mol. 

Thuidium pulchellum De Not. Abbazia: auf Kalkboden unter Lor- 
beergebüsch, 150 m (Breidler); am warmen Südabhange des 
Kalvarienberges bei Poclgora über Eichenwurzeln, in einem 
trockenen Eichenwäldchen bei Monfalcone über Stein; ebenso 
um Vertoiba und St. Peter bei Görz. Diese Pflanzen sind 
identisch mit der Tommasini sehen aus Istrien, die im Her- 
barium des Wiener Hofmuseums liegt: die Wimpern des 
Peristoms sind gut entwickelt, die Sporen (14 — 18 ^) sind 
grünlich und glatt. 

Th. delicakdum (L. ) Mitt. Groina in Coglio, Isonzoufer (Bau mg.). 

Tli. Fhiliberti (Philib.) Limpr. Hügel von Ravelnik bei Flitsch, auf 
Schiefer, 500 m; an der Predilstraße, 900—1000 m (Breidler). 



64 



K. Loitlesberger. 



Th. tamariscimim (Hedw.) Br. eur. In den schattigsten Partien des 
Panowitzer Waldes. 

Platygyrium repens (Brid.) Br. eur. In Kastanienwäldern um 
St. Peter bei Görz. 

Cylindrothecium concinnum (De Not.) Schp. Auf Konglomerat am 
linken Isonzoufer bei Görz; mehrfach um Flitsch und an der 
Predilstraße, unter Gebüsch, 1000m (Br eidler); im Karste 
bei Selo (Baumgartner) und Duino; zwischen Ravnica und 
Ternova, 600 m. 

C. Schleichen Br. eur. Abhang bei Pluzna und am Hügel von Ra- 
velnik (Brei dl er); in Vallone und um Monfalcone (Baum- 
gartner); dem nackten Kreidefels besonders hold (Kra- 
san, 1. c). 

Climacium dendroides (L.) Web. et M. Steigt nahe zur höchsten 
Erhebung unseres Gebietes, am Manhartgipfel, 2600 m (nach 
Br eidler); kommt im T. W. (Baumgartner) wie in der 
Ebene, Rosental bei Görz, vor. 

Homalothecium Thilvppearmm (Spr.) Br. eur. An Straßenmauern im 
T. W. (Baumgartner). 

Brachytheciiini plumosum (Sw.) Br. eur. Über Sandstein im Pano- 
witzer Walde (Baumgartner) und der Groina. 

B. laetum (Schp.) Br. eur. Nur aus der Flitscher Gegend: unter 
Gebüsch bei Pluzna, 450 m, in männlichen Exemplaren 
(Breidler). 

B. glareosum (Bruch) Br. eur. var. alpinum De Not. An der Roten 
Wand, 2050 m (Breidler). 

B. rivtdare Br. eur. Am Manhart, 2050 m; als var. cataractarum 
Saut, im Glijunbache und in der Bausica (Breidler); an 
letzterer Lokalität auch noch in der var. Schmiedleanum Bauer. 
Noch sei zweier alpiner Arten, des B. glaciale Br. eur. und 
latifolium Lindb., Erwähnung getan, die von Breidler an 
der Nordseite des Manhart, also auf krainerischem Gebiete, 
gefunden wurden. 

Eurhynchium cwcmnatum (Brid.) Br. eur. Im Görzer Volksgarten 
und längs des Isonzo (Breidler), am Ljah-Ursprung (Baum- 
gartner); dürfte bei Salcano (an Mauerkronen st.) die nörd- 
lichste Grenze des Vorkommens haben! 



Zur Moosflora der österreichischen Küstenländer. 



r>r> 



/:. meridionäle (Schp.) De Not. Insel Veglia: Vallc Besca naova; 

im Dundowalde auf Arbe. 
A'. striatulum (Spr.) Br. cur. Hügel von Ravelnik; an der Predil- 

straße, 600 — 1000 m; auf der Höhe von St. Florian im Coglio, 

300m; in Anlagen bei Abbazia (Breidler); Lago della pietra 

rossa, 10 m; Ljab-Ursprung, 100 in; am Veliki RobimT. W., 

1200 m (Baumgartner); bei Salcano und im Sabotiner Walde, 

am Fuße des Mt. Valentino. 
E. crassinervium (Tayl.) Br. eur. Am Glijunbache, 450 m; im 

unteren Teile des Görzer Volksgartens; um St. Florian, 250 m; 

in Anlagen bei Abbazia, 150 — 200 m (Breidler); beim Ljah- 

Ursprung (Baumgartner). 
E. Tommasini (Sendt.) Ruthe. Westseite des Manhartstockes, 2050 m, 

mit der var. julaceum Schp. (Breidler); in Dolinen und an 

Straßendämmen im T. W. (Baumgartner). 
E. cwrosum (Schwgr.) Limpr. Manhart, 2500 — 2600 m (Breidler); 

in Dolinen des T. W. (Migulas Exsikkatenwerk, Nr. 118!); 

als f. cavernarum an der Eishöhle (Baumgartner). 
E. speciosum (Brid.) Milde. An den Wasserläufen der unteren Fur- 

lanei, gegen die Isonzomündung; an Strandquellen zwischen 

Monfalcone und dem Timavo. 
E. StoJcesii (Turn.) Br. eur. Dundowald auf Arbe. 
E. Swartm (Turn.) Cum. Gartenmauern in Görz und in der Groina 

(Breidler). 

E. Schleichen (Hedw. fil.) Lor. Weglehne auf Castagnavizza 
(Breidler). 

Ehynchostegiella curviseta (Brid.) Limpr. Panowitzer Wald (Baum- 
gartner), Ljab-Ursprung. 

Plagiothecium undulatum (L.) Br. eur. Smrecje im T. W. (Krypt. 
exs. Vindob., Nr. 898 M) 

PI. Boeseanum (Hmp.) Br. eur. T. W. und Panowitzer Wald 
(Baumgartner). 

PI. striatellum (Brid.) Lindb. Im Krummholzbestande der Smre- 
kova draga, 1100 m. 

PI. depressum (Bruch) Dix. Görzer Volksgarten (Breidler); T.W. 
(Baumgartner). 

Z. B. Ges. 59. Bd. 5 



66 



K. Loitlesberger. 



PI. elegans (Hook.) Sull. Längs des Weges zur Schießstätte im 
Panowitzer Wald (Baumgartner). 

Amblystegium Sprucei (Bruch) Br. eur. Im T. W. (Baumgartner); 
von der Eishöhle in Paradana in Krypt. exs. Vindob. sub Nr. 389 
ausgegeben! Schneelöcher am Matajur, 1400 m, allerorts steril. 

A. confervoides (Brid.) Br. eur. Im Sabotiner Walde, 150 m, fr. 

A. curvicaule (Jur.) Dix. et J. Manhart, 2050 m (Breidler); in 
f. elongata an der großen Eishöhle im T. W. 

Ilypnum elodes Spr. Sümpfe bei Prestau (Krypt. exs. Vindob., 
Nr. 1284!); bei Monfalcone und Grado. 

H. intermedium Lindb. Am Rande der Lisertosümpfe bei Mon- 
falcone. 

Sendtneri Schp. Sümpfe von Prestau und Cormons (Krypt Germ., 
Austr. et Helv. exs., Nr. 224!). 

H. lycopodioides Brid. Strandwiese beim Hafen von Monfalcone. 

H. pseadofluitans (Sanio) v. Klinggr. Wassergräben zwischen Cor- 
mons und Mossa, im See von Doberdo, auf den Ljah -Wiesen 
und an Strandquellen bei Monfalcone; im Seebecken von 
Ponikva auf der Insel Veglia als Massenvegetation. 

H. sulcatum Schp. In der Trenta, am Manhart bis 2500 m (Breid- 
ler); an der großen Eishöhle (Baumgartner); in den Tri- 
busaner Wänden am Poldanovic, 1200 m. 

H. crista-castrensis L. Flitsch: Hügel von Ravelnik, 500m (Breid- 
ler); Panowitzer Wald, 100m. 

H. Sauteri Br. eur. Über Kalktrümmern an der Predilstraße, 1000 m 
(Breidler); über Dolomitgrus bei Cepovan, 600m. 

H. Vaucheri Lesqu. Am Isonzo bei Görz und Salcano (Breidler). 

II. giganteum Schp. Sümpfe am Westende der Prevaliwiesen. 

II. stramineum Dicks. Moorlöcher in der Smrekova draga. 

Hylocomium pyrenaicum (Spr.) Lindb. In Dolinen des T. W. 
(Baumgartner). 

H. brevirostre (Ehrh.) Br. eur. Hügel von Ravelnik und bei Plusna, 
500 m (Breidler); im Panowitzer Walde stets reichlich fruch- 
tend (Krypt. Germ., Austr. et Helv., Nr. 172!). 

II. squarrosum (L.) Br. eur. „Von den Tälern bis auf die Voralpen 
gemein; mehrfach im Isonzotale" (Breidler); ist auch im 
T. W. häufig. 



Zur Bfoosflora der österreichischen Küstenländer. 



67 



H. rugosum (Ehrh.) De Not. 'Am steinigen Bügel von Ravelnik, 
c. fr.! (Breidler); in den besonnten Dolinen zwischen Kucel 
und Caven am Rande des T. W., aber auch an den [gonzo- 
ufern und in der Groina. 



Pflanzenkulturen im diffusen Tageslichte. 

(II. Reihe.) 
Von 

Dr. A. Burgerstein. 

(Eingelaufen am 31. Oktober 1908.) 

Im Sommer 1907 kultivierte icb eine Anzabl von anuellen, 
leicbt zum Blüben zu bringenden Gewächsen im freien Grunde in 
bellem, ausscbließlicb diffusem Liebte und gleichzeitig Vergleichs- 
exemplare an einem Platze, an dem letztere fast den größten Teil 
des Tages dem vollen Tageslichte ausgesetzt waren, um zu er- 
fahren, welche Unterschiede sich in der Ausbildung der Stengel, 
Blätter und Blüten ergeben würden. Es waren Arten (respektive 
Varietäten) von Antirrhinum, Aster, Gheiranthus, Chrysanthemum, 
Convolvulus, Delphinium, Diantims, Helianthus, Ipomaea, Impatiens, 
MattMola, Mirabilis, Papaver, Petunia, Phaseolm, Phlox, Reseda, 
Salvia, Tagetes, Tropaeolum, Zinnia. Die gewonnenen Resultate habe 
ich in diesen „Verbandlungen", Jahrg. 1908, S. 322 ff. veröffentlicht. 

Im Sommer 1 908 wurde ein analoger Anbauversuch mit land- 
wirtschaftlichen Kulturpflanzen durchgeführt und zwar diesmal aus- 
schließlich im Garten der Biologischen Versuchsanstalt im k. k. Prater, 
an denselben zwei Parzellen wie im Vorjahre. Die Versuchspflanzen 
waren: Hafer, zweizeilige Gerste, Pferdezahn-Mais, Erbsen, Stangen- 
bohnen (Phaseolus vulgaris), Saubohnen (Vicia Faha), Wicken, 
weiße Lupinen, Buchweizen, Lein und Tomaten. 

Die Anzucht erfolgte aus Samen, die am 5. Mai direkt ins 
freie Land gesäet wurden, mit Ausnahme der Tomaten, deren 
Keimpflanzen in Töpfen herangezogen und erst Ende Mai ins Freie 
ausgepflanzt wurden. 

5* 



68 



A. Burgerstein. 



Während die an der Südparzelle stehenden und den direkten 
Sonnenstrahlen zugänglichen Pflanzen durchwegs vortrefflich ge- 
diehen, mit Ausnahme der Lupinen, die im allgemeinen kein „freu- 
diges" Aussehen zeigten, entwickelten sich die an der Nordseite 
kultivierten und hier nur von dem diffusen Lichte, dessen Stärke 
sich zu der Intensität des gesamten Tageslichtes wie 1 : 6 ver- 
hielt, getroffenen Pflanzen verschieden. Die Gramineen, ferner 
Buchweizen und Lupinen blieben im Wachstume auffallend zurück. 
Wicken und Lein entwickelten sich nur kümmerlich; die Erbsen- 
pfianzen bildeten viel längere, dünnere Stengel und kleinere Blätter 
aus; die Bohnen wurden auffallend höher, deren Blätter waren ge- 
ringer an Zahl, dabei kleiner und schmäler als an der Südseite. 
Saubohnen entwickelten sich recht gut. Eine bedeutend stärkere 
Produktion der vegetativen Teile bei gleichzeitig stark verminderter 
Fruchtbildung zeigten die beiden an der Nordparzelle stehenden 
Tomatenstöcke. 

Wegen meiner sich über den Juli und August erstreckenden 
Abwesenheit von Wien erfolgte die Ernte bereits am 1. Juli, nur jene 
der Tomaten erst am 3. September. Hierbei ergaben sich folgende 
Befunde (S. bezieht sich auf die Südseite, N. auf die Nordseite): 1 ) 

Hafer. Höhe der Pflanzen S. 83, N. 24 cm; Länge der Blatt- 
spreiten S. 35, N. 26 cm; Breite derselben S. 18, N. 16 mm. Die 
dem vollen Tageslichte ausgesetzten Pflanzen zeigen reiche Be- 
Stockung und sind Mitte Juni in Blüte; die Nordpflanzen haben 
durchwegs nur einen (sehr dünnen) Halm und zeigen Ende Juni 
noch keinen Rispenansatz. Bei den Südpflanzen war das Trocken- 
substanzgewicht der Halme (einschließlich Blattscheiden) 12*8 mal, 
das der Blattspreiten 7 3, das der ganzen Pflanze (einschließlich 
der Rispen der Sonnenpflanzen) 1 3 7 mal größer als bei den Nord- 
pflanzen. 

Gerste. Höhe der Pflanzen S. 60, N. 35 cm; Länge der 
Blattspreiten S. 23, N. 21 cm; Breite derselben S. 13, N. 10 mm. Die 

*) Zu den vergleichenden Maßbestimmuugen wurde von der Süd- und 
von der Nordparzelle eine gleiche Zahl von Pflanzen genommen; die Wurzeln 
wurden nicht miteinbezogen. Die angeführten Zahlen sind Mittelwerte. Die 
Bestimmung der relativen Stärke des diffusen Lichtes erfolgte nach der Me- 
thode von Wiesner. 



Pflunzenkultumi im (lilViison Tageslichte 



69 



Südpflanzen sind reicher bestockt und beginnen in der dritten Juni- 
woche zu blühen; bei den Nordpflanzen ist Fnde Juni noch keine 
Ährenbildung sichtbar. Bei den Südpflanzen war das Trocken- 
substanzgewicht der Hahne (einschließlich der Blattscheiden) 6-3, 
das der Blattspreiten 2-2, das der ganzen Pflanze (einschließlich 
der Ähren der Sonnenpflanzen) 5*9 mal größer als bei den Nord- 
pftanzen, 

Mais. Höhe der Pflanzen S. 153, N. 82 cm; Länge der Blatt- 
spreiten S. 91, N. 53 cm; Breite derselben S. 7 4, N. 2 5 cm; die 
Südpflanzen sind weitaus kräftiger; bei diesen war das Trocken- 
substanzgewicht der dicken Halme (inklusive Blattscheiden) 13*8, 
das der Blattspreiten 9-8, das der ganzen Pflanze 10-9 mal größer 
als bei den Nordpflanzen. 

Erbsen. Höhe der Pflanzen S. 135, N. 150 cm; Größe der 
Blattspreite S. 305, N. 15*5 cm 2 . Die im diffusen Lichte erwach- 
senen Pflanzen haben längere und dünnere Internodien und halb 
so große Blattflächen als die Südpflanzen. Blütenbeginn S. am 
10. Juni, N. am 16. Juni. Bei den Südpflanzen war das Trocken- 
substanzgewicht der Stengel (einschließlich der Hauptblattstiele) 8 8, 
das der Blätter (Foliolen) 9-4, das der Früchte 8 8, das der ganzen 
Pflanze 9 mal größer als bei den Nordpflanzen. 

Stangenbohnen. Höhe der Pflanzen S. 160, N. 245 cm; 
Länge der Blattspreite S. 107, N. 112 mm; größte Breite S. 72, 
N. 67 mm. Die an der Nordseite erwachsenen Pflanzen haben län- 
gere und dabei dünnere Internodien, viel schwächere Verästelung, 
längere und schmälere Blätter als die Bohnen an der Südseite. An 
den Blättern (Lamina) war das Verhältnis der Länge zur größten 
Breite (diese im unteren Drittel) bei den Sonnenpflanzen 1*35:1 
bis 1-60 : 1, bei den Schattenpflanzen 153 : 1 bis 1*75 : 1. Bei den 
Sonnenpflanzen war das Trockensubstanzgewicht der Stengel (in- 
klusive Blattstiele 4 4 mal, das der Blattspreiten 3 2, das der ganzen 
Pflanze (einschließlich der Früchte der Sonnenpflanzen) 4*5 mal so 
groß als jenes bei den Nordpflanzen. 

Faba-Bohnen. Höhe der Pflanzen S. 93, N. 90 cm. Durch- 
schnittliche Größe der Blattspreite S. 24*7, N. 26 5 cm 2 . Im Aus- 
sehen der Süd- und der Nordpflanzen war kein augenfälliger Unter- 



70 



A. Bur gerstein. 



schied wahrzunehmen; beiderseits erschienen die ersten Blüten um 
den 20. Juni. Bei den Sonnenpflanzen war das Trockensubstanz- 
gewicht der Stengel 15 mal, das der Blätter 23 ; das der Blüten 
1*6 mal, das der ganzen Pflanze 1*7 mal so groß als jenes der Nord- 
pflanzen. 

Wicken. Höhe der Pflanzen S. 80, N. 46 cm; Länge der 
Blättchenspreite S. 2 2, N. 8 cm; Breite derselben S. 63, N. 0*28 cm. 
Gegenüber den Südpflanzen sind die Nordpflanzen viel weniger be- 
stockt und bedeutend schwächer; insbesondere sind die Blätter 
auffallend kleiner. Bei den Sonnenpflanzen war das Trockensub- 
stanzgewicht der Stengel 4 4 mal, das der Blätter 5 6 mal, das der 
ganzen Pflanze 5 mal so groß als bei den Nordpflanzen. 

Lupinen. Höhe der Pflanzen S. 50, N. 42 cm; Größe der 
Blattflächen S. 4*23, N. 2 37 cm 2 . Die Nordpflanzen sind schwächer; 
die Keimblätter sind Ende Juni noch grün und wenig geschrumpft. 
Bei den Sonnenpflanzen war das Trockensubstanzgewicht der Stengel 
3 8 mal, das der Blätter 3 2 mal, das der ganzen Pflanze (einschließ- 
lich der Blüten der Südpflanzen) 3'4mal so groß als das der Nord- 
pflanzen. 

Lein. Höhe der Pflanzen S. 70, N. 32 cm; Länge der Blätter 
S. 29 4, N. 9 0mm; Breite derselben S. 4 0, N. 2-0 mm. Die Sonnen- 
pflanzen sind reicher bestockt; sie zeigen meist zwei bis drei Sprosse, 
die Schattenpflanzen nur je einen Sproß. Ferner haben die Süd- 
pflanzen viel höhere und dickere Stengel, dreimal so lange und 
doppelt so breite Blätter als die Nordpflanzen. Mitte Juni begannen 
die Südpflanzen zu blühen. Bei den Sonnenpflanzen war das 
Trockensubstanzgewicht der Stengel 15'2mal, das der Blätter 20 mal, 
das der ganzen Pflanze 26 4 mal so groß als bei den Nordpflanzen. 

Buchweizen. Höhe der Pflanzen S. 90, N. 55 cm. Die im 
diffusen Lichte gestandenen Pflanzen sind viel schwächer, weniger 
verzweigt etc. als die an der Südseite. Bei den letzteren war das 
Trockensubstanzgewicht der Stengel 7 -9 mal, das der Blätter 8*8, 
das der Blüten 16 4, das der ganzen Pflanze 11 6 mal so groß als 
bei den Nordpflanzen. 

Tomaten. Höhe der Pflanzen S. 80, N. 130cm. Die beiden 
an der Nordseite stehenden Exemplare zeigten anfangs September 



Pflanzcnkultuirn im diltuscn Tageslichte. 



< I 



eine viel Btärkere Entwicklung, insbesondere größere Blätter als die 
beiden Stidpflanzen. Ihm letzteren betrug das Trockengewicht der 
Stengelteile L16*8g, das der Jilätter 95*5g; bei den Nordpflanzen 
dagegen 145*0 g, beziehungsweise 178*2 g. Dagegen war das 
Lebendgewicht der geernteten Früchte Südseite: 2417 g (davon 
1 780 g rotgefärbte), Nordseite 259 g (alle grün). 

Es ergab sich somit, daß sämtliche in den Versuch einbezo- 
gene Pflanzen in rein diffusem Lichte, dessen Stärke 7g c ^ es &' e ~ 
samten Tageslichtes betrug, hinsichtlich der Menge der gebildeten 
Trockensubstanz, überhaupt in der ganzen Entwicklung gegen- 
über den dem gemischten Lichte ausgesetzt gewesenen Vergleichs- 
exemplaren stark zurückblieben mit Ausnahme der vegetativen 
Organe von Solanum Lycoperskum. 

Erbsen, Phaseolus-Bohiien^ Faba-Bo\men, Buchweizen, Tomaten 
kamen zwar an der Nordseite zum blühen; die Blütenproduktion 
(und Fruchtbildung) waren jedoch weitaus geringer als bei den 
Pflanzen an der Südseite. Leider mußten die Kulturen Ende Juni 
unterbrochen werden. Zu dieser Zeit hatten die an der Nordseite 
stehenden Gramineen, ferner Wicken und Lein ein so kümmerliches 
Aussehen, daß sich annehmen ließ, daß diese Pflanzen überhaupt 
nicht zum blühen gekommen wären. 

Die Höhe der beiderseitigen Vergleichspflanzen, die Größe 
ihrer Blätter, der Grad der BeStockung wurden ziffermäßig er- 
mittelt; ferner wurde aus den absoluten Maßbestimmungen berechnet, 
um wieviel mehr das Trockengewicht der ganzen Pflanze (ex- 
klusive Wurzel) und der einzelnen Organe derselben an der Süd- 
seite größer war als an der Nordseite. Die im Tageslichte produ- 
zierte Trockensubstanzmenge war 1*7 mal (Vicia Faha) bis 264mal 
(Linum) größer als die in diffusem Lichte (Intensität 1 / 6 ) gebildete. 



72 



Josef Breit. 



Eine koleopterologische Sammelreise 
auf Mallorka. 1 ) 

Von 

Josef Breit (Wien). 

/ 

(Eingelaufen am 20. Oktober 1908.) 



Systematisches Verzeichnis der auf Mallorka gesammelten Koleopterenarten. 

Cicindelidae. 

Cicindela lunulata F. 2 ) (E. md. m.) 3 ), ab. nemoralis Ol. 4 ) (E. m.), 
ab. conjunctae-pustulata Dkt., ab. mediterranea Beuth. ; 
C. flexuosa F. (E. m.), ab. lunata Beuth. Auf Dünensand im 
Küstengebiete. 

Carabidae. 

Carabus morbillosus F. form. typ. (Med. occ.) Auf der ganzen Insel 

im Gebirge und in der Ebene unter großen Steinen. 
Scarites buparius Forst. (Med.) Im nassen Sand der Meeresküste. 

— S. terricola Bon. (Med. Hu. Balk.); S. planus Bon. (Med.) 

In Sumpferde unter eiügebetteten Steinen in selbstgegrabenen 

Gängen. 

Dy schirm rufoaeneus Chd. (E. md. m. Si.); B.cylindricus Dej. 
(Med. R.m.); D. tensicollis Mars. 5 ) (S. Ist. G. m.); B. macro- 

J ) Vgl. diese „Verhandlungen", Jahrg. 1908, Heft 2/3, S. (52) ff. 

2 ) In der Größe und Grundfarbe der Flügeldecken sehr variabel." Es 
kommen untereinander vor große, breite, dunkle, der a) barbara Cast ähnliche 
Stücke und solche, die von unseren mitteleuropäischen Formen nicht zu unter- 
scheiden sind. 

3 ) Das stets in Parenthese angeführte Verbreitungsgebiet der Art wird 
meist nach den Abkürzungen des Catalogus coleopterorum europae etc. ex 
1906 bezeichnet sein. 

4 ) Die gesperrt gedruckten Arten wurden bisher noch nicht als auf 
Mallorka vorkommend publiziert. 

5 ) Synonym Fleischen Dev. (siehe L'Abeille, XXX, Nr. 13, p. 261). 



Eine koieopterologisch€ Sammdreise auf Bf&llorka. 



73 



derus Chd. 1 ) (Med.); D. pusillus Dej. (Hu. R. m. Ca. Si.); 
/>. longipennis Putz 2 ) (I Med. occ); />. xaliiuts Schm. (E. 
nid. in.); />. chalybaeus Putz (Med. Ca.); 7>. hi/nola Chd. (Med. 
Ca. I.) An dem Rande eines Braekwassersumpfes südlich vom 
Col d'en Rebasa teilweise sehr zahlreich aus nasser Erde gesiebt. 

IlrnihidioH laetum Brüll. (Med.); B.varium Ol. (E. Med.); i>. ephip- 
pium Marsh. (E. md. Med.) An dem gleichen Sumpfrande wie 
die vorigen. — 2?. Fauveli Gglb. 3 ) (Alp. mar. Si.); I>\ %i>o- 
cW£a Dej. (Ga. m. Iii. Istr. Balk.) Im feuchten Gerolle eines 
ausgetrockneten Wasserlaufes der Sierra Burguesa. — B. as- 
pericolle Gm. (E. md. Med.); B. minimum F. ab. bicolor 
Schky. (E.) und var. rivulare Dej. (Med.); B. normannum 
Dej. var. meridionale Gglb. (Med.) Am Bande des Brackwasser- 
sumpfes südlich des Col d'en Rebasa. — B. Genei Küst. var. 
speculare Küst. (Hi.) In Gesellschaft des B. hypoerita Dej. — 
B. vicinum Luc. (Med.) Am Rande der Brackwassersümpfe 
in der Albufera von Mallorka bei La Puebla. 

Taelnjs bistriatus Dft. ab. rufulus Rey. (E.) An feuchten Stellen im 
Gebirge und in der Ebene. — T. scutellaris Steph. (E. md. 
Med. mar. S.) und var. dimicliatus Mötsch. 4 ) Am Rande der 
Brackwassersümpfe. 

Perileptus areolatus Creutz. (E. md. Med.) und var. niger Heyd. 5 ) 
(Astur.) Im feuchten Gerolle eines ausgetrockneten Wasser- 
laufes in der Sierra Burguesa, 

Pogonus litoralis Dft. (E. md. oc. Med.) Am Rande der Brackwasser- 
sümpfe in der Albufera. — P. chalceus Marsh, var. provin- 

x ) Alle gesammelten Stücke (ca. 15) haben konstant zwei Präapikal- 
punkte jederseits. 

2 ) Gute Art [vgl. diese „Verhandlungen", Jahrg. 1908, S. (57)]. 

3 ) Durch die gelbbraunen Flügeldecken dem praeustum Dej. ähnlich, 
doch durch schlankeres vorletztes Kiefertasterglied, etwas schlankere, größere 
Gestalt, am Kopfe zwischen den Stirnfurchen beiderseits deutliche Punktierung, 
gröbere Punktstreifen auf den Flügeldecken und gewölbtere Zwischenräume 
sicher spezifisch verschieden und in die B. sicidus Dej. -Gruppe gehörig. 

4 ) Kommt stets mit der Stammform vor, ist aber konstant kleiner und 
etwas kürzer. Macht daher den Eindruck einer eigenen Art. 

5 ) Das ganz schwarze Exemplar hat auffallend längere Flügeldecken 
als die Stammform. 



74 



Josef Breit. 



Cialis Carr. (Ga. m.) Am Rande des Brackwassersumpfes süd- 
lich des Col d'en Rebasa. — P. gracilis Dej. (Ga. occ. Med.) 
Ebendort zwischen den Wurzeln von Sumpfpflanzen, durch deren 
Ausreißen diese Art in großer Zahl erbeutet wurde. 
Chlaenius spoliattis ab. cuprinus Schky. (Hu. occ.) In der Albufera 
unter Steinen. — Gh. tristis Schall. (E. b. md. Med. or. I.) 
Ebendort. 

Licinus granulatus Dej. (E. m. Med.) und var. siculus Dej. (Si.) 
Unter Steinen im Gebiete der Steinbrüche des Col d'en Rebasa. 

Amblystomus metallescens Dej. (Med. Ca. Hu.) An Brackwasser- 
sümpfen. 

Ditomus clypeatus Rossi. (Med. occ. Balk.) Unter Steinen im Gebiete 

der Steinbrüche des Col d'en Rebasa. 
Acinopus pilipes Pioch. (Bai.) Ebendort. 

Ophonus subquadratus Dej. (E. m. oc. Med. D. gr. Ca.) Ebendort. 
Harpalus tenebrosus Dej. (E. md. m. Ca.) Ebendort. 
Stenolophus teutonus Schrk. (E.) Im Geniste eines Gebirgsbaches 
bei Valldemosa. 

Acupalpus marginatus Luc. (Hi. m.) Am Rande des Brackwasser- 
sumpfes südlich des Col d'en Rebasa. — A. dorsalis F. ab. ma- 
culatus Schm. (E. m.) Ebendort. 

Anisodactylus poeciloides Steph. (E. md. Med.) Unter Steinen in den 
Sümpfen der Albufera. 

Amara aenea Deg. (E.) Im Gebiete der Steinbrüche des Col d'en 
Rebasa. — A. montana Dej. (Med.) An Brackwassersümpfen. 

Zabrus piger Dej. (Med. oc. D. Bosn.) Unter Steinen im Gebiete 
der Steinbrüche des Col d'en Rebasa. 

Abax plicatus 1 ) Dej. (Bai.) Unter größeren Steinen auf der ganzen 
Insel. — Die var. Begouvei Gglb. nur bei Pollenza. 

Petrostichus balearicus Pioch. (Bai.) In der Umgebung des Schlosses 
Belver bei Palma unter Steinen. — P. vernalis var. Cursor 
Dej. (E. md. m.) In der Albufera unter Steinen. 



x ) Mit Kücksicht auf die geographische Verbreitung des Abax {Perms 
Bon.) bilineatus Dej. ist Nordafrika unter den in Parenthese angeführten Ver- 
breitungsgebieten des Subgenus Percus Bon. auf S. (54) des ersten Teiles dieser 
Arbeit (vgl. diese „Verhandlungen", Jahrg. 1908) zu streichen. 



Kinc koleoptn-olotfisclie Sannnelreisc auf ftfallorka. 



75 



Laeinosihenus alger inus Gory. (Med. occ.) Unter Steinen an dunklen 

Stellen in den Steinbrüchen auf dem Col d en Rebasa. 
Platyderus ruficollis Marsh, var. (Ga. Br. P. Ga. m.) Ebendort. 
Galathus mollis Marsh. 1 ) (E.) Ebendort. 

OUsthqpus gldbricolUs Gmr. (Med.) Ebendort und in der Sierra de 

Taix bei Valldemosa. 
Metdbletus foveolatus Dej. (Iii.) Unter Steinen auf dem Col d'en 

Rebasa. 

Microlestes exilis Schmidt-Gbl. var. luctuosus Holdb. (Balk.) (det. 
Dr. Hold haus). Ebendort. — M. plagiatus Dft. var. corti- 
calis Dft. (Hi.) (det. Dr. Holdhaus). Unter Steinen in der 
Albufera. 

Brachynus humer alis Ahr. (Med. occ.) Ebendort. 

Haliplidac. 

Haliplus mucronatus Steph. (E. m.); andalusiacus Whke. 

(Hi. m.); H. lineatocollis Marsh. (E.) und var. nitidicollis 

Müll. (Graz). Im Brackwasser der Albufera. 
Cnemidotus Conifer Seidl. (Si. Gr.) Ebendort. 

Dytiscidae. 

Oxynoptilus cuspidatus Kunze. (E. m.) Im Brackwasser der Albufera. 
Hyphydrus Anbei Gglb. (E. m.) Ebendort. 
Hygrotus inaequdlis F. (E.) Ebendort. 

Coelamlms parallel ogrammus Ahr. (E.) Ebendort. — C.bicari- 
natus Clairv. (E. m.) In Süßwassertümpeln eines ausgetrock- 
neten Bachbettes bei Pollenza. 

Bidessus pumilus Aub. (E. md. m.) Im Brackwasser der Albufera. 
— B. minutissimus Germ. (E. md.) In Süßwassertümpeln eines 
ausgetrockneten Bachbettes bei Pollenza. ab. circumflexus 
Breit, 2 ) ab. interruptestriatus Breit; 2 ) B. gemmus F. (E.); 
B. therm alis Germ. (Lomb.) Ebendort. 

x ) Auf diese Art ist offenbar die Angabe Don Fernando Moraques' 
in den Anales de la Sociedad espanola de Historia natural ex 1889, p. 13, 
zu beziehen, daß Calathus microptems Dft. auf Mallorka vorkommt, welche 
Art dort ebenso wie im übrigen Mediterrangebiet sicher fehlt. 

2 ) Vgl. diese „Verhandlungen", Jahrg. 1908, S. (59). 



76 



Josef Breit. 



Hydroporus Brannani Scbauf. Ebendort. — H. Cerisyi Aub. (E. m.) 
Im Brackwasser der Albufera. — H. lepidus Ol. (E. m.); H. 
Kuchtae Breit. 1 ) Id Siißwassertiimpeln eines ausgetrockneten 
Bachbettes bei Pollen za. — H. flavipes Ol. (E. md. m.) Sowohl 
im Brackwasser der Albufera als auch in Süßwassertümpeln 
bei Pollenza. 2 ) — H. limbatus Aub. (E. m.) und var. nigri- 
ceps Schw. Im Brackwasser. — H. tessellatus Drap. (E. m.) 
Sowohl im Brackwasser der Albufera als auch in Süßwasser- 
tümpeln bei Pollenza. 2 ) 

Noterus laevis Stm. (E. m.) Im Brackwasser der Albufera. 

Laccopliüus variegatus Stm. (E.); L. obscurus Panz. (E.); L. vire- 
scens Brahm. var. testaceus Ab. (E. m.) Ebendort. 

Agabus nebulosus Forster. (E. m.) Ebendort. — A. conspersus 
Marsh. (E.) Ebendort und in Süßwassertümpeln bei Pollenza, 

Ilybius meridionalis Aub. (E. m.) Im Brackwasser der Albufera. 

Bhantus punctatus Geoffr. (E.); Rh. bistriatus Bergst. (E.) 
Ebendort. 

Colymbetes fuscus L. (E.) Ebendort. 

Meladema coriaceum Lap. (E. m.) In Siißwassertümpeln bei Pollenza. 
Cybister lateralimarginalis Deg. (E.) Im Brackwasser der Albufera. 

Gryrinidae. 

Gyrinus elongatus Aub. (E. m.); G. urinator III. (E. m. md.) und 
var. variabilis Aub. (Ga.) Im Brackwasser der Albufera. 

Staphylinidae. 

Pholidus insignis Muls. (G. m. S.) Aus mit Seesalz inkrustiertem 
alten Pferdemist gesiebt. 

Micropeplus tesserula Curt. (E. md. b. Ca.) Am Rande des Brack- 
wassersumpfes beim Col d'en Rebasa. — M. staphylinoides 
Marsh. (E. m. Br.) Aus trockenem Laub in der Sierra Burguesa 
gesiebt. 

. *) Vgl. diese „Verhandlungen", Jahrg. 1908, S. (59). 

2 ) Bei den zahlreichen Stücken aus Süßwasser überwiegt das Gelb der 
Flügeldeckenzeichnung bedeutend, während die Flügeldecken der Exemplare 
aus Brackwasser bis auf eine sehr schmale Basalbinde und einige reduzierte 
Seitenmakeln ganz dunkel sind. 



Eine koleopterologlsche BsnunolreiBe nur Bfallorka. 



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Metopsia clypeata Müll. (E. md. m. Br.) Unter Laub im Walde 
bei Valldemosa. 

fyoteinus oral ix Steph. (E.); P. atomarius Er. (E.) Ebendort. 

Vhilorinum sordidum Steph. (E. md. m.) und var. nigriventris 
Rsbr. Von Gesträuch bei La Puebla geklopft. 

Ancyrophorus (on/tishihis Er. (A. G. Ga. I.) Im feuchten Gerolle 
eines Wassergrabens in der Sierra Burguesa. 

Irogophloeus anthracinus Rey 1 ) (Hu. Ga. Hi.); T. corticinus 
Gravb. (E. Ca.); T. nitidus Baudi. (E. md. m. Ca.) Am Bande 
von Brackwasserstimpfen in der Albufera. — T. halophilus 
Kiesw. (E.Ca.); T. parvulus Rey. (Ga. Gr. C.) Am Rande 
des Brackwassersumpfes südlicb des Col d'en Rebasa. 

Oxytelus piceus L. (E. Ca.); 0. sculptus Gravh. (E. Ca.) An Rinder- 
exkrementen in der Albufera. — 0. inustus Gravh. (E. md. m.); 
0. sculpturatus Gravh. (E.) An Exkrementen auf der ganzen 
Insel. — 0. complanatus Er. (E.) An Exkrementen in der 
Sierra Burguesa. — 0. speculifrons Kr. (E. m.) Im Schlamm- 
boden am Rande einer Zisterne in der Sierra Burguesa und 
in der Albufera. — 0. pumilus Er. (E. md. R.) Am Rande 
von Brackwasserstimpfen. 

Platystethus cornutus Gravh. (E.) In Gesellschaft des Oxytelus 
speculifrons Kr. — P. spinosus Er. (A. Ga. Hu. E. m.) Am 
Rande der Brackwassersümpfe in der Albufera. — P. nitens 
Sahlb. (E.) In Gesellschaft des Oxytelus speculifrons Kr. 

Bledius furcatus Ol. var. skrimsliiranus Curt. (E. md. m.) Im 
salzigen Sandboden am Rande des Brackwassersumpfes beim 
Col d'en Rebasa. — B. Graellsi ' Fauv. (E. occ. m. I.) Am 
Rande der Brackwassersümpfe in der Albufera. — B. WinMeri 
Bhr. (Gr.) Am Rande von Brackwassersümpfen. 

Cylindropsis balearica Breit. 2 ) (Mallorka.) Unter tief in den Humus 
gebetteten Steinen im Walde des Naturparkes von Miramar. 



J ) Ich kann der Ansicht Dr. Klimas (siehe Münchener koleopterolog. 
Zeitschr., II, S. 56) nur vollständig beipflichten, daß Tr. memnonius Er. und 
anthracinus Eey als zwei verschiedene Arten aufzufassen sind. Die Einziehung 
der letztgenannten Art im Catalogus coleopterorum europae, 1906 (siehe S. 110), 
die nachträglich von anderer Seite vorgenommen wurde, ist sicher unberechtigt. 

2 ) Vgl. diese „Verhandlungen", Jahrg. 1908, S. (60). 



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Josef Breit, 



Stenns laevigatus Rey. (I. C. S.) Auf Schlammboden an einer 
Zisterne in der Sierra Burguesa. — St. ater Mnnh. (E.); St. 
buphthalmus Grvh. (E.); St melanopus Marsh. (E.); St. 
elegans Rosh. (Ga. E. m.) Am Rande von Brackwasser- 
sümpfen. 

Astenus pulchellus Heer. (G. occ. H. Ga. Br.) Am Rande des Brack- 
wassersumpfes südlich vom Col d'en Rebasa. — A. angustatus 
Payk. (E.) Aus Geniste an einem Gebirgsbache bei Vallde- 
mosa gesiebt. 

Scopaeus minimus Er. (E. md. m.) (det. Dr. Bernhauer). Am Rande 
der Brackwassersümpfe. 

Medon ripicola Kr. (E.) Unter Laub im Walde bei Valldemosa. 
— M. nigritulus Er. (E. md. m.) Am Rande des Brack- 
wassersumpfes südlich vom Col d'en Rebasa. 

Lathrobium dividuum Er. (Ga. E. m.) Ebendort; im salzigen Sand- 
boden unter kleinen runden eingebetteten Schottersteinen. 

Cnjptobium fracticorne Payk. var. collare Rttr. 1 ) (E. m.) Ebendort. 

Leptolinus nofhus Er. (Ga. Cro. E. m.) Ebendort. 

Leptacinus othioides Baudi. 2 ) (Pe.) Am Rande des Brackwasser- 
sumpfes beim Col d'en Rebasa. 

Xantholinus linearis Ol. (E.) Im Schlammboden an einer Zisterne 
in der Sierra Burguesa. 

Othius laeviusculus Steph. (E. md. m.) Am Rande des Brack wasser- 
sumpfes beim Col d'en Rebasa. 

Neobisnus procerulus Gravh. (E.) Ebendort. 

Philonthus ebeninus Gravh. (E.); Ph. concinnus Gravh. (E.); Ph. 
varians Payk. var. agilis Gravh. (E.); Ph. dimidiatipennis 
Er. (E. m. R. m.); Ph. nigrikdus Gravh. (E.) Ebendort. 

Orthidus cribratus Er. (E. m. mar.) Am Rande von Brackwasser- 
sümpfen.